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Ausgabe 116, 12. April 2011

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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Die schrumpfende Weltmacht
Eine neue Studie des Berlin-Instituts untersucht, welchen demografischen Veränderungen die Regionen Russlands und der anderen ehemaligen Sowjetrepubliken heute und in Zukunft ausgesetzt sind

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Die wichtigsten Ergebnisse
Eckpunkte der Studie "Die schrumpfende Weltmacht - Die demografische Zukunft Russlands und der anderen post-sowjetischen Staaten" des Berlin-Instituts

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Das russische Kreuz
Geburteneinbruch nach der Wende, moderne Familienplanung und unzureichende öffentliche Versorgung sorgen für immer weniger Kinder in Russland

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Die schrumpfende Weltmacht
Eine neue Studie des Berlin-Instituts untersucht, welchen demografischen Veränderungen die Regionen Russlands und der anderen ehemaligen Sowjetrepubliken heute und in Zukunft ausgesetzt sind

Knapp 20 Jahre sind vergangen, seit der gescheiterte Augustputsch 1991 das endgültige Aus der Sowjetunion besiegelte. Mit dem Zusammenbruch des sowjetischen Systems der regionalen Arbeitsteilung wurden aus ökonomischen Verbündeten über Nacht Wettbewerber: War den zentralasiatischen Staaten zuvor die Produktion von Wasserkraft und Baumwolle zugedacht, der Ukraine die Lieferung einer Vielzahl von Fertiggütern und Moldawien die von Lebensmitteln, mussten die Länder fortan auf eigenen Beinen stehen und eigene Märkte für ihre Produkte suchen. Und auch innerhalb der neuen Staaten und Regionen entbrannte ein Wettbewerb um Kapital, Menschen und Technologien. Wo sich Wirtschafts- und Besiedlungsstruktur ehemals sicherheitspolitischen Aspekten unterordnen mussten, folgen sie nun überwiegend der Logik des Marktes. Vielerorts hat diese die etablierten Strukturen längst ad absurdum geführt: Zahlreiche Industriesiedlungen sind unter hohen Produktionskosten zusammengebrochen, Zentren der Rüstungsindustrie obsolet geworden, und ländliche Räume haben sich durch Abwanderung entleert.

Zwischen den neuen Freiheiten und dem ungewohnten Angebot an Konsumgütern einerseits und der millionenfachen Armut und Arbeitslosigkeit andererseits klaffte allerdings schnell ein riesiges Loch. Nicht nur auf die seelische Gesundheit der Menschen hatte dies verheerende Auswirkungen: Drogen- und Alkoholmissbrauch richteten viele körperlich zugrunde. In Russland sank die Lebenserwartung für Männer mit 57 Jahren auf den niedrigsten Stand der Nachkriegszeit. Wer kaum genug hatte, um das eigene Überleben zu sichern, konnte es sich erst recht nicht leisten, Nachwuchs in die Welt zu setzen. Binnen eines Jahrzehnts sank die durchschnittliche Kinderzahl je Frau in Russland von über zwei auf 1,2. Zu diesem Trend trug ab Mitte der 1990er Jahre auch die neu gewonnene Freiheit bei, die viele Frauen dazu veranlasste, den Kinderwunsch gegenüber jenem nach Selbstverwirklichung zurückzustellen.

Die Bevölkerungszahl Russlands ist seit 1993 von knapp 149 auf 142 Millionen Menschen zurückgegangen. Wären nicht mehrere Millionen ethnische Russen nach dem Ende der Sowjetunion in ihre alte Heimat zurückgekehrt, wäre der Verlust etwa doppelt so hoch ausgefallen. Auch weil das Reservoir der Auslandsrussen langsam aufgebraucht ist, wird sich der Bevölkerungsrückgang in Zukunft beschleunigen. Denn in den nächsten Jahren kommen die ausgedünnten Jahrgänge der 1990er ins Elternalter. Bis 2030 könnte Russland weitere 15 Millionen Menschen verlieren - am stärksten wird der Rückgang unter der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter sein. Für die wirtschaftliche Zukunft des Landes wird es daher immer wichtiger, dass die restliche Bevölkerung über einen guten Bildungs- und Gesundheitsstand verfügt.

