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Ausgabe 79, 17. August 2009

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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Chinas jüngstes Sorgenkind: die Rente
Warum der demografische Wandel in China rasches Umdenken erfordert

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Wenn Auswanderer zurückkehren
Schwellenländer profitieren davon, dass Hochqualifizierte bei der Rückkehr aus dem Ausland Wissen, Kapital und Erfahrungen mitbringen

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Wachsendes Nord-Süd-Gefälle
Die Menschheit nähert sich der Sieben-Milliarden-Grenze. Europa altert wie kein zweiter Kontinent. Und die jüngere Bevölkerung konzentriert sich zunehmend in Afrika und Asien.

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Chinas jüngstes Sorgenkind: die Rente
Warum der demografische Wandel in China rasches Umdenken erfordert

China wird alt, sehr alt sogar. Die demografischen Verhältnisse wandeln sich in China so schnell und umfangreich wie fast nirgendwo sonst auf dieser Welt. Innerhalb einer einzigen Generation wird die chinesische Bevölkerung die amerikanische in Sachen Alterung überholt haben. Zudem wird China im Jahr 2020 seinen Titel als bevölkerungsreichstes Land an Indien abtreten.

Das Reich der Mitte hat eine extreme demografische Entwicklung hinter und vor sich. Kamen im Jahre 1975 auf einen über 60-Jährigen sage und schreibe sechs Kinder zwischen null und 14 Jahren, so stehen eine Generation später einem einzigen Kind zwei Rentner gegenüber.

Absturz mit der Ein-Kind-Politik
Entwicklung der Fertilität im mittleren Szenario

Datengrundlage: UN, World Population Prospects: The 2008 Revision

Nachdem sich das Zentralkomitee 1979 entschied, dem Kindersegen per Ein-Kind-Politik ein radikales Ende zu bereiten, stagniert die Fertilität seit 2000 bei 1,8 Kindern. In den Mega-Städten, allen voran Peking und Shanghai, fiel die Rate sogar unter ein Kind. Dieser Entwicklung gingen starke Jahrgänge voraus - zeitweise kletterte die Fertilität sogar auf sechs Kinder je Frau.

Oberste Priorität der chinesischen Bevölkerungspolitik war damals, die Kinderzahl zu senken. Die Strategie scheint aufzugehen: Unbändiges Bevölkerungswachstum wurde gegen unbändiges Wirtschaftswachstum eingetauscht. Steigender Wohlstand verspricht nicht nur niedrigere Kinderzahlen, sondern auch eine längere Lebenserwartung. Niedrige Fertilitätsraten und ein längeres Leben lösen im Zuge von Industrialisierung und Modernisierung hohe Kinderzahlen und hohe Sterblichkeit ab.

Niedrige Fertilität wie Mortalität gehen mit wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung einher. Denn weniger Kinder und ein längeres Leben in Gesundheit versprechen zunächst einen höheren Anteil an Erwachsenen im arbeitsfähigen Alter, die wiederum weniger Finanzressourcen zur Versorgung der nicht erwerbstätigen Bevölkerungsgruppen aufwenden müssen. Das führt zu Wirtschaftswachstum und einem höheren Pro-Kopf-Einkommen.

Das Ende der Dividende
Anteil an Kindern (null bis 14 Jahre) und Rentnern (65 Jahre und älter) auf 100 erwerbsfähige Personen (15 bis 64 Jahre)

Datengrundlage: UN, World Population Prospects: The 2008 Revision

Demografen bescheinigen China eine außerordentlich hohe sogenannte demografische Dividende. So fiel im Jahr 2005 der Anteil an Kindern und Rentnern auf 100 erwerbsfähige Personen von 67 im Jahre 1980 auf 42. Dieser im Verhältnis zur arbeitsfähigen Bevölkerung niedrige Anteil an zu versorgenden Personen tut der Volkswirtschaft gut. Doch wird sich dieser Effekt von dem Jahr 2010 an umkehren und im Jahr 2050 fast wieder auf das Niveau von 1975 steigen.

