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Ausgabe 33, 23. Mai 2007

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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Armut gehört ins Museum
Vorwort von Professor Muhammad Yunus zu "Mein Wort zählt", dem neuen Buch über Mikrokredite

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Mikrokredite: Kleines Kapital - große Wirkung
Der "Verband Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen" (VENRO) hat gemeinsam mit dem Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung ein Buch über die Wirksamkeit von Mikrokrediten herausgegeben. "Mein Wort zählt" erklärt anhand von Beispielen und Hintergrundinformationen, warum das "kleine Kapital" ein wirksames Mittel zur Bekämpfung der Armut bildet.

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"Der Leidensdruck muss eine bestimmte Höhe erreichen."
Interview mit Dieter Berg

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Armut gehört ins Museum
Vorwort von Professor Muhammad Yunus zu "Mein Wort zählt", dem neuen Buch über Mikrokredite

Armut stellt eine Gefahr für den Frieden dar. Dies wird vor allem an der globalen Einkommensverteilung sichtbar: 40 Prozent der Weltbevölkerung profitieren von 94 Prozent des globalen Einkommens, während 60 Prozent der Weltbevölkerung mit den restlichen sechs Prozent zurechtkommen müssen. Die Hälfte der Weltbevölkerung lebt von zwei Dollar am Tag. Über eine Milliarde Menschen haben weniger als einen Dollar am Tag zur Verfügung. Dies kann keine Formel für Frieden sein.

Frieden sollte auf humane Weise verstanden werden - in einem umfassenden sozialen, politischen und ökonomischen Sinn. Er ist durch ungerechte wirtschaftliche, soziale und politische Rahmenbedingungen, das Fehlen von Demokratie, Umweltzerstörungen und Missachtung der Menschenrechte gefährdet.

Armut beruht vor allem darauf, dass die Menschenrechte nicht eingehalten werden. Eine Gesellschaft bleibt langfristig nur dann friedlich, wenn sie nicht von Frustration, Feindseligkeit und Wut zermürbt ist. Sie muss also Wege finden, den Menschen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.

Ich selbst wurde mit dem Thema Armut nicht als politischer Entscheidungsträger oder Forscher konfrontiert. Die Armut umgab mich einfach von allen Seiten, so dass ich nicht wegschauen konnte. Ich sah arme Menschen in ihrem Kampf um ein kleines bisschen Geld zum Überleben. Ich war erschüttert, als ich eine Frau im Dorf sah, die von einem Händler Geld für den Kauf von Rohmaterial erhielt und ihm dafür zusichern musste, dass er alles, was sie produzierte, zu dem von ihm festgelegten Preis zurückkaufen konnte. Dies ist für mich nichts anderes als Zwangsarbeit.

Als Erstes versuchte ich, die örtliche Bank davon zu überzeugen, Kredite auch an Arme zu vergeben. Dies scheiterte jedoch. Die Bank antwortete mir schlicht, Arme seien nicht kreditwürdig. Nachdem meine Bemühungen in diese Richtung selbst nach mehreren Monaten ohne Erfolg blieben, bot ich mich als Bürge für die Kredite der Armen an. Das Ergebnis war überwältigend. Die Armen zahlten ihre Kredite immer pünktlich zurück! Aber noch immer hatte ich Schwierigkeiten, das Programm mithilfe des bestehenden Bankensystems zu erweitern. An diesem Punkt entschloss ich mich, eine eigene Bank für die Armen zu gründen. Im Jahre 1983 war es dann endlich so weit. Ich nannte sie Grameen Bank oder auch Dorfbank.

Es ist jetzt 30 Jahre her, dass wir mit dieser Bewegung begonnen haben. Heute schauen wir auf die Kinder unserer Darlehensnehmer und sehen die Folgen und Wirkungen unserer Arbeit. Die Frauen, die sich von uns Geld liehen, gaben der Entwicklung ihrer Kinder höchste Priorität. Eine der "Sechzehn Entscheidungen", die von den Frauen selbst entwickelt und befolgt wurden, war die, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Die Grameen Bank ermutigte sie dabei, und binnen kürzester Zeit gingen alle Kinder zur Schule.

