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Ausgabe 80, 07. September 2009

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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"Krankheitserreger sind die großen Gewinner der Globalisierung"
Interview mit dem Immunologen Stefan Kaufmann über die Auswirkungen von Infektionskrankheiten auf Bevölkerung und Entwicklung

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Pflegekräfte weltweit auf Wanderschaft
Weil viele Industrieländern gezielt Pflegepersonal aus ärmeren und Entwicklungsländern rekrutieren, herrscht zunehmend auch dort Mangel an qualifizierten Krankenschwestern und Pflegern.

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Hunde als Gefährten für einsame Alte
Ein umfassendes, auch für Laien verständliches Handbuch in englischer Sprache beschreibt den demografischen Wandel in Japan, der so schnell wie nirgendwo anders auf der Welt abläuft

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In eigener Sache
Kurzes Video zur demografischen Zukunft von Europa online

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"Krankheitserreger sind die großen Gewinner der Globalisierung"
Interview mit dem Immunologen Stefan Kaufmann über die Auswirkungen von Infektionskrankheiten auf Bevölkerung und Entwicklung

Copyright: Stefan H.E. Kaufmann

Der Immunologe Stefan H.E. Kaufmann, geboren 1948, ist Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie in Berlin. Einer seiner Forschungsschwerpunkte liegt in der Entwicklung von neuen Medikamenten und einem verbesserten Impfstoff gegen Tuberkulose. 2008 veröffentlichte er mit "Wächst die Seuchengefahr?" ein auch für Laien verständliches Standardwerk über globale Epidemien in einer vernetzten Welt. Kaufmann gehört dem wissenschaftlichen Beirat des Berlin-Instituts an.

Noch vor wenigen Jahrzehnten dachte man, durch Viren oder Bakterien verursachte übertragbare Krankheiten gehörten endgültig der Vergangenheit an. Dann kam HIV/AIDS. Es gab Ausbrüche neuer Erreger wie Ebola oder SARS. Aktuell geht die so genannte Schweinegrippe um die Welt. Wie kommt es, dass Infektionskrankheiten wieder auf dem Vormarsch sind?

In den Entwicklungsländern waren sie nie verschwunden. In den 1960er Jahren, als man tatsächlich glaubte, die Seuchen besiegt zu haben, lagen die Entwicklungsländer außerhalb des Blickfeldes. Mit der Globalisierung und zunehmender Migration ist das anders geworden. Nicht nur Menschen und Waren reisen heute um die Welt, auch Krankheitserreger.

Zudem hat die Menschheit neue Erregerherde geschaffen: Erstens mit der industrialisierten Massentierhaltung, zweitens durch vermehrte Kontakte zu Wildtieren, etwa bei Waldrodungen in Entwicklungsländern. Von den 30 bis 40 neuen Infektionskrankheiten, die in den letzten 30 Jahren aufgetaucht sind, einschließlich der neuartigen Grippetypen, werden 70 Prozent vom Tier auf den Menschen übertragen. Krankheitserreger sind die großen Gewinner der Globalisierung.

Die Pest tötete im Mittelalter ein Viertel bis ein Drittel der Europäer, die Spanische Grippe von 1918 bis 1920 weltweit rund 50 Millionen Menschen. HIV/AIDS hat in gut 25 Jahren 25 Millionen dahingerafft. Welche Effekte haben diese Seuchen?

Infektionskrankheiten begleiten die Menschen seit Beginn ihrer Existenz. Seuchen gibt es erst, seit die Menschen sesshaft wurden, Vieh hielten und in Ansiedlungen dichter zusammen lebten. Die Pest bedeutete nicht nur einen demografischen Einschnitt. Sie dezimierte hauptsächlich die arbeitsfähige Bevölkerung zwischen zehn und 50 Jahren. Das hat wahrscheinlich den Wert des Einzelnen als Arbeitskraft erhöht und der katholischen Kirche einen Teil ihrer Einkommensbasis entzogen, den Zehnten, den die Bauern abzuliefern hatten. Das ebnete der Reformation den Weg - und den Glaubenskriegen.

Gibt es solche Effekte auch heute noch?

