Von der Türkei nach Deutschland - und umgekehrt
Eine internationale Tagung in Istanbul hat das Thema "Transnationale Migration" zwischen den beiden Ländern untersucht
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Lehrermangel in Afrika
Defizite im Bildungssystem gefährden die wirtschaftliche und soziale Entwicklung in Subsahara-Afrika
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Von der Türkei nach Deutschland - und umgekehrt
Eine internationale Tagung in Istanbul hat das Thema "Transnationale Migration" zwischen den beiden Ländern untersucht

50 Jahre Anwerbeabkommen zwischen der Türkei und Deutschland - das Jubiläum am 30.10.2011 beschäftigt immer noch Politik und Medien, wie schon seit Wochen. Das gilt für Deutschland wie für die Türkei. In Istanbul hat aus diesem Anlass das Goethe-Institut gemeinsam mit unterschiedlichen Partnern eine Vielzahl von Veranstaltungen organisiert: etwa die Filmreihe "Der andere Blick", die deutsche und türkische Filme zu den durch Migration entstandenen Bindungen und kulturellen Beziehungen zwischen den beiden Ländern zeigte, die Ausstellung "Fiktion Okzident", die den künstlerischen Austausch beleuchtete, sowie - gemeinsam mit dem Orient-Institut und der Bilgi Universität - die Tagungen "Transnationale Migration" und "Migration und Literatur".

Bereits in den späten 1950er Jahren hatte die Bundesrepublik Deutschland mit verschiedenen Ländern Anwerbeabkommen geschlossen, um Arbeitskräfte ins Land zu holen. 1973 endeten die Abkommen vor dem Hintergrund der Ölkrise. Heute leben dem Statistischen Bundesamt zufolge rund 2,8 Millionen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund in Deutschland, sind also selbst aus der Türkei zugewandert oder haben mindestens ein Elternteil, das zugewandert ist. 1,1 Millionen von ihnen tragen den deutschen Pass in der Tasche. In manchen Stadtteilen im Ruhrgebiet haben 80 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund.

Lange interessierten sich Forschung und Medien nur für Deutschland als Migrationsziel, inzwischen ist auch die Türkei ins Blickfeld gerückt. Das lässt sich auch damit erklären, dass durch den demografischen Wandel insbesondere der Bedarf an Fachkräften wächst und gleichzeitig von diesen bereits einige Türkischstämmige Deutschland Richtung Türkei verlassen haben. Rund 160.000 EU-Bürger leben in der Türkei, etwa 80.000 von ihnen sind Deutsche, so Ege Erkoçak vom Türkischen Ministerium für EU-Angelegenheiten. In Istanbul gibt es einen Rückkehrerstammtisch und verschiedene Treffpunkte von gut qualifizierten Deutschtürkinnen und -türken. Yasar Aydin vom Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut spricht in diesem Zusammenhang von einer "jungen Almanci-Szene", deren Angehörige sich als Weltbürger verstehen.

Die Forschung in den 1980er Jahren hat viel darüber diskutiert, ob Migrantenselbstorganisationen, von denen es laut Hadan Aksünger von der Universität Münster ungefähr 11.000 mit türkischem Hintergrund in Deutschland gibt, eher integrationsfördernd oder -hemmend wirken. Bei der sogenannten Esser-Elwert-Kontroverse stritten die Forscher darüber, ob solche Zusammenschlüsse in eine "ethnische Mobilitätsfalle" führten oder die Integration, verstanden als Teilhabe an gesellschaftlichen Gütern, durch Binnenintegration gefördert werde. Und zwar indem die Mitglieder Selbstbewusstsein entwickeln, Alltagswissen austauschen und auch als "pressure group" auftreten könnten.

