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Ausgabe 120, 29. Juni 2011

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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Umbruch in der arabischen Welt
Trotz guter Ausbildung sind junge Ägypter häufig arbeitslos

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Deutschland als Ziel von EU-Arbeitsmigranten
Welche Folgen haben die Regelungen der Arbeitnehmerfreizügigkeit für Zuwanderer aus den mittel- und osteuropäischen EU-Mitgliedsstaaten für den Arbeitsmarkt?

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Umbruch in der arabischen Welt
Trotz guter Ausbildung sind junge Ägypter häufig arbeitslos

Den Anfang nahmen die Unruhen in der arabischen Welt in Tunesien, ausgelöst durch die Selbstverbrennung eines jungen Obsthändlers. In seinem eigentlichen Beruf als studierter Informatiker fand der 26-jährige Mohammed Bouazizi keinen Job, er schlug sich mit einem Verkaufsstand durch. Als die Polizei wieder einmal seine Ware beschlagnahmte, weil er keine Genehmigung als Obstverkäufer besaß, verzweifelte er. Viele junge Araber, die trotz oder gerade wegen ihrer guten Bildung besonders häufig arbeitslos sind, konnten offenbar seine Frustration und Wut nachempfinden. Deshalb gilt diese Begebenheit als der Funke, an dem sich die Konflikte in der Region entzündeten.

Die Geschwindigkeit, mit der sich die Proteste über Ländergrenzen hinweg ausdehnten, überraschte viele. Ganz ohne Vorwarnung kam der politische Umbruch jedoch nicht. Die demografischen Verhältnisse in der Mehrheit der arabischen Länder deuteten auf eine solche Entwicklung hin. Ein großer Jugendanteil, ein steigendes Bildungsniveau und eine hohe Jugendarbeitslosigkeit sind typisch für die meisten arabischen Länder und erhöhen nach Ansicht von Demografen die Wahrscheinlichkeit, dass Konflikte entstehen.

Auf den Bildungshunger folgt der Wunsch nach Arbeit - und einer modernen Gesellschaft

Auch in Ägypten leben viele junge, gut ausgebildete Menschen - ohne Jobs. Das Land am Nildelta hat in den letzten 50 Jahren eine rasante Bevölkerungsentwicklung erlebt. Zwischen 1960 und 2010 hat sich die Bevölkerung auf über 85 Millionen Menschen verdreifacht. Die durchschnittliche Kinderzahl je Frau sank in den letzten 50 Jahren zwar deutlich, ist aber mit einem Wert von 2,85 weiterhin auf einem hohen Niveau und prägt die Altersstruktur der ägyptischen Gesellschaft stark. Über die Hälfte der Bevölkerung ist unter 25, etwa ein Drittel der Bevölkerung ist sogar unter 15 Jahre alt. Der Anteil potenzieller Erwerbstätiger in der Bevölkerung ist ebenfalls hoch: Diejenigen, die im produktiven Alter zwischen 15 und 64 Jahren sind, stellten 2008 rund 62 Prozent der Gesamtbevölkerung - zehn Jahre zuvor lag ihr Anteil noch bei 55 Prozent.

Eine echte Pyramide
Altersstruktur der Bevölkerung Ägyptens 2008

Die Bevölkerungspyramide Ägyptens zeigt einen typischen Verlauf für Länder mit einer relativ hohen Fertilität in jüngster Vergangenheit. Der Anteil der Ägypter, die jünger als 30 Jahre alt sind, liegt bei rund 63 Prozent. Beinahe 62 Prozent der Bevölkerung sind zwischen 15 und 64 Jahre alt, älter als 64 Jahre sind nur gut vier Prozent. Sowohl der Anteil der Erwerbsfähigen als auch der Älteren an der Gesamtbevölkerung ist in den vergangenen zehn Jahren gewachsen (Egypt Demographic and Health Survey 2008).

