Anmelden Glossar Über uns Kontakt  
 
 
Ausgabe 82, 05. Oktober 2009

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

Der Abdruck von Artikeln und Grafiken ist honorarfrei. Um die Übersendung eines Belegexemplars wird gebeten.

Wenn Sie den Newsletter DEMOS nicht mehr erhalten wollen, können Sie sich hier abmelden.

 
   
 
   

"Wir brauchen Bilder von einem richtigen Leben, das nicht auf platte Formen des Wachstums ausgerichtet ist"
Interview mit Prof. Dr. Walter Siebel, Universität Oldenburg

weiterlesen

Wachsende regionale Unterschiede
Der demografische Wandel in Deutschland verlangt angepasste politische Konzepte

weiterlesen

Internationale Auszeichnung für ein Mitglied des Stiftungsrats des Berlin-Instituts
Prof. Dr. Wolfgang Lutz hat den IUSSP-Mattei Dogan Preis für vergleichende Forschung in der Demografie erhalten

weiterlesen

In eigener Sache
Neu im Online-Handbuch Demografie

weiterlesen

 
     
 

"Wir brauchen Bilder von einem richtigen Leben, das nicht auf platte Formen des Wachstums ausgerichtet ist"
Interview mit Prof. Dr. Walter Siebel, Universität Oldenburg

Prof. Dr. Walter Siebel (geboren 1938) ist seit 1975 Universitätsprofessor für Soziologie mit Schwerpunkt Stadt- und Regionalforschung an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Seit 1978 leitet er dort die Arbeitsgruppe Stadtforschung. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Regional- und Stadtforschung, der Wohnsoziologie, den Zusammenhängen von sozialem und räumlichem Wandel sowie Integrationsfragen. Siebel hat in Frankfurt am Main Soziologie studiert und an der TU Darmstadt promoviert. Von 1989 bis 1995 war er wissenschaftlicher Direktor der IBA-Emscher-Park sowie zwei Jahre lang Fellow des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen im Wissenschaftszentrum NRW. Siebel erhielt 1995 den Fritz-Schumacher-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung und 2003 den Schader-Preis der Schader Stiftung. Er ist Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung, der Akademie für Raumforschung und Landesplanung sowie in verschiedenen wissenschaftlichen Beiräten, u.a. des Hanse-Wissenschafts-Kollegs und des Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS).

Die Deutschen bekommen weniger Kinder als früher, werden älter, und es leben mehr Menschen mit Migrationshintergrund im Land - was ist daran eigentlich problematisch?

Außerordentlich viel. Nehmen wir die wachsende Zahl von Menschen mit Migrationshintergrund: Jeder fünfte Bewohner der Bundesrepublik ist selber zugewandert oder unmittelbarer Nachkomme von Zuwanderern. Diese Menschen haben typischerweise - im Unterschied etwa zu den Zuwanderern, die nach Kanada oder in die USA kommen - einen sehr niedrigen Bildungsstand. Sie sind auf unseren Arbeitsmarkt nicht vorbereitet, mal ganz unabhängig von den Sprachschwierigkeiten. Das ist eine der Ursachen für erhebliche Integrationsprobleme. Allerdings beobachten wir hier noch nicht die Phänomene, die wir aus den Pariser Vorstädten oder englischen Städten kennen.

Und das, obwohl wer in Frankreich geboren wird, automatisch die französische Staatsbürgerschaft erhält. Das allein reicht offensichtlich nicht aus, um Konflikte zu verhindern. Was muss da geschehen?

Die Konflikte werden sich wohl auch bei uns noch verschärfen. Sie treten ja aufgrund partiell gelungener Integration auf. Gerade weil sich die Kinder der Zuwanderer als Franzosen fühlen, stellen sie dieselben Ansprüche an ihren beruflichen Erfolg, ihre Wohnverhältnisse, an das Schulsystem, an Anerkennung wie die Einheimischen. Entsprechend leiden sie dann umso mehr an der offenkundigen Diskrepanz zwischen dem, was die alteingesessene Bevölkerung erreicht, und dem, was die neu Hinzugekommenen auf dem Arbeitsmarkt erreichen können.

Solche Unterschiede bestehen auch in Deutschland, aber die Empörung ist noch nicht so groß, sie entlädt sich nicht gewaltsam. Liegt das daran, dass die Kinder der Zuwanderer sich weniger als Deutsche fühlen als die Franzosen mit Migrationshintergrund sich als Franzosen fühlen?