HIV/AIDS trifft heute vor allem die wirtschaftlich aktive Bevölkerung. In Ländern wie Malawi, wo in manchen Dörfern nur noch Großmütter und Waisenkinder leben, lässt sich kaum noch eine funktionierende Gesellschaft aufrecht erhalten, erst recht keine Wirtschaft. In Botswana werden häufig zwei Personen für eine Stelle eingestellt, um die hohen Ausfälle auszugleichen. Das hemmt jede Entwicklung. Die hohen Geburtenziffern, die solche Länder häufig aufweisen, gehen mit schlechten gesundheitlichen Bedingungen und geringen Bildungschancen einher.

Welche wirtschaftlichen Folgen hat das?

Die Bedeutung der Infektionskrankheiten lässt sich am besten anhand des Verlustes an Lebenszeit in Gesundheit ermessen, die der Menschheit durch Krankheitszeiten, Behinderungen und frühzeitigen Tod entstehen: "Disability adjusted life years", abgekürzt DALYs. Die drei großen Seuchen AIDS, Tuberkulose und Malaria bringen es jährlich zusammen auf 166 Millionen verlorener Lebensjahre. AIDS allein macht davon gut die Hälfte aus.

Welche Infektionskrankheiten folgen in der "Rangliste" nach AIDS, Tuberkulose und Malaria?

Atemwegsinfektionen, zu denen auch die Grippe zählt, verursachen gute 95 Millionen verlorener Lebensjahre. Der Schaden, den allein die Grippe der US-Wirtschaft zufügt, wird auf insgesamt 90 Milliarden US-Dollar jährlich geschätzt. Es folgen Durchfallerkrankungen mit 62 Millionen DALYs. Das zeigt, dass auch nicht tödlich verlaufende Infektionskrankheiten einen enormen Einfluss haben - auch in den Industrieländern.

Die großen Seuchen sind dennoch sehr ungleich über die Welt verteilt.

Die drei großen "Killer" HIV, Tuberkulose und Malaria sind vor allem in Afrika und Südostasien verbreitet, wobei Tuberkulose häufig als Begleitinfektion bei AIDS-Kranken auftritt. Malaria tötet überwiegend Kleinkinder. Auch von den Durchfallerkrankungen sind die Entwicklungsländer am stärksten betroffen, und wiederum vor allem Kleinkinder.

Hinzu kommen in den ärmsten und abgelegensten Regionen Tropenkrankheiten wie Bilharziose oder Kala-Azar. Da sie keine globale Bedrohung darstellen, werden sie von der Weltöffentlichkeit als "vernachlässigte Krankheiten" meist übersehen.

Leicht vergessen wird auch, dass die meisten Kinder in Entwicklungsländern mit Würmern infiziert sind. Das schwächt ihre Gesundheit, unter anderem, weil sie leichter angreifbar sind für Bakterien und Viren. Der schlechte Allgemeinzustand beeinträchtigt überdies ihre Lernfähigkeit.

HIV-Infektionen sind auch in den baltischen Staaten, die inzwischen EU-Mitglieder sind, und in Russland überdurchschnittlich häufig, eingeschleppt unter anderem von ehemaligen Sowjetsoldaten, die sich in Afghanistan mit mehrfach benutzten Drogen-Injektionsnadeln angesteckt hatten.

Welche Mittel gibt es gegen diese Plagen in den Entwicklungsländern?

Mit einfachen nichtmedizinischen Maßnahmen ließe sich in den Entwicklungsländern schon viel erreichen: Sauberes Wasser bietet die wirksamste Prävention gegen Durchfallerkrankungen. Bettnetze, am besten mit Insektiziden imprägniert, schützen vor Stechmücken, die Malaria übertragen. Und Kondome bieten nahezu vollständigen Schutz vor HIV-Ansteckung - wenn die Menschen ausreichend informiert sind und Zugang zu diesen Mitteln erhalten. Dazu müsste außerdem eine größere Selbstbestimmung für Frauen kommen.

Was können wir tun, um die globale Bedrohung durch neue Infektionskrankheiten einzudämmen?

Auf jeden Fall müssen wir unsere Haltung zum Fleischkonsum überdenken. Schweine und Hühner, unsere beliebtesten Nahrungslieferanten, sind gleichzeitig bedeutende Reservoire für Erreger, die potenziell auch Menschen krank machen oder töten können. Je dichter die Tiere beieinander und bei den Menschen leben, desto leichter verbreiten sich diese Viren.

