"Bildung hat gesellschaftlich immer mehr an Wert verloren - und war am Ende nichts mehr wert"
Interview mit Amine Sami Ben Sassi, tunesischer Gynäkologe und Internetaktivist
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Kinderkriegen: die häufigste Todesursache bei Frauen in Subsahara-Afrika
Gutscheine für medizinische Leistungen und Verhütung könnten in Entwicklungsländern das Leben vieler Frauen und Kleinkinder retten
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In eigener Sache
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"Bildung hat gesellschaftlich immer mehr an Wert verloren - und war am Ende nichts mehr wert"
Interview mit Amine Sami Ben Sassi, tunesischer Gynäkologe und Internetaktivist

Amine Sami Ben Sassi (geb. 1967 in Paris) ist in Tunis (Tunesien) aufgewachsen und lebt dort. Er arbeitet als Gynäkologe und engagiert sich unter anderem in einer Nichtregierungsorganisation (non-governmental organisation, NGO) für die Bekämpfung von Aids. Seit Beginn der Revolution betätigt er sich außerdem als Internetaktivist und Blogger. Im Februar 2011 gründete er die NGO "Tunisian Citizenship Association ACT Think and Decide", der er als Präsident vorsteht. Diese setzt sich für die kulturelle und ökonomische Entwicklung Tunesiens ein, um so den Demokratisierungsprozess voranzubringen. Darüber hinaus ist Ben Sassi seit März 2011 unabhängiges Mitglied in der "Hohen Instanz für die Errungenschaften der Revolution, politische Reformen und demokratischen Übergang" ("Haute Instance pour la réalisation des objectifs de la Révolution, de la réforme politique et de la transition démocratique").

"Arabischer Frühling" oder "Jasminrevolution": So werden die Revolutionen in Tunesien, Ägypten und den anderen nordafrikanischen Staaten in Deutschland bezeichnet. Sie stören sich an dem Begriff - warum?

Was soll das heißen: "Frühling"? Die europäischen Länder benutzen immer Wörter, um das, was vorfällt, zu beschönigen. In den arabischen Ländern mag niemand diese Bezeichnungen. Das Bild passt nicht, das Ganze ist eine sehr ernste Sache, es ist eine Revolution für Freiheit und Würde. Und in Tunesien läuft es noch gut im Vergleich zu den Nachbarstaaten. In Libyen gab es bereits im Februar 10.000 Tote, bis heute ist die Zahl auf vielleicht 15.000 gestiegen. In Bahrain half Saudi Arabien dem Regime, den Widerstand zu unterdrücken, über Jemen wissen wir nichts, in Syrien kämpfen die Bürger tagtäglich für ihre Rechte, obwohl die Machthaber die Repressionen verstärkt haben, und immer noch sterben jeden Tag viele Menschen. Und auch in Ägypten ist die Lage kompliziert: Das Militär hat die Macht übernommen, noch ist das Land keine stabile Demokratie, der Ausgang ist offen.

Was ist das größte Problem beim Übergang von einer Diktatur und von der Revolution zur Demokratie?

Der Krebs ist überall: Die Institutionen waren fast alle korrupt. In Tunesien hat das Volk dem Monster den Kopf abgeschlagen, Ben Ali und sein Clan sind weg. Aber das System besteht fort, seine Komplizen machen weiter. Es ist ähnlich wie in Deutschland nach dem Ende der DDR, wo viele Angehörige der Staatsicherheit ihre Posten behalten haben. In Tunesien sitzen noch viele der alten Machthaber an den Schaltstellen, viele Mechanismen funktionieren noch. Es wird Zeit, das zu ändern. Das wird nicht leicht werden, aber ich vertraue darauf, dass die Zivilgesellschaft das schaffen wird. Die Menschen sind aufgewacht. Die Revolution hatte keinen Anführer, sie ist das Werk der Bürgerinnen und Bürger, und wir werden weitere Veränderungen im Land durchsetzen.

Im Januar starb Mohamed Bouazizi, ein junger Akademiker, der sein Geld als Gemüsehändler verdiente, an seinen Verletzungen. Er hatte sich im Dezember 2010 aus Protest gegen die Politik und die Korruption selbst angezündet. Das war offenbar der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte - wieso?

