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Ausgabe 71, 27. April 2009

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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Junge Gesellschaft, viel Landwirtschaft, viel Tourismus
Der "Alpenatlas" zeigt Südtirols Besonderheiten im Vergleich mit anderen Regionen des Alpenraums

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"Wo die Möglichkeiten zur Selbstbestimmung zunehmen, schwinden die Probleme"
Interview mit Hanns-Stephan Haas und Birgit Schulz von der Evangelischen Stiftung Alsterdorf zu aktuellen Herausforderungen in der Behindertenhilfe

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Die Menschen folgen den Jobs
Migranten verändern die Arbeitsmärkte der Herkunfts- und Aufnahmeländer, die Kultur und die politischen Verhältnisse

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In eigener Sache
Neue Artikel im Online-Handbuch Demografie

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Junge Gesellschaft, viel Landwirtschaft, viel Tourismus
Der "Alpenatlas" zeigt Südtirols Besonderheiten im Vergleich mit anderen Regionen des Alpenraums

Der Alpenraum ist eines der wirtschaftlich erfolgreichsten Gebiete Europas. In vielen Diskussionen über Entsiedlung ländlicher Räume, Klimawandel, Transitverkehr und Tourismusentwicklung dienen die Alpen als Beispiel. Der vom EURAC-Institut für Alpine Umwelt und der Universität Innsbruck herausgegebene Alpenatlas gibt einen Überblick über die soziale, wirtschaftliche und ökologische Situation in der gesamten Gebirgszone. Er beschreibt Entwicklungen und ermöglicht sowohl Vergleiche zwischen einzelnen Regionen als auch einen genauen Blick auf bestimmte Gegenden - von Nizza am Fuße der südfranzösischen Seealpen bis Maribor in der slowenischen Untersteiermark.

Das Kompendium liefert die Informationen in Deutsch, Französisch, Italienisch, Slowenisch und Englisch und veranschaulicht sie anhand von mehr als 100 Karten. In der zu dem Projekt gehörenden Datenbank im Internet sind nicht nur die Karten, sondern auch die zugrunde liegenden Daten einsehbar. Leider sind diese oft schon sieben Jahre alt, aber eine sinnvolle Harmonisierung, wie sie bei so vielen unterschiedlichen Quellen und damit Definitionen und Erhebungsmethoden unerlässlich ist, braucht wohl ihre Zeit.

Deshalb ist nicht ganz klar, ob der Alpenraum noch immer 5.888 Gemeinden umfasst, wie es in dem Werk heißt. Denn während sich einzelne Orte innerhalb der Gebirgskette durch den Bevölkerungsschwund förmlich auflösen, wachsen andere zu städtischen Zentren zusammen. Vor allem in Gegenden, in denen die Menschen die Landwirtschaft aufgegeben haben, und wo auch mit Tourismus kein Einkommen zu erwirtschaften ist, lassen sich viele Bedürfnisse jüngerer Leute nicht erfüllen. Diese ziehen weg, und in der Folge haben die Regionen mit Überalterung, Entvölkerung und Isolation zu kämpfen. Auf der anderen Seite finden in sogenannten Gunstlagen Agglomerationsprozesse statt. Die alpinen Zentren sind in den letzten Jahrzehnten gewachsen. Der größte Ballungsraum ist Grenoble in Frankreich mit 415.000 Einwohnern, es folgen Innsbruck mit 250.000 sowie Bozen und Trient in Italien mit 200.000 und Klagenfurt in Österreich mit 150.000 Einwohnern.

Der Alpenatlas analysiert die Gemeinden anhand verschiedener Indikatoren, beispielsweise der besiedelbaren Fläche: Auf nur 17,3 Prozent des Alpenraums lässt sich überhaupt leben. Bezieht man die Bevölkerung von 13,7 Millionen Einwohnern auf diesen Wert und nicht auf die Gesamtfläche, so gehört die Bergregion mit 414 Personen pro Quadratkilometer zu den am dichtesten besiedelten Gegenden Europas. Zum Vergleich: In Deutschland wohnen auf einem Quadratkilometer 231 Menschen, den Rekord innerhalb der EU-27 halten die Niederlande mit 485 Einwohnern pro Quadratkilometer.

