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Ausgabe 58, 21. Oktober 2008

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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Akademiker sind seltener arbeitslos
In Deutschland entscheidet der Bildungsgrad stärker über die Jobchancen als in den meisten anderen Ländern der EU

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Frauen verdienen weniger als Männer - selbst bei gleicher Arbeit
Rollenbilder und unzulängliche Familienfreundlichkeit stehen mehr gesellschaftlichem Wohlstand und Gerechtigkeit im Weg

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"Der demografische Wandel steht in Italien nicht auf der politischen Tagesordnung"
Interview mit Prof. Dr. Manuela Naldini, Universität Turin, Italien

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Arbeitsmärkte im Vergleich
Die OECD legt jährlich einen Beschäftigungsausblick vor

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Akademiker sind seltener arbeitslos
In Deutschland entscheidet der Bildungsgrad stärker über die Jobchancen als in den meisten anderen Ländern der EU

Geringgebildete haben in Deutschland stärker mit Arbeitslosigkeit zu kämpfen als in anderen Ländern. Das zeigen neue Zahlen des Statistischen Bundesamts: Während in der EU-27 im Durchschnitt 9,2 Prozent der 25- bis 64-Jährigen mit einfachem und sechs Prozent mit mittlerem Bildungsniveau keinen Job haben, sind es in Deutschland 17,7 beziehungsweise 8,2 Prozent. Deutsche mit höherer Bildung sind dagegen nur zu 3,7 Prozent arbeitslos. Das kommt fast einer Vollbeschäftigung gleich.

Nur in Tschechien und in der Slowakei klaffen die Unterschiede zwischen den Arbeitslosenquoten von Bürgern mit hohem und niedrigem Bildungsstand noch weiter auseinander - in der Slowakei sind 41,5 Prozent der Menschen mit einfachem gegenüber 8,6 Prozent derjenigen mit mittlerem und 3,4 Prozent der Bürger mit höherem Bildungsniveau ohne Job. In den anderen EU-Staaten hängen die Chancen auf dem Arbeitsmarkt weniger stark vom Bildungsstand ab. Am dichtesten beieinander liegen die Erwerbslosenquoten in Großbritannien und Irland: Nur 5,9 Prozent der Briten mit einfachem (Irland: 6,1) und 3,6 Prozent derer mit mittlerem Bildungsniveau (Irland: 3,5) haben keinen Job - gegenüber 2,1 Prozent der Briten mit höherem Bildungsniveau (Irland: 2,3).

Durch Bildung an den Arbeitsplatz

In der EU sind Höhergebildete seltener arbeitslos als Geringgebildete. Aber die Unterschiede stechen ins Auge: Bürger mit mittlerer Bildung sind in Deutschland doppelt so häufig ohne Job wie Bürger mit höherer Bildung. Zwar liegt in Deutschland der Anteil der Geringqualifizierten an der Bevölkerung niedriger als in vielen anderen Ländern. Aber hierzulande stehen die Chancen, auf dem Arbeitsmarkt der modernen Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft Fuß zu fassen, für diejenigen, die weder über eine Ausbildung noch über Abitur verfügen, schlechter als in den Niederlanden oder Großbritannien.

Der Arbeitsmarkt zeigt: In der Bildung liegt der Dreh- und Angelpunkt einer vorausschauenden Politik. Die heute niedrigen Kinderzahlen werden dafür sorgen, dass der Wettbewerb um gut ausgebildete Mitarbeiter noch wachsen wird - Zuwanderung allein kann das Problem nicht lösen. Der Staat sollte sich die offensichtlich renditeträchtige Bildung also etwas kosten lassen. Doch Deutschland hat 2005 nur 5,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bildung ausgegeben, im OECD-Mittel waren es 6,1 Prozent. Neben dem Was ist zudem das Wofür entscheidend. Dabei gilt vor allem: Frühe Investitionen führen zu den höchsten Erträgen. Die Leistung und die Chancengerechtigkeit des deutschen Systems, dem es bisher nicht gelingt, bildungsferne Schichten abzuholen und Geringqualifizierte in den Arbeitsmarkt zu integrieren, ließe sich nach dem Modell der nordischen Länder erheblich verbessern, insbesondere durch Frühförderung in Krippen und Kindergärten für alle Kinder.

