Dem Nachwuchs eine Sprache geben
Was frühkindliche Sprachförderung leisten kann
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Am Anfang vom Ende
Hat Europa, hat der Westen angesichts der bildungshungrigen und aufstrebenden Nationen der Welt noch eine Chance? Der Politologe Eberhard Sandschneider hat da seine Zweifel.
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In eigener Sache
Auf einen Blick: Poster "Zur Lage der Weltbevölkerung"
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Dem Nachwuchs eine Sprache geben
Was frühkindliche Sprachförderung leisten kann

Nach den schlechten Pisa-Ergebnissen wurde in Politik und Öffentlichkeit die Forderung laut, Kinder beim Erwerb der deutschen Sprache von Anfang an besser zu fördern. Dadurch sollen Sprachdefizite von vornherein vermieden werden, die nach der Einschulung schnell zu umfassenden Bildungsdefiziten und damit zu vertanen Lebenschancen werden können - was sich Deutschland, eine schrumpfende Gesellschaft mit Nachwuchsmangel, nicht leisten kann.

Der Bedarf an frühkindlicher Sprachförderung ist hierzulande hoch: Jedes zweite bis dritte Kind mit Migrationshintergrund, aber auch etwa jedes zehnte Kind, das mit Deutsch als Muttersprache aufwächst, weist im Vorschulalter Sprachdefizite auf und dürfte daher ohne zusätzliche Förderung Probleme haben, dem Schulunterricht zu folgen.

Die Bevölkerung mit Migrationshintergrund: ungenutzte Potenziale

Bereits heute hat ein Drittel der unter Sechsjährigen einen Migrationshintergrund, in einigen Großstädten sogar bis zu zwei Drittel. Für unsere alternde Gesellschaft stellen Migranten ein großes Potenzial dar, denn als Gruppe haben sie drei demografische Eigenschaften, die sie von der alteingesessenen Bevölkerung unterscheiden: Es gibt unter ihnen vergleichsweise wenig Ältere, aber viele Kinder und viele junge Erwerbsfähige. Sie könnten theoretisch dazu beitragen, die demografischen Probleme Deutschlands zumindest teilweise auszugleichen. Aus den Erwerbsfähigen werden allerdings zu häufig keine Erwerbstätigen. Unter anderem mangels Förderung sind Migranten im Schnitt schlechter qualifiziert und häufiger arbeitslos als Einheimische. Ihr Potenzial wird derzeit also nicht voll ausgeschöpft.

Nicht nur der Migrantenanteil an der Bevölkerung nimmt zu. In den Ballungszentren steigt auch der Anteil der Eltern mit sehr niedrigem Bildungsstand. Beides sind Risikofaktoren, die sprachliche Defizite begünstigen: Eltern mit niedrigem Bildungsniveau bieten ihren Kindern mitunter nicht die Menge und Art an Sprachimpulsen, die für einen reibungslosen Spracherwerb nötig sind. An sprachlicher Anregung speziell im Deutschen mangelt es hingegen in Familien, in denen die Eltern nicht oder nur schlecht Deutsch sprechen. In diesen Fällen ist es schon allein wegen der emotionalen Bindung besser, wenn das Kind innerhalb der Familie die Herkunftssprache der Eltern erwirbt. Ein fehlerhaftes deutsches Sprachangebot würde ohnehin nicht zu muttersprachlicher Kompetenz führen. Wichtig ist dann aber, dass das Kind frühzeitig und regelmäßig außerhalb der Familie mit dem Deutschen in Kontakt kommt.

Wenn Kinder mehrere Jahre vor der Einschulung eine Kita besuchen, können die ErzieherInnen und anderen Kinder genügend Anregung bieten, um sprachliche Defizite auszugleichen - sofern die Bedingungen günstig sind. Allerdings nutzen gerade Kinder mit Migrationshintergrund und aus sogenannten bildungsfernen Schichten vergleichsweise selten und spät Bildungsangebote außerhalb der Familie. Aufgrund von demografischen und gesellschaftlichen Veränderungen ist auch keineswegs garantiert, dass die Kinder in der Kita das "Sprachbad" erhalten, das für einen leichten und schnellen Erwerb des Deutschen nötig wäre.


