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Ausgabe 78, 03. August 2009

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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Migrantenkinder mögen Fast Food und süße Snacks
Wenn Integration der Gesundheit schadet

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"Als Ausländer ist man in Japan nur Gast"
Interview mit Debito Arudou, Hokkaido Information University

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Nur noch 29 Japaner in Japan im Jahre 3000?
Alterung, wenige Geburten, kaum Einwanderung - doch die Demografen der Inselnation sehen keinen Grund umzusteuern

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Migrantenkinder mögen Fast Food und süße Snacks
Wenn Integration der Gesundheit schadet

Reis, Bulgur (gekochter, getrockneter Weizen), Brot, Joghurt, reichlich Gemüse, wenig Fleisch, kaum Alkohol und Zucker - der traditionelle türkische Speisezettel kommt den Empfehlungen für eine gesunde Ernährung recht nahe. Wenn Türken auswandern, ändern sie aber häufig ihre Essgewohnheiten. Damit passen sie sich jedoch nicht nur an das Angebot und die Gebräuche ihrer neuen Heimat an, sondern auch an die dort grassierenden Gesundheitsprobleme: Mit der Umstellung auf eine fett-, salz- und zuckerreichere Ernährung geht ein erhöhtes Risiko für Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes einher.

Solche Veränderungen des Lebensstils und deren Folgen bei Einwanderern in ausgewählten Ländern Europas hat ein gesamteuropäisches Wissenschaftlerteam um die Biochemikerin und Ernährungswissenschaftlerin Santosh Khokhar von der britischen Universität Leeds anhand der vorhandenen Literatur untersucht. Vor allem die zweite und dritte Generation der Migranten, so das Fazit, greift anstatt zu Obst, Gemüse, Nüssen und Getreide lieber zu Fertigprodukten und Fast Food, süßen Snacks, Softdrinks und ähnlichen westlichen Errungenschaften mit hoher Kaloriendichte, einem Übermaß an Fett, Zucker und Salz.

Diese Tendenz zeige sich bei allen untersuchten ethnischen Gruppen, schreibt Khokhar in der Zeitschrift "Nutrition Reviews", und zählt die Gruppen auf, die in den jeweiligen Ländern den Hauptanteil der ausländischen Wohnbevölkerung ausmachen: Türken in Deutschland und Dänemark, Asiaten in Großbritannien, Surinamesen in den Niederlanden, Nordafrikaner in Frankreich, Rumänen in Italien oder Lateinamerikaner in Spanien. Zu dieser Aufzählung wäre zu ergänzen, dass sie kein Gesamtbild der Bevölkerung mit Migrationshintergrund vermittelt. Denn eingebürgerte Zuwanderer und ihre Nachkommen werden in den nationalen Statistiken meist nicht gesondert aufgeführt.

Eine gewisse Umstellung der Kost wird allein durch das Angebot an Nahrungsmitteln und die Möglichkeiten der Zubereitung im Einwanderungsland erzwungen. Dabei liegt auf der Hand, dass die Ankömmlinge Pommes frites, Chips, gezuckerte Frühstücksprodukte und Süßigkeiten, die jederzeit überall erhältlich sind, rasch annehmen. Grundnahrungsmittel wie Reis, Mais, Nudeln, Chapatis oder andere Fladenbrote sowie Kochbananen behaupten ihren Platz auf dem Speisezettel dagegen am längsten. Beide Tendenzen werden dadurch begünstigt, dass Zuwanderer sich bevorzugt in Städten niederlassen: Einerseits gibt es an jeder Straßenecke schnelle Snacks für zwischendurch, andererseits sind aber auch Läden mit ausländischen Spezialitäten dichter gestreut. Wie bei der alteingesessenen Bevölkerung entscheidet aber auch bei den Zuwanderern das verfügbare Einkommen, die Arbeitszeiten und der Bildungsstand darüber, wie weit sie den industriell gefertigten Verführungen erliegen, die im Vergleich zu Frischprodukten, zumal importierten, oft preisgünstiger sind. Auch der Glaube, religiöse Ernährungsvorschriften und überlieferte Vorstellungen beeinflussen die Wahl.