Seit Jahren macht die OECD in ihren Bildungsstudien darauf aufmerksam, dass Deutschland seine internationale Wettbewerbsfähigkeit gefährdet. Der Strukturwandel zur Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft, die Globalisierung und der technische Fortschritt lassen die Nachfrage nach qualifizierten Mitarbeitern wachsen. Der Fachkräftemangel wird sich verschärfen, wenn nur wenige Studierende die Hochschulen mit einem technischen oder naturwissenschaftlichen Abschluss verlassen. Auch wenn sich die Zahl der Studierenden zwischen 2000 und 2006 leicht erhöht hat, so konnten die meisten anderen Staaten doch größere Zuwächse verzeichnen. Zudem unterscheiden sich in Deutschland die Fächergruppen erheblich: Während sich im Wintersemester 2007/2008 insgesamt sechs Prozent mehr Erstsemester eingeschrieben haben als im Vorjahr, verzeichneten die Ingenieurwissenschaften eine Zunahme von neun Prozent, die Agrar-, Forst- und Ernährungswissenschaften und die Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften jeweils von acht Prozent. Dagegen stieg die Zahl der Erstsemester in Mathematik und den Naturwissenschaften lediglich um drei Prozent und in der Humanmedizin und den Gesundheitswissenschaften nur um zwei Prozent.

Bei den Studierendenquoten findet sich Deutschland auf einem Platz weit unter dem Durchschnitt der OECD-Länder von 37 Prozent: Hierzulande schließen nur 21 Prozent eines Altersjahrgangs ein Studium ab - nur in Griechenland, Slowenien und der Türkei sind es weniger. Demgegenüber kommen die Niederlande auf 43 Polen und Finnland sogar auf 48 Prozent Hochschulabsolventen, Spitzenreiter ist Island mit über 60 Prozent.

Der Anteil der Studierenden wächst

In Sachen Hochqualifizierte liegt Deutschland im internationalen Vergleich unter dem Durchschnitt. Hierzulande erhöht sich der Anteil der Akademiker langsamer als anderswo. Nur in Griechenland, Slowenien und der Türkei verlassen pro Jahrgang weniger Absolventen die Hochschulen mit einem Abschluss in der Tasche.


Literatur / Links

Destatis

OECD: Education at a glance. Paris 2008.

 

   
     
 

Frauen verdienen weniger als Männer - selbst bei gleicher Arbeit
Rollenbilder und unzulängliche Familienfreundlichkeit stehen mehr gesellschaftlichem Wohlstand und Gerechtigkeit im Weg

Im Jahr 2006 lagen in Deutschland die Stundenlöhne von Frauen fast ein Viertel unter denen von Männern. Das zeigen die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Die Einkommenskluft zwischen Frauen und Männern hat sich in den letzten Jahren kaum verändert und ist laut Eurostat, dem Europäischen Statistikamt, im Vergleich mit den anderen Ländern der EU-27 überdurchschnittlich groß. In anderen Ländern herrscht beim Gehalt weitaus größere Geschlechtergerechtigkeit.


Einkommenskluft zwischen Männern und Frauen

In Deutschland ist der Unterschied zwischen den Brutto-Stundenverdiensten von Frauen und Männern doppelt so groß wie in Frankreich - und sogar mehr als siebenmal so groß wie auf dem Inselstaat Malta (2006). Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass in der Bundesrepublik noch immer in vielen Köpfen das Bild des "männlichen Ernährers" vorherrscht und dieses das Gehaltsniveau beeinflusst (Quelle: Europäische Kommission/Eurostat, Zahlen für Estland, Italien und die Niederlande von 2005).

