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Ausgabe 77, 20. Juli 2009

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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"Niemals wird die Pflegeversicherung die Kosten für Leistungen abdecken können"
Interview mit Prof. Dr. Hermann Brandenburg, Universität Freiburg

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Fünf Mythen über Familienplanungsprogramme
Forscher erklären warum eine erfolgreiche Bevölkerungspolitik für nachhaltige Entwicklung wichtig ist

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In Spanien nimmt die Müttersterblichkeit zu
Das immer höhere Alter von Müttern führt zu einem Anstieg der Mortalitätsrate unter Spätgebärenden

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Welche Wirkung hat Entwicklungszusammenarbeit?
Eine neue Studie bewertet Evaluationssysteme in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit

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In eigener Sache
Neu im Online-Handbuch Demografie

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"Niemals wird die Pflegeversicherung die Kosten für Leistungen abdecken können"
Interview mit Prof. Dr. Hermann Brandenburg, Universität Freiburg

Hermann Brandenburg, geboren 1959, hat Sozialwissenschaften, Gerontologie sowie Philosophie und Literaturwissenschaft studiert. Er war mehrere Jahre als Altenpfleger in verschiedenen Pflegeheimen tätig, bevor er erneut an die Universität wechselte. 1996 erhielt er eine Professur für Grundlagen der Pflege / Pflegewissenschaft an der Katholischen Fachhochschule Freiburg (seit 1999 für Gerontologie und Pflegewissenschaft). Seit 2007 ist er außerdem Lehrstuhlinhaber für Gerontologische Pflege an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar.

Copyright: Hermann Brandenburg


Die Lebenserwartung steigt, und viele Menschen sind auch im Alter noch fit. Gleichzeitig wächst die Zahl der Pflegebedürftigen. Worauf müssen wir uns bei dieser Entwicklung vorbereiten?

Alle Prognosen laufen darauf hinaus, dass die Zahl der Pflegebedürftigen mittel- und langfristig weiter steigen wird, trotz aller Bemühungen um Prävention und Gesundheitsförderung. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung geht beispielsweise in seiner eher moderaten Variante davon aus, dass die Zahl der Leistungsempfänger von 1,93 Millionen im Jahr 1999 auf 2,94 Millionen im Jahr 2020 steigen wird - also um 52 Prozent!

Unser Gesundheitssystem wird sich darauf einstellen müssen. Wird die Pflegeversicherung in Zukunft die Kosten für die Leistungen abdecken können?

Niemals. Aus politischen Gründen ist die Pflegeversicherung gedeckelt, man hat also eine Obergrenze der Beiträge festgelegt. Wenn man die Leistungen ausweitet, wie es beispielsweise im Demenzbereich der Fall ist, wird man um Beitragserhöhungen letztlich nicht herumkommen können. Insgesamt muss das Thema Pflegeversicherung aber ergänzt werden um das Thema zivilgesellschaftliche Herausforderungen.

Was heißt das?

Auch in der Reform von 2008 sind ja Leistungsausweitungen vorgesehen, die werden aber niemals alle Bedarfe abdecken. Es wird etwa nicht möglich sein, pflegende Angehörige durch staatliche Leistungen in vollem Umfang zu entlasten. Das ist auch nicht die politische Absicht. Hier ist ein gesamtgesellschaftlicher Beitrag gefragt - also die Zivilgesellschaft, eine demenzfreundliche Kommune.

Zivilgesellschaft heißt doch vor allem, dass sich Einzelne freiwillig engagieren. Braucht es als Voraussetzung dafür aber nicht Unterstützung vom Staat - und viel mehr Fachkräfte, die die Pflege übernehmen?

Ich glaube, dass wir beides brauchen. Aus meiner Sicht ist es ein Trugschluss, davon auszugehen, dass man mit immer mehr Fachkräften die Fragen der Versorgung und des Pflege- und Gesundheitswesens lösen kann. Die Frage ist eine grundsätzlichere: Wie kann es zu einem intelligenten Mix aus Professionellen, Angehörigen und sogenannten Assistenzkräften in der Pflege der Betroffenen kommen?

Was wäre dafür ein Ansatzpunkt?