Die Ballungszentren, wie Grenoble mit 6.282 Einwohnern pro Quadratkilometer, sind vergleichbar mit denen außerhalb der Alpen - etwa Mailand, wo 6.988 Menschen auf dieser Fläche leben. Berlin hingegen kommt gerade mal auf 3.812 Einwohner pro Quadratkilometer.

Das im Zentrum der Alpen gelegene Südtirol gehört dem Atlas zufolge beinahe zur Hälfte zum sogenannten dynamisch ländlichen Raum, zu dem im Alpenraum insgesamt nur zwölf Prozent der Gemeinden zählen. Diese Gemeinden, darunter beispielsweise Sand in Taufers, Enneberg oder Riffian, zeichnen sich insbesondere durch ihre ländliche Lage, einen dynamischen Arbeitsmarkt und eine intakte Landwirtschaft aus. In Südtirol finden sich auch überdurchschnittlich viele "Tourismusgemeinden" wie Ahrntal oder Corvara. Darüber hinaus gelten neben Bozen, Bruneck oder Meran eine Reihe von Städten und lokalen Zentren als "Arbeitsplatzzentren", die über eine gute Verkehrsanbindung und ein gutes Arbeitsplatzangebot verfügen, so dass sie viele Pendler aus den im Umland liegenden "Wohn- und Schlafgemeinden" anziehen.

In der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol, wie die amtliche Bezeichnung lautet, hat die Zahl der Geburten pro 1.000 Frauen im Alter von 15 bis 44 Jahren wie in den meisten industrialisierten Ländern in den letzten Jahrzehnten abgenommen. Sie lag 2001 allerdings immer noch vergleichsweise hoch, bei 55,2 - gegenüber etwa 46,5 in Deutschland, 47,5 im Alpenraum und 45,9 im übrigen Italien, und selbst das kinderreiche Frankreich kommt nur auf einen Wert von 52,5.

Im Alpenraum kommen wenige Kinder zur Welt

In Südtirol werden mehr Kinder pro 1.000 Frauen im gebärfähigen Alter geboren als in den Alpen insgesamt oder in Frankreich, der Schweiz, Österreich, Deutschland, Italien oder gar Slowenien (Quelle: Alpenatlas/Diamont Database).

Südtirol profitiert davon, dass die Geburtenzahlen auch in der Vergangenheit relativ hoch lagen. Deshalb ist die Jugendquote, also die Zahl der unter 15-Jährigen pro 100 Einwohner zwischen 15 und 64 Jahren, in der Provinz mit 0,25 relativ hoch und liegt etwas über Alpendurchschnitt von 0,24 (Italien ohne Südtirol: 0,20). Das bedeutet zwar gegenwärtig eine sozialpolitische Belastung, da die Kinder Betreuungs- und Bildungsangebote benötigen, für die Zukunft aber auch mehr Erwerbstätige, Steuerzahler und potenzielle Eltern. Die Altenquote, also die Zahl der über 64-Jährigen pro 100 Personen zwischen 15 und 64 Jahren, beträgt demgegenüber 0,23 und liegt damit leicht unter dem Alpendurchschnitt von 0,25 (Italien ohne Südtirol: 0,29). Fast im gesamten Alpenraum liegt die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau jedoch unter der sogenannten bestandserhaltenden Ziffer von 2,1, bei der eine Bevölkerung langfristig stabil bliebe - in Südtirol lag sie 2001 bei 1,53.

