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Ausgabe 67, 12. März 2009

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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Alt und behindert
Eine neue Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung zeigt, wie sich der demografische Wandel auf Menschen mit lebenslanger Behinderung auswirkt

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Alt und behindert
Eine neue Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung zeigt, wie sich der demografische Wandel auf Menschen mit lebenslanger Behinderung auswirkt

Jeder zwölfte Bundesbürger besitzt einen Schwerbehindertenausweis. Die meisten dieser 6,7 Millionen Personen sind im Rentenalter und wegen einer langjährigen Erkrankung in ihrem Leben eingeschränkt. Doch nur ein Bruchteil davon braucht Unterstützung im Alltag.

Wer tägliche Begleitung und Unterstützung benötigt, hat einen Anspruch auf Leistungen zur Eingliederungshilfe, zum Beispiel auf einen Platz im Heim, in einer Werkstatt für behinderte Menschen oder im ambulant betreuten Wohnen. Die meisten von ihnen haben eine so genannte geistige oder mehrfache Behinderung. Ihre Zahl ist wesentlich geringer als die Gesamtzahl der Schwerbehinderten. So arbeiten etwa 214.000 Personen in Werkstätten. Vor dem Hintergrund einer stetig steigenden Lebenserwartung und der Alterung der Gesellschaft wächst auch die Zahl derer, die mit wesentlichen Behinderungen alt werden und ins Rentenalter hineinwachsen.

Dieses Phänomen ist neu - zumindest für Deutschland: Die Nationalsozialisten hatten mit ihrer Vernichtungspolitik das Leben von Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen systematisch ausgelöscht. Erst die nach dem Krieg Geborenen können deshalb jetzt in größerer Zahl ein höheres Alter erreichen. Außerdem zogen Behinderungen früher häufig erhöhte Sterberisiken nach sich. Da sich die Lebensbedingungen auch für Menschen dieser Bevölkerungsgruppe in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert haben, ist ihre Lebenserwartung in den vergangenen Jahrzehnten stark angestiegen. Sie wird sich vermutlich in Zukunft weiter jener der Durchschnittsbevölkerung annähern.

Diese Entwicklung hat Folgen für die Einrichtungen und Dienste der Behindertenhilfe: Sie müssen sich auf mehr ältere Menschen einstellen. Nicht nur weil ihre Klienten und Nutzer altern, sondern auch, weil erwachsene Menschen mit Behinderung, die lange bei ihren eigenen Eltern leben konnten, vermehrt auf professionelle Hilfe angewiesen sein werden, wenn diese aus Altersgründen nicht mehr für sie da sein können.

Im Alltag der Einrichtungen bedeutet das: Personen, die ihren Lebensmittelpunkt lange in einer Werkstatt für behinderte Menschen hatten, werden Rentner. Sie sind nun auch tagsüber an ihrer Wohnstätte auf Unterstützung angewiesen. Wenn sie älter werden, steigt der Anteil Pflegebedürftiger unter ihnen. Da zu erwarten ist, dass künftig nicht weniger junge Menschen mit lebenslanger Behinderung auf Unterstützung angewiesen sein werden, wird vermutlich auch die Gesamtzahl der Hilfeberechtigten ansteigen. Das Berlin-Institut skizziert in der von der Software AG - Stiftung geförderten Studie die zahlenmäßige Entwicklung sowohl von Personen mit Schwerbehindertenausweis als auch in Einrichtungen der Behindertenhilfe in mehreren Szenarien.

Alterung in den Heimen für Menschen mit Behinderung

Unter den Bewohnern stationärer Einrichtungen für behinderte Menschen waren 2006 erst wenige im Rentenalter. Für eine Projektion der zahlenmäßigen Entwicklung wurden zwei Annahmen getroffen: Erstens, dass diese Menschen innerhalb weniger Jahre die durchschnittliche Lebenserwartung der Gesamtbevölkerung erreichen; zweitens, dass ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung in den Altersgruppen unter 50 Jahren gleich bleibt. Treffen die Annahmen zu, werden die oberen Altersgruppen bald deutlich stärker besetzt sein.

Aber noch aus anderen Gründen dürfte die Zahl der Unterstützungsbedürftigen anwachsen: Denn während sich die heute erwachsenen Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung auf einen Ruhestand nach der Werkstatt einstellen können, wird in den Sonderschulen mit Förderschwerpunkt geistige Behinderung - also Schulen, die sich auf Kinder mit geistiger Behinderung spezialisiert haben - der Nachwuchs auf ein Berufsleben in der Werkstatt vorbereitet. Knapp ein Prozent aller Schüler wird wegen einer geistigen Behinderung sonderpädagogisch gefördert, nur 2,2 Prozent von ihnen in einer Integrationsklasse. Fast alle Abgänger arbeiten später in einer Behindertenwerkstatt.