Trotz eindeutiger Tendenz ergeben die von Khokhar gesichteten Studien ein vielfältiges Bild. So konsumieren junge Südasiaten in England am liebsten Chips, Sandwiches, Pizza und Gebäck, während die Elterngeneration vom indischen Subkontinent beim gewohnten Mix aus Reis und verschiedenen Currys bleibt. Ebenso halten Chinesen auch nach langjährigem Aufenthalt im Land von Fish 'n' Chips an ihrer ursprünglichen Küche fest.

Generell gilt zwar: Je integrierter in punkto Ernährung, desto mehr gleichen sich die Erkrankungsmuster der Immigranten jenen der angestammten Bevölkerung an. Gleichzeitig liegt aber bei den Zuwanderern die Rate der durch Ernährung und Bewegungsmangel bedingten Erkrankungen wie auch die Sterblichkeit höher als bei den Einheimischen - und auch höher als in den jeweiligen Herkunftsländern üblich. Dennoch wirkt sich die Umstellung auf westlich geprägte Verzehrgewohnheiten bei den unterschiedlichen ethnischen Gruppen unterschiedlich auf die Gesundheit aus. Südasiaten oder Jamaikaner sind beispielsweise drei Mal anfälliger für Diabetes als die durchschnittliche britische Bevölkerung. Warum, bleibt bislang unklar. Möglicherweise spielen genetische Faktoren mit. Bei Südasiaten wurden jedenfalls höhere Blutzucker- und Insulinwerte nach Einnahme einer Mahlzeit gemessen als bei anderen Gruppen, was auf eine erhöhte Neigung zu Insulinresistenz hinweist. Dadurch steigt auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Es liegt für Bangladeschis am höchsten, betrachtet man nur die Gruppe der Immigranten aus Südasien in Großbritannien, das höchste Risiko für Bluthochdruck, Gefäßverengungen und Herzinfarkte insgesamt haben dort jedoch die schwarzen Einwanderer aus der Karibik. Ähnlich verhält es sich anderen Untersuchungen zufolge mit Personen aus Polen, dem Iran oder der Türkei in Schweden.

Mehr Forschung und bessere Daten seien nötig, schließt Santosh Khokhar, um die unterschiedlichen Ernährungsweisen und deren Auswirkungen auf die Gesundheit genau zu erfassen. In einem Artikel in der Zeitschrift "Food Chemistry" dreht die Wissenschaftlerin den Spieß um und schlägt vor, die Spezialitäten, die von den Einwanderern nach Europa gebracht wurden und sich mittlerweile großer Beliebtheit erfreuen, europaweit mit standardisierte Messmethoden zu untersuchen. Damit man endlich weiß, welche und wie viel Fette, Nährstoffe, Nahrungsfasern und andere Bestandteilen, die für die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen von Bedeutung sind, beispielsweise in türkischem Dürüm oder Kebab enthalten sind.

Literatur/Links:

Nutrition Reviews (2009), Vol. 66(4): 203-215.

Food Chemistry (2009), Vol. 113: 816-824.

 

   
     
 

"Als Ausländer ist man in Japan nur Gast"
Interview mit Debito Arudou, Hokkaido Information University

Der Autor und Bürgerrechtler Debito Arudou hieß ursprünglich David Christopher Aldwinckle und wurde 1965 als Amerikaner geboren. 1991 ließ er sich in Sapporo auf der Insel Hokkaido nieder. Er setzt sich regelmäßig mit der Fremdenfeindlichkeit auseinander, die er in Japan vorfindet. Seit 1993 lehrt er an der privaten Hokkaido Information University Englisch. Seit 2000 ist er japanischer Staatsbürger.

Ausländer machen nur 1,7 Prozent der japanischen Bevölkerung aus, die im Jahre 2007 knapp 128 Millionen zählte. Das ist im internationalen Vergleich ein sehr geringer Anteil. Warum ist das so? Aus welchen Ländern kommen die Ausländer und was hat sie nach Japan gebracht?

Seit sich Japan vor fast 150 Jahren gegenüber der Welt öffnete, hat es immer wieder Ausländer herbeigerufen. Zunächst als Berater, die nach Jahrhunderten der Isolierung helfen sollten, den technologischen Rückstand aufzuholen. Dann als Arbeitskräfte aus den eroberten Gebieten, um die Kriegsmaschinerie am Laufen zu halten, dann als ehemalige Bürger des zusammengebrochenen japanischen Imperiums. Während der Aufbauphase nach dem Krieg kamen Lehrer, Forscher, Studenten und Arbeiter.

