Tritt Indien in Chinas Fußstapfen?
Indiens demografische Vorzeichen für wirtschaftliche Entwicklung stehen gut
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Immer weniger Kinder - vor allem in Ostdeutschland
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Viel mehr Menschen, viel mehr Ungleichheit
Der neue "Atlas der Globalisierung" bereitet Fakten zur Bevölkerungsentwicklung, zur Urbanisierung und zur steigenden Lebenserwartung mit anschaulichen Texten und Grafiken auf
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In eigener Sache
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Tritt Indien in Chinas Fußstapfen?
Indiens demografische Vorzeichen für wirtschaftliche Entwicklung stehen gut

Im Schatten Chinas hat Indien eine rasante Entwicklung genommen. Die Bevölkerung hat sich seit 1950 mehr als verdreifacht. In etwa zehn Jahren dürfte Indien China als bevölkerungsreichstes Land ablösen. Ob Indien China auch wirtschaftlich einholt, bleibt dagegen fraglich. Immerhin hat sich das indische Bevölkerungswachstum seit Mitte der 1970er Jahre stetig verlangsamt, und davon könnte das Land ökonomisch profitieren. Aber nur dann, wenn die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen werden, wird Indien auf mehr wirtschaftliches Wachstum hoffen können. Dasselbe gilt für Pakistan, wo zwar wesentlich weniger Menschen leben, das aber gegenwärtig prozentual eine deutlich größere Bevölkerungszunahme verzeichnet als Indien und erst recht als China.

Indiens Weg an die Spitze
Bevölkerungsentwicklung in Indien, China und Pakistan, mittlere Prognose der Vereinten Nationen im Jahr 2010

Derzeit ist China noch das bevölkerungsreichste Land der Welt. Doch in etwa zehn Jahren dürfte Indien es eingeholt haben. In beiden Länder werden dann jeweils knapp 1,4 Milliarden Menschen leben. Für die darauf folgenden Jahrzehnte wird erwartet, dass die indische Bevölkerung auf deutlich über 1,6 Milliarden Menschen anwachsen wird. Die chinesische Bevölkerung dagegen dürfte etwa ab 2030 abnehmen. Pakistan liegt derzeit mit 185 Millionen Einwohner auf Platz sechs der bevölkerungsreichsten Länder der Welt, bis 2050 wird es mit 335 Millionen auf Platz vier vorrücken (Datengrundlage: Vereinte Nationen).

Die Scheitel beim Bevölkerungswachstum sind überschritten
Jährliches Bevölkerungswachstum in Pakistan, Indien und China, nach mittlere Prognose der Vereinten Nationen im Jahr 2010

Im Jahr 1950 wiesen alle drei Länder ein ähnlich hohes Bevölkerungswachstum von knapp unter zwei Prozent gegenüber dem Vorjahr auf. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich die Einwohnerzahl in diesen Ländern jedoch sehr unterschiedlich: China erreichte seinen Höhepunkt beim Bevölkerungswachstum Ende der 1960er Jahre, Indien um 1975 und Pakistan erst Anfang der 1980er Jahre (Datengrundlage: Vereinte Nationen).

Nach den Prognosen der Vereinten Nationen werden im Jahr 2050 über 400 Millionen Menschen mehr in Indien leben als heute. Zwar hat sich auch in Indien seit 1975 das Bevölkerungswachstum verlangsamt und dieser Trend wird sich wohl bis 2050 fortsetzen. Aber anders als in China wird das abgeschwächte Wachstum in Indien in absehbarer Zeit nicht in einem Bevölkerungsrückgang münden.

Im Vergleich zu Indien sorgten in China staatliche Eingriffe, die vor allem die Geburtenrate senkten, für einen früheren und viel drastischeren Rückgang des Wachstums. Hinzu kam Chinas starkes Engagement im öffentlichen Gesundheitswesen in den 1950er Jahren, das die Kindersterblichkeit deutlich schneller als in Indien oder Pakistan eindämmte. Der Erfolg führte kurzfristig zu einem "Baby-Boom", weil nun Kinder überlebten, die vorher gestorben wären. Langfristig jedoch senkte es die Fertilität, und China erlebt einen deutlich schnelleren demografischen Übergang als Indien.

