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Ausgabe 22, 28. Juni 2006

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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Kinder - nein Danke!
In Deutschland wünschen sich immer mehr Menschen ein Leben ohne Nachwuchs

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Englisch verliert als Weltsprache an Bedeutung
Immer mehr Menschen sprechen Chinesisch, Arabisch oder Spanisch

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Kinder - nein Danke!
In Deutschland wünschen sich immer mehr Menschen ein Leben ohne Nachwuchs

Jeder vierte Mann und jede siebte Frau in Deutschland wollen keine Familie gründen. Was die Deutschen zu dieser Einstellung bewegt und wo Familienpolitik überhaupt noch ansetzen kann, zeigt eine neue Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) im Auftrag der Robert Bosch Stiftung. Die Untersuchung "Kinderwünsche in Deutschland - Konsequenzen für eine nachhaltige Familienpolitik" basiert vor allem auf dem Generations Gender Survey (2005), einer Befragung des BiB von 10.000 Teilnehmern, davon gut die Hälfte im Alter von 20 bis 49 Jahren.

Demnach sind in keinem anderen der untersuchten europäischen Länder Kinder so wenig erwünscht wie in Deutschland: Eine Frau hätte statistisch gesehen gerne 1,75 Kinder, ein Mann nur 1,59. In den neuen Bundesländern ist der Kinderwunsch tendenziell etwas höher. Tatsächlich wurden im Jahr 2004 1,37 Kinder pro Frau geboren. Damit die Bevölkerung in Deutschland langfristig stabil bleibt, müssten es 2,1 sein. Mit Hilfe von 200.000 Einwanderern im Jahr würden auch 1,7 Kinder ausreichen, wie ein Gutachten des Bundesfamilienministeriums besagt. Das entspräche genau der von Frauen gewünschten Ziffer.



Wunsch und Wirklichkeit

Die Wunschkinderzahl liegt in Deutschland niedriger als in anderen europäischen Ländern. Besonders stark sind die Abweichungen zwischen Wunsch und Wirklichkeit in den osteuropäischen Ländern - ein Zeichen dafür, dass die dortigen Lebenssituation eher familienfeindlich ist. Wo sowohl die Wunsch- wie auch die tatsächlichen Kinderzahl vergleichsweise hoch liegen, in Finnland und den Niederlanden, dürften die familienpolitischen Rahmenbedingungen am besten sein.

Was hindert also die Menschen, sich ihre Wünsche nach Familie zu erfüllen? Und warum wollen viele gar keine Kinder?

Ob sich jemand für oder gegen Kinder entscheidet, hat viele schwer messbare Ursachen. Erfragt wurden finanzielle wie auch emotionale Überlegungen. Dabei hat sich in den vergangenen Jahren vor allem die sozial-emotionale Einstellung zu Kindern verändert: Eltern zu werden ist für viele Menschen nur noch eine unter zahlreichen Möglichkeiten, dem Leben einen Sinn zu verleihen oder sich selbst eine Lebensaufgabe zu stellen. So glaubt weniger als die Hälfte aller Kinderlosen, dass ein Kind ihre Lebensfreude steigern würde. Bei den Eltern glaubt nur jeder vierte, ein zweites Kind, und jeder achte, ein drittes Kind würde zum Quell zusätzlicher Freude. Die meisten erwarten überhaupt keine Veränderung ihrer persönlichen Zufriedenheit. Ähnlich wird die Auswirkung von Nachwuchs auf die Qualität der Partnerschaft beurteilt. Dass ein Kind zu einem erfüllten Frauenleben dazugehört, glaubten 1990 noch zwei Drittel aller Befragten, heute ist es weniger als ein Drittel. Bei einem Männerleben verhält es sich ähnlich. Auch die Angst vor Einsamkeit im Alter ist für die meisten kein Grund, Kinder zu bekommen. Insgesamt haben sich 37 Prozent der Kinderlosen und 85 Prozent der Eltern definitiv gegen (weitere) Kinder entschieden.



Kaum Zugewinn an Lebensfreude durch mehr Kinder

Für fast die Hälfte aller Kinderlosen würde das Leben durch Nachwuchs bereichert. Doch fast genauso vielen ist es egal, ob Kinder in ihrem Leben auftauchen. Wer Kinder hat, findet das Leben schon bereichert. Aber mehr davon müssen es nicht unbedingt sein.

