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Ausgabe 100, 26. Juli 2010

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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"Die Regierung muss der deutschen Öffentlichkeit verständlich machen, dass Zuwanderung in ihrem Interesse liegt"
Interview mit Howard Duncan, Metropolis, Ottawa, Kanada

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Die Zahl älterer Erwerbstätiger wächst - vor allem Frauen arbeiten länger
Seit 2007 ist mehr als jeder Zweite der 55- bis 64-Jährigen noch im Job, vor 15 Jahre galt das nur für gut jeden Dritten dieser Altersgruppe

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"Die Regierung muss der deutschen Öffentlichkeit verständlich machen, dass Zuwanderung in ihrem Interesse liegt"
Interview mit Howard Duncan, Metropolis, Ottawa, Kanada

Howard Duncan leitet seit 1997 das Metropolis Project, ein internationales Netzwerk für vergleichende Politikwissenschaft. Metropolis Project arbeitet zu den Themen Migration, Integration und multikulturelle Gesellschaft. Duncan studierte Philosophie und Anglistik an der Carleton University in Ottawa und promovierte anschließend im Bereich Wissenschaftsphilosophie an der University of Western Ontario. Der Schwerpunkt seiner derzeitigen Arbeit liegt in der theoretischen Betrachtung von Integration, Multikulturalismus, Globalisierung und Migration.

Die Geburtenrate liegt in Kanada mit durchschnittlich 1,69 Kindern pro Frau zwar deutlich höher als in Deutschland mit 1,38, erreicht aber dennoch nicht das so genannte bestandserhaltende Niveau von 2,1. Führt diese Entwicklung in Kanada zu Problemen?

Sie würde zu Problemen führen, wenn wir nicht so eine starke Zuwanderung hätten. Sie gleicht die geringe Geburtenrate teilweise aus. Solange wir die Zuwanderungszahlen auf dem derzeitigen Niveau halten, wird die Bevölkerung in den nächsten 25 Jahren weiter wachsen und sich dann langsam auf einem stabilen Niveau einpendeln.

Also konzentriert sich Kanada darauf, die Zuwanderungszahlen zu halten oder vielleicht sogar zu erhöhen - anstatt zu versuchen, die Geburtenrate anzuheben?

Letzteres hat Kanada versucht, aber es hat nicht funktioniert. Vielleicht lässt sich eine Steigerung von 0,1 oder 0,2 erreichen, aber das ist noch immer weit von dem entfernt, was das Land benötigt. Eine hohe Geburtenrate korreliert mit Armut, geringer Bildung von Frauen und gesellschaftlichen Einschränkung von Frauen auf die Hausfrauenrolle. Unsere Gesellschaften haben dies hinter sich gelassen und werden sich auch nicht dorthin zurückentwickeln.

Denken sie, dass die kanadische Öffentlichkeit und die Regierung die Notwendigkeit von Zuwanderung verstehen?

Meiner Ansicht nach ist die Notwendigkeit von Zuwanderung offenkundig. Die kanadische Regierung hat das verstanden und fördert daher Migration. In der zurückliegenden Wirtschaftskrise haben viele Länder die Zahl der Einwanderer beschränkt - Kanada hat das nicht getan. Wir haben die Zuwanderung auf dem exakt gleichen Niveau gehalten - das war die Strategie der Regierung. Ich denke, man kann die kanadische Regierung zu den überzeugten Befürwortern von Zuwanderung zählen.

Kanada ist wie die USA oder Argentinien ein traditionelles Einwanderungsland. Was macht Kanada für Migranten so attraktiv?

Ich nehme an, es sind ähnliche Faktoren, die auch die anderen traditionellen Einwanderungsländer attraktiv machen: Kanadas offene Wirtschaft, die für zahlreiche Arbeitsmöglichkeiten sorgt; Kanadas moderne, demokratische Gesellschaft, die sich gegenüber Zuwanderern sehr aufgeschlossen verhält. Ich glaube nicht, dass sich Migranten, wenn sie nach Kanada kommen, Sorgen machen, ob sie akzeptiert werden, ob sie gut behandelt werden oder ob sie Opfer von Diskriminierung werden könnten. Daher fühlen sie sich wohl. Und sie wissen, dass es ihnen möglich sein wird, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten - das ist nicht zu unterschätzen. Kanada bemüht sich schon seit langer Zeit erfolgreich um Migranten, so dass es inzwischen viele ausdifferenzierte ethnische Gemeinschaften im Land gibt. Das allein bewegt Menschen aus den gleichen Herkunftsländern, nach Kanada einzuwandern, weshalb wir ein umfassendes Programm für die Familienzusammenführung haben. Wenn sie zum Beispiel junge Zuwanderer aus Indien haben, die ihren Freunden und Familien von Kanada erzählen und sie bei der Einwanderung unterstützen, so führt dies zu einer Kettenreaktion von Migrationsprozessen. Diese Entwicklung wird weiter anhalten. Familienzusammenführung ist ein enormer Antrieb für die Zuwanderung nach Kanada.