China erreicht nach einer rasanten Entwicklung den Höhepunkt
Verhältnis von Menschen im erwerbsfähigen Alter von 15 bis 64 Jahren zu der Gruppe der unter 15- und über 64-Jährigen in China, Indien und Pakistan

Der Anteil der unter 15-Jährigen an der Gesamtbevölkerung stieg in Indien bis 1970. Seitdem nimmt er ab, während gleichzeitig der Anteil der Menschen im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 bis 64 Jahren steigt. Die Altersstruktur der indischen Gesellschaft verändert sich im Vergleich zu China langsamer. Dort setzte um 1980 eine rasante Entwicklung ein, der den Schwerpunkt der chinesischen Bevölkerung in wenigen Jahren ins erwerbsfähige Alter verschob. Dies war ein wesentlicher Faktor für die rasante wirtschaftliche Entwicklung im Reich der Mitte. Dieser Trend hat derzeit in China seinen Höhepunkt erreicht. Die Entwicklung in Pakistan folgt der in Indien, jedoch mit einem zeitlichen Abstand von 15 bis 20 Jahren (Datengrundlage: Vereinte Nationen).

Der Zeitpunkt und die Geschwindigkeit, in denen die drei Länder ihre Kehrtwende beim Bevölkerungswachstum erlebt haben, spiegeln sich in der Altersstruktur ihrer Bevölkerungen wider. China ist auch hier den anderen in seiner Entwicklung voraus. Seit der ersten Hälfte der 1980er Jahre verschiebt sich der Schwerpunkt der chinesischen Bevölkerung ins erwerbsfähige Alter. Der Bevölkerungsanteil der 15- bis 64- Jährigen ist seitdem sprunghaft angestiegen. Derzeit ist die Gruppe der Chinesen im erwerbsfähigen Alter mehr als zweieinhalb Mal so groß wie die der Jugendlichen und Rentner zusammen. Durch den langsameren Rückgang des Bevölkerungswachstums wächst in Indien auch die Gruppe der Menschen im erwerbsfähigen Alter langsamer. Dadurch wird aber auch der Höhepunkt dieser Entwicklung erst um das Jahr 2040 erwartet, also deutlich später. Pakistan, dessen Bevölkerungswachstum am wenigsten zurückgeht, folgt dem indischen Pfad mit einem zeitlichen Abstand von 15 bis 20 Jahren.

Indien und Pakistan bleiben weit hinter China zurück
Das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner für China, Indien und Pakistan in Kaufkraftparität, zum Basisjahr 2005, in internationalem Dollar

Bis in die Mitte der 1990er Jahre lagen China, Indien und Pakistan beim Pro-Kopf-Bruttoinlandprodukt gleichauf. Dann setzte in China, unterstützt durch die demografische Entwicklung, ein starkes Wirtschaftswachstum ein. Indien und Pakistan fielen in den folgenden Jahren zurück. Erst in den letzten Jahren verstärkte sich das wirtschaftliche Wachstum Indiens. Pakistan konnte bei der wirtschaftlichen Entwicklung nicht Schritt halten und fiel erst hinter China und später auch hinter Indien zurück (Datengrundlage: Weltbank).

Neben dem Bevölkerungswachstum beeinflusst insbesondere die Altersstruktur der Bevölkerung die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes. Wächst der Anteil der Menschen im erwerbsfähigen Alter, sinkt der Beitrag, den jeder Einzelnen für wirtschaftlich Abhängige wie Kinder oder Rentner leisten muss. Das kann die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes fördern, sodass die Länder die demografische Dividende verwirklichen können. Dies gelingt aber nur, wenn die wachsende Zahl der Erwerbsfähigen auch eine Beschäftigung findet - und der Mangel an Arbeitsplätzen nicht zu steigenden Arbeitslosenzahlen führt.