Betrachtet man das allgemeine Einkommensgefälle zwischen Männern und Frauen, so liegt eine der Ursachen dafür in der Berufswahl: Frauen arbeiten häufiger in Lehr- und Pflegeberufen. Hier sind die Löhne meist geringer als in technischen Berufen. Ziel der Politik sollte es sein, das Berufsspektrum von Frauen und Männern weiter aufzufächern. Maßnahmen wie etwa der Girls´ Day können Mädchen stärker zu technischen Berufen ermutigen.

Eine weitere Ursache für das Lohngefälle ist die geschlechterspezifische Arbeitsteilung: Die Hausarbeit sowie die Betreuung von Kindern und anderen Verwandten übernehmen überwiegend Frauen. Sie unterbrechen deswegen auch ihre Erwerbstätigkeit und arbeiten häufiger in Teilzeit als Männer. Gerade bei der Betreuung und Pflege von Familienangehörigen mangelt es oft an ausreichenden und bezahlbaren Angeboten. Die Politik sollte hier bessere Möglichkeiten bieten, Betreuungszeiten für Väter ausbauen, Rückkehrmöglichkeiten in die Berufstätigkeit fördern und Unternehmen ermuntern, flexible Arbeitszeitmodelle einführen. Eher kontraproduktiv ist das Ehegattensplitting, denn es nutzt nicht allen Familien, sondern nur Verheirateten. Frankreich beispielsweise könnte in diesem Punkt als familienpolitisches Vorbild dienen: Dort gibt es ein Familiensplitting, das die Steuerlast nach der Zahl der Familienmitglieder bemisst. Das heißt, das Einkommen wird durch die Anzahl der Eltern plus Kinder geteilt und dann erst besteuert.

Obwohl Frauen immer bessere Berufsabschlüsse vorweisen können, ist die Gehaltskluft geblieben. Offenbar bestehen Barrieren, insbesondere auf dem Weg zu Führungspositionen: Nur in einem der 100 größten deutschen Unternehmen sitzt eine Frau im Vorstand. Bei den Führungspositionen der obersten Bundesverwaltung liegt Deutschland (trotz Kanzlerin) im EU-Vergleich auf dem drittletzten Platz (2007). Insgesamt sieht die Lage in der öffentlichen Verwaltung düster aus: Weniger als 15 Prozent Frauen arbeiten in Abteilungsleiterfunktionen.

Frauen liegen in der Führung hinten

Nur in sechs Ländern der EU-27 erreichen Frauen mehr als ein Drittel der zu besetzenden Führungspositionen. Diese "gläserne Decke" zu durchbrechen, gelingt den Frauen in Lettland, Frankreich und Polen am ehesten. Mit Abstand am schlechtesten schneiden Malta und Zypern ab (Quelle: Europäische Kommission/Eurostat).

Um die Benachteiligung von Frauen zu mindern, sollten Netzwerke gefördert, erfolgreiche Frauen als Vorbilder präsentiert und Beförderungsverfahren transparenter gemacht werden. Eventuell brauche es sogar die Bevorzugung von Frauen beim beruflichen Aufstieg, schlägt ein aktuelles Papier von DB-Research vor, der Forschungsabteilung der Deutschen Bank. In dem Nicht-EU-Mitglied Norwegen etwa sorgt eine Quote für einen Frauenanteil von 40 Prozent in Führungspositionen.

Laut OECD besteht in Deutschland die Tendenz, dass in ein und demselben Unternehmen nicht immer der gleiche Lohn für die gleiche Arbeit gezahlt wird. Daran könnten Seminare zum Thema geschlechterspezifische Vorurteile etwas ändern, die Verhaltensmuster und Kommunikationsstrategien bewusst machen. Vor allem aber müsse Deutschland sein Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verbessern: Dieses bewertet die OECD als mangelhaft, weil bessere Regelungen nur zustande kämen, wenn einzelne Bürgerinnen und Bürger aktiv würden, was großes Engagement erfordere. In vielen anderen Ländern könnten die Antidiskriminierungsbehörden bei Verdacht auf Diskriminierung von selbst Untersuchungen anstoßen.