Wir schaffen eine neue Generation, die ausreichend darauf vorbereitet ist, ihre Familien dauerhaft vor Armut zu schützen. Wir wollen einen Schlussstrich unter die historische Kontinuität von Armut ziehen.

Ich bin der festen Überzeugung, dass wir eine Welt ohne Armut schaffen können, weil Armut nicht von armen Menschen gemacht wird. Sie wurde herbeigeführt und wird erhalten von ökonomischen und sozialen Systemen, die wir selbst begründet haben; von den Institutionen und Denkmustern, die unser System bilden sowie der Politik, die wir verfolgen.

Armut entsteht, weil unsere Theorien auf Annahmen beruhen, die die menschlichen Fähigkeiten unterschätzen. Die auf diesen Annahmen aufbauenden Ansätze greifen zu kurz. Was wir unter Geschäftsideen, Kreditwürdigkeit oder Unternehmertum verstehen, passt nicht auf Arme. Gleiches gilt für Institutionen, wie beispielsweise Finanzdienstleister, die Armen keinen Zugang gewähren. Armut basiert auf den Fehlern, die auf konzeptioneller Ebene gemacht werden, und weniger auf dem Fehlen menschlicher Fähigkeiten.

Ich glaube fest daran, dass wir eine Welt ohne Armut schaffen können, wenn wir alle gemeinsam daran glauben. Der einzige Platz, an dem man Armut in dieser Welt zu Gesicht bekäme, wäre im "Museum der Armut". Würden Schulkinder einen Rundgang durch dieses Museum machen, sie wären entsetzt über das Elend und die Demütigung, die manche Menschen durchleben mussten. Sie würden ihren Vorfahren vorwerfen, die unmenschlichen Bedingungen geduldet zu haben, unter denen Millionen Menschen so lange leben mussten.

Der Mensch kommt ausreichend dafür ausgestattet auf die Welt, um nicht nur für sich selbst, sondern auch für das Wohlergehen der ganzen Weltbevölkerung Sorge zu tragen. Manche Menschen erhalten die Möglichkeit, ihr Potenzial in gewissem Grade zu entfalten, viele jedoch können es niemals entfalten, weil es ihnen an Gelegenheit dafür fehlt. Sie sterben, ohne sich ihres Potenzials jemals bewusst geworden zu sein, und die Welt bleibt somit ihrer Kreativität und ihres Beitrages beraubt.

Unsere Aufgabe ist es daher, für die ärmere Bevölkerung ein Umfeld zu schaffen, das zu der Entfaltung ihrer Potenziale beiträgt, so dass sie die Armut aus eigenem Antrieb überwinden kann. Sobald der Energie und der Kreativität eines jeden Menschen ein Freiraum gegeben wird, verschwindet Armut.

Dieses Buch und die hinter diesem Buch stehenden Initiativen und Menschen dokumentieren die beeindruckenden Auswirkungen, die lokale Organisationen in ihrem Kampf gegen Unterdrückung und für eine ganzheitliche Verbesserung der Lebensverhältnisse der Armen erreicht haben. An sehr konkreten Beispielen wird dargestellt, wie die Armen - insbesondere Frauen - dem Teufelskreis der Armut entkommen können. Das Buch veranschaulicht, wie die Frauen nicht nur sich selbst geholfen haben, sondern gleichzeitig zur nachhaltigen Verbesserung der Lebenssituation ihrer Kinder, ihrer Familie und der ganzen Gemeinschaft beigetragen haben. Der Schlüssel hierfür liegt im Zugang zu finanziellen Quellen.

Das Buch zeigt jedoch auch, dass es darüber hinaus sehr viel mehr braucht, um eine ganzheitliche Entwicklung und eine Verbesserung der Lebensverhältnisse zu erreichen. Ein grundlegendes Element für eine gemeinschaftliche und partizipative Entwicklung ist die aktive Einbindung der Armen in die Gestaltung und Kontrolle jedweder Entwicklungsmaßnahme.