Lag China bis Ende der 1980er Jahre beim Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner noch hinter Indien und Pakistan, konnte es aufgrund eines rasanten Wirtschaftswachstums beide in den folgenden zehn Jahren überholen. China nutzte die Chancen, die sich aus der demografischen Veränderung seiner Gesellschaft ergaben, und konnte die demografische Dividende einfahren. Während China beim Anteil der Erwerbsfähigen an der Gesellschaft schon den Höhepunkt erreicht hat, befindet sich Indien noch am Anfang dieser Entwicklung. Auch hier verbessern sich seit Mitte der 1990er Jahre die demografischen Vorzeichen für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes spürbar. Wenn Indien es schafft, dass die wachsende Zahl der Erwerbsfähigen auch eine angemessene Beschäftigung findet, kann es mit einer demografischen Dividende in Höhe von einem zusätzlichen Prozent Wachstum beim Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt pro Jahr rechnen. Dass Indien dabei auf einem guten Weg ist, zeigt die wirtschaftliche Entwicklung der letzten zehn Jahre - nicht zuletzt deswegen konnte Indien Pakistan beim Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt überholen. Der kleine Nachbarstaat wird viel in Bildung und Arbeitsplätze investieren müssen, damit eine wachsende Zahl von potenziellen Erwerbstätigen in Zukunft auch zu einem höheren Entwicklungsstand des Landes führt.

Literatur/Links

Bloom, David E. (2011): India's Baby Boomers: Dividend or Disaster? http://southasiainitiative.harvard.edu.

Loewe, Markus (2007): Eine demografische Dividende für die Entwicklungsländer? Konsequenzen des weltweiten Alterungsprozesses. Bonn. www.die-gdi.de.

UN (2011): World Population Prospects, the 2010 Revision. www.un.org.

Worldbank (2011): World Development Indicators. www.worldbank.org.

 

Immer weniger Kinder - vor allem in Ostdeutschland
Aktuelle Daten zur Lebenssituation von Kindern und Familien in Deutschland

Deutschland hat innerhalb Europas den niedrigsten Anteil unter 18-Jähriger an der Gesamtbevölkerung: 16,5 Prozent. Lediglich jeder sechste Einwohner war im Jahr 2010 also ein Kind oder Jugendlicher. In Island dagegen lag der Anteil unter 18-Jähriger an der Gesamtbevölkerung bei 25,4 Prozent - das ist europäischer Rekord. Der 12. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes zufolge wird der Kinderanteil in Deutschland sogar noch weiter zurückgehen: Wenn die Geburtenhäufigkeit gleich bleibt und der Wanderungssaldo, also die Differenz aus der Zahl der Zuzüge und der Fortzüge, bei 100.000 Personen pro Jahr liegt, dann sinkt der Anteil der unter 18-Jährigen bis zum Jahr 2030 voraussichtlich auf 15 Prozent.

13,1 Millionen Kinder und Jugendliche lebten im Jahr 2010 in Deutschland, allerdings sehr ungleich verteilt auf die Regionen und insbesondere auf Ost- und Westdeutschland: Auf dem Gebiet der ehemaligen DDR wohnten nur 2,1 Millionen Kinder. Und während in Westdeutschland die Zahl der Kinder zwischen 2000 und 2010 um etwa zehn Prozent gesunken ist, betrug der Rückgang in Ostdeutschland sogar knapp 29 Prozent. Das ist ein Ergebnis des jüngsten Mikrozensus, einer jährlich durchgeführten Befragung von einem Prozent aller Haushalte.

Das Sinken der Zahl der Kinder lässt sich mit den niedrigen Geburtenzahlen erklären: Schon Ende der 1970er Jahre fiel die durchschnittliche Kinderzahl je Frau auf 1,5, und seit den 1980er Jahren liegt sie bei rund 1,4, - mit der Folge, dass seither jede Generation ein Drittel kleiner ist als die ihrer Eltern.