Die bisher ausgeprägteste Phase der Ausländer-Anwerbung begann 1990, als Japan neue Visums-Bestimmungen erließ um Arbeitskräfte aus ärmeren Ländern zu gewinnen, vor allem aus China, Südamerika und Südostasien. Es gab einen enormen Bedarf an Arbeitskräften in schmutzigen, besonders harten und gefährlichen Industriebereichen, die von den Japanern gemieden wurden. Die Regierung hielt es für nützlich, Arbeiter zu holen, die solche Jobs für weniger Geld erledigten als japanische Kräfte gekostet hätten. Infolge dieser Politik hat sich die Zahl der nichtjapanischen Einwohner Japans seit 1990 mehr als verdoppelt.

Aber warum sind es im internationalen Vergleich immer noch relativ wenige?

Japan hat keine offizielle Einwanderungspolitik, es steht vielmehr für eine "Drehtüren-Politik". Das heißt etwa, dass Ausländer zeitlich begrenzte Visa erhalten, die mit Wegfall des Arbeitsplatzes in Japan erlöschen, wie dies bei den sogenannten Fabrik-"Praktikanten" aus China der Fall ist. Oder, anderes Beispiel, Ausländer mit ursprünglich japanischen Wurzeln können bleiben, so lange sie wollen, können in Fabriken arbeiten und in das Rentensystem einzahlen; wenn aber, wie im April geschehen, das wirtschaftliche Umfeld schwächelt, bekommen sie quasi eine Bestechungssumme angeboten, damit sie nur ja wieder zurück gehen und all ihre Investitionen und Ansprüche zurücklassen. Die Regierung ist kaum darauf eingestellt, ausländische Menschen zu integrieren oder ihnen auch nur dabei zu helfen sich einzuleben. Und es ist ziemlich schwierig, eine unbefristete Niederlassungsbescheinigung zu erhalten. Die offizielle Haltung ist: Als Ausländer sind Sie nur Gast. Genießen Sie den Aufenthalt, verdienen Sie Geld, aber danach gehen Sie bitte wieder nach Hause.

Wie haben Sie es geschafft, einen japanischen Pass zu bekommen?

Der Vorgang der Einbürgerung ist ähnlich wie überall auch, mit einigen ziemlich willkürlichen Anforderungen, die ich aber erfüllen konnte.

Sie berichten auf Ihrer Website über solche willkürlichen Anforderungen: So mussten Ihre Verwandten ein Formular ausfüllen, dass sie mit Ihrer Einbürgerung einverstanden seien. Nach anderen Berichten wird Einbürgerungskandidaten manchmal geraten, ihren Namen zu ändern, auf dass er japanischer klinge.

Man muss beweisen, wie japanisch man ist. Dazu gehört, das Einverständnis der Familie und der Nachbarn einzuholen. Es gab Beamten, die den Inhalt von Kühlschränken oder die Spielsachen in Kinderzimmern prüften, um zu sehen, wie japanisch diese waren. Damit schaffen sich die Inspekteure wahrscheinlich die Möglichkeit, jemanden abzulehnen, der ihnen "komisch" vorkommt. Bei mir war es nicht so, und ich bin ziemlich "komisch". Und nach der amtlichen Einbürgerungsstatistik wird fast jeder akzeptiert, der beim Auswahlgespräch am Anfang besteht und alle Formulare einreicht.

Was wäre daran auszusetzen, wenn Japan meint, es wolle oder benötige keine Einwanderung?

Dass dies nicht die Wirklichkeit widerspiegelt. Es gab einen Bericht der Vereinten Nationen, der besagte, dass Japan Einwanderung braucht, es gab mindestens einen Premierminister, der dies anerkannte, und mehrere bedeutende japanische Organisationen, die dies vertreten. Und zwar jetzt. Unsere Gesellschaft altert und unser finanzielles Fundament bröckelt. Wir stehen kurz davor, einen demografischen Albtraum zu erleben: eine Zukunft, in der die Gesellschaft sich selbst nicht mehr unterhalten und betreuen kann. Ausländer werden so oder so herkommen, auch wenn sie unseren Inselstaat geschwächt oder entvölkert vorfinden. Daher sollten wir die Einwanderung besser jetzt anpacken, so lange wir noch Energie und Gestaltungsspielraum haben.

