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Ausgabe 31, 24. April 2007

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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Der Leichtsinn der jungen Jahre
Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche unter deutschen Teenagern ist seit 1996 um 40 Prozent gestiegen

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Wenn die Deutschen stiften gehen
Die deutsche Stiftungslandschaft blüht und gedeiht: Darüber informiert der StiftungsReport 2007, den der Bundesverband Deutscher Stiftungen und das Berlin-Institut erarbeitet haben

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"Mit dem eigenen Geld kann man auch etwas für die anderen tun."
Interview mit Prof. Dr. Andreas Kruse

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Der Leichtsinn der jungen Jahre
Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche unter deutschen Teenagern ist seit 1996 um 40 Prozent gestiegen

Jugendliche Frauen werden in Deutschland nicht nur deutlich häufiger schwanger als noch vor zehn Jahren, sie entscheiden sich auch öfter für eine Abtreibung. Dies geht aus den aktuellen Daten des Statistischen Bundesamts in Wiesbaden hervor. Demnach ist die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche bei jungen Frauen unter 18 Jahren zwischen 1996 und 2006 um 40 Prozent gestiegen - von 4.724 auf 6.590 Fälle. Das Gute an der schlechten Nachricht: Innerhalb dieses Aufwärtstrends sind in der jüngsten Vergangenheit die Abtreibungen unter Teenagern gesunken.

Zahl der Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland im Jahr 2006 in der Altersstufe 15 bis 18 Jahre je 10.000 Frauen