Beanspruchte ein solcher demografischer Übergang in unseren Breiten - im angelsächsischen Raum, Japan und West-Europa - ein ganzes Jahrhundert, ist die gleiche Entwicklung in China innerhalb einer Generation zu beobachten. Hinzu kommt, dass sich entwickelte Industriestaaten des Westens gegenüber einer alternden und schrumpfenden Gesellschaft einigermaßen gewappnet sehen und ihre Wohlfahrtssysteme nach und nach ausgebaut haben. China hingegen emanzipiert sich noch vom sozialistischen Regime, durchläuft ein rapides, aber noch junges Wirtschaftswachstum und hat noch nicht genug Wohlstand für ausgereifte Sozialsysteme aufgebaut.

Seit jeher stützte sich die Mehrheit der chinesischen Bevölkerung im Pensionsalter auf traditionelle Altersvorsorge durch das soziale Netz der Familie. Eine kleine privilegierte Minderheit genoss Fürsorge auf Lebenszeit in verstaatlichten Unternehmen - großzügige Renten inklusive. Beide Säulen der Altersvorsorge brechen nun weg: Zum einen haben Industrialisierung und Urbanisierung die Land-Stadt-Migration befördert - das macht die Altersversorgung innerhalb der Familie praktisch unmöglich. Zum anderen beschleunigt Chinas neue Wirtschaftspolitik Privatisierungen und lässt staatliche Firmenrenten seltener werden.

Ein neues System für eine breit aufgestellte Altersversorgung erscheint unausweichlich. Zwar führte das chinesische Zentralkomitee in den frühen 1990er Jahren eine umlagefinanzierte Altersvorsorge für Erwerbstätige in den Städten ein, doch haben diesen Bemühungen eher prinzipiellen als greifenden Charakter. Denn lediglich ein Fünftel der chinesischen Arbeiterschicht profitiert von dieser Basisrente. Insgesamt erhält knapp ein Drittel Leistungen aus staatlichen Rentenprogrammen. Gut zwei Drittel haben dagegen überhaupt keinen Anspruch auf Rente - ein Großteil von ihnen lebt in ländlichen Räumen. Die demografische Entwicklung verschärft diese ohnehin prekäre Situation. 1985 waren es noch knapp acht Erwerbstätige, die einen Rentner versorgten, heute sind es nur 5,4 Erwerbstätige, und im Jahr 2050 werden voraussichtlich gerade einmal 1,6 Arbeiter einen Rentner finanzieren müssen.

Nicht nur, dass China eine alternde und schrumpfende Gesellschaft erwartet, auch ein nicht zu unterschätzender Frauenmangel hat weit reichende Konsequenzen. Bis 2020 wird es den Prognosen nach einen Überschuss von über 30 Millionen Männern geben. Die konfuzianische Kultur bevorzugt Söhne als rechtmäßige Erben der Familientradition, und die pränatale Diagnose ermöglicht heute die Geschlechtsbestimmung vor der Geburt. In der Folge kommt es häufig zur Abtreibung von ungewollten weiblichen Föten. Abgesehen von den sozialen Konflikten, die ein Heer unverheirateter Männer mit sich bringen kann, verringert sich die Zahl potenzieller Mütter wie Töchter, die die Fürsorge übernehmen, signifikant. Was in China als "4-2-1-Problem" (ein Kind versorgt zwei Eltern und vier Großeltern) bereits in der Mitte des Volkes angekommen ist, besteht also nicht allein aufgrund zu niedriger Fertilitätsraten, sondern auch aufgrund einer kulturell bedingten Geschlechterungleichheit. Die chinesische Regierung hat die Zeichen der Zeit erkannt und ihrem Volk per Gesetz die familiäre Fürsorgepflicht und die Gleichwertigkeit von Tochter und Sohn verschrieben. Bis auf eine Klagewelle (2.000 Klagen allein in Peking 2005) in finanzielle Not geratener Eltern und Großeltern, sind jedoch keine erkennbaren "Erfolge" zu verzeichnen.