Die neue Studie "Die schrumpfende Weltmacht - Die demografische Zukunft Russlands und der anderen post-sowjetischen Staaten" des Berlin-Instituts zeigt eine Weltregion, die von einem demografischen Schrumpfungsprozess im Norden und einem starken Bevölkerungswachstum im Süden gekennzeichnet ist. Migrationsdruck auf der einen Seite trifft auf Arbeitskräfterückgang auf der anderen Seite. Diese Gewichte auszutarieren, ist in der Realität oft komplizierter, als es in der Theorie erscheint.

Anhand einer Clusteranalyse war es möglich, die 141 betrachteten Regionen und Länder auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion nach demografischen Charakteristika in fünf Gruppen mit ähnlichen Herausforderungen einzuteilen.

Die fünf Cluster auf einen Blick

Cluster 1 umfasst eine kleine Gruppe von Regionen, die es in der Vergangenheit geschafft hat, ihre Bevölkerung trotz sehr niedriger Kinderzahlen durch Zuwanderung einigermaßen stabil zu halten oder sogar zu vermehren. Zu ihnen zählen die Hauptstädte Moskau, Kiew, Minsk sowie die Ostseemetropole St. Petersburg und der ukrainische Schwarzmeerhafen Sewastopol. Städte wie Jekaterinburg, Nischni Nowgorod oder Nowosibirsk erleben eine ähnliche Entwicklung, nicht jedoch die gesamten Regionen, in denen sie liegen. Denn die dortigen ländlichen Gebiete, Dörfer und Kleinstädte bieten gerade für junge, gebildete Menschen immer weniger Beschäftigungsmöglichkeiten. Neben unabhängigen Städten finden sich in dieser Gruppe mit dem Moskauer und St. Petersburger Umland, der beliebten Schwarzmeerregion Krasnodar, der Republik Tatarstan an der Wolga sowie dem kleinen Gebiet Belgorod an der ukrainischen Grenze ausschließlich russische Regionen in dieser Gruppe. Sie haben sich aufgrund ihrer Wirtschaftskraft und regionaler Besonderheiten wie einer attraktiven geografischen Lage (Krasnodar) oder einer aktiven Migrationspolitik (Belgorod) zu Zuwanderungsmagneten entwickelt.

Dennoch stehen auch diese vermeintlichen "Gewinnerregionen" vor enormen Herausforderungen: Jung und Alt, Einheimisch und Zugewandert, Reich und Arm sind nur einige der Gegensätze, die es zu hier entschärfen gilt. 18,7 Prozent der Einwohner sind 60 Jahre oder älter. Zwar drücken die Zuwanderer den Altersschnitt und sorgen dafür, dass sich der Arbeitskräfterückgang hier langsamer vollzieht als anderswo, doch stoßen die Migranten zunehmend auf den - teils gewalttätigen - Widerstand der einheimischen Bevölkerung. Weitere Probleme sind die wirtschaftliche Ungleichheit, die gerade in Moskau extreme Dimensionen angenommen hat, und der knappe Wohnraum in den Metropolen.

Überwiegend geringe Bevölkerungsverluste werden auch die Regionen der Gruppe 2 bis 2030 hinnehmen müssen, wenn auch aus ganz anderen Gründen als die wirtschaftsstarken Gebiete der Gruppe 1. Denn anders als Letztgenannte verlieren sie fast durch die Bank Einwohner durch Abwanderung. Dagegen bekommen Frauen im Laufe ihres Lebens hier durchschnittlich 1,64 Kinder und damit knapp 0,3 mehr als in Gruppe 1. Ein Grund hierfür ist, dass zu dieser Gruppe viele eher ländliche Gegenden zählen, in denen traditionellere Lebensstile vorherrschen. Dies gilt sowohl für die Regionen des Nord- und Südkaukasus als auch für die westlichen Gebiete der Ukraine und von Belarus. Das eigentliche Merkmal dieser Regionen ist allerdings die hohe Lebenserwartung von durchschnittlich 72,2 Jahren. Sie lässt sich neben den klimatischen Bedingungen auch auf die Bedeutung der Religion und die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung zurückführen. Sowohl im Nordkaukasus als auch in den westlichen Gebieten der Ukraine leben weniger Russen als im landesweiten Durchschnitt. Durch Alkoholmissbrauch bedingte, vermeidbare Todesfälle sind eher selten. Die geringe Industriedichte und damit eine geringere Umweltbelastung begünstigen ein längeres Leben ebenso wie der niedrige Verstädterungsgrad, der Probleme wie Drogenmissbrauch und HIV begrenzt.