Bei genauer Betrachtung der Daten wird deutlich, dass sich die Zahl der Abtreibungen vor allem unter ganz jungen Frauen erhöht hat: Während 1996 lediglich zwei von 10.000 Mädchen im Alter von 10 bis 15 Jahren eine Abtreibung vornehmen ließen, waren es 2004 doppelt so viele. Seither sinkt die Zahl leicht.
Auch die Entwicklung bei den 15- bis 18-Jährigen ist nach wie vor alarmierend. In ihrer Altersgruppe haben 1996 noch 33 je 10.000 junge Frauen einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen. 2004 erreichte die Rate mit 50 je 10.000 einen Höhepunkt. Im Jahr 2006 waren es noch immer 43.
Um den Abtreibungen und den im allgemeinen ungewollten Schwangerschaften unter Teenagern vorzubeugen, setzt sich die Ärztliche Gesellschaft zur Gesundheitsförderung der Frau e.V. (ÄGGF) für die Aufklärung von Mädchen ein und bietet an Schulen Aufklärungsveranstaltungen an. Die Vorsitzende Gisela Gille geht davon aus, dass die Anzahl der Schwangerschaftsabbrüche in Zukunft wieder sinken wird, weil in den letzten Jahren ein deutlich verbessertes Netzwerk für Teenagerschwangere geschaffen worden sei. Als es im Jahr 2001 insgesamt erstmals mehr als 7.500 Schwangerschaftsabbrüche unter 15- bis 18-Jährigen gab, hätten die Medien massiv über das Thema berichtet und damit habe auch die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zugenommen. "In vielen Städten sind seitdem Anlaufstellen für junge Schwangere eingerichtet worden, und auch die Aufklärungsarbeit wurde sensibilisiert und intensiviert", sagt Gille.
Sexualität und Verhütung sind und bleiben ein schwieriges Thema - vor allem für Jugendliche. Mit 14 Jahren hat bereits ein Zehntel aller Mädchen in Deutschland erste sexuelle Erfahrungen, mit 15 ein Viertel und mit 16 fast die Hälfte. Die große Mehrheit verhält sich beim ersten Geschlechtsverkehr nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) trotzdem sehr verantwortungsbewusst: Nur neun Prozent der Mädchen und 15 Prozent der Jungen verwenden beim ersten Mal kein Verhütungsmittel. 1980 waren noch doppelt so viele Teenager so leichtsinnig.
Später, mit zunehmender Erfahrung, nutzen 70 Prozent der Mädchen die Pille. Jungen kümmern sich weniger um Verhütung: 58 Prozent der Jungen geben an, dass ihre Freundin mit der Pille verhütet. "Das ist eine enorme Verantwortung, die wir den Mädchen mit 14 oder 15 Jahren bereits zumuten. Wie schnell vergisst man, die Pille zu nehmen. Besonders, wenn die jungen Frauen womöglich sogar heimlich verhüten, weil es ihre Eltern nicht wissen sollen", sagt die Gesundheitsexpertin Gisela Gille. Auch die Tatsache, dass Teenager Verhütungsmittel unsachgemäß anwenden, gilt als Ursache für die hohe Zahl an ungewollten Schwangerschaften. Viele Mädchen seien zudem noch sehr jung und unsicher, so dass sie sich nicht trauten über Verhütung zu reden. "Oder sie wissen nicht genau, zu welchem Zeitpunkt des Zyklus sie fruchtbar sind. Auch Alkohol spielt eine wichtige Rolle", berichtet die Gynäkologin.
Im Jahr 2005 bekamen bundesweit 6.592 Frauen unter 18 Jahren ein Kind, wie aus den jüngsten Daten des Statistischen Bundesamtes hervorgeht. 7.247 trieben im selben Jahr ab. Gille zufolge sind es vor allem die Mädchen aus besser gestellten Familien, die sich für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden. "Sie haben mehr berufliche Chancen und Pläne als bildungsfernere Schichten", erläutert die Gynäkologin. "Für viele Mädchen, die beruflich keine Perspektive haben, ist ein Kind eine Flucht vor dem Scheitern in oder nach der Schule. Oder sie träumen von einer Familie, in der sie Geborgenheit und Nähe finden. Das ist natürlich zu kurz gedacht, aber bei unseren Aufklärungsbesuchen in Schulen bekommen wir solche Gedanken immer wieder zu hören."
Die Erhebungen des Statistischen Bundesamtes für das Jahr 2006 zeigen auch, dass nicht nur die gesellschaftliche Schicht eine Rolle spielt. Auch regional gibt es eklatante Unterschiede. In den Stadtstaaten Bremen und Berlin liegt die Quote der Schwangerschaftsabbrüche mit 109 respektive 90 je 10.000 Mädchen an der Spitze. Auch Brandenburg (55), Hamburg (59), Mecklenburg-Vorpommern (58), Sachsen-Anhalt (54) und Schleswig Holstein (52) verzeichnen deutlich mehr Teenager-Schwangerschaftsabbrüche als der bundesweite Durchschnitt. Mögliche Erklärungen hierfür sind, dass in den großen Städten die soziale Kontrolle geringer ist und/oder es in den strukturschwachen Regionen schlechtere Bildungs- und Berufsperspektiven und weniger positive Vorbilder für junge Frauen gibt.
Mangelnde Perspektiven scheinen allerdings vor allem in den neuen Bundesländern ein Grund dafür zu sein, dass schon sehr junge Frauen Kinder bekommen: In wirtschaftlich besonders betroffenen Krisenkreisen wie Uecker-Randow (Mecklenburg-Vorpommern), Bernburg (Sachsen-Anhalt) oder in Brandenburg an der Havel werden etwa zehn Prozent aller Neugeborenen von Müttern unter 20 Jahren zur Welt gebracht. Selbst im deutschlandweit kinderreichsten Kreis Cloppenburg in Westniedersachsen liegt dieser Wert nur bei 4,4 Prozent.


Literatur und Links zum Thema:

Statistisches Bundesamt: www.destatis.de
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: "Jugendsexualität", Köln 2006. Im Internet abrufbar unter www.sexualaufklaerung.de
"Ärztliche Gesellschaft zur Gesundheitsförderung der Frau: www.aeggf.de

 

   
     
 

Wenn die Deutschen stiften gehen
Die deutsche Stiftungslandschaft blüht und gedeiht: Darüber informiert der StiftungsReport 2007, den der Bundesverband Deutscher Stiftungen und das Berlin-Institut erarbeitet haben