Ein erster Schritt zu einer langfristig tragfähigen staatlichen Alterssicherung war die Rentenreform von 1997. Private Altersvorsorge sollte die umlagefinanzierte Basisrente aus Zeiten der "eisernen Reisschüssel", als jeder Chinese zumindest eine Basisversorgung erwarten konnte, entlasten. Dies war auch dringend nötig, haben doch Rentner, die vor 1997 in Rente gingen, und Erwerbstätige, die vor 1997 ihre Arbeit aufnahmen, weiterhin Anspruch auf ein Rentenniveau von bis zu 80 Prozent. Zudem liegt das Renteneintrittsalter für Frauen bei 50 beziehungsweise 60 Jahren bei Männern deutlich unter hiesigem Standard von 65 Jahren. Eine Anhebung des Renteneintrittsalters ist vorerst kaum zu erwarten, da jedes Jahr rund zehn Millionen junge Arbeitskräfte auf den Markt drängen.

In der hohen Zahl der vor 1997 Pensionierten liegt eines der strukturellen Problemen der chinesischen Altersversorgung: Die Verbindlichkeiten aus dem alten Rentensystem gehen zu Lasten der heute erwerbstätigen Personen, ohne dass diese selbst mit Leistungen im gleichen Umfang rechnen können. Ein weiteres Problem besteht darin, dass das Rentensystem in seiner jetzigen Form nicht nur unterschiedliche Beitragssätze nach Region und Provinz vorsieht, sondern auch nach Art des Unternehmens. Eine Vereinheitlichung könnte dazu beitragen, Intransparenz und Ungleichheit abzubauen und das Vertrauen der Beitragszahler zu stärken. Darüber hinaus wirft es Probleme auf, dass Chinas derzeit noch unterentwickelte Kapitalmärkte nur ungenügend rentable Anlageinstrumente bieten, um ein vernünftiges individuelles Rentenniveau zu erreichen.

Die Bewältigung dieser strukturellen Defizite würde den Weg für ein mehrsäuliges Rentensystem ebnen, das der bevorstehenden Alterswelle standhalten könnte. Erste Schritte wurden bereits unternommen. Der 2000 ins Leben gerufene NPF ("National Pension Fund") ist als Rücklage für die erwartete Ausgabensteigerung gedacht. Er stellt eine Kombination aus staatlichen Zuweisungen, Staatsanleihen und Investitionsrenditen dar. Neben Basisrente und privater Vorsorge soll zudem über das "Enterprise Annuity Program" eine dritte Säule aufgebaut werden. Hierbei werden Anreize für Arbeitgeber zur Einführung einer betrieblichen Altersvorsorge geschaffen.

Ein Patentrezept für die Bewältigung der Herausforderungen des demografischen Wandels in China wird es sicher nicht geben. Derzeit setzt das Land vor allem auf Wirtschaftswachstum, um ein tragfähiges Rentensystem zu entwickeln.


Literatur/Links:

Cai Fang (2007): Pay-Back Time for China's One-Child Policy. In: Far Eastern Economic Review, May 2007.

Richard Jackson/ Keisuke Nakashima/ Neil Howe (2009): China's Long March to Retirement Reform. The Graying of the Middle Kingdom Revisited. Center for Strategic & International Studies. Washington D.C.

Margret Karsch (2009): Die alte Welt. Die demografische Entwicklung erfordert rasches Handeln, um wachsende Armut zu vermeiden. In: Welt-Sichten 4/2009.

Margret Karsch / Rainer Münz (2007): Demografische Dividende. In: Online-Handbuch Demografie, www.berlin-institut.org.

Reiner Klingholz (2005): Das Reich der Mitte vor der Vergreisung. Die demografische Entwicklung stellt die chinesische Ein-Kind-Politik auf den Prüfstand. In: DEMOS 14, 6.04.2005.

Joshua Kurlantzick (2008): The Family Way. The Loss of Countless Children in the Sichuan Quake Signals Time to End China's One-Child Policy. In: Time Magazine 23/2008.