Die Tagung reflektierte die vergangene Forschung, konzentrierte sich aber auf den neueren Forschungsansatz der "transnationalen Migration", den Ludger Pries von der Ruhr-Universität Bochum und Thomas Faist von der Universität Bielefeld vorstellten. Thomas Faist betonte die Bedeutung der Transnationalität als Unterscheidungsmerkmal: Menschen mit grenzübergreifenden Bindungen in verschiedene Staaten, und sei es nur mental, leben in spezifischen Lebenswelten. Aber sie sind nicht nur verschiedenen Kulturen oder einigen ihrer Elemente verhaftet und besitzen spezifische Kompetenzen, sondern unterliegen auch den jeweiligen nationalen Rahmenbedingungen. So entstehen transnationale soziale Räume. Transnationalisierung ist ein Staatsgrenzen übergreifender Prozess, der in Familien, Sozialstrukturen und Netzwerken abläuft sowie diese beeinflusst.

"Die doppelte Staatsbürgerschaft wäre ein gutes Mittel, um Integration in Deutschland zu fördern" Interview mit Assist. Prof. Dr. Alexander Bürgin, Izmir Ekonomi Üniversitesi

Bislang weiß die Forschung wenig darüber, wie viele hoch Qualifizierte mit türkischem Migrationshintergrund Deutschland verlassen und in die Türkei gehen - und warum sie dies tun. Was genau ist das Problem bei der Datenlage?

Die Daten werden schlicht und einfach weder in Deutschland noch in der Türkei genau nach diesen Kriterien erhoben. Hinzu kommt: Wer Deutschland verlässt, meldet sich nicht immer beim Einwohnermeldeamt ab, viele Fortzüge werden also nicht registriert. Und es melden sich auch nicht alle in der Türkei an, die dort hinziehen.

Was sagen denn die offiziellen Zahlen?

Dem Migrationsbericht zufolge gibt es rund 40.000 gemeldete Abwanderungen pro Jahr aus Deutschland in die Türkei. Die Zahl ist seit 2000 ziemlich konstant geblieben. Daraus ist aber weder ersichtlich, wie viele türkischer Herkunft oder Deutsche sind, noch ob es sich um hoch oder niedrig Qualifizierte handelt, oder um Rentner oder um Menschen, die in der Türkei arbeiten wollen. Der Bevölkerungstatistik der Türkei zufolge wanderten im Jahr 2000 knapp 74.000 Personen aus Deutschland in die Türkei aus. Die Diskrepanz zu den deutschen Zahlen könnte an den erwähnten nicht gemeldeten Fortzügen liegen.

Von Seiten der Politik besteht doch bestimmt ein Interesse daran, das zu erfahren. Gibt es Bestrebungen, diese Merkmale und Motive in Zukunft genauer zu erfassen?

Über solche Pläne des Statistischen Bundesamts ist mir nichts bekannt. Eine Umfrage von Future.org hat festgestellt, dass sich 38 Prozent der hoch Qualifizierten mit türkischem Migrationshintergrund vorstellen können auszuwandern. Sich etwas vorstellen zu können, heißt nun noch nicht, es auch in die Tat umzusetzen. Allerdings: Die Abwanderungsneigung auch unter deutschen Akademikern hat zugenommen. Seit 1970 hat sich die Zahl der ausgewanderten Personen pro Jahr verdreifacht. Gründe dafür sind die gestiegene Internationalisierung, Mobilität und Flexibilität sowie die Tatsache, dass in Deutschland die Löhne stagnieren. Zu dem Thema laufen gegenwärtig einige Forschungsprojekte.

Was sind denn die Gründe, die Menschen mit Migrationshintergrund dafür angeben, dass sie in die Türkei gehen?

Ein wichtiger Grund, der vor allem in den deutschen Medien immer wieder genannt wird, ist die Benachteiligung auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Viele Statistiken deuten darauf hin, dass Menschen mit Migrationshintergrund diskriminiert werden. So liegt die Arbeitslosigkeit laut einer OECD-Studie aus dem Jahr 2007 bei Akademikern mit Migrationshintergrund bei 12,5 Prozent während sie bei Akademikern ohne Migrationshintergrund nur 4,4 Prozent beträgt. Die OECD ist auch zu dem Ergebnis gekommen, dass Migranten bei gleicher Qualifikation 30 Prozent weniger Einladungen zu Vorstellungsgesprächen erhalten und nur ein Drittel der geringeren Erwerbsbeteiligung durch niedrigere Schulbildung erklärt werden kann.