Stiftungen in Deutschland haben eine lange Tradition. Die ersten Einrichtungen dieser Art entstanden bereits im Mittelalter. Damals waren es vor allem Kirchen und weltliche Fürsten, die Stiftungen mit sozialen und mildtätigen Zwecken gründeten. Seit 1980 hat sich vor allem in Westdeutschland ein ungebrochener Stiftungsboom entwickelt. Denn viele Unternehmer der Nachkriegszeit sind nicht nur zu Wohlstand gekommen, sondern haben auch ein Alter erreicht, in dem man sich Gedanken um den sinnvollen Fortbestand des eigenen Kapitals macht.
Die Stiftungslandschaft ist also im Aufbruch - aber wo treibt sie hin? Orientieren sich die gemeinnützigen Organisationen an den neuen Bedürfnissen der heutigen Gesellschaft oder frönen sie eher der Kunst und Kultur? Welche Ziele verfolgen die neu entstandenen Bürgerstiftungen, in denen sich engagierte Menschen mit Geld und Ideen zusammentun, um die Geschicke ihres eigenen kommunalen Umfeldes in die Hand zu nehmen?
Der StiftungsReport 2007 liefert Analysen und Statistiken zum deutschen Stiftungswesen, informiert über Trends und Ziele der Philanthropieszene und berichtet in Interviews mit Praktikern - vom SAP-Mitbegründer und Multimilliardär Hasso Plattner bis zum Ex-Außenminister und heutigen Chef der Deutsche-Telekom-Stiftung Klaus Kinkel - aus dem Alltag deutscher Stifter.
Hochburg des Stiftungswesens unter den deutschen Städten ist Hamburg mit der höchsten absoluten Zahl an Stiftungen. Gemessen an der Einwohnerzahl erweist sich allerdings Frankfurt am Main als rekordverdächtig. Auffällig viele Stiftungen sind in Städten angesiedelt, in denen bürgerschaftliches Engagement und Eigenverantwortung der Bewohner auf eine lange Tradition zurückblicken können, etwa in den Hansestädten Hamburg und Bremen. Heutzutage finden sich Stiftungen aber auch vermehrt dort, wo Universitäten und Verwaltungszentren zuhause sind. Stiftungen widmen sich der Wissenschaft und Forschung, dem Umwelt- und Naturschutz, sozialen und kulturellen Zwecken - Bereichen also, für die der Staat tendenziell weniger Mittel hat, oder in denen die Bürgergesellschaft wesentlich effizienter als die offizielle Bürokratie arbeiten kann

Wer an Stiftungen denkt, dem fallen oft schillernde Persönlichkeiten wie John D. Rockefeller und Bill Gates oder längst verstorbene, hiesige Unternehmer wie Kurt A. Körber, Fritz Thyssen und Robert Bosch ein. Doch auch in Deutschland werden die Stifter immer jünger. Allerdings ist der mit Abstand größte Stifter im deutschen Staate noch immer der Staat selbst. Das Spektrum der gemeinnützigen Zwecke, die staatliche Stiftungen verfolgen, ist fast ebenso groß wie das Spektrum öffentlicher Aufgaben. Es reicht vom Umweltschutz (Deutsche Bundesstiftung Umwelt), über den Verbraucherschutz (Stiftung Warentest), die Kulturpflege (Stiftung Preußischer Kulturbesitz), die Bildung (Studienstiftung des Deutschen Volkes) bis zu sozialen Zielen (Conterganstiftung).

Anders als früher wird der größte Teil der Stiftungen (87 Prozent seit 1990) heute zu Lebzeiten der Stifter gegründet. Nachlassstiftungen, mit denen die Menschen erst nach ihrem Tod Gutes für die Gemeinschaft tun wollen, verlieren immer mehr an Bedeutung. Der Trend, sich selbst noch aktiv in der eigenen Stiftung engagieren zu wollen, ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass Stifter ihre Tat als persönliche Bereicherung betrachten. Er könnte aber auch ein Beleg dafür sein, dass Menschen heutzutage die Chance haben, in vergleichsweise jungen Jahren zu großen Vermögen zu kommen. Ähnlich wie die Stars der amerikanischen New Economy, von Bill Gates bis zum eBay-Gründer Jeffrey Skoll stiften diese Personen noch zu Lebzeiten Summen, die früher nur in Form einer Erbschaft dem Stiftungswesen zugute kamen.