Für viele bietet die Kita kein deutsches Sprachbad

Im bundesdeutschen Durchschnitt besucht etwa jedes dritte Kind, das in der Familie kein oder wenig Deutsch spricht, eine Kita, in der mehr als die Hälfte aller Kinder zu Hause ebenfalls kein Deutsch spricht. Problematisch ist diese sprachliche Segregation in der Kita besonders dann, wenn die Kinder großteils die gleiche nichtdeutsche Sprache sprechen. Im schlechtesten Fall lernen die Kinder auch nach mehrjährigem Besuch einer solchen Kita nicht ausreichend Deutsch, weil es für sie im Alltag kaum je notwendig ist, sich auf Deutsch verständigen zu können.

Daher werden große Hoffnungen in spezielle Sprachförderprogramme und -kurse gesetzt. Inzwischen existiert eine Vielzahl an Ansätzen, die sich grob in zwei Gruppen einteilen lassen: Erstens lassen sich zahlreiche Weiterbildungsangebote und Materialsammlungen für das pädagogische Personal finden, die darauf abzielen, Kinder im Gruppenalltag der Kita sprachlich zu fördern. Zweitens gibt es verschiedene Konzepte, die eine Förderung der Kinder in gesonderten Kleingruppen vorsehen. Diese Sprachkurse führen externe Sprachförderkräfte durch oder normales Kita-Personal, das entsprechend geschult wird.

Ernüchternde Ergebnisse zeigen Verbesserungspotenzial

Bislang wurden erst drei der Programme, die auf gesonderte Sprachkurse setzen, in Studien mit hohem wissenschaftlichem Standard evaluiert - die Ergebnisse waren enttäuschend. Meist entwickelten sich die Kinder, die eine Förderung erhielten, sprachlich nicht besser oder schneller als diejenigen in der Kontrollgruppe. Daraus zu schließen, dass Sprachförderung in der Kita grundsätzlich nutzlos ist, wäre allerdings voreilig: Zum einen stecken die Evaluationsverfahren selbst noch in den Kinderschuhen, sodass sie mitunter mehr Fragen aufwerfen als sie beantworten können. Zum anderen lassen sich die mangelnden Erfolge dadurch erklären, dass die Umsetzung in den Kitas bei den evaluierten Programmen - teils aufgrund politischer Vorgaben - nicht optimal verlaufen ist: Die Kinder wurden erst ab dem Vorschulalter und damit aus Sicht des Spracherwerbs zu spät gefördert, die Kurse waren nicht ausreichend mit dem Kita-Alltag verzahnt und die KursleiterInnen hätten mehr fachliche Unterstützung und Begleitung gebraucht.

Das Discussion Paper nennt eine Reihe von Ansatzpunkten, die sich in Wissenschaft und Fachpraxis als wichtig und erfolgversprechend für frühkindliche Sprachförderung in der Kita herauskristallisiert haben. Dazu gehören unter anderem der systematische Einbezug der Erstsprache des Kindes, die kontinuierliche Schärfung des Sprachbewusstseins der Erzieher und Erzieherinnen sowie die individuelle Förderung der Kinder entsprechend ihres Sprachentwicklungsstandes. Und nicht zuletzt: dem Spracherwerb Zeit zu geben.

Auch strukturelle Veränderungen in der frühkindlichen Betreuung wären aus Sicht des Spracherwerbs sinnvoll. Sie dürften politisch allerdings nur schwer durchsetzbar sein. So wären eine Kindergartenpflicht ab dem dritten Lebensjahr sowie ein kostenfreies erstes Kindergartenjahr für dreijährige Kinder hilfreich, damit die Sprachförderung in der Kita möglichst viele Kinder möglichst früh erreicht. Die Festlegung von Herkunftsquoten könnte die sprachliche Durchmischung in den Kita-Gruppen erhöhen. Doch auch Vernetzungsprojekte, etwa zwischen verschiedenen Kitas oder zwischen Kita und Seniorenheim, sowie das zivilgesellschaftliche Engagement von Lesepaten können dazu beitragen, die Isolation in den Kitas zu überwinden, in denen Kinder mit nichtdeutscher Erstsprache die Mehrheit stellen.

Alle Studien weisen darauf hin, dass sich gerade sehr frühe Investitionen in Bildung auszahlen. Bei Sprachförderung ist dies im besonderen Maß der Fall, denn Kleinkinder sind von Natur aus die besten Sprachlerner, die es gibt.

Das Discussion Paper ist mit Unterstützung der Siemens Stiftung entstanden.