Der Alpenatlas bestätigt viele Ergebnisse der Studie "Die demografische Zukunft von Europa" des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung: Die spezifischen Merkmale einzelner Regionen sind oft ausschlaggebender für den ökonomischen Erfolg als die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Mitgliedsstaat der EU-27. Südtirol etwa hat in Hinsicht auf die Bevölkerungsentwicklung mehr Gemeinsamkeiten mit der Nordwestschweiz oder dem badischen Freiburg als mit Kalabrien oder Basilikata im Süden Italiens. Entsprechend schneidet die Region wie der Alpenraum insgesamt in der Studie gut ab, die demografische Indikatoren wie die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau, wirtschaftliche Indikatoren wie das verfügbare Einkommen sowie Indikatoren aus den Bereichen Arbeitsmarkt, Bildung, Wissenschaft und Technologie, Klima und Gesundheit in die Analyse einbezieht.

Literatur / Links:

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Die demografische Zukunft von Europa. Wie sich die Regionen verändern. München 2008.

Diamont Database

Eurac/Universität Innsbruck (Hg.): Alpenatlas. Heidelberg 2008.

Landesinstitut für Statistik Autonome Provinz Bozen (ASTAT)

 

   
     
 

"Wo die Möglichkeiten zur Selbstbestimmung zunehmen, schwinden die Probleme"
Interview mit Hanns-Stephan Haas und Birgit Schulz von der Evangelischen Stiftung Alsterdorf zu aktuellen Herausforderungen in der Behindertenhilfe

Prof. Dr. Hanns-Stephan Haas ist Direktor und Vorstandsvorsitzender der Evangelischen Stiftung Alsterdorf, des größten diakonischen Unternehmensverbunds Norddeutschlands. Der 49-Jährige hat Theologie und Management studiert. Er ist außerdem Direktor der Bundesakademie für Kirche und Diakonie und Vorstandsvorsitzender der Führungsakademie für Kirche und Diakonie in Berlin.

Birgit Schulz ist Vorstandsmitglied der evangelischen Stiftung Alsterdorf, zuvor war sie als Geschäftsführerin der alsterdorf assistenz ost und der alsterdorf assistenz west sowie der Diakonie- und Sozialstation HamburgStadt tätig. Die 55-Jährige hat Sozialpädagogik studiert und arbeitet seit mehr als 25 Jahren in der Stiftung mit Menschen mit Behinderungen.

Die Einrichtungen der Behindertenhilfe müssen damit rechnen, dass ihre Bewohner in großer Zahl das Rentenalter erreichen werden. Das zeigt auch die Studie "Alt und behindert" des Berlin-Instituts. Weil es bisher wenig ältere Menschen mit lebenslanger Behinderung gibt, sind viele Einrichtungen nicht darauf vorbereitet. Was verändert sich mit dem Alter für die Menschen mit Behinderung, wie müssen die Einrichtungen darauf reagieren?

Schulz: Diese Menschen fallen aus ihren Beschäftigungsbezügen heraus und brauchen nun tagsüber eine andere Unterstützung.

Leben die von Alsterdorf betreuten Senioren mit geistiger Behinderung in Heimen?

Schulz: Nicht alle. Es gibt Menschen, die im Heim alt werden und solche, die ambulant betreut leben. Im Zuge der Umstellung von den stationären zu ambulanten Wohnmöglichkeiten in Alsterdorf haben wir auch erlebt, dass Rentner aus dem Heim ausziehen wollten. Das ist auch gelungen. Sie freuen sich jetzt sehr, nach vielen Jahren im Heim endlich mal in ihrer eigenen Wohnung zu leben.

Haas: Der älteste von dieser Gruppe war 83 Jahre alt. Ich habe ihn besucht - er ist wirklich aufgeblüht. Zusammen mit zwei Freunden hat er eine Wohngemeinschaft gegründet. Diese WG ist ein Beispiel dafür, dass dort, wo das Maß an Selbstbestimmung im Leben von Menschen mit Behinderung zunimmt, die Probleme in der Regel nicht zu- sondern abnehmen.

