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Ausgabe 44, 06. November 2007

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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Fisch - wichtige Proteinquelle und knappes Gut
Die Nachfrage nach Fisch steigt: 2009 wird der weltweite Markt für Aquakultur und Fischerei mehr als 123 Millionen Tonnen umfassen.

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Wird Japan ein Zuwanderungsland?
Lange Zeit war Japan nahezu frei von Menschen aus anderen Ländern. Jetzt ist ein Streit darüber entbrannt, ob das Land Zuwanderung braucht.

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Fisch - wichtige Proteinquelle und knappes Gut
Die Nachfrage nach Fisch steigt: 2009 wird der weltweite Markt für Aquakultur und Fischerei mehr als 123 Millionen Tonnen umfassen.

Die jüngst veröffentlichte Studie "Aquacultures and Fisheries: A Global Strategic Business Report" von Global Industry Analysts hat ermittelt, dass der globale Fischverbrauch weiter ansteigt. Laut Angaben der Food and Agricultural Organization (FAO) der Vereinten Nationen lag der weltweite Fischverbrauch bereits 2003 bei 132 Millionen Tonnen, während er 1950 noch 19 Millionen Tonnen betrug. Seitdem hat sich der Verbrauch damit um 600 Prozent erhöht. Auf den menschlichen Konsum entfallen davon 103 Millionen Tonnen, der Rest wird vor allem für die Produktion von Fischmehl und Ölen genutzt.

Weltweit bildet Fisch für rund eine Milliarde Menschen den Grundlieferanten von tierischem Eiweiß. Das betrifft insbesondere die Küstenregionen, in denen der Zugang normalerweise zuverlässiger ist. In Indonesien, Japan, Sri Lanka, Bangladesch und Kambodscha trägt Fisch bei der Ernährung zu rund 50 Prozent des gesamten tierischen Eiweißes bei.

Zu den zehn größten Fischfangnationen gehören seit 1992 dieselben Länder, wobei auf China und Peru allein ein Viertel des weltweiten Fischfangs entfällt. Die durch das Bevölkerungswachstum gestiegene Nachfrage und neue Fangmethoden haben dazu geführt, dass die Meere immer intensiver befischt und häufig sogar überfischt sind. Noch Anfang der fünfziger Jahre galten der FAO zufolge über 60 Prozent der 200 Fischarten, auf die etwa 65 Prozent des Fischfangs entfallen, als gering befischt. Schon Anfang der siebziger Jahre war dieser Anteil auf unter zehn Prozent gefallen, seit Ende der siebziger Jahre trifft dies auf keine der 200 Fischarten mehr zu.

Meeresfisch

Während 1974 lediglich zehn Prozent der Fischbestände auf offener See als überfischt oder bereits erschöpft galten, liegt ihr Anteil seit Mitte der achtziger Jahre bei gut einem Viertel. Darüber hinaus sind mehr als die Hälfte der Fischbestände am biologischen Limit befischt. Nur ein knappes Viertel der Fischbestände gilt als moderat oder gering befischt - darunter ist jedoch keine der 200 für den menschlichen Konsum wichtigsten Fischarten.

Die steigenden Preise und der Zugang zu billigem, wildem Fisch haben in bedeutender Weise abgenommen. Fische aus Aquakulturen ersetzen zunehmend die Fische aus dem ehemaligen Wildfang. Während in den frühen fünfziger Jahren die weltweite Zucht in Aquakulturen weniger als eine Million Tonnen umfasste, lag sie 2004 bei 59,4 Millionen Tonnen. Seit 1970 ist der Fischzucht- beziehungsweise Aquakultur-Sektor um beinahe neun Prozent und damit schneller als jeder andere Lebensmittelsektor gewachsen.

Der Asien-Pazifik-Raum ist im Bereich der Fischerei- und Aquakulturproduktion mit einem geschätzten Anteil von rund 60 Prozent für 2006 die führende Weltregion. Allein China kam 2005 auf beinahe 50 Millionen Tonnen, davon entfallen gut 32 Millionen auf die Aquakultur- und gut 17 Millionen auf die Fischereiproduktion. Europa und Japan stellen weitere produktionsstarke Regionen für Fischerei und Aquakultur. In Deutschland wurden 2005 in der Fischerei-Industrie insgesamt rund 330.000 Tonnen produziert, davon knapp 45.000 Tonnen in Aquakulturen.