Nicht nur die Zahl der potenziellen Erwerbstätigen auf dem ägyptischen Arbeitsmarkt ist gestiegen, sondern auch ihre Qualifikation. Je jünger eine Generation ist, desto höher ist ihr Bildungsabschluss. Männliche Ägypter, die der Altersgruppe zwischen 20 und 24 Jahren angehören, sind im Schnitt rund elf Jahre zur Schule gegangen. Der Wert ist damit fast doppelt so hoch wie der ihrer Väter: 50- bis 54-jährige Ägypter haben die Schule nur etwa sechs Jahre lang besucht. Bei den ägyptischen Frauen ist die Verbesserung noch deutlicher sichtbar. So gingen jene, die heute zwischen 40 und 44 Jahre alt sind, im Durchschnitt noch weniger als vier Jahre lang zur Schule. Die 20- bis 24-Jährigen kommen mit fast elf Jahren Schule auf einen nahezu dreimal so hohen Wert. Damit liegen die Ägypterinnen dieser Altersklasse beinahe gleichauf mit ihren gleichaltrigen männlichen Mitbürgern. Der Bildungsunterschied zwischen ägyptischen Männern und Frauen hat von Generation zu Generation enorm abgenommen.

Die Verbesserung des ägyptischen Bildungssystems führt nicht nur dazu, dass junge Ägypter immer länger zur Schule gehen, sie schreiben sich auch vermehrt an einer Universität ein. Dabei verstärkte viele Jahre lang besonders die Kombination aus kostenfreiem Studium und der garantierten Anstellung im öffentlichen Sektor nach erfolgreichem Abschluss die Anreize zur universitären Ausbildung. So stieg der Anteil der Studierenden in Ägypten von zwölf Prozent im Jahr 1991 auf 29 Prozent im Jahr 2007. Der öffentliche Dienst gehört allerdings kaum zu jenen Branchen, mit denen sich die internationale Wettbewerbsfähigkeit Ägyptens verbessern lässt.

Immer mehr junge Ägypter erreichen einen hohen Bildungsabschluss
Bildungsabschluss nach Altersgruppen (Männer)

Die unterschiedliche Verteilung der Bildungsabschlüsse zwischen den einzelnen Altersgruppen zeigt eine eindeutige Entwicklung: Je jünger eine Bevölkerungsgruppe ist, desto höher ist ihr Bildungsabschluss. In der Altersgruppe der 65-Jährigen und Älteren hat eine deutliche Mehrheit von 59,7 Prozent nie eine Schule besucht. Bei den 45- bis 49-Jährigen und den Jüngeren stellen jene ohne Schulbildung nicht mehr die größte Gruppe. Von den 20- bis 24-Jährigen haben 71,5 Prozent mindestens eine weiterführende Schule besucht (Egypt Demographic and Health Survey 2008).

Junge Ägypterinnen schließen bei den Bildungserfolgen auf
Bildungsabschluss nach Altersgruppen (Frauen)

Die Verbesserung der Bildungsabschlüsse in den einzelnen Altersgruppen ist bei den ägyptischen Frauen im Vergleich zu den Männern noch stärker ausgeprägt. In der Altersgruppe 65 und älter hat eine überwältigende Mehrheit von 80,3 Prozent nie eine Schule besucht. Auch in der Gruppe 45- bis 49-Jährigen stellt diese Gruppe mit 50,5 Prozent noch eine absolute Mehrheit. Erst bei den Altersgruppen bis 29 Jahren haben sich die Zahlen denen des männlichen Teils der Bevölkerung angeglichen (Egypt Demographic and Health Survey 2008).

Ägypten verpasst die Chance, das Potenzial der Jugend zu nutzen

Aus demografischer Sicht sind die Voraussetzungen für eine wirtschaftlich positive Entwicklung Ägyptens gegeben. Denn zum einen ist der Anteil der Menschen im Erwerbsalter an der Gesellschaft gewachsen, und zum anderen erreichen immer mehr junge Ägypter einen hohen Bildungsabschluss. Beide Entwicklungen zusammen bilden eine gute Ausgangslage, um eine "demografische Dividende" einzufahren: Wenn die durchschnittliche Kinderzahl je Frau sinkt und sich der Schwerpunkt der Bevölkerung ins erwerbsfähige Alter verschiebt, muss der einzelne Erwerbstätige weniger zur Versorgung wirtschaftlich Abhängiger wie Kindern und älteren Menschen beitragen. Wenn der Staat weiter in die Ausbildung der nachfolgenden Generationen und in Arbeitsplätze mit höherer Wertschöpfung investiert, erhöht das die Wirtschaftskraft des Landes. In den 1990er Jahren trug die demografische Dividende rund ein Drittel zum wirtschaftlichen Wachstum der asiatischen "Tigerstaaten" bei.