Sie forschen gegenwärtig ja selbst zu den Motiven. Was haben Sie herausgefunden?

Meine Befragung, die ich online durchführe, läuft noch, ich habe erst 68 Antworten vorliegen. Aber daraus geht bislang hervor, dass sich etwa die Hälfte der Befragten im Arbeitsleben schon einmal diskriminiert gefühlt hat, diese Erfahrungen für die große Mehrheit aber keine Rolle gespielt haben bei der Entscheidung, Deutschland zu verlassen. Vielmehr waren private oder berufliche Gründe ausschlaggebend, etwa Partnerschaft und Familie. Es ging nicht vorrangig darum, Deutschland zu verlassen, sondern es sprachen einfach mehr persönliche Gründe dafür, die Türkei als neuen Lebensmittelpunkt zu wählen.

Was macht die Türkei so attraktiv - abgesehen davon, dass dort die Partnerin oder der Partner lebt und das Wetter besser ist?

Die Türkei verzeichnet seit zehn Jahren nach China die höchsten Wachstumsraten weltweit. Die Zahl der in der Türkei tätigen deutschen Unternehmen steigt rasant und liegt nun bei knapp 4.000. Insbesondere für solche Unternehmen sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter interessant, die sich kulturell in beiden Ländern bewegen können und beide Sprachen beherrschen.

So wie diese Bikulturellen sich hinsichtlich ihrer Eigenschaften wie zum Beispiel ihrer Ausbildung unterscheiden, so unterscheiden sich auch ihre Lebensumstände in der Türkei. Lassen sich dennoch allgemeine Aussagen treffen, wenn man nun einmal nur die - immer noch heterogene - Gruppe der hoch Qualifizierten betrachtet?

Meine Umfrage hat ergeben, dass es da Licht und Schatten gibt. Zum Teil bestehen große Anpassungsschwierigkeiten, mir wurde von erheblichen Mentalitätsunterschieden zu den einheimischen Türken berichtet. Oft bewegen sich die Zuwanderer deshalb in einem internationalen Umfeld. Aber viele meistern ihr neues Leben ganz gut. Eine Interviewpartnerin hat mir gesagt: "Es gibt in jedem Land positive und negative Aspekte. Man muss eben die negativen beiseite schieben und sich auf die positiven Dinge konzentrieren." Ich denke, mit einer solchen optimistischen Einstellung kommt man in einem zunächst fremden Umfeld leichter klar. Insgesamt ist eine deutliche Mehrheit meiner Befragten zufrieden mit der Entscheidung, in die Türkei zu gehen. Zwar hat die Mehrheit angegeben, in Deutschland glücklich gewesen zu sein, aber viele sagen, auch in der Türkei glücklich zu sein.

In Deutschland gibt es für Türken nicht die Möglichkeit, die deutsche Staatsbürgerschaft zusätzlich anzunehmen, sie müssen sich also entscheiden. Wie sieht denn die Rechtslage aus von Türkischstämmigen, die nicht den türkischen, sondern den deutschen Pass in der Tasche tragen und nun in der Türkei leben wollen?

Für die gibt es eine Sonderregelung, die sogenannte Marvi-Card. Damit erhalten sie eine Art türkische Staatsbürgerschaft "light". Inhaber der Karte dürfen zwar weder wählen noch gewählt werden, verfügen ansonsten aber über vergleichbare Rechte wie türkische Staatsbürger. Diese Regelung dürfte dazu führen, dass türkischstämmige Ausländer es leichter haben als andere, in der Türkei Fuß zu fassen.

Ist diese Regelung umstritten, diskutiert die türkische Öffentlichkeit darüber?

Gestritten wird eher über die deutsche Gesetzgebung, die nur in Ausnahmefällen eine doppelte Staatsbürgerschaft erlaubt, etwa für Menschen aus Ländern wie dem Iran, deren Regelungen es nicht vorsehen, die Staatsbürgerschaft abzulegen. Die Türkei würde den türkischstämmigen Deutschen gerne zusätzlich die türkische Staatsbürgerschaft geben.

Wie bewerten Sie diese Politik?