Unsere Repräsentanten und Entscheidungsträger verstehen nicht unbedingt, dass Menschen, die anders aussehen, keine Bedrohung sind. Wir können von ihnen nicht erwarten, dass sie uns in eine Zukunft führen, die sie sich gar nicht vorstellen können. Es ist aber doch auch unser Land.

Japanische Demografen betonen immer, das Schrumpfen der Bevölkerung habe auch positive Seiten, etwa, dass mehr Platz oder mehr Landwirtschaftsland zur Verfügung stehe.

Mehr Land ist großartig - aber wer soll es bewirtschaften? Der ländliche Raum entleert sich bereits. Unsere Bauern haben solche Probleme, Ehefrauen zu finden, dass sie sich welche aus dem Ausland holen. Gleichzeitig konzentriert sich alles in den Städten, die immer noch dichter bevölkert sind. Ich glaube nicht, dass es bereits eine Bewegung "zurück ins Grüne" gibt, wie dies anderswo zu beobachten ist. Nach meiner Einschätzung wird sich der Rückgang auf dem Land mindestens noch die nächsten paar Jahre fortsetzen.

Wie schafft es Japan, seine Produktivität auf lange Sicht zu erhalten, wenn es kaum Zuwanderung von Arbeitskräften zulässt?

Das weiß wahrscheinlich niemand. Eine Bevölkerung mit einem derart hohen Anteil an Älteren hat es noch nie gegeben. Wirtschaftsverbände und Denkfabriken in Japan sprechen vage von Robotern, von Automatisierung, von verstärkter Frauen- und Alters-Erwerbsbeteiligung. Das ist alles. Aber von Einwanderung als einer möglichen Lösung der demografischen Probleme zu sprechen, ist zur Zeit tabu.

Wie reagieren die Japaner, wenn sie von Schwierigkeiten bei der Integration von Ausländern in Europa hören?

Solche Meldungen werden benutzt, um die Festung zu zementieren. Politiker werden nicht müde, auf interkulturelle Differenzen oder Unruhen hinzuweisen. Das hält unser Land davon ab, über eine Einwanderungspolitik auch nur nachzudenken. Auf inoffiziellen Wegen kommen aber trotzdem Arbeitskräfte ins Land - und am Ende haben wir die gleichen Probleme. So viel Engstirnigkeit enttäuscht, sie passt einfach nicht zu einer so hoch gebildeten Gesellschaft.

Das Interview führte Sabine Sütterlin.

Nachdruck unter Quellenangabe (Sabine Sütterlin / Berlin-Institut) erlaubt.

Interview mit Debito Arudou auf Englisch.

 

   
     
 

Nur noch 29 Japaner in Japan im Jahre 3000?
Alterung, wenige Geburten, kaum Einwanderung - doch die Demografen der Inselnation sehen keinen Grund umzusteuern

"Geburtenrate steigt wieder leicht", meldeten Anfang Juni die japanischen Zeitungen. Das Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Wohlfahrt hatte gerade die neuesten Bevölkerungsdaten für 2008 veröffentlicht: Demnach war die durchschnittliche Kinderzahl je Frau ("total fertility rate") von 1,34 im Vorjahr auf 1,37 gestiegen.

Veränderungen an der zweiten Stelle hinter dem Komma werden dem Land wenig nützen. Seit 2005 schrumpft Japans Bevölkerung. Noch nicht so stark wie dies bei den Deutschen bereits der Fall ist, weil der japanische Nachkriegs-Babyboom mit 4,4 Kindern je Frau von 1947 bis 1949 viel ausgeprägter war. Der Schwund wird sich jedoch bald massiv beschleunigen. Und das hat nicht nur mit den rekordverdächtig niedrigen Geburtenraten zu tun, sondern auch damit, dass Japan - anders als die meisten Industrienationen - den Schwund praktisch nicht durch Einwanderung auszugleichen oder abzumildern sucht. Im Gegenteil, die Politik versucht eine dauerhafte Niederlassung und Integration ausländischer Arbeitskräfte, ob in der Produktion oder im Dienstleistungssektor, regelrecht zu verhindern.