Die zweite oder dritte Generation beginnt, sich als Deutsche zu fühlen und dieselben Ansprüche an ein gelungenes Leben zu stellen wie die einheimische Bevölkerung. Diese Generation wird vielleicht härter revoltieren, wenn die Gesellschaft ihr den Zugang dazu systematisch verstellt.

Tut sie das denn? Und müssen wir uns auf härtere Konflikte einstellen, wenn diese Missstände nicht beseitigt werden?

Vermutlich ja. Aber offenbar verfügt die bundesrepublikanische Gesellschaft auch über eine sehr große Integrationsfähigkeit. Es wäre lohnend, mal systematisch danach zu fragen, wieso diese Probleme hier bisher ausgeblieben sind, oder was moderne Gesellschaften im Unterschied zu traditionellen befähigt, so gelassen mit so viel Fremdheit umzugehen. Mit einem solchen Wissen könnte die Politik präventiv tätig werden, indem sie die Mechanismen gelungener Integration stärkt. Eine der wesentlichen Voraussetzungen dafür ist die Fähigkeit, mit Konflikten umzugehen. Dazu gehört etwa, Moderationsverfahren zu entwickeln, die verhindern können, dass solche Konflikte gleich auf die Ebene von Polizei und Justiz gehoben werden.

Die Aufnahmegesellschaft ist dabei genauso gefordert wie die Zuwanderer selbst?

Selbstverständlich, Integration ist immer eine beiderseitige Angelegenheit. Wir verlangen völlig zu Recht von den Zuwanderern, dass sie unsere Arbeitsorientierung übernehmen, dass sie wissen, dass man, um auf dem deutschen Arbeitsmarkt bestehen zu können, in die Bildung und Ausbildung der Kinder investieren muss. Aber umgekehrt kann man nicht verlangen, dass sie in ihre Bildung investieren, wenn dies ganz offenkundig von der Gesellschaft nachher nicht belohnt wird. Zuwanderer müssen strukturell dieselben Chancen haben wie die Einheimischen - das ist die Bringschuld dieser Gesellschaft. Und sie müssen gleichzeitig dieselben Qualifikationen und Fähigkeiten einbringen, die dieser Arbeitsmarkt fordert - das ist die Bringschuld der Zuwanderer. Leider ist beides nicht unabhängig voneinander.

Wie kann man denn einen solchen gesellschaftlichen Mentalitätswandel befördern, damit Integration gelingt?

Voraussetzung dafür sind ein funktionierendes Bildungssystem und ein funktionierender Arbeitsmarkt. Wir haben, wenn man realistisch ist, bereits jetzt mindestens vier Millionen Arbeitslose - mit einem besonders hohen Anteil von Arbeitslosen mit Migrationshintergrund.

Was muss sich an der Bildungspolitik ändern?

Die Zuwandererkinder müssen so früh wie möglich in das Bildungssystem integriert werden, das muss lange vor der ersten Grundschulklasse beginnen. Bildungsunterschiede dürfen nicht länger vererbt werden. Wir brauchen Kindergartenpflicht, Ganztagsschulen und eine viel intensivere und differenziertere Betreuung. Finnland wird ja immer als Vorbild dargestellt, und vorbildlich ist, dass die Betreuung dort viel individualisierter ist, als es das deutsche Schulsystem erlaubt.

Was bedeuten der höhere Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund und die Alterung für die Stadtentwicklung?

Zur Migration: Sie ist immer auf die großen Städte gerichtet gewesen, circa die Hälfte der Zugewanderten lebt in den großen Städten Westdeutschlands. In Frankfurt und Stuttgart machen Menschen mit Migrationshintergrund mittlerweile 40 Prozent der Bevölkerung aus. Integrationsprobleme werden vor allem in den großen Städten Westdeutschlands virulent. Stadtpolitik wird konfliktreicher.
Zur Alterung: Wohnqualität wird über technische und architektonische Qualitäten hinaus in Qualitäten des Wohnumfelds und der sozialen Dienste definiert werden.

Alte Menschen verbringen drei Viertel ihrer Zeit in ihrer Wohnung und der näheren Wohnumgebung. Mehr alte Menschen heißt also zunächst einmal schlicht eine immens gewachsene Bedeutung von Wohnung und Wohnquartier. Die lange Phase des Alters - wenn man Alter als die Phase nach dem Ende der Berufstätigkeit definiert - unterteilt man in das autonome, das unterstützungsbedürftige und das pflegebedürftige Alter. Mit diesen Phasen wird die Bedeutung eines sehr differenzierten Systems sozialer Dienstleistungen zunehmen.