Die doppelte Staatsbürgerschaft wäre ein sehr gutes Mittel, um Integration in Deutschland zu fördern. Es wäre ein symbolischer Akt, der die beiden Identitäten dieser Leute anerkennt. Integrationspolitisch wäre die doppelte Staatsbürgerschaft daher ein wichtiger und dringender Schritt. Es verwundert schon, wenn die Bundesregierung einerseits verkündet, die Potenziale von Jugendlichen aus Migrantenfamilien besser fördern zu wollen und die kulturelle Viefalt als eine Chance für Deutschland darstellt, aber andererseits verlangt, dass Kinder ausländischer Eltern, die hier in Deutschland geboren wurden, sich mit Erwerb der Volljährigkeit entscheiden müssen, welche Nationalität sie wählen. Das bringt junge Menschen unnötig in Identitäts- und Loyalitätskonflikte. Dieses Optionsmodell sollte abgeschafft werden.

Das Interview führte Margret Karsch.
Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut) erlaubt.

 

Lehrermangel in Afrika
Defizite im Bildungssystem gefährden die wirtschaftliche und soziale Entwicklung in Subsahara-Afrika

Eines der größten Entwicklungshemmnisse armer Länder ist die mangelnde Bildung der Bevölkerung. Gerade in Entwicklungsländern, die ein hohes Bevölkerungswachstum haben, ist der Bedarf besonders nach Grundschul- und Sekundarbildung aber sehr hoch, um der stetig wachsenden jungen Bevölkerung Ausbildungsmöglichkeiten und damit eine Zukunftsperspektive zu geben. Dies zeigt sich exemplarisch in Subsahara-Afrika.

Zwar hat sich in den letzten Jahren die Bildungssituation der Bevölkerung verbessert, allerdings bestehen nach wie vor viele Defizite, wie aus einer neuen Studie der UNESCO hervorgeht. Weltweit lebt die Hälfte aller Kinder im Grundschulalter, die nicht eingeschult sind, in Staaten südlich der Sahara. Während 13 Prozent aller Kinder in Entwicklungsländern im Alter von sieben bis 18 Jahren nie eine Schule besucht haben, sind es in Subsahara-Afrika 32 Prozent der Mädchen und 27 Prozent der Jungen. In elf Ländern Subsahara-Afrikas haben nur 50 Prozent der Erwachsenen zumindest einen Grundschulabschluss, in fünf Ländern sind es lediglich 20 Prozent. Gerade einmal 63 Prozent der Erwachsenen in Subsahara-Afrika können lesen und schreiben. In Burkina Faso können dies nur 33 Prozent der Frauen und 47 Prozent der Männer im Alter zwischen 15 und 24 Jahren. Auf den Philippinen und in Indonesien sind es dagegen 96 respektive 97. In Angola, der Zentralafrikanischen Republik, Burkina Faso und Nigeria besuchen nur zwischen 17 Prozent und 34 Prozent der entsprechenden Altersgruppe Sekundarschulen. Gerade einmal 27 Prozent aller Schüler in weiterführenden Schulen in Subsahara-Afrika beenden diese auch erfolgreich.

Angesichts dieser Zahlen scheint eine Entwicklung einer der ärmsten Regionen der Welt kaum Aussicht auf Erfolg zu haben. Das starke Bevölkerungswachstum, das sich weltweit gesehen mittlerweile fast vollständig in den weniger entwickelten Ländern abspielt, kommt erschwerend hinzu. Allein in Subsahara-Afrika dürfte sich die Zahl der Menschen von heute knapp 800 Millionen bis 2050 auf ungefähr 1,6 Milliarden verdoppeln - und damit die Zahl der Kinder, die eine Schule besuchen sollen. Ohne massive Anstrengungen der nationalen Regierungen und der internationalen Entwicklungszusammenarbeit würde die Zahl der Analphabeten weiter steigen, schlicht und einfach weil es angesichts der vielen jungen Menschen an Lehrern, Schulen und Bildungsmaterial mangelt.