Das ist das erstaunliche Fazit eines Symposiums, das Anfang Juni in Tokio Wissenschaftler aus den beiden bereits schrumpfenden und stark alternden Industrienationen Deutschland und Japan zu einem Erfahrungsaustausch zusammengeführt hat. "Imploding Populations - Global and Local Challenges of Demographic Change" hatte der Organisator, das Deutsche Institut für Japanstudien, die Tagung überschrieben. Das Spektrum der Vortragsthemen reichte dabei vom Umgang der Gesellschaft mit immer mehr alten Menschen über Strategien für Schwundregionen bis zu den Möglichkeiten der Familienpolitik, die Gebärfreudigkeit zu steigern.

Kein Nachwuchs in Sicht

Zahl der Neugeborenen (Balken) sowie durchschnittliche Kinderzahl je Frau (Linie) für die Jahre 1947 bis 2007

(Quelle: Shigemi Kono)

In der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg betrieb Japan - angesichts sinkender Geburtenziffern, wie viele andere Staaten auch, um ausreichend Nachwuchs für Industrie und Armee besorgt - eine forciert pronatalistische Politik. Die Geburtenziffern schossen aber vor allem in die Höhe, als nach Japans Kapitulation Millionen ehemaliger Soldaten und Kolonisten auf die Insel zurückkehrten, und für einen ausgeprägten Babyboom sorgten. Schon bald propagierte der Staat daher Familienplanung und liberalisierte die Abtreibung. Seit den 1970er Jahren sinkt die Nachwuchsfreudigkeit stetig. Der auffallende Einbruch 1966 rührt von verstärkten Verhütungsmaßnahmen aufgrund der traditionellen Vorstellung, nach der Mädchen, die im "Jahr des Feuerpferdes" des chinesischen Kalenders geboren werden, ihren späteren Ehemännern den Tod bringen.

Letzteres wird schwierig. Als 1990 die Kinderzahl je Frau in Japan auf 1,57 fiel und infolge der damaligen schweren Wirtschaftskrise auch noch die Familieneinkommen sanken, legte der Staat Programme zur Geburtenförderung auf. Unter anderem können seither junge Eltern ein Jahr Auszeit bei halbem Lohnausgleich nehmen, und anders als zuvor haben auch Doppelverdiener Anrecht auf Kinderbetreuung. Der Erfolg dieser Politik hält sich jedoch in Grenzen, wie Makoto Atoh von der Waseda University bei dem Symposium in Tokio darlegte: Seit 1999 sind die familienbezogenen Sozialausgaben kaum noch gestiegen, während jene für alte Menschen stetig wachsen. Männer nehmen die Elternzeit praktisch gar nicht in Anspruch. Die meisten Frauen hören nach dem ersten Kind auf zu arbeiten und steigen, wenn überhaupt, erst wieder ins Berufsleben ein, wenn die Kinder groß sind - und auch dann zu zwei Dritteln nur in Teilzeit. Zumal die Unternehmen wenig familienfreundliche Bedingungen bieten: Bis zu 60 Stunden betragen die Wochenarbeitszeiten, Überstunden werden häufig unbezahlt geleistet, Urlaubsansprüche verfallen. Auch an der Kinderbetreuung mangelt es. Der Staat unterschätze den Bedarf, so Atoh. Sein Fazit: "Trotz der Veränderungen seit 1990 ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Japan im internationalen Vergleich sehr gering".

Dass sich Japaner mit der Familiengründung schwer tun, liegt aber auch daran, dass die Emanzipation der Geschlechter noch nicht sehr weit gediehen ist: 46,5 Prozent der Männer und immerhin noch 31,8 Prozent der Frauen befürworten das traditionelle Kleinfamilien-Modell, bei dem der Mann die Familie ernährt, die Frau für Kinder und Haushalt sorgt. Shigemi Kono, der Doyen der japanischen Demografie, wies darauf hin, dass in Japan - ähnlich wie in Italien, Spanien und anderen südeuropäischen Ländern mit niedriger Geburtenrate - junge Erwachsene sehr lange im Elternhaus wohnen bleiben.

