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Ausgabe 76, 06. Juli 2009

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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Deutschland schrumpft
Seit 2003 hat die Zahl der Einwohner zwischen Rügen und dem Bodensee bereits um rund eine halbe Million abgenommen

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Viele Daten - wenig Erkenntnis
Was leistet "Der erste Integrationsindikatorenbericht" der Bundesbeauftragten für Migration, Flüchtlinge und Integration?

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Deutschland schrumpft
Seit 2003 hat die Zahl der Einwohner zwischen Rügen und dem Bodensee bereits um rund eine halbe Million abgenommen

Den Prognosen zufolge dürften sich die Verluste bis 2050 auf etwa acht Millionen summieren. Diese Zahl entspricht der Einwohnerschaft der fünf größten Städte Berlin, Hamburg, München, Köln und Frankfurt zusammengerechnet.

Natürlich werden genau diese Zentren nicht von der Landkarte verschwinden. Der Schwund wird vielmehr zu Lasten jener Gebiete gehen, die schon länger von Abwanderung und Alterung betroffen sind. Sie liegen vorwiegend im Osten Deutschlands, breiten sich mittlerweile aber immer weiter nach Westen aus. Rund fünfzig Prozent aller Kreise schrumpfen bereits. Sachsen-Anhalt dürfte im Zeitraum zwischen der Wende und 2025 ein Drittel seiner Bewohner verloren haben, der Landkreis Hoyerswerda in Sachsen mehr als die Hälfte. Man mag bedauern, wenn sich einst belebte Gebiete entvölkern; aber es lässt sich offensichtlich nicht verhindern.

In der Schrumpfspirale

Auch die Politik hat diese Zahlen auf dem Tisch. Doch sie weigert sich, angemessen darauf zu reagieren. Jedes Ministerium mit einem Bezug zum ländlichen Raum hat dabei seine eigenen Durchhalteparolen, aber im Grundton klingen sie alle gleich: Kein Flecken wird aufgegeben! Allein wie das funktionieren soll, ist unklar. Was in den vergangenen zwanzig Jahren unternommen wurde, um den Schwund in peripheren Gebieten aufzuhalten - es hat nicht gefruchtet. Die klassische, wachstumsorientierte Strukturpolitik - Industrie ansiedeln, Gewerbe- und Wohngebiete ausweisen - ist ins Leere gelaufen, weil in den betroffenen Regionen kaum noch Nachwuchs zur Welt kommt und vor allem junge Menschen aus guten Gründen abgewandert sind. Die Regionen der neuen Bundesländer, die sich derzeit gegen den Trend demographisch stabilisieren, wie Leipzig, Dresden oder Jena, schaffen dies nur, indem sie ihr eigenes Umland leer fegen. Sie verschärfen das Problem der Schrumpfgebiete, ohne ihre eigenen Zukunftsaussichten grundlegend zu verändern.

Auch die Strategie, sich notgedrungen an das Schrumpfen anzupassen, bringt keine Wende: Wo Schulen schließen, Buslinien eingestellt und Ämter zusammengelegt werden, ziehen gerade junge Familien erst recht weg. Anpassen fördert den demographischen Niedergang, auch wenn das Gegenteil geplant war. Das Dilemma zeigt, dass Deutschland nicht nur eine neue Demographiepolitik braucht, sondern dass wir uns auch generell von einem Phantom verabschieden müssen. Denn die Grenzen des Wachstums zeigen sich an allen Fronten: Der Gehalt an Treibhausgasen in der Atmosphäre sollte besser nicht weiter ansteigen; die Ölvorräte sind bald zur Hälfte erschöpft; seltene, aber ungemein wichtige Metalle wie Rhenium oder Gallium gehen deutlich früher zur Neige, so dass niemand so recht weiß, wie wir künftig unsere Flugzeugturbinen und Solarzellen bauen sollen. Nennenswertes Wirtschaftswachstum in früh industrialisierten Nationen, deren Konsum längst gesättigt ist und die ihren demographischen Höhepunkt hinter sich haben, ist kaum noch vorstellbar.