Die demografische Dividende verlangt jedoch eine gezielte Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik. Nur wenn es gelingt, die volkswirtschaftlichen Strukturen den neuen demografischen Gegebenheiten anzupassen, kann der vorher geschaffen demografische "Bonus" als Dividende eingestrichen werden. In Ägypten drängen jedoch immer mehr junge und gut ausgebildete Menschen im erwerbsfähigen Alter auf einen Arbeitsmarkt, der ihnen nichts zu bieten hat. Damit sie Beschäftigung fänden, müssten im gleichen Umfang neue und den Qualifikationen entsprechende Jobs geschaffen werden. Dass dies in Ägypten bislang nicht gelungen ist, zeigen die Arbeitslosenzahlen ägyptischer Jugendlicher im Alter zwischen 15 und 29 Jahren.

Mit einem hohen Bildungsabschluss steigt die Aussicht auf einen Job nicht
Arbeitslosenquote ägyptischer Männer und Frauen im Alter von 15 bis 29 Jahren in Abhängigkeit von ihrer Ausbildung

Über alle Bildungsabschlüsse hinweg liegt die durchschnittliche Arbeitslosenquote bei den Männern bei 9,2 Prozent und bei den Frauen bei 26,5 Prozent. Die niedrigste Arbeitslosenquote haben Männer und Frauen mit keiner oder nur geringer Bildung. Bei höheren Bildungsabschlüssen liegt die Arbeitslosenquote deutlich über dem Durchschnitt. Bei den Männern haben jene mit einer Fachhochschul- oder universitären Ausbildung die höchste Arbeitslosenquote. Bei den Frauen ist die Arbeitslosenquote im Vergleich zu den Männern um ein Vielfaches höher. Dass die Arbeitslosenquote bei Frauen mit geringer Bildung eher niedriger ausfällt, liegt daran, dass sie mehrheitlich nicht auf Arbeitssuche sind (Population Council 2010).

Bildung allein reicht nicht - Ägyptens Wirtschaft braucht einen Entwicklungssprung

Auch wenn Bildung zu den Voraussetzungen für Entwicklung zählt: Ein höherer Bildungsabschluss vergrößert in Ägypten die Wahrscheinlichkeit, nach Beendigung einer Ausbildung arbeitslos zu sein. In der Altersklasse zwischen 15 bis 29 Jahren sind beinahe 43 Prozent der Frauen und gut 16 Prozent der Männer arbeitslos. Und es ist davon auszugehen, dass die wirklichen Zahlen zur Arbeitslosigkeit noch höher liegen, denn bei der Berechnung der Arbeitslosenzahlen fallen Arbeitslose, die über einen längeren Zeitraum keine Anstellung gefunden haben, aus der Statistik. Würden jene in die Berechnung mit einbezogen, ergäbe sich bei weiblichen Hochschulabgängern eine Arbeitslosenquote von fast 40 Prozent und bei männlichen eine von gut 22 Prozent. Auch die Arbeitslosenzahlen über alle Bildungsabschlüsse hinweg fielen dann deutlich höher aus.

Obwohl der Bildungsunterschied zwischen jungen ägyptischen Frauen und Männern in den letzten Jahren fast vollkommen verschwunden ist, hält die Benachteiligung der Frauen am Arbeitsmarkt weiterhin an. Die Aufhebung der Garantie, nach dem Abschluss eine öffentliche Stelle angeboten zu bekommen, traf in erster Linie weibliche Absolventen. Sie hatten bis dahin meist Stellen im öffentlichen Sektor erhalten.