Bemerken Sie einen zunehmend härteren Wettbewerb um qualifizierte Arbeiter innerhalb der letzten Jahre?

Ja, absolut. Wir standen schon immer im Wettbewerb mit den Vereinigten Staaten. Sie sind weltweit das Ziel erster Wahl von Migranten. Daher musste Kanada sehr hart arbeiten, um eine attraktive Zuwanderungspolitik sowie einen zuwandererfreundlichen Arbeitsmarkt zu schaffen und generell eine Gesellschaft zu werden, die Migration befürwortet.

Sind neu in den Wettbewerb eingetretene Länder zu spüren? Deutschland und andere alternde Gesellschaften in Europa bemühen sich beispielsweise inzwischen verstärkt um hochqualifizierte Arbeitskräfte.

Die Fähigkeit der Europäischen Union, Migranten anzuziehen, ist durchaus ernst zunehmen. Dennoch glaube ich nicht, dass irgendein Land der EU einen besorgniserregenden Konkurrenten darstellt, da die Einwandererzahlen von hoch Qualifizierten noch sehr gering sind. In Deutschland sind es zum Beispiel nur einige Hundert. Das sind lange keine 50.000 oder 100.000. Wenn die USA ein Punktesystem einführen und eine halbe Million Menschen ins Land holen würden, dann könnte sich das in Kanada bemerkbar machen.

Konkurrieren sie auch um internationale Studenten?

Im Hinblick auf den Wettbewerb um Studenten ist interessanterweise Australien unser stärkster Konkurrent. Das Land war außergewöhnlich erfolgreich beim Anwerben von internationalen Studenten und hat hier einen deutlichen Vorsprung vor Kanada. Deshalb arbeiten wir mit den kanadischen Universitäten zusammen, um die Attraktivität des Landes als Ziel für internationale Studenten zu verbessern. Dieser Wettkampf ist deutlich spürbar, und Kanada versucht, darauf zu reagieren.

Woher kommt der Großteil der Zuwanderer?

Das ist sehr unterschiedlich. Im Jahr 2008 kam der größte Teil aus China, gefolgt von Indien, den Philippinen und an vierter Stelle den USA. Unter den zehn Haupteinwanderungsländern fanden sich darüber hinaus England, Pakistan und Frankreich. In Kanada gibt es Migranten aus nahezu allen Ländern der Welt, weshalb das Land so eine enorme ethnische und kulturelle Vielfalt besitzt. Das ist ein Vorteil für Einwanderungsländer, da auf diese Weise keine bestimmte Gruppe dominiert. Meiner Meinung nach spielt das auch eine Rolle, wenn Menschen darüber nachdenken wieder auszuwandern.

Was würden sie Deutschland empfehlen, um seine Zuwanderungspolitik zu verbessern, sie erfolgreicher zu gestalten?

Zunächst müsste sich Deutschland auf internationaler Ebene ernsthaft als Einwanderungsland präsentieren. Diese Ansage muss vom Kanzleramt kommen und bis nach unten durch die Ministerien erfolgen. Ich glaube, viele potenzielle Zuwanderer entscheiden sich gegen Deutschland, da sie das Gefühl haben, dort unerwünscht zu sein - auch wenn das wahrscheinlich falsch ist. Obwohl es heute nicht mehr zutrifft, haftet Deutschland der Ruf des Gastarbeiterlandes an, in dem sich Migranten nur auf eine beschränkte Zeit aufhalten dürfen. Deutschland muss daher zuerst einmal eine intensive internationale Öffentlichkeitsarbeit leisten. Nachrichten verbreiten sich schnell.