Ein weiteres Problem liegt in der allzu leichtfertigen Verwendung von Antibiotika in der Medizin, und noch mehr in der Tierzucht, wo sie nicht nur zur Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten eingesetzt werden, sondern auch als Leistungsförderer. In der EU ist dies glücklicherweise einigermaßen unter Kontrolle, aber weniger in den USA und gar nicht in asiatischen Fischfarmen. Dadurch entwickeln Bakterien Resistenzen, das heißt, die Antibiotika verlieren ihre Wirkung bei ernsthaften Erkrankungen.

Wo sind der Forschung Durchbrüche gelungen, wo sind künftig Erfolge im Kampf gegen Infektionskrankheiten zu erwarten?

Gegen Malaria gibt es heute immerhin den neuen Wirkstoff Artemisinin. Allerdings setzt man es begrenzt ein, da sich bereits erste Resistenzen gezeigt haben. An einer Art Impfstoff dagegen arbeitet die Wissenschaft noch, ebenso an der Impfung und neuen Medikamenten gegen die Tuberkulose, deren Erreger immer häufiger gegen die herkömmlichen Medikamente resistent sind.

Wo künftig Durchbrüche gelingen, ist schwer vorauszusagen. Wissenschaft und Industrie sind darauf angewiesen, dass die Gesellschaft Anreize setzt und Schwerpunkte vorgibt. Die Gates-Stiftung fördert zum Beispiel ein Projekt zur biotechnologischen Synthese von Artemisinin.

Die jetzige Grippe-Pandemie verleiht vielleicht der Entwicklung eines Impfstoffes gegen alle Influenza-Stämme den notwendigen Anschub. Immunologen wissen, dass auch Teile von Grippeviren, die sich längst nicht andauernd verändern wie die bisher genutzten Oberflächenproteine, das "Gedächtnis" unseres körpereigenen Abwehrsystems anregen können. Es wäre also möglich, einen universellen Grippe-Impfstoff herzustellen. Nur war es für die Industrie bisher attraktiver, jedes Jahr eine neue Vakzine für den jeweils aktuellen Erreger auf den Markt zu bringen.


Das Interview führte Sabine Sütterlin.

Nachdruck unter Quellenangabe (Sabine Sütterlin / Berlin-Institut) erlaubt.

 

   
     
 

Pflegekräfte weltweit auf Wanderschaft
Weil viele Industrieländern gezielt Pflegepersonal aus ärmeren und Entwicklungsländern rekrutieren, herrscht zunehmend auch dort Mangel an qualifizierten Krankenschwestern und Pflegern.

Eine Ente ist nicht immer ein Wasservogel. In der Medizin bezeichnet das Wort ein Uringefäß für Bettlägerige. Solche Feinheiten müssen ausländische Pflegekräfte in Deutschland kennen, damit die Kommunikation im Alltag klappt.

Mangelnde Sprachkenntnisse seien womöglich das größte Problem bei Pflegenden mit Migrationshintergrund, sagt der Sozialwissenschaftler Jens Friebe vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung (DIE) in Bonn. Friebe hat 2006 den Bedarf an Qualifizierung und Fortbildung in nordrhein-westfälischen Altenheimen und ambulanten Pflegediensten untersucht, wo Migrantinnen und Migranten fast 30 Prozent des Pflegepersonals stellen. Sie stammen überwiegend aus Polen, der Rest aus mehr als 30 verschiedenen Nationen. Der größte Bedarf bestehe im Bereich deutsche Fachsprache, so Friebes Fazit: Schließlich müssen Pflegende nicht nur mit ihren Schützlingen reden, sondern von ihnen auch medizinische Informationen einholen, diese dokumentieren und im Team darüber berichten.

Polnische Pflegekräfte in Deutschland und ihre Sprachprobleme sind kein Einzelfall. Medizinisches Personal stellt einen gewichtigen Anteil an den internationalen Wanderungsströmen - und ist mittlerweile ein bedeutendes "Gut" auf dem rasch wachsenden globalen Gesundheitsmarkt.

Die fortschreitende Alterung der postindustriellen Gesellschaften und der Mangel an Arbeitskräften aus den schmaler werdenden nachwachsenden Generationen lassen den Bedarf an Pflegenden stetig ansteigen. Viele Länder rekrutieren gezielt solche Kräfte. In ärmeren und Entwicklungsländern hingegen finden Krankenschwestern, Pfleger und auch Ärzte infolge Geldmangels und Rationalisierung im Gesundheitswesen häufig keine oder nur schlecht bezahlte Anstellungen. Damit sind die "Pull"- und "Push"-Faktoren gegeben, die hochqualifizierte Arbeitskräfte bewegen, ihre Heimat zu verlassen und sich in der Fremde niederzulassen.

