In vielen Bereichen zeigt sich Deutschland nach wie vor geteilt
Neue Studie des Berlin-Instituts: Nach 25 Jahren Einheit einheitliche Verhältnisse nur in einigen von 25 Bereichen
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Einheit in den Köpfen braucht mehr als eine Generation
Auch nach 25 Jahren Einheit halten sich viele der gängigen Ost-West-Stereotype
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Helmut Schmidt: Ein Vierteljahrhundert deutsche Einheit – politisch gelungen, ökonomisch noch nicht
Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt hält zwar die 1:1-Übernahme des Währungssystems in der DDR vor 25 Jahren bis heute für einen „katastrophalen Fehler“. Im Interview mit dem Berlin-Institut räumt er aber ein, dass es manchmal gut ist, wenn die Politik trotz absehbarer Schwierigkeiten Optimismus verbreitet.
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In vielen Bereichen zeigt sich Deutschland nach wie vor geteilt
Neue Studie des Berlin-Instituts: Nach 25 Jahren Einheit einheitliche Verhältnisse nur in einigen von 25 Bereichen

In der Fußball-Bundesliga spielt seit der Saison 2008/09 kein einziger Klub aus Ostdeutschland mehr. Landwirtschaftliche Betriebe in Ostdeutschland erzielen dank großer Flächen und weitgehender Rationalisierung eine höhere Bruttowertschöpfung je Erwerbstätigen als Bauernhöfe im Westen, die vergleichsweise kleine Flächen bewirtschaften und meist von Familien betrieben werden. Ostdeutsche PKW-Besitzer fahren eher preisgünstige Automobilmarken wie Skoda, während Westdeutsche deutlich mehr Edelkarossen wie BMW oder Mercedes lenken.

Profifußball, Agrarbetriebe und Ausgaben für Luxusgüter – das sind nur drei von 25 Themenfeldern, in denen das Berlin-Institut untersucht hat, wie weit das einst geteilte Deutschland in den vergangenen 25 Jahren zusammengewachsen ist. Die Landkarten in der neuen Studie mit dem Titel „So geht Einheit“ fördern ein verblüffendes Bild zutage: Ob bei der Bevölkerungsentwicklung, der Wirtschaftskraft, den Vermögen, den Erbschaften oder der Größe der landwirtschaftlichen Betriebe – überall zeichnet sich ziemlich exakt die alte Grenze ab.

Der Westen wächst – und bundesweit schrumpft der ländliche Raum

Zwischen 1990 und 2012 haben insgesamt vierzig Prozent aller Kreise an Bevölkerung verloren. Am gravierendsten war die Entwicklung dabei in den neuen Bundesländern, wo nur 10 der 76 Kreise sich dem demografischen Abwärtstrend entziehen konnten.

Nicht immer schneidet dabei der Osten schlechter ab. Zwar verdienen Ostdeutsche nach wie vor nur drei Viertel des Durchschnittseinkommens Westdeutscher und weisen aufgrund der kleinteiligen Wirtschaftsstruktur eine niedrigere Produktivität auf. Aber bei der Erwerbsbeteiligung von Frauen und bei der Kinderbetreuung liegt der Westen noch weit unter dem Ostniveau. Auch die Vorstellung, dass Kinder Schaden davontrügen, wenn sie schon im zarten Alter zeitweilig außerhalb des eigenen Zuhauses betreut werden, ist im Osten deutlich schwächer ausgeprägt.

Abweichende Ansichten: Kommen die Kleinsten zu kurz?

Die Vorbehalte westdeutscher Frauen der außerhäuslichen Betreuung gegenüber sind zwar seit 1994 zurückgegangen, aber bis heute ist in dieser Frage ein deutlicher Unterschied zwischen West und Ost erkennbar. In Ostdeutschland besuchen denn auch 52 Prozent der unter Dreijährigen eine Krippe, beinahe doppelt so viele wie in Westdeutschland (28 Prozent). Mütter im Osten steigen außerdem nach der Geburt eines Kindes früher wieder in den Beruf ein und arbeiten dann auch häufiger in Vollzeit als Mütter im Westen.

In manchen Bereichen entstehen anstelle der alten Ost-West-Unterschiede auch Differenzen entlang anderer Dimensionen: Zwar haben die fünf Flächenländer im Osten seit der Einheit massiv Bevölkerung verloren, vor allem durch Abwanderung junger Menschen, während der Westen weiterhin wächst. Insgesamt legen aber vor allem die Städte zu, und in entlegenen ländlichen Gebieten schwindet die Bevölkerung.