Lehrermangel durch Bevölkerungswachstum
Benötigte Anzahl von Lehrern bis zum Jahr 2015 und jährlich benötigte Zuwachsrate

Während Deutschland und Japan auf Grund des demografischen Wandels 2015 bereits mehr als 30.000 weniger Lehrer brauchen als bislang, benötigen die subsaharischen Staaten auf Grund des Bevölkerungswachstums bis 2015 jährlich rund 350.000 Lehrer mehr. Um dies zu erreichen, müsste die Zahl der Lehrer in der Zentralafrikanischen Republik oder Eritrea pro Jahr um etwa ein Fünftel zunehmen (Datengrundlage: UNESCO Institute for Statistics).

Wegen des Lehrermangels sind vielerorts schon heute Klassen von 50 Schülern und mehr keine Seltenheit. Um das 2. Millenniumsentwicklungsziel zu erreichen, nämlich allen Kindern bis 2015 eine Grundschulbildung zu ermöglichen, müssten nach Schätzungen der UNESCO weltweit ungefähr zwei Millionen Lehrerstellen neu geschaffen werden - davon allein eine Million in Subsahara-Afrika. Burkina Faso müsste bis 2015 jährlich 14 Prozent mehr Lehrer ausbilden und einstellen als bisher, Eritrea 18 Prozent und die Zentralafrikanische Republik gar 21 Prozent - Anstrengungen, die selbst ein reiches Land wie Deutschland überfordern würden. Daher werden Programme benötigt, die die Lehrerausbildung und deren langfristige Bindung an den Beruf als Kern der nationalen Bildungspolitik zum Ziel haben. Zusätzlich gilt es, in Lehrmaterialien zu investieren, denn oft teilen sich bis zu acht Kinder ein Schulbuch.

Viele Länder greifen zu Notmaßnahmen, um der Bildungsmisere zu begegnen. In Burkina Faso werden Freiwillige in Kursen in Pädagogik und einzelnen Fächern ausgebildet. Nach Ende ihrer Schulung werden sie als Hilfslehrer in Schulen eingesetzt. Angola macht aus ehemaligen Soldaten und Erwachsenen ohne Schulbildung in Schnellkursen Lehrer. Parallel dazu erhalten bereits ausgebildete Lehrer eine berufsbegleitende Weiterqualifikation in Sachen Pädagogik. Diese Maßnahmen können zumindest kurzfristig helfen, die Situation zu verbessern.

Und es gibt auch Erfolge zu vermelden: Die Zahl der in Grundschulen unterrichteten Kinder stieg in den Ländern Subsahara-Afrikas zwischen 1999 und 2009 um 59 Prozent, die von Mädchen sogar um 66 Prozent. Im gleichen Zeitraum wuchs der Bevölkerungsanteil der Kinder im Grundschulalter jedoch nur um 25 Prozent. Die Gesamteinschulungsrate stieg dadurch von 59 auf 77 Prozent. Allerdings kann nicht jedes Kind die Schule auch zu Ende bringen: 67 Prozent aller Schüler brechen die Grundschule vorzeitig ab. Häufig müssen Kinder zum Lebensunterhalt der Familien beitragen, oft scheitert der Schulbesuch an den hohen Kosten. Denn selbst wenn die Schulbildung kostenfrei ist, müssen die Eltern Schuluniformen und Unterrichtsmaterialien kaufen.

Ungleiche Bildungschancen für Mädchen und Kinder in ländlichen Gebieten

Fast überall in Subsahara-Afrika sind Mädchen im Bildungssystem benachteiligt: Hier liegt knapp die Hälfte aller Länder, in denen prozentual weniger Mädchen als Jungen die Grundschule abschließen. Besonders hervor stechen die Zentralafrikanische Republik, der Tschad und die Demokratische Republik Kongo, wo je 100 Jungen nur 57 bis 69 Mädchen die Grundschule erfolgreich verlassen. In einigen Ländern südlich der Sahara sind die Verhältnisse jedoch genau umgekehrt: In Lesotho und Namibia können prozentual mehr Mädchen als Jungen einen Grundschulabschluss vorweisen.