Besteht bei einem Umzug aus dem Heim in das ambulant betreute Wohnen nicht die Gefahr zu vereinsamen?

Schulz: Gerade bei älteren Menschen im Heim mache ich die Beobachtung, dass sie gar nicht so viele Gemeinsamkeiten haben. Ein Heim schützt nicht vor Einsamkeit. Ein Gruppengefühl entsteht eher bei den Betreuern als bei den Bewohnern. Oft haben gerade ältere Menschen Vorbehalte dagegen, so eng mit anderen zusammen zu leben. Das soll aber nicht heißen, dass nicht auch im ambulanten Wohnen Vereinsamung droht.

Was kann man dagegen tun?

Schulz: Wir bieten behinderten Rentnern unterschiedliche Möglichkeiten an, ihren Tag zu gestalten, darunter Einzelbetreuung und Seniorenkreise, zum Beispiel in unseren neuen Treffpunkten, die sich auch für andere Bewohner des Stadtteils öffnen. Was in den Treffpunkten stattfindet, hängt von den Ideen und Bedürfnissen der Besucher ab. In einem hat sich ein Tauschring gebildet, in anderen gibt es einen Mittagstisch oder Bildungsangebote. Neben der Seniorenarbeit haben sich auch die Hausgemeinschaften bewährt: Gemeinschaftsräume und -aktivitäten können Einsamkeit verhindern.

Wie werden diese Aktivitäten finanziert?

Schulz: Über Tagespauschalen im Rahmen einer besonderen Vereinbarung mit dem Sozialhilfeträger zur Umwandlung stationärer in ambulante Leistungen.

Brauchen ältere Menschen mit Behinderung mehr Unterstützung im Alltag als jüngere?

Schulz: Nein. Ich habe am Anfang der Umstellung von "stationär" auf "ambulant" erwartet, dass das Thema Pflege dann eine größere Rolle spielt, aber eigentlich kann man das gar nicht so pauschal sagen: je älter, desto mehr Pflegebedarf.

Die Vergütung des Sozialamtes für Dienstleistungen der Behindertenhilfe-Einrichtungen ist umfangreicher als die Leistung der Pflegeversicherung, und sie richtet sich nicht nach festgelegten Pflegestufen, sondern nach dem individuellen Bedarf. Bei Angehörigen von Demenzkranken beispielsweise könnte dadurch Neid aufkommen: Warum soll meine demenzkranke Mutter nicht diese umfassende Förderung und Therapieangebote erhalten, aber der ältere Mensch mit geistiger Behinderung?

Schulz: Man vergleicht hier Äpfel mit Birnen. Grundsätzlich: Wenn jemand einen Pflegebedarf hat, muss dieser bewältigt werden. Und wenn das in Pflegeheimen nicht so geschieht, wie es nötig wäre, ist das ein Missstand, der verändert werden muss. Behinderte Menschen verlieren, wenn sie älter werden, ja nicht ihre Beeinträchtigung, die sie unabhängig vom Alter haben. Sie können ja in jedem Lebensalter fragen: Warum werden Menschen mit Behinderungen anders behandelt als Menschen ohne Behinderungen? Die Assistenz ist dafür da, ihre Beeinträchtigungen zu kompensieren. Das hört im Alter nicht auf.

Haas: Hier wird unangemessener Neid geschürt. Es geht nicht darum, wer besser versorgt wird. Bei allen sollte das an den Bedürfnissen bemessen werden. Dass das Ganze finanzierbar bleiben muss, versteht sich von selbst. Aber es ist keinem damit geholfen, wenn wir drei Pflegestufen anlegen, nach denen jeder pauschal versorgt wird.

Die Studie "Alt und behindert" stellt unter anderem fest, dass die Nutzerschaft von Behindertenhilfe-Angeboten insgesamt vielfältiger wird. Welche neuen Entwicklungen beobachten Sie?