Von Kaliningrad über weite Teile von Belarus und der Ukraine, Zentral- und Nordwestrussland bis hinter den Ural, in die sibirische Region Krasnojarsk, zieht sich ein Gürtel niedriger Fertilität, in dem die gesellschaftliche Alterung bereits weit fortgeschritten ist. In der Gruppe 3 ist etwa ein Fünftel der Bevölkerung 60 Jahre oder älter. Im Schnitt dürften die Regionen bis 2030 im zweistelligen Prozentbereich schrumpfen. Zuwanderung und Abwanderung halten sich hier vielerorts in etwa die Waage. Nur vereinzelte "Leuchttürme" verzeichnen nennenswerte Wanderungsüberschüsse. Zu ihnen zählen die zentralrussischen Gebiete Kaluga und Jaroslawl, die an der Wolga gelegenen Gebiete Samara und Astrachan, Russlands westlicher Vorposten Kaliningrad, der ukrainische Schwarzmeerhafen Odessa sowie die sibirischen Wissenschaftszentren Nowosibirsk und Tomsk.

Ähnlich große Bevölkerungseinbußen werden die Regionen der Gruppe 4 hinnehmen müssen, zu denen insbesondere nördliche und östliche Randgebiete Russlands zählen. Ihr Hauptmerkmal sind hohe Wanderungsverluste. Darüber hinaus sind sie durch eine sehr geringe Lebenserwartung, leicht überdurchschnittliche Kinderzahlen und folglich eine junge Bevölkerungsstruktur geprägt. Diese Gruppe zeigt deutlich, dass eine flächendeckende Besiedlung des russischen Territoriums unter marktwirtschaftlichen Bedingungen nicht zu verwirklichen ist. Der Autonome Kreis der Tschuktschen hat seit dem letzten Sowjetzensus 1989 mehr als zwei Drittel seiner Einwohner verloren, das Gebiet Magadan über die Hälfte. Die zukünftige Schrumpfung dieser Regionen wird sich zu einem immer größeren Teil mit Sterbeüberschüssen erklären lassen, da viele wanderungswillige junge Menschen die Regionen bereits verlassen haben.

Auch die Mehrheit der Regionen der Gruppe 5 hat mit Abwanderung zu kämpfen. Entleeren werden sie sich dadurch aber keinesfalls. Denn Frauen bekommen hier im Schnitt 2,78 Kinder - so viele wie in Nordafrika. Das sind deutlich mehr, als für eine stabile Bevölkerungsentwicklung nötig wären. Die hohen Kinderzahlen schlagen sich in einer extrem jungen Bevölkerungsstruktur und einem teilweise hohen Bevölkerungswachstum nieder. Damit unterscheiden sich diese Regionen deutlich von allen anderen Clustern. Der Hauptgrund für die hohen Kinderzahlen ist der niedrige Entwicklungsstand dieser Regionen, zu denen weite Teile Zentralasiens sowie die russischen Republiken Tschetschenien, Tuwa und Altai zählen. Soziale Sicherungssysteme sind bislang kaum ausgebaut, weshalb die Familien weiterhin die Rolle der Sozialversicherung übernehmen. Doch die vielen Kinder haben vor Ort kaum Aussicht auf Beschäftigung. In Scharen wandern die jungen Menschen daher ab. Beliebtestes Ziel ist Moskau, von wo sie einen Großteil ihres Lohnes zurück in die Heimat schicken, um ihre Familien zu unterstützen.

Allerdings fallen auch hier die Kinderzahlen, wodurch die Regionen in Zukunft von einer wachsenden Erwerbsbevölkerung bei gleichzeitig weniger wirtschaftlich Abhängigen - Kinder und Alte - profitieren könnten. Um diese "demografische Dividende" auszunutzen, bedarf es allerdings enormer Investitionen in Arbeitsplätze. Ob dies möglich sein wird, erscheint ob der politischen Instabilität und Korruption fraglich.