Ganz neu ist diese Wanderung nicht. Das Lohngefälle innerhalb Nordamerikas etwa lockt schon seit einiger Zeit kanadische Krankenschwestern in die USA, oder deutsche in die Schweiz. Auch Entwicklungsländer untereinander helfen sich aus, Kuba etwa hat Medizinpersonal nach Nicaragua entsandt.

Neu ist aber, dass dem Werben des Nordens massenhaft Menschen von der südlichen, weniger entwickelten Halbkugel folgen. Und dass sich daraus ein regelrechter Wettbewerb um Pflegepersonal entwickelt. In manchen der Herkunftsländer, mahnt Mireille Kingma, Beraterin beim Krankenschwestern-Weltverband "International Council of Nurses" (ICN) in Genf, erzeuge dieser Sog bereits einen spürbaren Mangel an ausgebildetem Pflegepersonal

In ihrem 2006 erschienenen Buch "Nurses on the Move" beschreibt Kingma das Phänomen und seine Folgen unter anderem am Beispiel der Philippinen: In dem südostasiatischen Inselstaat, bis 1946 faktisch eine US-Kolonie, wurde bereits 1907 eine Krankenschwestern- und Pflegerausbildung nach amerikanischen Standards etabliert, die einen Englischkurs einschloss. Die Ausbildung bot Frauen zuvor nicht gekannte berufliche Aufstiegschancen. Sie führte aber auch dazu, dass philippinische Pflegekräfte ein begehrter Exportartikel wurden. Bald strebte, wer auf Jobangebote in der Ferne hoffte, gezielt eine Pflegeausbildung an. Ärzte und sogar Juristen oder Ingenieure ließen sich deswegen umschulen. Um die wachsende Nachfrage nach Schulen für Krankenpflege zu stillen, schuf die Regierung in Manila in den 1960er Jahren sogar Anreize für private Bildungsanbieter. Regierung und Arbeitgeber in den USA rollten derweil gleichsam den roten Teppich aus für die hoch qualifizierten Filipinas. Geschätzte 25.000 Pflegekräfte emigrierten zwischen 1966 und 1985 dorthin. Der Trend hält an.

Inzwischen sind weitere Länder mit Pflegekräftemangel in Konkurrenz zu Amerika getreten. Auch die Philippinen selbst: In Manila und auf der Südinsel Mindanao fehlt es anscheinend bereits an ausgebildetem Personal. Die Auswanderer hingegen überwiesen Mireille Kingma zufolge allein im Jahre 2004 eine Summe an ihre Angehörigen, die fast einem Zehntel des philippinischen Bruttoinlandsproduktes entspricht. Kein Wunder, dass die Regierung den "Export" weiter fördert.

Zahlen, die das gesamte Ausmaß der Pflegemigration offenbaren, gibt es nicht. Nur die Größenordnung lässt sich ableiten: Insgesamt rund 191 Millionen Migranten waren im Jahre 2005 weltweit unterwegs, etwa die Hälfte davon Frauen. Knapp die Hälfte der Gesamtzahl hat eine universitäre oder entsprechende Bildung. Die Summe, die Migrantinnen und Migranten im Jahre 2005 insgesamt von ihrem Verdienst abzweigten und über Post, Banken oder andere offizielle Kanäle an ihre Familien zu Hause schickten, lag bei geschätzten 232 Milliarden US-Dollar, davon flossen 167 Milliarden in Entwicklungsländer. Hinzu kommen die auf inoffiziellen Wegen verschickten Gelder. Der Weltbank zufolge machen die Heim-Überweisungen das Doppelte der gesamten weltweiten Entwicklungshilfegelder aus.

Die Auswirkungen des "Brain drains" auf die Herkunftsländer lassen sich anhand folgender Zahlen ermessen: Aus Ghana, wo im Jahre 2000 insgesamt 250 Krankenschwestern ihre Ausbildung abschlossen, gingen im gleichen Jahr allein über 500 Pflegekräfte ins Ausland. In Jamaika wanderten zwischen 1978 und 1985 95 Prozent aller frisch examinierten Schwesternschülerinnen aus. Einer kürzlich in "Health Affairs" veröffentlichten Untersuchung zufolge, an der auch Mitarbeiter von Weltgesundheitsorganisation und Weltbank beteiligt waren, dürfte sich in Afrika südlich der Sahara bis zum Jahr 2015 eine Lücke von 800.000 Ärzten und Pflegekräften aufgetan haben, die zu schließen 2,6 Milliarden US-Dollar jährlich kosten wird - das Zweieinhalbfache dessen, was die Region heute für Gehälter im gesamten Gesundheitswesen aufwendet.