Der Eintritt in den ägyptischen Arbeitsmarkt gestaltet sich für die meisten Ägypter also sehr schwierig. Betritt ein junger Absolvent das erste Mal den Arbeitsmarkt, dauert es im Schnitt sieben Jahre, bis er eine feste Anstellung bekommt. In den sogenannten entwickelten Ländern liegt die vergleichbare Zahl bei 1,4 Jahren. Die junge Generation trifft auf dem Arbeitsmarkt auf Strukturen, die der demografischen Entwicklung nicht gerecht werden. Der ägyptische Arbeitsmarkt verfügt weder über eine ausreichende Anzahl von Stellenangeboten, noch verlangen die vorhandenen Jobs so hohe Qualifikationen, wie die jungen Ägypter sie inzwischen besitzen. Das Potenzial, das sich aus der demografischen Entwicklung in Verbindung mit dem steigenden Bildungsgrad ergibt, wird nicht genutzt. Statt zu einer demografischen Dividende führt die Bevölkerungsentwicklung zu einer verbreiteten Frustration der jungen Ägypter. Die geringe wirtschaftliche und gesellschaftliche Teilhabe steigert bei ihnen das empfundene Ungleichgewicht zwischen ihrem Anspruch und der tatsächlich entgegengebrachten sozialen Wertschätzung. Besonders bei jungen Hochschulabsolventen ist die Enttäuschung groß, wenn die angestrebte erwartete gesellschaftliche Position nicht zu erreichen ist.

Sicherlich sind die Proteste und Unruhen in Ägypten nicht ausschließlich auf die demografische Entwicklung zurückzuführen, auf den gewachsenen Anteil Jugendlicher und Menschen im Erwerbsalter. Der Wunsch nach größerer politischer Teilhabe und nach demokratischeren Verhältnissen spielte ebenfalls eine wichtige Rolle, gerade bei den jungen Hochschulabsolventen. Doch im Gegensatz zu anderen Faktoren, die das Konfliktpotenzial einer Gesellschaft beeinflussen, lässt sich die Altersverteilung einer Gesellschaft über Jahre hinweg im Voraus berechnen. Die Politik hat also die Möglichkeit, sich darauf einzustellen und zu handeln.

Literatur/Links

Angel-Urdinola, Diego F.; Semlali, Amina (2010): Labor Markets and School-to-Work Transition in Egypt: Diagnostics, Constraints, and Policy Framework. München.

Apt, Wenke (2011): Aufstand der Jugend. Berlin.

El-Zanaty, Fatma; Way, Ann (2009): Egypt Demographic and Health Survey 2008. Kairo.

Kröhnert, Steffen (2006): Demografische Faktoren bei der Entstehung gewaltsamer Konflikte. In: Zeitschrift für Sozilogie, Jg. 35, Heft 2, S. 120-143. Stuttgart.

Madsen, Elizabeth; Daumerie, Beatrice; Hardee, Karen (2010): The Effects of age structure on development. Washington.

Population Council (2010): Survey of young people in Egypt. Kairo.

Population Reference Bureau (2011): Youth Revolt in Egypt, a Country at the Turning Point. Washington.

Sachverständigenrat für Integration und Migration (2011): Jahresgutachten 2011. Berlin.

United Nations (2010): World Population Prospects. New York.

United Nations Development (2010): Egypt Human Development Report 2010. Kairo.

von Petersdorff, Winand (2011): Warum sind die Ägypter nur so arm? Frankfurter Allgemeine Zeitung. Frankfurt.

 

   
     
 

Deutschland als Ziel von EU-Arbeitsmigranten
Welche Folgen haben die Regelungen der Arbeitnehmerfreizügigkeit für Zuwanderer aus den mittel- und osteuropäischen EU-Mitgliedsstaaten für den Arbeitsmarkt?

Seit dem 1. Mai 2011 sind die Übergangsfristen für die Arbeitnehmerfreizügigkeit verstrichen. Arbeitnehmer aus den acht ost- und mitteleuropäischen Staaten, die im Jahr 2004 neben Malta und Zypern der EU beigetreten sind, können jetzt, ohne vorher eine Arbeitserlaubnis zu beantragen, eine Beschäftigung in Deutschland antreten. Das gilt also für Jobsuchende aus den sogenannten EU-8-Staaten Estland, Lettland, Litauen, Polen, Slowakei, Slowenien, der Tschechischen Republik und Ungarn - nicht aber aus Rumänien und Bulgarien. Diese beiden Länder sind erst 2007 Mitglieder der EU geworden. Markiert der 1. Mai 2011 eine neue Phase der EU-Binnenmigration? Was schätzen die Fachleute, wie viele Zuwanderer nun nach Deutschland kommen werden?