Schulz: Zu uns kommen immer mehr junge Leute, die ganz andere Erwartungen und Bedürfnisse haben als ältere, die schon lange in einer stationären Einrichtung leben. Mit ihnen den Lebensweg zu planen, bringt neue Impulse und erweitert unser Leistungsspektrum.

Außerdem nehmen immer mehr Menschen Hilfe in Anspruch, bei denen eine psychische Erkrankung - neben anderen Beeinträchtigungen - im Vordergrund steht. Besonders problematisch erlebe ich das bei jungen Menschen mit Lernbehinderung, die zusätzlich eine Suchterkrankung haben. Es gibt kaum Therapieangebote für sie.

Warum steigt die Zahl von Menschen, die wegen psychischer Erkrankungen Unterstützung benötigen?

Schulz: Es wird immer schwieriger, sich in der Welt zurechtzufinden. Soziale Belastungen wirken sich negativ auf die seelische Gesundheit aus.

Haas: Unter anderen hat das auch den Grund, dass die Anzahl der Unterbringungstage in der Psychiatrie dramatisch abgenommen hat. Bei uns in den Landeskrankenhäusern von 151 auf 21 Tage in den letzten Jahren. Solange die psychischen Erkrankungen in Kliniken behandelt werden, werden sie unsichtbar gemacht. Je kürzer die Patienten dort bleiben, desto mehr Unterstützung suchen sie woanders.

In welchen Bereichen zeigt sich das?

Schulz: In allen, in den Bildungs- und Arbeitsbereichen aber mehr als im Wohnbereich.

Was muss sich ändern?

Haas: Wir müssen interessante und differenziertere Arbeitsmöglichkeiten anbieten - nicht nur das klassische Eierkarton-Falten. Einige Menschen mit psychischen Behinderungen, die wir begleiten, erfüllen beispielsweise anspruchsvolle Aufgaben auf Außenarbeitsplätzen in einem Rechenzentrum. Für die Arbeitgeber bedeutet es, flexibler sein zu müssen und beispielsweise mit Ausfallzeiten zurechtzukommen.

Sind solche integrativen Beschäftigungsmöglichkeiten nur etwas für Menschen mit psychischen Erkrankungen - und Menschen mit geistiger Behinderung sollen weiterhin Eierkartons falten?

Haas: Nein, prinzipiell mag niemand gern monotone Arbeiten machen. Wir müssen für alle ein menschengerechtes Arbeitsumfeld schaffen, in dem man voneinander lernen kann und in dem ein Kooperationsgefühl entsteht.

Die Werkstätten erwarten auch aus einem anderen Grund eine steigende Nachfrage: Die Quote der Kinder, die in Förder- beziehungsweise Sonderschulen unterrichtet werden, ist in den vergangenen Jahren angestiegen - sowohl insgesamt als auch in Schulen, die sich auf geistige Behinderung spezialisiert haben. Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein?

Haas: Unsere Erfahrung zeigt: Dieser Weg ist nicht zwingend. Wir setzen in unseren Schulen auf einen inklusiven Ansatz, denn wir gehen davon aus, dass es keine Bildungsverlierer geben muss. Das ist aber nur möglich in einer Schule, deren Zugangsschwellen möglichst niedrig sind und in der die Binnendifferenzierung möglichst hoch ist. So fordert es die UN-Konvention, und nur so können letztlich alle profitieren.

Spüren Sie diese Entwicklung in den Schulen der Stiftung Alsterdorf?

Haas: Ja. Die Zahl der förderbedürftigen Kinder steigt so stark an, dass wir entgegen unserer Überzeugung derzeit neben den integrativen Schulen noch einen Förderschulbereich betreiben.

Wo sehen Sie die Ursachen für zunehmende Feststellung von Förderbedarf?