Selbst im Industrieland Kanada fehlen inzwischen Krankenschwestern, die kanadische Politik ist alarmiert, wie es in einer kürzlich im Fachjournal "International Nursing Review" publizierten Studie heißt.

Viele Länder sind auf ausländische Krankenschwestern angewiesen

Ohne die Zuwanderung von Fachkräften würde das Gesundheitssystem in vielen Ländern nicht funktionieren. Von den EU-Mitgliedsstaaten gilt dies insbesondere für Luxemburg, Dänemark und Schweden (Daten von 2000, Datengrundlage: OECD (2007): The Looming Crisis in the Health Workforce. Washington).

Die Abwanderung der Fachkräfte gefährdet jedoch die gesundheitliche Versorgung in den Herkunftsstaaten

Viele alternde industrialisierte Länder rekrutieren Pflegekräfte aus ärmeren Regionen. Manche der Herkunftsstaaten verzeichnen durch diese Auswanderung bereits einen akuten Mangel an Pflegepersonal. Auch die Investitionen in die Ausbildung sind für sie verloren. Besonders hoch ist die Auswanderungsrate von Krankenschwestern in Haiti, Jamaika, Trinidad und Tobago sowie den Philippinen (Daten von 2000, Datengrundlage: OECD (2009): International Migration Outlook 2009. Washington).

Die Globalisierung des Marktes für Medizinpersonal führt demnach, so Mireille Kingma, "nur zu einer Umverteilung des Mangels. Für die Zielländer bedeutet es eine schnelle Lösung. Aber die Ursachen des Mangels werden damit nicht behoben". Mit anderen Worten: Aufhalten lässt sich die Migration der Pflegekräfte nicht. Daher müssen die Arbeitsbedingungen in den Herkunftsländern verbessert werden, während die Zielländer den Beruf so attraktiv gestalten müssen, dass sie ihr eigenes Arbeitskräftepotenzial besser ausschöpfen. Bis solch ideale Zustände erreicht sind, müssen die Zielländer darauf achten, keine Pflegenden aus Ländern zu rekrutieren, die selbst an Personalmangel leiden. Und sie müssen dafür sorgen, dass die bereits Zugewanderten nicht ausgebeutet werden und sich gut integrieren.

Dazu gehört, ihnen die notwendigen Sprachkenntnisse zu vermitteln. Das hat Japan erfahren. Das Land der aufgehenden Sonne holt Arbeitskräfte nur hinzu, wenn es gar nicht anders geht. Zuwanderung gilt dort immer noch als Tabu - trotz starken Geburtenrückgangs, schwindender Erwerbsbevölkerung und zunehmender Alterung. Eine der wenigen Ausnahmen ließ die Regierung 2007 zu, als sie feststellte, dass 1,5 Millionen Pflegekräfte fehlen. Sie schloss daher bilaterale Abkommen mit den Philippinen und Indonesien, die jährlich rund tausend Krankenschwestern oder Altenpflegern eine japanische Arbeitserlaubnis versprach. Dabei erhalten sie zwar zunächst einen sechsmonatigen Sprachkurs, müssen aber nach drei bis vier Jahren Tätigkeit ein staatliches Fachexamen ablegen - auf Japanisch. Die Durchfallquote beträgt 50 Prozent.

Wer durchfällt, muss nach Hause zurück. Den Erfolgreichen winkt allerdings auch nur eine begrenzte, periodisch zu erneuernde Niederlassungs- und Arbeitserlaubnis. Familiennachzug ist nicht erwünscht. Überdies sind die Löhne relativ niedrig. Und potenzielle Arbeitgeber zeigen sich eher unwillig, die Ausländer einzustellen, nicht nur, weil sie mangelnde Sprachkenntnis befürchten, sondern auch, weil sie die Kosten für den Sprachkurs und den Aufenthalt während dieser Zeit tragen müssen. Kein Wunder, dass bislang nur ein Bruchteil der vorgesehenen indonesischen oder philippinischen Pflegekräfte von dem Abkommen Gebrauch gemacht hat.

