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Ausgabe 41, 09. Oktober 2007

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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Talente, Technologie und Toleranz - wo Deutschland Zukunft hat
Eine neue Studie des Berlin-Instituts untersucht die Chancen von Deutschlands Regionen in der künftigen Wissensgesellschaft

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Talente, Technologie und Toleranz - wo Deutschland Zukunft hat
Eine neue Studie des Berlin-Instituts untersucht die Chancen von Deutschlands Regionen in der künftigen Wissensgesellschaft

Zwischen den deutschen Bundesländern herrschen große Unterschiede in Wirtschaftskraft und Beschäftigungsangebot. Grund dafür sind die Entwicklungspotenziale, die nicht überall gleich ausgeprägt sind. Ob Potenziale entstehen und sich auch entfalten können, hängt von den politischen und sozialen Rahmenbedingungen ab - etwa von der Wirtschaftsförderung, vom Maß an Bürokratie, aber auch von der Zahl der kreativen Köpfe. Diese Faktoren entscheiden über die Zukunft der Regionen.

Die Zukunftsfähigkeit der Regionen lässt sich aber nicht nur nach gängigen marktwirtschaftlichen Kennziffern wie Bruttoinlandsprodukt oder Pro-Kopf-Einkommen ermitteln. Sondern auch nach neuen Kriterien, die sich in anderen, hoch entwickelten Industrienationen als probate Messgrößen für Innovation und künftiges Wirtschaftswachstum bewährt haben. Demnach gedeihen vor allem "kreative" Gesellschaften, die vorhandenes Wissen am besten und schnellsten zu neuen, lukrativen Produkten und Dienstleistungen kombinieren können. Voraussetzung für diese "kreative Wirtschaft" ist nach dem amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Richard Florida, der die dazugehörige Theorie begründet hat, eine Gesellschaft, in der sich gleichermaßen Talente, Technologie und Toleranz entfalten können.

Das Berlin-Institut hat dieses Modell in der Studie "Talente, Technolgie und Toleranz - wo Deutschland Zukunft hat" erstmals auf die 16 deutschen Bundesländer angewendet. Diese Theorie lässt sich für moderne Wissensgesellschaften belegen: Sie erwirtschaften ihren Wohlstand immer weniger aus Rohstoffen und Massenprodukten, sondern vermehrt aus Know-how und intellektuellen Fähigkeiten. Bildung und Gebildete stellen heute das wichtigste Kapital der hoch entwickelten Gesellschaften, deren Zukunftsaufgabe gerade darin besteht, Lebensqualität mit immer weniger Rohstoffen zu gewährleisten. Aber auch der Umgang mit Neuem und Fremdem hat einen Einfluss auf die Zukunftsfähigkeit: In einer globalisierten Welt, in der Wanderungsbewegungen zunehmen, profitieren jene am meisten, die Migranten gegenüber offen sind und diese, wie auch fremdes Wissen, möglichst schnell und nutzbringend in die Gesellschaft integrieren. Ohne Talente, Technologie und Toleranz kommt eine moderne Wirtschaft nicht aus.

Berlin hat, gemessen an den Kriterien von TTT, das größte kreative Potenzial aller deutschen Bundesländer, gefolgt von Hamburg und Baden-Württemberg. Auch Bayern, Hessen und Bremen schneiden relativ gut ab. Weit abgeschlagen im deutschlandweiten Vergleich sind die ostdeutschen Länder Brandenburg, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern.

Ob ein Bundesland die aus dem TTT-Potenzial resultierenden Chancen auch in bare Münze umsetzen kann, ist eine andere Frage. Denn während Berlin in Sachen TTT an der Spitze liegt, fällt die Hauptstadt bei einem Vergleich der Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaftsstandorte weit zurück. Verschiedenen Studien zufolge besetzen in puncto tatsächlicher Wirtschaftsstärke die Länder Bayern und Baden-Württemberg sowie Hessen und Hamburg die Spitzenplätze. Berlin liegt in dieser Wertung trotz seines Bonusses als Hauptstadt sogar hinter Sachsen, dem wirtschaftlichen Vorzeigeland in den neuen Bundesländern.