Trotz der gesellschaftlichen Toleranz für unterschiedliche Formen des familiären Zusammenlebens beherrscht die traditionelle Kernfamilie die Vorstellung potenzieller Eltern: 81 Prozent der Männer und 71 Prozent der Frauen finden es unerlässlich, dass Kinder mit beiden Elternteilen aufwachsen. 73 Prozent der Männer und 61 Prozent der Frauen machen eine stabile Partnerschaft zur Voraussetzung. Ebenso wichtig erscheint den Befragten die materielle Absicherung: Mindestens ein Elternteil sollte einen festen Arbeitsplatz haben.

Dieses Ideal ist besonders für Frauen schwer zu verwirklichen - denn zwei von drei Frauen glauben, als Mutter schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Außerdem befürchten mehr Frauen als Männer, sich mit Kind finanziell einschränken zu müssen. Denn meist sind sie diejenigen, die das eigene Einkommen verlieren. Auch vermuten immer noch mehr Mütter als Väter, nach einer weiteren Geburt nicht mehr so viel Zeit für sich selbst zu haben. Männer erwarten hingegen keinen Unterschied in der persönlichen Freiheit, wenn sie Kind oder mehrere haben. Dies ist ein Zeichen dafür, dass in Deutschland die Lasten innerhalb einer Familie nach wie vor ungleich verteilt sind.

Die vielfältigen Sorgen, die potenzielle Eltern davon abhalten, Kinder in die Welt zu setzen, unterscheiden sich in ihrer Gewichtung je nach sozialem und wirtschaftlichem Hintergrund der Familien. Während fast alle gern mehr Möglichkeiten hätten, ihre Zeit flexibler einzuteilen, ist für kinderreiche Familien und für Eltern mit Hauptschul- oder ganz ohne Abschluss finanzielle Unterstützung wichtiger als ein gutes Betreuungsangebot. Für höher Qualifizierte oder Familien mit weniger Kindern haben Kindergarten- und Hortplätze dagegen einen höheren Stellenwert. Auch die oft berufstätigen Mütter in Ostdeutschland wünschen sich bessere Betreuung in den ersten Lebensjahren - ein Wunsch der nicht ganz die Wirklichkeit widerspiegelt: Denn in den neuen Bundesländern gibt es praktisch flächendeckende Betreuungsmöglichkeiten auch für Kleinkinder. Allein Erziehende wünschen sich in allen Bereichen mehr Unterstützung.

Als besonders wichtig, aber auch stressgefüllt erleben viele junge Menschen die Zeit zwischen Mitte zwanzig und Anfang dreißig. In diese "Rush hour des Lebens" fällt oft der Abschluss der Ausbildung und der Start in den Beruf. Dann denken die meisten auch über Kinder nach. Die Erfahrung zeigt, dass diejenigen, die sich bis Ende dreißig nicht für Kinder entschieden hat, es später wahrscheinlich auch nicht mehr tun werden. Da Kinder für viele erst bei einem gesicherten Einkommen und einer stabilen Partnerschaft in Frage kommen, konzentrieren sie sich zunächst auf die Karriere. Dabei fehlt dann oft sogar die Zeit, einen passenden Partner zu finden. Familienpolitische Maßnahmen könnten helfen, Ausbildungs- und Arbeitszeiten zu verkürzen, um Druck aus der "Rush Hour" zu nehmen.



In jungen Jahren ist Familie kein Thema

Ende zwanzig beschäftigen sich die meisten Menschen mit der Frage: "Wollen wir eigentlich Kinder?" Ab Mitte dreißig haben sich die meisten bereits entschieden - immer häufiger gegen Kinder. Männer kommen generell später auf den Gedanken der Familiengründung.

Trotz solcher Ansätze machen es gesellschaftliche Konventionen und verbreitete Meinungen berufstätigen Müttern nicht leicht: Besonders in den alten Bundesländern meinen viele, Familie und Beruf seien nicht unter einen Hut zu kriegen. So denken 43 Prozent der Westdeutschen, dass ein Kind im Vorschulalter darunter leidet, wenn die Mutter arbeitet. Im Osten sind nur 23 Prozent dieser Ansicht. Der dreijährige Erziehungsurlaub genießt im Westen einen besseren Ruf als im Osten. Hausfrauenarbeit wird im Westen von mehr Befragten als genauso erfüllend angesehen wie Erwerbstätigkeit. Dennoch herrscht in Ost wie West ein großer Widerspruch zwischen den gewünschten und den tatsächlichen Arbeitsverhältnissen. In 67 Prozent der Ost-Familien mit kleinen Kindern geht ein Partner arbeiten, der andere bleibt zuhause. Zufrieden sind damit nur vier Prozent. Im Westen wünschen sich 14 Prozent diese klassische Rollenaufteilung, sie ist aber nur für 77 Prozent der Familien die Realität.