Mit ihm konnten sich so viele identifizieren, weil sie jeden Tag überall der Korruption begegneten. Es zählte nicht, wer du bist, was du gelernt, was du studiert hast, sondern nur, welche Beziehungen du hast, ob du die alten Machthaber bezahlt hast oder nicht. In Tunesien haben sich die Werte verändert in den letzten 20 Jahren. Bildung hat gesellschaftlich immer mehr an Wert verloren - und war am Ende nichts mehr wert.

Woran hat man das gemerkt?

Ich bin Arzt und habe in den letzten Jahren meinen Lebensstandard immer mehr senken müssen, aber ich wohne immerhin noch in einer schönen Gegend - und ich habe jeden Tag immer mehr neue Leute in meiner Nachbarschaft gesehen, darunter sehr Reiche. Jetzt habe ich gehört, dass das Verwandte der Frau von Zine el-Abidine Ben Ali waren, dem tunesischen Staatsoberhaupt, oder dass sie dem Regime anders nahe standen. In Tunesien hören wir seit der Revolution jeden Tag solche Geschichten - und wir verstehen, dass sie jahrelang auf unsere Kosten gelebt haben. Aber mir geht es noch gut im Vergleich zu den Menschen auf dem Land: Dort liegt die Arbeitslosigkeit zum Teil bei 40 oder gar 50 Prozent, die Menschen sind oft sehr arm - trotz Abitur und vier oder fünf Jahren Studium. Gleichzeitig ist das Bildungssystem über die Jahre immer schlechter geworden, in der Schule wurden die Noten verschenkt, um Tunesiens Image von einer gut ausgebildeten Nation aufrechtzuerhalten. Und die jungen Menschen haben beispielsweise wichtige Grundlagen im medizinischen Studium nicht mehr gelernt.

Angeblich ist rund ein Viertel der tunesischen Bevölkerung bei Facebook angemeldet. Welche Rolle haben die neuen Medien wie Facebook oder Twitter bei der Revolution gespielt?

Eine große, Facebook ist sehr verbreitet in Tunesien - sogar in ländlichen Gegenden besteht überall Internetzugang, durchaus erschwinglich. Aber auch Wikileaks war sehr wichtig. Dadurch haben wir in Tunesien schon Ende des letzten Jahres erfahren, dass die US-Amerikaner wussten, dass das System verbrecherisch war - und dass sie nichts dagegen getan haben. Europa hat sich nicht viel besser verhalten. Deutschland hat immerhin durch die politischen Stiftungen die Revolution im Hintergrund ein klein bisschen unterstützt.

Wie haben Sie selbst die Anfänge der Revolution erlebt, wann sind Sie zum Internet-Aktivisten geworden?

Drei Tage, nachdem Bouazizi sich angezündet hatte, war ich nur noch im Internet, auf Facebook und Twitter. Ich habe alles, was ich mitbekommen habe, was die Polizei unternimmt, im Internet verbreitet. Ich hatte niemanden, der mich vor dem Regime hätte schützen könnte, deshalb habe ich Freunden in Europa mitgeteilt, dass ich jetzt politisch aktiv sein werde, damit sie wissen, was los ist, wenn ich plötzlich verschwinden sollte. Ich habe tags als Arzt gearbeitet, dann war ich wieder nur im Internet, fast die ganze Nacht lang. Es macht süchtig, es ist wie eine Krankheit: You "share" everything, du "teilst" alles: Texte, deine Ideen, deine Meinungen zu den Ereignissen. Ich wusste, dass andere nachahmen würden, was ich mache - und dass die Revolution nicht mehr aufzuhalten war. Aber bis zum 14. Januar hatte ich nicht geglaubt, dass wir Erfolg haben würden. Die riesige Beteiligung an der Demonstration in der Hauptstadt Tunis, das war eine Überraschung für uns alle.

Tunesien hat rund 10,5 Millionen Einwohner. Vermutlich nutzen nicht alle Teile der Bevölkerung das Internet gleichermaßen. Mit wem haben Sie über Facebook und andere soziale Plattformen kommuniziert?

Vor allem junge Menschen zwischen 15 und 40 Jahren, Menschen aus dem Inland und aus den Küstenregionen, aus der Stadt und vom Land, Frauen und Männer.

In den Ländern Nordafrikas beteiligen sich die Frauen massiv an den Revolutionen und ernten dafür Anerkennung. Dennoch sind Frauen und Männer in den arabischen Ländern nicht gleichberechtigt - wie ist es in Tunesien?