Nesthocker auch in Japan

Anteil der Männer und Frauen zwischen 25 und 29 Jahren, die im Jahre 2002 noch bei den Eltern wohnten, in ausgewählten europäischen Ländern und in Japan

(Quelle: Shigemi Kono)

In den letzten drei Jahrzehnten hat sich das Heiratsalter in Japan stark nach oben verschoben, der Anteil jener, die unverheiratet bleiben, nimmt zu. Einer der Gründe liegt darin, dass junge Erwachsene häufig sehr lange im Elternhaus wohnen bleiben, und zwar, anders als in den ebenfalls von einem patriarchalischen Rollenmodell geprägten südeuropäischen Ländern Griechenland und Spanien, Frauen fast ebenso häufig wie Männer. Vor allem für gut ausgebildete und gut verdienende japanische Frauen ist es ein Vorteil, zuhause zu bleiben, haben sie doch am meisten zu verlieren, wenn sie durch Heirat gezwungen sind, sich ausschließlich um Kinder und Haushalt zu kümmern.

So wird Japan weiter schrumpfen. Jedenfalls in nächster Zeit - selbst wenn, so Kono, "ab morgen die Kinderzahl je Frau auf dem Erhaltungsniveau von 2,1 läge". Die Bevölkerungsprognosen, die Shigesato Takahashi, Vize-Generaldirektor am Nationalen Forschungsinstitut für Bevölkerung und Sozialversicherung, vorlegte, müssten eigentlich alle Alarmglocken schrillen lassen: Bleibt die Geburtenrate auf dem heutigen Niveau und erfolgt keine Zuwanderung, neigt sich die Kurve bald schon immer steiler nach unten, läuft dann etwas flacher auf den Quasi-Nullpunkt im Jahre 3000 zu: Genau 29 Japaner, besagt die Skala, sind dann noch übrig.

Nur eine vorübergehende Bevölkerungsexplosion?
Bevölkerungsentwicklung Japan seit 1800 bis 3000 bei gleichbleibenden Trends

(Datengrundlage: National Institute of Population and Social Security Research, Japan 2006.)

Seit Ende des 19. Jahrhunderts, als sich Japan im Zuge der Meiji-Restauration öffnete und modernisierte, wuchs die Bevölkerung stark und erreichte zu Beginn des 21. Jahrhunderts einen Höhepunkt. Hält der aktuelle demografische Trend an, entleert sich das Land rapide und erreicht um 2050 wieder etwa den Bevölkerungsstand von um 1960. Manche sehen diese Entwicklung lediglich als kurzfristige Explosion und betonen die positiven Seiten des Rückgangs: Endlich wieder mehr Platz. Allerdings weist Japans Bevölkerung dann eine ganz andere Altersstruktur auf als in den 1960er Jahren.

Sollte dies die japanischen Demografen beunruhigen, lassen sie es sich jedenfalls kaum anmerken. Sie zählen zwar einige Nachteile auf, etwa eine sinkende Binnennachfrage, fehlende Anreize für Investitionen und Innovationen oder Zukunftsängste. Vorausgesetzt, der Bevölkerungsrückgang fände irgendwann ein Ende, wäre es Shigemi Kono zufolge nicht schlecht, wenn es wieder mehr Lebensraum gäbe in dem Inselstaat, mehr Bewegungsfreiheit und bessere Arbeitsbedingungen.

Allerdings wird sich die schrumpfende japanische Gesellschaft grundlegend verändern. Die Altersgruppe der 15- bis 64-Jährigen, die den Hauptteil des Nationaleinkommens erwirtschaftet, wird kleiner. Schon heute, bei einer Gesamtbevölkerung von 127,8 Millionen (2007), zählen die über 65-Jährigen mehr Köpfe als die nachwachsende Jugend unter 14 Jahren. Bald kommen die Babyboomer ins Rentenalter, und im Jahre 2050, wenn Japan mit rund 95 Millionen den Bevölkerungsstand von Anfang der 1960er Jahre erreicht haben wird, ist fast die Hälfte der Bewohner älter als 65.