Der Pro-Kopf-Konsum sowohl von hoch- als auch von niedrigwertigem Essfisch in den Entwicklungsländern wird den Berechnungen der Global Industry Analysts zufolge steigen. Eine Ausnahme bildet Afrika südlich der Sahara, wo der Markt ebenso wie in den Industrieländern stagnieren wird. In den meisten Entwicklungsländern wird die Nachfrage der Haushalte nach Fisch und anderen Tierprodukten aufgrund von Verstädterung, steigendem Einkommensniveau und Bevölkerungswachstum zunehmen. 2020 werden Indien, Lateinamerika und China sich voraussichtlich in Nettoexporteure verwandelt haben. Bereits 2002 entfielen 91 Prozent der gezüchteten Fische auf Asien.

Das Wachstum der Weltbevölkerung befördert den steigenden Marktanteil von Aquakulturen, insbesondere in den wohlhabenden Industrienationen. Dadurch verringert sich die Kluft zwischen der Nachfrage nach Fisch und Meeresfrüchten und dem tatsächlichen Zugang zu diesen Produkten.

Literatur / Links

Bundeszentrale für politische Bildung: Globalisierung, 2007
FAO: The State of the World Fishery and Aquaculture 2006, 2007
Fishupdate.com, 30. July, 2007

 

   
     
 

Wird Japan ein Zuwanderungsland?
Lange Zeit war Japan nahezu frei von Menschen aus anderen Ländern. Jetzt ist ein Streit darüber entbrannt, ob das Land Zuwanderung braucht.

Japan, das zehntbevölkerungsreichste Land der Welt, erlebt einen noch massiveren demografischen Wandel als Deutschland. Die Kinderzahl je Frau liegt mit einem Wert von 1,25 unter dem hiesigen Niveau, die Lebenserwartung ist um dreieinhalb Jahre höher. Die Alterung der Gesellschaft verläuft also schneller, die Bevölkerung schrumpft seit dem Jahr 2005 und sie wird dies künftig mit höherer Geschwindigkeit als in Deutschland tun. Vor allem ländliche Gebiete haben bereits deutlich an Einwohnern verloren und den Prognosen zufolge wird sich dieser Prozess bald auf die Städte ausweiten. Bis zum Jahr 2050 rechnet das Gesundheitsministerium des Landes mit einem Bevölkerungsrückgang von 27 Millionen - von über einem Fünftel der heutigen Einwohnerschaft. Dennoch hat Japan bis dato sehr wenig Zuwanderung erlebt.

Ende Oktober 2007 hat das internationale Symposium "Migration und Integration" in Tokio gezeigt, wie wenig Japan auf die künftigen Veränderungen vorbereitet ist. Die öffentliche Diskussion, ob Zuwanderer die demografischen Veränderungen abfedern können, steht ganz am Anfang. Eine offizielle Einwanderungspolitik existiert bislang nicht und Integrationsbemühungen seitens der Regierung sind unbekannt.

Bis vor 30 Jahren bildeten die Japaner eine nahezu hermetische Gesellschaft, die selbst die Existenz von ethnischen Minderheiten im eigenen Land geleugnet hat. Bis heute haben viele Japaner keinerlei Kontakt zu Ausländern. Inzwischen aber leben 2,1 Millionen Menschen aus anderen Nationen auf dem Inselreich, die meisten davon in Tokio. Die Ausländer machen 1,6 Prozent der Gesellschaft aus, ein Wert, der für eine Industrienation extrem niedrig ist. In Deutschland etwa haben fast 20 Prozent aller Bürger einen Migrationshintergrund.

Jährliche Netto-Migrationsrate (je 1.000 Einwohner) im Mittel der Jahre 2000 bis 2005

Unter den Industrienationen weist Japan eine extrem niedrige Zahl von Zuwanderern auf. Nach Deutschland kommen sieben Mal mehr und nach Spanien sogar 25 Mal mehr Menschen aus anderen Ländern (Quelle: UN-Population Division 2006).