Rainer Münz / Ralf E. Ulrich (2007): Demografischer Übergang - Theorie und Praxis. In: Online-Handbuch Demografie, www.berlin-institut.org.

Wolfgang Taubmann (2007): Bevölkerungsentwicklung in China. In: Online-Handbuch Demografie, www.berlin-institut.org.

Wolfgang Taubmann (2007): Ländliche Räume Chinas. In: Online-Handbuch Demografie, www.berlin-institut.org.

Tamara Trinh (2006): Chinas Rentensystem. Zwischen erdrückenden Altlasten und demografischer Zeitbombe. In: Deutsche Bank Research. Aktuelle Themen 358.

Population Division of the Department of Economic and Social Affairs of the United Nations Secretariat, World Population Prospects: The 2008 Revision.

 

   
     
 

Wenn Auswanderer zurückkehren
Schwellenländer profitieren davon, dass Hochqualifizierte bei der Rückkehr aus dem Ausland Wissen, Kapital und Erfahrungen mitbringen

In Forscherkreisen wurde die internationale Migration von Hochqualifizierten jahrzehntelang mit einem Verlust für die Herkunftsländer gleichgesetzt. Denn diese verlieren ausgerechnet jene Einwohner, in die hohe Bildungsinvestitionen geflossen sind und von denen die heimatliche Volkswirtschaft sich Gewinne verspricht. Von der Mobilität der Hochqualifizierten, von der OECD definiert als Menschen mit mindestens 13-jähriger Schul- oder Hochschulausbildung, profitieren zunächst die Aufnahmeländer der Migranten.

Seit den 1990er Jahren wird in der Forschung neben dem Brain Drain auf der einen und dem Brain Gain auf der anderen Seite die so genannte Brain Circulation diskutiert. Diese Elitenmigration beschreibt den Prozess des Hin- und Her- oder Weiterwanderns von Hochqualifizierten. Auswanderung führt demnach nicht zwangsweise zum endgültigen Verlust gut ausgebildeter Einwohner, sondern kann dem Herkunftsland auch Gewinne bringen - und zwar dann, wenn die Auswanderer nach einigen Jahren mit neuem Wissen und Erfahrungen sowie Kapital in ihre Heimat zurückkehren.

Schwellenländer sind die Gewinner der Brain Circulation

Indien mit seinen 1,1 Milliarden Einwohnern ist ein positives Beispiel für Brain Circulation. Jährlich wandern aus Indien zehntausende IT-Spezialisten ab, Hauptziel sind die USA. Ein Teil der ausgewanderten Spezialisten kehrt jedoch langfristig mit zusätzlichem Know-how zurück. Daraus entstehen oft Firmenneugründungen, vor allem in der stetig wachsenden Softwarebranche. In den Führungsetagen der erfolgreichsten Softwareunternehmen des Landes sitzen häufig Inder, die zuvor im Ausland gelebt haben. Die "Returned Non-Resident Indian Association" (ein Zusammenschluss von hochqualifizierten Indern, die mindestens zwei Jahre im Ausland gelebt haben) schätzt, dass innerhalb eines Jahrzehnts 30.000 bis 40.000 ehemalige Migranten allein nach Bangalore zurückgekehrt sind. In dieser Stadt ist ein Zentrum der indischen IT-Branche entstanden. Außerdem flossen 2007 laut Weltbank zur Unterstützung der in der Heimat gebliebenen Familienmitglieder geschätzte 27 Milliarden US-Dollar an Rücküberweisungen auf den Subkontinent zurück.

Verdoppelung der Rücküberweisungen nach Indien

In nur sieben Jahren haben sich die Rücküberweisungen durch im Ausland lebende Indischstämmige verdoppelt. Nach Schätzungen der Weltbank flossen 2007 auf diesem Weg in kein Land mehr Mittel als nach Indien. Die tatsächliche Summe liegt noch über den hier angegeben Werten, denn die Statistik der Weltbank erfasst nur offizielle Überweisungen.