Innerhalb der arabischen Welt haben Frauen in Tunesien die meisten Rechte. Dass Frauen beispielsweise nicht Auto fahren dürfen, wie in Saudi Arabien, das ist für Tunesier eine absurde Vorstellung. Die Frauen sind den Männern etwa bei Eheschließung, Scheidung und Sorgerecht gleichgestellt, Polygamie ist verboten. Und Abtreibung etwa ist schon seit 1973 uneingeschränkt für alle Frauen legal - in Frankreich dagegen ist sie erst seit 1975 erlaubt, in Polen ist sie noch heute verboten. Für mich als Gynäkologe ist das ein sehr wichtiges Recht: Jede Frau muss selbst entscheiden können, ob sie schwanger sein und ein Kind bekommen will oder nicht.

Das scheint ja zu klappen. Schon das nationale Familienplanungsprogramm in den 1950er Jahren war sehr erfolgreich. In der Folge wurde nicht nur die Abtreibung legalisiert und das gesetzliche Mindestalter für Heiraten angehoben, sondern auch die Bevölkerung über Familienplanung aufgeklärt. Das alles hat die durchschnittliche Kinderzahl je Frau, die in den 1960er Jahren noch bei über sieben lag, den Vereinten Nationen zufolge auf 1,9 gesenkt. Das ist der niedrigste Wert der Region - und entspricht der durchschnittlichen Kinderzahl in Schweden. Frauenrechte und der Zugang zu Verhütungsmitteln stehen in Tunesien also keinesfalls im Widerspruch zur Religion, wie es andere islamisch geprägte Gesellschaften suggerieren?

Nein, auf gar keinen Fall. Allerdings finden Sie auf der Straße keinen Kondomautomaten. Ich engagiere mich auch gegen Aids und habe mich mit einer NGO für Kondomautomaten eingesetzt. Aber die sind verboten, weil sie angeblich im Widerspruch zu unseren gesellschaftlichen Werten stehen und wie eine Aufforderung zum Sex wirken.

Tunesien ist weiter entwickelt als die meisten seiner Nachbarstaaten, die Lebenserwartung ist höher als überall sonst in der Region, die Kindersterblichkeit mit Abstand am niedrigsten. Dennoch mangelte es an "good governance", an einer guten Regierungsführung. Korruption behindert Entwicklung, und die Bevölkerung wehrte sich mit der Revolution gegen diese Ungerechtigkeit. Auf dem Land haben nur rund zwei Drittel der Bevölkerung Zugang zu sanitärer Grundversorgung, das ist in etwa der Durchschnittswert von Entwicklungsländern. Die Preise für Lebensmittel und Energie sind gestiegen - wie ausschlaggebend war die Armut in Tunesien für die Revolution?

Die Armut ist ein Problem, auch wenn in Tunesien niemand vor Hunger stirbt. In den Städten ist der Lebensstandard höher, und auf dem Land halten die Familien zusammen und helfen sich. Aber keine Arbeit, kein Geld zu haben, ist eine verbreitete Erfahrung. Die Mittelschicht hatte immer mehr zu kämpfen, nur die Reichen wurden immer reicher.

Die Arbeitslosigkeit liegt bei etwa 14 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit sogar um die 30 Prozent. Welche Reformen sind in Tunesien nach der Revolution nötig, um Stabilität im Land herzustellen?

Deutschland und andere Länder wollen Tunesien dabei unterstützen, demokratische Strukturen aufzubauen. Das ist wichtig, aber Geld allein reicht nicht. Die alten Strukturen sind noch da, deswegen muss der Demokratisierungsprozess überwacht werden. Finanzhilfe muss einhergehen mit Überwachung und Garantie für Menschenrechte, für die demokratischen Grundlagen.

Haben nicht viele Tunesierinnen und Tunesier Bedenken, dass sich andere Staaten zu sehr einmischen und vielleicht wieder diejenigen unterstützen, von denen sie sich am meisten für die eigene Wirtschaft versprechen - statt für die tunesische Bevölkerung?

Doch, solche Vorbehalte gibt es, aber ich selbst halte die Überwachung des Demokratisierungsprozesses für unerlässlich. Denn in Tunesien gibt es Leute, die die Religion als Vorwand für politische Zwecke verwenden. Es ist eine gefährliche Situation, Radikale könnten die instabile Lage ausnutzen oder die alten Machthaber erneut die alten Positionen besetzen, wenn das Ausland nicht eingreift. Die in Tunesien entstehende Demokratie ist momentan doppelt gefährdet.

