Bevölkerungswachstum muss zurück in die Köpfe
Das weltweite Bevölkerungswachstum findet vor allem in den am wenigsten entwickelten und instabilsten Staaten der Welt statt. Damit wachsen dort die Risiken von Krisen und Konflikten – mit globalen Folgen. Auch über den Weltbevölkerungstag am 11. Juli hinaus müssen Entscheidungsträger Bevölkerungsprognosen dringend mehr Aufmerksamkeit widmen.
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Wir blöden Primaten
Die Wissenschaftsjournalistin Elizabeth Kolbert führt uns vor Augen, wie wir die Welt verwüstet haben. Dafür hat sie jetzt den Pulitzerpreis bekommen.
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Bevölkerungswachstum muss zurück in die Köpfe
Das weltweite Bevölkerungswachstum findet vor allem in den am wenigsten entwickelten und instabilsten Staaten der Welt statt. Damit wachsen dort die Risiken von Krisen und Konflikten – mit globalen Folgen. Auch über den Weltbevölkerungstag am 11. Juli hinaus müssen Entscheidungsträger Bevölkerungsprognosen dringend mehr Aufmerksamkeit widmen.

Laut Schätzungen der Vereinten Nationen wird allein in den kommenden 15 Jahren die Einwohnerzahl der zwanzig fragilsten Staaten der Welt um insgesamt rund 300 Millionen steigen. Heute schon fällt es diesen Ländern schwer, ihre Einwohner mit Nahrungsmitteln, Straßen oder Ärzten zu versorgen. Dort wächst die Unzufriedenheit, politische Systeme wanken und radikale Ideologien breiten sich aus. Die dramatischen Folgen sind längst sichtbar – etwa in Form gewalttätiger Konflikte, Terrorismus oder auch überfüllter Flüchtlingsboote auf dem Mittelmeer.

Wachstum vor allem in fragilen Staaten

Der sogenannte Fragile-States-Index untersucht die Stabilität von Staaten anhand unterschiedlicher Sub-Indizes – etwa daran, ob die öffentliche Daseinsvorsorge von Polizei bis hin zu Krankenhäusern funktioniert, ob starke Flüchtlingsströme das Land überlasten oder ob Leistungsträger der Gesellschaft das Land auf der Suche nach besseren Chancen verlassen. Länder mit starkem Bevölkerungswachstum schneiden in diesen Kategorien besonders schlecht ab. (Datengrundlage: World Population Prospects [2012 Revision], Fragile States Index [2014], eigene Darstellung)

Um humanitäre Katastrophen rechtzeitig zu erkennen und bestenfalls zu verhindern, muss Bevölkerungswachstum dringend wieder zurück in die Köpfe der Politikgestalter – und zwar sofort, damit bei den derzeit laufenden Verhandlung um die globale Entwicklungsagenda bis ins Jahr 2030 die richtigen Schritte eingeleitet werden. Gemeinsam mit dem Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) haben Mitarbeiter des Berlin-Instituts in der Studie „Consequential Omissions“ (Folgenreiche Versäumnisse) gezeigt, dass Länder mit starkem Bevölkerungswachstum kaum Erfolge auf dem Weg zu den Millenniums-Entwicklungszielen (MDGs) verzeichnet haben. Die MDG-Erfahrung sollte den internationalen Entscheidungsträgern als Lehrstück dienen. Länder mit starker Einwohnerzunahme benötigen besondere Unterstützung. Nur dann können sie ihre Lage verbessern.

Bevölkerungswachstum bremst Entwicklung aus

*Der Erfolg auf der MDG-Agenda bemisst sich anhand der offiziellen Fortschrittstabelle für 16 Unterziele der Statistikabteilung der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2014. Die Regionen erhielten für jedes erreichte Ziel 3 Punkte. Für Bereiche mit ungenügend Verbesserungen erhielten sie 0 Punkte und für solche, in denen sie Verschlechterungen erzielten, -3 Punkte. Die Summe der Punkte ergibt den Gesamtfortschritt auf der MDG-Agenda.

Bei den Millenniums-Entwicklungszielen waren vor allem die Länder erfolgreich, deren Bevölkerungen zwischen 1990 und 2014 kaum gewachsen sind. Während Ostasien – vor allem wegen der Fortschritte in China – als Musterregion die meisten Entwicklungsziele erreicht hat, konnte das stark wachsende Afrika südlich der Sahara kaum Erfolge für sich verbuchen. (Quelle der Darstellung: Consequential Omissions. How demography shapes development – Lessons from the MDGs for the SDGs)

Um das Bevölkerungswachstum zu bremsen, wären vor allem Bildungsinvestitionen notwendig. Besser Gebildete wünschen sich eher kleinere Familien und betreiben eher Familienplanung. Das liegt unter anderem daran, dass ein Schulbesuch bis zum Ende der Sekundarstufe die Menschen zu einer gewinnbringenden Berufstätigkeit befähigt – vor allem Frauen, die sonst außerhalb der Familie kaum Entfaltungsmöglichkeiten hätten. Darüber hinaus verschreiben sich Menschen höheren Bildungsgrads seltener extremistischen Ideen und suchen stattdessen nach kreativen Lösungen für die Probleme ihrer Länder. Doch die Effekte einer langfristig angelegten Bildungspolitik werden leider erst in einigen Jahren spürbar sein.