Netto-Migration 2000 bis 2005 (in Tausend)

Quelle: UN Population Division (2006)


Flüchtlinge unerwünscht

Anerkannte Zahl der Flüchtlinge zwischen 1990 und 1999

Im letzten Jahrzehnt hat Japan gerade mal 49 Flüchtlinge anerkannt und aufgenommen. Weil die Bedingungen ungewöhnlich rigoros sind, ersuchen ohnehin wenige Menschen Asyl in Japan. Kanada oder Deutschland haben im gleichen Zeitraum über 100.000 Flüchtlinge aufgenommen (Quelle: UNHCR, 2000).

Die Zuwanderer setzen sich aus wenigen Nationalitäten zusammen: Bis Mitte der 1980er Jahre kamen vor allem Koreaner (die als Bewohner der ehemaligen japanischen Kolonie mit dem japanisch-koreanischen Friedensvertrag von 1952 ihre japanische Nationalität verloren hatten) sowie Japanischstämmige aus China ins Land. Ende der 1980er Jahre setzte eine erste Welle von Arbeitsmigration ein, da die boomende Industrie dringend Hilfskräfte brauchte. 1990 verzeichneten 58 Prozent aller japanischen Firmen einen Arbeitskräftemangel. Um den Begriff "Zuwanderung" zu umgehen, wurden die meisten Migranten als "Trainees", "Students" oder "Researcher" beschäftigt, die nur für begrenzte Zeit im Land bleiben dürfen, nicht dem Arbeitsrecht unterliegen sowie für reduzierte Gehälter deutlich unter dem japanischen Minimallohn und ohne Sozialversicherung arbeiten. Offiziell gilt dieses Programm als entwicklungspolitische Maßnahme, denn die Billigarbeitskräfte sollen neu erworbenes Wissen mit in ihre Herkunftsländer zurücknehmen. Andere Zuwanderer erhielten "Entertainer"-Visa, vor allem Frauen, die im Rotlicht-Milieu landeten. Obwohl in Japan 920.000 Nichtjapaner arbeiten, haben nur rund 400.000 den offiziellen Status einer Arbeitskraft.

Neben Koreanern und Chinesen kommen vor allem Brasilianer nach Japan. Es sind die Nachfahren von Japanern, die in den 1920er Jahren nach Südamerika ausgewandert waren und dort eng mit der japanischen Kultur verbunden blieben. Über 300.000 von ihnen sind bisher zurückgekommen, viele leben in kleinen Städten wie Oizumi, nordwestlich von Tokio, wo sie einen Anteil von 16 Prozent ausmachen. Zusätzlich gibt es eine größere Zahl von legal und illegal eingereisten Filipinos, die so genannte "ddd-jobs" (day care, dirty, demanding) annehmen, also "dreckige" und "anstrengende" Arbeiten verrichten oder im Pflegebereich tätig sind. Hinzu kommt eine kleine Migrationselite, bestehend aus Professoren, Journalisten oder Managern wie dem in Brasilien geborenen französischen Nissan-Chef Carlos Ghosn.

Billige Arbeitskräfte für das Toyota-System

Zahl der in Japan registrierten Ausländer nach Herkunftsländern

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam eine begrenzte Menge von japanischstämmigen Menschen aus Korea und China nach Japan. Erst Ende der 1980er Jahre erzwang der Arbeitskräftemangel der boomenden Industrie die Zuwanderung von Billig-Gastarbeitern, die häufig aus Brasilien stammen und Nachfahren von ausgewanderten Japanern sind. Insgesamt liegt der Anteil der Ausländer in Japan bei gerade einmal 1,6 Prozent. Nur wenige werden "naturalisiert", also eingebürgert (Quelle: Arudou Debito: Japans Future as an International, Multicultural Society: From Migrants to Immigrants. In: Japan Focus 2004-2007).