Was sollte angesichts dieser Umfrageergebnisse an den familienpolitischen Rahmenbedingungen verändert werden? Da kaum Studien zur Wirksamkeit einzelner Maßnahmen vorliegen, bieten Ländervergleiche Anhaltspunkte für Verbesserungen (siehe auch: Emanzipation oder Kindergeld?). In der Untersuchung des Berlin-Instituts zeigt sich, dass die Geburtenraten tendenziell dort am höchsten liegen, wo die Gleichstellung der Geschlechter am weitesten fortgeschritten ist. Wo beide Elternteile etwa gleich viel verdienen und sich die Kinderbetreuung teilen. Wo Frauen wie Männer berufstätig sein könne, ohne auf Familie verzichten zu müssen. Deshalb sollten vor allem Frauen darin gefördert werden, Job und Mutterschaft vereinen zu können. Essentiell sind dabei das Angebot von Ganztagsbetreuung und die Förderung flexibler Arbeitszeiten. Die Familienpolitik sollte laut Empfehlung der Robert-Bosch-Studie eng mit den Ressorts Wirtschaft und Steuerpolitik zusammenarbeiten und Arbeitgeber sowie Gewerkschaften motivieren, flexible Arbeitszeitmodelle auszuarbeiten und umzusetzen. Nicht zuletzt muss im Sinne der partnerschaftlichen Aufteilung der Erziehungsarbeit das Engagement der Väter durch Anreize unterstützt werden. Dem schwedischen Modell folgend könnte ein Teil der Elternzeit nur für Väter reserviert werden.

Welches Potenzial eine moderne Familienpolitik hat, zeigt sich bei der Frage nach den konkreten Auswirkungen bestimmter Maßnahmen auf das Leben der Menschen. Vier von fünf gaben an, dass es ihnen bei der entsprechenden Politik leichter fiele, einen Kinderwunsch zu verwirklichen. Jeder fünfte von denen, die sich gegen Kinder entschieden hatten, gab an, es sich unter bestimmten Umständen noch einmal anders zu überlegen. Weniger empfänglich für verbesserte Rahmenbedingungen sind junge Menschen in der Ausbildung, besonders gut empfänglich wären höher Qualifizierte und solche mit bereits einem Kind.

Das optimistische Fazit der Untersuchung: Politische Maßnahmen können helfen, vorhandene Kinderwünsche zu erfüllen und die Entscheidung gegen Kinder noch einmal zu überdenken.

"Zur Studie: Kinderwünsche in Deutschland - Konsequenzen für eine nachhaltige Familienpolitik"

Mehr zum Thema Familienpolitik:


ifo Institut für Wirtschaftsforschung e.V.

"Berlin-Institut"

 

   
     
 

Englisch verliert als Weltsprache an Bedeutung
Immer mehr Menschen sprechen Chinesisch, Arabisch oder Spanisch

Englisch wird nicht die einzige Weltsprache bleiben. Das ergaben Studien des britischen Sprachforschers David Graddol. Zwar ist die Zahl der Menschen, die weltweit Englisch lernen, in den vergangenen Jahren rapide angestiegen. Mittlerweile sprechen in Indien schon mehr Menschen englisch als in Großbritannien und den USA zusammen. Doch es gibt immer weniger Personen, die Englisch als Muttersprache beherrschen. Dies ist aber wichtig für das Funktionieren einer Weltsprache, weil diese Menschen über Literatur, Film, Nachrichtensendungen und Lehrmaterial Standards setzen.

Graddol gibt auch einen Ausblick auf das sich ändernde Sprachengemenge der Welt: Unterhielten sich 1950 noch neun Prozent aller Erdenbürger auf Englisch, werden es bis 2050 voraussichtlich nur noch fünf Prozent sein. Genau so viele werden dann spanisch und arabisch sprechen. Etwa sechs Prozent werden Hindi und mehr als doppelt so viele Chinesisch als Muttersprache haben. Ein Hauptgrund für die massive Verschiebung liegt in der Bevölkerungsentwicklung: Mit dem demografischen Wachstum Chinas und Indiens, der arabischen und der spanischen Welt können die Angelsachsen nicht mithalten.