Einen Mangel an Frauen gibt es auch an anderer Stelle im Bildungssystem: nach wie vor gibt es ein beachtliches Defizit an Lehrerinnen. Im Zeitraum von 1999 bis 2009 wuchs der Anteil von Lehrerinnen zwar von 40 auf 42 Prozent. Doch im Vergleich zu anderen Weltregionen ist dieser Zuwachs äußerst gering: So wuchs der Lehrerinnenanteil in Ostasien und der Pazifikregion im gleichen Zeitraum von 48 Prozent auf 61 Prozent. Viele afrikanische Länder scheinen dagegen noch immer in einem Teufelskreis gefangen. Denn je weniger Frauen im Bildungssystem Erfolg haben, desto weniger Lehrerinnen wird es in Zukunft geben. Und je weniger Lehrerinnen es gibt, desto weniger können sie als Vorbilder und Ansprechpartner für Mädchen agieren.

Besonders gravierend ist die Lage in ländlichen Gebieten. Während in Angola landesweit immerhin 76 Prozent der Kinder im Alter von sechs bis 17 Jahren eingeschult werden, sind es in manchen ländlichen Gegenden nur 38 Prozent. Aus Geldmangel kann der Staat Lehrern kaum Anreize bieten, in entlegenen Gebieten zu arbeiten. Sanierungsbedürftige Klassenräume, schlechte Verkehrsinfrastruktur und unzureichende Ausstattung mit Lehrmitteln schrecken Lehrer ab, sich in abgelegene Regionen versetzen zu lassen.

Bei allen Anstrengungen geht es bislang vor allem darum, Kindern den Besuch einer Grundschule zu ermöglichen. Wie die jüngst veröffentlichte Studie des Berlin-Instituts, Afrikas demografische Herausforderung, zeigt, ist für eine Entwicklung der Gesellschaften aber vor allem die Sekundarbildung von Bedeutung - insbesondere für Frauen. Mit abgeschlossener Sekundarbildung erhöht sich für Frauen nicht nur die Chance auf Erwerbstätigkeit, sondern sie bekommen im Regelfall auch weniger und gesündere Kinder, können besser auf ihre eigene Gesundheit achten und verfügen über mehr Entscheidungsfreiheit in Familie und Gesellschaft.

Wo Kinder in die Schule gehen
Einschulungsquoten in Grund- und Sekundarschule im Jahr 2009 in Prozent

Auch wenn sich in Subsahara-Afrika die Bildungssituation verbessert hat, sind gerade im Bereich der Sekundarbildung noch erhebliche Defizite zu beseitigen. Nur 35 Prozent aller Kinder im Sekundarschulalter besuchen hier eine weiterführende Schule. Zum Vergleich: Im Nahen Osten, wo nur geringfügig mehr Kinder eine Grundschule besuchen als in Subsahara-Afrika, sind es dagegen 67,5 Prozent. Dabei zahlt sich gerade der Besuch einer Sekundarschule nicht nur finanziell aus. Denn je mehr Bürger in einem Land über eine abgeschlossene Sekundarbildung verfügen, desto niedriger sind dort die Geburtenrate und die Kindersterblichkeit (Datengrundlage: UNESCO Institute for Statistics).

Die Schülerzahl in weiterführenden Schulen ist südlich der Sahara seit 1970 um das Neunfache gewachsen, von 4,3 Millionen auf 39 Millionen, während die Bevölkerung im Sekundarschulalter im gleichen Zeitraum lediglich um das Dreifache zugenommen hat. Dennoch waren im Jahr 2009 in Mosambik gerade einmal 9,5 Prozent der Kinder im Sekundarschulalter in einer entsprechenden Schule. In einer ähnlichen Situation befinden sich nach Angaben der Unesco derzeit die Zentralafrikanische Republik, der Tschad, Burkina Faso, Niger, Uganda und Tansania. In Tansania schaffen nur 36 Prozent der Grundschüler den Sprung auf die weiterführende Schule, auf den Seychellen sind es hingegen 98 Prozent. Auch schließen nur wenige Schüler die Sekundarstufe erfolgreich ab: In 16 von 17 erfassten Ländern südlich der Sahara absolvieren nur knapp 70 Prozent der Schüler die Sekundarstufe, in zwölf dieser Staaten sind es sogar unter 40 Prozent.