Literatur / Links:

Jens Friebe (2009): Care for the Elderly and Demographic Change: Examples from the State of North Rhine-Westphalia . Vortrag bei der Tagung "Imploding Populations - Global and Local Challenges of Demographic Change", 02.-04.06.2009, Tokio.

Jens Friebe (2006): Migrantinnen und Migranten in der Altenpflege. Bestandsaufnahme, Personalgewinnung und Qualifizierung in Nordrhein-Westfalen. Hgg. v. Deutschen Institut für Erwachsenenbildung. Bonn.

International Centre on Nurse Migration (2007): Fact Sheet 2007

Mireille Kingma (2009): Nurses on the Move: An International Labour Market. Vortrag bei der Tagung "Imploding Populations - Global and Local Challenges of Demographic Change", 02.-04.06.2009, Tokio.

Mireille Kingma (2006): Nurses on the Move. Migration and the Global Health Care Economy. Ithaca/London.

Linda McGillis Hall et al. (2009): Is the grass any greener? Canada to United States of America nurse migration. In: International Nursing Review Vol. 56, 2, 198-205.

Richard M. Scheffler/Chris Brown Mahoney/Brent Fulton/Mario R. Dal Poz/Alexander S. Preker (2009): Estimates Of Health Care Professional Shortages In Sub-Saharan Africa By 2015. In: Health Affairs, 06. August 2009.

Gabriele Vogt (2008): Trends in Japans Zuwanderungspolitik. In: Online-Handbuch Demografie, www.berlin-institut.org.

 

   
     
 

Hunde als Gefährten für einsame Alte
Ein umfassendes, auch für Laien verständliches Handbuch in englischer Sprache beschreibt den demografischen Wandel in Japan, der so schnell wie nirgendwo anders auf der Welt abläuft

Sieben Grafiken bringen das Wichtigste an dem Japan-Handbuch "The Demographic Challenge" des Deutschen Instituts für Japanstudien in Tokio auf den Punkt. "Der letzte Japaner" ist die erste überschrieben: Sie zeigt die Bevölkerungsentwicklung der Inselnation seit dem Jahre 1400 und die Prognosen bis 3000. Die Zahl der Häupter steigt zunächst gleichförmig an. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts explodiert die japanische Bevölkerung förmlich und verdreifacht sich fast auf rund 127 Millionen. Seit 2005 schrumpft sie, weil die Frauen immer weniger Kinder bekommen und die Regierung kaum Zuwanderung zulässt, die Verluste ausgleichen könnte. Wenn nichts geschieht, ist in knapp hundert Jahren wieder der Stand der Meiji-Zeit nach 1867 erreicht, in der sich Nippon umfassend zu modernisieren begann. Und im Jahre 3000 werden sich die verbliebenen 29 Japaner alle persönlich kennen.

Auf 1.200 Seiten breiten 68 internationale Autoren in 63 Artikeln alle denkbaren Aspekte dieser außergewöhnlichen Entwicklung aus. Sie analysieren, wie sich die Geburten- und Sterbedaten über die letzten hundert Jahre verändert haben, sie beschreiben die Entleerung ländlicher Regionen und die Verstädterung, und sie vergleichen Japans demografische Entwicklung mit jener anderer Industrieländer. Das Handbuch vermittelt einen Eindruck davon, wie sich die Alterung der Gesellschaft in Japan bereits auswirkt und verstärkt auswirken wird, wenn demnächst die hier besonders zahlreiche Babyboom-Generation die Schwelle zum Rentenalter überschreitet. Mit der Formel "Ein Leben lang aktiv beschäftigt" hofft die Regierung dem sich abzeichnenden Mangel an produktiven Kräften zu begegnen. Ideen sind aber auch nötig, so ist zu lesen, um die sich verbreiternde Kluft zwischen den Generationen zu überbrücken und um die Vereinsamung der älteren Menschen aufzufangen, die durch die Tendenz zur Kleinfamilie zunimmt.