Was noch?

Darüber hinaus muss die Regierung der deutschen Öffentlichkeit verständlich machen, dass Zuwanderung in ihrem Interesse liegt und die Regierung diese unter Kontrolle hat, denn ohne öffentliche Zustimmung kann Einwanderung niemals nachhaltig erfolgreich sein.

Migranten kommen größtenteils aus Entwicklungsländern und Nationen, die sich im Entstehungsprozess befinden. Viele kehren nach einer bestimmten Zeit wieder in ihre Herkunftsländer zurück. Sorgt sich Kanada wegen dieser Brain Circulation?

Das ist nun einmal die Chance, die man hat. Etwa zwei Millionen Kanadier leben außerhalb des Landes, von daher dient die Einwanderung teilweise dazu, diese Leute zu ersetzen. Das Zuwanderungsprogramm der neuseeländischen Regierung wurde zu einem gewissen Teil eingeführt, um die Neuseeländer zu ersetzen, die nach Australien auswandern. Jedes Land, das solchen Migrationsprozessen unterliegt, muss damit rechnen, dass Menschen kommen und wieder gehen. Auch in Deutschland gibt es viele Deutsche, die Deutschland verlassen. Man kann nicht davon ausgehen, dass die Zuwanderer, die kommen, auch im Land bleiben. Das ist einfach nicht realistisch. Aber ich denke, dass das auch gar keine so große Rolle spielt. Deutschland braucht Zuwanderer, Kanada braucht Zuwanderer, also müssen sich die Länder um Zuwanderung bemühen. Wenn ein Teil der Migranten im Land bleibt, nun gut, dann ist das das Beste, was man in einer globalisierten Welt erreichen kann. Nehmen wir an, ein Land braucht 200.000 Einwanderer im Jahr. Dann sollte versucht werden, möglichst eine Anzahl von 300.000 zu erreichen - vor dem Hintergrund, dass 100.000 von ihnen wieder abwandern werden. Das sind jetzt grobe Schätzungen, aber Sie verstehen, was ich meine.

Und wie steht es um die Herkunftsländer der Migranten, zum Beispiel die Philippinen?

Das unterscheidet sich von Staat zu Staat: Auf den Philippinen werden mehr Krankenpfleger ausgebildet, als das Land benötigt. Es absolvieren allgemein zu viele Leute Ausbildungen im Bereich Gesundheitswesen. Damit wird absichtlich ein Überschuss an Personal auf dem heimischen Markt hergestellt. Das heißt nicht, dass das keine negativen Folgen hat. Ein Problem für die Philippinen sind Ärzte, die das Land verlassen. Interessanterweise schulen sich Ärzte zu Krankenpflegern um, um in diesem Beruf im Ausland zu arbeiten. Der Bestand von Ärzten ist daher in ländlichen Regionen zurückgegangen. Meiner Meinung nach muss der Westen mit Ländern wie den Philippinen zusammenarbeiten, um die Migrationsströme so zu lenken, dass kein allzu großer Schaden in den Herkunftsländern entsteht.

Verlangsamt der Brain Drain die Entwicklung dieser Länder?

Die Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte wird sehr kontrovers diskutiert, und es gibt zu diesem Thema zurzeit keinen Konsens. Die einen argumentieren, dass sie die Entwicklung hemmt. Andere sehen darin einen Weg, das Humankapital in den Herkunftsländern zu erhöhen - und zwar folgendermaßen: Diejenigen, die das Land verlassen und im Ausland erfolgreich sind, schaffen als Vorbilder einen Anreiz für die Menschen zuhause, sich um eine bessere Bildung zu bemühen, so dass auch deren Aussichten auf eine Auswanderung steigen. Viele von ihnen werden ihre Heimat jedoch nicht verlassen, was zu einem Nettoanstieg des Humankapitals in der Gesellschaft führt und der Entwicklung des Landes zuträglich ist. Wiederum andere betonen den Wert der Geldüberweisungen ins Herkunftsland durch die Auswanderer. Diese Art des Kapitalrückflusses kommt mit der Zeit jedoch häufig zum Erliegen. Die Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte stellt einen komplexen Sachverhalt dar, der noch eingehender untersucht werden muss.