Und was bedeutet ein Rückgang der Bevölkerung für die Stadtentwicklung?

Die städtebaulichen Leitbilder des 20. Jahrhunderts hatten alle ein Ziel - die enorme Verdichtung zu lockern. Denn ist nicht der Inbegriff von Luxus, über Zeit und Raum verfügen zu können? Je weniger dicht Städte besiedelt sind, desto größer ist die Chance, dass mehr privat verfügbarer und mehr öffentlicher Raum - Parks, Kinderspielplätze, meinetwegen auch noch mehr Caféhaustische - zur Verfügung stehen als früher. Leipzig hatte um 1900 etwa 460 Einwohner pro Hektar, heute sind es 76. Das hängt zwar auch mit Eingemeindungen zusammen, aber dahinter steht auch ein enormer Gewinn an Lebensqualität. Dieser Prozess der Entdichtung von Städten erlaubt es Familien, wieder in den Städten zu leben. Das Problem ist nicht der demografische Wandel, sondern das Gemeindefinanzsystem. Das Finanzaufkommen der Gemeinden ist an die Zahl der Einwohner gebunden, deshalb steht schrumpfenden Kommunen nicht das Geld zur Verfügung, das sie bräuchten, um die Chancen der Entdichtung für den großzügigen Umbau der Innenstädte zu nutzen. Der demografische Wandel ist zumindest theoretisch ein enormer Gewinn.

Sehen Sie auch in ländlichen Räumen Chancen des demografischen Wandels? Oder eher Probleme?

In den strukturschwachen, ländlichen Räumen, vor allem in den neuen Bundesländern, kommen zum natürlichen Bevölkerungsrückgang noch eine sozial selektive Abwanderung sowie die Folgen von Deindustrialisierung und Transformation des politischen und gesellschaftlichen Systems. Diese Prozesse zusammengenommen können einen Teufelskreis bilden: Wegen der schlechten Arbeitsmarktchancen wandern gerade die qualifizierten Arbeitskräfte ab. Damit wird der regionale Arbeitsmarkt für Investoren uninteressant. Und es wandern vor allem die jungen Frauen ab - in einigen Regionen haben wir schon um die 20 Prozent von jungen Männern, die keine Frauen mehr in ihrer Nähe finden. Und wenn sie dann auch noch auf dem Arbeitsmarkt keine Chance haben, dann bleibt ihnen nur noch das deutsche Vaterland, um darauf stolz zu sein - und das sind sie zuweilen auch in aggressiver Form.

Mit dieser Entwicklung hat sich auch die Studie „Not am Mann“ des Berlin-Instituts beschäftigt - und darauf hingewiesen, dass die Abwanderung der jungen Frauen außerdem dazu führt, dass auch die potenziellen Mütter fehlen …

… dann kann es aufgrund der sinkenden Bevölkerungszahl sehr schnell ungeheuer teuer werden, gleichwertige Lebensverhältnisse herzustellen. Denn bei sinkenden Einwohnerzahlen wird es relativ pro Kopf immer teurer, eine angemessene technische, Bildungs- und Gesundheitsinfrastruktur aufrecht zu erhalten. In diesen Regionen droht eine Kumulation von natürlicher Abnahme der Bevölkerung, Abwanderung, ausgedünnten sozialen und technischen Infrastrukturen und ein Rückzug privater Investoren. Irgendwann kann ein "point of no return" erreicht sein, an dem auch die aufwendigsten politischen Steuerungsversuche nichts mehr ausrichten können.

Dafür gibt es ja europaweit durchaus Beispiele, etwa manche Alpendörfer, die nun verlassen sind. Die Jüngeren gehen, die Älteren bleiben zurück - wie kann die Gesellschaft auch den Zurückbleibenden einen Lebensabend in Würde ermöglichen?

Die Gesellschaft muss sich überlegen, was ihr es wert ist, eine Minimalbevölkerung aufrechtzuerhalten. Die Schweiz hat ein ziemlich aufwendiges Programm zur Stabilisierung der Almenwirtschaften und Bergbauern. Auch eine Tourismusregion braucht ja eine Minimalbevölkerung, die die Region intakt und attraktiv hält.

Also hat der ländliche Raum doch Chancen?