Zu den Gewinnern der Brain Circulation zählt auch China. Geschätzte 60 bis 65 Prozent aller Auslandsinvestitionen stammen von den rund 60 Millionen im Ausland lebenden Chinesen. Auslandschinesen mit Hochschulabschluss kehren immer häufiger in die Heimat zurück. Ganz ohne Steuerung von oben funktioniert das Spiel der Rückwanderung aber nicht. Das Mutterland China lockt die Wissenschaftler mit speziellen Anreizen zurück in die Heimat. Arme Entwicklungsländer mit einem maroden Staatsapparat wie Burundi oder Simbabwe haben dagegen kaum eine Chance, dass ihre einmal ausgewanderte Elite zurückkehrt. Wo Korruption und schlechte Regierungsführung den Alltag bestimmen und wo hohe Steuern auf Im- und Exporte bestehen, gründet kaum jemand ein Unternehmen. Bislang haben es daher nur Schwellenländer wie Indien und China verstanden, Teile ihrer Elite zurückzuholen. Mit Hilfe ihrer aktiven Wirtschaftspolitik bieten sie den Rückkehrern neue Chancen. Steuerbefreiungen, die Erleichterung von Geldtransfers und Wirtschaftssonderzonen wirken sich zudem positiv auf Wanderungsentscheidungen aus.

Traditionelle Einwanderungsländer liegen vorn

Im Wettbewerb um internationale Migranten haben sich die Vereinigten Staaten gut aufgestellt. Sie werben seit Jahrzehnten Einwanderer an, und verschiedene Visaregelungen sichern den Zuwanderern unterschiedliche Rechte zu. Doch jenseits dieser eher technischen Regelungen spielen Sprache und Gesellschaft nicht nur für indische IT-Spezialisten eine entscheidende Rolle. Die englische Sprache wirkt auf Migranten - insbesondere auf jene aus dem Commonwealth - weniger abschreckend als Finnisch oder Deutsch. Auch um die Integration der Zuwanderer und der sich daraus ergebenden Chancen im Privat- und Berufsleben ist es in der multikulturellen Gesellschaft der USA besser bestellt als hierzulande. Am wichtigsten sind jedoch private oder berufliche Verbindungen im Zielland. Wer über solche Netzwerke in einem anderen Land verfügt, ist schneller bereit, dorthin zu übersiedeln. Dank einer langen Einwanderungstradition ist das in den USA der Fall.

Kaum ein europäisches Land kann es im internationalen Wettbewerb um hochqualifizierte Migranten mit traditionellen Einwanderungsländern wie den Vereinigten Staaten oder Kanada aufnehmen. In Deutschland etwa schauen Firmen sehnsüchtig ins Ausland, weil hierzulande Fachkräfte fehlen - allein im IT-Bereich rund 45.000 Experten, so das Ergebnis einer im Herbst 2008 vom Bundesverband Informationswirtschaft Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) veröffentlichten Studie. Ein erster Versuch der deutschen Politik, dem Fachkräftemangel zu begegnen, war die im Jahr 2000 eingeführte Green Card. Doch die erhofften Erfolge blieben aus, weil die Einwanderung trotz Sonderreglung an strenge Auflagen geknüpft war. Statt der erwarteten zehntausend Inder kamen zwar Spezialisten aus Osteuropa, aber insgesamt blieb die Nachfrage deutlich unter dem Angebot. Im innereuropäischen Vergleich steht Deutschland dennoch nicht allzu schlecht da, denn hinsichtlich der Migration Hochqualifizierter verzeichnet das Land Wanderungsgewinne. Das heißt, es wandern insgesamt mehr Menschen mit Universitätsabschluss zu als ab. Die meisten dieser Migranten kommen allerdings aus den europäischen Nachbarländern, wo ebenfalls hochqualifizierte Menschen fehlen. Im Wettbewerb um nicht-europäische Migranten hinkt Deutschland nach wie vor hinterher.