Kurzfristig sind andere Maßnahmen notwendig, um auf die Folgen des Bevölkerungswachstums zu reagieren – etwa eine klare EU-weite Zuwanderungs- und Flüchtlingspolitik. Diese müsste den Menschen zum einen in den Krisenländern Einreisemöglichkeiten in Aussicht stellen, aber zum anderen auch deutlich machen, dass Europa nicht jeden aufnehmen kann.

Über die Folgen des Bevölkerungswachstums für die Entwicklungsländer wie auch für die Europäische Union hat das Berlin-Institut vor kurzem eine Analyse für das Auswärtige Amt vorgelegt: Das Diskussionspapier „Krise an Europas Südgrenze“ diskutiert, welche Herausforderungen auf die Länder der EU zukommen und wie diesen kurz- und langfristig zu begegnen ist.

Diese sowie die Veröffentlichungen „Consequential Omissions“ erreichen Sie kostenfrei unter http://www.berlin-institut.org/publikationen.html.

 

Wir blöden Primaten
Die Wissenschaftsjournalistin Elizabeth Kolbert führt uns vor Augen, wie wir die Welt verwüstet haben. Dafür hat sie jetzt den Pulitzerpreis bekommen.

Im Berliner Tiergarten singen dieser Tage Gartenbaumläufer, Grünschnäpper und Zilpzalp. Keine 100 Kilometer entfernt schleichen wieder die Wolfsrudel durch die brandenburgischen Weiten. Der Luchs ist in den deutschen Forst zurückgekehrt, der Biber in die Gewässer. Die Natur erobert sich zurück, was der Mensch ihr einst genommen hat. Die Artenvielfalt scheint sich zu erholen.

Doch Vorsicht: Wie immer in der Wissenschaft können Anekdoten keine Statistik ersetzen. In Wirklichkeit sieht es in der Welt der Tiere und Pflanzen keineswegs nach Erholung aus, wie die amerikanische Journalistin Elizabeth Kolbert in ihrem Buch Das sechste Sterben schreibt, es ist ein gnadenlos genaues Buch, für das sie unlängst zu Recht den Pulitzerpreis erhielt. Elizabeth Kolbert zitiert darin den berühmten amerikanischen Evolutionsbiologen Edward O. Wilson, der den heutigen Verlust an Biodiversität einmal auf das Zehntausendfache des natürlichen Schwundes beziffert hat. Es geht bei dem sechsten Sterben um den aktuellen Niedergang der Biosphäre, der anders als die fünf vorherigen Katastrophen der Erdgeschichte keinen natürlichen Ursprung hat, sondern ausschließlich auf dem demografischen und wirtschaftlichen Expansionsdrang einer einzigen Spezies beruht – jener Primatenart, die sich selbst den Namen Homo sapiens gegeben hat.

Der galoppierende Artenschwund ist nicht gerade ein neues Thema. Die Fakten lassen sich heute in Tausenden von Fachartikeln und in jedem Biologiebuch nachlesen. Der Frühmenschenforscher Richard Leakey hat schon 1995 mit dem Wissenschaftsautor Richard Lewin ein praktisch gleichnamiges Buch geschrieben, Die sechste Auslöschung. Unser erdgeschichtliches Zeitalter wird nicht mehr als Holozän bezeichnet, als Periode seit der letzten Eiszeit, sondern als "Anthropozän", als "vom Menschen dominiertes Zeitalter", weil unser Einfluss jenen der geologischen Prozesse überlagert hat. Das Thema ist so präsent, dass wir es kaum noch wahr-, geschweige denn ernst nehmen.

Elizabeth Kolbert, 1961 in der New Yorker Bronx geboren, früher politische Redakteurin für die New York Times und seit 1999 Reporterin des New Yorker, holt für ihre Geschichte des Aussterbens weit aus – und das liest sich spannend wie ein Wissenschaftskrimi. Sie rekonstruiert die Erfahrungen der ersten Forscher, die im 18. Jahrhundert auf die Fossilien verschwundener Tier- und Pflanzenarten stießen, sich aber nicht erklären konnten, warum Arten aufhören zu existieren. Die allgemeine Lehrmeinung sah den Lauf der Welt noch als Ergebnis einer göttlichen Ordnung an. Kolbert beschreibt, wie sich die Wissenschaft lange gegen die ersten Theorien des Massenaussterbens gewehrt hat, schlicht und einfach weil sie unglaublich waren.