Eine Umfrage der Unternehmensberatung Kienbaum hat ergeben, dass die Gehaltsfrage mit der Unternehmensgröße zusammenhängt: In Unternehmen mit 2.000 bis 5.000 Mitarbeitern betragen die Gehaltsunterschiede 28 Prozent, bei Großunternehmen (über 5.000 Beschäftigte) verdienen Frauen im Durchschnitt 21 Prozent weniger als Männer.

Die Ungerechtigkeit abzuschaffen, lohne sich auch aus finanziellen Gründen: Wenn Männer schon beim Berufseinstieg mehr verdienten, quasi einen Bonus für ihr Geschlecht erhielten, riskierten die Unternehmen Schadenersatzforderungen, Imageschäden, Attraktivität als Arbeitgeber sowie Vertrauensverluste bei Mitarbeitern, Anteilseignern und Kunden. Zudem schöpften die Unternehmen die Fähigkeiten der gut qualifizierten weiblichen Fachkräfte nicht voll aus.

Es wird voraussichtlich einige Zeit dauern, um dieses alles zu ändern. Aber der demografische Wandel erzwingt Fortschritte bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Ein Mentalitätswandel bei Geschlechterfragen sei überfällig, stellt das Papier der DB Research fest. Es brauche flexiblere Arbeitsmodelle, die es Männern wie Frauen erleichtern, Kinder zu haben und gleichzeitig berufstätig zu sein.


Literatur / Links

BMFSFJ (2008): Chancengleichheit im Beruf macht Fortschritte - allerdings in unterschiedlichem Tempo.

DB Research (2008): Sind Frauen wirklich weniger wert? Ein Blick hinter die Zahlen: Warum Frauen weniger verdienen als Männer und was wir dagegen tun können.

DB Research (2008): Frauen auf Expedition - in das Jahr 2020.

EU-Kommission (2008): Women and men in decision-making. Analysis of the situation and trends.

EU-Kommission/Eurostat

www.business-wissen.de.

Kienbaum Consultants International (2008): Diversity Compliance

Statistisches Bundesamt (2008): Jahr 2006: Frauen verdienten 24 % weniger als Männer

Statistisches Bundesamt (2008): Verdienstabstand zwischen Frauen und Männern

 

   
     
 

"Der demografische Wandel steht in Italien nicht auf der politischen Tagesordnung"
Interview mit Prof. Dr. Manuela Naldini, Universität Turin, Italien

Manuela Naldini lehrt Familiensoziologie an der politikwissenschaftlichen Fakultät der Universität Turin. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Wohlfahrtsstaaten und Geschlechterrollen im internationalen Vergleich, Vereinbarkeit von Familie und Arbeit, Familienpolitik und Frauenerwerbstätigkeit. Gegenwärtig koordiniert Naldini eine Forschungsgruppe im EU-Exzellenznetzwerk EQUALSOC, die sich mit der Arbeitsmarktflexibilisierung und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf beschäftigt.

In Italien liegt die Kinderzahl pro Frau im europäischen Vergleich sehr niedrig, und die Zahl der über 75-Jährigen ist besonders hoch. Ist der demografische Wandel in der italienischen Öffentlichkeit ein Thema?

Ende der 1990er Jahre wurde es ein wichtiges Thema. Die Regierung ergriff - ich würde sagen, irrelevante - Maßnahmen, um die Kinderzahlen zu erhöhen. Eltern erhielten beispielsweise einen "Baby Bonus" bei der Geburt des zweiten Kindes. 2004 eingeführt, war er zwei Jahre lang in Kraft und wurde jeweils der Haushaltslage angepasst. Dann wurde er für ein Jahr ausgesetzt und 2006 erneut für ein Jahr eingeführt. Dieser Baby Bonus wurde nicht nur für das zweite, sondern auch für das erste Kind verteilt. Inzwischen ist er wieder abgeschafft.