2004: Sorge vor einem Ansturm von Arbeitnehmern aus Osteuropa

2004 fürchteten Deutschland und Österreich, dass durch die höhere Zahl an Arbeitnehmern die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt und die Arbeitslosigkeit steigen und die Löhne sinken würden. Das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) prognostizierte damals, dass innerhalb der ersten zehn Jahre nach der Öffnung des Arbeitsmarktes jährlich 160.000 Personen nach Deutschland kommen würden, wenn man ihnen eine freie Beschäftigungssuche innerhalb der EU zugesichert hätte. Das Institut für Wirtschaftsforschung (ifo) rechnete gar mit 380.000 Zuwanderern pro Jahr.

Während die Regelungen des Gemeinsamen Binnenmarktes für den Kapital- und Warenverkehr sofort in Kraft traten, legte die EU für die Arbeitnehmerfreizügigkeit deshalb Übergangsbestimmungen fest, und zwar das sogenannte "2+3+2-Modell": Die Arbeitnehmer der EU-8-Länder hatten die ersten sieben Jahre nur einen beschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt der Union. Die Beschränkungen wurden von den Ländern individuell festgelegt. In Deutschland und Österreich war es beispielsweise erforderlich, vor Antritt einer Beschäftigung eine Arbeitserlaubnis zu beantragen, während sich in Großbritannien jeder Arbeitnehmer innerhalb von 30 Tagen nach Aufnahme einer Beschäftigung bei dem nationalen Meldesystem für Arbeitnehmer anmelden musste. Diese Regelungen wurden zunächst nach zwei Jahren auf ihre Notwendigkeit überprüft. Nach weiteren drei Jahren mussten die Beschränkungen begründet werden, und zwar damit, dass es ansonsten zu einer Störung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts auf dem Arbeitsmarkt käme. Nur, wenn dies von der Europäischen Kommission bestätigt wurde, galten die Übergangregelungen für weitere zwei Jahre.

Die EU-Osterweiterung sorgte nicht nur für einen Anstieg der Binnenmigration, sondern lenkte auch die Wanderungsströme um. Während im Jahr 2003 noch 60 Prozent der Migranten aus den EU-8-Ländern nach Deutschland und Österreich gingen, waren es im Jahr 2010 nur noch 44 Prozent. Großbritannien und Irland dagegen konnten einen Anstieg von 14 auf 60 Prozent verzeichnen, weil sie sich schneller geöffnet hatten.

Zuwanderungspolitik macht einen Unterschied - auch bei der Binnenwanderung
In ausgewählten Ländern lebende Zuwanderer aus den EU-8-Ländern, 2000 bis 2010

Im Jahr 2010 lebten knapp 2,4 Millionen Staatsbürger der EU-8-Staaten in den "alten" EU-15-Ländern. Seit der EU-Osterweiterung 2004 war ihre Zahl im Durchschnitt um 210.000 Personen pro Jahr angewachsen. In Großbritannien stieg die Zahl der Zuwanderer aus den EU-8-Staaten nach der neuen Beitrittsrunde enorm, und auch in Irland war zunächst ein starker Anstieg zu beobachten, bis in beiden Ländern 2008 die Wirtschaftskrise einsetzte. Deutschland, das bis 2006 mit Abstand die höchste Zahl von Immigranten aus den ost- und mitteleuropäischen Staaten verzeichnete, zog nach 2004 ebenfalls mehr Migranten aus den östlichen Mitgliedsstaaten an als zuvor. In Spanien und Österreich fiel der Zuwachs seit 2004 demgegenüber weitaus geringer aus (Datengrundlage: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung).