Nicht ganz so absehbar ist der weitere Lebensweg der anderen Schüler auf Sonderschulen, die wegen einer Lernbehinderung oder Sprachproblemen gefördert werden. Ihr Anteil an allen Schülern wächst ebenfalls. Insgesamt werden 5,8 Prozent aller Schüler sonderpädagogisch gefördert, 16 Prozent von ihnen integrativ in einer Regelschule. Die Chancen von Sonderschülern auf einen regulären Arbeitsplatz aber sind generell kaum besser als die der Schüler mit geistiger Behinderung. Nur etwa 20 Prozent von ihnen erreichen einen Hauptschulabschluss, zwei Prozent einen Realschulabschluss und ein Prozent das Abitur. Immer mehr Menschen mit Lernbehinderung, also vergleichsweise leichten intellektuellen Einschränkungen, und sehen keine Alternative, als Eingliederungshilfe zu beantragen um dann in Werkstätten zu arbeiten. Der gleiche Trend ist bei Personen mit psychischer Behinderung zu beobachten, deren Zahl ebenfalls seit vielen Jahren ansteigt. Sowohl, was den Besitz von Schwerbehindertenausweisen betrifft, als auch in der Behindertenhilfe.

Immer mehr Schwerbehinderungen sind Folgen von Psychosen

Während die Zahl aller Schwerbehinderten seit 1987 von 5,1 auf 6,7 Millionen gestiegen ist, hat sich die Zahl derer unter ihnen, die wegen einer Psychose einen Schwerbehindertenausweis besitzen, fast verdreifacht. Und das ist noch die Untergrenze sämtlicher Fälle, da längst nicht alle Menschen mit chronischen psychischen Krankheiten einen Schwerbehindertenausweis beantragen.

Insgesamt bedeutet das: Es wächst nicht nur die Zahl der älteren Menschen mit Behinderung, sondern es gibt auch mehr "Quereinsteiger" in die Behindertenhilfe. Gleichzeitig wachsen die Ausgaben der Sozialämter: Seit es die Eingliederungshilfe gibt, steigt die Zahl der Hilfeempfänger und der Aufwendungen.


Immer mehr Menschen erhalten Eingliederungshilfe

Die Zahl der Personen, die Anspruch auf Eingliederungshilfe für behinderte Menschen haben, ist seit 1980 von 200.000 aus verschiedenen Gründen auf mehr als 600.000 angestiegen. Auch die Ausgaben wachsen - sowohl absolut als auch pro Empfänger.

Den steigenden Kosten-, beziehungsweise Einspardruck geben die Sozialbehörden immer nachdrücklicher an die Einrichtungen weiter. Wenn sich also nichts Grundlegendes an dem bestehenden System der Sondereinrichtungen für behinderte Menschen ändert, ist zu befürchten, dass sich die Versorgung der Betroffenen verschlechtert.

Es besteht aber auch die Möglichkeit, dass unter dem Kostendruck Reformen möglich werden, die Experten seit langem in der Behindertenhilfe anmahnen. So ist sich die Fachwelt weitgehend einig darüber, dass Menschen mit Behinderung weniger ein isoliertes Leben in Sonderwelten führen, als vielmehr in die Gesellschaft integriert werden sollten. Würde beispielsweise der Grundsatz "ambulant vor stationär" umfassender verwirklicht, hätten mehr Betroffenen persönliche Freiheiten. Umfragen zufolge würde die Mehrheit von ihnen das Leben in den eigenen vier Wänden gegenüber einem Heimplatz bevorzugen. Ein weiteres, bis dato wenig genutztes Prinzip ist das des "Persönliches Budgets". Dabei geht das Geld für die Eingliederungshilfe direkt in die Hände der Menschen mit Behinderung, die dann selbst entscheiden, welche Art von Hilfe sie in Anspruch nehmen wollen.

Tatsächlich sind wohnortnahe, selbst bestimmte und auf den individuellen Bedarf zugeschnittene Hilfen oft kostengünstiger: Für die ambulante Betreuung in den eigenen vier Wänden gaben die Sozialämter 2006 rund 7.400 Euro pro Empfänger aus, für die Versorgung im Heim hingegen 26.000 Euro.

Dennoch genügt es nicht, die Sonderwelten wie Förderschulen, Heime und Werkstätten einfach aufzulösen und ihre Nutzer in die Selbstbestimmung zu entlassen. Denn Menschen mit Unterstützungsbedarf brauchen neben konkreter Hilfe auch ein soziales Umfeld, Nachbarn, Kollegen, Bekannte und Freunde - insbesondere, wenn sie alt werden.

Gerade Stiftungen und private Initiativen können in Modellprojekten wie Mehrgenerationenhäusern und Nachbarschaftshilfen zeigen, wie zivilgesellschaftlich Engagierte, unterstützt von Profis der Behindertenhilfe, Sondereinrichtungen überflüssig machen können. Damit ließe sich die beiden vordringlichen Ziele der Sozialpolitik vereinen: die Kosten zu begrenzen und gleichzeitig mehr Teilhabe von Menschen mit Behinderung zu ermöglichen.


Weitere Ergebnisse der neuen Studie "Alt und behindert" finden Sie auf der Homepage des Berlin-Instituts unter www.berlin-institut.org.

Für Fragen und Interviews stehen Ihnen Dr. Reiner Klingholz unter 0 30 - 31 01 75 60 und Ylva Köhncke unter 0 30 - 22 32 48 45 zur Verfügung.

 

   
 

 

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