Hier finden Sie das vollständige Discussion Paper als PDF.

Für Fragen und Interviews stehen Ihnen zur Verfügung:

- Dr. Tanja Kiziak, Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Berlin-Instituts, Tel. 030 - 31 01 74 50, E-Mail: kiziak@berlin-institut.org

- Vera Kreuter, Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Berlin-Instituts, Tel. 030 - 31 01 68 35, E-Mail: kreuter@berlin-institut.org

- Julia Rüter, Pressesprecherin/Kommunikationsleitung Siemens Stiftung, Tel. 089 - 54 04 87 110, E-Mail: Julia.Rueter@siemens-stiftung.org

- Ursula Gentili, Projektleitung Frühkindliche Sprachförderung, Siemens Stiftung, Tel. 089 - 54 04 87-309 , E-Mail: Ursula.Gentili@siemens-stiftung.org



Die im Discussion Paper enthaltenen Grafiken erhalten Sie vom Berlin-Institut auf Anfrage unter Telefon: 030 - 22 32 48 45 oder E-Mail: info@berlin-institut.org.

 

Am Anfang vom Ende
Hat Europa, hat der Westen angesichts der bildungshungrigen und aufstrebenden Nationen der Welt noch eine Chance? Der Politologe Eberhard Sandschneider hat da seine Zweifel.

Die globalen Gleichgewichte verschieben sich. Wer heute im Kreis jener Staaten sitzt, die sich bei ihrer Gründung als acht "größte" Industrienationen bezeichnet haben, sollte sich nicht allzu viel auf diesen Status einbilden. Im Gremium der "G-8" finden sich mit Italien und Frankreich Länder, die auf der Weltbühne der aufstrebenden Staaten kaum noch wahrgenommen werden. Das G-8-Mitglied Deutschland ist zwar das größte Industrieland Europas und war lange Zeit "Exportweltmeister". Aber auch das ist vorbei. Diesen Titel trägt mittlerweile und vermutlich auf absehbare Zeit das Schwellenland China.

Das ist kein Zufall, meint der Berliner Politologe Eberhard Sandschneider, denn die Zukunft gehört nicht Deutschland, nicht dem Westen und schon lange nicht dem Alten Europa, sondern den neuen Wilden der globalisierten Welt, den Tigern und Löwen in Asien, Lateinamerika und Afrika, die auch als "dynamisches Dutzend" bezeichnet werden: China, Brasilien, Indien, Russland, Indonesien, Mexiko, Südafrika, Argentinien, Südkorea, Nigeria, Vietnam und Türkei. Sie sind die großen Aufsteiger der letzten Jahre. Für Europa bleibt entsprechend nur der Abstieg - schon angesichts der zunehmenden demografischen Verwerfungen zwischen der Alten und der Neuen Welt. Wenn die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2050 auf knapp neuneinhalb Milliarden angewachsen ist, werden die Europäer nur noch 7,6 Prozent aller Erdenbewohner stellen - und damit einen entsprechend kleinen Teil aller Produzenten und Konsumenten. 1950 waren es noch 21,8 Prozent.

Das ist wirtschaftlich und politisch gesehen keine gute Aussicht, und sie wird nicht besser bei der Lektüre, denn der Autor untermauert seine Argumentation Seite um Seite mit Belegen für die europäische Unfähigkeit zu Reformen. Er spricht den Europäern sogar die Fähigkeit ab auch nur zu erkennen, dass ihre Zeit abgelaufen ist, dass sich der Rest der Welt auch ohne den Westen prächtig entwickeln kann: "Europa ist überdehnt, ohne klare Entscheidungsstrukturen und unfähig, in wesentlichen Fragen globaler Politik politischen Konsens und Handlungsfähigkeit herzustellen."