Die Weimarer Republik war sehr viel dünner besiedelt als die Bundesrepublik, unser Staatsgebiet ist sehr dicht besiedelt. Wenn es irgendwo Wildnis gibt - was ist das Problem? Warum überlässt man nicht bestimmte Gebiete der Natur? Die Schwierigkeit liegt im Übergang: Die Menschen, die dort leben, müssen so lange ein würdiges Leben führen können, wie sie wollen.

Fehlt es nur am politischen Willen, den Übergang zu gestalten und die Chancen des demografischen Wandels zu nutzen? Etwa für Rückbau oder Förderung von Naturlandschaften?

Der beste politische Wille hat es schwer, wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen. Was wir auf jeden Fall brauchen, ist erstens eine Gemeindefinanzreform, die die Gemeinden auch unter den Bedingungen des Schrumpfens noch handlungsfähig erhält. Momentan werden die Gemeinden handlungsunfähiger, wenn sie schrumpfen. Ich bezweifle sehr, dass diese Reform in absehbarer Zeit kommen wird. Zweitens brauchen wir Bilder von einem richtigen Leben, das nicht auf platte Formen des Wachstums - höheres Bruttosozialprodukt, mehr Straßen – ausgerichtet ist. In unserer Gesellschaft kann man sich Veränderung offenbar nur als ein Mehr vom immergleichen vorstellen. Die Diskussion, die der Club of Rome vor dreißig Jahren angestoßen hatte, dass es weniger um quantitatives als um qualitatives Wachstum gehen müsse, die müsste heute aufgegriffen werden, aber angesichts der wirtschaftlichen Krise scheint das utopisch.

Ist der Druck nicht groß genug - oder mangelt es an Phantasie?

Wenn wir über ein anderes Modell des gelungenen Lebens nur deshalb nachdenken, weil das gewohnte, an Wachstum des Bruttosozialprodukts gebundene nicht mehr erreichbar erscheint, also aus einer Saure-Trauben-Rationalität, dann wird das scheitern. Die Diskussion um Lebensqualität wird geführt werden müssen, aber unabhängig von aktuellen Krisen. Allerdings muss man sich dabei natürlich auch die Frage stellen, inwieweit demokratisch verfasste Gesellschaften und kapitalistisch organisierte Wirtschaftssysteme überhaupt fähig sind, ein solches Umdenken zu leisten.


Das Interview führte Margret Karsch.

Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut) erlaubt.

 

   
     
 

Wachsende regionale Unterschiede
Der demografische Wandel in Deutschland verlangt angepasste politische Konzepte

Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) hat seine neue Raumordnungsprognose vorgestellt. Der Bericht enthält Annahmen, welche demografischen Entwicklungen in den Regionen Deutschlands bis zum Jahr 2050 zu erwarten sind.

Schon seit den 1980er Jahren beschreibt das BBSR in seinen Prognosen, wie sich die Bevölkerung auf regionaler Ebene voraussichtlich verändern wird. Es handelt sich dabei um "Status-quo-Prognosen": Trends der Vergangenheit werden rechnerisch in die Zukunft verlängert. Deshalb enthält der Bericht sowohl ein Bild der zukünftigen als auch eines der vergangenen und der gegenwärtigen Situation.

Überall in Deutschland sind Ausprägungen des demografischen Wandels wie Geburtenrückgang, Alterung und Migration zu erkennen. Ziel der vorgelegten fünften Raumordnungsprognose des BBSR ist es, sichtbar zu machen, wie unterschiedlich sich dabei die deutschen Kreise entwickeln.

Der Bericht liefert für drei demografische Einheiten Regionalprognosen: für die Gesamtbevölkerung, für private Haushalte und Erwerbspersonen. Gleichzeitig werden diese hinsichtlich dreier Aspekte genauer analysiert: Wie wird sich die Bevölkerung in Zukunft entwickeln? Wie viele junge und alte Menschen wird es in Zukunft geben? Wie viele Menschen mit Migrationshintergrund werden in Deutschland leben? Bei der Untersuchung der Bevölkerung haben die Autoren die Kreise in Clustern zusammengefasst, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede hervorzuheben.

Mit Blick auf die Alterung der Gesellschaft wird klar, dass der Anteil der Jüngeren aufgrund des Nachwuchsmangels sinkt und jener der Älteren wächst - weil die Menschen immer älter werden und weil die geburtenstarken Jahrgänge bald schon ins Seniorenalter kommen. Die kombinierte "Alterung von unten" und die "Alterung von oben" werden sich bis 2025 beschleunigen und erst 2040 ihren Höhepunkt erreichen. Danach erreichen die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer das Sterbealter, so dass der Anteil der älteren Menschen an der Gesellschaft wieder sinkt.