"Mein Wort zählt" symbolisiert nicht nur die ökonomische Stimme der Frauen. Das Buch verdeutlicht auch, dass Frauen zunehmend Einfluss auf Entscheidungsprozesse auf allen Ebenen nehmen. "Mein Wort zählt" steht für die Selbstachtung und Selbstbestimmung der Frauen, es steht für mehr Mitsprache innerhalb der Familie und für die aktive Teilnahme in politischen Gremien. Und es steht auch für die Kompetenz der Frauen, Entwicklungskonzepte zu gestalten, sie eigenständig zu kontrollieren und zu verbessern. Sie sind nicht einfach nur Empfänger, sie können kompetente, dynamische und kreative Akteure in der Entwicklung ihrer Gemeinschaften sein. Wir müssen nur ein Umfeld schaffen, das zur Entfaltung ihrer Potenziale beiträgt, wir müssen diese Möglichkeiten schaffen!

Lasst uns gemeinsam jedem Menschen eine faire Chance geben, seine Energien und Kreativität zu entfalten.

Prof. Muhammad Yunus

 

   
     
 

Mikrokredite: Kleines Kapital - große Wirkung
Der "Verband Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen" (VENRO) hat gemeinsam mit dem Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung ein Buch über die Wirksamkeit von Mikrokrediten herausgegeben. "Mein Wort zählt" erklärt anhand von Beispielen und Hintergrundinformationen, warum das "kleine Kapital" ein wirksames Mittel zur Bekämpfung der Armut bildet.

Spätestens seit Muhammad Yunus und die von ihm gegründete Grameen-Bank 2006 mit dem Friedensnobelpreis geehrt wurden, ist der breiten Öffentlichkeit klar geworden, wie wichtig Mikrokreditsysteme im Kampf gegen die Armut in Entwicklungsländern sind. Dabei hatte Yunus, der Anfang der 1970er Jahre an der Universität Chittagong im gerade unabhängig gewordenen Bangladesch als Wirtschaftsprofessor lehrte, mit seinem Konzept von Sparen und Mikrokrediten auf der Grundlage gegenseitiger Hilfe nur eine jahrhundertealte Tradition aufgegriffen: Angesichts der bitteren Armut seiner Landsleute erkannte er, dass kleinste Beträge genügen, um ihnen zu wirtschaftlicher Selbstständigkeit zu verhelfen. Allein in Bangladesch hat sich dadurch das Leben von 7,2 Millionen Kreditnehmern, von denen es 64 Prozent geschafft haben, der Armutsfalle zu entkommen, entscheidend verändert.

In dem vom Berlin-Institut verfassten und recherchierten Buch "Mein Wort zählt" kommt gleich zu Beginn eine Frau aus Südindien zu Wort, die schon seit ihrer Kindheit als ungelernte Hilfsarbeiterin ihre Familie ernähren musste. Sie erzählt, wie sie gemeinsam mit anderen Dorfbewohnerinnen eine Selbsthilfegruppe bildete, deren Mitglieder erfolgreich eine Bootsvermietung und einen Blumenhandel betreiben. So wurde sie zur Kleinunternehmerin.


Mitglieder einer Selbsthilfegruppe in Südindien

Dorfbewohnerinnen betreiben gemeinsam einen Blumenhandel.


Das Projekt "NGO-IDEAs", ein Zusammenschluss von 32 südindischen und 14 deutschen nichtstaatliche Organisationen, verfolgt wie jede Entwicklungszusammenarbeit das Ziel, mit der Hilfe von außen so viel zu bewirken, dass die Unterstützten selbständig und eigenverantwortlich handeln und ohne Helfer zurechtkommen. Das gelingt jedoch nur, wenn die entsprechenden Projekte effizient sind. Das heißt, wenn sie die gesetzten Ziele erreichen: Armut bekämpfen, die Rolle der Frauen stärken, die Eigenständigkeit fördern. Doch wie lässt sich das überprüfen? Indem die Wirkungen von Projekten laufend beobachtet werden. Und indem auch die Betroffenen sich an der Analyse der Wirkungen beteiligen. Erst so wird aus dem Prüfen ein Lernen, und das Nachdenken über die Wirkungen selbst zu einem Entwicklungsschritt. Die Entwicklung dieser Selbst-Lern-Prozesse ist Teil des Projektes von "NGO-IDEAs".