Haas: Ich sehe eine gefährliche Tendenz bei Institutionen, eine Verhaltensauffälligkeit oder psychische Erkrankung festzustellen, um sich selbst zu entlasten.

Sprich, die Regelschulen wollen Problemschüler loswerden und reichen sie weiter?

Haas: Ja, aber auch die Familien tendieren zu Trenddiagnosen, zum Beispiel zum Asperger-Syndrom, einer Störung aus dem autistischen Spektrum. Glaubt man den Zahlen der sozialpädiatrischen Zentren, ist es zu einem dramatischen Anstieg betroffener Kinder gekommen. So etwas muss man kritisch hinterfragen.

Sie sagen, Sonderschulen seien überflüssig. Ist es nicht wichtig, dass Kinder mit besonderen Bedürfnissen von Spezialisten gefördert werden?

Haas: Ja, aber das muss nicht getrennt von Schülern ohne einen solchen Förderbedarf stattfinden. Sicher, in Einzelfällen kann ein Kind ganz bestimmte Fertigkeiten vielleicht in einer Spezialeinrichtung besser lernen - für eine begrenzte Zeit. Zum Beispiel, wenn ein Kind mit Sehbehinderung auf einer Blindenschule wichtige Alltagstechniken lernt. Wir sind aber extrem skeptisch, ob ein zergliedertes Schulsystem der richtige Weg ist. Denn wie Studien immer wieder zeigen, ist es sehr schwierig, aus solchen Sonderwelten wieder herauszukommen.

Es geht Ihnen um Inklusion, um die Auflösung von Sonderwelten. Bleibt bei all diesen Bemühungen nicht am Ende eine Gruppe von Personen mit einem sehr hohen Hilfebedarf, die immer eine vollstationäre Rund-um-die-Uhr-Versorgung brauchen wird?

Schulz: Erstens muss ein Hilfebedarf rund um die Uhr nicht zwingend in einer stationären Einrichtung befriedigt werden. Wir können mit einzelnen Projekten zeigen, dass auch Menschen mit einem hohen Hilfebedarf ambulant versorgt werden können. Zweitens: Klaus Dörner hat gesagt, man soll mit denen anfangen, bei denen es am schwierigsten ist. Das ist der richtige Ansatz, finde ich. Es gelingt uns noch zu selten. [Anmerkung: Dörner ist Psychiater und bekannter Heimkritiker, der selbst ein von ihm geleitetes Heim aufgelöst hat].

Auf welche Schwierigkeiten stoßen Sie beim Versuch?

Schulz: Die höchsten Barrieren sind Ängste der Angehörigen und der Spardruck beim Sozialamt. Behördenvertreter setzen sich dafür ein, dass nur Personen mit geringem Hilfebedarf ambulant versorgt werden, da das kostengünstiger scheint.

Bei einem hohen Hilfebedarf ist das ambulant betreute Wohnen also teurer als ein Heimplatz?

Schulz: Das sieht zunächst so aus, denn: Im Heim leben Menschen mit unterschiedlich hohem Hilfebedarf, da vermischen sich die Kostensätze, und es wird für Außenstehende schwer nachvollziehbar, wie viel die Leistungen für eine Person mit hohem Hilfebedarf kosten. Wenn jemand ambulant versorgt wird, werden die Kosten sichtbar. Aber im ambulanten wie im stationären System kommt es darauf an, welche "Leistungssettings" gewählt werden. Überhaupt arbeiten wir in Hamburg daran, dass es in der Eingliederungshilfe diese Unterscheidung zwischen "ambulant" und "stationär" in Zukunft gar nicht mehr geben muss.

Jemand, der rund um die Uhr Hilfe braucht und in den eigenen vier Wänden lebt, erhält ja zwingend eine Eins-zu-Eins-Betreuung.

