Schule ist Mädchensache
Eine neue Studie des Berlin-Instituts untersucht Geschlechterunterschiede im Bildungserfolg und wie ihnen begegnet werden könnte
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Flüchtlingspolitik – zwischen moralischem Anspruch und politischer Umsetzung
Lebhafte Diskussionen beim erstem „Schlagabtausch zur Demografie“
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In eigener Sache
Drittes Förderkreistreffen mit renommiertem Forscher
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Schule ist Mädchensache
Eine neue Studie des Berlin-Instituts untersucht Geschlechterunterschiede im Bildungserfolg und wie ihnen begegnet werden könnte

In den 1960er Jahren galt die katholische Arbeitertochter vom Land als Inbegriff für im Bildungssystem benachteiligte Personen. Heute trifft dies eher auf den Sohn dieser Familie zu. Denn mehr als die Hälfte der Mädchen jedes Geburtsjahrgangs erreichen inzwischen die Hochschulreife – aber nur etwa 41 Prozent der Jungen. Am anderen Ende der Leistungsskala verlassen 21 Prozent der Jungen die Schule mit höchstens dem Hauptschulabschluss, aber nur 14 Prozent der Mädchen. Mädchen sind jedoch nicht in allem besser als Jungen. So haben 15-jährige Mädchen im Lesen einen Leistungsvorsprung von mehr als einem Schuljahr, während die Mathematik eine Jungendomäne geblieben ist.

Die Umkehr des Gender Gaps

Bis zum Geburtsjahrgang 1972 erzielten Männer in Deutschland häufiger die Hochschulreife als Frauen. Seitdem hat sich das Verhältnis gedreht und Frauen machen häufiger Abitur als Männer.


Nicht alle dieser Unterschiede sind neu. Schon vor mehreren Jahrzehnten erhielten Mädchen im Schnitt bessere Noten als Jungen. Lange konnten sie diese allerdings nicht in entsprechende Abschlüsse umsetzen. Erst Anfang der 1990er Jahre überholten Mädchen die Jungen auch bei den Zertifikaten – obwohl auch die Jungen heute bessere Abschlüsse erreichen als früher. Jungen sind also keinesfalls in einer neuen Krise.

Geschlechterunterschiede entstehen nicht zwangsläufig

Dennoch gehen Geschlechterunterschiede die Gesellschaft etwas an. Denn sie führen zu ungleichen Lebenschancen und volkswirtschaftlichen Einbußen. Hauptgrund für die unterschiedlichen Erfolge sind weniger Intelligenz-Unterschiede als das Verhalten von Jungen und Mädchen in und außerhalb der Schule: Mädchen stören seltener den Unterricht, machen mehr Hausaufgaben und lesen häufiger in ihrer Freizeit.

Dies müsste allerdings nicht so sein. Denn es gibt zwar angeborene Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen, die Auswirkungen auf deren Schulerfolg haben – etwa bezüglich der verbalen Fähigkeiten, des räumlichen Denkens oder der Regulierung von Emotionen. Diese sind aber nicht so groß, dass sie zwangsläufig zu unterschiedlichen Bildungserfolgen führen. Wichtiger ist, was während der Kindheit und der Jugend geschieht. Jungen und Mädchen wachsen in einem sozialen Umfeld auf, das bestimmte Verhaltensweisen als typisch männlich oder typisch weiblich vorlebt und an dem sich Kinder beim Aufbau ihrer eigenen Geschlechtsidentität orientieren. Ziel sollte es daher sein, allzu starre Geschlechterstereotype aufzuweichen, damit sich nicht bestimmte Karrieretüren für Jungen oder Mädchen schon früh schließen.

Kurzfristig lässt sich dies allerdings kaum erreichen. Deswegen ist es auch wichtig, im Unterricht auf die bestehenden Geschlechterunterschiede Rücksicht zu nehmen. Die öffentliche Debatte darum, wie dies zu tun wäre, ist allerdings häufig von Missverständnissen geprägt. Die populärsten Vorschläge würden vergleichsweise große Reformen bei unsicherem Ertrag nach sich ziehen. So führt weder nach Geschlechtern getrennter Unterricht notwendigerweise zu besseren Leistungen noch würde Jungen ein höherer Anteil an männlichen Lehrern helfen.

Viel wichtiger ist es, das tatsächliche Unterrichtsgeschehen ins Augenmerk zu nehmen. Denn die Lehrkräfte und ihr Unterricht sind die wichtigsten Faktoren für den Bildungserfolg. Dies gilt auch beim Thema Geschlechterunterschiede. Um die Disparitäten abzubauen, identifiziert die Studie „Schwach im Abschluss. Warum Jungen in der Bildung hinter Mädchen zurückfallen – und was dagegen zu tun wäre“ vier Hauptaufgaben.

Die erste Aufgabe ist es, mit dem Verhalten der Jungen adäquat umzugehen. Dass sie weniger motiviert sind, sich für gute Leistungen anzustrengen, ist einer der wichtigsten Gründe für ihre durchschnittlich schlechteren Abschlüsse. Weitere Aufgaben sind es, die Leseleistungen der Jungen zu verbessern sowie das Selbstvertrauen der Mädchen in den sogenannten Mint-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) zu stärken. Ersteres könnte etwa über mehr Zeit für Lesen im Unterricht geschehen, letzteres über spezielle Übungen zum räumlichen Denken. Und schließlich sollten die Lehrerinnen und Lehrer Kinder dazu anregen, allzu starre Geschlechterstereotype zu hinterfragen. Hierfür ist es wichtig, die Kinder nicht unterschiedlich zu behandeln, je nachdem ob sie männlich oder weiblich sind. Auch bei der Gestaltung des Unterrichtsmaterials sollten typische Rollenzuschreibungen wie etwa die weibliche Sekretärin möglichst vermieden werden.