Sie haben hervorgehoben, dass ein Grund für die erfolgreiche Integration der Zuwanderer die ethnische Vielfalt der kanadischen Gesellschaft ist. In Deutschland wird sich eine derartige Vielfalt nicht so schnell ergeben. Was muss Deutschland Ihrer Ansicht nach tun?

Es braucht politische Führung. Die Politiker müssen den Menschen in Deutschland verständlich machen, dass Zuwanderung dem Wohle des Landes dient, dass die Migration kontrolliert wird, und dass die Menschen, die ins Land kommen, eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Bereicherung sind. Und vielleicht können sie ja auch auf andere Staaten verweisen, die diesen Weg erfolgreich gegangen sind und geben der Öffentlichkeit zu verstehen: Die USA sind nicht an Zuwanderung zugrunde gegangen, Kanada ist nicht an Zuwanderung zugrunde gegangen; die Menschen dort sind glücklich. Die Wichtigkeit von politischer Führung bei diesem Thema kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Eine Sache noch zu Kanada, Australien und Neuseeland: Es gibt dort keine politischen Parteien, die gegen Zuwanderung sind. In den USA sind beide großen Parteien, die Republikaner und auch die Demokraten, absolut von der Notwendigkeit von Zuwanderung überzeugt, in Kanada sind es alle Parteien. Das macht es natürlich einfacher, die Öffentlichkeit zu überzeugen, als wenn sie Parteien haben, die Zuwanderung ablehnen. Die regierenden Parteien in Deutschland stehen daher vor der Aufgabe, die migrationsfeindliche Stimmungsmache aus dem rechten Lager unwirksam zu machen. Ich bin davon überzeugt, dass politische Führung der wichtigste Punkt ist, aber es bedarf natürlich auch eines strategischen Programms, um den gesamten Prozess anzuleiten, die Aufnahme von Zuwanderern zu organisieren, die Integration zu gestalten und sicherzustellen, dass die ins Land gekommenen Menschen in die Arbeitswelt aufgenommen werden. Das bedeutet, dass sich um die Anerkennung von im Ausland erworbenen Fähigkeiten und Abschlüssen gekümmert und sich intensiv um die Vermittlung der deutschen Sprache bemüht werden muss.

Hat Deutschland in dieser Hinsicht wesentlich größere Probleme als Länder, in denen Englisch gesprochen wird?

Es werden sicherlich große finanzieller Investitionen in Sprachtraining notwendig sein, aber es ist nicht unmöglich. Nehmen Sie zum Beispiel Israel: Jeder, der Jude ist, kann dort hinkommen, auch wenn er kein Hebräisch spricht - genau genommen spricht kaum einer von ihnen Hebräisch. Sobald Sie ins Land gelangen, wird mit der Sprachausbildung angefangen. Israel musste so verfahren, da es den Zuwanderern sonst kaum möglich gewesen wäre, einer Arbeit nachzugehen. Daher hat man sich entschieden, einen enormen Betrag in die Integrationsarbeit zu investieren. Deutschland wird den gleichen Weg gehen müssen, zumindest was die Sprache betrifft. Es kann gelingen.

In Deutschland fürchten Teile der Bevölkerung, dass Immigranten die Sozialsysteme missbrauchen könnten. Besteht diese Furcht auch in Kanada?

Meinungsumfragen haben Jahr für Jahr gezeigt, dass die kanadische Öffentlichkeit die Zahl der Zuwanderer für angemessen hält. Die Kanadier unterstützen die Zuwanderung. Sie sind überzeugt, dass sie gut organisiert ist und dem Wohl der Gesellschaft und Wirtschaft dient. Das Vertrauen der kanadischen Öffentlichkeit in die Zuwanderungsprogramme führt zu einer geringen Sorge darüber, dass die Einwanderer das Wohlfahrtssystem missbrauchen könnten. Die Zuwanderer in Kanada lassen sich drei großen Gruppen zuordnen: Wirtschaftsmigranten, sogenannte family class migrants, Flüchtlinge. Die Kanadier erwarten von Flüchtlingen, dass diese die Unterstützung des Staates in Anspruch nehmen werden, schließlich suchen sie Schutz. Die "family class migrants" werden von Familienmitgliedern finanziert. Und Wirtschaftsmigranten kommen ins Land, um zu arbeiten oder Geschäfte zu machen - also Jobs zu schaffen. Es existiert sicherlich eine gewissen Sorge über die gegenwärtige Arbeitslosigkeit unter den Qualifizierten, die Kanada aufgenommen hat. Aber diese Sorgen werden typischerweise als Problem der Anerkennung ausländischer Zeugnisse formuliert und als Zeichen der Notwendigkeit, mehr zu tun, um den Immigranten bei der Arbeitssuche zu helfen - nicht, um nach einer Beschränkung der Zuwandererzahlen zu rufen.