Sekundarbildung wirkt sich neben einer besseren Vermittelbarkeit auf dem Arbeitsmarkt besonders auf die Geburtenrate aus. Während der Bildungsstand von Männern nur wenig Einfluss auf diese hat, zeigt eine gute Schulbildung bei Frauen enorme Wirkung: Während Frauen mit Grundschulbildung in Angola durchschnittlich sechs Kinder bekommen, sind es bei Frauen mit Sekundarbildung nur noch zwei bis drei. Darüber hinaus wirkt sich eine höhere Bildung von Frauen auch auf die Gesundheit ihrer Kinder aus. Die Chance eines Kindes, das fünfte Lebensjahr zu überstehen, ist doppelt so hoch, wenn die Mutter zumindest eine Grundschulbildung besitzt.

Die steigenden Einschulungsraten südlich der Sahara zeigen, dass diese Staaten durchaus Fortschritte in ihrer Entwicklung gemacht haben. Auch wenn einige Hindernisse - wie Lehrer- und Materialmangel - weiterhin bestehen, haben in der Vergangenheit vor allem die südostasiatischen Tigerstaaten gezeigt, dass ein Ausweg aus Massenarbeitslosigkeit, wirtschaftlicher Stagnation und schlechter Bevölkerungsentwicklung möglich ist. Vorausgesetzt, es wird in die notwendigen Bildung investiert.

Literatur/Links

Sippel, Lilli/Kiziak, Tanja/Woellert, Franziska/Klingholz, Reiner (2011): Afrikas Demografische Herausforderung - Wie eine junge Bevölkerung Entwicklung ermöglichen kann. Berlin. www.berlin-institut.org
UNDP (2011): Volunteer teachers combat illiteracy in Burkina Faso. (abgerufen am 10.11.2011).
Provost, Claire (2011): Global teacher shortage threatens progress on education. In: The Guardian. London.
Provost, Claire (2011): Developing countries face growing secondary education challenge. In: The Guardian. London.
UNESCO Institute for Statistics (2011): Global Education Digest 2011. (abgerufen am 10.11.2011)
UNESCO Institute for Statistics (2011): Education for All Global Monitoring Report 2011. (abgerufen am 09.11.2011).
UNESCO-Regional Bureau for Education in Africa (2010): Documenting success stories in capacity development in Education for All. (abgerufen am 09.11.2011).
The World Bank (2010): Financing Higher Education in Africa. (abgerufen am 09.11.2011).

 

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Pressegespräch zur Veröffentlichung unseres neuen Discussion Papers
Das Berlin-Institut stellt am 19. Januar 2012 um 11 Uhr das Discussion Paper "Dem Nachwuchs eine Sprache geben. Was frühkindliche Sprachförderung leisten kann" vor und lädt JournalistInnen zu einem Pressegespräch ein. Mehr Informationen sowie die Möglichkeit zur Anmeldung finden Sie auf der Website des Berlin-Instituts unter www.berlin-institut.org/anmeldeformular.html

 

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Das Berlin-Institut lud am 29. November 2011 - seinem elften Geburtstag - zum Tag der offenen Tür ein. In diesem Rahmen fand die Preisverleihung für das "Online-Handbuch Demografie" als "Ausgewählter Ort 2011 im Land der Ideen" statt.
Das Online-Handbuch informiert über Grundbegriffe der Bevölkerungsgeografie, die historische und aktuelle Entwicklung der weltweiten Bevölkerung und die Ursachen und Konsequenzen demografischer Entwicklungen. Renommierte Experten auf den jeweiligen Fachgebieten verfassen die Artikel, zudem wird das Werk laufend aktualisiert und erweitert. Ute Bothur von der Deutschen Bank in Berlin betonte anlässlich der Übergabe der Auszeichnung: "Die wissenschaftlich fundierten Fachartikel im 'Online-Handbuch Demografie' des Berlin-Instituts verschaffen Interessierten einen schnellen und hochqualitativen Überblick zu demografischen Themen."

Ausgabe 130, 02. Januar 2012

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