Sandschneider verwendet den größten Teil seines Buches darauf, zu erklären, wie sich die Träume des Westens nach 1989 zerschlagen haben. Denn anders als viele damals nach dem Zusammenbruch der Systemalternative geglaubt haben, kam es nicht zu einem Ende der Konflikte und zum friedvollen Siegeszug der westlichen Marktwirtschaft und der Demokratien. Vielmehr sei die internationale Gemeinschaft immer schwächer geworden, was sich unter anderem am Scheitern der Klimaverhandlungen zeige. Die Kombination Marktwirtschaft und Demokratie sei durch die Finanzkrise weltweit in Frage gestellt, der viel gepriesene Markt habe aus Finanzderivaten "ökonomische Massenvernichtungswaffen" gemacht. Der westliche Kapitalismus unter Führung der USA habe sich beim Kampf gegen den Terror überall auf der Welt Feinde gemacht, und statt Demokratien breiteten sich zerstrittene Autokratien aus. Gleichzeitig entwickle sich das chinesische Modell des staatsgelenkten Kapitalismus, das sich einen Dreck um Demokratie schert, umso schneller und erfolgreicher. Tatsächlich hat China wie kein zweites Land der Welt einem Großteil seiner Bürger einen Massenwohlstand beschert, wie er zuvor undenkbar war. Dass der Westen angesichts dieser Entwicklungen noch immer glaubt, das bessere Modell zu besitzen, gehört nach Sandschneider zu den großen Lebenslügen unserer Gesellschaften.

Der Autor und China-Experte macht keinen Hehl aus seiner Bewunderung für das chinesische Modell, auch wenn etwa "die Menschenrechtsfrage auf einem anderen Blatt" stehe. Dabei schwingt die Befürchtung mit, dass die Demokratie womöglich gar keine Zukunft hat. Zumindest sollten die Europäer nicht erwarten, dass der Rest der Welt darauf wartet, dem europäischen Modell hinterherzulaufen. Überall auf der Welt bringen Aufsteigerländer Alternativen und eigene Erfolgsmodelle ins Spiel.

Trotz dieser vernichtenden Kritik an seiner eigenen geistigen Heimat stellt uns Sandschneider, und das überrascht dann wirklich, einen "erfolgreichen" Abstieg in Aussicht. Er warnt davor, in Trübsal zu verfallen, denn in Europa lasse es sich nach wie vor sicherer, gerechter und besser leben als in jeder anderen Großregion der Welt. "Unsere Fähigkeit, die Welt von morgen erfolgreich zu gestalten, hängt ganz entscheidend davon ab, wie wir heute beginnen, über diese Welt nachzudenken." Wir sollten "heute Macht abgeben, um morgen zu gewinnen", heißt es im Untertitel des Buches. "Gelungene Abstiege schaffen Stabilität und sichern Frieden und Zusammenarbeit". Das bleibt allerdings vage und stellt den Herausforderungen, die Sandschneider so eingängig beschreibt, kaum etwas entgegen.

Am Ende bleibt denn vor allem der schöne Vergleich vom Truthahn im Gedächtnis hängen, der monatelang gemästet und gepflegt wird und zwangsläufig an seine goldene Zukunft glaubt, ohne zu erkennen, dass sein ganzes Dasein nur auf das Erntedankfest zuläuft. Immer wieder sieht Sandschneider Europa in der "Truthahn-Falle". Am Ende schreibt er dann, dass natürlich auch das momentan so erfolgsverwöhnte China denken könnte, es gebe ein Leben ohne Erntedankfest. Womit die Zukunft offener ist als auf über 180 Seiten beschrieben wird.

Eberhard Sandschneider: Der erfolgreiche Abstieg Europas. Heute Macht abgeben um morgen zu gewinnen. 2011 Hanser Verlag München. 19,90 Euro

 

In eigener Sache
Auf einen Blick: Poster "Zur Lage der Weltbevölkerung"

Im vergangenen Jahrhundert ist die Zahl der Menschen auf der Erde angewachsen wie noch nie zuvor in der Geschichte. Gleichzeitig haben sich die Lebensbedingungen weltweit enorm verbessert. Trotzdem lebt in absoluten Zahlen gemessen eine weit größere Anzahl von Menschen in Armut als noch vor 100 Jahren. Die Karten auf dem Poster veranschaulichen, welche Unterschiede weltweit bestehen hinsichtlich Altersstruktur, Gesundheit, Kinderzahlen und Gleichstellung der Geschlechter.

Auf der Rückseite des Posters findet sich eine Tabelle mit Indikatoren aus den Bereichen Demografie, Entwicklung, Wirtschaft, Bildung und Gesundheit für heutige und ehemalige Entwicklungsländer.

Das Poster können Sie hier bestellen. Es wird im Rahmen der Europäischen Öffentlichkeitskampagne Africa's Demographic Challenges herausgegeben. Die Kampagne wird von der Europäischen Union finanziell gefördert.

Ausgabe 131, 19. Januar 2012

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Dr. Reiner Klingholz
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