Für Fragen und Interviews stehen Ihnen zur Verfügung:
- Stephan Sievert, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Berlin-Instituts,
Telefon: 0 30 - 31 10 26 98, E-Mail: sievert@berlin-institut.org
- Dr. Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts,
Telefon: 0 30 - 31 01 75 60, E-Mail: klingholz@berlin-institut.org
- Sergei Sacharow von der Hochschule für Ökonomie in Moskau,
E-Mail: szakharov@hse.ru

Die in der Studie enthaltenen Grafiken erhalten Sie vom Berlin-Institut auf Anfrage unter Telefon: 0 30 - 22 32 48 45 oder E-Mail: info@berlin-institut.org. Dort können Sie auch gedruckte Exemplare bestellen (Schutzgebühr 6 Euro, inklusive Versand innerhalb Deutschlands).

Weitere Informationen sowie die Studie als PDF zum kostenfreien Download finden Sie unter www.berlin-institut.org.

Das Projekt wurde gefördert von der Robert Bosch Stiftung, der ERSTE Stiftung und dem GfK Verein.

 

   
     
 

Die wichtigsten Ergebnisse
Eckpunkte der Studie "Die schrumpfende Weltmacht - Die demografische Zukunft Russlands und der anderen post-sowjetischen Staaten" des Berlin-Instituts

- Seit 1993 ist die Bevölkerungszahl Russlands von 149 auf 142 Millionen Menschen zurückgegangen - bis dahin war sie seit dem Zweiten Weltkrieg stetig gewachsen.

- Ohne Zuwanderung hätte sich der Verlust auf etwa 11,5 Millionen Menschen belaufen.

- Nach der Wende brach die durchschnittliche Kinderzahl je Frau in Russland von zuvor 1,89 auf 1,16 ein - inzwischen erholt sie sich langsam wieder. Sie liegt heute mit 1,54 jedoch weit unter jenem Niveau, das für eine stabile Bevölkerungsentwicklung nötig wäre.

- Obwohl sich moderne Verhütungsmittel auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion langsam verbreiten, werden in Russland noch immer mehr Schwangerschaften abgebrochen als in der gesamten EU, in der viermal so viele Menschen wohnen.

- Die Lebenserwartung in Russland sank zwischen 1991 und 1994 von 69 auf weniger als 64 Jahre und trug entscheidend zu den Sterbeüberschüssen bei - auch hier ist jüngst wieder eine leichte Verbesserung zu beobachten.

- Besonders der Gesundheitszustand von Männern verschlechterte sich - sie konnten Mitte der 1990er Jahre lediglich mit einer durchschnittlichen Lebenszeit von 58 Jahren rechnen. Heute liegt die Lebenserwartung mit 62,8 Jahren noch immer niedriger als in Bangladesch.

- Häufigste Todesursache sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen gefolgt von Todesfällen durch äußere Einflüsse (Morde, Selbstmorde, Unfälle).

- In typischen russischen Industriestädten lässt sich zwischen einem Drittel und der Hälfte aller Todesfälle unter männlichen Erwachsenen direkt oder indirekt auf Alkoholmissbrauch zurückführen - doch auch Infektionskrankheiten wie Aids oder Tuberkulose sind in Russland auf dem Vormarsch.

- Der Bevölkerungsrückgang wird sich in Zukunft beschleunigen, da die Zuwanderungszahlen niedriger liegen als in den 1990er Jahren und künftig deutlich weniger potenzielle Mütter zur Verfügung stehen.

- Bis 2030 könnte Russland etwa 15 Millionen Menschen verlieren - um eben jene Zahl wird auch die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter zurückgehen, da die sinkende Zahl an Kindern durch mehr ältere Menschen ausgeglichen wird.

- Periphere Gebiete im Norden und Osten verlieren überproportional.

- In den zentralasiatischen Nachfolgestaaten der Sowjetunion und in weiten Teilen des Kaukasus liegen die durchschnittlichen Kinderzahlen dagegen bei über zwei und teilweise sogar drei. Diese Staaten werden auch weiterhin wachsen - Tadschikistan um bis zu 35 Prozent bis 2030.