Das Projekt ist in Indien angesiedelt. Dort öffnet sich zusehends die Schere zwischen Arm und Reich: Während die indische Wirtschaft boomt, sind die ländlichen Gegenden Indiens noch immer von bitterer Armut und Analphabetentum geprägt. Von einer Milliarde Einwohnern des Subkontinents muss rund ein Drittel mit weniger als einem US-Dollar am Tag auskommen. Doch arm zu sein bedeutet nicht nur, kein Geld zu haben. Wie überall auf der Welt zeigt sich auch in Indien Armut an vielen unterschiedlichen Einzelaspekten: Mangel an Infrastruktur und an Bildung, Krankheiten, Knappheit an Ressourcen wie Wasser, Feuerholz oder Ackerland. Äußere Faktoren wie Naturkatastrophen kommen ebenso hinzu wie ungerechte Machtverhältnisse oder Diskriminierung aufgrund von Kaste, Klasse oder Geschlecht.

Die Erfahrung hat gezeigt, dass es wenig hilft, diese Probleme einzeln anzugehen. Sucht man stattdessen nach den wenigen Knoten, an denen die Problemfäden zusammenlaufen, ergeben sich drei zentrale Maßnahmen, bei denen Entwicklung ansetzen muss: erstens den Menschen Kapital zum Investieren zu geben, zweitens die Eigeninitiative der Menschen zu fördern, vor allem durch Bildung, und drittens die Rolle der Frauen zu stärken. Diese Maßnahmen bieten zwar keine Garantie für eine nachhaltige Entwicklung. Sie sind aber jedenfalls notwendige Voraussetzungen dafür. Im besten Fall entsteht dabei eine Eigendynamik, bei der sich Erfolge in Einzelbereichen gegenseitig verstärken und auf weitere Bereiche positiv ausstrahlen. In der Praxis geschieht dies, indem die Entwicklungsorganisation die Bildung von Selbsthilfegruppen anregt, vor allem von Frauen, und diese dann im Rahmen eines Spar- und Kreditprogramms Erwerbsmöglichkeiten schaffen.


Erfolgreiche Kleinunternehmerinnen in Südindien

Effiziente Entwicklungszusammenarbeit bekämpft Armut, stärkt die Rolle der Frauen und fördert die Eigenständigkeit.


Der größte Erfolg von Muhammad Yunus und der Grameen-Bank besteht möglicherweise darin, dass er das System der Mikrokredite und weiterer Bankdienste für Menschen, die bis dahin als "nicht bankfähig" galten, zu einem viel kopierten Erfolgsmodell in der Entwicklungszusammenarbeit verwandelt hat.


VENRO - Verband Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen e.V. (Hrsg.) / Sütterlin, Sabine: "Mein Wort zählt". Mikrokredite: Kleines Kapital - große Wirkung. 176 S., 15,90 Euro


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"Der Leidensdruck muss eine bestimmte Höhe erreichen."
Interview mit Dieter Berg

(Foto: Copyright Robert Bosch Stiftung GmbH/Foto Susanne Kern)

Der 1951 in Worms geborene Jurist Dieter Berg war zunächst als persönlicher Referent des Rektors der Universität Heidelberg und als Leiter der Rechtsabteilung der Robert Bosch GmbH in Stuttgart tätig. Seit 2003 ist Berg Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch Stiftung GmbH. Die Erträge der GmbH kommen nach der Testamentsverfügung des Firmengründers gemeinnützigen Zwecken zu. Die Stiftung fördert unter anderem Vorhaben auf den Gebieten Gesundheit, Bildung, Wissenschaft, Forschung und Völkerverständigung und betreibt drei Einrichtungen, darunter das Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart.