Konkret geht es etwa darum, dass im kommunalen Bereich das Thema auf die Agenda der Bürgermeister kommt und gesehen wird: Was kann eigentlich in der Gemeinde für die wachsende Zahl älterer Menschen und die pflegenden Angehörigen getan werden? Zum Beispiel ist die Öffnung der stationären Altenhilfe eine wichtige Problematik. Betrachten die Kommunen das ausschließlich als Versorgungsproblem, dass sie an Wohlfahrtsverbände delegieren können - oder kann es zu einem Thema der Bürgerschaft werden, so dass Engagierte von außen mit den Einrichtungen kooperieren? Dazu zählt natürlich auch Beratung, dazu zählen etwa die Pflegestützpunkte. Wir brauchen eine Mischung aus staatlichem und bürgerschaftlichen Handeln.

Neben dem Engagement innerhalb der Familie. Die Pflege der Angehörigen übernehmen hier vor allem Frauen. Gibt es Ansätze, daran etwas zu ändern und mehr Geschlechtergerechtigkeit herzustellen?

In Deutschland ist und war die Familie "prädestiniert" - in Anführungszeichen - für die Pflege alter und kranker Menschen. Und das heißt: die Frauen. In Deutschland sind nach wie vor über 90 Prozent der Pflegenden Frauen.

Hat sich daran etwas verändert in den letzten Jahren?

Ja, aber die Zahl der Männer bewegt sich immer noch nur zwischen fünf und acht Prozent. Pflege muss jedoch im Kontext der Familienhistorie betrachtet werden. Es kann nicht sein, dass alle Lasten der Pflege auf den Schultern einer Familienangehörigen ruhen, und die anderen sich zurücklehnen. Auch deswegen muss das Thema Mix ins Zentrum der Debatte gerückt werden. Da gehören die Familien mit hinein, die Generationen, aber auch eine Struktur der Bürgerschaft, die dieses System stabilisiert. In Deutschland werden individuell zweckrationale Lösungen gesucht, nach dem Motto: "Was kann ich für meinen kranken, alten Schwiegervater tun?" Beteiligt ist natürlich nicht nur die Schwiegertochter, sondern das gesamte familiäre Umfeld, auch der Sohn, und die Bürgerschaft, die Gemeinde, letzten Endes die Zivilgesellschaft insgesamt.

Können wir an diesem Punkt etwas von anderen Ländern lernen?

Grundsätzlich sind die Probleme in Europa ähnlich. Auch Italien beispielsweise hat bei der Pflege einen Schwerpunkt in der Familie. Die skandinavischen Länder haben schon früher auf staatliche Vorsorge gesetzt und Erfahrungen mit ambulanten Strukturen gesammelt. De-Institutionalisierung auf der einen Seite und Unterstützung ambulanter Strukturen auf der anderen Seite müssen im Rahmen der zivilgesellschaftlichen Verantwortung zusammen angegangen werden, um bei der Pflege soziale Gerechtigkeit herzustellen. Sonst delegiert man immer den Schwarzen Peter.

An die Pflege werden hohe Erwartungen gestellt - zu Recht. Wie lässt sich die Qualität von Pflege messen?

Darüber ist schon längere Zeit eine Diskussion im Gange. Dabei hat ein Paradigmenwechsel von der Prozess- und Struktur- zu der Ergebnisqualität stattgefunden. Die Frage ist also nicht mehr, wie die Pflege organisiert ist, sondern richtet sich stärker auf das Ergebnis – und hier hat die Diskussion in Deutschland gerade erst begonnen. In der Reform von 2008 gibt es 82 Kriterien zur Überprüfung der Heime. Doch das ist erst der Anfang, dazu kommen drei Dinge: erstens die Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen vom Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA). Sie enthält grundsätzliche Dinge wie Selbstbestimmung, Partizipation, Autonomie. Das gehört zu guter Pflege, auch wenn man es nicht in jeder Hinsicht messen kann. Zweitens sogenannte Outcome-Indikatoren, positive wie zum Beispiel Mobilitätsförderung und negative wie Sturzprävention. Drittens muss "gute Pflege" grundsätzlich bedacht werden - und dieser Punkt enthält auch die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit. Bei der Frage nach der Qualität von Pflege reicht also eine rein fachliche Perspektive nicht aus, sondern ist nur ein Bestandteil. Das, was "gute Pflege" ist, sollte aus meiner Sicht aus der Perspektive verschiedener Disziplinen definiert werden.

Und zwar welcher?

Philosophie, Ethik, Theologie, Medizin und Pflegewissenschaft. Momentan werden auf der Grundlage politischer Vorgaben Standards und Kriterien festgelegt. Es wäre aber nötig, dass man das Problemfeld inter- und multidisziplinär überdenkt.

