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Ausgabe 36, 27. Juni 2007

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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Ungewollt kinderlos
Deutschland gehört zu den kinderärmsten Ländern der Welt. Die Familienpolitik versucht seit einiger Zeit, dies zu ändern. Eine neue Studie des Berlin-Instituts untersucht, ob auch die Reproduktionsmedizin einen Beitrag dazu leisten kann

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Großes Potenzial für die Familienpolitik
Fast elf Millionen Menschen zwischen 25 und 59 Jahren in Deutschland sind kinderlos. Aber nur drei Millionen hegten weder jetzt noch früher Kinderwünsche. Sechs Millionen hätten früher gerne Nachwuchs gehabt oder möchten jetzt welchen. Für die verbleibenden zwei Millionen fehlen genaue Angaben

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Ungewollt kinderlos
Deutschland gehört zu den kinderärmsten Ländern der Welt. Die Familienpolitik versucht seit einiger Zeit, dies zu ändern. Eine neue Studie des Berlin-Instituts untersucht, ob auch die Reproduktionsmedizin einen Beitrag dazu leisten kann

12,8 Millionen Menschen zwischen 25 und 59 Jahren in Deutschland wünschen sich sehnlich Kinder oder haben sich früher welche gewünscht. Darunter sind 1,4 Millionen, bei denen es mit dem Schwangerwerden nicht klappte, obwohl sie mehr als ein Jahr lang "probiert" haben. Das Problem ungewollter Kinderlosigkeit aus medizinischen Gründen wurde bislang kaum öffentlich diskutiert. Angesichts sinkender Geburtenzahlen könnte sich dies ändern: Im Mittel der letzten zehn Jahre (1997 bis 2006) kamen in Deutschland jährlich 14.000 Babys weniger zur Welt als jeweils im Vorjahr. Dieser Rückgang fiele noch drastischer aus, wären nicht im Zeitraum 1997 bis 2005 insgesamt rund 95.000 Kinder nach künstlicher Befruchtung geboren worden, also durchschnittlich rund 10.000 Babys pro Jahr.

Eine neue Studie mit dem Titel "Ungewollt kinderlos", die das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung gemeinsam mit dem Institut für Demoskopie Allensbach erarbeitet hat, geht der Frage nach, welchen Beitrag die Fortpflanzungsmedizin zur Abmilderung der demografischen Krise in Deutschland leisten kann. Fazit: Neben einer modernen Familienpolitik und neben vermehrter Prävention zur Vermeidung medizinisch bedingter Unfruchtbarkeit könnte die Medizin Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch helfen und so in gewissem Umfang die Geburtenstatistik erhöhen. Würde die künstliche Befruchtung (In-vitro-Fertilisation oder IVF) in vergleichbarem Ausmaß wie in Dänemark genutzt, dem Land mit der höchsten Zahl von IVF-Behandlungen pro Einwohner, könnten sie sogar einen wesentlichen Beitrag leisten.

In Deutschland betrug 2002 der Anteil der IVF-Kinder an der Gesamtzahl der Neugeborenen 1,9 Prozent, erreichte 2003 sogar 2,6 Prozent, um danach auf 1,4 und schließlich auf 1,0 im Jahre 2005 abzusinken. Der starke Anstieg und der nachfolgende Rückgang sind unter anderem darauf zurück zu führen, dass seit der Gesundheitsreform, die am 1. Januar 2004 in Kraft trat, die gesetzlichen Krankenversicherungen nur noch 50 Prozent der Kosten für maximal drei Behandlungen übernehmen, während sie zuvor vier Behandlungen voll zahlten. 2003 begaben sich deshalb viele Paare in Behandlung, die sonst vielleicht noch gewartet hätten. Der Durchschnittswert für die Jahre 2000 bis 2005 beträgt 1,65 Prozent.

Anteil der IVF-Kinder an der Gesamtzahl der Neugeborenen 2003 in Prozent

Deutschland liegt beim Anteil der Kinder, die nach künstlicher Befruchtung geboren werden, an der Gesamtgeborenenzahl im europäischen Mittelfeld. Deutlich sichtbar ist ein Rückgang dieses Anteils nach der Einführung des Gesundheitsmodernisierungsgesetzes am 1. Januar 2004. Zuvor trugen die gesetzlichen Krankenversicherungen die Kosten für vier Behandlungen in vollem Umfang, danach nur noch für drei Behandlungen und nur zur Hälfte.

In Dänemark hingegen, wo Paare mit unerfülltem Kinderwunsch drei Behandlungen voll bezahlt bekommen, vorausgesetzt, diese werden an einer öffentlichen Klinik durchgeführt, tragen IVF-Kinder in stärkerem Ausmaß zur Geburtenstatistik bei: 2002 lag ihr Anteil an der Gesamtzahl der Neugeborenen bei 4,2 Prozent, im Durchschnitt der Jahre 2000 bis 2005 bei 3,96 Prozent, also fast zweieinhalb Mal höher als in Deutschland.