Prognosen für Deutschland: Zuwanderung nach dem 1. Mai 2011

Da für die Entwicklung der Zuwanderungszahlen viele verschiedene Faktoren eine Rolle spielen, die sich nicht immer voraussagen lassen, sind die Annahmen mit Vorsicht zu genießen. Zudem hängt die Entwicklung der Zuwanderung aus den östlichen Mitgliedsstaaten zunehmend von anderen EU-Mitgliedstaaten wie Großbritannien oder Irland ab, die bislang viele Arbeitskräfte aus Mittel-Ost-Europa angeworben haben.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat dennoch Szenarien für die Zuwanderung nach Deutschland aus den EU-8-Ländern ab dem Jahr 2010 entwickelt: ein hohes, ein mittleres und ein niedriges Migrationsszenario. Die hohen Zuwanderungszahlen gründen in der Annahme schlechter Arbeitsmarktbedingungen in Großbritannien und Irland. In deren Folge würde ein wirtschaftlich stabiles Deutschland für Zuwanderer, die aus den EU-8-Ländern stammen, an Attraktivität gewinnen. Das mittlere Migrationsszenario geht davon aus, dass sich in Großbritannien und Irland die Wirtschaft nach und nach erholt. Deshalb, und auch weil die Zuwanderer bereits über Kontakte dorthin verfügen und Netzwerke aufgebaut haben, zieht ein Großteil von ihnen weiterhin auf die Inseln im Nordatlantik. Das niedrige Migrationsszenario geht zwar davon aus, dass Deutschland weiterhin in steigendem Maße Arbeitnehmer aus den EU-8-Länder anziehen wird, aber im Vergleich zu den beiden anderen Szenarien in geringerem Umfang, da es an einer wirksamen Integrationspolitik mangelt.

Migranten aus den EU-8-Ländern in Deutschland
Prognosen für die Zahl der in Deutschland lebenden Zuwanderer aus den EU-8-Staaten

In allen drei Szenarien steigt die Zahl der in Deutschland lebenden Zuwanderer aus den EU-8-Staaten an: Im hohen Szenario erhöht sich in der neuen Phase der Arbeitnehmerfreizügigkeit die Zahl der Zugewanderten in Deutschland bis zum Jahr 2020 um insgesamt etwa 900.000 Menschen. Im mittleren Szenario steigt die Zahl der Zugewanderten um 680.000 Menschen, im niedrigen um 350.000 (Datengrundlage: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, 2011).

Fortschritte bei der Öffnung des Arbeitsmarktes und der Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse

Ebenso wenig wie die Zahl der Zuwanderer lassen sich deren Alter und Qualifikation vorhersagen. Letztere wird die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt aber auch beeinflussen. Zum Ausbildungsstand der 25- bis 35-Jährigen in den EU-8-Staaten liegen immerhin Daten vor. Da Angehörige dieser Altersgruppe besonders mobil sind, ist ihre Qualifikation besonders interessant: Gut drei Fünftel der jungen Menschen aus den EU-Neustaaten können immerhin einen Abschluss der Sekundarstufe II, einer Berufsausbildung oder einer Weiterbildungsschule vorweisen, nur weniger als ein Zehntel hat einen kürzeren Bildungsweg hinter sich.

Höhere Bildungsabschlüsse: EU-8 übertreffen Deutschland
Bildungsabschlüsse der 25- bis 35-jährigen EU-Bürger im Vergleich (2010)

Das Qualifikationsniveau der 25- bis 35-jährigen EU-8-Bürgerinnen und Bürger ist höher als das der Deutschen im gleichen Alter: 61,3 Prozent verfügen über einen hohen Sekundärabschluss, während es in den EU-15-Ländern nur 44,3 Prozent sind. Allerdings gibt es in den EU-15-Ländern einen prozentual höheren Anteil an Personen mit tertiärem Bildungsabschluss. Die Klassifizierung der Abschlüsse erfolgt gemäß der "internationalen Klassifizierung von Bildungsabschlüssen" (ISCED) der UNESCO. Der niedrige Sekundärabschluss in Deutschland ist die Sekundarstufe I (Haupt- oder Realschulabschluss, Gymnasium bis 10. Klasse). Der hohe Sekundärabschluss umfasst die Sekundarstufe II, die Berufsausbildung und Weiterbildungsschulen. Unter einem tertiären Bildungsabschluss sind Fachhochschulen, Hochschulen und Berufsakademien zu verstehen (Datengrundlage: Eurostat Labour Force Survey).