Was wäre da eine konkrete Aufgabe?

Ein Qualitätskriterium von Pflege ist beispielsweise das Verhindern von Stürzen. Wir wollen in den Einrichtungen aber, dass die Leute sich möglichst frei bewegen können, und sie nicht fixieren - wir müssen also mit einer bestimmten Anzahl von Stürzen leben. Die Auswirkungen bestimmter Kriterien, die auf den ersten Blick positiv erscheinen, sind zum Teil kontraproduktiv.

Transparenz ist in so einem sensiblen Bereich wie der Pflege vermutlich ein heikles Thema? Qualitätskontrollen beeinflussen schließlich die Beziehung zwischen Pfleger und Gepflegten.

Das, was gute Pflege ist, ist letzten Endes eben auch eine Frage des Dialogs. Das kann nicht allein von außen reguliert werden. In Deutschland ist der Bereich Pflege extrem durch bürokratische Vorgaben fremdreguliert, bis ins Detail. Wir sprechen im ambulanten und stationären Feld bereits von einer sogenannten "Maschinisierung" der Pflegearbeit. Das ist vielleicht etwas hart formuliert, aber nicht weit von der Wirklichkeit entfernt. Der Freiraum der Praxis vor Ort muss erhalten werden, weil sonst etwa die Pflegedokumentation, die sich natürlich an den Erwartungen orientiert, verfälscht wird.

Ist diese "Maschinisierung der Pflege" ein spezifisch deutsches Problem, Ausdruck einer bestimmten Pflegekultur?

Wir neigen in Deutschland vielleicht dazu, Dinge gründlicher zu erledigen als andere Länder, möglicherweise zu gründlich. 1974 wurde aufgrund von Missständen in Pflegeheimen das Heimgesetz eingeführt. Der bürokratische Blick auf die Einrichtungen ist deshalb auch verständlich. Das Gesetz wurde inzwischen aber reformiert und ist zum Teil inzwischen richtig progressiv, da ist von Selbstbestimmung, Mitwirkung, Autonomie die Rede. Da hat also auch in der Gesetzgebung ein Paradigmenwechsel stattgefunden, sie nimmt die Freiheitsrechte der Bewohner zunehmend stärker in den Blick.

Das ist auch eine Frage der Ressourcen, beispielsweise der Fachkräfte. Die fehlen hierzulande und in anderen Ländern. Wie lösen wir das Problem?

Als schlechtes Vorbild haben wir die USA. Dort läuft 60 Prozent der Langzeitpflege über sogenannte Nurse Assistants, die über eine Ausbildung von nur maximal 75 Stunden verfügen. Angesichts dieser Defizitstruktur können Sie keine Qualitätssicherung betreiben. Fragen der dialogischen Struktur von Pflegequalität erscheinen aus dieser Sicht wie von einem ganz anderen Stern.

Und was muss in Deutschland passieren?

Bei der letzten Reform der Pflegeversicherung hatten wir die Struktur, dass über Zeitvorgaben Pflege abgerechnet wurde. Das ist Unsinn, weil die Frage, was sinnvoll ist und was nicht, unbeantwortet bleibt. Die Pflegeversicherung belohnt nicht, dass jemand von der Pflegestufe zwei oder drei auf eins kommt - das ist im Grunde Reha-feindlich und damit widersinnig. Denn es ist ja das Ziel von Rehabilitation, selbstständiger zu werden - wenn ich aber weniger Hilfe brauche, bekomme ich weniger Geld, kürzere Anwesenheitszeiten der Pflegekräfte und weniger Anregung und Förderung. Die offiziellen Debatten und das, was real geschieht, klaffen oft auseinander. Hier brauchen wir erstens eine gesamtgesellschaftliche Diskussion an der Basis, über Fragen der Qualitätssicherung. Zweitens muss es weniger darum gehen, den ganzen Prozess en detail zu kontrollieren, als vielmehr das Ergebnis zu sichern.


Das Interview führte Margret Karsch.

Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut) erlaubt.