Doch bis dahin werden immer weniger junge Erwerbsfähige in den Arbeitsmarkt hineinwachsen und Ältere ihn zunehmend dominieren. Bis 2025 wird die Zahl der Erwerbsfähigen im Alter von 15 bis 70 Jahren von 54,9 Millionen auf 51,2 Millionen zurückgehen. Die Autoren haben für ihre Berechnung nicht das gesetzliche Renteneintrittsalter von heute 65 Jahren berücksichtigt, das mittelfristig auf 67 Jahre erhöht werden soll, sondern die Erwerbsfähigkeit sogar bis zum 70. Lebensjahr angehoben. Der Schwund der Erwerbsfähigen wird sich nahezu vollständig in den ostdeutschen Bundesländern abspielen, die stark von der Abwanderung junger Menschen betroffen sind, während die erwerbsfähige Bevölkerung in den westdeutschen Bundesländern stabil bleibt - vor allem wegen der Zuwanderung jüngerer Menschen aus dem Osten und aus dem Ausland. Der Rückgang bei den Erwerbspersonen unter 45 Jahren wird in fast allen Regionen Ostdeutschlands um die 30 Prozent betragen.

Die Prognosen des BBSR und die dahinterstehenden Annahmen machen deutlich, dass sich das gesamte Bundesgebiet in einem Wechsel von Wachstum zu Schrumpfung befindet. Von dieser Entwicklung ist Ostdeutschland schon seit längerem betroffen. Regional betrachtet verlieren aber auch die ersten westdeutschen Kreise an Bevölkerung. Demzufolge wird 2025 die Hälfte der bundesweiten Bevölkerung in schrumpfenden Kreisen leben. Nach 2025 können die Zuwanderer in den westdeutschen Kreisen nicht mehr die Bevölkerungsverluste ausgleichen, weil mehr Menschen sterben als geboren werden. Dies läutet unweigerlich den Schrumpfungsprozess in ganz Westdeutschland ein.

Die Mehrzahl der Kreise wird zukünftig Sterbeüberschüsse verzeichnen. Die restlichen Kreise werden bis 2025 ihre Bevölkerung durch Wanderungsgewinne stabil halten können, einige wenige werden gar weiter wachsen. Grundlage für diese Prognose ist allerdings die Annahme des BBSR, dass die künftig stabilen und wachsenden Kreise stark von einer Zuwanderung aus dem Ausland profitieren. Die Wissenschaftler des BBSR legen ihren Prognosen einen jährlichen Wanderungsgewinn von etwas mehr als 200.000 Personen zwischen 2006 und 2025 zu Grunde. Von 2025 an soll er sich bis auf über 315.000 Personen im Jahr 2050 erhöhen. Dieser angenommene Wanderungsgewinn entspricht etwa dem Durchschnitt der Jahre 1986 bis 2005.

An dieser Stelle offenbaren sich die Grenzen der verwendeten Methode. Denn die Status-quo-Prognose ignoriert besondere geschichtliche Ereignisse, die die Bevölkerungsentwicklung in gerade diesen vergangenen 20 Jahren massiv beeinflusst haben. So fällt in den betrachteten Zeitraum das Zuwanderungshoch, zu dem Hunderttausende von Aussiedlern und Spätaussiedlern aus Polen, Rumänien und vor allem aus der ehemaligen Sowjetunion beigetragen haben. Seit Mitte der 1990er Jahren kommen jedoch immer weniger Aussiedler, da immer weniger die Zuzugsberechtigung erhalten. Gleichzeitig wandern aus Deutschland seit geraumer Zeit mehr Menschen aus, was der Nation im Jahr 2008 zum ersten Mal seit 1984 einen negativen Wanderungssaldo in Höhe von 56.000 Personen bescherte.

Dies ist wahrscheinlich auch auf die sogenannte Registerbereinigung zurück zu führen: Die Meldeämter haben ihre Einwohnerregister überprüft und Personen, die im Register geführt waren, aber bereits verstorben oder ausgewandert sind, aus Daten gelöscht. Dennoch kann die Bereinigung aus dem Jahr 2008 nicht darüber hintäuschen, dass Deutschland seit Jahren von einem Wanderungsgewinn von 200.000 Personen weit entfernt ist. Die Prognosen sind in diesem Punkt fragwürdig, zumal ungeklärt ist, woher die Zuwanderer kommen sollen, wenn Zuzugsberechtigungen für Ausländer fehlen und die Zuwanderungswelle der Aussiedler der Vergangenheit angehört. Um diese Zusammenhänge besser zu berücksichtigen, wäre es hilfreich gewesen, die BBSR-Forscher hätten auf Basis unterschiedlicher Annahmen zur künftigen Zuwanderung verschiedene Szenarien berechnet.

