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Ausgabe 21, 4. April 2006

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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Familien schaffen Arbeit
Eine neue Studie zeigt Wege aus dem Dilemma von drohendem Fachkräftemangel und geringen Kinderzahlen

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Gotteshäuser im Schlussverkauf
Der demografische Wandel macht im Ruhrgebiet ein Drittel aller Kirchen überflüssig

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Familien schaffen Arbeit
Eine neue Studie zeigt Wege aus dem Dilemma von drohendem Fachkräftemangel und geringen Kinderzahlen

Bis zu 3,3 Millionen gut qualifizierte Frauen, die bisher nicht oder nur Teilzeit erwerbstätig sind, könnten langfristig in Deutschland ihren Beruf Vollzeit ausüben und dadurch gleichzeitig viele Dienstleistungsjobs in Privathaushalten schaffen. Dies ist das Ergebnis der in der vergangenen Woche von der Robert-Bosch-Stiftung vorgelegten Studie Unternehmen Familie. Dafür müsste es Familien wesentlich leichter gemacht werden, Haushalts- und Betreuungshilfen zu beschäftigen. Vor allem gut qualifizierte Mütter sind durch fehlende oder zu teure Kinder- und Haushaltsbetreuung dazu gezwungen, ihre Karriere aufzugeben. Eine kluge Subventionierung von haushaltsnahen Dienstleistungen könnte langfristig nicht nur einen drohenden Fachkräftemangel in Deutschland mildern, der entstehen wird, wenn vermehrt gut ausgebildete, geburtenstarke Jahrgänge in den Ruhestand gehen. Sie könnte gleichzeitig zu mehr Familienfreundlichkeit und höheren Kinderzahlen beitragen.

Die von der Unternehmensberatung Roland Berger im Auftrag der Robert-Bosch-Stiftung durchführte Studie verweist damit auf die gleichen Ursachen für den deutsche Kindermangel wie das Berlin-Institut in seiner Untersuchung Emanzipation oder Kindergeld?: Fehlende und unflexible Kinderbetreuung, falsche Anreize des deutschen Steuerrechts und eine unzureichende Gleichstellung von Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt sind dafür verantwortlich, dass sich Frauen hierzulande oft zwischen Kind und Karriere entscheiden müssen. Infolge dessen liegen sowohl die Geburtenrate als auch die Erwerbsbeteiligung von Frauen deutlich niedriger als in vielen westeuropäischen Ländern.

Befragungen zeigen, dass in den alten Bundesländern bei 77 Prozent aller Paare mit Kindern unter drei Jahren allein der Mann erwerbstätig ist. Wirklich gewünscht wird eine solche Ernährer-Hausfrau-Familie allerdings nur von 14 Prozent dieser Paare. (Rürup/Gruescu 2005) Was fehlt, sind Hilfen bei der Kinderbetreuung und im Haushalt. Sie sind hierzulande schwer zu beschaffen und so teuer, dass es für Mütter wirtschaftlich oft unsinnig wäre, arbeiten zu gehen. Der organisatorische und finanzielle Aufwand für die Betreuung von Kindern und Haushalt ist größer als das zusätzliche Einkommen.

Die Berechnungen für die Studie Unternehmen Familie zeigen, dass sich dieses Verhältnis umkehren würde, wenn Dienstleistungen im Haushalt unbegrenzt steuerlich absetzbar wären und wenn gleichzeitig die Sozialabgaben auf diese Tätigkeiten halbiert würden. Eltern hätten es dann leichter, Familie und Beruf zu vereinbaren. Dann nämlich würde sich eine Vollzeiterwerbstätigkeit für all jene Mütter lohnen, die aufgrund ihrer Qualifikation mehr als 99,50 Euro (brutto) pro Tag verdienen könnten. Bereits heute sind das etwa 30 Prozent aller nicht, oder nicht Vollzeit erwerbstätigen Frauen. Geht man langfristig davon aus, dass Frauen immer seltener schlechter bezahlte Berufe ergreifen, könnten über einen Zeitraum von 40 Jahren 3,3 Millionen gut qualifizierte Frauen zusätzlich ihren Beruf ausüben. Gleichzeitig entstünde ein erheblicher Bedarf an Dienstleistungen in Privathaushalten. Und diese Jobs böten wiederum Chancen für geringer qualifizierte Menschen, die heute überproportional unter Arbeitslosigkeit leiden. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt würde jährlich um 0,21 Prozent stärker wachsen als ohne diese zusätzlichen Erwerbstätigen das wäre fast ein Fünftel des realen Wirtschaftswachstums im Jahr 2005.



Quelle: Robert Bosch Stiftung (2006): Unternehmen Familie. Studie von Roland Berger Strategy Consultants im Auftrag der Robert Bosch Stiftung:
www.bosch-stiftung.de/download/Prognos_Berger_Unternehmen_Familie_Studie.pdf

Wo mehr Frauen arbeiten, gibt es tendenziell mehr Kinder
Erwerbstätigenquote von Frauen (25 bis 59 Jahre) und Gesamtfertilität in Westeuropa (2003*)

*Wert der Erwerbstätigenquote für Island von 2002
Korrelationskoeffizient Erwerbstätigenquote von Frauen/Gesamtfertilität=0,62
Quelle: Eurostat, Berlin-Institut



Junge Frauen in Industrienationen sind heute weit besser ausgebildet als die Generation ihrer Mütter. Kein Wunder, dass sie deshalb auch einem Beruf nachgehen wollen. Gleichzeitig aber wünschen sie sich mehrheitlich eine Familie. Deshalb haben Länder, die vielen Frauen eine Erwerbstätigkeit ermöglichen, tendenziell auch höhere Kinderzahlen. In Deutschland kollidieren moderne Lebensansprüche junger Männer und Frauen häufig mit einer Steuer- und Familienpolitik, die noch immer auf das Modell Ernährer und Hausfrau setzt. Auch deshalb bleibt in Deutschland schätzungsweise ein Drittel aller Frauen kinderlos.