Bald steht die Pyramide Kopf

Bevölkerungspyramide Japans 1950, 2000, 2050

Rund 20 Millionen Häupter zählen die Babyboom-Geburtsjahrgänge 1941 bis 1950, in deren Lebenszeit auch die ohnehin legendäre Langlebigkeit der Japaner im Durchschnitt noch gestiegen ist. Wenn diese Generation im Verlauf der nächsten Jahre ins Rentenalter kommt und die ganze Last der Sozialsysteme auf den immer spärlicher nachwachsenden Generationen ruht, stellt dies die japanische Gesellschaft vor enorme Herausforderungen.

An den Stadträndern und vor allem auf dem Land gibt es heute schon Gebiete, die sich regelrecht entleeren, wo Schulen und Läden schließen. Viele über 65-Jährige stehen zwar noch im Erwerbsleben und sind auch als Konsumenten ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Die Armut unter den älteren Bewohnern nimmt jedoch zu, immer häufigen leben Senioren allein anstatt wie früher bei den Familien ihrer Kinder. Bislang wurden Pflegeheime nur im Notfall genutzt, doch auch diese Einstellung beginnt sich zu verändern, wie die Japanologin und Sozialwissenschaftlerin Gabriele Vogt von der Universität Hamburg berichtete.

Welche Strategien hat Japan, um sich an diese tiefgreifenden Veränderungen anzupassen? Einwanderung gehört definitiv nicht dazu. Bei dem Symposium in Tokio wurde sie als mögliche Lösung anstehender Probleme bestenfalls am Rande erwähnt, Fragen dazu beantworteten die Bevölkerungsexperten eher ausweichend.

Japan hat Arbeitskräfte ins Land geholt, wenn es sie brauchte. In den letzten Jahrzehnten vor allem für harte, schmutzige, schlecht bezahlte Jobs in der Industrie. Dabei achtete man jedoch stets darauf, sie als vorübergehende Gastarbeiter zu behandeln - und bei Bedarf auch wieder nach Hause zu schicken. Daher weist die japanische Statistik einen Ausländeranteil von 1,7 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Zum Vergleich: Deutschland hat 8,8 Prozent; fast 20 Prozent sind es, wenn man alle in Deutschland lebenden Personen mit Migrationshintergrund, einschließlich der eingebürgerten, betrachtet.

Jüngst stellte die japanische Politik einen Bedarf an zusätzlichen 1,5 Millionen Pflegekräften für die bald 35 Millionen über 65-Jährigen fest. Daher schloss die Regierung 2007 bilaterale Abkommen mit den Philippinen und Indonesien, nach denen jährlich rund tausend Krankenschwestern oder Altenpfleger ins Land kommen sollen. Allerdings sind die Bedingungen so wenig einladend, dass die Zahl derer, die tatsächlich kommen, weit unter diesem Ziel bleibt, wie Gabriele Vogt von der Universität Hamburg schilderte: Sie erhalten zunächst einen sechsmonatigen Sprachkurs. Wenn sie dann drei bis vier Jahre im Beruf tätig waren, müssen sie ein staatliches Examen auf Japanisch ablegen - mit einer Durchfallquote von 50 Prozent. Bestehen sie die Prüfung, erhalten sie eine begrenzte Niederlassungs- und Arbeitserlaubnis. Familiennachzug ist nicht erwünscht. Die Zukunftsperspektive ist also wenig sicher, die Entlohnung überdies relativ schlecht. Und potenzielle Arbeitgeber zeigen sich eher unwillig, die Ausländer einzustellen, nicht nur, weil sie mangelnde Sprachkenntnis befürchten, sondern auch, weil sie die Kosten für den Sprachkurs und den Aufenthalt während dieser Zeit tragen müssen. Durch die aktuelle Wirtschaftskrise hat ein Umzug nach Japan für indonesische oder philippinische Pflegekräfte schließlich noch mehr an Attraktivität verloren.


Literatur/Links:

Conference Imploding Populations - Global and Local Challenges if demographic change (2009). Tokyo, Japan.

Shigemi Kono: Challenges to Demographic Trilemma of Low Fertility, Ageing and Depopulation. Präsentation bei der Tagung "Imploding Populations - Global and Local Challenges of Demographic Change", 02.-04.06.2009, Tokio.

Shigesato Takahashi (2009): Demographic Changes in Japan: Economic Globalization and Changes in Family Formation. Präsentation bei der Tagung "Imploding Populations - Global and Local Challenges of Demographic Change", 02.-04.06.2009, Tokio.

 

   
 

 

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