Berlin hat als Großstadt in Sachen TTT ähnliche Voraussetzungen wie die Hansestadt Hamburg. In diesen beiden Metropolen tummeln sich deutschlandweit die meisten Kreativen, und kulturell herrscht die größte Offenheit. Doch während es die Hamburger schaffen, aus ihren Fähigkeiten einen überproportionalen Wohlstand zu erwirtschaften, hinkt die Hauptstadt hinterher: Dort liegt die Arbeitslosigkeit nach wie vor auf hohem Niveau, vergleichsweise wenig neue Stellen werden geschaffen, und auch die Industrie ziert sich mit Neuansiedlungen.

Aus der Analyse wird deutlich, wo die Entwicklungsdefizite der Regionen liegen. Während beispielsweise Berlin kaum Nutzen aus seinen hohen Ausgaben im Forschungs- und Entwick-lungsbereich zieht und deshalb seine Ansiedlungspolitik für Wirtschaftsunternehmen verbessern sollte, investiert Hamburg trotz einer guten Standortpolitik zu wenig in Forschung und Technologie. Würde die Hansestadt diese einzige Schwäche beheben, würde sie das bundes-weite TTT-Ranking anführen. Aber auch die wirtschaftlich erfolgreichen Regionen im Süden Deutschlands könnten ihre Attraktivität weiter verbessern. Vor allem Bayern entspricht mit einem vergleichsweise hohen Maß an Vorbehalten gegenüber Fremdem nicht dem Bild einer modernen weltoffenen Technologieregion.

Bedenklich ist die Situation für die neuen Bundesländer. Sie haben nach den Kriterien von Talenten, Technologie und Toleranz relativ geringes Potenzial. Vor allem mangelt es an Offenheit gegenüber fremden Einflüssen. Dies aber ist die Voraussetzung für eine Zuwanderung von Qualifizierten, die künftig vermehrt aus dem Ausland kommen werden. Zuwanderung wiederum wäre dringend geboten, weil Deutschlands Osten aufgrund der massiven Abwanderung vor allem junger Frauen und der sehr niedrigen Kinderzahlen aus eigener demografischer Kraft kaum eine langfristige Überlebenschance hat. Das heutige Wachstum in den neuen Bundesländern beruht im Wesentlichen auf Transferleistungen und ist deshalb kaum nachhaltig. Auch das zeigt die vorliegende Untersuchung.

Die Analyse der "kreativen Wirtschaft", gemessen an den Kenngrößen Talente, Technologie und Toleranz, zeigt also in Deutschland vor allem den Unterschied zwischen Potenzial und Wirklichkeit. Sie weist damit auf Defizite bei der ökonomischen Entwicklung hin. Während sich in anderen Industrieländern ein klarer Zusammenhang zwischen den drei T und der Regionalentwicklung nachweisen lässt, ist dies in Deutschland nur mit Einschränkungen der Fall. Der Grund dafür liegt vor allem in der speziellen Situation des Landes nach der deutschen Wiedervereinigung, die zu starken Belastungen der Standorte im Osten und durch die massive Förderung zu Verzerrungen des Wettbewerbs geführt hat.

Dennoch - auch in Deutschland sind Talente, Technologie und Toleranz, also alle drei T, Voraussetzungen für Wachstum. Wo sie zusammenkommen, sammelt sich eine kritische Masse an Humanvermögen, Infrastruktur und Lebensqualität, die kaum zu schlagen ist: erstens gut ausgebildete Fachkräfte, vor allem in Zukunftsbranchen wie der Informationstechnologie und den Ingenieurwissenschaften; zweitens eine Forschungslandschaft mit qualitativ hochwertigen Ausbildungsstätten und der Möglichkeit, das Wissen in gewinnträchtige Erfindungen umzusetzen; und drittens Offenheit und Toleranz gegenüber Migranten, Minderheiten und künstlerisch Aktiven. Denn wo diese Menschen ein Zuhause finden und akzeptiert werden, entsteht ein soziales Klima, in dem sich die Eliten der kreativen Wirtschaft wohl fühlen. Wo diese Eliten leben, denken und arbeiten, entstehen Wohlstand, neue Arbeitsplätze - und ein Umfeld, das weitere Kreative anlockt und zum Bleiben bewegt.