In westdeutschen Städten mehr Kinder mit Migrationshintergrund

Etwa ein Fünftel der gesamtdeutschen Bevölkerung hat einen Migrationshintergrund, ist also selbst zugewandert oder hat mindestens ein Elternteil, das eine ausländische Staatsangehörigkeit besitzt oder die deutsche durch Einbürgerung erhalten hat. Bei den Kindern ist der Anteil der Migranten noch höher: Gut vier Millionen lebten 2010 in Familien mit Migrationshintergrund. Damit stammt rund ein Drittel der Kinder und Jugendlichen in Deutschland aus einer Familie mit Migrationshintergrund.

In großen Städten und Gemeinden lag der Anteil der Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund höher als in ländlichen Gegenden und im Westen höher als im Osten: Die Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund wohnten zu 91 Prozent im ehemaligen Bundesgebiet. Fast jedes zweite Kind (46 Prozent), das 2010 in einer Großstadt mit mehr als 500.000 Einwohnern lebte, stammte aus einer Familie mit Migrationshintergrund. In Gemeinden mit weniger als 5.000 Einwohnern lag der Anteil nur bei 13 Prozent.

Bei gut der Hälfte der Kinder in Paarfamilien arbeiten beide Eltern

Die Lebensverhältnisse von Kindern unterscheiden sich stark voneinander. Die wirtschaftliche Situation etwa hängt auch davon ab, ob und in welchem Umfang die Eltern berufstätig sind - beziehungsweise der Erziehungsberechtigte. Das Ausmaß der freien Zeit entscheidet dabei aber nicht allein über die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung. Wenn die Kinder klein sind, geben insbesondere Mütter häufig vorübergehend ihre Erwerbstätigkeit auf: In Paarfamilien arbeiten nur bei 28 Prozent der Kinder unter drei Jahren beide Elternteile, bei 58 Prozent nur einer. Die Frauen nehmen damit auch ökonomische Einbußen in Kauf und müssen sich oft von einem beruflichen Aufstieg verabschieden.

Familie und Beruf vereinen - eine Aufgabe für die Mehrheit der Eltern
Kinder unter 18 und unter drei Jahren in Paarfamilien 2010 nach Erwerbsbeteiligung der Eltern in Prozent

Im Jahr 2010 arbeiteten bei gut der Hälfte der Kinder in Paarfamilien beide Elternteile, bei mehr als einem Drittel nur ein Elternteil, und bei gut einem Zehntel der Kinder war kein Elternteil erwerbstätig. Bei Kindern, die noch keine drei Jahre alt sind, unterbrechen vor allem Mütter ihre Erwerbstätigkeit vorübergehend (Datengrundlage: Statistisches Bundesamt).

Fast jede fünfte Familie in Deutschland ist eine Einelternfamilie, 90 Prozent der Alleinerziehenden sind Frauen. 24 Prozent der ostdeutschen und 15 Prozent der westdeutschen Kinder wachsen bei einem alleinerziehenden Elternteil auf. Für Alleinerziehende erweisen sich die Schwierigkeiten, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen, als weitaus größer. Die Mehrheit der Alleinerziehenden arbeitet nur in Teilzeit. Im Jahr 2010 war bei einem Viertel der Kinder im Krippenalter die Mutter beziehungsweise der Vater erwerbstätig.

Damit Eltern einer beruflichen Tätigkeit nachgehen können, sind sie auf Betreuungsangebote angewiesen. Aber insbesondere für Kleinkinder mangelt es an Plätzen. 2010 besuchten 472.000 Kinder unter drei Jahren eine Tagesbetreuung, das entspricht rund 23 Prozent. Damit hat die Betreuungsquote gegenüber dem Vorjahr zwar zugenommen, aber das Angebot der Plätze deckt die Nachfrage nicht. Deshalb hat die Bundesregierung zugesichert, bis 2013 wenigstens für 750.000 unter Dreijährige einen Betreuungsplatz anzubieten. Um dieses Ziel zu erreichen, müsste sie die Zahl der Krippenplätze jedoch erheblich schneller ausbauen als bislang. Zudem gilt ab dem Kindergartenjahr 2013/14 ein Rechtsanspruch auf Kindertagesbetreuung mit Vollendung des ersten Lebensjahres. Allerdings ermöglicht erst eine ganztägige und bezahlbare Kinderbetreuung, die sich zudem an den Arbeitszeiten der Eltern orientiert, tatsächlich eine freie Entscheidung für beziehungsweise gegen eine Berufstätigkeit.