Das klingt nicht nach einer besonders kontinuierlichen Familienpolitik. Erhielten alle Mütter in Italien den Baby Bonus, auch die Immigrantinnen und Alleinerziehende?

Nur die, die eine italienische Staatsbürgerschaft besitzen. Aber es war keine Voraussetzung, verheiratet zu sein.

Was denkt die italienische Öffentlichkeit über den "demografischen Wandel"?

Es wird viel darüber geredet, in der Art "wir müssen die Kinderzahlen erhöhen", "wir müssen etwas für die Familien tun". Oft wird den Frauen die Verantwortung zugeschoben. Sätze wie "sie wollen keine Kinder bekommen", "sie wollen ihr eigenes Leben führen", "sie wollen arbeiten", sind nicht ungewöhnlich. Auf jeden Fall ist der Gedanke verbreitet, dass die Familiengründung unterstützt werden sollte. Die Italiener sind überwiegend der Meinung, dass es gut ist, ein Kind zu haben, auch mehrere, aber nur, wenn man einen sicheren Job hat, der den Wohlstand der Nachkommen gewährleistet. Das Problem ist, dass die wenigsten Italienerinnen und Italiener einen solchen Job haben, bevor sie Mitte dreißig sind. Das beeinflusst wiederum stark die Möglichkeit, ein zweites Kind zu bekommen - das wird schwierig.


Kinderlose Italienerinnen

Nirgendwo in Europa gibt es so viele Frauen im potenziellen Mutteralter, die keine oder noch keine Kinder haben, wie in Italien. Aber nur wenige wollen wirklich ohne Nachwuchs bleiben. Hingegen ist der Kinbderwunsch in Ländern wie Österreich, Belgien oder Deutschland weit weniger ausgeprägt.


Mit Ihrer Kollegin Teresa Jurado Guerrero haben Sie ein "Südeuropäisches Modell" der Familie und des Wohlfahrtsstaates entwickelt, das sich Ihnen zufolge in Italien, Spanien, Portugal und Griechenland findet. Was kennzeichnet das Modell?

Im Wesentlichen drei Aspekte: eine niedrige Kinderzahl pro Frau, eine starke Solidarität zwischen den Generationen und eine starke Aktivität der Frauen im Bereich Kinder- und Altenversorgung. Letzteres ist das Ergebnis davon, dass es an privaten und öffentlichen sozialen Leistungen für Kinder und ältere Menschen mangelt.

Worin liegen die Ursachen dafür, dass sich dieses "Südeuropäische Modell" von Familien und Wohlfahrtsstaat herausgebildet hat?

Erstens herrschten in diesen Ländern autokratische Regime, bevor sie die Demokratie eingeführt haben. Diese Regime führten eine streng pro-natalistische, gegen Frauenerwerbstätigkeit gerichtete und auf Ungleichheit zwischen den Geschlechtern ausgelegte Politik. Als Gegenreaktion war beispielsweise in den 1950er bis 1970er Jahren in Italien der Widerstand dagegen groß, dass sich die Politik in Familienangelegenheiten einmischt, insbesondere durch Familienpolitik. Dasselbe gilt für Spanien nach Francos Tod und dem Ende des faschistischen Regimes 1975.

Zweitens hatte in den südeuropäischen Ländern die katholische Kirche immer einen großen Einfluss auf das Zusammenleben der Familien, sowohl auf die Ehe als auch auf das gesellschaftliche Leben im Allgemeinen. Zum Beispiel bei der Erziehung der Jüngsten und der Sozialisation der Kinder. Außerdem bot die Kirche selbst soziale Dienstleistungen an. So organisierte die Kirche etwa in Italien bis in die 1960er Jahre die Kinderbetreuung, und in Spanien werden die ganz kleinen Kinder immer noch oft von Nonnen oder Mönchen unterrichtet.