Besonderes Augenmerk gilt der Rolle der japanischen Frauen. Nach wie vor wird von ihnen erwartet, dass sie die Kinder aufziehen und dafür am besten den Beruf aufgeben - schon weil die Arbeitswelt sie kaum ermuntert, die Elternzeit in Anspruch zu nehmen, die Frauen wie Männern seit 1990 zusteht. Damals beschloss die Regierung, Maßnahmen gegen das erschreckende Absinken der Kinderzahlen zu ergreifen. Auch an Betreuungseinrichtungen fehlt es trotz politischer Absichtserklärungen immer noch. Dabei ließe sich die Produktivkraft alternder Gesellschaften wie der japanischen durch vermehrte weibliche Erwerbstätigkeit steigern, wie die Soziologin Chikako Usui schreibt. Allerdings können sich Frauen damit noch weniger als heute schon der traditionell weiblichen Aufgabe widmen, sich um alte Angehörige zu kümmern.

Zuwanderung ist für Japans Politik bislang keine ernst zu nehmende Option, um den demografischen Problemen und dem drohenden Pflegenotstand beizukommen. Im Zeitalter der Globalisierung zeichnen sich zwar Züge einer "transkulturellen" Gesellschaft ab, wie der geborene Japaner Stephen Murphy-Shigematsu und der in den USA aufgewachsene David Blake Willis am Beispiel ihrer beiden bunt gemischten Sippen schildern. Und immerhin hat sich die Zahl derer, die mit einem nichtjapanischen Pass im Lande leben, seit 1990 verdoppelt. Aber der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund an der Gesamtbevölkerung ist nach wie vor verschwindend klein.

Weitere Kapitel handeln von den kulturellen, politischen und sozioökonomischen Folgen des demografischen Wandels. Das Spektrum der Themen reicht dabei vom Umbau der Sozialsysteme über Anpassungsstrategien der Industrie an die Alterung bis hin zum Image des Alters, das die Medien vermitteln. In einer Kultur, in der Seniorität von jeher eine überragende Rolle spielte und in den Unternehmen bis heute spielt, bringt das veränderte Generationenverhältnis einiges ins Rutschen: Dem traditionellen Respekt vor dem Alter stehen zunehmend negative Assoziationen gegenüber, weil sich infolge des in Japan besonders starken Anstiegs der Lebenserwartung auch altersspezifische Gebrechen und Demenzerkrankungen mehren.

Niemand, außer Demografen und Japanologen, muss die 1.200 Seiten ganz durchackern. Die Aufsätze stehen für sich - und sind überwiegend gut lesbar. Jedem Kapitel ist zudem eine übersichtliche Zusammenfassung der Themen und Thesen vorangestellt. Und 50 Seiten umfasst allein das Register, mit dem sich Stichworte und Namen auffinden lassen.

Für den ganz schnellen Überblick empfehlen sich in jedem Fall die erwähnten sieben besonders hervorgehobenen Grafiken. Schlaglichtartig erhellen sie etwa, was die schleppende Emanzipation der japanischen Gesellschaft bedeutet: Nur vier Prozent der japanischen Väter nehmen die Elternzeit in Anspruch. "Jemand anderes kümmert sich um die Familie", geben die meisten Männer als Grund dafür an, dass sie dieses Angebot nicht nutzen, dicht gefolgt von "zu beschäftigt" und "zu belastend für meine Arbeitskollegen". Letzteres Argument führen Frauen am häufigsten an, um zu begründen, warum sie glauben, sich keine Auszeit vom Beruf erlauben zu können. Japanische Mütter verbringen wochentags 7,6 Stunden mit ihren Kindern, die Väter lediglich 3,1 Stunden. Eine weitere Grafik, die schlicht den steilen Anstieg der Hundepopulation in den letzten Jahren wiedergibt, veranschaulicht besser als viele Worte die Vereinsamung von Japans alternder Bevölkerung.

Florian Coulmas, Harald Conrad, Annette Schad-Seifert, Gabriele Vogt (Hrsg.): The Demographic Challenge: A Handbook about Japan. Brill, Leiden/Boston 2008. 1199 Seiten, 199,00 Euro/US$ 249,00.

 

   
     
 

In eigener Sache
Kurzes Video zur demografischen Zukunft von Europa online

Der Film "Europe´s Demographic Future" informiert in englischer Sprache über die wichtigsten demografischen Trends in Europa. Er basiert auf der gleichnamigen Studie, die die demografische Entwicklung auf regionaler Ebene analysiert. Zu sehen ist der siebenminütige Film auf der Homepage des Berlin-Instituts und bei YouTube. Die Studie ist sowohl in deutscher als auch in englischer Sprache erhältlich.

 

   
 

 

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