Manche Stiftungen haben sich der Förderung von Kultur verschrieben, andere investieren in Forschung und Wissenschaft. Wie wichtig sind Stiftungen darüber hinaus als gesellschaftliche Katalysatoren, welchen Einfluss haben sie beim Setzen von politischen Themen?

Dies ist das interessanteste Betätigungsfeld von Stiftungen überhaupt. Wir wollen gesellschaftliche Defizite identifizieren und Lösungsansätze ins Gespräch bringen.

In welchen Feldern sehen Sie denn Defizite?

Beim Thema Demografie zum Beispiel. Personen wie Meinhard Miegel oder Kurt Biedenkopf haben die Problematik schon vor 20, 30 Jahren diskutiert, aber die Politik hat sie nicht erkannt. Wir haben uns als Stiftung vor fünf Jahren für das Thema entschieden, da stand es noch nicht jeden Tag in der Zeitung, und wir befassen uns jetzt mit den beiden demografischen Unterthemen Familie und Alter. Oder betrachten Sie das Thema Integration. Auch das ist nicht neu. Die Robert Bosch Stiftung hat die Integration von Ausländern schon in den 1980er Jahren aufgegriffen, ihre Aktivitäten dann jedoch vorübergehend wieder eingestellt. Da gab es gute Projekte, die bis heute existieren. Aber wir waren damals zu früh und haben auf unsere Arbeit keine breite Resonanz erfahren.

Braucht es eine kritische Masse, bis Themen reif für die gesellschaftliche Diskussion sind?

Der Leidensdruck muss eine bestimmte Höhe erreichen, erst dann kommt ein Thema auf die politische Agenda. Wenn der politische Wille fehlt, lässt sich ein Thema leicht unterdrücken.

Ist in solchen Momenten gerade die Zivilgesellschaft gefordert?

Es gibt Beispiele, dass die Zivilgesellschaft dabei Erfolge hat. Umweltthemen standen lange nicht auf der politischen Agenda. Erst die Zivilgesellschaft hat es geschafft, die Umwelt gegen den Willen der Politik zum Thema zu machen.

Können Stiftungen mehr bewirken, wenn Sie sich bei großen Themen absprechen, um gemeinsam etwas voranzutreiben?

Kartelle zu schmieden ist sicher nicht die richtige Methode. Aber wir sprechen offen mit anderen Stiftungen über jene Themen, mit denen wir uns beschäftigen wollen. Wir sehen in den anderen keine Konkurrenten. Es gibt viele Beispiele, wo Stiftungen kooperieren, um ihre Kräfte zu bündeln.

Wie spielt sich eine Themenfindung bei der Robert Bosch Stiftung ab?

Das beginnt mit Nachdenken bei jedem Einzelnen. Wir alle lesen Zeitung, denken politisch, spüren, wenn ein Thema in der Luft liegt. Dann ziehen wir Fachleute heran, die etwas von der Sache verstehen, um herauszufinden, ob wirklich gesellschaftliche Defizite bestehen und ob diese von Stiftungen bearbeitet werden können. Wir sind ja nicht Experten in allen Bereichen. Wir sind auch darauf angewiesen, dass von externen Fachleuten Ideen an uns herangetragen werden, deren Umsetzung wir dann ermöglichen. Beim Thema Integration zum Beispiel ist es sinnvoll, viele kleinteilige Projekte zu fördern, die auf lokaler Ebene etwas bewirken. Bei anderen Themen, wie der Demografie, kann man nur selten mit kleinen Modellen arbeiten. Angesichts der großen gesellschaftlichen Frage ist es besser, öffentliche Aufmerksamkeit zu schaffen, um so Druck auf die Politik aufzubauen.

Wie lassen sich die Erfolge Ihrer Arbeit messen? Werden Ihre Programme intern evaluiert?

