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Ausgabe 115, 04. April 2011

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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"Demenz ist lokal"
Interview mit Hans-Josef Vogel, Bürgermeister der Stadt Arnsberg in Nordrhein-Westfalen

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Frauen leben länger - und erkranken deshalb häufiger an Demenz als Männer
Im hohen Alter nehmen beim Auftreten von Demenz die Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu

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Witz und Weisheit des alten Königs
Arno Geigers Buch über seinen alzheimerkranken Vater öffnet den Blick dafür, dass Demenz nichts anderes ist als "der Stoff, aus dem das Leben gemacht ist"

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Für JournalistInnen
Pressekonferenz und Präsentation einer Studie zur demografischen Lage in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion

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"Demenz ist lokal"
Interview mit Hans-Josef Vogel, Bürgermeister der Stadt Arnsberg in Nordrhein-Westfalen

Hans-Josef Vogel ist seit 1999 Bürgermeister der nordrhein-westfälischen Stadt Arnsberg. Nach dem zweiten juristischen Staatsexamen arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Institut für Wirtschaft und Gesellschaft Bonn und als Referent für Schule, Kultur und Sport der Stadt Münster, später als Stadtdirektor der Stadt Arnsberg. In seiner Stadt engagiert sich Hans-Josef Vogel unter anderem für alternative Konzepte und Projekte zur Betreuung und Begleitung von Demenzkranken und ihren Familien.

Der "Demenz-Report" des Berlin-Instituts zeigt: Immer mehr Menschen erreichen ein höheres Alter, die Zahl der Demenzkranken wird steigen. Verändert das die Art des Betreuungsbedarfs?

Ja. Wir brauchen alternative Dienste, die professionelles und bürgerschaftliches Engagement koppeln, die Prävention und Teilhabe stärken, die Familien entlasten. Mit Konzepten, wie sie hinter den Begriffen "Pflegefall" und "Pflegestufen" stehen, kommen wir hier nicht weiter. Wir brauchen vor allem berufliches und bürgerschaftliches Engagement, um Beziehungsleistungen entwickeln und erbringen zu können. Die Pflege wird also zukünftig ganz anders aussehen als die, die wir gegenwärtig organisieren. Sie wird bunter, da auch das Altern sich unterschiedlich vollzieht. Wer Städte des langen und guten Lebens organisieren will, der sorgt dafür, dass die Gemeinschaften in den Dörfern, den Stadtteilen, den Wohnquartieren das Leben mit Demenz begleiten. Unsere Gesellschaft als Ganzes muss sich vor Ort und in ihren Institutionen auf die veränderten Notwendigkeiten einstellen. Denn Demenz ist lokal.

Wo sehen Sie momentan die größten Probleme bei der Betreuung von Demenzkranken?

Zuerst einmal liegt auf dieser Krankheit immer noch ein Tabu: Wir buchen die Menschen unter "verwirrt" ab. Damit verzichten wir schon darauf, von Anfang an richtig mit der Krankheit der Ältesten umzugehen. In vielen Familien werden vor allem in der ersten Phase der Demenz Ressourcen vergeudet, weil die Angehörigen gar nicht wissen, dass es sich um Demenz handelt. Hier sind Beratung und Unterstützung von besonderer Bedeutung. Wir müssen über die Krankheit informieren, Netzwerke zwischen Familien, Ärzten und Beratungsstellen aufbauen. Wir müssen Menschen finden, die bereit sind, sich ehrenamtlich zu engagieren und die Familien zu unterstützen, die Hilfe bei Demenz zu ihrer Sache machen, auch weil sie Brücken schlagen können zur Welt der Betroffenen.

Wer kommt dafür in Frage?