Drittens haben diese Länder eine ähnliche ökonomische Entwicklung hinter sich. Die ist gekennzeichnet durch eine späte Industrialisierung, wobei die Industrie - mit der Ausnahme von Italien - nie eine dominante Rolle gegenüber den Dienstleistungsberufen übernommen hat. Spanien, Portugal und Griechenland entwickelten sich direkt von Agrar- zu Dienstleistungsgesellschaften. Dabei haben viele ehemalige Bauern ihre Arbeit verloren. Gerade der männliche Ernährer bekam Probleme, einen Job zu finden. Diese Knappheit wurde als Rechtfertigung verwendet, um Frauen die Erwerbstätigkeit zu verwehren.

Viertens waren sich die Politiker in diesen Ländern einig, wo die Politik eingreifen sollte: Sie fühlten sich als Vertreter der Werktätigen und Gegenspieler der großen Unternehmen. Für die Familien und das Wohlergehen der Kinder fühlten sie sich nicht verantwortlich. Diese Auffassung geht wiederum auf die katholische Kirche zurück, die die Familie als natürliche Einheit begreift, die selbst für ihr Auskommen sorgen muss.

Sind in der Folge die Generationen in diesen Ländern stärker aufeinander angewiesen als anderswo?

Ja. In Italien beispielsweise leben Kinder, Eltern und Großeltern länger unter einem Dach zusammen als in anderen Ländern. Und wenn sie nicht in einem Haus wohnen, so zumindest in der Nachbarschaft, nur ein paar Minuten entfernt.


Junge Italiener bleiben am längsten im elterlichen Nest

In ganz Europa ziehen junge Menschen heutzutage später von zu Hause aus als dies bei früheren Jahrgängen der Fall war. Insbesondere in den Mittelmeerländern Griechenland und Italien bleiben junge Männer weitaus länger bei ihren Eltern wohnen als etwa ihre Altersgenossen in Dänemark oder Estland. In Italien haben mehr als die Hälfte der 25- bis 29-Jährigen, deutlich mehr Männer als Frauen, noch keinen eigenen Haushalt gegründet.


Und die Frauen managen traditionell die Familie?

Vor allem die Frauen, entweder Familienmitglieder oder andere, organisieren und übernehmen die Sorge für die Kinder und die Älteren.

Aber die Abwesenheit staatlicher Politik muss ja nicht unbedingt dazu führen, dass die Frauen diese Aufgaben übernehmen, sie könnten sich diese Arbeit ja mit den Männern teilen. In Italien gab es in den 1970er Jahren eine starke Frauenbewegung, hat das etwas verändert?

In Italien war die Frauenbewegung wichtig für Gesetze, etwa bei den Punkten Gewalt gegen Frauen und Abtreibung. Aber sie hatte keinen Einfluss auf die Arbeitsteilung in der Familie.

Aber ändert der demografische Wandel daran etwas? Nehmen wir mal an, die einzige Tochter verlässt das Dorf, um in einer anderen Stadt zu arbeiten, und gründet dort eine Familie - oder es gibt gar keine Tochter. Wer übernimmt dann die Fürsorge?

Wenn Eltern nur ein männliches Kind haben, ist es wahrscheinlicher, dass sich dieses Kind später verantwortlich fühlt für seine Eltern und deren Pflege übernimmt. Der erwachsene Mann wird nicht die ganze Fürsorge seiner Frau überlassen. In den Geschlechterverhältnissen hat der demografische Wandel in Italien durchaus etwas verändert. Aber er steht nicht auf der politischen Tagesordnung.


Das Interview führte Margret Karsch.

Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut) erlaubt.

 

   
     
 

Arbeitsmärkte im Vergleich
Die OECD legt jährlich einen Beschäftigungsausblick vor

Einmal jährlich veröffentlicht die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) einen Beschäftigungsausblick, der detaillierte Informationen über die Arbeitsmarkt- und Beschäftigungssituation in den Mitgliedsländern enthält. Ziel des Berichtes ist es, höhere Beschäftigung, nachhaltiges Wirtschaftswachstum sowie steigenden Lebensstandart zu fördern. Angesichts einer immer älter werdenden Bevölkerung, sinkender Fertilitätsraten und Wanderungsbewegungen benötigen die OECD-Länder flexible und effiziente Arbeitsmärkte.