Fast ein Viertel der Bevölkerung ist unter 15 Jahre alt, nur sieben Prozent sind 65 oder älter. Die vielen Menschen im Erwerbsalter könnten die Produktivität enorm erhöhen. Wenn es Tunesien rasch gelingt, die Korruption einzudämmen, den Bildungsstand zu sichern und Arbeitsplätze zu schaffen, könnte das Land weitere entscheidende Fortschritte machen. Wie schätzen Sie die Chancen dafür ein?

Ich weiß es nicht. Das hängt von den Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung ab, die am 23. Oktober stattfinden werden. Wenn wir erst einmal eine echte Demokratie haben, werden wir die Krise bewältigen. Ich vertraue dem tunesischen Volk. Wir haben zwar keine Bodenschätze, aber wir haben mit der friedlichen Revolution gezeigt, dass wir stark und klug sind.

Sind die jungen Menschen, die jetzt gut ausgebildet und arbeitslos sind, motiviert genug, um sich an diesem mühsamen Demokratisierungsprozess zu beteiligen? Oder werden nicht viele von Ihnen nach Europa gehen, dort arbeiten und erst zurückkehren wollen, wenn in Tunesien eine funktionierende Demokratie herrscht?

Ja, es gibt einige, die Tunesien im Stich lassen. Sie sind unpolitisch, nicht engagiert genug. Die nutzen jetzt, dass die Kontrolle des alten Systems weg ist und versuchen, ihre Träume zu leben. Aber damit fallen sie nur auf die Darstellung Europas im Fernsehen herein, auf die Werbung. Das echte Leben sieht anders aus, auch in Europa.

Tunesien hat ja nicht nur die Probleme im eigenen Land zu bewältigen, sondern ist auch noch mit den Ereignissen in den Nachbarstaaten konfrontiert. Wie stehen die Tunesier den Flüchtlingen aus Libyen gegenüber - Schätzungen der International Organization for Migration zufolge knapp 266.000 bis Anfang Juli 2011?

Tunesien hat ihnen geholfen und hilft immer noch, hunderte Tunesier engagieren sich und haben beispielsweise Blut gespendet, Essen, Medikamente und Geld gesammelt. Diese Aktionen laufen weiter, trotz der instabilen Lage und schwierigen Situation. Die Vereinten Nationen und internationale NGOs haben die Hilfe zwar unterstützt, aber das reicht nicht. Die Flüchtlinge sind auf den Einsatz der Tunesier angewiesen - und ich bin stolz darauf, dass diese Hilfe leisten. Alle Menschen sollten das tun! Die Europäer könnten dadurch auch das Bild verbessern, das sich die Menschen in den arabischen Ländern von ihnen machen, die Glaubwürdigkeit und das Image der Europäischen Union als Beschützerin der Menschenrechte stärken. Das würde neue Brücken für den Dialog bauen, das gegenseitige Verständnis verbessern - und auch dazu beitragen, verschiedene Formen von Extremismus einzudämmen.

Das Interview führte Margret Karsch.
Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut) erlaubt.

 

Kinderkriegen: die häufigste Todesursache bei Frauen in Subsahara-Afrika
Gutscheine für medizinische Leistungen und Verhütung könnten in Entwicklungsländern das Leben vieler Frauen und Kleinkinder retten

Während in entwickelten Ländern die Geburt eines Kindes zumeist ein fröhliches und hoffnungsvolles Ereignis darstellt, ist sie für Frauen in vielen ärmeren Ländern darüber hinaus ein lebensgefährlicher Vorgang. Folgende Zahlen zeigen es: Jedes Jahr sterben weltweit über 500.000 Frauen in Folge einer Schwangerschaft oder Geburt. 99 Prozent der Sterbefälle werdender Mütter betreffen Frauen in Entwicklungsländern - und dort vor allem jene, die in einem afrikanischen Land südlich der Sahara leben. In dieser ärmsten Region der Welt finden mehr als die Hälfte aller Sterbefälle statt. Das lebenslange Risiko einer Frau, im Zuge einer Schwangerschaft oder Geburt zu sterben, liegt dort bei eins zu 22 - in den entwickelten Ländern nur bei eins zu 6.000. Wenn Frauen also wie etwa in Niger im Mittel sieben Kinder bekommen, bedeutet dies für jede dritte Frau den Tod. Damit ist Kinderkriegen in Subsahara-Afrika heute die häufigste Todesursache unter Frauen zwischen 15 und 49 Jahren.