Neue Modelle für Schrumpfgebiete

Wir brauchen daher schleunigst Wege für ein Wohlergehen der Gesellschaft ohne Wachstum und sollten nicht versuchen, es dort zu erzeugen, wo es gar nicht möglich ist. In diesem Sinne sind die deutschen Schrumpfgebiete die Testfelder für die Welt von morgen. Sie müssen lernen, auf neuen Wegen zu alten Zielen zu kommen. Denn die Ziele der Gesellschaft bleiben gleich: Auch dort brauchen die Menschen Energie und Trinkwasser, soziale Sicherheit, Schulen und Verkehrsmittel.

Wer diesen Gebieten eine Chance geben will, muss ihnen Freiheit gewähren, damit sie testen können, was überhaupt noch geht. Bis dato werden etwa Schulen über eine normierte Klassengröße und Schülerzahl definiert. Werden die Normen unterschritten, bleibt nur die Schließung. Mehr als zweitausend Schulen im Osten Deutschlands haben dies erfahren. Vergisst man die Normen und Formen, so sind ganz andere Modelle möglich: Zwergschulen, Schulen, die im Turnus an zwei verschiedenen Orten stattfinden oder von einer Zentrale aus mit Lehrern versorgt werden, damit nicht viele Schüler, sondern nur wenige Lehrer pendeln müssen. In Deutschland ist undenkbar, was in Finnland normal ist: Dort haben vierzig Prozent der Schulen nicht mehr als fünfzig Schüler. Wie schaffen die es nur, die Pisa-Sieger auszubilden?

Der Vorteil kleiner Einheiten

Warum müssen entlegene Regionen über aufwendige Netze mit Energie versorgt werden, wo sie doch prädestiniert sind für einen Umstieg in eine "solare Wirtschaft"? Wenn mehrere kleine Kommunen verschiedene regenerative Energiequellen nutzen und diese dann zu einem lokalen Netz zusammenschließen, können sie zu Pionieren für eine Versorgung werden, die früher oder später das ganze Land braucht. Solche Verbünde in kleinen Einheiten zu erproben ist ohnehin sinnvoll, weil sich mehrere Varianten testen lassen und Fehlschläge leichter zu verkraften sind.

Um solche neuen Wege zu beschreiten, ist es notwendig, bestimmte Gesetze und Richtlinien außer Kraft zu setzen. Alle Parteien rufen nach Bürokratieabbau. Warum fangen wir nicht hier an? Eine schlanke Abwasserentsorgung, dezentrale Schulen, innovative Nahverkehrssysteme lassen sich nicht aufbauen, wenn dabei sämtliche kommunalen, nationalen und EU-weiten Regelwerke beachtet werden müssen. Ebenso sind neue Konzepte vor der Reglementierung der Raumplanung zu schützen. Zukunftsformen der Versorgung in peripheren Gebieten lassen sich nicht raumplanerisch fassen, weil sie sich erst in kreativen Prozessen entwickeln. Sie lassen sich nur ermöglichen. Dieser Ansatz mag ungewohnt sein für die klassische Verwaltung, aber es gibt keine Alternative dazu.

Planungsautonomie vor Ort

Denn die Verantwortlichen vor Ort, die bislang kaum Chancen haben, gegen Schulschließungen und andere Direktiven von oben eigene Ideen zu entwickeln, brauchen eine höhere Planungsautonomie. Und sie sollten selbst über die Gelder verfügen, die ohnehin ausgegeben werden. In Schweden oder Finnland können Kommunen eigenständig über die Form der Schulversorgung entscheiden, der Kinder- und Altenbetreuung sowie der medizinischen Grundversorgung. Nur wo Bürger ernst genommen werden, sind sie auch bereit, Verantwortung zu übernehmen. Untersuchungen zeigen, dass es in Krisenregionen Einzelne sind, die neue Perspektiven schaffen. Wie soll, gerade in den neuen Bundesländern, eine aktive Zivilgesellschaft entstehen, wenn alle wichtigen Entscheidungen wie zu DDR-Zeiten von oben kommen?