Wir lernen dabei, dass sowohl der schleichende Artentod wie auch der große Kahlschlag im Tier- und Pflanzenreich ganz natürliche Geschehnisse sein können. Schätzungsweise 99 Prozent aller Arten, die je das Licht der Sonne erblickt haben, sind längst wieder verschwunden. Wir erfahren, dass die Erde fünf große (die "Big Five") und zahlreiche kleine Aussterbewellen überstanden hat, allesamt verursacht durch äußere Veränderungen der Lebensumstände, die so brutal waren, dass sie jeweils einem großen Teil des damaligen Lebens den Garaus machten.

Die bekannteste und spektakulärste war die letzte dieser Wellen, als vor rund 66 Millionen Jahren nach einem gewaltigen Asteroidentreffer die Saurier das Zeitliche segneten und mit ihnen zwei Drittel aller Tier- und Pflanzenarten. Doch der Schlag ins Kontor der Kreidezeit war ein Geschenk für die Evolution. Nach der Riesenkatastrophe war neuer Platz geschaffen für eine Explosion der Arten, vor allem für die Säugetiere, die sich unter der Übermacht der Saurier kaum hatten entwickeln können. Vom Koboldmaki bis zum Homo sapiens bekamen sie erst ihre Chance, nachdem die Saurier unfreiwillig das Feld geräumt hatten. Dieses Unglück hatte zur Folge, schreibt Kolbert, dass ihr Buch "von einem behaarten statt von einem schuppigen Zweibeiner" verfasst wurde.

Allerdings sind die haarigen Zweibeiner jetzt dabei, sich wie ein neuer Asteroid aufzuführen und ein Massensterben von erdgeschichtlichem Ausmaß zu inszenieren. Kolbert beschreibt dies zunächst an Beispielen, die lange zurückliegen: So haben Seeleute im 19. Jahrhundert den flugunfähigen Riesenalk auf den Inseln des Nordatlantiks ausgerottet. Das gleiche Schicksal erlitt der neuseeländische Moa, als er auf die ersten Siedler traf. Hier gingen Tiere drauf, die dem erfolgreichen Zweibeiner hoffnungslos unterlegen waren. Aber von einem dramatischen Verlust an Artenvielfalt konnte damals nicht die Rede sein.

Beängstigend wird es, wenn die Autorin schildert, wie die heutigen Kohlendioxid-Emissionen die Weltmeere langsam, aber sicher versauern. In gerade mal 100 Jahren haben wir mehr Kohlendioxid in die Atmosphäre geblasen, als unter natürlichen Umständen in ein paar Hunderttausend Jahren entstehen würde. In 50 Jahren haben wir eine Ozeanversauerung herbeigeführt, wie es sie vermutlich seit 50 Millionen Jahren nicht gegeben hat. Wird dieser Trend nicht gestoppt, wofür derzeit wenig spricht, dürften kalkbildende und kohlendioxidschluckende Organismen wie Foraminiferen und Flügelschnecken unter der Säurelast irgendwann ihre Arbeit einstellen, und die natürliche Entsorgung des Kohlendioxids würde erlahmen. Dann könnten auch die Korallenriffe aufhören, Kalk zu bilden, die Gigabauwerke begännen zu zerbröseln und fielen als wichtigstes Ökosystem der Meere aus. Anderenorts würde sich das Klima in den Regenwäldern so schnell verändern, dass viele Arten kein neues Zuhause finden können, auch weil jeder denkbare Fluchtort schon vom Menschen und von seinen Soja- und Eukalyptusplantagen besetzt ist.

Sicher ist, dass es der Natur absolut gleichgültig ist, ob wir auf diesem Weg eine sechste Katastrophe entfachen. Wie das Beispiel der fünften Auslöschung zeigt, findet sie auch nach solchen Megaschocks neue Wege. Schon deshalb ist der Begriff des Naturschutzes eine anthropozentrische Anmaßung. Und so beendet die Autorin ihr Buch lakonisch mit zwei Extrem-Szenarien: Entweder lösen wir ein Massensterben aus, das wir selbst nicht überleben, oder wir entgehen mit dem uns eigenen Erfindergeist der Katastrophe.

Wir sollten das Thema, über das so viel geschrieben ist und das Elizabeth Kolbert fantastisch aufbereitet hat, ernst nehmen, weil mit dem Verschwinden der Tier- und Pflanzenarten eine fundamentale Veränderung der Lebensgrundlagen für uns Menschen einhergeht. Wir sollten den verträumten Begriff des Naturschutzes ablegen und uns dringend dem Menschenschutz widmen. Selbst wenn wir weitere Lücken in die Biodiversität reißen, mit dem Verschwinden der kompletten Homo-sapiens-Sippe ist vorerst nicht zu rechnen. Aber die Gefahr ist groß, dass wir uns an extreme, unangenehme Lebensbedingungen anpassen müssen. Es geht nicht darum, ob wir aussterben oder nicht, sondern was wir tun können, um den Schaden an unserer Umwelt im eigenen Interesse zu minimieren.

Rezension von Reiner Klingholz, erschienen in der ZEIT vom 29. April 2015.

Elizabeth Kolbert (2015): Das sechste Sterben – Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt. Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff. Berlin: Suhrkamp. 312 Seiten, 24,95 Euro.



Ausgabe 188, 09.07.2015

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