Nicht nur die Frauen gehen mit jeder Schwangerschaft ein hohes Risiko ein. Auch ihre Kinder werden in lebensgefährliche Verhältnisse geboren. Neun Millionen Kinder unter fünf Jahren sterben jährlich in Entwicklungsländern, mehr als die Hälfte von ihnen auf dem afrikanischen Kontinent. Die Säuglingssterblichkeit liegt in den Ländern südlich der Sahara der Weltbank zufolge bei 81 Kindern pro 1.000 Lebendgeburten - in der Demokratischen Republik Kongo, dem Land mit der höchsten Säuglingssterblichkeit in der Region, sind es sogar 126. In Deutschland dagegen sterben im Schnitt weniger als vier Kinder pro 1.000 Lebendgeburten in ihrem ersten Lebensjahr.

Dabei hat die internationale Staatengemeinschaft die Probleme schon seit längerem erkannt. Sowohl die Reduzierung der Kindersterblichkeit wie auch die der Müttersterblichkeit stellen eigenständige Punkte unter den acht im Jahr 2000 formulierten Entwicklungszielen dar. Bis 2015 soll die Kindersterblichkeit gegenüber dem Jahr 1990 um zwei Drittel und die Müttersterblichkeit um drei Viertel gesenkt werden, so der ehrgeizige Plan. Doch gerade bei der Bekämpfung der Müttersterblichkeit zeigen sich in Subsahara-Afrika kaum Erfolge. In einigen Ländern, darunter die Demokratische Republik Kongo, Kenia und Simbabwe, lag die Müttersterberate im Jahr 2008 sogar höher als im Ausgangsjahr 1990.

Senkung der Müttersterblichkeit schon mit einfachen Mitteln möglich

Viele dieser mütterlichen Todesfälle wären recht einfach zu vermeiden. Allein eine Verbesserung der hygienischen und medizinischen Begleitumstände bei Schwangerschaft und Geburt könnte etliche Menschenleben retten. Hebammen und Krankenschwestern können starke Blutungen stoppen, auf die insgesamt mehr als ein Drittel der Müttersterbefälle zurückzuführen ist. Doch in vielen Ländern Subsahara-Afrikas ist es an der Tagesordnung, dass Frauen ihre Kinder allein oder im Kreis der Familie zu Hause zur Welt bringen. Oft auch deshalb, weil das nächste Krankenhaus weit entfernt ist oder sie eine Hebamme nicht bezahlen können. Am schlechtesten steht es um die Betreuung von Geburten in Äthiopien: Etwa 94 Prozent der äthiopischen Mütter entbinden ohne fachliche Hilfe.

Maßgeblichen Einfluss auf die vielen Sterbefälle haben aber auch die hohe Anzahl der Geburten und der kurze Abstand zwischen ihnen, wodurch Mütter und Kinder geschwächt werden. Im Schnitt bekommt eine Frau in Subsahara-Afrika 5,2 Kinder. Das Risiko der Müttersterblichkeit ist zweieinhalb Mal höher, wenn zwischen Geburt und erneuter Schwangerschaft weniger als fünf Monaten liegen.

Dabei ist die Anzahl der ungewollten Schwangerschaften extrem hoch. Schätzungen zufolge fehlt 35 Millionen Frauen in Subsahara-Afrika der Zugang zu Verhütungsmitteln - sei aus finanziellen, logistischen oder sozialen Gründen. Das ist auf die einzelnen Länder gerechnet zwischen einem Drittel und einem Fünftel aller verheirateten Frauen zwischen 15 und 49 Jahren.

Gutscheine für Gesundheit

In Kenia ist es durch ein Gutscheinsystem gelungen, ungewollte Schwangerschaften zu verringern und die Überlebenschance von Müttern zu verbessern. Für etwas mehr als einen US-Dollar können von Armut betroffene Kenianerinnen einen Gutschein für Familienplanungsangebote kaufen, der von der Beratung über verschiedene Verhütungsmittel bis hin zum Krankenhausaufenthalt wegen einer Sterilisation alles umfasst.