 

   
     
 

Gotteshäuser im Schlussverkauf
Der demografische Wandel macht im Ruhrgebiet ein Drittel aller Kirchen überflüssig

Im Bistum Essen sollen in den kommenden Jahren mehr als 100 Kirchen vermietet, verkauft oder abgerissen werden, weil es für sie keinen Bedarf mehr gibt. Damit verliert im Ruhrgebiet ein Drittel der sakralen Immobilien seine eigentliche Bestimmung. Hintergrund ist der demografische Wandel, der zu dramatisch schwindender Nachfrage nach kirchlichem Beistand führt.

Essen, der flächenmäßig kleinste katholische Pfarrbezirk Deutschlands büßte im vergangenen Jahrzehnt im Mittel jährlich 18.000 Mitglieder ein die Stärke von fünf Kirchgemeinden. Der Schwund stürzt das Ruhrbistum in eine Existenz bedrohende Krise. Im Jahr 2004 musste der Pfarrbezirk seine letzten finanziellen Rücklagen auflösen, 2005 war bereits ein Kredit in Höhe von 41 Millionen Euro fällig, um die laufenden Ausgaben zu decken. Bis 2009 müssen deshalb 70 Millionen Euro im Bistums-Haushalt eingespart werden. Dazu werden die ursprünglich 260 Pfarreien zu nur noch 40 Kirchgemeinden zusammengelegt, Personal abgebaut, Zuschüsse an den kircheneigenen Wohlfahrtsverband Caritas gekürzt und etwa 100 kirchliche Kindergärten geschlossen.

Einst gegründet, um die Katholiken der prosperierenden Schwerindustrieregion besser mit kirchlichen Dienstleistungen zu versorgen, entziehen Abwanderung, Überalterung und der wirtschaftliche Niedergang der Region dem Ruhrbistum immer mehr zahlende Gläubige. Zahlreiche ältere Katholiken versterben, doch neue Kirchenmitglieder kommen wegen der geringen Geburtenraten kaum hinzu. Zudem treten jährlich etwa 5.000 Mitglieder aus ihrer Kirche aus. Die Kirchensteuer der verbliebenen Schäfchen reicht wegen der anhaltend hohen Arbeitslosigkeit im Ruhrgebiet längst nicht mehr aus, die Kirche zu finanzieren. Von den im Ruhrbistum verbliebenen 950.000 Katholiken eine halbe Million weniger als in den 1950er Jahren zahlt lediglich ein Drittel überhaupt etwas in die Kirchenkassen ein. Viele der besser Verdienenden sind längst in Eigenheimsiedlungen des Sauer- oder des Münsterlandes abgewandert. Geblieben sind vor allem sozial Schwache und eine wachsende Zahl von Menschen muslimischen Glaubens

Wenngleich der demografische Wandel das Ruhrbistum mit besonderer Härte trifft, steht der Bischof von Essen nicht allein vor schwierigen Entscheidungen. Zwischen 1990 und 2003 verlor die evangelische Kirche in Deutschland 3,6 Millionen, die katholische 2,4 Millionen Mitglieder. Die Zahl der kirchlichen Trauungen halbierte sich und heute werden etwa ein Drittel weniger Kinder getauft als noch im Jahr der Wiedervereinigung. Schätzungen zufolge müsste bereits heute jede zehnte Kirche in Deutschland verkauft werden.

Keine Probleme macht dem Ruhrbistum sein pastorales Kernpersonal. Es reduziert sich von selbst. Gegenwärtig gibt es im Essener Pfarrbezirk 317 Priester. 192 davon sind älter als 50 Jahre. Bliebe es, wie gegenwärtig, bei einer jährlichen Weihe von zwei neuen Priestern, würde die Priesterschaft bis 2020 aus demografischen Gründen um mehr als ein Viertel abnehmen.



Ein Drittel weniger
Mitgliederentwicklung der katholischen Kirche im Bistum Essen 1960 bis 2004

Datengrundlage: Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland



Als Papst Pius XII im Jahr 1957 den ersten Bischof des neu gegründeten Bistums Essen ernannte, wollte er im ständig wachsenden Ballungsraum Ruhrgebiet die Kirche näher zu den Menschen bringen. Vorher verliefen die Diözesangrenzen der Bistümer Paderborn, Köln und Münster quer durch die Städte des Ruhrgebietes. Doch schon bald gerieten Kohle und Stahl in die Krise, der Drang der Mittelschicht ins Grüne tat ein Übriges. Seit 1962 verliert das Ruhrbistum fast ohne Unterbrechung Mitglieder bis 2004 insgesamt 548.000.



Mehr zum demografischen Wandel in Deutschland und seinen Auswirkungen auf die Regionen lesen Sie in der neuen Studie des Berlin-Instituts Die demografische Lage der Nation.

 

   
 

 

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