Die meisten hochqualifizierten Migranten in Deutschland sind Europäer

Mehr als die Hälfte der in Deutschland lebenden, hochqualifizierten Migranten - hier definiert als Menschen über 25 Jahre mit Hochschulabschluss - stammt aus Europa. Vor allem für Menschen aus den EU-25-Staaten ist es einfach, sich in Deutschland niederzulassen. In den USA zeigt sich ein bunteres Bild, denn die US-Einwanderungspolitik unterscheidet nicht nach der Herkunft der Migranten. Vor allem Asiaten, darunter zehntausende Inder und Chinesen, zieht es in die USA.

Europäische Arbeitsmarktforscher fordern eine EU-weite Migrationspolitik. Nur wenn sich die europäischen Staaten zusammenschließen und als ein vielfältiger und chancenreicher Arbeitsmarkt auftreten, sind sie für hochqualifizierte Einwanderer wirklich attraktiv.


Literatur/Links:

Steffen Angenendt (2002): Einwanderungspolitik und Einwanderungsgesetzgebung in Deutschland 2000-2001. In: Klaus J. Bade/ Rainer Münz (Hg.): Perspektiven. Frankfurt am Main, S. 31-60.

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2008): Die demografische Zukunft von Europa. Wie sich die Regionen verändern. München.

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2009): Ungenutzte Potenziale. Zur Lage der Integration in Deutschland. Berlin.

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2009): Wettstreit um die klugen Köpfe. In: Demos 74, 11.06.2009.

Bitkom (2008): Fachkräftestudie: 45.000 offene Stellen im Herbst 2008. Berlin.

Uwe Hunger (2003): Vom Brain Drain zum Brain Gain. Die Auswirkungen der Migration von Hochqualifizierten auf Abgabe- und Aufnahmeländer. Expertise im Auftrag der FES. Münster.

International Organization for Migration (2008): World Migration 2008: Managing Labour Mobility in the Evolving Global Economy. Genf.

S. Mitra Kalita (2006): A Reversal of the Tide in India: Tech Workers Flow Home to More Success. In: Washington Post, 28.02.2006.

Jakob von Weizsäcker (2008): Divisions of labour: rethinking Europe’s migration policy. Bruegel Blueprint Series Vol. VI. Brüssel.

Weltbank (2008): Migration and Remittances Factbook 2008. Washington.

 

   
     
 

Wachsendes Nord-Süd-Gefälle
Die Menschheit nähert sich der Sieben-Milliarden-Grenze. Europa altert wie kein zweiter Kontinent. Und die jüngere Bevölkerung konzentriert sich zunehmend in Afrika und Asien.

In der vergangenen Woche hat das "Population Reference Bureau (PRB) in Washington, D.C. das neue "2009 World Population Data Sheet" vorgestellt sowie einen zusammenfassenden Bericht zur Lage der Weltbevölkerung. Die Veröffentlichungen enthalten detaillierte Informationen über ländliche, regionale und weltweite Bevölkerungsmuster.

Laut dem Bericht wird die globale Bevölkerung im Jahr 2011 die Sieben-Milliarden-Menschen-Grenze überschreiten. Dieser Bevölkerungszuwachs geht praktisch allein auf die weniger entwickelten Länder zurück, wo der Anteil der jungen Menschen im Alter von 15 bis 24 Jahren stetig wächst.

"Trotz sinkender Fertilitätsraten in vielen Ländern wächst die Weltbevölkerung rasant", konstatiert PRB-Präsident Bill Butz. "Der Anstieg von sechs auf sieben Milliarden Menschen wird wahrscheinlich zwölf Jahre dauern, genauso lange wie der Anstieg von fünf auf sechs Milliarden. Beide Ereignisse sind beispiellos in der Weltgeschichte."

Zwar gehen viele Demografen davon aus, dass die Fertilitätsrate in den Entwicklungsländern mittelfristig auf das heutige Niveau der Industriestaaten von ungefähr zwei Kindern pro Frau absinken wird. Aber ob und wann dies wirklich geschieht, ist unklar. Derzeit verzeichnet Nigeria, mit 153 Millionen Einwohnern das achtgrößte Land Afrikas, die weltweit höchste Fertilitätsrate von 7,4 Kindern pro Frau. Im Jahr 2050 dürften in dem westafrikanischen Land 285 Millionen Menschen leben. Taiwan hingegen weist die niedrigste Fertilitätsrate mit 1,0 Kindern pro Frau auf.