Der aktuelle Bericht hebt positiv hervor, dass Arbeitsmarktreformen in den OECD-Ländern einiges verbessert haben. Die durchschnittliche Arbeitslosenquote betrug im Jahr 2007 5,6 Prozent, das sind 0,3 Prozent weniger als im Oktober 2006 und 0,9 Prozent weniger als im September 2005. Darüber hinaus hat sich die Beschäftigungsquote erhöht. Zwei Drittel der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter gehen einer Beschäftigung nach, ein Wert, der bisher noch nicht erreicht worden war.

Aber noch immer gibt es Bevölkerungsgruppen, die von dem Fortschritt ausgeschlossen sind. Laut dem aktuellen Beschäftigungsausblick tritt in vielen Unternehmen Diskriminierung am Arbeitsplatz nach wie vor häufig auf. Besonders betroffen sind Frauen und Angehörige ethnischer Minderheiten. Frauen sind am Arbeitsmarkt nach wie vor unterrepräsentiert, die Wahrscheinlichkeit eine Erwerbstätigkeit auszuüben ist bei dieser Bevölkerungsgruppe um 20 Prozent geringer als bei männlichen Mitstreitern. Gleichzeitig verdienen sie bei gleicher Tätigkeit durchschnittlich 17 Prozent weniger als Männer. Bei Angehörigen ethnischer Minderheiten fällt die Arbeitssuche trotz gleicher Qualifikationen deutlich länger aus als bei Mitgliedern der Majorität. Auch Jugendliche, ältere Menschen und Behinderte sind in vielen OECD Ländern am Arbeitsmarkt unterrepräsentiert. Der Bericht beschäftigt sich daher auch mit der Frage, wie gleichwertige Beschäftigungschancen für alle Akteure des Arbeitsmarktes gewährleistet werden können.

Die OECD geht darüber hinaus der Frage nach, wie der Konjunkturzyklus die Jugendarbeitslosigkeit prägt und wie schnell junge Menschen ins Berufleben einsteigen können. Dies verläuft in den einzelnen Ländern unterschiedlich. Während Jugendliche in den USA, Korea, Großbritannien und Irland nach weniger als zwei Jahren eine Festanstellung gefunden haben, dauert es in Deutschland, Griechenland, Italien und Spanien bis zu vier Jahre. In der Übergangszeit gehen viele Jugendliche einer Teilzeitbeschäftigung nach, der Anteil dieser Gruppe hat sich in den letzten Jahren erhöht. Für viele Jugendliche ist es schwer, im Anschluss den Sprung in die Festanstellung zu schaffen.

Der Bericht beschäftigt sich auch mit informeller Beschäftigung - also im Wesentlichen Schwarzarbeit - in sieben OECD-Ländern und der Frage, wie die Staaten dieser entgegenwirken können. Schließlich werden ausführlich die Auswirkungen des Arbeitsmarktes auf die Gesundheit und die Rolle multinationaler Unternehmen analysiert, die im Zuge der Globalisierung stetig zunimmt.

Die OECD legt mit dem Band eine Studie über die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung und gleichzeitig einen Ausblick auf das Jahr 2009 vor. Zu Beginn eines jeden Kapitels werden die wichtigsten Ergebnisse vorgestellt. In allen Kapiteln werden die Ergebnisse statistisch aufbereitet. Detaillierte grafische Darstellungen illustrieren die Beispiele. Die Tabellen und Grafiken sind mit einem Link versehen, so dass die entsprechenden Daten herunter geladen werden können.

OECD (Hg.): OECD Employment Outlook 2008. Paris. 368 S., 80 Euro

 

   
 

 

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