Deutschland tat sich bisher schwer mit der Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse. Den Statistiken der Bundesagentur für Arbeit zufolge verfügen 36 Prozent der in Deutschland lebenden Migranten aus den EU-8-Ländern über einen "unbekannten Bildungsabschluss". Die Bundesregierung hat das Problem jedoch erkannt und im März 2011 ein Gesetz zur Verbesserung der Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse erlassen. Das ist eine gute Nachricht für viele der rund 2,9 Millionen Menschen in Deutschland, die laut Mikrozensus 2008 ihren höchsten Berufsabschluss im Ausland erworben haben. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung geht davon aus, dass sich die Zahl der Personen, die aufgrund der gesetzlichen Neuregelung ein Anerkennungsverfahren anstreben, zurzeit auf rund 300.000 Personen beläuft. Die Schätzung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung stützt sich auf die Annahme, dass vor allem für Personen, welche unter ihrer Qualifikation beschäftigt sind, die Neuregelungen interessant sind.

Für den deutschen Arbeitsmarkt und die Integration der Zuwanderer aus den EU-Nachbarländern spielt jedenfalls nicht nur die Zahl der Migranten eine Rolle, sondern auch deren Qualifikation - und die Anerkennung derselben. Ob es zu einer Zuwanderungswelle nicht erwerbstätiger Personen und gering qualifizierter Arbeitnehmer aus anderen EU-Mitgliedsstaaten nach Deutschland kommen wird, wie etwa Hans-Werner Sinn vom ifo-Institut befürchtet, bleibt abzuwarten.

Literatur/Links

Bundesministerium für Bildung und Forschung (2011): Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse. Berlin.

Deutscher Bundestag (2011): Arbeitnehmerfreizügigkeit nach Osterweiterung der Europäischen Union - Chancen und Risiken für den Arbeitsmarkt. Berlin.

Europäische Kommission (2011): Freizügigkeit - EU-Bürger. Brüssel.

Europäische Kommission (2011): EU-Erweiterung: Übergangsbestimmungen. Brüssel.

Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (2011): Arbeitnehmerfreizügigkeit zum 1.Mai 2011 - Mehr Chancen als Risiken für Deutschland. Nürnberg.

Institut für Wirtschaftsforschung (2011): Der Migrationssturm. München.

Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. (2001): Die EU-Osterweiterung und der deutsche Arbeitsmarkt: Testfall für die deutsch-polnische Interessengemeinschaft. Sankt Augustin.

 

   
     
 

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"Deutschlands Integrationspolitik"

von Iris Hoßmann und Margret Karsch

Ist Deutschland ein Einwanderungsland? Noch bis vor wenigen Jahren hat die Bundesregierung diese Frage verneint. Obwohl das Land seit den 1960er Jahren mehrere Einwanderungswellen erlebte und die Bevölkerung mit ausländischen Wurzeln kontinuierlich wuchs, gingen die wechselnden Bundesregierungen weiterhin davon aus, dass die sogenannten Gastarbeiter einst in ihr altes Heimatland zurückkehren würden. Doch diese bauten während des jahrzehntelangen Aufenthalts sich und ihren Familien in Deutschland eine Existenz auf - ohne dass die Politik besondere Maßnahmen ergriff, um die Integration der heute rund 16 Millionen Migranten der ersten, zweiten und dritten Generation in die Gesellschaft zu fördern und ihnen das Ankommen in der neuen Heimat zu erleichtern.

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Der Beitrag "Mikrokredite" liegt jetzt in aktualisierter Fassung vor.

Mikrokredite

von Sabine Sütterlin und Margret Karsch

Als "Erfinder" der Mikrokredite wird oft Muhammad Yunus genannt. Der gelernte Nationalökonom Yunus erhielt im Jahre 2006 den Friedensnobelpreis dafür, dass er Darlehen in kleinsten Stückelungen an arme Frauen vergibt und ihnen so ermöglicht, sich und ihren Familien aus eigener Kraft eine Lebensgrundlage zu schaffen. Die "Grameen Bank", die Yunus im Jahre 1976 in seiner Heimat Bangladesch gegründet und 1983 in ein eigenständiges Unternehmen umgewandelt hat, wurde zu einem oft kopierten Erfolgsmodell in der Entwicklungszusammenarbeit.

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