Das Interview führte Margret Karsch.
Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut) erlaubt.

English original version

 

   
     
 

Die Zahl älterer Erwerbstätiger wächst - vor allem Frauen arbeiten länger
Seit 2007 ist mehr als jeder Zweite der 55- bis 64-Jährigen noch im Job, vor 15 Jahre galt das nur für gut jeden Dritten dieser Altersgruppe

Die geburtenstarken Jahrgänge der zwischen 1955 und 1965 Geborenen wachsen langsam in die Altersgruppe der 55- bis 64-Jährigen hinein. Im Unterschied zur Generation ihrer Eltern hören diese Babyboomer in Deutschland erst später auf zu arbeiten. Darüber hinaus sind in dieser Altersgruppe mehr Frauen erwerbstätig als früher, wenn auch oft nur in Teilzeit- oder geringfügiger Beschäftigung. Deshalb nimmt die Zahl der älteren Erwerbstätigen zu. Das ist das Ergebnis des aktuellen Altersübergangs-Monitors des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen. Die Analyse beruht auf den Daten des Mikrozensus der Jahre 1991 bis 2007. Der Mikrozensus ist eine jährlich durchgeführte, repräsentative Befragung von einem Prozent der Bevölkerung.

Die Alterserwerbstätigenquote bezeichnet den Anteil der Erwerbstätigen an der Bevölkerung im Alter von 55 bis 64 Jahren. Der Report fasst unter "Erwerbstätigkeit" alle Formen eines bestehenden Arbeitsverhältnisses, ohne eine Mindestgrenze für Einkommen und Arbeitsstunden. Die Quote schließt also auch jene Personen ein, die zusätzlich Transferleistungen erhalten oder vorübergehend - etwa wegen Mutterschutz oder Krankheit - keiner Erwerbsarbeit nachgehen.

Die "jungen Alten" arbeiten länger

In den 1990er Jahren lag die Alterserwerbsbeteiligung durchgängig unter 40 Prozent. 1993 erreichte sie in Folge der Wende, die zu einer breiten Frühverrentung der Geburtsjahrgänge bis 1937 führte, den Tiefpunkt von 35 Prozent. Seit dem Jahr 2000 ist der Anteil der Erwerbstätigen in der Altersgruppe der 55- bis 64-Jährigen deutlich gestiegen: auf 53,8 Prozent im Jahr 2008 und 56,2 Prozent im Jahr 2009. Männer sind in diesem Alter sehr viel häufiger erwerbstätig als Frauen: von den Männern waren es 2009 fast zwei Drittel, von den Frauen nicht ganz die Hälfte.

Beständiger Anstieg
Beschäftigungsquote älterer Erwerbstätiger insgesamt und nach Geschlecht in den Jahren 1991 bis 2009

55- bis 64-jährige Männer sind sehr viel häufiger erwerbstätig als Frauen derselben Altersgruppe: Fast zwei Drittel der Männer und knapp die Hälfte der Frauen gingen 2009 einer bezahlten Arbeit nach - von unterschiedlichem Umfang. Das bedeutet einen großen Zuwachs seit 1991, als nur gut die Hälfte der älteren Männer und weniger als ein Viertel der Frauen erwerbstätig waren (Datengrundlage: Eurostat).

Die Entwicklung verläuft zwar in West - und Ostdeutschland sowie bei Frauen und Männer sehr ähnlich. Die einzelnen Werte weichen aber erheblich von diesem gesamtdeutschen Bild ab. Am meisten Ältere im Job gibt es bei Männern in Westdeutschland, gefolgt von den Männern in Ostdeutschland, den Frauen in West - und schließlich den Frauen in Ostdeutschland. Das gilt für den gesamten Zeitraum von 1991 bis 2008.