Bevölkerungsentwicklung verändert die Weltsprachen

Unter den Hauptsprachen der Welt wird vor allem Arabisch an Bedeutung gewinnen - weil die Bevölkerung in den entsprechenden Ländern am stärksten wächst. Chinesisch - in all seinen Dialekten und Varianten - ist und bleibt die mit Abstand häufigste Sprache.

Am schnellsten wächst derzeit die Bevölkerung der arabischen Länder. Sie wird - demografisch gesprochen - auch in einem halben Jahrhundert noch die Form einer Pyramide haben - weil in arabischsprachigen Ländern die Geburtenraten so hoch liegen, dass stets größere Kohorten junger Menschen nachwachsen. "Die Generation junger Araber, die jetzt aufwächst, bestimmt die Zukunft der Weltsprache Arabisch", schreibt Graddol in seiner aktuellen Studie "English Next". Heute unterscheidet sich das gesprochene Arabisch vieler Regionen noch stark voneinander. Doch die Verbreitung arabischer Medien wie des Fernsehsenders Al Dschasira wird nach Graddols Einschätzung dafür sorgen, dass die Sprache einheitlicher wird. Arabisch hat also gute Aussichten, an internationaler Bedeutung zu gewinnen.

Chinesisch hat von allen Sprachen die meisten Sprecher. Innerhalb Chinas gibt es viele Dialekte, doch Mandarin hat sich als für alle verständliche Sprache durchgesetzt und breitet sich jetzt auch auf südostasiatische Nachbarländer aus. Aufgrund des raschen Wirtschaftswachstums der Volksrepublik wird es für Mitarbeiter von Firmen und Organisationen der ganzen Welt immer wichtiger, auch Mandarin zu sprechen. Aus derzeit 30 Millionen Sprechern sollen nach Einschätzung der chinesischen Regierung innerhalb der nächsten Jahre 100 Millionen werden. Die chinesische Regierung unterstützt das weltweit wachsende Interesse an der Sprache aktiv mit dem 2004 gegründeten Netzwerk "Confucius Institutes". Nach deren Schätzungen soll die Zahl international der Mandarin-Lernenden in den nächsten Jahren von 30 Millionen auf 100 Millionen ansteigen.

Spanisch ist heute für ebenso viele Menschen die Muttersprache wie Englisch. In den USA spricht mittlerweile ein Fünftel der Bevölkerung zuhause Spanisch. Dieses Ergebnis einer Volksbefragung aus dem Jahr 2000 veranlasste den US-Senat im Mai dieses Jahres, eine Resolution zum Schutz und zur Förderung von Englisch als Nationalsprache zu verabschieden. Sowohl in den Vereinigten Staaten wie auch in Südamerika gewinnt Spanisch an wirtschaftlicher Bedeutung. Das brasilianische Schulsystem stellt sich darauf ein: Seit Juli 2005 müssen alle Schüler in Brasilien neben der Erstsprache Portugiesisch auch Spanisch lernen.



Chinesisch auf dem Vormarsch im Internet

Englisch war nicht nur die erste sondern lange auch die dominierende Sprache im Internet. Aber seit immer mehr Menschen auch in den Schwellenländern Zugang zum Netz haben, verliert das Englische an Bedeutung. Vor allem Chinesisch breitet sich rapide aus.

Ein zusätzlicher Faktor für die Bedeutung der künftigen Weltsprachen ist die Migration: Alternde Gesellschaften wie die deutsche brauchen junge ausländische Arbeitskräfte, um den Mangel an Menschen im arbeitsfähigen Alter auszugleichen. Die jungen Zuwanderer stammen meist aus Ländern, in denen die Bevölkerung noch wächst. Sie verändern nicht nur das Sprachgefüge in den Zielländern, sondern auch in ihrer Heimat. Denn wer später dorthin zurückkehrt, bringt Sprachkenntnisse und Kontakte mit, welche auch die Verhältnisse im Heimatland verändern.

In der wirtschaftlichen Entwicklung der Schwellenländer machen kommunikationsintensive Dienstleistungen einen immer größeren Anteil der Exporte aus. "Der Trend ist klar", schreibt Graddol: "Sobald es irgendeine Dienstleistung gibt, die nicht an einen Standort gebunden ist, wird sie dorthin ausgelagert, wo die Löhne billiger sind." So nehmen kalifornische Kinder Nachhilfeunterricht in Indien, Fast Food Restaurants in Amerika lassen ihre Bestellungen von indischen Call Centers entgegennehmen - natürlich auf Englisch.