 

   
     
 

Fünf Mythen über Familienplanungsprogramme
Forscher erklären warum eine erfolgreiche Bevölkerungspolitik für nachhaltige Entwicklung wichtig ist

Familienplanungsprogramme sind seit jeher ein umstrittenes Instrument der Entwicklungspolitik. Zu den bekanntesten Beispielen zählt Chinas menschenrechtsverletzende Einkindpolitik, die es Paaren verbietet mehr als ein Kind zu haben. In anderen Ländern, wie etwa in Indien Mitte der 1970er Jahre unter Indira Gandhi, wurden Menschen zu Sterilisationen gezwungen. Im Allgemeinen bedeutet Familienplanung aber keinen Zwang. Familienplanung kann gerade in den armen Ländern Frauen zu einem selbst bestimmten Leben verhelfen, ihre Gesundheit und die Ernährung der ganzen Familie verbessern.

Warum sich Investitionen in Familienplanung sonst noch lohnen, zeigen John Bongaarts, Vizepräsident der amerikanischen Organisation Population Council, und Steven W. Sinding, Bevölkerungswissenschaftler am Guttmacher Institute in einem neuen Diskussionspapier, das fünf Mythen zur Familienplanung entlarven soll:

Mythos Nummer 1: Familienplanungsprogramme bewirken keinen Rückgang der Geburtenrate, denn Armut ist der wirkliche Grund für hohe Kinderzahlen. Solange Kinder ökonomische Vorteile und soziale Sicherheit bedeuten, interessiert die Menschen Verhütung nicht.

Tatsächlich ist in vielen Entwicklungsländern die Nachfrage nach Verhütung höher als das Angebot. Weltweit werden nach Angaben der amerikanischen Organisation Population Action International Jahr für Jahr 80 Millionen Frauen ungewollt schwanger und 150 Millionen Frauen in Entwicklungsländern würden gerne verhüten, können es aber nicht. Bongaarts und Sinding belegen mit vielen Beispielen, dass Familienplanungsprogramme trotz Armut funktionieren: Wo immer in Gesundheit und Bildung - insbesondere für Frauen - investiert wird, sinkt die Säuglingssterblichkeit und auch die Geburtenrate. In wirtschaftlich schwachen Staaten mit guter Gesundheitsversorgung und Zugang zu Bildung wie in Sri Lanka oder auf Kuba ist der Kinderwunsch niedrig und die Nachfrage nach Familienplanung hoch. Auch Bangladesch und der Iran zählen zu den Ländern mit einer erfolgreichen Bevölkerungspolitik. Hier wurde vor allem das Angebot an Familienplanungsleistungen verbessert und in die Ausbildung des Gesundheitspersonals investiert. In der Folge hat sich die Geburtenrate in beiden Ländern innerhalb von zwanzig Jahren halbiert.

Mythos Nummer 2: Die Geburtenraten gehen ohnehin zurück - wir brauchen deshalb keine Bevölkerungspolitik mehr

Es ist richtig, dass in den meisten Ländern der Welt die Geburtenraten sinken. In einigen Regionen Europas schrumpft die Bevölkerung sogar. Von einer nachhaltigen Bevölkerungsentwicklung sind die meisten Staaten der Erde jedoch weit entfernt. Damit die Bevölkerung langfristig auf einem stabilen Niveau bleibt, müsste jede Frau im Durchschnitt zwei Kinder zur Welt bringen. In vielen Entwicklungsländern, insbesondere in Afrika südlich der Sahara, liegt die durchschnittliche Kinderzahl je Frau laut Weltbank mit 5,1 Kindern aber deutlich darüber und so wächst dort die Bevölkerung weiter, obwohl die Geburtenraten bereits sinken. In manchen Ländern Afrikas, etwa in Kenia, ist die Kinderzahl in den letzten Jahren sogar wieder gestiegen. Und die Kinder von heute sind die Eltern von morgen. Sie werden eines Tages Familien gründen und ihrerseits Kinder in die Welt setzen. Auch wenn es durchschnittlich weniger Kinder sein sollten, wächst die Bevölkerung weiter, denn es wird mehr Eltern geben.

Mythos Nummer 3: Das Bevölkerungsproblem wird durch den Aids-bedingten Mortalitätsanstieg gelöst - Familienplanung ist daher unnötig

Die Zahlen für einzelne Länder sind dramatisch: UNAIDS schätzt, dass 2007 rund 1,5 Millionen Menschen im subsaharischen Afrika an Aids gestorben sind, 350.000 davon in Südafrika, 170.000 in Nigeria und 140.000 in Simbabwe. Doch global gesehen entspricht die Zahl der jährlichen Aids-Toten lediglich dem Bevölkerungswachstum von zehn Tagen und bremst dieses somit nicht. Außerdem sind Familienplanungsprogramme ein wichtiges Instrument in der HIV/Aids-Bekämpfung, denn Ziel dieser Programme ist es, die reproduktive und sexuelle Gesundheit der Bevölkerung unter anderen durch die Bereitstellung von Kondomen zu verbessern.