Zuwachs bei der Kindertagesbetreuung - aber nicht genug
Kinder unter drei Jahren in Kindertagesbetreuung 2006 bis 2013

Immer mehr Kinder unter drei Jahren werden tagsüber außer Haus betreut. Aber mit im deutschlandweiten Mittel 23 Prozent ist die Betreuungsquote hierzulande im europäischen Vergleich immer noch sehr niedrig (Datengrundlage: Statistisches Bundesamt).

Regional bestehen deutliche Unterschiede: Nicht nur bieten die Bundesländer unterschiedlich viele Kinderbetreuungsplätze an, sondern die Eltern nutzen die vorhandenen Plätze auch unterschiedlich stark als Ergänzung zur eigenen Erziehung, Bildung und Betreuung. In Ostdeutschland, wo schon zu DDR-Zeiten Frauenerwerbstätigkeit und Vollzeitbetreuung der Kinder außer Haus zur Normalität gehörten, bestehen bei Eltern offenbar weniger Vorbehalte gegenüber Kinderkrippen als in Westdeutschland, und das Angebot ist größer: Mit einer Betreuungsquote von rund 56 Prozent war im März 2010 Sachsen-Anhalt Spitzenreiter, dahinter folgten Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern mit jeweils 51 Prozent. Auch Thüringen und Sachsen erreichten mit Betreuungsquoten von 45 und 43 Prozent Werte über dem Bundesdurchschnitt. Deutlich geringer war sie mit 16 Prozent etwa in Niedersachsen. Nordrhein-Westfalen wies mit 14 Prozent die geringste Betreuungsquote auf. Aber in allen Bundesländern sind die Betreuungsquoten seit 2006 gestiegen.

Die Betreuungsquote sagt allerdings noch nichts darüber aus, wie viele Stunden Kinder in einer Einrichtung betreut werden. Ab mehr als sieben Stunden pro Tag spricht man von Vollzeitbetreuung, auch wenn das in der Realität noch nicht dem Bedarf eines in Vollzeit erwerbstätigen Elternteils entspricht. Insgesamt besuchten 2010 mehr als 472.000 Kinder eine Tageseinrichtung oder öffentlich geförderte Kindertagespflege. Fast 237.000 der betreuten Kinder, also gut die Hälfte, wurden mehr als sieben Stunden außer Haus betreut.

Ganztagsbetreuung in Deutschland

Die Betreuungszeiten zeigen, dass in Ost- und Westdeutschland immer noch unterschiedliche Kinderbetreuungskulturen vorherrschen: Im Osten ist das Angebot größer als im Westen, entsprechend ist in den ostdeutschen Bundesländern Ganztagsbetreuung verbreiteter als etwa in Bayern, Baden-Württemberg oder Niedersachsen (Quelle: Hüsken, Katrin (2011): Kita vor Ort. Betreuungsatlas 2010. München.).

Trends zur Höherqualifizierung und zu integriertem Unterricht

Nach Kita und Kindergarten besuchen die meisten Schülerinnen und Schüler die Grundschule, entsprechend ist diese Schulart die mit der höchsten Schülerzahl: 2,9 Millionen Kinder besuchten 2010 eine Grundschule. Bei den weiterführenden Schulen lag das Gymnasium vorne: 2,5 Millionen lernten in einem Gymnasium, 1,2 Millionen in einer Realschule, 704.000 in einer Hauptschule und 571.000 in einer Integrierten Gesamtschule. Schularten mit mehreren Bildungsgängen, schulartunabhängige Orientierungsstufen und Freie Waldorfschulen kamen zusammen auf eine Schülerzahl von 537.000. Förderschulen für körperlich, geistig oder seelisch benachteiligte Kinder besuchten 378.000 Kinder. Insgesamt hat in den letzten zehn Jahren die Zahl der Hauptschüler stark abgenommen, dagegen haben Gymnasien, Integrierte Gesamtschulen und Waldorfschulen - trotz der insgesamt gesunkenen Schülerzahl - an Schülern gewonnen. Bildungspolitik ist allerdings Ländersache, deshalb sind auch hier die Unterschiede zwischen den Bundesländern groß.