In den 1990er Jahren stieg die Zahl der Menschen zwischen 55 und 64 Jahren in Deutschland von etwa neun auf knapp zwölf Millionen. Bis 2008 sank sie wieder auf rund zehn Millionen. Jene Geburtsjahrgänge, die zwischen 2001 und 2008 die 55- bis 64-Jährigen stellten, also die zwischen 1937 und 1953 Geborenen, unterscheiden sich in der Zahl ihrer Mitglieder jedoch kriegsbedingt sehr stark voneinander. Der Durchschnittswert von Erwerbsbeteiligung und Erwerbsaustrittsalter kann also Wesentliches verdecken. Beispielsweise kann die höhere Erwerbsbeteiligung der jüngeren Jahrgänge den Rückgang der Erwerbsbeteiligung mit zunehmendem Alter überlagern. Erst eine jahrgangsspezifische Analyse erlaubt es, den Einfluss der drei Faktoren - Erwerbsbeteiligung und - austrittsalter, demografische Altersstruktur - im Einzelnen abzuschätzen.

Die Analyse zeigt: Während in den 1990er Jahren die Erwerbsbeteiligung bereits im Alter zwischen 52 und 58 Jahren zurückging, war das zehn Jahre später erst ab einem Alter von 58 Jahren der Fall. Unterscheidet man nun wiederum zwischen Ost- und Westdeutschland sowie zwischen Frauen und Männern, lassen sich noch weitergehende Feststellungen treffen: Bei den westdeutschen Frauen ist die Erwerbstätigenquote der Jüngeren deutlich höher als die der Älteren. Offensichtlich hat hier ein Wandel der Geschlechterrollen stattgefunden: Frauen sind heute vor allem in jungen Jahren häufiger berufstätig als früher - und dieser Effekt setzt sich immer weiter in den höheren Altersgruppen durch. Demgegenüber fällt die Veränderung bei den westdeutschen Männern nur gering aus. Die Frühverrentungen nach der Wende haben die Erwerbstätigenquote der Ostdeutschen insgesamt erheblich gesenkt.

Der demografische Effekt: ungleich besetzte Altersjahrgänge

Die gegenwärtige Altersstruktur der Bevölkerung entzieht sich der politischen Einflussnahme - sie trägt jedoch erheblich zum Anstieg der Alterserwerbsbeteiligung bei, wie der Report zeigt: So sind zwischen 2001 und 2007 vergleichsweise viele "junge Alte" von unten in die Gruppe der 55- bis 64-Jährigen hineingewachsen, während fast ebenso viele "alte Alte" sie nach oben verlassen haben. Dieser Verjüngungseffekt, der allerdings in den folgenden Jahren in das Gegenteil umschlagen wird, war für rund ein Viertel des Anstiegs der Alterserwerbsbeteiligung zwischen 2001 und 2007 verantwortlich.

Inwieweit ist die gewachsene Alterserwerbsbeteiligung nun auch darauf zurückzuführen, dass das Erwerbsaustrittsalter gestiegen ist? Und inwieweit darauf, dass die Erwerbsbeteiligung gestiegen ist? Der Report kommt zu dem Ergebnis, dass beinahe die Hälfte des Anstiegs zustande gekommen ist, weil die Menschen länger arbeiten. Dass mehr Personen in irgendeiner Weise in einem Arbeitsverhältnis standen, sorgte für rund ein Viertel des Anstiegs. Die Zunahme der Alterserwerbsquote von Männern lässt sich eher damit erklären, dass sie später aus dem Berufsleben ausscheiden, die von Frauen eher damit, dass mehr von ihnen überhaupt in irgendeiner Form erwerbstätig sind.

Dass Ältere heute in größerem Ausmaß einer bezahlten Arbeit nachgehen als früher, heißt jedoch nicht, dass ihre Erwerbschancen heutzutage besser sind, so das Fazit des Reports. Um die Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu bewerten, müsste man die Formen der Erwerbstätigkeit unterscheiden - etwa, ob ein Job sozialversicherungspflichtig ist oder nicht, welche Qualifikation dafür erforderlich ist und ob das Einkommen zum Leben reicht. Mit der gesellschaftlichen Alterung und dem daraus folgenden Druck auf die sozialen Sicherungssysteme, auf die Rentenversicherung, das Gesundheitswesen und die Altenpflege, wächst auch die Notwendigkeit, länger zu arbeiten als bisher.