Mythos Nummer 4: Familienplanungsprogramme zahlen sich finanziell nicht aus

Familienplanungsprogramme, mögen sie auch kurzfristig hohe Kosten verursachen, um Personal auszubilden, Verhütungsmittel kostenfrei oder subventioniert anzubieten und Untersuchungen durchzuführen, sind eine Investition in die Zukunft. Die Gesundheit von Mutter und Kind verbessert sich in der Folge, die Säuglingssterblichkeit geht zurück. Umgekehrt bedeuten viele Kinder unter schwierigen Bedingungen, dass nicht alle von ihnen Wunschkinder sind. Wo die Fertilität sinkt, muss der Staat weniger Infrastruktur wie etwa Schulen bereitstellen oder kann mehr in die echten Wunschkinder investieren und die Qualität ihrer Ausbildung verbessern. Ebenso sinkt der Druck auf die Umwelt und die Ernährungslage. Die Konfliktwahrscheinlichkeit geht zurück, weil weniger junge Menschen ohne Ausbildung und ohne Jobs dem Heer der Unzufriedenen zuströmen. Langfristig leisten Familienplanungsprogramme einen entscheidenden Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung und können helfen, Kosten zu verringern.

Mythos Nummer 5: Familienplanungsprogramme machen die Fruchtbarkeit von Frauen zum politischen Spielball und sind im schlimmsten Fall mit Zwang verbunden

In den 1960er und 1970er Jahren haben Staaten wie Indien und China versucht, Paare zur Verhütung zu drängen. Doch diese Programme waren nie beliebt und nicht immer erfolgreich. Spätestens seit der Weltbevölkerungskonferenz in Kairo 1994, wo die reproduktive Gesundheit und Rechte von Frauen in den Mittelpunkt gerückt wurden, sind alle in der Familienpolitik aktiven Staaten von den umstrittenen Praktiken abgekehrt – mit Ausnahme Chinas. Heute geht es in den Familienplanungsprogrammen darum, aufzuklären, durch Bildung die Nachfrage zu schüren, die sexuelle und reproduktive Gesundheit zu verbessern und Paaren die Möglichkeit zu bieten, freiwillig zu verhüten. Denn wer kein Recht auf Verhütung habe - so die Meinung von John Bongaarts und Steven W. Sinding - der sei dazu gezwungen, mehr Kinder in die Welt zu setzen, als eigentlich gewollt. Das sei auch eine Art von Zwang.

Fazit: Familienplanungsprogramme bieten Entwicklungsmöglichkeiten

Wenn die Geburtenrate sinkt, verändert sich die Altersstruktur einer Bevölkerung: Mehr Menschen im erwerbsfähigen Alter haben weniger Kinder zu versorgen. In dieser, einige Jahrzehnte andauernden Phase, in der eine demografische Dividende eingefahren werden kann, können die Einwohner eines Landes mehr erwirtschaften und die Wirtschaft wächst. Mittel werden frei, um die Armut zu bekämpfen, die Gesundheitsversorgung, die Bildung, die Wohn- und Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern.

Bleibt hingegen die Geburtenrate hoch, kann der Staat die ohnehin mangelhafte Versorgung der Bevölkerung langfristig nicht garantieren. Politische Unruhen, Ernährungskrisen und noch mehr Armut sind wahrscheinlich. Familienplanungsprogramme leisten einen Beitrag, die Bevölkerungszahlen zu stabilisieren.

Verschlechterung des Familienplanungsangebots in Afrika

Quelle: Vereinte Nationen

In fast allen Entwicklungsländern liegt die Nachfrage nach Verhütungsmitteln über dem Angebot und der Bedarf an Familienplanung kann nicht gedeckt werden. Während sich die Situation nach Schätzungen der Vereinten Nationen im Laufe eines Jahrzehnts in Haiti, Honduras und Nepal verbessert hat, hat sie sich in einigen afrikanischen Ländern in derselben Zeitspanne deutlich verschlechtert. Besonders alarmierend sind die Zahlen für Uganda: Innerhalb von elf Jahren ist hier der ungedeckte Bedarf an Familienplanung um zwölf Prozent auf 41 Prozent gestiegen.