- Die Arbeitsmigration nach Russland wird weiter anhalten - die Rücküberweisungen der Migranten stellen für Länder wie Usbekistan, Tadschikistan oder Aserbaidschan eine wichtige Hilfe im Kampf gegen die Armut dar.

- Trotz Verbesserungen der russischen Migrationspolitik in den letzten Jahren hält sich noch immer bis zu ein Viertel aller Migranten illegal in Russland auf - und auch registrierte Migranten verdienen ihr Geld häufig in der Schattenwirtschaft.


Für Fragen und Interviews stehen Ihnen zur Verfügung:
- Stephan Sievert, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Berlin-Instituts,
Telefon: 0 30 - 31 10 26 98, E-Mail: sievert@berlin-institut.org
- Dr. Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts,
Telefon: 0 30 - 31 01 75 60, E-Mail: klingholz@berlin-institut.org
- Sergei Sacharow von der Hochschule für Ökonomie in Moskau,
E-Mail: szakharov@hse.ru

Die in der Studie enthaltenen Grafiken erhalten Sie vom Berlin-Institut auf Anfrage unter Telefon: 0 30 - 22 32 48 45 oder E-Mail: info@berlin-institut.org. Dort können Sie auch gedruckte Exemplare bestellen (Schutzgebühr 6 Euro, inklusive Versand innerhalb Deutschlands).

Weitere Informationen sowie die Studie als PDF zum kostenfreien Download finden Sie unter www.berlin-institut.org.

Das Projekt wurde gefördert von der Robert Bosch Stiftung, der ERSTE Stiftung und dem GfK Verein.

 

   
     
 

Das russische Kreuz
Geburteneinbruch nach der Wende, moderne Familienplanung und unzureichende öffentliche Versorgung sorgen für immer weniger Kinder in Russland

Im Jahr 1990 kamen in Russland etwa zwei Millionen Babys zur Welt, zehn Jahre später waren es lediglich 1,2 Millionen. Die durchschnittliche Kinderzahl je Frau sank in Russland in den ersten acht Jahren nach dem Fall des Eisernen Vorhangs von 1,89 auf 1,16. Inzwischen sind die jährlichen Kinderzahlen wieder auf 1,8 Millionen gestiegen, und auch die Kinderzahl je Frau hat sich erholt, wie der Wert von 1,54 zeigt. Dem Wunsch der meisten Russen entspricht allerdings auch dies nicht: In Umfragen sagt die Mehrheit, sie hätte gerne zwei Kinder.

In Zukunft wird die Zahl der Geburten jedoch selbst bei weiter steigender Fertilität sinken, da es durch die geburtenschwachen Jahrgänge der 1990er Jahre künftig immer weniger potenzielle Mütter gibt. So umfasste die Gruppe der 20- bis 29-jährigen Frauen, die für einen Großteil der Geburten aufkommt, im Jahr 2008 noch 11,6 Millionen Menschen. Fünf- bis 14-jährige Mädchen, die in 15 Jahren ihre Kinder bekommen werden, gab es dagegen nur 6,5 Millionen.

Weniger Kinder, mehr Todesfälle
Jährliche Zahl der Geburten und Todesfälle in Russland, 1980 bis 2009

Ende der 1980er Jahre begannen die Kinderzahlen in Russland zu sinken. Sie stabilisierten sich erst Mitte der 1990er Jahre etwas. Etwa zeitgleich stieg die Zahl der Sterbefälle drastisch an. Vor allem Männer im erwerbsfähigen Alter waren betroffen. 1992 starben erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg in Russland mehr Menschen als geboren wurden, und nur langsam nähern sich die beiden Kurven einander wieder an. Langfristig werden die Kinderzahlen indes weiter sinken, da es immer weniger potenzielle Eltern gibt (Datengrundlage: Rosstat, Demografitscheski Jeschegodnik Rossii - 2010 g., Moskau).

Nationale Durchschnittswerte überdecken enorme regionale Fertilitätsunterschiede. In den russischen Republiken Tschetschenien, Altai und Tywa bekommen Frauen im Schnitt noch immer mehr als zwei Kinder, während es im St. Petersburger Umland nur 1,19 sind. Vor allem in Zentral- und Nordwestrussland, wo viele ethnische Russen leben, sind die Kinderzahlen niedrig. In den südlichen Regionen dagegen sorgen Burjaten, Udmurten, verschiedene Kaukasusvölker und viele andere Ethnien für vergleichsweise viel Nachwuchs. Jenseits der Grenze, in Kasachstan, Usbekistan oder Tadschikistan, liegen die Fertilitätsraten vielerorts sogar bei über drei Kindern je Frau, was sich auf die dort noch immer vorherrschenden traditionellen Familienstrukturen zurückführen lässt.