Schulz: Ja, aber da muss es Kompromisse geben. Ich meine damit nicht, dass es einen Rest geben sollte, der in Heimstrukturen leben muss. Sondern dass man im Einzelfall prüft, welche Lösungen denkbar sind, um den Bedürfnissen des Einzelnen so nahe wie möglich zu kommen. Wenn beispielsweise viele Einzelne ihren eigenen Nachtdienst erhalten, wird es sehr teuer für die Kostenträgerin. Eine gute Lösung haben wir in verschiedenen Hausgemeinschaften erreicht: Mehrere Bewohner haben sich einen Nachtdienst geteilt. Meiner Erfahrung nach sind Kompromisse wie dieser oft einfacher zu finden und liegen näher an den Wünschen der Menschen, als wir es uns zuvor vorstellen konnten.


Das Interview führte Ylva Köhncke.

Nachdruck unter Quellenangabe (Ylva Köhncke / Berlin-Institut) erlaubt.

 

   
     
 

Die Menschen folgen den Jobs
Migranten verändern die Arbeitsmärkte der Herkunfts- und Aufnahmeländer, die Kultur und die politischen Verhältnisse

Nach der Zählweise der Vereinten Nationen gibt es heute weltweit rund 200 Millionen Migrantinnen und Migranten. Das entspricht der Einwohnerzahl Brasiliens oder 3,3 Prozent der Weltbevölkerung. Diese Zahl ist allerdings nur eine Schätzung, denn zuverlässige Daten sind Mangelware – vor allem, wenn es um Irreguläre oder Wanderarbeiter geht, die ihre ursprüngliche Heimat nur für einen begrenzten Zeitraum verlassen.

Das aktuelle Sonderheft der Edition Le Monde diplomatique ist dem Thema "Migration im Zeitalter der Globalisierung" gewidmet. Das Heft bietet eine Vielfalt von Perspektiven, indem es persönliche Erzählungen, Reportagen aus einzelnen Ländern, Essays, Analysen und Grafiken sowie Texte zu Identitätssuche und Konflikten, beispielsweise zu einem Fall von Zwangsheirat in Schweden, nebeneinander stellt. Hinzu kommen kommentarlos abgedruckte Dokumente: Die Passbild-Schablone der Bundesrepublik oder der französische Vordruck für einen Antrag auf ein Schengen-Visum, die bis ins kleinste Detail vorschreiben, wie ein Passfoto auszusehen hat. Diese Dokumente muten geradezu skurril an - und stehen stellvertretend für die bürokratischen Hürden, die Migranten in den Aufnahmeländer nehmen müssen.

Insgesamt bietet das Sonderheft einen Überblick über die Situation von Migranten in und aus fast allen Regionen der Welt. Es lenkt den Blick auf die Wege von Marokkanern nach Spanien und von Mexikanern in die USA, auf Nicaraguaner in Costa Rica und auf Nigrer in Libyen, auf Nordkoreaner in Russland. Auf die Integration von Muslimen in Belgien und den Fachkräftemangel in Deutschland, auf den Brain Drain in Benin und die Migrationswaisen in Rumänien. Le Monde diplomatique liefert wie immer erhellende, anschauliche, gut lesbare und auch originelle Beiträge. Zu den Autoren gehören auch Prominente wie Jean Ziegler, Eric J. Hobsbawm und Ilija Trojanow. Allen, die sich mit Migration beschäftigen, ist das Heft zu empfehlen - sie werden Informationen und Anregungen finden.

Le monde diplomatique: Immer der Arbeit nach. Migration im Zeitalter der Globalisierung. 111 Seiten. 8,50 Euro

 

   
     
 

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Neue Artikel im Online-Handbuch Demografie

Lilli Sippel: Zuwanderungsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland 1945 bis 1990

Lilli Sippel: Asylbewerber in der Bundesrepublik Deutschland

Lilli Sippel: Spätaussiedler und Arbeitsmigranten aus Ost- und Mitteleuropa in der Bundesrepublik Deutschland

 

   
 

 

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