Literatur/Links:

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2008): Weltweit sinkt die Kinderzahl pro Frau langsamer als erwartet. In: Demos 50, 16.08.2008.

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2008): Mexikos große Chance. In: Demos 61, 22.12.2008.

Bongaarts, John/ Sinding, Steven W. (2009): A Response to Critics of Family Planning Programs.

Population Action International (2007): Family Planning and Unwanted Pregnancies.

UNAIDS (2008): Report on the global AIDS epidemic.

Weltbank (2009): Data – Key Development Data & Statistics.

 

   
     
 

In Spanien nimmt die Müttersterblichkeit zu
Das immer höhere Alter von Müttern führt zu einem Anstieg der Mortalitätsrate unter Spätgebärenden

Eine neue Studie hat die Entwicklung der Müttersterblichkeitsrate in Spanien seit 1996 untersucht. Das Ergebnis: Die Zahl der Todesfälle stieg um 17 Prozent. Ein Trend, der mit einem immer höheren Alter der Mütter in Spanien zusammenhängt. Auffällig ist darüber hinaus, dass sich die höchsten Todesraten unter Migrantinnen und in der Region um Málaga finden.

Obwohl die Medizin im 20. Jahrhundert riesige Fortschritte gemacht hat, zeigen europäische Untersuchungen in den letzten Jahren einen klaren Anstieg der Müttersterblichkeit. Eine kürzlich veröffentlichte Studie legt jetzt die Mortalitätsraten spanischer Mütter von 1996 bis 2005 offen. Die Daten erschienen in der letzten Ausgabe des Journal of Epidemiology and Community Health. Demnach liegt die Müttersterblichkeitsrate im europäischen Vergleich zwar niedrig, aber sie steigt.

"Diese Veränderung, die mit einem höheren Alter der Mütter einhergeht, zeigt deutlich den Bedarf an einer epidemiologischen Überwachung der Müttersterblichkeit. Denn hierbei handelt es sich um ein vermeidbares Phänomen. Vor allem zeigt es aber, wie wichtig es ist, ausschlaggebende Ursachen zu ergründen, um entsprechende Folgen zu verhindern", meint Miguel Ángel Luque, Autor der Studie und Forscher am Institut für Gesundheit Carlos III. (ISCIII) in Madrid.

In dem untersuchten Jahrzehnt stieg das Mortalitätsrisiko in Spanien unter Müttern exponentiell mit deren Alter. Seit dem Start der Studie sind in Spanien 148 Frauen gestorben. Auf der einen Seite waren zwar in der Regel Geburten von Frauen über 35 Jahren in Spanien 15 Prozent häufiger erfolgreich als im Rest Europas, doch stieg die Mortalität unter diesen Frauen zwischen 1996 und 2005 um 20 Prozent.

Das Risiko war demnach für Frauen zwischen 35 und 44 Jahren dreimal so hoch wie für jüngere Frauen. Die häufigste Todesursache dabei: Präeklampsie (Schwangerschaftsintoxikation) - ein Zustand, der sich ab der 20. Schwangerschaftswoche einstellt und für den die Symptome hoher Blutdruck und Proteine im Urin charakteristisch sind.

Málaga war mit 20 Prozent die Region mit den meisten Todesfällen. Die höchsten Mortalitätsraten wurden in den Jahren 2003 und 2004 erreicht - und 32 Prozent aller Todesfälle entfielen in den Jahren 2003 und 2004 auf Ausländerinnen. Den Autoren zufolge ist dies die erste Untersuchung, die den hohen Prozentsatz an Todesfällen in Spanien unter Frauen ohne spanische Nationalität hervorhebt.

"Wir brauchen einfach mehr Studien, die uns helfen, die Verteilung und Häufigkeit signifikanter Faktoren zu beschreiben. in Europa haben sich die Reproduktionsmuster offensichtlich gewandelt, aber immer noch ist unklar, welche anderen Faktoren neben dem Alter für den Anstieg der Mortalitätsrate verantwortlich sind", führt Luque aus.

Schlechte Work-Life-Balance, viele medizinische Eingriffe

Laut Eurostat, dem Statistischen Amt der Europäischen Union, steigt das Alter von Frauen zum Zeitpunkt ihrer ersten Schwangerschaft in den meisten europäischen Ländern. Das lässt sich durch soziale, wirtschaftliche und kulturelle Veränderungen in den westlichen Ländern gegen Ende des 20. Jahrhunderts erklären. Die Autoren kritisieren, dass in Spanien Programme zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf fehlen. Zusammen mit einer progressiven Anwendung reproduktionsmedizinischer Maßnahmen führt dies zu einem immer höheren Alter der Mütter.