Bei uns wird grundsätzlich alles evaluiert. Wir wollen ja herausfinden: "Hat es etwas gebracht?" Das kann man in vielen Fällen natürlich nicht mit "Ja" oder "Nein" beantworten. Wir haben uns etwa sehr für die Völkerverständigung engagiert. Da geht es um viele Millionen Einwohner, von denen wir immer nur wenige erreichen. Nehmen wir das Beispiel Polen. Da stellen wir heute fest, dass der jetzige polnische Botschafter in Deutschland, der künftige Leiter des deutschen Polen-Instituts in Berlin und der Direktor des Zentrums für Historische Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Berlin Personen sind, die irgendwann einmal von der Bosch Stiftung gefördert worden sind. Diese Menschen sind jetzt in Positionen, wo sie für die Beziehungen zwischen Polen und Deutschland von besonderer Bedeutung sind. Und da ist es gut, wenn diese Menschen unser Land etwas besser kennen, sie uns Deutsche kennen und unserem Land wohlgesonnen sind. Das würde ich als sichtbaren Erfolg unserer Arbeit bezeichnen.

Wie würde der Firmengründer und Stifter Robert Bosch heute handeln?

Robert Bosch hat sich schon in den 1920er Jahren für die Versöhnung zwischen Frankreich und Deutschland eingesetzt und hat die Pan-Europa-Bewegung unterstützt. Deshalb hat die Stiftung Anfang der 1970er Jahre ihren ersten Schwerpunkt in der Völkerverständigung Frankreich gewidmet. Als dann die Bundesregierung ihre Ostpolitik geändert hat und das Verhältnis zu Polen noch schwierig war, haben wir gesagt, es wäre hilfreich, auch einen Beitrag in Richtung Osten zu leisten. Anfang der 1990er Jahre, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, wurde dann der Schwerpunkt Mittel-Ost-Europa eingerichtet. Robert Bosch hat natürlich das deutsch-polnische Verhältnis zu seiner Zeit nicht im Blick gehabt. Aber er hat in seinem Testament festgehalten, dass seine Vorstellungen, die sich damals auf das deutsch-französische Verhältnis bezogen haben, immer im Lichte der jeweiligen Verhältnisse zu bewerten sind. Wir waren im Kuratorium überzeugt, dass Robert Bosch heute gesagt hätte: Wir müssen uns auch Polen zuwenden.

Welches wären heute Roberts Boschs wichtigste Themen?

Erstens das Lindern von Not. Das hat er Zeit seines Lebens betrieben. Wir tun das bis heute. Allerdings nicht in Deutschland, wie Bosch es noch getan hat. Heute gibt es Ärmere in nicht allzu weiter Entfernung, etwa in Osteuropa. Zweitens die Völkerverständigung. Weil er immer das Elend gesehen hat, das der Streit zwischen den Völkern über die Menschen bringen kann und weil er als Unternehmer auch wusste: "Ich kann nur mit den Ländern Geschäfte machen, mit denen ich mich vertrage." Bosch war schon vor dem Ersten Weltkrieg überall auf der Welt vertreten, war schon damals global aufgestellt.

Welche Werte hat Robert Bosch vermittelt?

Qualität war ein ganz hoher Wert und Maßstab für ihn. Und zwar die Qualität sowohl der technischen Produkte wie der Projekte. Letzteres ist auch für die Stiftung ein ganz wichtiges Kriterium. Man macht nicht einfach irgendwas, sondern sieht zu, dass die Sache etwas taugt. Das Zweite, was ihm wichtig war, war Vertrauen. Vertrauen hat etwas mit Ehrlichkeit zu tun. Bosch war ein ehrlicher Kaufmann. So versuchen auch wir mit unseren Partnern umzugehen. Das muss man von der Spitze der Stiftung aus vorleben.

Das klingt nach schwäbisch-pietistischem Denken. Prägt das bis heute die Stiftung?

Ich glaube, Bosch war mehr Schwabe als es heute die Stiftung ist. Aber die Grundprinzipien pflanzen sich sicher auch in der Stiftung fort. Wer protzig auftritt, gewinnt keine Sympathien. Wer bescheiden auftritt, dem hört man vielleicht etwas lieber zu.

Weiß die Öffentlichkeit eigentlich um den großen Einfluss der Stiftungen? Oder sind die Lobbyisten vielleicht viel präsenter? Verkaufen sich die Stiftungen unter Wert?