Weitgehend angenähert haben sich Ost und West etwa bei den Bildungsabschlüssen, den Konsumgewohnheiten und den Kinderzahlen: Nach dem „Geburtenloch“, dem massiven Einbruch der Kinderzahl je Frau in den neuen Bundesländern zu Beginn der 1990er Jahre, hat sich dieser Wert inzwischen bundesweit bei rund 1,4 eingependelt. In einigen Teilen Ostdeutschlands liegt er heute sogar über dem Durchschnitt, was vor allem an dem geringeren Anteil Kinderloser liegt.

An solchen Indikatoren zeigt sich, dass nicht nur die Teilung und die Jahre unter gänzlich unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Systemen nachwirken. Auch die gewaltigen Umbrüche, die vor allem Ostdeutschland nach dem Fall erlebte, hinterlassen immer noch Spuren. Nach der Einschätzung von Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt, den das Berlin-Institut für die Studie interviewt hat, macht sich bis heute bemerkbar, dass die Löhne und Preise in der DDR von einem Tag auf den anderen im Verhältnis 1:1 auf die D-Mark umgestellt wurden. Hingegen lobt Schmidt, dass der damalige Kanzler Helmut Kohl mit seinem Zehn-Punkte-Plan die politische Einheit entschlossen vorantrieb.

Mit diesem Willensakt war der Grundstein gelegt. Dass sich 25 Jahre später immer noch so viele Unterschiede zwischen Ost und West finden, zeigt jedoch, dass Einheit ein langsamer Prozess ist, der mindestens noch eine Generation dauert.

Die Studie „So geht Einheit“ wurde vom GfK Verein und dem Förderkreis des Berlin-Instituts gefördert.

Sie erreichen die gesamte Studie gratis zum Herunterladen unter www.berlin-institut.org/publikationen/studien/so-geht-einheit.html.

 

Einheit in den Köpfen braucht mehr als eine Generation
Auch nach 25 Jahren Einheit halten sich viele der gängigen Ost-West-Stereotype

Etwa die Hälfte der Deutschen ist der Ansicht, dass es weiterhin generelle Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen gibt – unter den in Ostdeutschland Geborenen sind es sogar 72 Prozent. Das ergibt eine Befragung, die der GfK Verein 2015 für das Berlin-Institut durchgeführt hat. Sich selbst sehen die Ostdeutschen insgesamt auffallend positiv, ausgestattet mit Bescheidenheit, Fleiß und Hilfsbereitschaft. Bei den Nachbarn im Westen verorten sie hingegen viele negative Eigenschaften. So nimmt gut ein Drittel derjenigen Ostdeutschen, die generelle Unterschiede nicht abstreiten, die Westdeutschen als arrogant wahr.

Die Neigung, sich selbst besser zu beurteilen als die anderen, zeigt sich auch bei den Westdeutschen, allerdings schwächer ausgeprägt. So nehmen sich viele (17 Prozent) als fleißig wahr, einige (7 Prozent) aber auch als arrogant. Auch das Bild, das die Westdeutschen von ihren Mitbürgern im Osten haben, ist weniger einheitlich: Anspruchsvoll und unzufrieden sind mit 8 beziehungsweise 5 Prozent die beiden meistgenannten Eigenschaften der Ostdeutschen. West- und Ostdeutsche denken jedoch nicht nur negativ übereinander. Westdeutsche gelten aus Sicht einiger ihrer Landsleute im Osten auch als selbstsicher, Ostdeutsche zeichnen sich in den Augen mancher Westdeutscher durch einen großen (Familien-)Zusammenhalt aus.

Positive Selbstwahrnehmung

Anteil der Befragten, die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland nicht abstreiten, danach kategorisiert, ob sie eher positive oder negative Eigenschaften genannt haben, in Prozent. Fehlende Prozentpunkte erklären sich durch neutrale Antworten und die Auswertung bei Mehrfachnennungen.

Ostdeutsche haben ein klareres Bild von Westdeutschen als andersherum. Von denjenigen ostdeutschen Befragten, die generelle Unterschiede zwischen den beiden Landesteilen nicht abstreiten, fallen lediglich 23 Prozent keine für die Westdeutschen typischen Eigenschaften ein. Hingegen kann mit 42 Prozent ein weit größerer Anteil der Westdeutschen keine typisch ostdeutschen Eigenschaften benennen. Dazu passt, dass Westdeutsche auch sich selbst deutlich seltener spezifische Eigenschaften zuschreiben.