Berechnungen im Rahmen der neuen Studie des Berlin-Instituts zeigen, dass es bereits erkennbaren Einfluss auf die demografische Entwicklung der Bundesrepublik bis zum Jahre 2050 hätte, wenn der Anteil der nach Befruchtung außerhalb des Körpers zur Welt gekommenen Kinder an der Gesamtzahl der Neugeborenen auf dem durchschnittlichen Niveau der letzten Jahre bliebe ("deutsches Modell"). Deutlich erkennbar wären die Auswirkungen, wenn dieser Anteil ab sofort, das heißt, von 2007 an, auf das Niveau Dänemarks anstiege und dort bis 2050 verharrte ("dänisches Modell").

Nach dem deutschen Modell stiege der Anteil der IVF-Kinder beziehungsweise deren Kinder und Kindeskinder bis zum Jahr 2050 bei den dann Null- bis Vierjährigen auf drei Prozent. Insgesamt würden bis zum Jahr 2050 nach dieser Berechnung rund 750.000 Kinder in Deutschland ihr Leben direkt oder indirekt den Methoden der Reproduktionsmedizin verdanken.

Erstes Szenario - "deutsches Modell"

Die Prognosen für die Entwicklung der Bevölkerung Deutschlands im Jahre 2050 beruhen auf der Basis-Variante der Europäischen Statistikbehörde Eurostat. Mit Hilfe der Bevölkerungsdaten des Jahres 2004 berechnet Eurostat ein Trendszenario 2050 der Bevölkerungsstruktur nach Alter und Geschlecht.
Den vorliegenden Berechnungen des "IVF-Effektes" liegen die Daten über die Neugeborenen nach IVF und Mikroinsemination (ICSI) des Deutschen IVF-Registers (DIR) zugrunde. Die nach einer ausschließlichen Hormonbehandlung oder einer Insemination Geborenen wurden nicht berücksichtigt, weil es dafür keine zentrale Datenerfassung gibt. Sie tragen jedoch ebenfalls zur Jahrgangsstärke bei. Das erste Szenario beruht auf der Annahme, dass der Anteil von IVF-Kindern an der Gesamtzahl der Neugeborenen des jeweiligen Jahres ab 2000 dem Durchschnitt der tatsächlichen Anteile von 2000 bis 2005 entspricht (1,65 Prozent) und bis 2050 konstant auf diesem Durchschnittswert bleibt.


Nach dem dänischen Modell würde der Gesamtanteil der IVF-Kinder einschließlich deren Nachkommen bis in die zweite Generation im Jahre 2050 bei den dann Null- bis Vierjährigen 7,2 Prozent erreichen. Er fiele also fast zweieinhalb Mal so hoch aus wie im ersten Szenario. Insgesamt wären in Deutschland nach dem dänischen Modell bis 2050 1,6 Millionen Kinder zur Welt gekommen, die direkt oder indirekt auf eine Befruchtung außerhalb des Körpers zurückgingen.

Zweites Szenario - "dänisches Modell"

Das zweite Szenario verläuft von 2000 bis 2006 identisch, ab 2007 geht es von dem entsprechenden Durchschnittswert für Dänemark über die Jahre 2000 bis 2005 aus (3,96). Im Jahr 2050 tauchen in der Altersgruppe der dann 50- bis 54-Jährigen die ersten IVF-Kinder auf, die ihrerseits von 1997 an geboren sind, 2016 deren erste Kinder und 2036 die ersten Enkel.

Die gesamte Studie finden Sie im Internet unter www.berlin-institut.org/ungewollt_kinderlos.html.

Für Fragen und Interviews stehen Ihnen Sabine Sütterlin unter 01511-6664949 und Dr. Reiner Klingholz unter 030-31017560 oder 0171-5078390 zur Verfügung.

 

   
     
 

Großes Potenzial für die Familienpolitik
Fast elf Millionen Menschen zwischen 25 und 59 Jahren in Deutschland sind kinderlos. Aber nur drei Millionen hegten weder jetzt noch früher Kinderwünsche. Sechs Millionen hätten früher gerne Nachwuchs gehabt oder möchten jetzt welchen. Für die verbleibenden zwei Millionen fehlen genaue Angaben

Rund 70 Prozent der 25- bis 59-jährigen Bevölkerung in Deutschland haben Kinder, 30 Prozent sind kinderlos. Nur acht Prozent in dieser Altersgruppe bleiben jedoch freiwillig ohne Nachwuchs. Fast ein Viertel der befragten Altersgruppe wünscht sich aktuell ein Kind, genau 22 Prozent. Darunter fallen 13 Prozent bisher Kinderlose und neun Prozent, die bereits Eltern sind und ihre Familie vergrößern möchten. Hinzu kommen weitere 14 Prozent, die früher einmal ein erstes oder ein zusätzliches Kind wollten. Zusammengenommen sind das 36 Prozent. Das heißt, bei 12,8 Millionen Frauen und Männer zwischen 25 und 59 Jahren blieb der Wunsch nach einem Kind (bis jetzt) unerfüllt.