Innerhalb Russlands nehmen die regionalen Unterschiede allerdings schon seit langem langsam aber stetig ab. In den 20 Jahren seit dem Zerfall der Sowjetunion ist die Kinderzahl je Frau in den 39 russischen Regionen mit überdurchschnittlichen Fertilitätsraten um etwa 22 Prozent gefallen; in den 39 Regionen mit unterdurchschnittlichen Werten lediglich um rund 20 Prozent. Auch der Stadt-Land-Unterschied verschwimmt immer mehr. Bekamen Frauen in ländlichen Gebieten Russlands in den 1960er Jahren noch 60 bis 70 Prozent mehr Kinder als Städterinnen, betrug der Überschuss in den 1980er Jahren nur noch 50 Prozent und seitdem ist er bis auf 34 Prozent gefallen.

Kinderarmut im reichen Norden, Reichtum an armen Kindern im Süden

Anders als in Europa sind auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion noch relativ große regionale Fertilitätsunterschiede zu beobachten. Während die durchschnittliche Kinderzahl je Frau im Norden meist zwischen 1,3 und 1,7 liegt, verzeichnen die zentralasiatischen Staaten Werte von mehr als zwei und teilweise sogar drei. Viele Unterschiede lassen sich durch den Entwicklungsstand der Regionen, die vorherrschenden Geschlechterbilder sowie die religiöse und ethnische Zusammensetzung der jeweiligen Bevölkerung erklären. Dennoch nähern sich die Regionen bei der durchschnittlichen Kinderzahl je Frau seit Längerem einander an (Datengrundlage: Nationale Statistische Ämter; Vereinte Nationen, World Population Prospects: The 2008 Revision Population Database, New York).

Erklärungsansätze für den drastischen Geburtenrückgang während des Systemumbruchs, der fast alle Nachfolgestaaten der Sowjetunion betraf, gibt es viele. Vor allem in der Zeit unmittelbar nach dem Fall der Sowjetunion haben materielle Nöte und unsichere Zukunftsperspektiven Familiengründungen verhindert. Die Menschen mussten mit sinkenden Löhnen leben oder verloren ihre Arbeit ganz. Der Staat musste seine Sozialausgaben drastisch kürzen, weil er infolge der Wirtschaftskrise ebenfalls mit leeren Kassen zu kämpfen hatte. Was an finanzieller Unterstützung für junge Familien übrig blieb, machten die bis zu vierstelligen Inflationsraten meist schnell zunichte.

Seitdem die größte Not der Nachwendezeit überstanden ist, zeigt sich die neu gewonnene persönliche Freiheit der Bürger auch in individuelleren Lebensentwürfen - zumindest in den reicheren Staaten des Nordens. Immer mehr Frauen strömen in die Universitäten und verschieben den Kinderwunsch ins höhere Alter. Das ermöglichen unter anderem die modernen Mittel zur Empfängnisverhütung, die heute leicht zugänglich sind, während sie zu Sowjetzeiten nur schwer erhältlich oder qualitativ minderwertig waren.

In der Sowjetunion hatte der Mangel an Verhütungsmitteln zu einer wahren "Abtreibungskultur" geführt: Es war üblich, dass die Frauen die gewünschte Anzahl ihrer Kinder in jungen Jahren bekamen - dann aber jede weitere ungewollte Schwangerschaft vorzeitig beendeten. Noch Anfang der 1990er Jahre entfielen in Russland auf jede Geburt mehr als zwei Schwangerschaftsabbrüche. Erst 2006 stieg die Überlebenschance für ein Ungeborenes auf über 50 Prozent. Trotz dieser Fortschritte verzeichnet Russland auch heute noch die europaweit höchste Abtreibungsrate.