Ein Vergleich von Einschätzungen aus den Jahren 1990 und 2010 zeigt, dass sich die gefühlten Unterschiede seit der Wendezeit nur geringfügig verringert haben: Vor 25 Jahren ordneten im Mittel etwa 60 Prozent der Befragten einer Infratest-dimap-Studie zufolge bestimmte Eigenschaften eindeutig Ost- oder Westdeutschen zu. 2010 taten dies noch immer rund 50 Prozent. Insgesamt bewerteten Ost- und Westdeutsche sich 2010 damit zwar etwas ähnlicher als noch 1990. Besonders die Ostdeutschen urteilten aber 2010 kritischer über die Westdeutschen als im Jahr der Einheit: 14 Prozent gaben an, dass bestimmte positive Eigenschaften eher unter Westdeutschen zu finden seien – 1990 waren es noch 25 Prozent gewesen. Immerhin fiel im gleichen Zeitraum die Zustimmung zu der Aussage, dass bestimmte negative Eigenschaften typisch westdeutsch seien, von 41 auf 35 Prozent. Auch Westdeutsche dachten insgesamt etwas schlechter über ihre ostdeutschen Landespartner als früher.

Es gibt aber auch positive Nachrichten. Trotz der immer noch wahrgenommenen Differenzen schwindet das Gefühl der Fremdheit zwischen Ost- und Westdeutschen. So fühlten sich 2012 nur noch gut 20 Prozent der Westdeutschen fremd in Ostdeutschland – 2000 hatte der Anteil noch bei gut 30 Prozent gelegen. Dazu passt, dass in der jungen Generation, bei den 16- bis 29-Jährigen, mehr als die Hälfte größere Unterschiede zwischen Nord- und Süddeutschen empfindet als zwischen West- und Ostdeutschen – nur knapp ein Drittel spricht vom Gegenteil. Dies zeigt auch, dass die Erwartung, Stereotype würden gänzlich verschwinden, nicht realistisch ist. Denn diese sind mitunter nur das Ergebnis regionaler Unterschiede und Abgrenzungen.

Die Studie „So geht Einheit“ wurde vom GfK Verein und dem Förderkreis des Berlin-Instituts gefördert.

Sie erreichen die gesamte Studie gratis zum Herunterladen unter www.berlin-institut.org/publikationen/studien/so-geht-einheit.html.

 

Helmut Schmidt: Ein Vierteljahrhundert deutsche Einheit – politisch gelungen, ökonomisch noch nicht
Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt hält zwar die 1:1-Übernahme des Währungssystems in der DDR vor 25 Jahren bis heute für einen „katastrophalen Fehler“. Im Interview mit dem Berlin-Institut räumt er aber ein, dass es manchmal gut ist, wenn die Politik trotz absehbarer Schwierigkeiten Optimismus verbreitet.

Ein Auszug aus dem Gespräch:

(…)

Nach dem Fall der Mauer und den ersten freien Wahlen in der DDR war die Vereinigung zunächst eine von mehreren möglichen Optionen. Welches war in Ihrer Wahrnehmung der entscheidende Wendepunkt?

Ich habe die Rede mit dem Zehn-Punkte-Plan, die der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl Ende November im Bundestag gehalten hat, für die entscheidende Weichenstellung gehalten. Das sehe ich noch heute so. Kohl hatte da bereits sowohl Moskau als auch Washington von der Notwendigkeit zu handeln überzeugt. Auf dieser Grundlage konnte es dann zu den 2+4-Verhandlungen kommen, bei denen die ehemaligen Siegermächte letztlich der Wiedervereinigung zustimmten.

War es notwendig, dass Kohl so vorpreschte?

Er war von Hause aus optimistisch. Auch deshalb, weil er die ökonomischen Folgen der Vereinigung, so wie er sie anstrebte, wohl nicht wirklich einschätzen konnte.

Braucht man diesen Optimismus in der Politik?

Manchmal.

War Ihnen 1989 klar, in welch desolatem Zustand sich die DDR-Wirtschaft befand?

Die DDR-Industrie war immerhin noch besser als die russische, wenn man einmal von der Verteidigungsindustrie absieht – darin waren die Russen absolute Spitze. Aber die DDR-Industrie war weitestgehend überholt. Was sie produzierte, war entweder zu teuer oder taugte nichts. Sie war nicht gewohnt, den Zusammenhang zwischen Kosten und Preisen zu beachten. Sie war nicht gewohnt, ihre Produkte zu vermarkten. Jedenfalls war sie in keiner Weise konkurrenzfähig mit der westeuropäischen Industrie.

(…)

Das ganze Interview ist in der neuen Studie „So geht Einheit “ nachzulesen: www.berlin-institut.org/publikationen/studien/so-geht-einheit.html

Der Nachdruck des Interviews ist erlaubt unter folgender Angabe: ©Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Aus der Studie: So geht Einheit. Wie weit das einst geteilte Deutschland zusammengewachsen ist.



Ausgabe 189, 22.07.2015

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