Keine eigenen Kinder zu haben, motiviert Stifter offensichtlich besonders: 42 Prozent aller Stifter sind ohne Nachwuchs, in der Gesamtbevölkerung sind es lediglich 30 Prozent. Die meisten Menschen entscheiden sich zwischen ihrem 60. und 69. Lebensjahr dafür, eine Stiftung ins Leben zu rufen. Angesichts des demografischen Wandels stehen die Zeichen damit gut, dass in den kommenden Jahren große Summen in Stiftungen übergehen werden. Dies ist sicher die nachhaltigste Form der Gelderhaltung, denn Stiftungen sind verpflichtet, ihr Kapital zu erhalten und inflationssicher zu vermehren. Sie dürfen ihre gemeinnützige Arbeit nur aus den Kapitalerträgen und zusätzlichen Einkünften finanzieren.

Der StiftungsReport wurde vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie der Körber-Stiftung in Hamburg gefördert.

Stiftungsgründungen in Ost- und Westdeutschland 1946-2005

Die Zahl der Stiftungen in Deutschland ist in den letzten zwanzig Jahren stark gestiegen. Spätestens seit den neunziger Jahren kann man in Westdeutschland einen Stiftungsboom beobachten. In Ostdeutschland wächst die Zahl der Neugründungen bedeutend langsamer. Die Gründungswelle nach dem Ende der DDR ist abgeebbt. Diese Entwicklung hängt vor allem damit zusammen, dass in Ostdeutschland weniger Menschen leben und diese zudem über weniger Geld verfügen. Da in Deutschland das Stiftungsvermögen überwiegend aus unternehmerischer Tätigkeit stammt, hat die Gesamtwirtschaft entscheidenden Einfluss auf die Stiftungslandschaft.

Anzahl rechtsfähiger Stiftungen öffentlichen Rechts in den Bundesländern

Das bevölkerungsreichste Bundesland liegt vorne: Nordrhein-Westfalen hat die meisten Einwohner und die höchste Zahl der Stiftungen. Doch die Einwohnerzahl ist nicht alleine ausschlaggebend für die in den Bundesländern unterschiedlich ausgeprägte Stiftungsfreudigkeit: Bayern liegt nur knapp hinter NRW - zählte man die kirchlichen Stiftungen hinzu, läge es sogar vorne. Berlin fällt gegenüber Hamburg deutlich zurück. Ausschlaggebend für die Zahl der Stiftungen scheint also vielmehr das Vorhandensein einer Stiftungskultur zu sein, wie sie insbesondere in den alten Kaufmannsstädten und in Städten mit Universitäten oder mit Verwaltungssitz verbreitet ist. Dass eine solche in der DDR gänzlich fehlte, trägt zur Erklärung der niedrigen Anzahl von Stiftungen in Ostdeutschland bei.

Diese Studie können Sie hier bestellen.

Hinweis in eigener Sache: Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung ist eine Stiftung, mit dem Zweck, Forschung zu demografischen Veränderungen zu betreiben und das öffentliche Wissen und Bewusstsein über gesellschaftliche Veränderungen zu verbessern. Spenden und Zustiftungen ermöglichen die erfolgreiche Arbeit des Instituts. Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an: reiner.klingholz@berlin-institut.org

 

   
     
 

"Mit dem eigenen Geld kann man auch etwas für die anderen tun."
Interview mit Prof. Dr. Andreas Kruse

(Foto: © Institut für Gerontologie/Universität Heidelberg)

Der 1955 in Aachen geborene Altersforscher Andreas Kruse leitet das Institut für Gerontologie an der Universität Heidelberg. Öffentlich bekannt wurde der Wissenschaftler 1987, als er auf dem Stuttgarter Zukunftskongress das Thema Altern als "Chance und Herausforderung" definierte. Seit dem gleichen Jahr agiert er als führender Autor der parlamentarischen Altenberichte des Deutschen Bundestags. Auch innerhalb der demographischen Forschung beschäftigt sich der vielfach ausgezeichnete Forscher mit neuen Rollen und Aufgaben für Ältere. Seit einiger Zeit setzt sich Kruse für den verstärkten Einsatz älterer Menschen in der Zivilgesellschaft ein - und wirbt dabei vor allem für deren Engagement in Bürgerstiftungen.