Wie aber lassen sich solche Potentiale ausschöpfen? Wie überall geht das am besten über Wettbewerb. Das für Landwirtschaft, den Aufbau Ost oder Arbeit zuständige Ministerium müsste einen Wettbewerb ausschreiben für Gebiete, die stark vom demographischen Wandel betroffen sind. Diese Zonen haben ironischerweise ein hohes Innovationspotential, weil eine Erholung über klassische Entwicklungsprojekte ausgeschlossen ist. Sie müssen deutlich machen, dass sie bereit sind, ihre eigenen Belange in die Hand zu nehmen und zukunftsweisende Konzepte in den Bereichen Energieversorgung, Schule, Landbau und kleine Kreisläufe, Mobilität oder Gesundheitsversorgung vorzulegen. Bei der Planung der Projekte sind Ziele zu definieren. Werden Ziele nicht erreicht, ist ein Scheitern zu akzeptieren. Auch heute scheitern die meisten Entwicklungsprojekte, aber keiner zieht daraus Lehren. Diese neue Förderkultur orientiert sich einzig an Erfolgskriterien. Das Land braucht lebendige und lebensfähige, aber keine Potemkinschen Dörfer.

Anerkennung ungleicher Lebensverhältnisse

Bei diesem Wettbewerb wird klar, dass es Regionen gibt, die nicht förderbar sind - nicht, weil sie per se abzuschreiben wären, sondern weil sie sich selbst als nicht förderbar definieren, wenn dort keine Innovatoren zu finden sind, die versuchen, Zukunft zu schaffen. In diesen Gebieten hat der Staat die Pflicht, den Menschen angemessene Hilfe zu leisten: Notfallrettung, Erreichbarkeit für Ordnungskräfte in angemessener Frist, Versorgung von Hochbetagten, Telefon- und Internetanschluss. Aber versorgen heißt nicht fördern.

Die im Grundgesetz angemahnte "Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse" ist ein Konstrukt der alten Bundesrepublik, die nichts als Wachstum kannte. Eine Angleichung der Lebensverhältnisse ist unter Schrumpfbedingungen nicht möglich. Diese simple Wahrheit sollte politikfähig werden.

Dieser Beitrag ist erstmals erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 01.07.2009.

Weitere Informationen zum Thema finden Sie im Gutachten "Demografischer Wandel. Ein Politikvorschlag unter besonderer Berücksichtigung der neuen Länder" und in unserem letzten Newsletter-Beitrag "Radikale Innovation statt geordnetem Rückbau".

Dem Osten fehlen die jungen Menschen

Abwanderung und wenig Nachwuchs lassen die Gruppe der unter 35-Jährigen stetig schrumpfen. Besonders die Abwanderung junger und oftmals gut gebildeter Menschen aus Ostdeutschland hat auch 20 Jahre nach dem Mauerfall nicht abgenommen. Sie führt dazu, dass in Kreisen wie Hoyerswerda oder in der Prignitz weniger als ein Drittel der Bevölkerung unter 35 Jahre alt ist. Dagegen können Universitätsstädte wie Jena oder Greifswald junge Zuwanderer verbuchen. In den Landkreisen Cloppenburg und Vechta leben deutschlandweit die meisten jungen Menschen. Fast die Hälfte der Einwohner ist jünger als 35 Jahre. Beide Kreise sind sehr beliebt bei jungen Familien, was die Abwanderung von potenziellen Eltern deutlich mindert und zu hohen Geburtenraten führt.

Das Gutachten wurde vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung in Auftrag gegeben. Es hat große Aufmerksamkeit von den Medien erhalten (siehe Presseschau) und eine neue Debatte zum Thema angestoßen, wie die Anrufe, Zuschriften und die Replik von Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 04. Juli 2009 zeigen.

Für Fragen und Interviews steht Ihnen Dr. Reiner Klingholz unter 0 30 - 31 01 75 60 und Dr. Andreas Weber unter 0170 - 8118492 zur Verfügung.