Wenn Stiftungen unbekannt sind, weil sie zu wenig transparent sind, dann haben wir ein Problem, das im Stiftungssektor in der Tat vorzufinden ist. Aber generell müssen wir uns nicht in den Vordergrund drängen. Wir sollten als Stiftungen im Gegensatz zu Lobbyisten nicht eigene Interessen vertreten, sondern die Themen in den Vordergrund rücken. Wir können mit unseren Projekten an Modellen die Umsetzung von Lösungen demonstrieren, um zu zeigen: So könnte es gehen.

Erwächst daraus eine Verantwortung, gar eine Macht? Sie haben ja offensichtlich einen gewissen Einfluss auf das gesellschaftliche Geschehen.

Was die Finanzkraft anbelangt, ist die Robert Bosch Stiftung sicher eine der Großen im Lande. Ich sehe unsere Arbeit als eine Frage von Verantwortung, nicht als Frage von Macht.

Wenn Stiftungen immer größere Bereiche des sich zurückziehenden Staates übernehmen, könnte der Staat dann irgendwann einmal sagen: "Der Einfluss der Stiftungen wird mir zu groß?"

Wir haben ja erst Anfang der 1990er Jahre angefangen, darüber nachzudenken, dass es in Deutschland noch etwas anders als den Staat gibt. Heute gibt es weniger Verfechter der totalen staatlichen Regulierung. Solange die Stiftungen mit ihren Möglichkeiten verantwortlich umgehen, sehe ich kein Problem. Das wäre anders, wenn Stiftungen versuchen wollten, mit ihren Einflussmöglichkeiten direkten politischen Einfluss zu nehmen, der über das Beseitigen von gesellschaftlichen Defiziten hinausgeht. Diese Gefahr sehe ich gegenwärtig in Deutschland nicht. Ich sehe eher ein Problem darin, wenn der Staat sich aus der Verantwortlichkeit zurückzieht und sagt: „Es gibt ja noch Stiftungen, die diese Aufgaben übernehmen können.“ Es darf nicht Auftrag von Stiftungen sein, staatliche Aufgaben der Daseinsvorsorge zu übernehmen. Wir sollten neue Ideen generieren, bei der Umsetzung helfen und Anstöße zur Weiterentwicklung der Gesellschaft geben. Staat und Stiftungen sind aufeinander angewiesen. Die Stiftungen können es alleine nicht richten. Der Staat kann aber froh sein, wenn manche Dinge von privaten Organisationen betrieben werden.

Belebt Konkurrenz zwischen Staat und Stiftungen womöglich das Geschäft?

Wenn eine Behörde Aufgaben nicht wahrnehmen kann, wie sie es sollte, weil sie das Problem nicht erkannt hat, weil sie die Mittel nicht hat, dann ist es doch recht, wenn dies ein Privater übernimmt. Nur weil es für irgendetwas ein Bundesamt gibt, bedeutet das ja nicht, dass ein Privater es nicht besser könnte. Wer es besser macht, verdient die Anerkennung. Insofern ist Wettbewerb gut.

Eine Möglichkeit von Stiftungen, gesellschaftliche Diskussionen zu katalysieren, ist die Unterstützung von Think Tanks. Dies geschieht in den Vereinigten Staaten mit großem Erfolg. Warum ist diese Kultur in Deutschland so wenig verbreitet?

Think Tanks können nützlich sein. Aber man sollte nicht glauben, dass man mit diesen Einrichtungen alles lösen kann. Auch wir unterstützen die Aktivitäten einiger dieser Think Tanks. Es gibt Dinge, die kann man an den Universitäten alleine nicht behandeln. In Think Tanks kommen Menschen mit guten Ideen aus verschiedenen Bereichen zusammen, die dann im Team Lösungsansätze entwickeln.



Das Interview führte Reiner Klingholz.

Dieses Interview finden Sie auch auf der Homepage des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung in der neu eingeführten Rubrik "Interviews".

Nachdruck unter Quellenangabe (Reiner Klingholz / Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung) erlaubt.

 

   
 

 

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