Die Menschen werden nicht nur immer älter, es wird derzeit auch eine andere Seniorengeneration älter als zuvor. Wie unterscheiden sich diese "neuen" Rentner von ihren Vorgängern?

Die Generation, die momentan in das Rentenalter eintritt, verfügt erstens über eine deutlich bessere Gesundheit. Diese Menschen haben nicht nur eine höhere Lebenserwartung, sondern vor allem eine höhere aktive Lebenserwartung, weil sie in ihrer körperlichen Verfassung sehr viel selbstständiger sind. Krankheiten und funktionelle Beeinträchtigungen verschieben sich immer mehr an das Lebensende. Dies alles gilt allerdings nur für die mittleren und höheren sozialen Schichten. Bei den unteren Schichten ist dieser Effekt wenig zu beobachten.

Ist gesund alt werden auch eine Frage der Bildung?

Eindeutig. Bildung ist die zentrale Voraus­setzung für eine gute Gesundheit im ­Alter. Eine gute Eingangsbildung verschafft guten Zugang zu weiteren Bildungs­möglichkeiten und dies wirkt sich auf die Ernährungsweise und auf die Prävention aus.

Wo liegen die anderen Unterschiede zwischen den alten und den „neuen“ Rentnern?

Zweitens profitieren ältere Menschen vom medizinischen Fortschritt, von der Diagnostik ebenso wie von den Behandlungsmöglichkeiten. Zudem haben wir heute eine ältere Generation mit deutlich höheren finanziellen Ressourcen. Das durchschnittliche Einkommen älterer Haushalte nähert sich immer mehr dem der Durchschnittseinkommen der Gesamtbevölkerung an.

Das klingt nach einer goldenen Rentnergeneration?

In Sachen Bildung, Gesundheit und auch gesellschaftlicher Teilhabe sind wir in der Tat optimistisch. Die ältere Generation verfügt heute im Durchschnitt über hohe Ressourcen. In Bezug auf die materiellen Ressourcen der künftigen älteren Generationen sind wir zurückhaltend.

Warum dies?

Weil wir glauben, dass die Welle der reichen Rentner nur noch etwa 15 Jahre anhält. Die nachfolgenden Jahrgänge werden im Durchschnitt nicht mehr diese hohen Mittel haben. Natürlich wird es auch dann noch gut ausgestattete Generationen geben. Immerhin schätzen wir heute das potenzielle Vererbungsvermögen auf etwa 1,2 Billionen Euro. Aber wir beobachten eben auch die finanziellen Risikofälle, die ins Rentenalter kommen, wegen der heutigen strukturellen Arbeitslosigkeit und wegen unterbrochener Erwerbsbiografien. Während die heutigen Rentner noch einen guten Arbeitsmarkt erlebt haben, sind die nachfolgenden Generationen Ende der 1980er Jahre in strukturelle Arbeitslosigkeit geraten und nach der Wende vor allem in den neuen Bundesländern in die Arbeitslosigkeit. Diese Menschen konnten nur wenige Rentenleistungen aufbauen und werden mit sehr viel weniger auskommen müssen. Wir rechnen in Zukunft also mit deutlich höheren sozialen Ungleichheiten.

Wird das hohe Vererbungsvermögen also in kurzer Zeit aufgezehrt - auf Kreuzfahrtschiffen und mit anderem Konsum? Oder lässt es sich längerfristig erhalten?