Unterschiede in den Ländern der EU-27

Ein Blick in die europäischen Nachbarländer zeigt, dass es beispielsweise in den nordischen Ländern und der Schweiz normal ist, auch mit über 55 beziehungsweise über 60 Jahren noch erwerbstätig zu sein. EU-Bürger gehen im Schnitt mit knapp über 60 in Rente. Spitzenreiter der EU-27-Mitgliedsstaaten ist Island: Die Beschäftigungsquote der 55- bis 64-Jährigen lag im Jahr 2009 bei 80,2 Prozent. Das Schlusslicht im EU-Vergleich bildet Malta mit 28,1 Prozent - der Durchschnittswert der EU-27 beträgt 46,0 Prozent.

Weite Spanne
Beschäftigungsquote älterer Erwerbstätiger insgesamt und nach Geschlecht im Jahr 2009

Innerhalb der EU-27 bestehen große Unterschiede bei der Alterserwerbsbeteiligung: Länder wie Schweden erreichen einen Wert von über zwei Drittel, Polen kommt nicht einmal auf ein Drittel Erwerbstätige in der Altersgruppe der 55- bis 64-Jährigen. In Lettland erreichen zudem Männer und Frauen nahezu denselben Wert von gut 53 Prozent, und auch in Schweden und Frankreich sind die Unterschiede zwischen den Geschlechtern verhältnismäßig gering - wenn auch in Schweden auf einem höheren und in Frankreich auf einem niedrigeren Niveau als in Lettland. Demgegenüber bestehen erheblich größere Abweichungen zwischen den Geschlechtern in Polen und Italien, aber auch in Deutschland (Datengrundlage: Eurostat).

Der Europäische Rat hat die demografische Herausforderung erkannt und bereits im Jahr 2001 das Ziel formuliert, die Beschäftigungsquote der Älteren im erwerbsfähigen Alter bis 2010 auf 50 Prozent zu heben. Und das Rad dreht sich weiter, der demografische Wandel schreitet fort: Bis 2060 wird sich innerhalb der EU die Zahl der Ruheständler verdoppeln gegenüber der Zahl derer, die die Pensionen und Renten bezahlen. Deshalb hat die Europäische Kommission den Mitgliedsstaaten kürzlich empfohlen, weiter daran zu arbeiten, das Rentenalter - und die Zahl der Erwerbstätigen insgesamt - zu erhöhen. Deutschland hat angekündigt, ab 2012 die Rente mit 67 einzuführen. Für Ende November hat die Bundesregierung zudem einen Bericht über die Lage älterer Beschäftigter angekündigt, der in Zukunft alle vier Jahre erscheinen soll.

Auch wenn es also fast so aussieht, als hätte Deutschland hier seine Hausaufgaben gemacht - bei den Bemühungen um bessere Arbeitsplätze besteht durchaus noch Handlungsbedarf. Bei der Chancengleichheit für Behinderte, der Gleichstellung von Männern und Frauen und einer Arbeitsorganisation, die es ermöglicht, das Berufs- und das Privatleben besser miteinander zu vereinbaren, muss Deutschland nacharbeiten. Dasselbe gilt für den Bereich Weiterbildung und lebenslanges Lernen: Die Erwerbsbeteiligung von Hochqualifizierten liegt auch bei den 55- bis 64-Jährigen weit über der von Geringqualifizierten. Dies zeigt, dass die Möglichkeit, auch im höheren Alter einen Job zu behalten oder zu finden, im Wesentlichen von der Qualifikation abhängt.

Profitieren würde davon die gesamte Volkswirtschaft: Denn anders als es die Frühverrentungsprogramme lange glauben machen wollten, taugen sie nicht, um die Beschäftigungsmöglichkeiten von Jungen zu verbessern und die Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Das zeigt sich daran, dass ausgerechnet in jenen Staaten Europas, in denen die meisten Älteren (und übrigens auch die meisten Frauen) in Lohn und Brot stehen, die Gesamtarbeitslosenquoten am niedrigsten sind. Dies kann nur bedeuten, dass Ältere zwar eine Arbeitsstelle "wegnehmen", dabei aber so qualifiziert und produktiv sind, dass sie mit ihrer Beschäftigung mindestens eine neue Stelle schaffen. Mit anderen Worten: Gut qualifizierten Gesellschaften geht die Arbeit nicht aus. Sie sind sogar auf die Mitarbeit von Älteren angewiesen.