 

   
     
 

Viele Daten - wenig Erkenntnis
Was leistet "Der erste Integrationsindikatorenbericht" der Bundesbeauftragten für Migration, Flüchtlinge und Integration?

Die Bundesbeauftragte für Migration, Flüchtlinge und Integration, Maria Böhmer, hat jüngst den Bericht "Integration in Deutschland" vorgestellt. Nach Böhmers Ansicht bestätigt der Report die Richtung und die Erfolge ihrer eigenen Politik. Eine Bewertung der Integrationspolitik lässt der Bericht aber nicht zu.

Wer eine sinnvolle Integrationspolitik betreiben will, braucht erstens Erkenntnisse darüber, wie es um die Integration in Deutschland steht. Zweitens müssen konkrete Ziele formuliert werden. Ob sie erreicht werden, muss sich drittens mit festgesetzten Indikatoren messen lassen, denn nur so kann letztendlich der Erfolg von politischen Maßnahmen bewertet werden. Die Notwendigkeit eines solchen Integrationsmonitoring ist national wie international anerkannt. In Deutschland haben in letzter Zeit mehrere Institute indikatorengestützte Studien vorgelegt, unter anderem das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung ("Ungenutzte Potenziale. Zur Lage der Integration in Deutschland").

Staatsministerin Böhmer hat ein eigenes Integrationsmonitoring entwickeln lassen. Im Vorfeld wurden die verschiedenen Ministerien und Bundesbehörden befragt, welche Aspekte sie für eine Beurteilung der Integration in Deutschland heranziehen würden. Herausgekommen ist ein Satz von 100 Indikatoren, auf deren Basis in Zukunft ein regelmäßiger Integrationsbericht angefertigt werden soll. Allerdings lassen sich dafür bisher nur die Daten der Jahre 2005 bis 2007 heranziehen, so dass sich schon deshalb über eine Verbesserung oder Verschlechterung der Integration kaum etwas aussagen lässt. Denn erst seit 2005 ist es anhand der Daten des Mikrozensus möglich, nicht nur zwischen deutschen und ausländischen Staatsbürgern zu unterscheiden, sondern - und das ist der entscheidende Punkt - alle Menschen mit Migrationshintergrund zu erfassen. Das sind alle Bürger mit ausländischem Pass und jene, die die deutsche Staatsbürgerschaft mit Geburt oder mit einer Einbürgerung erhalten haben sowie deren Kinder. Da die Aufarbeitung der Daten immer sehr lange dauert, liegen diese erst bis zum Jahr 2007 vor.

Die mit der Erstellung betrauten Wissenschaftler vom Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik Köln (ISG) und vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung GmbH (WZB) sollten vorrangig eine detaillierte Bestandsaufnahme der in Deutschland vorhandenen Daten vornehmen und ihre mögliche Aussagekraft zum Stand der Integration prüfen. Eine Analyse der Integrationssituation stand nicht im Vordergrund des Berichtes - schon gar keine Langzeitanalyse. Deshalb lautet der für Laien kaum verständliche Untertitel: "Der erste Integrationsindikatorenbericht. Erprobung des Indikatorensets und Bericht zum bundesweiten Integrationsmonitoring".

Bemerkenswerter Einblick in die Welt der Migranten

In dieser Hinsicht liefert der Bericht tatsächlich außerordentliche Ergebnisse. Jeder der 100 Indikatoren, die zur besseren Übersicht in 14 gesellschaftliche Bereiche (etwa Rechtsstatus, Bildung, Arbeitsmarkt, Wohnen, Kriminalität oder Gesundheit) gegliedert sind, wurde auf seine Verfügbarkeit und Eignung für ein Integrationsmonitoring hin überprüft. Im deskriptiven Hauptteil der Studie werden die Ergebnisse jedes Indikators kurz präsentiert, wenn möglich für alle der drei untersuchten Jahre. Zum Teil sind diese Ergebnisse nach weiteren Faktoren differenziert ausgewertet, zum Beispiel nach Altersgruppen, Zuwanderungsgeneration oder Geschlecht. Eine so umfassende Bestandsaufnahme möglicher Integrationsindikatoren hat es bisher noch nicht gegeben.