"Wir brauchen ein größeres Verständnis für die Faktoren, die einen Anstieg der Todesrate verursachen, um sie effektiv bekämpfen zu können", untermauert noch einmal der ISCIII-Forscher. In Ländern wie Großbritannien, Frankreich, Holland und den Vereinigten Staaten werden heutzutage alle Todesfälle mit Methoden der qualitativen Forschung untersucht, um Informationen über die ausschlaggebenden Faktoren zu gewinnen.

Spanien und Italien gehören zu den Ländern mit den niedrigsten Fertilitätsraten in ganz Europa - und gleichzeitig weisen sie die höchsten Geburtsraten von Müttern über 35 auf. Verglichen mit dem Rest Europas weisen diese Länder die höchste Zahl an Kliniken auf, die reproduktionsmedizinische Verfahren anbieten. Experten prophezeien, dass "diese Entwicklung in Zukunft einen weiteren Anstieg der Mortalitätsraten unter Müttern mit sich bringt".


Literatur / Links:

EurekAlert!

M.A. Luque Fernández, A. Bueno Cavanillas, M. Dramaix-Wilmet, F.S. Soria, J. de Mata Donado Campos, D.H. Guibert: Increase in maternal mortality associated with change in the reproductive pattern in Spain: 1996. In: Journal of Epidemiology and Community Health 63:433, June 2009.

 

   
     
 

Welche Wirkung hat Entwicklungszusammenarbeit?
Eine neue Studie bewertet Evaluationssysteme in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit

Wie kaum ein anderes Politikfeld stellt die Entwicklungszusammenarbeit die Frage nach dem "Sinn und Unsinn" des eigenen Handelns gerade in Zeiten knapper Mittel immer dringender. Doch nach welchen Maßstäben und mithilfe welcher Kriterien kann die Arbeit in Entwicklungsländern überzeugend bemessen werden? Die Studie "Evaluation in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit" wollte dieser Frage auf den Grund gehen und das Evaluationssystem in der staatlich geförderten deutschen Entwicklungszusammenarbeit auf seine Funktionalität hin überprüfen. Ziel war es darüber hinaus, Empfehlungen für die Politik zu erarbeiten.

Die gute Nachricht der Ergebnisse zuerst: In keinem anderen Politikfeld wird eine so hohe Evaluationskultur gepflegt wie in der Entwicklungszusammenarbeit. Gerade weil hier der Rechtfertigungsdruck traditionell sehr hoch ist, ist auch die Bereitschaft weit verbreitet, sich selbstkritisch mit dem eigenen Wirken auseinanderzusetzen. Aber auch im internationalen Vergleich vertreten die Institutionen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit einen hohen Standard im Bereich der wirkungsorientierten Evaluierung. Damit bescheinigen die Forscher der deutschen Entwicklungszusammenarbeit prinzipiell eine hohe Glaubwürdigkeit.

Aber es gab auch Kritikpunkte: So sehen die Forscher die hohe Zersplitterung in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit als Hemmfaktor, da dadurch die Vergleichbarkeit der Evaluationsergebnisse fast unmöglich wird. "In jeder Organisation wird das Rad neu erfunden", beschreibt Reinhard Stockmann vom Centrum für Evaluation an der Universität Saarbrücken (CeVal) die aktuelle Situation. Das bedeutet, jede Institution hat ihr eigenes System und ihre eigenen Bewertungskriterien. Auch in der Qualität und dem Standard ihrer Evaluationen unterscheiden sich die einzelnen Institutionen stark voneinander. Dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) fehlt es damit an Steuerungskapazität, die dringend notwendig wäre, damit sich die einzelnen Institutionen nicht gegenseitig dabei behindern, die gemeinschaftlichen Ziele zu erreichen. "Das BMZ muss verstärkt auf ein einheitliches System drängen und auch steuern. Als Geldgeber hat das BMZ dazu die Legitimation", so Stockmann weiter.