Ein Teil bleibt sicher erhalten, denn die ältere Generation hat eine relativ hohe Sparquote. Aber sie gibt auch viel Geld aus. Die 55- bis 70-Jährigen haben
eine sehr hohe Investitionskraft. In einigen Marktsegmenten, etwa bei Reisen, bei der Kleidung oder bei nicht medizinisch indizierten Gesundheitsleistungen, also im ganzen Wellnessbereich, sind sie für 30 bis 50 Prozent der Ausgaben zuständig.

Trotz dieses hohen Wohlstandes in ­Rentnerhand laufen die gesellschaft­lichen Transfers, also die ganzen Sozialleistungen, überwiegend von der mittleren Generation in Richtung Ältere. Die heutigen Erwerbstätigen finanzieren also wohlhabende Rentner, können ihrerseits aber später recht wenig an sozialen Leistungen erwarten. Ist das gerecht?

Diese Frage wagt kaum jemand zu stellen. Ich glaube, wir müssen das Prinzip der Subsidiarität heutzutage anders deuten. Früher hat man gesagt: "Die junge und mittlere Generation kann viel aus eigener Verantwortung leisten. Die Älteren sind auf soziale Leistungen angewiesen." Das müssen wir mehr und mehr umkehren. Wir müssen heute die älteren Menschen fragen: "Was könnt ihr aus eigener Kraft leisten? Ihr habt vielfach die entsprechenden materiellen Ressourcen." Wir müssen fragen, ob die Transfers nicht stärker von Alt nach Jung gehen sollten, denn bei den Jüngeren haben wir ein höheres materielles Risiko als bei den Älteren.

Ist das eine Umkehrung des Generationenvertrages?

Keine Umkehrung. Die mittlere Generation, die Geld verdient, hat auch mehr zu leisten. Aber ich würde den Genera­tionenvertrag durch eine sozial gerechte Eigenvorsorge flankieren. Menschen
mit dem entsprechenden Kapital müssen mit mehr Verantwortung in ihr eigenes Alter investieren, um das System zu ­entlasten.

Was meinen Sie damit?

Ein Beispiel: Im Jahr 2004 waren in den gesetzlichen Krankenversicherungen 29,9 Prozent der Menschen über 60 Jahre. Von ihnen stammen 19,9 Prozent der Einnahmen - aber sie verursachen 42,7 Prozent der Ausgaben. Da ist klar, dass der Einzelne viel mehr in die Eigenvorsorge investieren muss. Und hier müssen wir die Menschen auch sehr viel mehr als verantwortliche Staatsbürgerinnen und Staatsbürger ansprechen. Da können wir viel von der Schweiz und von Japan lernen.

Bei einer wachsenden Zahl von Kinderlosen läuft das Vererbungskapital in eine Sackgasse. Wo sollte dieses Geld bleiben?

Ich habe gewisse Probleme damit, wenn vermögende 80-Jährige auf die Bank gehen und den Finanzverwalter fragen, wie sie ihr Kapital weiter mehren können. Mit dem eigenen Geld kann man auch etwas für andere tun. Dafür brauchen wir beratende Institutionen, die den Menschen zeigen, wie man so etwas tun kann. Wir brauchen als Gesellschaft nicht nur das ideelle Kapital, also das Wissen, sondern auch das materielle Kapital, weil nachfolgende Generationen sehr auf Stiftungen angewiesen sein werden. Wir haben etwa an unserem Institut in Heidelberg ausländische Studenten, die wären froh, wenn sie Stifter hätten. Aber wir finden auch immer wieder Menschen, die bereit sind, unsere Studenten zu unterstützen. Diese müssen eben als mitverantwortlich handelnde Personen angesprochen werden.

Wie kann man diesen gemeinnützigen Gedanken besser vermitteln?

Wir müssen zunächst einmal ganz andere Altersbilder verbreiten. Deutschland ist kein altersfreundliches Land. Alter wird nur thematisiert als Belastung der sozialen Sicherungssysteme. Alte seien nicht innovationsfähig, nicht kreativ, heißt es, was ja alles nicht stimmt. Die Alten müssen begreifen, dass die Gesellschaft ein Interesse daran hat, ihr Wissen zu nutzen. Wenn man die Jungen mit den Alten zusammenbringt und die Jungen fragt, so hört man, dass die Jungen das als Erlebnis beschreiben. Wir dürfen nicht zulassen, dass Menschen nach dem Ausscheiden aus dem Beruf Deutschland verlassen und erst wieder zurückkommen, wenn sie auf Pflege angewiesen sind.