"Der Großteil der heutigen 1,2 Milliarden Jugendlichen - beinahe 90 Prozent - lebt in den weniger entwickelten Ländern", sagt Carl Haub, leitender PRB Demograf und Co-Autor des Datenblatts. Acht von zehn dieser Jugendlichen leben in Afrika und Asien. "In den nächsten Jahrzehnten werden diese jungen Leute höchstwahrscheinlich auf der Suche nach Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten, Erwerbsarbeit und angemessener medizinischer Versorgung den aktuellen Trend der Abwanderung aus ländlichen Gebieten in die Städte fortsetzen. Eine der wichtigsten sozialen Fragen der nächsten Jahrzehnte, ob ihre Erwartungen erfüllt werden können."

Das "2009 World Population Data Sheet" präsentiert nicht nur neueste Daten zur Demografie, Gesundheit und Umwelt für alle Länder und wichtigen Weltregionen. Es zeigt auch wie extrem die Gegensätze zwischen reichen und armen Ländern und Regionen sind, wie aus der Tabelle mit Daten aus Deutschland, Europa (mit Russland / ohne Türkei) und Uganda zu entnehmen ist.

Demografische Schlüsselindikatoren für Deutschland, Europa (mit Russland/ ohne Türkei) und Uganda, 2009

(Datengrundlage: PRB, 2009 World Population Data Sheet)

Die Bevölkerungszahl Deutschlands und Europas wird bis 2050 um elf respektive 36 Millionen abnehmen. In beiden Regionen gibt es bereits mehr Personen, die 65 Jahre und älter sind, als junge Menschen unter 15 Jahren. Im Vergleich dazu wird das ostafrikanische Uganda, das derzeit knapp 40 Prozent der Einwohner Deutschlands hat, seine Bevölkerung bis 2050 verdreifachen. Fast die Hälfte der in Uganda Lebenden ist unter 15 Jahren alt. Frauen in Uganda bekommen im Durchschnitt 6,7 Kinder. Das sind über fünf Kinder mehr als in Deutschland oder Europa.

Das "2009 World Population Data Sheet" enthält in diesem Jahr eine Reihe von neuen Indikatoren: CO2-Emissionen pro Kopf, Anteil der Bevölkerung, der von weniger als zwei US-Dollar pro Tag lebt, sowie Anteil der HIV-infizierten jungen Männern und Frauen zwischen 15 und 24 Jahren.

Weitere wichtige Erkenntnisse:

Afrikas Bevölkerung hat die Eine-Milliarde-Grenze überschritten. Das jährliche Bevölkerungswachstum des Kontinents beträgt rund 24 Millionen und die Einwohnerzahl wird sich bis 2050 verdoppeln.

Ungefähr die Hälfte der Welt lebt in Armut. Fast 50 Prozent der Weltbevölkerung muss mit weniger als zwei US-Dollar pro Tag auskommen. Weitere hunderte Millionen von Menschen leben knapp über diesem Niveau.

Die Verbreitung von HIV scheint in Afrika zurückzugehen, aber die Raten sind immer noch höher als in anderen Weltregionen. Swasiland weist weltweit die höchste HIV-Rate auf: 26 Prozent der Bevölkerung zwischen 15 und 49 Jahren sind HIV-positiv.

US-amerikanische Teenager bekommen doppelt so viele Kinder wie ihre Altersgenossen in allen anderen entwickelten Ländern. Auf 1.000 junge Frauen im Alter von 15 bis 19 Jahren kommen in den USA 42 Geburten im Jahr; die Rate für alle entwickelten Länder beträgt 21 Geburten pro 1.000 junge Frauen.

Literatur/Links:

Population Reference Bureau (2009): World Population Data Sheet. Washington, D.C.

 

   
 

 

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