Potenzial an ehrenamtlicher Betreuung für Demenz gibt es etwa bei Kindern. Kinder haben einen unbefangenen Zugang zu Demenz, weil sie im Unterschied zu uns Erwachsenen noch keine Vorurteile über Demenz und keine negativen Altersbilder im Kopf haben. Deshalb können Schulen durch Projektarbeit vielfältige und flexible Programme mit Demenzkranken organisieren: etwa gemeinsam Einkaufen gehen, Musik machen oder Theater spielen. Junge Menschen lernen Demenz kennen, denken über das Altwerden und das Alter nach und sprechen auch zuhause darüber. Indirekt erhalten die Familien mit einem betroffenen Angehörigen dadurch hin und wieder auch Entlastung. Das trägt dazu bei, dass das Thema enttabuisiert wird.

Kinder allein werden die Aufgabe ehrenamtlicher Betreuung aber kaum schultern können.

Nein, natürlich nicht. Das müssen sie auch gar nicht. Sie gewinnen neue Bilder vom Alter, stärken ihre Sozialkompetenz. Es gibt viele Menschen, die bereit sind, sich in diesem Bereich freiwillig zu engagieren. Nur wird aus dieser Bereitschaft nicht von selbst Hilfe, die bei Demenzkranken und ihren Familien automatisch ankommt. Deshalb müssen wir als Kommune Vermittlungsleistungen erbringen.

Wie sollen die aussehen?

Wir müssen qualifizieren, vernetzen und Entlastungsangebote bekannt machen. Wir müssen Freiwilligenengagement überhaupt nachfragen, Familien, die mit dementen Angehörigen leben, entsprechend respektvoll ansprechen, sich zu öffnen. So schaffen wir es, dass potenzielle Akteure und die Gesellschaft insgesamt teilhaben an Problemen und an den Lösungen, die wir für eine Stadt des langen und guten Lebens brauchen.

Welche konkreten Erfahrungen haben Sie mit den Ehrenamtlichen in Arnsberg gemacht?

In unserer Stadt gehen zum Beispiel ältere Engagierte mit Menschen mit Demenz regelmäßig spazieren. Es gibt Ältere, die Musik machen und Musiknachmittage organisieren. Handwerker und Architekten beraten und helfen, eine Wohnung umzubauen. Es gibt engagierte Bürgerinnen und Bürger, die bereit sind, Familien von Demenzkranken verlässlich bei der Begleitung zu unterstützen. Es gibt Entlastung und Aktivierungsangebote für die Stadtteiltreffs, Beratungsstellen und Alterseinrichtungen. Engagierte besuchen Seniorenwohnheime mit Instrumenten oder auch ihren Therapie-Hunden oder Kaninchen, Kindertagesstätten besuchen regelmäßig Menschen mit Demenz in der Nachbarschaft. Jeder kann sich einbringen, je nach den persönlichen Fähigkeiten. Auf unserer Internetseite werden einige dieser Projekte vorgestellt.

Welchen Rahmen müsste der Staat bieten, um die Betreuung von Demenzkranken zu verbessern?

Staatliche Lösungen sind immer begrenzt. Der Staat kann nur standardisierte Angebote organisieren. Demenz ist jedoch nicht einheitlich, sondern vielfältig und speist sich auch aus den Lebenserfahrungen und den Erinnerungen der Demenzkranken und der Familie. Entsprechend unterschiedlich ist die notwendige Unterstützung beim Leben mit Demenz. Deshalb brauchen wir vor Ort Freiräume, "Experimentierklauseln", um neue Wege gehen zu können bei Prävention, Teilhabe, neuen Wohnformen, kombinierten Hilfen, Entlastung und Notfalldiensten. Diese vielfältigen, vielleicht noch gar nicht entstehenden Dienste auch der Zivilgesellschaft müssen unterstützt und gefördert werden. Es sind die Kommunen, die diese Vielfalt, dieses Engagement und seine Vernetzung am besten organisieren können. Der Staat muss den Kommunen dazu Freiheit und Geld geben.

Haben Sie ein Beispiel für ein örtliches Betreuungsprojekt, das an staatlicher Standardisierung gescheitert ist?

Wir hatten einen Investor, der mit den Beteiligten ein ganz neues "Wohnprojekt" realisieren wollte und ein "Memory-Haus" gebaut hat. In einem Teil des Gebäudes sollte der Demenzkranke mit seinem Partner beziehungsweise seiner Partnerin leben, im anderen Teil sollte professionelle Hilfe gekoppelt mit bürgerschaftlichem Engagement bei Bedarf zur Verfügung stehen. Tatsächlich ein Wohnprojekt, das die wichtigsten Potentiale symbolisiert hätte: die familiäre Leistung, die professionellen Dienste und das bürgerschaftliche Engagement. Die Kosten dieses "Memory-Hauses" sind wesentlich geringer als der Betrieb klassischer Pflegeheime. Das war nicht förderungswürdig. Es entsprach nicht den vorgegebenen Normen und Standards. Der zentrale Sozialstaat kennt eben noch nicht alle Formen, die gesellschaftlich entstehen. Aber er muss diese Entstehung ermöglichen und unterstützen.

Was können die Kommunen für einen Beitrag leisten?

Kommunen - und damit meine ich die politische Kommune und die Bürgerkommune - sind in der Lage, Stadtgespräche zu initiieren, Tabus zu brechen, Potenziale zu entdecken und zur Entfaltung zu bringen, Unterstützung zu gewähren und Netzwerke zu organisieren. Wir machen das in den Bereichen von Sport und Kultur, bei Selbst- und Mithilfegruppen, im Jugendbereich und verstärkt auch für unsere Kindergärten und Schulen. Nur vor Ort, dort, wo die Menschen zuhause sind, wo sie in Beziehungen leben, können sie alternative Lösungen erproben und entwickeln. Das heißt: Die politische Kommune kann Unterstützungssysteme organisieren, für eine neue Beratung, für bürgerschaftliches Engagement, für Netzwerke, für neue Ideen.

Welche Strukturen sind in den Kommunen vonnöten, um die Freiwilligen zu vermitteln?

Wir brauchen Mitarbeiter, die Potenziale erkennen und ihre Entwicklung begleiten. Wir brauchen entsprechende Räume und Arbeit an und in Netzwerken. Das heißt, wir brauchen eine Infrastruktur, die die neuen Beziehungen in den Städten des langen und guten Lebens organisiert, die ehrenamtlichen Kräfte anspricht und einbindet. Diese Infrastruktur muss nachhaltig in die Stadtgesellschaft wirken, Handwerker, Handel, Schulen, Busfahrer, Taxifahrer, Vereine, Kirchengemeinden, Nachbarschaften, Kindergärten, Jugendzentren und Kultureinrichtungen erfassen.

Ist Engagement eine Frage der Mentalität, die möglicherweise in manchen Gegenden ausgeprägter ist als in anderen?

Natürlich hängt bürgerschaftliches Engagement ab von der inneren Einstellung. Wir erkennen immer mehr, dass Menschen ihre eigenen Ziele realisieren und sich dabei entfalten wollen. Wir können die Leute nicht dazu zwingen, solche Leistungen zu erbringen, sondern wir müssen diejenigen unterstützen, denen es Freude macht, diese Aufgaben zu übernehmen. Arno Geiger beschreibt in seinem neuen Buch "Der alte König in seinem Exil", wie inspirierend es ist, sich mit demenzkranken Personen zu beschäftigen. Man erhält viel zurück. Es handelt sich um mehr als Pflege, es handelt sich um Beziehungspflege. Etwas ganz anderes, als dass man es in drei oder fünf Stufen bewerten und finanzieren könnte. Bürgerschaftliches Engagement zur Entfaltung zu bringen heißt immer, dass Menschen eine Sache zu ihrer eigenen Sache machen und damit ihre eigenen Ziele verfolgen. Denn es sind die eigenen Ziele, die Sinn stiften.

Die Beziehungsleistungen müssen in gewissem Umfang auch bezahlt werden - wie lässt sich das finanzieren?

Wir müssen vorsorgen für unser Alter, uns überlegen, was wir mit unserem Einkommen heute machen und ob wir nicht bereit sind, mehr davon für solche Beziehungsleistungen zur Verfügung zu stellen, weil wir als heute Aktive in Wirtschaft und Gesellschaft nicht im Alter genormt und standardisiert werden wollen. Weil wir doch erkennen, dass es neben materiellem Wohlstand auch sozialen Wohlstand gibt. Wir entscheiden heute mit, wie wir morgen leben werden.

Kann eine solche Neuorganisation der Betreuungsleistungen in großen Städten wie Berlin genauso gut funktionieren wie in überschaubaren Kommunen wie Arnsberg?

Arnsberg ist eine Stadt mit 75.000 Einwohnern - dezentral in Stadtteile und Dörfer gegliedert, in denen man sich kennt. Aber das ist auch in großen Städten möglich, wenn man in die Wohnquartiere, in die Stadtteile geht. Pflegeheime, die wir früher außerhalb von Wohnquartieren gebaut haben, sind Antworten aus einer alten Zeit, in der wir Demenz noch gar nicht auf der Tagesordnung hatten. Wir brauchen jetzt ambulante Betreuung in den Wohnquartieren. Deswegen auch mein Appell für eine Reform der Pflegeversicherung: Wir brauchen in den Kommunen Freiräume, um neue Konzepte zu entwickeln. Wir brauchen für die Kommunen Experimentierklauseln für finanzielle Förderung für neu entstehende Dienste, für neu entstehende Formen der Zusammenarbeit von professionellem und bürgerschaftlichem Engagement. Wir brauchen Möglichkeiten, um Prävention neu zu erproben, um neue Wohnformen für Demenzkranke und ihre Familien zu entwickeln.

Trauen Sie der Pflegeversicherung diese Flexibilität zu?

Sie muss sie aufbringen, wenn sie den großen Veränderungen, die mit dem Alter und dem Altern verbunden sind, angemessen begegnen will.

Welche gesellschaftlichen Veränderungen brauchen wir darüber hinaus, um dem Problem zu begegnen?

Wir brauchen Agenturen, die soziale Innovationen im Bereich des demografischen Wandels erfinden, ausprobieren und fördern - und wir müssen auch das Scheitern von Projekten und Programmen mit einbeziehen. Ohne die Stiftungen, die uns Mittel zur Verfügung stellen und sagen: "Probiert das aus", hätten wir im Bereich der Sozialpolitik kaum Innovationen. Deshalb noch einmal die Forderung, Spielräume zu schaffen, um die Vielfalt von Antwortmöglichkeiten zu erhöhen. Und zu dieser Vielfalt der Antwortmöglichkeiten gehört zum Beispiel auch eine reaktivierende Pflege, die es den Menschen erlaubt, aus einem Heim auch wieder zurück nach Hause oder in alternative neue Wohnformen zu kommen. Genauso wie eine interkulturelle Demenzberatung und -begleitung, denn auch die Migranten altern, und das stellt eine weitere Herausforderung für Städte des langen und guten Lebens dar.

Das Interview führten Margret Karsch und Sabine Sütterlin. Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch und Sabine Sütterlin / Berlin-Institut) erlaubt.

 

   
     
 

Frauen leben länger - und erkranken deshalb häufiger an Demenz als Männer
Im hohen Alter nehmen beim Auftreten von Demenz die Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu

Mehr als zwei Drittel aller Menschen mit Demenz sind weiblich. Warum? Frauen sind nicht anfälliger für demenzielle Erkrankungen. Demenz ist vielmehr eine Begleiterscheinung der stetig steigenden Lebenserwartung: Ab dem Alter von 65 Jahren steigt das Erkrankungsrisiko und verdoppelt sich etwa alle fünf Jahre. Etwa jede dritte Person über 90 hat Alzheimer oder eine andere Form von Demenz. Dabei sind Frauen etwa bis 75 seltener, danach jedoch deutlich häufiger betroffen als Männer. Und das liegt vor allem daran, dass sie nach wie vor länger leben. Heute geborene Mädchen können mit durchschnittlich 82,5 Jahren rechnen, Jungen indessen nur mit 77,3 Jahren. Somit erreichen mehr Frauen als Männer überhaupt die Altersgruppen mit höherer Erkrankungswahrscheinlichkeit.

Hinzu kommen weitere Faktoren, die bewirken, dass die Demenzhäufigkeit besonders bei Hochbetagten deutliche Geschlechterunterschiede aufweist: Frauen mit Demenz überleben die Erkrankung anscheinend länger als Männer. Zudem verteilen sich die beiden am weitesten verbreiteten Formen von Demenz sehr unterschiedlich auf die Geschlechter: Innerhalb der Altersgruppe ab 65 Jahren haben fast doppelt so viele Frauen wie Männer Alzheimer, während die so genannten vaskulären (gefäßbedingten) Demenzen, die auf Durchblutungsstörungen des Gehirns oder mehrfache kleine Hirnschläge zurückgehen, bei beiden Geschlechtern etwa gleich häufig auftreten. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren.

Zahlen zur Verbreitung von Demenz in der Bevölkerung oder zum spezifischen Risiko einer bestimmten Altersgruppe sind mit Vorsicht zu betrachten. Sie beruhen meist auf kleinräumig erhobenen Daten, die auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet wurden. Besser sind so genannte Meta-Analysen, also Auswertungen aller vorliegenden regionalen Feldstudien. Eine solche Analyse auf gesamteuropäischer Basis liegt auch den Prognosen des vom Berlin-Institut verfassten "Demenz-Reports" für die Zunahme demenzieller Erkrankungen in den einzelnen Regionen zugrunde.

Allerdings dürften dabei besonders die Zahlen für Hochaltrige eher unterschätzt worden sein. Das liegt daran, dass es bislang vergleichsweise wenige 90-Jährige und Ältere gab, um eine statistisch verwertbare Aussage zu ermöglichen. Die bisher genauesten Daten zur Häufigkeit von Demenzerkrankungen in Deutschland haben zwei Wissenschaftlerinnen des Rostocker Zentrums für die Erforschung des Demografischen Wandels vorgelegt: Sie werteten die Daten der gesetzlichen Krankenversicherungen des Jahres 2002 aus. Die Stichprobe von 2,3 Millionen Fällen kann als repräsentativ für die Gesamtbevölkerung gelten. Sie enthält Diagnosen und Verschreibungen nach Alter, Geschlecht und Region aufgeschlüsselt.

Die Ergebnisse der Rostocker Studie bestätigen im Großen und Ganzen die bisherigen, auf der Auswertung von Feldstudien beruhenden Werte. Für die Hochaltrigen liefern sie jedoch ein etwas differenzierteres Bild. Demnach steigt die Häufigkeit demenzieller Erkrankungen von 0,6 Prozent für Frauen zwischen 60 und 64 Jahren auf 43 Prozent für über Hundertjährige, für Männer ergibt sich ein Anstieg von 0,8 auf 30 Prozent. Obwohl nur die Daten eines Jahres vorlagen, berechneten die Forscherinnen mithilfe eines mathematischen Tricks auch, wie viele Menschen jährlich neu an Demenz erkranken: Bei 60- bis 64-jährigen Männern treten pro hundert gelebte Personenjahre 0,18 Neuerkrankungen auf, bei Frauen dieses Alters sind es 0,14. Ab einem Alter von 95 Jahren betragen die entsprechenden Werte jedoch 9,9 für Männer, 10,9 für Frauen.


Ab Mitte Siebzig nimmt die Demenzhäufigkeit bei Frauen stärker zu

Je fortgeschrittener das Alter, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken. Frauen sind dabei häufiger betroffen als Männer, vor allem deshalb, weil sie eine höhere Lebenserwartung haben. Rund ein Drittel der Menschen ab 90 Jahren hat eine demenzielle Erkrankung.


Ab 80 steigt das Erkrankungsrisiko steil an

Die Zahlen für die Häufigkeit von Demenz in den verschiedenen Altersgruppen in der EU-Datenbank "Eurodem" (European Community Concerted Action on the Epidemiology and Prevention of Dementia) sind durch eine Auswertung von Studien aus verschiedenen europäischen Ländern zustande gekommen. Deshalb weichen sie leicht von jenen ab, die auf der Basis deutscher Krankenversicherungsdaten berechnet wurden. Die Tendenz stimmt überein.

In Zukunft mehr Demenzkranke im hohen Alter - und geringere Unterschiede zwischen den Geschlechtern

Nach den Berechnungen aus Krankenversicherungsdaten aus dem Jahre 2002 dürfte es künftig in höheren Altersgruppen mehr Menschen mit Demenz geben als bisher erwartet. Möglicherweise wird sich dann der Geschlechtsunterschied verkleinern, weil die Lebenserwartung von Männern inzwischen stärker steigt als jene der Frauen und weil die Jahrgänge, die ein Alter von 75 Jahren erreichen, nicht mehr von den Weltkriegen ausgedünnt sind, wie die Wissenschaftlerinnen vom Rostocker Zentrum zur Erforschung des demografischen Wandels schreiben.

Literatur / Links

Sütterlin, Sabine / Hoßmann, Iris /Klingholz, Reiner (2011): Demenz-Report. Wie sich die Regionen auf die Alterung der Gesellschaft vorbereiten können. Hgg. vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. www.berlin-institut.org.

Gesundheitsberichterstattung des Bundes (2006): Gesundheit in Deutschland, Kapitel 1.2.4 Demenz. www.gbe-bund.de.

Ziegler, Uta / Doblhammer, Gabriele (2009): Prävalenz und Inzidenz von Demenz in Deutschland - Eine Studie auf Basis von Daten der gesetzlichen Krankenversicherungen von 2002. Das Gesundheitswesen 71:281-290.

 

   
     
 

Witz und Weisheit des alten Königs
Arno Geigers Buch über seinen alzheimerkranken Vater öffnet den Blick dafür, dass Demenz nichts anderes ist als "der Stoff, aus dem das Leben gemacht ist"

Demenz bedeutet Verlust. Und Demenz bedeutet Last, sowohl für Betreuende als auch für die betroffene Person selbst. Auch diese Aspekte kommen zur Sprache in dem Buch, das der 1968 geborene österreichische Schriftsteller Arno Geiger über seinen Vater und dessen Alzheimer-Erkrankung geschrieben hat: Das unnötige Aufreiben, bis die Familie endlich erkennt, dass August Geiger sich nicht einfach "hängen lässt", sondern dass ihm alles bisher Vertraute fremd geworden ist. Die Erschöpfung der Angehörigen, wenn Ängste und Unruhe den greisen Mann plagen oder wenn er nachts im Pyjama durchs Dorf irrt. Die Hilflosigkeit, wenn er sich den slowakischen Betreuerinnen verweigert, die zur Entlastung der Familie engagiert werden, bis schließlich nur der Umzug in das örtliche Pflegeheim bleibt.

Doch Arno Geiger sieht nicht nur, was verloren geht. Vielmehr richtet er sein Augenmerk auf die noch vorhandenen und vor allem auf neu gewonnene Fähigkeiten des Vaters. Dadurch erlebt er die Krankheit, trotz aller Belastungen, letztlich als bereichernd. Geiger gelingt es, das ohne jegliches Pathos zu beschreiben, aus einer heiter-gelassenen Haltung heraus und in schnörkellosen, lakonischen Sätzen. Manche Rezensenten sind dem Autor "dankbar", dass er seine Erfahrungen und Einsichten mit ihnen geteilt hat. Normale Leser offenbar auch: "Der alte König in seinem Exil" steht seit seinem Erscheinen Anfang Februar weit oben auf den Bestsellerlisten.

Dabei liefert das Buch keine Rezepte. Kann es auch nicht, weil jeder Mensch mit Demenz anders ist. Aber es öffnet den Blick dafür, wie sich im Umgang mit dementen Menschen Gelassenheit einstellen kann. Und die ist nötig, damit Demenz "in der Mitte der Gesellschaft ankommt", wie im "Demenz-Report" des Berlin-Instituts gefordert.

Irgendwann erkennt Geiger, dass er mit seinem Vater nur kommunizieren kann, wenn er sich in dessen Welt begibt. Denn der umgekehrte Weg ist verbaut. Dabei hat die schwindende Erinnerung Vorteile: Die Konflikte aus der Zeit, da der pubertierende Jüngling sich an der Zurückgezogenheit des Vaters und an der missglückten Ehe der Eltern rieb, sind vergessen. Der Sohn kann sich dem Vater fast so unbefangen nähern wie dessen Enkelin, die ihren Großvater nur mit Alzheimer kennt.

Geiger findet Gefallen an kreativen Wortspielen und alten Redensarten, an magischen Sätzen und originellen Einfällen, die dem Vater in entspannten Stunden "locker aus dem Mund fallen". Beinahe wird der Schriftsteller neidisch: "Warum fällt mir so etwas nicht ein?" Die kurzen Dialoge, die zwischen den einzelnen Kapiteln eingestreut sind, vermitteln einen guten Eindruck davon, dass ein Gespräch mit einem dementen Menschen dem, der sich dafür öffnet, neue Horizonte erschließen kann. Witz und tiefe Weisheit liegen dabei nahe beieinander. Auf die Frage, wie es ihm gehe, antwortet der Vater einmal: "Also, ich muss sagen, es geht mir gut. Allerdings unter Anführungszeichen, denn ich bin nicht imstande, es zu beurteilen."

So oft er kann, reist Geiger von Wien in seine Heimat, das vorarlbergische Dorf Wolfurt, um sich um den Vater zu kümmern. Das heißt vor allem: sich Zeit zu nehmen. Je weiter die Krankheit voranschreitet und je weniger der Vater sich über seine Ausfälle den Kopf zerbricht, desto mehr gewinnen dessen grundsätzlich heitere Wesensart und Kontaktfreudigkeit die Oberhand. Während Arno Geiger sich mit dem Leben seines Vaters beschäftigt, geht ihm dessen ironische Wendung auf: August Geiger war von seinen Erlebnissen in russischer Kriegsgefangenschaft so verstört, dass er zeitlebens nicht einmal für Ferien mehr aus Wolfurt weg wollte - und jetzt erkennt er seinen Heimatort nicht wieder. Wenn die Angehörigen dem alten Mann sagen, dies sei sein Zuhause, argwöhnt er, das könne schon sein, aber vielleicht habe das auch nur jemand täuschend ähnlich nachgebaut.

Solche Gedankengänge sind auch Menschen ohne Demenz nicht fremd. Film und Literatur haben sich mit der Vision, fremdgesteuert in einer Kulissenwelt zu leben, beschäftigt. Vielleicht ist Demenz wirklich, wie Arno Geiger schreibt, die Krankheit des Jahrhunderts, eine Metapher für die zunehmende Schwierigkeit, sich in einer immer weiter technisierten und fragmentierten Welt zurechtzufinden: "Auch für einen einigermaßen Gesunden ist die Ordnung im Kopf nur eine Fiktion des Verstandes."

Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil. Carl Hanser Verlag, München 2011. 190 Seiten, 17,90 Euro (D) / 26,90 sFR (CH) / 18,40 Euro (A).

 

   
     
 

Für JournalistInnen
Pressekonferenz und Präsentation einer Studie zur demografischen Lage in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion

Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung stellt am 12. April 2011 eine Studie zur demografischen Lage in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion vor. Mehr Informationen sowie die Möglichkeit zur Anmeldung finden Sie auf der Website des Berlin-Instituts unter www.berlin-institut.org.

 

   
 

 

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