Das sind die Ergebnisse mehrerer repräsentativer Umfragen, die das Institut für Demoskopie Allensbach für die neue Studie "Ungewollt kinderlos" des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung durchgeführt hat.

Die Ergebnisse der Allensbach-Befragung im Überblick

Fast ein Drittel aller Erwachsenen zwischen 25 und 59 Jahren in Deutschland ist kinderlos. Bei den bisher Kinderlosen mit aktuellem unerfülltem Kinderwunsch wird das Fehlen des richtigen Partners als Hauptgrund genannt. Ungefähr jeder siebte Befragte mit derzeitig unerfülltem Kinderwunsch gibt an, es habe mit dem Schwangerwerden nicht geklappt. Die Vermutung liegt nahe, dass dies medizinische Ursachen hat.


Kinderwünsche Kinderloser

Eltern und ihr Wunsch nach weiteren Kindern

Die Ursachen für unerfüllte Kinderwünsche sind vielfältig und haben bei Kinderlosen und Eltern, die mehr Nachwuchs wollen oder früher gewollt hätten, unterschiedliches Gewicht. Bei den Kinderlosen gibt fast die Hälfte an, es habe (bisher oder damals) am richtigen Partner gefehlt. Erst danach kommen finanzielle Erwägungen oder Befürchtungen, Kinder seien mit den beruflichen Ambitionen nicht vereinbar. Eltern, die sich zusätzliche Kinder wünschen, nennen hingegen finanzielle Gründe und den mangelnden Willen des Partners am häufigsten.

Aber auch medizinische Ursachen spielen eine beträchtliche Rolle: "Es hat mit dem Schwangerwerden nicht geklappt", das sagen 34 Prozent der Kinderlosen mit früherem unerfülltem Kinderwunsch und 13 Prozent jener, die zurzeit vergeblich ein Baby zu bekommen versuchen. Bei denen, die bereits Eltern sind und sich früher weitere Kinder wünschten, sind es zwölf Prozent, und bei den Eltern mit aktuellem Wunsch nach weiteren Sprösslingen 15 Prozent. Das bedeutet, dass insgesamt 1,4 Millionen Frauen und Männer in Deutschland gerne Kinder oder mehr Kinder hätten, aber aus medizinischen Gründen keine (mehr) bekommen können.

Gründe für unerfüllte Kinderwünsche von Eltern und Kinderlosen heute

Gründe für frühere unerfüllt gebliebene Kinderwünsche von Eltern und Kinderlosen

82 Prozent der Frauen, die sich aktuell ein Kind wünschen und bereits ein Jahr oder länger vergeblich versuchen, schwanger zu werden, haben deshalb schon einen Arzt um Rat gefragt. Aber nur 30 Prozent dieser Gruppe haben ein spezialisiertes Kinderwunschzentrum oder einen Facharzt für Reproduktionsmedizin aufgesucht. Denn die meisten dieser Frauen (77 Prozent), die noch keine reproduktionsmedizinische Hilfe in Anspruch genommen haben, hoffen, es werde auch ohne medizinische Hilfe klappen. Viele sehen die künstliche Befruchtung oder andere reproduktionsmedizinische Methoden als "letzten Ausweg" an, der dann auch erst spät beschritten wird - manchmal zu spät. Denn wie die Allensbach-Befragung zeigt, unterschätzen die 25- bis 59-Jährigen die Abnahme der Fruchtbarkeit der Frauen mit zunehmendem Lebensalter massiv: 40 Prozent nehmen an, dass die natürliche Fruchtbarkeit erst ab 40 zurückgehe, weitere 14 Prozent sind sogar der Meinung, dies sei erst ab etwa 45 Jahren der Fall. Tatsächlich geht die natürliche Fruchtbarkeit bereits vom 30. Geburtstag an allmählich zurück, und auch bei reproduktionsmedizinischen Behandlungen wird bei über 30-Jährigen die Wahrscheinlichkeit geringer, dass es zu einer Schwangerschaft kommt.

Für Fragen und Interviews stehen Ihnen Sabine Sütterlin unter 01511-6664949 und Dr. Reiner Klingholz unter 030-31017560 oder 0171-5078390 zur Verfügung.

Die Studie können Sie hier bestellen.

 

   
 

 

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