Noch liegen die Mädchen bei der Bildung vorne, aber die Jungen holen auf: Rund 48 Prozent der Schülerinnen an weiterführenden Schulen gingen auf ein Gymnasium, bei den Schülern waren es nur 43 Prozent. Umgekehrt besuchten nur elf Prozent der Mädchen die Hauptschule, aber 14 Prozent der Jungen. Schulabbrecher sind ebenfalls häufiger männlich als weiblich. Blickt man aber auf das Schuljahr 2000/2001 zurück, so zeigt sich: Der Anteil der Gymnasiasten hat sich mit neun Prozent bei den Schülern stärker erhöht als bei den Schülerinnen mit sieben Prozent. Und der Anteil der Hauptschüler ist immerhin um sechs Prozentpunkte zurückgegangen - bei den Mädchen aber nur um vier Prozent.

Literatur / Links

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2010): Der Anteil der Alleinerziehenden steigt. In fast jeder fünften Familie mit minderjährigen Kindern übernimmt nur ein Elternteil die alltäglichen Aufgaben - Zeit und Geld sind knapp. In: Demos 108, 25.11.2010. www.berlin-institut.org.

Hüsken, Katrin (2011): Kita vor Ort. Betreuungsatlas 2010. München.

Eurostat (2011): Datenbank, http://epp.eurostat.ec.europa.eu.

Statistisches Bundesamt (2011): Wie leben Kinder in Deutschland? Wiesbaden. www.destatis.de.

 

Viel mehr Menschen, viel mehr Ungleichheit
Der neue "Atlas der Globalisierung" bereitet Fakten zur Bevölkerungsentwicklung, zur Urbanisierung und zur steigenden Lebenserwartung mit anschaulichen Texten und Grafiken auf

Der von der Monatszeitschrift "Le Monde diplomatique" herausgegebene neue "Atlas der Globalisierung spezial" trägt den Untertitel "Das 20. Jahrhundert. Der Geschichtsatlas". Die Herausgeber weisen mit dem Heft darauf hin, dass Geschichte gemacht wird - und dass die Vergangenheit oft vielschichtiger war, als es die vorherrschende öffentliche Erinnerungskultur erscheinen lässt. Der Atlas erhebt nicht den Anspruch, sämtliche Fakten nachzutragen. Er holt aber einige Kapitel der Geschichte aus der Vergessenheit hervor, rückt andere in ein neues Licht und stellt Zusammenhänge her, die sich erst jetzt erschließen, mit größerem zeitlichem Abstand.

Ein Beispiel dafür bildet ein Beitrag, der sich dem Zusammenhang zwischen Bevölkerungswachstum und wirtschaftlicher Entwicklung widmet. Er beruht unter anderem auf dem Online-Handbuch Demografie und dem Discussion Paper "Schwieriges Wachstum" des Berlin-Instituts. Der Artikel erklärt, wie Südkorea und die anderen sogenannten Tigerstaaten Südostasiens durch eine Familienpolitik, die die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau sinken ließ, einen der Grundsteine für die ökonomische Entwicklung legte. Denn dadurch verbesserte sich das Verhältnis der Menschen im erwerbsfähigen Alter zu Kindern und älteren Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind. Da Südkorea rechtzeitig in die Bildung dieser potenziell Erwerbsfähigen investiert hatte und diese auch Arbeit fanden, gelang der Sprung nach vorn.