Als weitere Kritikpunkte bringen die Forscher die geringe Professionalität der Evaluierungsfachkräfte an, die zumeist zwar Experten in dem untersuchten Fachgebiet sind, jedoch wenig Expertise beim methodischen Vorgehen einer Evaluation mitbringen. Nur selten gibt es eine eigene Evaluationsabteilung in den Organisationen, und ebenfalls viel zu selten werden externe Gutachter mit der Evaluierung beauftragt. Oft sind die Ursache hierfür die knappen Mittel. Hier fordern die Forscher einen Einstellungswechsel. Während die Mehrheit der Institutionen ihre Ausgaben für Evaluierungen nur schätzen kann und dabei auf einen Wert um die 0,3 Prozent des Portfolios kommen, empfiehlt die Studie, von vornherein mindestens ein Prozent des Budgets für Evaluierungsmaßnahmen einzuplanen.

Die Aufgabe des Gutachtens lag zunächst nur in einer Bestandsaufnahme. Daher lautet die zentrale Empfehlung, eine internationale Expertenkommission zu bestellen, welche ein Konzept zur Vereinheitlichung der Evaluationssysteme ausarbeiten soll. Als mögliche Alternativen schlagen die Forscher vor, entweder die Evaluationseinheit am BMZ zu verstärken oder eine unabhängige Evaluationsagentur beziehungsweise einen Evaluationsbeirat zu etablieren. Ihnen käme dann die Kontrolle und Steuerung der Evaluationen sowie die Weiterentwicklung der Standards zu.

Auch wenn die Studie nicht, wie angekündigt, die Wirksamkeit der deutschen Entwicklungszusammenarbeit misst, bietet sie doch einen sehr umfassenden und übersichtlichen Einblick in die Evaluationseinheiten der untersuchten Institutionen. Dadurch profitiert nicht nur das BMZ von dem Bericht, sondern alle, die mehr über die Stärken und Schwächen der Evaluierungssysteme in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit wissen möchten. Durch die gute Struktur des Berichtes ist es leicht, sich einen schnellen Eindruck über Bedeutung und Stand sowie Vorgeschichte und Perspektive der Evaluationspraxis in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit zu verschaffen. Und mit einem Gesamtbudget von 430.000 Euro über zwei Jahre zeigen die Forscher am eigenen Beispiel, dass Evaluation zwar zeitaufwendig, aber nicht unsagbar teuer sein muss.


Der Auftrag für das Gutachten kam vom BMZ. Durchgeführt wurde es maßgeblich von Axel Borrmann vom CeVal und Reinhard Stockmann vom Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut gGmbH (HWWI). Neben ihnen gehörten noch vier weitere Gutachter und zwei internationale Berater zum Forschungsteam.

Die Studie untersucht neben dem BMZ selbst noch 19 weitere staatliche, kirchliche, politische und unabhängige Institutionen, unter ihnen die Deutsche Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ), die KfW Entwicklungsbank, das katholische Hilfswerk MISEREOR und die Deutsche Welthungerhilfe (DWHH). 2006 verantworteten diese 20 Institutionen 85 Prozent der Gelder, die über das BMZ in die bilaterale Entwicklungszusammenarbeit fließen. Außerdem untersuchten die Forscher anhand einer kurzen Online-Befragung über den Verband Entwicklungspolitik Deutscher Nichtregierungsorganisationen (VENRO) die Evaluationsstrategien der vielen kleinen Nichtregierungsorganisationen, die in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit tätig sind, und bezogen die Ergebnisse als Vergleichsgröße mit ein.

Methodisch haben sich die Forscher an die DAC-Prinzipien der OECD zur Evaluation gehalten. Das heißt, sie haben die verschiedenen Evaluationssysteme der Institutionen hinsichtlich der fünf Kriterien Glaubwürdigkeit und Unhabhängigkeit, Nützlichkeit, Qualität, Partnerschaftlichkeit sowie Vernetzung, Systembildung, und -veränderung betrachtet. Neben der Analyse von Literatur und internen Dokumenten stützen sich die Ergebnisse der Forscher vor allem auf die Selbsteinschätzungen der untersuchten Institutionen, die sie mit Hilfe von Frageleitfäden erhoben hatten.


Literatur:

Borrmann, Axel und Stockmann, Reinhard (Hg.) (2009): Evaluation in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Band 1 - Systemanalyse, Band 2 - Fallstudien. Sozialwissenschaftliche Evaluationsforschung, Band 8. Waxmann, 898 Seiten, geb., 68,00 EUR.

 

   
     
 

In eigener Sache
Neu im Online-Handbuch Demografie

Der Artikel "Alterung" von Ursula Lehr ist jetzt auch in englischer Fassung abrufbar: Population Ageing by Ursula Lehr.

 

   
 

 

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