In der öffentlichen Wahrnehmung gelten sämtliche Zuwanderer als Fremde, selbst wenn sie irgendwann einen japanischen Pass erhalten, was nur rund 20.000 Mal im Jahr geschieht. Von politischer Seite wird eine Integration abgelehnt. Die etwa 100.000 Kinder von Zuwanderern erhalten im Allgemeinen nur eine schlechte Schulbildung, die Lehrer sind selten für den Unterricht von nicht oder schlecht japanisch sprechenden Kindern ausgebildet. Für Ausländer besteht nicht einmal eine Schulpflicht, so dass Kinder von Migranten oft gar keine Schule besuchen. Viele Ausländer lernen zwar im Alltag die japanische Sprache, können aber die komplizierten Schriftzeichen weder lesen noch schreiben und bleiben deshalb von einer weiteren Qualifizierung ausgeschlossen.

Für die zukünftige Zuwanderung werden derzeit zwei Extremvarianten diskutiert: Erstens, Japan schottet sich gegen weitere Zuwanderung ab, Ausländer werden als "Gastarbeiter" nur mit temporären Visa ausgestattet, und die Bevölkerung schrumpft stark. Dieser Rückgang an sich wäre kein Problem, denn Japan ist insgesamt dicht besiedelt (337 Menschen auf einem Quadratkilometer, in Deutschland sind es 231) und lebt auch ökologisch weit über seine Verhältnisse. Allerdings dürfte die sich stark beschleunigende Alterung der Bevölkerung zu Schwierigkeiten führen. Während im Jahr 2005 rund 21 Prozent der Japaner über 65 Jahre alt waren (in Deutschland: 23,4), werden es 2050 schon 33,7 Prozent sein (in Deutschland: 28,4). Unter diesen Bedingungen würden die Kosten für das Gesundheitssystem bei gleichzeitigem Rückgang der Arbeitskräfte stark steigen, arbeitsintensive Prozesse würden ins Ausland verlagert und die internationale Wettbewerbsfähigkeit ginge zurück. Japan würde zur "Sonnenuntergangs-Gesellschaft". Dagegen wollen die Befürworter dieser Variante mit einer gesteigerten Produktivität ankämpfen - mit weiterer Robotisierung, längeren Lebensarbeitszeiten und mit mehr Frauen im Erwerbsleben sowie mit massiven Lernprogrammen für Junge wie Ältere, damit die Gesellschaft mit den immer kürzer werdenden Innovationszyklen der modernen Gesellschaft mithalten kann.

Nach der zweiten Variante öffnet sich Japan der globalen Migration, steigert seine Migrantenbevölkerung bis 2020 auf 20 Millionen, erhält dadurch eine wirtschaftliche aktivere Bevölkerung und schrumpft auf lediglich 120 Millionen. Diese Variante ist wahrscheinlicher, denn die meisten Experten glauben nicht, dass das "Toyota-System" der stark vom Export abhängigen japanischen Wirtschaft ohne Zuwanderer funktionieren kann. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass Japan jährlich 600.000 Zuwanderer braucht, will es seinen Lebensstandard und die derzeitigen Steuereinnahmen halten. Wie unrealistisch eine Abschottung gegen Zuwanderung wäre zeigt eine Langfristprognose des National Institute of Population and Social Security Research: Würden Fertilität, Lebenserwartung auf heutigem Niveau verharren und kämen keine weitere Zuwanderer ins Land, schrumpfte Japans Bevölkerung bis 2200 auf weniger als zehn Millionen zusammen und wäre gegen 2300 so gut wie verschwunden.

Vor allem die Versorgung der alternden Bevölkerung könnte ausländische Hilfe erfordern: "Bis 2015 fehlen allein 500.000 Pflegekräfte", sagt Nana Oishi von der International Christian University in Tokio. "Es ist aber fraglich, ob wir so viele bekommen können, denn bis heute finden sie in Japan keine attraktiven Arbeitsbedingungen. Länder wie Kanada bezahlen für Pflegepersonal wesentlich mehr und bieten weit bessere Einwanderungsbedingungen."

Literatur / Links

www.dijtokyo.org
Japan Focus - an Asia-Pacific E-Journal

 

   
 

 

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