Ein anderes Beispiel für einen neuen Blickwinkel ist der Umgang der westlichen Industrieländer mit Südafrika: Erst seit Kurzem verurteilt die öffentliche Meinung der Weltgemeinschaft überwiegend einhellig, dass die westliche Welt jahrzehntelang die Augen vor dem Rassismus des Apartheid-Regimes verschloss und so gewinnträchtige Geschäfte abschloss. 1992 brach das System zusammen - und erst 2009 ließ ein New Yorker Gericht die seit Jahren angestrengten Klagen gegen große Konzerne und Banken zu.

Aber der Atlas bietet noch mehr als Informationen über die Vergangenheit und neue Perspektiven darauf. Am Beispiel der zunehmenden Urbanisierung zeigt der Atlas die Ambivalenz von globalen Entwicklungen, die auch gegenwärtig noch verlaufen und in Zukunft voraussichtlich andauern werden: Einerseits brachten - und bringen - der Strukturwandel und die Verstädterung durch den Wandel von bäuerlichen zu Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften vielen Menschen mehr Wohlstand und mehr soziale Gerechtigkeit. Andererseits hat dies quer durch alle Branchen die soziale Ungleichheit zwischen den Gut- und den Schlechtverdienern wachsen lassen - sowohl in den Industrieländern als auch in den Schwellen- und schwach entwickelten Ländern. Zudem kennzeichnet den globalen modernen Dienstleistungssektor informelle, prekäre Arbeit, wie sie vor allem Zuwanderinnen aus Armutsregionen leisten, etwa philippinische Dienstmädchen in Hongkong oder mexikanische Kindermädchen in den USA.

Die Monatszeitung "Le Monde diplomatique", die mit ihren Veröffentlichungen nie nur informieren, sondern immer auch politische Handlungsmöglichkeiten und alternative Strategien aufzeigen will, hat mit dem Heft zum 20. Jahrhundert wieder einen lesenswerten Beitrag vorgelegt. Und insbesondere Lehrerinnen und Lehrern bietet er viel Material, um den Unterricht spannend zu gestalten und zu zeigen, wie sehr weltweite Entwicklungen alle Menschen angehen.

Le Monde diplomatique (2011): Atlas der Globalisierung spezial: "Das 20. Jahrhundert". Über 130 Karten und Schaubilder. Berlin. 102 Seiten, ISBN 978-3-9376, 12 Euro. Erschienen am 27. September 2011. www.monde-diplomatique.de.

 

In eigener Sache
Neu im Online-Handbuch Demografie

"Alleinerziehende in Deutschland" von Antje Asmus

Jede fünfte Familie in Deutschland ist eine Einelternfamilie. Ihr Anteil hat sich seit den siebziger Jahren verdoppelt. Tendenz: weiter steigend. Waren es 1996 schon 1,3 Millionen Mütter oder Väter, die ohne Ehe- oder Lebenspartner/in mit mindestens einem Kind unter 18 Jahren in einem Haushalt zusammenlebten, sind es heute bereits 1,6 Millionen. Mit 26 Prozent ist der Anteil der Alleinerziehenden in den neuen Bundesländern deutlich höher als im früheren Bundesgebiet (18 Prozent). Insgesamt leben in diesen Familien 2,2 Millionen Kinder unter 18 Jahren, das sind 17 Prozent aller Kinder. Vor zehn Jahren lebten lediglich 13,5 Prozent der minderjährigen Kinder bei einem Elternteil.

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Außerdem haben wir den Beitrag "Demografische Dividende" von Margret Karsch und Rainer Münz aktualisiert.

Nicht nur die Größe und das Wachstum beziehungsweise das Schrumpfen einer Bevölkerung beeinflussen die Entwicklung eines Landes, sondern auch ihre Altersstruktur: Da das individuelle ökonomische Verhalten in den unterschiedlichen Altersgruppen variiert, können Veränderungen der Alterstruktur erheblichen Einfluss auf die nationale Wirtschaftsleistung ausüben.

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Ausgabe 126, 30. September 2011

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