Des Weiteren haben die Autoren für sechs der Bereiche so genannte multivariate statistische Analysen durchgeführt: Sie haben also überprüft, ob das Ergebnis eines Indikators (etwa der Gesundheitszustand) überhaupt vom Migrationshintergrund abhängt oder ob andere Aspekte wie zum Beispiel das Einkommen oder der Bildungsstand eine wichtigere Rolle spielen. Dabei werden die selbst zugewanderten Migranten (erste Generation) den schon in Deutschland geborenen (ab zweiter Generationen) gegenüber gestellt. Mit dieser Methode lassen sich Ursachen für typische Ungleichstellungen von Migranten, wie zum Beispiel eine höhere Erwerbslosigkeit, analysieren.

Was der Bericht nicht leistet

Die vorliegenden Analysen können, wie die Autoren selbst anmerken, bis dato wenig erklären. Dazu sind die Situationen und Hintergründe der Lebenslagen zu komplex, und es müssten noch weit mehr Faktoren berücksichtigt werden. Dennoch liefert der Bericht neue Erkenntnisse. So relativiert er für viele Problembereiche den Zusammenhang mit dem Migrationshintergrund. Dies gilt insbesondere für den untersuchten Bereich "Gesundheit", wo die Autoren keinen direkten Zusammenhang mit dem Migrationshintergrund einer Person erkennen können.

Dies widerspricht allerdings den vorherrschenden Erkenntnissen. So hat zum Beispiel das Robert Koch-Institut 2007 das Ernährungsverhalten von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund ausgewertet und dabei festgestellt, dass sich diese unabhängig von ihrer sozialen Zugehörigkeit insgesamt ungesünder ernähren als ihre einheimischen Altersgenossen. Auch wird schon länger in der Fachwelt diskutiert, dass sich Migranten in Bezug auf die Wahrnehmung von Krankheiten und der Umgang mit ihnen häufig von der einheimischen Bevölkerung unterscheidet (siehe dazu den Newsletter-Artikel "Wenn Migranten krank werden. Deutsche Ärzte sind nur unzureichend auf spezifische Gesundheitsprobleme von hier lebenden Ausländern vorbereitet").

Prinzipiell stellt sich bei diesen Vergleichen aber noch eine andere Frage: Selbst wenn Bildung und Einkommen bei vielen Indikatoren einen ausschlaggebenden Einfluss haben, so ist damit noch nicht geklärt, warum so viel mehr Migranten als einheimische Deutsche in bildungsfernen und einkommensschwachen sozialen Schichten leben - und das zum Teil schon seit mehreren Generationen. Für das weitere Verständnis vieler Integrationsdefizite ist die Untersuchung struktureller Barrieren für Migranten, wie zum Beispiel das selektive Schulsystem, genauso wichtig wie die Analyse spezifischer Migrationsgeschichten oder eventueller gruppeninterner Hindernisse, wie zum Beispiel das Verständnis von Bildung oder geschlechterspezifischen Rollenbildern.

Hier legt sich der Bericht jedoch selbst einen Stein in den Weg. Indem er eine "Ethnisierung durch die vorschnelle Zuordnung von Problemlagen zu einzelnen Zuwanderungsgruppen" verbietet, verbaut er sich die Möglichkeit, spezifische Problemlagen bestimmter Zuwanderungsgruppen zu erkennen. Selbst Untersuchungen, die wie die Studie der Sinus Sociovision "Migranten-Milieus in Deutschland" aus 2008 Migranten nur nach ihrem sozialen Milieu unterscheiden, erkennen in einigen Milieus eine starke Konzentration von bestimmten Zuwanderungsgruppen. Eine Analyse der Hintergründe hat nichts mit einer "Ethnisierung" zu tun, schon gar nicht, da viele Zuwanderungsgruppen (etwa aus der Türkei) sich aus ganz unterschiedlichen Ethnien zusammensetzen. Deshalb können Studien wie die des Berlin-Instituts Hinweise auf Zusammenhänge zwischen sozio-kulturellen Hintergründen und bestimmten Schwierigkeiten bei der Integration liefern und die Lösung solcher Probleme erleichtern.