Sind Stiftungen ein Weg, älteren Menschen aufzuzeigen, wo und wie sie sich nützlich machen können?

Auf jeden Fall. Vor allem Bürgerstiftungen. Da kann man auf Ältere zugehen und sagen: "Hier kannst du mit deinen Ressourcen dazu beitragen, dass in deiner Kommune ein Problem gelöst wird." Diese Menschen können Erfahrung zur Verfügung stellen, Wissen - oder materielle Ressourcen. Die Leute, die einen Teil ihres Geldes in Stiftungen stecken, wissen dann, was mit ihrem Geld passiert und sie fühlen sich persönlich angesprochen. Das ist ein vorzüglicher Weg, um eine Solidarität zwischen den Generationen herzustellen. Und die Alten als mitverantwortlich Handelnde anzusprechen.

Und man hätte eine nachhaltige Bindung von Kapital, denn Stiftungskapital muss ja erhalten werden.

Genau daran haben die Alten ein Interesse, dass ihr Kapital erhalten bleibt. Die wollen ja etwas Bleibendes.

Kann man da auch von anderen Ländern etwas lernen?

In der Schweiz etwa läuft das viel besser. Da bekommen meine Universitätskollegen Anrufe von Vermögenden. Die sagen: "Ihr macht da eine tolle Forschung. Ich würde Ihnen gerne drei Millionen Franken zur Verfügung stellen."

Wie lässt sich das Bewusstsein für das Stiften in Deutschland verbessern? Wir stehen ja unter einem gewissen Zeitdruck, denn lange wird es die vielen reichen Rentner nicht mehr geben.

Wir müssen mit diesem Thema viel mehr in die Öffentlichkeit gehen, ins Fernsehen, in die anderen Medien. Wir müssen in den Unternehmen ganz andere Altersbilder schaffen, in ältere Arbeitnehmer investieren, denn in zehn Jahren werden wir diese brauchen. Problematisch waren in diesem Zusammenhang diese Vorruhestandsregelungen. Wenn man großflächig schon den 53-Jährigen sagt, wir brauchen Euch nicht mehr, dann muss man sich nicht wundern, dass sich das auf das gesellschaftliche Altersbild auswirkt.

Was heißt das für die Stiftungen?

Die Stiftungen müssen die nächsten Jahre nutzen.

In welche Bereiche sollten sich diese Stiftungen, auch Bürgerstiftungen, einmischen?

Zum Beispiel im kommunalen Bereich. Im Bildungsbereich für Ältere, um die Selbstorganisation älterer Menschen zu fördern. Um besondere Problemlagen in einer Kommune abzufedern. Und um kulturelle Aufgaben zu übernehmen, welche die Kommune nicht mehr so gut bewältigen kann. Hier in Heidelberg droht gerade das Theater in eine Krise zu geraten. Da sind die Bürger eingesprungen.

Unter engagierten Bürgern gibt es welche mit Zeit, mit Geld und mit Ideen. Wie kann man die Menschen belohnen, die kein Geld zum Stiften haben, sich aber dennoch einsetzen und viel ehrenamtlich leisten?

Da gibt es hochaktive Menschen. Bürgerstiftungen sollten nicht nur Personen aufnehmen, die Geld einbringen, denn es gibt viele, die das nicht können, sich aber inhaltlich engagieren. Ich denke, man sollte für solche Menschen das Ehrenamt auch in die Rentenanwartschaft hineinnehmen.


Das Interview führte Reiner Klingholz.

Nachdruck unter Quellenangabe (Reiner Klingholz / Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung) erlaubt.

Dieses Interview finden Sie auch auf der Homepage des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung in der neu eingeführten Rubrik "Interviews".

 

   
 

 

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