In der globalisierten Arbeitswelt ist Englisch zu sprechen nicht mehr ein Attribut der Elite, sondern oft die einzige Möglichkeit, mit Kollegen und Kunden zu kommunizieren. "Die Zukunft liegt in der Mehrsprachigkeit", meint Graddol. Und ermahnt seine Landsleute, Fremdsprachen zu lernen. Welche Sprachen wirtschaftlich wichtig werden, bestimmt der Markt. Dabei richten sich Anbieter nach den Konsumenten. Und die gibt es in Zukunft vor allem in China: "Das nächste Muss ist Mandarin", sagt Graddol. Jetzt reagiert das erste britische College und macht die chinesische Sprache ab sofort zum Pflichtfach für alle 13- bis 18-jährigen Schüler.

Besonders deutlich werden die Veränderungen der Sprachlandschaft im Internet. Dieses Medium verbreitet nicht nur die Sprache, es verändert sie auch. Diasporisch verstreut lebende Bevölkerungsgruppen halten über Internet und Emails Kontakt zu ihrer Kultur. Und dabei verliert die englische Sprache seit einigen Jahren rapide an Bedeutung. Vor sechs Jahren war noch mehr als die Hälfte aller Internetinhalte in englischer Sprache, vor einem Jahr waren es nur noch 32 Prozent. Chinesisch hat seine Präsenz von 5,4 auf 13 Prozent mehr als verdoppelt.

Auch im Fernsehen verliert Englisch an Einfluss. Jahrzehntelang gaben englischsprachige Sender wie BBC und CNN den Ton in der internationalen Berichterstattung an. Doch seit einigen Jahren wächst die internationale Konkurrenz: 1996 wurde mit "Al Dschasira" in Katar der erste internationale arabische Nachrichtensender gegründet. Es folgten Al Arabija in Dubai (2003) und Al Hurra in Washington (2004).

Mit der Verbreitung neuer Technologien bekommt die englische Sprache nicht nur immer mehr internationale Konkurrenz, sondern sie verändert sich auch. In welche Richtung, lässt sich erahnen: In E-Mails, Blogs und SMS kann jeder schreiben wie er will - wobei sich eine einfache, informelle Sprache als besonders effizient erweist. Dadurch wird die Sprache destandardisiert, die Grammatik vereinfacht. Der Wortschatz wird durch Neuschöpfungen und Slangausdrücke größer.

Dem Siegeszug der neuen Weltsprachen steht das Aussterben vieler kleiner, regionaler Sprachen gegenüber: "Wir verlieren heute täglich eine Sprache", schreibt Graddol. Noch gibt es etwa 6000 Sprachen, in 45 Jahren sind davon, wenn sich der Trend fortsetzt, nur noch 600 übrig. Eine Hoffnung bleibt für den Sprachforscher: In den urbanen Schmelztiegeln könnten über Subkulturen und deren Slangs regelrechte neue Sprachen entstehen und für neue Vielfalt sorgen.

Denn die englische Sprache ist längst nicht mehr nur ein Mittel der globalen Verständigung. In vielen Ländern, die früher zum Commonwealth gehörten, hat sich Englisch zur individuellen Nationalsprache mit eigenen Ausdrücken und Einsprengseln von Lokalsprachen entwickelt. Der britische Linguist David Crystal vermutet, dass sich solche Lokalformen des Englischen zu neuen Sprachen entwickeln. Obwohl auch Crystal davon ausgeht, dass es in Zukunft normal sein wird, mehrere Sprachen zu sprechen, glaubt er, anders als David Graddol, nicht, dass Englisch an Bedeutung verliert, sondern sie sich lediglich verändern wird. Wer viele Sprachen spreche, müsse diese nicht perfekt beherrschen, sondern so, wie es die Situation erfordert, so Crystal. Weil es heute schon in zahlreichen mehrsprachigen Ländern üblich sei, auf dem Markt eine andere Sprache zu sprechen als zuhause, bei der Arbeit, in der Schule, Universität oder Kirche, werde es in Zukunft nicht darauf ankommen, jedes einzelne Wort einer Sprache zu beherrschen, um effizient mehrsprachig kommunizieren zu können.


Quellen:
David Crystal: The Language Revolution. Policy Press, 2004
David Graddol: English Next. British Council, 2006
David Graddol: The Future of Language. In: Science, Vol. 303, 27.Februar 2004
David Graddol: The Future of English? British Council, 1997,2000

 

   
 

 

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