Die anschauliche Darstellung der Kreise anhand von Karten verdeutlicht die Heterogenität der Regionen und den damit verbundenen regionalspezifischen Handlungsbedarf. Dennoch gelingt es den Autoren mittels vieler Tabellen und Grafiken, die Folgen des demografischen Wandels sichtbar zu machen. Viele Zusammenhänge, beispielsweise zwischen dem Geburtentief nach der Wende und dem künftigen Wettbewerb der ostdeutschen Universitäten um Studierende, erschließen sich dank der klaren und verständlichen Sprache. Hilfreich ist auch die grafische Darstellung der Prognosemethode mit ihren Annahmen. Über den Bericht hinaus bietet das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung eine CD-Rom mit Prognose-Ergebnissen, Tabellenmaterial, Karten und Abbildungen.

Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (2009): Raumordnungsprognose 2025/2050 Berichte Band 29. Bonn.

 

   
     
 

Internationale Auszeichnung für ein Mitglied des Stiftungsrats des Berlin-Instituts
Prof. Dr. Wolfgang Lutz hat den IUSSP-Mattei Dogan Preis für vergleichende Forschung in der Demografie erhalten

Die International Union für das wissenschaftliche Studium der Bevölkerung (IUSSP) und die Mattei Dogan Foundation vergeben alle vier Jahre einen renommierten Wissenschafts-Preis, um die interdisziplinäre und vergleichende internationale demografische Forschung zu fördern. Die Auszeichnung soll nicht nur als Anerkennung für abgeschlossene Tätigkeiten dienen, sondern auch dazu ermutigen, die internationale vergleichende Forschung fortzusetzen.

Der Preis wurde vor wenigen Tagen an den österreichischen Demografen Wolfgang Lutz verliehen, anlässlich der IUSSP International Population Conference, an der in diesem Jahr rund 2.300 Demografen aus aller Welt teilgenommen haben. Die Konferenz hat vom 27. September bis zum 2. Oktober in Marrakesch stattgefunden - und damit erstmals auf dem afrikanischen Kontinent und in einem arabischen Land.

Wolfgang Lutz, der das Institut für Demografie an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien und seit 1994 das Weltbevölkerungsprogramm am Internationalen Institut für Systemanalysen (IIASA) in Laxenburg bei Wien leitet, beschäftigt sich vor allem mit Familiendemografie, Fertilitätsanalysen, Bevölkerungsprojektionen und dem Zusammenhang von Bevölkerung und Umwelt. Neben seiner Funktion im Stiftungsrat des Berlin-Instituts sitzt Lutz unter anderem im Direktorium des Max-Planck-Instituts für Demografische Forschung in Rostock, des African Population and Health Research Center in Nairobi und des Population Reference Bureau in Washington.

 

   
     
 

In eigener Sache
Neu im Online-Handbuch Demografie

Infektionskrankheiten von Stefan H.E. Kaufmann und Sabine Sütterlin

 

   
 

 

Hinweis in eigener Sache:

Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung ist eine Stiftung mit dem Zweck, Forschung zu demografischen Veränderungen zu betreiben und das öffentliche Wissen über gesellschaftliche Prozesse zu verbessern. Das unabhängige Berlin-Institut erhält für seine Arbeit keinerlei öffentliche Förderung. Spenden und Zustiftungen ermöglichen die erfolgreiche Arbeit des Instituts.

Bankverbindung:
Bankhaus Hallbaum
BLZ 250 601 80
Konto 20 28 64 07

Online spenden per Lastschriftverfahren

Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an:
Dr. Reiner Klingholz
E-Mail: reiner.klingholz@berlin-institut.org
Telefon: 0 30-22 32 48 45

 

 

 

Ältere Ausgaben finden Sie im Archiv:
http://www.berlin-institut.org/newsletter/newsletter_archiv.html

Möchten Sie den Newsletter abbestellen? Bitte hier klicken.

Dieser Newsletter wird herausgegeben von dem Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung,
Schillerstr. 59, 10627 Berlin

Dieser Newsletter wird unterstützt von: