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Ausgabe 111, 09. Februar 2011

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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Zehn Jahre Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung
Die gemeinnützige Stiftung feiert ihr Jubiläum

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Erster Schritt: Problembewusstsein schaffen. Zweiter Schritt: politischen Mut befördern
Beitrag zur Festschrift von Dr. Christoph Bertram, Vorsitzender des Stiftungsrats der Stiftung Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

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Hier werden die Trends gemacht
Beitrag zur Festschrift von Dr. Reiner Klingholz, Direktor und Vorstand des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung

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Zehn Jahre Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung
Die gemeinnützige Stiftung feiert ihr Jubiläum

Über hundert Gäste kamen gestern in die Bosch Repräsentanz Berlin, um das zehnjährige Bestehen des Berlin-Instituts zu feiern.

Das Grußwort sprach Dr. Günter Gerstberger von der Robert Bosch Stiftung, die nicht nur gemeinsam mit der Joachim Herz Stiftung das Fest finanziell ermöglichte, sondern auch großzügig ihre Räume zur Verfügung gestellt hatte. Günter Gerstberger lobte die langjährige erfolgreiche Zusammenarbeit von der Robert Bosch Stiftung und dem Berlin-Institut seit der Gründung am 29. November 2000. Er zitierte aus einer Bewilligung von Projektgeldern aus dem Jahr 2005: "Das Berlin-Institut trägt erfolgreich zur Schärfung des öffentlichen Bewusstseins für den demografischen Wandel in Deutschland und Europa bei. Zahlreiche Studien, etwa "Deutschland 2020", haben sich als Katalysator der Demografiedebatte in Deutschland erwiesen. Schnell, flexibel, unkonventionell und effizient werden wirksame Anstöße im Umgang mit dem demografischen Wandel gegeben. Das Berlin-Institut hat das Potenzial, sich in den kommenden Jahren als wichtigster nicht-staatlicher und gemeinnütziger Akteur in dem wachsenden Tätigkeitsfeld Demografie zu etablieren. Bei dieser Informations- und Aufklärungsarbeit, gezielt durch Arbeiten zum notwendigen Bewusstseinswandel beizutragen, soll das Berlin-Institut unterstützt werden."

Anschließend begrüßte Dr. Christoph Bertram, der Vorsitzende des Stiftungsrats, die Gäste und den Festredner, Prof. Dr. Klaus Töpfer, unter anderem ehemaliger Bundesminister und Exekutiv-Direktor des UN-Umweltprogramms. Klaus Töpfer wies auf seine Zusammenarbeit mit dem Berlin-Institut hin und trug "Sechs Thesen zur neuen Bipolarität der Welt" vor - das Abstract ist in der Festschrift nachzulesen.

Nach den Reden holte Christoph Bertram nacheinander den Stiftungsgründer Prof. Dr. Hans Fleisch sowie die wissenschaftlichen Mitarbeiter Dr. Steffen Kröhnert und Dr. Margret Karsch zu sich auf das Podium, die den Forschungsansatz des Berlin-Instituts erläuterten und von ihrer Arbeit berichteten. Prof. Dr. Wolfgang Lutz, Leader of the World Population Program of the International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) und Mitglied des Stiftungsrats, erklärte mit Hinweis auf die deutsche Geschichte, warum hierzulande die Demografie als Wissenschaft sich im internationalen Vergleich immer noch nicht recht etabliert hat. Ein unabhängiger Thinktank wie das Berlin-Institut sei auch deshalb besonders wichtig, um die öffentliche politische Debatte anzustoßen und zu begleiten.

Zuletzt rief Christoph Bertram noch Dr. Reiner Klingholz, den Direktor und Vorstand des Instituts zu sich, der die in den nächsten Wochen erscheinenden neuen Studien zu Demenz und zu der demografischen Entwicklung in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion ankündigte sowie einen Ausblick auf die Zukunft des Berlin-Instituts gab.

 

   
     
 

Erster Schritt: Problembewusstsein schaffen. Zweiter Schritt: politischen Mut befördern
Beitrag zur Festschrift von Dr. Christoph Bertram, Vorsitzender des Stiftungsrats der Stiftung Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

Dr. Christoph Bertram war Direktor des Internationalen Instituts für Strategische Studien (IISS) in London, leitete sechzehn Jahre lang das Ressort Politik des Wochenblattes "Die Zeit" und war von 1997 bis 2005 Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin.


Kaum ein Faktor ist für die gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Zukunft eines Landes von so zentraler Bedeutung wie seine demografische Entwicklung. Kaum ein Umstand schlägt so unmittelbar durch auf den Sozialstaat, das Bildungssystem, das Verhältnis der Generationen oder die Chancen der Integration wie die dramatischen Veränderungen in der demografischen Situation. Und keine andere Herausforderung an Staat und Gesellschaft ist jahrzehntelang im Voraus zu erkennen und präzise zu berechnen.

Dennoch haben Politik und Wirtschaft in Deutschland die übergroßen Zeichen an der Wand lange nicht wahrhaben wollen. Aber wie Winston Churchill warnte: Ein Problem, das aufgeschoben wird, ist immer nur halb gelöst. Jetzt häufen sich die Rechnungen für die Vertagung auf dem Tisch: beim Nachwuchs für die Wirtschaft und Verwaltung, bei der Ausbildung in Schule und Universität, bei der Fürsorge für Alte und Schwache, bei der Anwerbung und Integration von Ausländern.

Den kleinen Chor der Warner hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung in seiner ersten Dekade wirksam verstärkt. Ohne jegliche staatliche Unterstützung, mit einem im Vergleich zu ähnlich orientierten amtlichen und universitären Einrichtungen winzigen Mitarbeiterstab und für sein Überleben allein auf seine Überzeugungskraft bei Medien und Stiftern angewiesen, kann es sich zu Gute halten, das Problembewusstsein in Deutschland für die demografische Frage maßgeblich befördert zu haben.

Die Methode des Berlin-Instituts erklärt den Erfolg: Nie gibt es sich mit der Präsentation bloßer Bevölkerungszahlen zufrieden. Stattdessen übersetzt es diese in ihre konkreten regionalen Auswirkungen und zeigt immer Lösungsansätze auf. Die Ergebnisse stellt das Institut in einer so anschaulichen und lebendigen Form der Öffentlichkeit vor, dass die demografischen Herausforderungen der Nation aus den Studierzimmern der Experten heute in die Amtszimmer der Verantwortlichen gelangt sind.

Diese erste Phase kommt nun zum Abschluss: Politik, Wirtschaft und Gesellschaft wissen inzwischen, dass Aufschieben keine Lösung ist. Aber mit hektischer Geschäftigkeit ist nun nichts gewonnen, der notwendige Umbau muss auch langfristig Bestand haben. Dafür mit solider Forschungsarbeit öffentliches Bewusstsein und politischen Mut zu befördern, wird die Aufgabe des Berlin-Instituts in der kommenden Dekade sein.

 

   
     
 

Hier werden die Trends gemacht
Beitrag zur Festschrift von Dr. Reiner Klingholz, Direktor und Vorstand des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung

Dr. Reiner Klingholz ist Chemiker und Molekularbiologe. Er arbeitete unter anderem als Wissenschaftsredakteur für "Die Zeit" und "Geo".


Steuern Deutschland und Europa in die demografische Sackgasse? Oder ist der Alte Kontinent mit seinem Nachwuchsmangel nur das Testlabor für den Abschied vom Wachstum, für den Einstieg in eine nachhaltige Lebensweise?

Der Statistik nach jedenfalls ist Europa der Kontinent mit der geringsten Fertilität und mit der ältesten Bevölkerung der Welt. Durchschnittlich 1,5 Kinder je Frau reichen bei weitem nicht aus, um die europäische Einwohnerschaft stabil zu halten. Im Vergleich zum Rest der Welt verschwindet Europa, gemessen an seiner Einwohnerzahl, immer mehr in der Bedeutungslosigkeit. Über die Hälfte aller Europäer ist schon in ihrer zweiten Lebenshälfte angekommen. Selbst bei anhaltender Zuwanderung dürfte Europa bis 2050 rund 50 Millionen Einwohner verlieren. Deutschland hat bei diesem Trend innerhalb Europas eine Vorreiterrolle übernommen: In keinem anderen Land der Welt ist die Kinderzahl je Frau so früh, so tief und so nachhaltig unter den kritischen Wert von 2,1 gefallen. Seit 1972 wurden hierzulande in keinem einzigen Jahr mehr Menschen geboren als verstarben. Deshalb stellt sich in Deutschland noch mehr als im übrigen Europa die Frage, wie mit den Folgen des demografischen Wandels umzugehen ist.

Dass ausgerechnet die Europäer den globalen demografischen Trend vorgeben, ist kein Wunder, denn schon die so genannte Bevölkerungsexplosion begann einst in der Alten Welt. Sie kam zustande, weil im 19. Jahr hundert durch verbesserte Lebensbedingungen die Sterberaten sanken, die Geburten raten aber noch über Jahrzehnte hoch blieben. Erst verzögert sanken auch die Nachwuchszahlen - gewissermaßen als gesellschaftliche Anpassung an die Tatsache, dass Kinder nicht mehr bei jeder Gelegenheit starben.

Genau diese Erfahrung machen alle Länder, die sich entwickeln. Weil dieser Wandel, der auf mehr Bildung und wirtschaftlichen Fortschritten beruht, jedoch nicht in allen Ländern zeitgleich verläuft, hat sich das starke Bevölkerungswachstum immer mehr in wenig entwickelte, arme Länder verlagert. Die Vervierfachung der Weltbevölkerung in den letzten hundert Jahren geht im Wesentlichen auf die Entwicklungsländer zurück, während sich die Einwohnerzahl in Europa in diesem Zeitraum kaum verändert hat.

Auch wenn die Weltbevölkerung noch heute um rund 230.000 Häupter pro Tag wächst und in Sachen Rohstoffverbrauch und Umweltbelastung längst zu groß für den Planeten geworden ist, weist der globale demografische Trend doch auf ein Ende des Wachstums hin. In keinem weit entwickelten Land der Erde liegen die Kinderzahlen je Frau so hoch, dass dort - ohne Zuwanderung - ein langfristiges Bevölkerungswachstum zu erwarten wäre. Und da sich nahezu alle Staaten in irgendeiner Form entwickeln, geht der globale Trend bis Mitte des Jahrhunderts eindeutig in Richtung einer stabilen und danach vermutlich schrumpfenden Welt bevölkerung. Selbst in China, dem heute einwohnerstärksten Land der Welt, dürfte in gut zehn Jahren das Schrumpfen beginnen.

Es wird also Zeit, sich auf das Ende des Wachstums vorzubereiten, das hierzulande längst begonnen hat. Und dabei geht es nicht nur um demografisches Wachstum. Denn schrumpfende und alternde Gesellschaften, die zudem im Konsum weitgehend gesättigt sind, können künftig auch kein nennenswertes Wirtschaftswachstum mehr erwarten. Angesichts hoher Staatsschulden, schrumpfender Erwerbsbevölkerung und wachsender Zahlen alter Menschen, die es zu versorgen gilt, müssen sie sich eher auf Wohlstandseinbußen einrichten.

Den Deutschen kommt in dieser Frage wiederum eine Pionierrolle zu. Sie werden zeigen müssen, wie ein Wohlergehen der Gesellschaft ohne Wachstum möglich ist. Damit zwingt uns der demografische Wandel auf einen Weg, den der Club of Rome schon vor 40 Jahren angemahnt hat. Die "Grenzen des Wachstums" sollten damals klar machen, dass die Gleichung aus wachsender Weltbevölkerung, steigenden Konsumansprüchen und begrenzten Reserven nicht aufgehen kann. Fatalerweise waren die Ressourcen größer als erwartet, so dass sich trotz vier Jahrzehnten Diskussion um Umweltpolitik und Klimawandel die ökologische Lage des Planeten deutlich verschlechtert hat. Was fehlt, ist die globale Einsicht zur Selbstbeschränkung.

Doch jetzt hat der demografische Wandel - für die meisten unbemerkt - die Basis dieser Diskussion völlig verändert. Nicht die Einsicht oder irgendeine Art von Weltgewissen wird das Wachstum beenden, sondern der simple Tatbestand, dass es nicht mehr stattfindet - zunächst in einer Handvoll Länder, bald aber in immer mehr Nationen. Die Europäer und erst recht die Deutschen müssen das Schrumpfen der Gesellschaft als feste Größe akzeptieren. Um bekannte Wohlstandsstandards einigermaßen zu sichern, müssen sie lernen, dass es nicht darauf ankommt, wie viele Menschen in einem Land leben, sondern welches Humanvermögen in ihren Bürgern steckt: Wie gebildet sie sind, wie produktiv, wie gesund und wie friedlich.

Die Menschen in Deutschland und Europa haben keine andere Wahl, als Modelle von Postwachstums-Gesellschaften zu entwickeln, die gleichzeitig die der ökologischen und demografischen Nachhaltigkeit sein können, auf die die ganze Welt wartet. Die Europäer müssen lernen, dass ihr Glück nicht von immer mehr Konsum abhängt, sondern dass weniger zu mehr Lebenszufriedenheit führen kann. Sie müssen lernen, den verbleibenden Wohlstand anders zu verteilen, denn die heutigen Sozialsysteme können die massive Alterung der Gesellschaft nicht finanzieren. Sie müssen die Staatsverschuldung reduzieren, damit die Zukunft der kleiner werdenden künftigen Generationen nicht von vornherein aufgezehrt ist. Sie müssen akzeptieren, dass künftig nicht überall im Lande die gewohnte Infrastruktur verfügbar sein wird, sondern dass sich die öffentliche Versorgung auf das Wesentliche an weniger Orten als heute konzentrieren muss.

Aber mit diesen Aufgaben stehen die Deutschen nicht alleine da: Denn weil sinkende Kinderzahlen ein globales Phänomen sind und weil die Menschen fast überall länger leben als früher, altern nahezu alle Gesellschaften. Während in Deutschland die Kinderzahlen je Frau von den 1960er Jahren bis heute von 2,5 auf 1,4 gefallen sind, hat Südkorea im gleichen Zeitraum einen Einbruch von über fünf auf 1,2 zu verkraften, China von fast sechs auf 1,5.

Heute ist in diesen Ländern aufgrund der starken Jahrgänge aus der Vergangenheit der überwiegende Teil der Bevölkerung im Erwerbsalter, weshalb es kein Wunder ist, dass diese Nationen so produktiv sind. Andere Länder, vor allem in Afrika, sind wirtschaftlich noch so rückständig, dass sie ihre vielen Menschen gar nicht produktiv nutzen können. Doch wenn sie sich einmal entwickeln, werden dort die Kinderzahlen umso schneller sinken. Zeitversetzt zu den demografischen Prozessen in Europa werden dann die Gesellschaften in Schwellen- und Entwicklungsländern umso stärker altern. Und damit wird es zu weit größeren Anpassungsproblemen kommen als in Deutschland und Europa, denn die dortigen sozialen Sicherungssysteme sind noch deutlich schlechter auf die Alterung vorbereitet als hierzulande. Etwas später wird auch das Schrumpfen der Bevölkerung dort heftiger ausfallen.

Der Vorsprung der heute dynamischen Schwellenländer mit ihrer jungen, bildungshungrigen Bevölkerung wird sich somit in wenigen Jahrzehnten relativieren. Ausgerechnet China, derzeit ein Synonym für Wachstum, könnte das erste Land der Geschichte werden, in dem die Bevölkerung alt wird, bevor sie genug Reichtum zum Altwerden angehäuft hat.

Europa hat geradezu eine Verpflichtung, die Lebensmodelle der Zukunft zu entwerfen, bevor es andere tun. Es muss sich dafür aber endlich seiner Pionierrolle im demografischen Wandel bewusst werden. Pioniere haben stets durch unsichere Gewässer zu navigieren. Sie haben die Chance, als erste neues Terrain zu betreten und davon zu profitieren. Aber sie können auch scheitern.


Diese beiden Beiträge sowie das Abstract der Festrede von Prof. Dr. Klaus Töpfer und Informationen zur Enstehungsgeschichte und Entwicklung des Berlin-Instituts finden Sie in der Festschrift.

 

   
 

 

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