Verhütung ersetzt Abtreibung

Seit Mitte der 1990er Jahre hat die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche in allen Nachfolgestaaten der Sowjetunion abgenommen. Besonders in den slawisch geprägten Staaten Russland, Belarus und der Ukraine, in denen die Raten zur Wendezeit am höchsten lagen, ist ein deutlicher Rückgang zu beobachten. Hier setzen sich moderne Verhütungsmittel mehr und mehr als Mittel zur Familienplanung durch. Dennoch werden in Russland noch immer jährlich mehr Schwangerschaften abgebrochen als in der gesamten EU, in der viermal so viele Menschen leben.

Vor allem die Fertilitätsraten der unter 25-Jährigen sanken in der Nachwendezeit dramatisch: Während im Jahr 1990 noch fast jede sechste Frau zwischen 20 und 24 Jahren ein Kind zur Welt brachte, war es 2009 nicht einmal mehr jede Elfte. Allerdings holen viele Frauen den aufgeschobenen Kinderwunsch im höheren Alter nach: Über 25-jährige Russinnen bekommen mittlerweile mehr Kinder als noch 1990.

Angesichts der hohen Frauenerwerbsquote hatte die Sowjetunion - wie alle sozialistischen Länder - für ein gut ausgebautes Netz an Kindergärten gesorgt. Doch nach der Wende schlossen viele dieser Einrichtungen aus Geldnot. Von ehemals 87.900 vorschulischen Einrichtungen in Russland sind lediglich 45.600 übrig geblieben. Dass die Zahl der Plätze je Anwärter annähernd konstant geblieben ist, ist einzig dem starken Geburtenrückgang zuzuschreiben. Vor allem für die zahlreichen alleinerziehenden Mütter - die Scheidungsraten in Russland sind hoch - ist es durch die unzureichende Versorgung öffentlicher Betreuungseinrichtungen problematisch, Beruf und Familien zu vereinbaren.

Mit seiner Reform der Familienpolitik im Jahr 2007 hat Wladimir Putin die finanzielle Unterstützung junger Familien deutlich ausgebaut. Er führte Zuschüsse zu Kindergartengebühren ein und erhöhte die Geburtenprämie ebenso wie das eineinhalb Jahre zahlbare Elterngeld. Außerdem schuf Putin das sogenannte Mutterschaftskapital, eine Einmalzahlung im Gegenwert von 10.000 US-Dollar für die Geburt oder Adoption eines zweiten Kindes, die jedes Jahr der Inflationsrate angepasst wird.

Allein finanzielle Mittel können allerdings nicht das Dilemma vieler Frauen lösen, die wegen der Arbeit auf Kinder verzichten müssen. Doch anstatt die Modernisierung der Gesellschaft voranzutreiben, dient die Familienpolitik in Russland oder der Ukraine häufig dazu, vermeintliche Traditionen zu bewahren. Im aktuellen russischen Demografiekonzept ist eine durchschnittliche Kinderzahl von 1,95 im Jahr 2025 als explizites Ziel ausgegeben. Außerdem sollen "traditionelle Familienwerte wiederbelebt werden". Dabei zeigen die Erfahrungen anderer Industrienationen, dass die Kinderzahlen gerade dort am höchsten sind, wo die Gleichstellung der Geschlechter an weitesten fortgeschritten ist und sich Beruf und Familie durch gut ausgebaute Betreuungseinrichtungen besser verbinden lassen.


Für Fragen und Interviews stehen Ihnen zur Verfügung:
- Stephan Sievert, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Berlin-Instituts,
Telefon: 0 30 - 31 10 26 98, E-Mail: sievert@berlin-institut.org
- Dr. Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts,
Telefon: 0 30 - 31 01 75 60, E-Mail: klingholz@berlin-institut.org
- Sergei Sacharow von der Hochschule für Ökonomie in Moskau,
E-Mail: szakharov@hse.ru

Die in der Studie enthaltenen Grafiken erhalten Sie vom Berlin-Institut auf Anfrage unter Telefon: 0 30 - 22 32 48 45 oder E-Mail: info@berlin-institut.org. Dort können Sie auch gedruckte Exemplare bestellen (Schutzgebühr 6 Euro, inklusive Versand innerhalb Deutschlands).

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Das Projekt wurde gefördert von der Robert Bosch Stiftung, der ERSTEN Stiftung und dem GfK Verein.

 

   
 

 

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