Talent-Index insgesamt

Die Stadtstaaten Berlin und Hamburg liegen bei den Talenten mit deutlichem Abstand an der Spitze. Dort leben überproportional viele Menschen mit so genannten hochkreativen Berufen wie Ingenieure, Architekten oder Medienschaffende. Auffällig ist Hessen mit seinem hohen Anteil an kreativen Berufen, was vor allem der großen Bedeutung des Finanzsektors geschuldet ist. Auch Baden-Württemberg und Bayern weisen sehr gute Talent-Werte auf. Der Osten Deutschlands ist (mit Ausnahme von Berlin) wenig anziehend für kreative Talente. Das liegt zum einen an der Wirtschaftslage, aber auch an der mangelnden Attraktivität vieler Standorte. Allein Sachsen kann sich gegen diesen Trend stemmen.



Technologie-Index insgesamt

Beim Technologie-Index liegen Welten zwischen den besten und den schlechtesten Bundesländern - Baden-Württemberg meldet bezogen auf die Einwohnerzahl zehnmal so viele Patente an wie Mecklenburg-Vorpommern. Allerdings gibt das süddeutsche Bundesland auch einen viermal so hohen Anteil seines Bruttoinlandsproduktes für Forschung und Entwicklung aus. Obwohl Schleswig-Holstein und das Saarland wenig in Forschung und Technologie investieren, gemessen am Bruttoinlandsprodukt sogar weniger als Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen, erzielen sie in Sachen Patente größere Erfolge. Dies liegt daran, dass die ostdeutschen Bundesländer mit ihren Universitäten zwar junge Menschen für die Zukunft fit machen, sie aber anschließend nicht halten können und deswegen wenig von dem geschaffenen Humanvermögen profitieren. Dieser Braindrain kommt vor allem den süddeutschen Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg zugute, die deutlich mehr Hochtechnologie erzeugen, als es die Ausgaben für diesen Bereich glauben machen.

Toleranz-Index insgesamt

Sachsen ist nach den vorliegenden Indikatoren das kulturell am wenigsten offene Bundesland - es gibt kaum Ausländer, wenige Kunstschaffende, und rechtsextreme Parteien erreichen bundesweit die höchsten Wahlergebnisse. Mit Ausnahme der traditionell weltoffenen Metropole Berlin schneiden alle Ost-Bundesländer beim Toleranz-Index schlecht ab. Das liegt daran, dass es vor der Wende wenig Zuwanderung gab, und auch seither wenig gute Gründe für eine Zuwanderung vorliegen. Nicht nur Menschen aus dem Ausland meiden die neuen Bundesländer, auch Qualifizierte aus dem Westen Deutschlands, vor allem die "Bohemiens" halten sich zurück. Offenbar, weil sie die Regionen, aus welchen Gründen auch immer, nicht für attraktiv genug halten. Erfahrung hilft ganz offensichtlich beim Umgang mit Ausländern: In Hamburg, Berlin und Bremen, den Bundesländern mit den höchsten Ausländeranteil, sind die Vorbehalte gegenüber Mitbürgern aus anderen Ländern am geringsten. Das bei Wirtschafts- und Wachstumsindikatoren erfolgsverwöhnte Bayern schafft es beim Toleranz-Index nur auf deutsches Mittelmaß: Rechtes Gedankengut fällt hier auf vergleichsweise fruchtbaren Boden. Womöglich ist das ein Grund dafür, dass es Kulturschaffende deutlich weniger nach Bayern zieht als nach Berlin oder Hamburg.


TTT-Index 2005

Die Tabelle zeigt alle deutschen Bundesländer geordnet nach ihrem TTT-Indexwert - dem Mittelwert der Indexwerte von zehn Indikatoren zu Talenten, Technologie und Toleranz. Am besten schneidet die Bundeshauptstadt ab. Doch trotz bester Ausgangsbedingungen setzt Berlin das kreative Potenzial nur schlecht in Innovation um - sichtbar etwa an der Zahl der Patentanmeldungen, wo die Hauptstadt noch hinter Rheinland-Pfalz oder Niedersachsen zurückfällt. Abgeschlagen sind die neuen Bundesländer, die vor allem durch mangelnde Offenheit Fremdem gegenüber an Boden verlieren.

Für Fragen und Interviews stehen Ihnen Steffen Kröhnert unter 030-22324844 und Dr. Reiner Klingholz unter 030-31017560 zur Verfügung.

Die Studie "Talente, Technolgie und Toleranz - wo Deutschland Zukunft hat" können Sie hier bestellen.

 

   
 

 

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