Ebenso vorschnell lehnt der Bericht eine Regionalisierung der Ergebnisse ab. Mit der Begründung, es sei ja nicht bekannt, "welche Faktoren im Einzelnen auf regionaler Ebene eine Rolle spielen" wird darauf verzichtet, diesen (in Wirklichkeit nur wenig bekannten) Faktoren auf den Grund zu gehen. Hier scheint, ebenso wie bei dem Verzicht, einzelne Herkunftsgruppen differenziert zu betrachten, die politische Vorsicht der Auftraggeberin eine größere Rolle zu spielen als der Erkenntnisgewinn.

Dies gilt auch für den letzten Punkt der methodischen Abgrenzung des Berichtes, in dem auf eine Kosten-Nutzen-Rechnung von Migration beziehungsweise Integration verzichtet wird. Die Begründung, dass die ökonomische Betrachtung eines sozio-kulturellen Phänomens den Kern der Debatte verfehle, verkennt die Tatsache, dass viele vermeintlich nicht-ökonomischen Probleme erst dann in den öffentlichen und politischen Diskurs eingehen, wenn ihre ökonomische Bedeutung klar wird. Das beste Beispiel hierfür ist der Klimaschutz.

Fazit: Indikatorensatz reduzieren

Dieser Integrationsbericht ist kein Integrationsbericht, weil er die aktuelle Lage der Integration nicht beschreibt. Er ist auch keine Langzeitstudie, sondern bei einem Betrachtungszeitraum von drei Jahren nur eine Momentaufnahme. Die Wissenschaftler haben bei der Beurteilung der Indikatoren, die den Stand der Integration beschreiben können, bestmögliche Arbeit geleistet - eine Bewertung oder gar Erklärung der Integrationssituation in Deutschland sollten sie vermutlich gar nicht liefern. Somit gehen die Schlüsse der Staatsministerin über die tatsächlichen Möglichkeiten hinaus.

Des Weiteren bleibt die Frage, ob ein Integrationsbericht auf Basis dieser Indikatoren überhaupt sinnvoll ist. Schon seit längerem wird von verschiedenen Seiten kritisiert, dass solch ein großer Indikatorensatz in der Praxis nicht handhabbar ist. So werden mehrere der Indikatoren nur alle vier Jahre erhoben, so dass eine fortlaufende Betrachtung kaum möglich ist. Zudem stammen viele Indikatoren aus sehr verschiedenen Erhebungen. Eine Vielzahl bezieht sich sogar auf Quellen, die gar nicht nach Menschen mit Migrationshintergrund unterscheiden, sondern nur nach deutscher und ausländischer Staatsbürgerschaft.

Experten mahnen eine Angleichung der Daten schon lange an, auch die Autoren tun dies erneut. Allerdings greifen ihre Vorschläge, wie der Indikatorensatz sinnvoll reduziert werden kann, nicht weit genug. Ebenso hat sich die Vermischung der Auftragsanforderungen, zum einen den Indikatorensatz zu prüfen und zum anderen einen Integrationsbericht zu erstellen, als nicht durchführbar erwiesen.


Literatur / Links

Institut für Sozialforschung und Gesellscjhaftspolitik und Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gGmbH (2009): Integration in Deutschland. Der erste Integrationsindikatorenbericht. Erprobung des Indikatorensets und Bericht zum bundesweiten Integrationsmonitoring. Berlin.

Sinus Sociovision (2008): Migranten-Milieus in Deutschland. Heidelberg.

Carsten Wippermann / Berthold Bodo Flaig: Lebenswelten von Migrantinnen und Migranten. In: APuZ 5/2009.

 

   
     
 

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"Daten und Datenquellen der Demografie" von Ulrich Müller

 

   
 

 

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