Die vollständige Studie steht Ihnen gratis als Download zur Verfügung unter:
http://www.berlin-institut.org/publikationen/studien/schwach-im-abschluss.html

 

Flüchtlingspolitik – zwischen moralischem Anspruch und politischer Umsetzung
Lebhafte Diskussionen beim erstem „Schlagabtausch zur Demografie“

Am 18. Mai 2015 lud das Berlin-Institut gemeinsam mit der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius zum ersten „Demografie-Schlagabtausch“ ins Thalia Gauß in Hamburg. Mit dieser Reihe wollen die beiden Stiftungen künftig regelmäßig an den Standorten Hamburg und Berlin aktuelle Themen des demografischen Wandels mit Experten und Betroffenen in der Öffentlichkeit diskutieren. Der erste Schlagabtausch ging der Frage nach, wie sich der Zustrom von Asylsuchenden im Spannungsfeld von moralischem Anspruch und politischer Umsetzung bewältigen lässt. Mit dem Wissenschaftler Steffen Angenendt und der Kulturschaffenden Amelie Deuflhard stellten sich zwei Experten der Diskussion, die das Thema aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten.

Im Rahmen eines Kunstprojekts hatte Deuflhard, die Intendantin der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel, im vergangenen Jahr Flüchtlingen Unterkunft gewährt und damit bundesweit großes Aufsehen erregt – insbesondere nachdem die AfD sie wegen dieser Aktion verklagt hatte. Sie ist der Meinung: In der Flüchtlingsdebatte müssen wir hierzulande unmittelbar Verantwortung übernehmen. Sich allein auf die Politik zu verlassen, reiche dagegen nicht aus.

Die dringende Notwendigkeit einer politischen Lösung betonte Steffen Angenendt, der sich bei der Stiftung Wissenschaft und Politik intensiv mit migrations- und entwicklungspolitischen Fragen auseinandersetzt. Er sieht vor allem die Europäische Union in der Pflicht, die Belastung durch die zunehmenden Flüchtlingsströme im Mittelmeerraum besser auf die Schultern der Mitgliedstaaten zu verteilen. Er plädierte dabei für eine klare Unterscheidung zwischen Verfolgten, denen gemäß Genfer Konvention in jedem Fall Asyl gewährt werden müsse, und jenen, die sich auf der Suche nach Arbeit auf die gefährliche Reise begeben. Dass für letztgenannte auch legale und sichere Wege in den deutschen Arbeitsmarkt führen können, sei ihnen oft nicht bekannt.

Anpacken – aber wie?

Angeregt diskutierten Wissenschaftler Steffen Angenendt (Mitte) und Intendantin Amelie Deuflhard (rechts) das Für und Wider verschiedener Ansätze in der Flüchtlingspolitik. (Foto: Ulrich Perrey)

Den Rahmen für die Diskussion hatte Michael Göring, Vorsitzender des Vorstands der ZEIT-Stiftung, in seiner Begrüßung mit einer Reihe von Fragen zur aktuellen Flüchtlingspolitik gesetzt. Mit einem Überblick über die derzeitigen Flüchtlingssituation sowie einem Ausblick auf die mögliche künftige Entwicklung angesichts der sich ausweitenden politischen Krisen in Afrika und dem Nahen Osten schuf Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts, darüber hinaus eine gemeinsame Diskussionsgrundlage.

Die NDR-Journalistin Kathrin Erdmann leitete durch die Diskussion und bezog dabei auch das Publikum mit ein. Das bereicherte den Schlagabtausch der Experten, denn viele der rund 200 Gäste setzen sich ehrenamtlich für Flüchtlinge ein und verfügen damit über einen großen Schatz an Erfahrungen und Kenntnissen.

Der nächste Schlagabtausch zur Demografie findet im November 2015 in Berlin statt. Dann geht es um die Frage, was zu tun ist, wenn der ländliche Raum weiter an Bevölkerung verliert.

 

In eigener Sache
Drittes Förderkreistreffen mit renommiertem Forscher

Seit 2012 trägt der Förderkreis des Berlin-Instituts zur ideellen und finanziellen Unabhängigkeit der Denkfabrik bei. Bei den Jahrestreffen erfahren die Mitglieder, welche Themen das Institut aktuell und in naher Zukunft beschäftigen. Außerdem haben sie Gelegenheit, mit einem Gastredner zu diskutieren, der einen eigenen Zugang zu den Themenbereichen des Berlin-Instituts hat. In den Vorjahren haben Altbundeskanzler Helmut Schmidt und Ministerin Ursula von der Leyen den Förderkreismitgliedern ihre politische Sicht auf die demografischen Herausforderungen geschildert. Beim Treffen am 22. Juni 2015 setzte Professor Stefan H.E. Kaufmann, Direktor am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie, inhaltliche Akzente. In einem packenden Vortrag schilderte er die globale Bedrohung durch Infektionskrankheiten und multiresistente Keime. Mehr dazu in Kürze hier im Newsletter.

Werden auch Sie Mitglied im Förderkreis. Weitere Informationen dazu finden Sie unter
http://www.berlin-institut.org/foerderkreis-des-berlin-instituts.html
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Ausgabe 187, 29.06.2015

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