Literatur / Links

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2008): Die demografische Zukunft von Europa. Wie sich die Regionen verändern. Berlin.

Brussig, Martin (2010): Höhere Alterserwerbsbeteiligung durch längere Erwerbsphasen. In jüngeren Kohorten sind mehr Menschen länger erwerbstätig als in älteren Kohorten. Altersübergangs-Report 2010-04. Hgg. vom Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen. Duisburg-Essen.

Europäische Kommission (2010): Eurostat. Beschäftigungsquote älterer Erwerbstätiger nach Geschlecht; Insgesamt.

Europäische Kommission (2010): Länger leben - länger arbeiten. In: EU-Nachrichten 25. Berlin. S. 1-2. www.eu-kommission.de.

Europäische Union (2001): Schlussfolgerungen des Vorsitzes. Europäischer Rat (Stockholm), 23. und 24. März 2001. Stockholm.

 

   
     
 

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The Chinese Pension System
by Heikki Oksanen

Pensions in China face a dual challenge: (1) the current system covers only a fraction of the population and does not function as intended, and (2) population ageing is progressing fastest in the world: the ratio of 65 year-olds to those aged 15 to 64 years, currently at eleven per cent, is projected to increase to 38 per cent by 2050.

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Die Stiftung Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung existiert seit fast zehn Jahren. Und seit 2003 versenden wir regelmäßig den Newsletter "Demos", ein Kürzel für die Begriffe "Demografie", "Entwicklung" und "Migration", die über einen "Online-Service" verbreitet werden. Das Ziel: Kurze, klare Beiträge und Grafiken sollen schnell verständliche Informationen zum Thema Bevölkerung bieten.

Das Institut hieß damals mit vollem Namen noch "Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung". Nach einer ersten Anlaufphase zu Anfang des Jahrzehnts hat das Institut dann sein Erscheinungsbild modernisiert, den Namen verschlankt und seine Öffentlichkeitsarbeit ausgebaut. Ein Mittel dazu bildet der Newsletter, der zunächst monatlich herauskam. Der erste erschien im September 2003. Die Beiträge machten auf den Stellenwert der Aufklärung im Kampf gegen Aids aufmerksam sowie auf die wachsende Bevölkerung in Europas Nachbarländern und den daraus entstehenden Einwanderungsdruck. Ein dritter Beitrag beschäftigte sich mit den boomenden Mittelstädten in Entwicklungsländern, die weit stärker wachsen als die vielzitierten Megastädte.

Seit April 2007 bereichern zudem Experten-Interviews die Newsletter. Die Gespräche bieten jeweils eine Außenperspektive auf Themen wie Stadtentwicklung, Ärztemangel, Klimawandel oder die Ausbreitung von Seuchen. Altersforscher Prof. Dr. Andreas Kruse zeigt auf, wie sich Ältere mit Zeit und Geld für das Gemeinwohl engagieren können, der Ökonom Prof. Dr. Michael Hüther erklärt den Zusammenhang von Fachkräftemangel und Zuwanderungspolitik, und der ehemalige Chef der Deutschen Bank Research, Prof. Dr. Norbert Walter, mahnt eindringlich Reformen angesichts des demografischen Wandels an.

Inzwischen findet sich auf der Homepage des Berlin-Instituts im Newsletter-Archiv ein breiter Fundus von Themen. Auch wenn einige von ihnen schon ein paar Jahre alt sind: Es lohnt sich, immer wieder mal darin zu stöbern. Denn die meisten Probleme, die sich aus der demografischen Entwicklung in den verschiedenen Regionen der Welt ergeben, sind längst noch nicht gelöst, viele haben sich erheblich verschärft. Und viele der möglichen Lösungskonzepte, die die Wissenschaft und Politik bieten und die innerhalb der Newsletter diskutiert werden, sind längst nicht umgesetzt.

Der letzte Newsletter Nummer 99 ging an über 3.600 Abonnentinnen und Abonnenten. Die heutige Ausgabe geht darüber hinaus an die vielen Interessierten, die in den vergangenen Jahren bei uns Informationen, Studien oder Discussion Paper bestellt haben. Das Team des Berlin-Instituts dankt allen Leserinnen und Lesern für ihre Treue. Wir hoffen, Sie auch weiterhin mit interessanten Texten und Grafiken versorgen zu können!

 

   
     
 

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