Die Gutscheine gibt es auch für eine professionelle Schwangerschaftsbetreuung inklusive Geburtshilfe und wenn nötig Kaiserschnitt sowie Nachsorge für Mutter und Kind nach der Geburt. Bei Komplikationen können durch den Gutschein weitere Leistungen in Anspruch genommen werden, ohne dass für die betroffene Familie zusätzliche Kosten entstehen. Dadurch können die Gutscheine Frauen das Leben retten, die sich sonst keine medizinische Hilfe leisten können. Finanziert wird das Programm durch die deutsche KfW-Entwicklungsbank, die eng mit der kenianischen Regierung zusammenarbeitet. Die Gutscheine gibt es in Kenia schon seit fünf Jahren. Sie könnten auch in anderen afrikanischen Ländern einen effektiven Beitrag dazu leisten, die Müttersterblichkeit zu senken.

Probleme mit der medizinischen Versorgung und fehlender Zugang zu Verhütung
Angaben in Prozent

Die Versorgung mit reproduktiven Gesundheitsdienstleistungen und der Zugang zu Verhütungsmethoden unterscheiden sich von Land zu Land. Große Defizite in allen Bereichen bestehen beispielsweise in Äthiopien, während in Botsuana die medizinische Betreuung Schwangerer vor allem bei der Geburt relativ gut gewährleistet ist. Es gibt aber offensichtlich weiter Barrieren gegenüber modernen Verhütungsmethoden, denn der Anteil an Frauen, die mit modernen Mitteln verhüten, ist in den meisten Ländern Subsahara-Afrikas gering (Datengrundlage: Population Reference Bureau).

Literatur / Links

Ndungu, Nancy (2011): Gezahlt wird später. In: Entwicklung und Zusammenarbeit 52/5, S. 210-211.

Population Reference Bureau (2011): Datafinder. www.prb.org.

Population Reference Bureau (2010): Family planning saves lives. 4th Edition. Washington.www.prb.org.

United Nations (2010): The Millennium Development Goals Report 2010. New York. www.un.org.

United Nations Statistics Division/ Department of Economic and Social Affairs (2011): Millennium Development Goals Indicators. The official United Nations site for the MDG Indicators. http://unstats.un.org.

World Bank (2011): World Development Indicators. www.worldbank.org.

 

In eigener Sache
Neu im Online-Handbuch Demografie

"Demenz in Deutschland, Österreich und der Schweiz"

von Sabine Sütterlin

Der Begriff Demenz leitet sich von dem lateinischen Wort dementia ab und bedeutet wörtlich "ohne Verstand". Früher fiel darunter jede Art von geistiger Störung, heute bezeichnet Demenz eine ganze Gruppe von Krankheitsbildern, bei denen wichtige Gehirnfunktionen wie Gedächtnis, Orientierung, Sprache und Lernfähigkeit nach und nach unwiederbringlich verloren gehen. Die Alzheimer-Krankheit ist eine der möglichen Formen von Demenz. Sie macht mit rund zwei Dritteln aller Fälle den Hauptanteil unter den verschiedenen Formen aus.

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Der Beitrag "Geschlechterrollen und Fertilität" von Mirjam Hägele und Margret Karsch liegt jetzt in aktualisierter Fassung vor.

Mädchen und Frauen sind in den meisten Ländern nach wie vor benachteiligt. Zwei Drittel aller Analphabeten weltweit sind Frauen - insgesamt 584 Millionen. Mehr als 40 Prozent der Frauen in Afrika haben keine Grundschule besucht. Nicht anders verhält es sich auf dem Ar-beitsmarkt: Weltweit erhalten Frauen im Durchschnitt nur zwischen 50 und 80 Prozent der Bezahlung, die Männer bekommen. Auch in der politischen Teilhabe schneiden Frauen schlecht ab. Nur 19 Prozent aller Sitze in nationalen Parlamenten waren im Jahr 2010 mit Frauen besetzt. Armut verstärkt die Benachteiligung von Mädchen und Frauen zusätzlich.

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Der Beitrag "Deutschlands Integrationspolitik" von Iris Hoßmann und Margret Karsch liegt nun auch in englischer Sprache vor: "Germany's Integration Policy".

Is Germany a country of immigration? Until a few years ago, the German government had responded with a "no." Although the country experienced some waves of immigration and the size of the population with a foreign background continued to grow, the changing German government still maintained that the so-called guest workers would eventually return to their home countries. After decades of residency, they had established lives for themselves and their families, even though there had been no political action to try and integrate some 16 million migrants. These migrants were comprised of three different generations and nothing was done to try and make their arrival into their new home country any easier.

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Ausgabe 122, 27. Juli 2011

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