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Ausgabe 103, 17. September 2010

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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Partnerschaften zwischen Migranten und Einheimischen deuten auf gelungene Integration hin
Zuwanderer, die einen deutschstämmigen Partner haben, verfügen zumeist über höhere Bildung und bessere Jobs als diejenigen, die in ethnisch einheitlichen Partnerschaften leben

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Neue Energien für Ostdeutschland!
Die Selbstversorgung mit erneuerbaren Energien könnte wirtschaftliche und demografische Probleme ländlicher Regionen nachhaltig lösen

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Partnerschaften zwischen Migranten und Einheimischen deuten auf gelungene Integration hin
Zuwanderer, die einen deutschstämmigen Partner haben, verfügen zumeist über höhere Bildung und bessere Jobs als diejenigen, die in ethnisch einheitlichen Partnerschaften leben

Wie gut es Migrantinnen und Migranten gelingt, in der deutschen Gesellschaft Fuß zu fassen, hängt stark von den politischen Rahmenbedingungen ab. Aber es spielt auch eine Rolle, wie aufgeschlossen jemand ist und wie offen die Menschen im Umfeld sind. Wer über kommunikative und soziale Fähigkeiten verfügt und sich mit anderen Kulturen auskennt, hat es dabei leichter. Zuwanderer, die in zwischen-ethnischen Partnerschaften leben, zählen offenbar zu dieser Gruppe. Hinsichtlich ihrer Schulabschlüsse, ihrer Arbeitsmarktbeteiligung und ihrer Einkommen ähneln sie den Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft stärker als der Durchschnitt der Migranten. Das zeigt eine Analyse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) auf Basis der Daten des Sozio-Oekonomischen Panels (SOEP). Als "Partnerschaft" definiert die Studie das Zusammenleben zweier Personen unterschiedlichen Geschlechts als Paar in einem Haushalt.

Kulturelle Brückenbauer

In Deutschland lebten 2005 mehr als 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Von ihnen war in der Altersgruppe der 20- bis 65-Jährigen knapp ein Drittel Single. Der Anteil derer, die mit jemandem zusammenlebten, der einen anderen kulturellen Hintergrund hat als sie selbst, betrug 15,4 Prozent bei den Männern und 17,8 bei den Frauen mit Migrationshintergrund.

Wer lässt sich auf einen deutschen Partner ein?

Ein Ergebnis der Studie überrascht wenig: Je länger Migranten in Deutschland leben und je jünger sie sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie mit einer oder einem Deutschen zusammenleben. Dasselbe gilt, wenn die Herkunftsgruppe klein ist und entweder viel mehr Frauen als Männer oder viel mehr Männer als Frauen umfasst. Türkischstämmige, die die größte ausländische ethnische Gruppe in Deutschland stellen, gehen am seltesten eine Partnerschaft mit einem oder einer Deutschen ein: Nur 4,0 Prozent der Männer und 3,4 Prozent der Frauen mit türkischen Wurzeln führen eine Beziehung mit einem deutschen Partner oder einer deutschen Partnerin. Am häufigsten leben mit 21,0 Prozent italienische Männer sowie mit 11,9 Prozent Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien mit einem oder einer Deutschen zusammen. Zu ähnlichen Ergebnissen war die Studie Ungenutzte Potenziale des Berlin-Instituts gekommen.

In der zweiten Generation der Migranten sind Partnerschaften mit Alteingesessenen häufiger. Bei den Türkischstämmigen ist der Anteil solcher zwischen-ethnischer Partnerschaften hier sogar mehr als doppelt so groß wie in der ersten Generation. Betrachtet man nur jene Migranten, die in Partnerschaften leben, so wächst der Anteil zwischen-ethnischer Partnerschaften bei der zweiten Generation der Einwanderer aus Jugoslawien auf 30,7 Prozent bei den Männern gegenüber 17,5 Prozent in der ersten Generation und auf 42,7 Prozent bei den Frauen gegenüber 15,7 Prozent in der ersten Generation.

Was entscheidet bei der Partnerwahl?

Bei der Partnerwahl sind zum einen persönliche Vorlieben ausschlaggebend, die - wie Frank Kalter und Julia H. Schroedter in einer Untersuchung ausführen - unter anderem vom Bildungsstand, von der Länge des Aufenthalts im Aufnahmeland sowie von Übereinstimmungen in kultureller und religiöser Hinsicht abhängen. Zum anderen spielen die gesellschaftliche Gruppe, zu der der einzelne gehört, und die Beschaffenheit des "Beziehungsmarkts", also die Möglichkeit, überhaupt Partner anderer Kulturen kennen zu lernen, eine Rolle.

Bildung öffnet das Blickfeld
Anteil der Migranten und Migrantinnen mit einem Universitäts- oder Fachhochschulabschluss

Frauen und Männer mit Migrationshintergrund, die in zwischen-ethnischen Partnerschaften leben, haben häufiger einen Universitäts- oder Fachhochschulabschluss in der Tasche als jene in ethnisch einheitlichen Partnerschaften. Eine höhere Bildung kann die Mobilität fördern - und dabei helfen, sich an fremde Gewohnheiten anzupassen (Datengrundlage: SOEP 2005).

Erfolg auf dem Arbeitsmarkt

Migrantinnen und Migranten, die mit einem Deutschen oder einer Deutschen zusammenleben, sind häufiger erwerbstätig, haben häufig höhere Positionen und höhere Einkommen als Migrantinnen und Migranten in ethnisch einheitlichen Partnerschaften. Zudem schätzen sie sich den Daten des SOEP zufolge selbst als überdurchschnittlich kommunikativ, politisch interessiert und offen für Erfahrungen ein. Entsprechend können zwischen-ethnische Beziehungen als Belege für gelungene Integration betrachtet werden. Offen bleibt dabei allerdings, ob die Partnerschaft mit einer oder einem Einheimischen die Integration fördert oder ob allein die Persönlichkeitsmerkmale dafür verantwortlich sind, dass eine solche Partnerschaft überhaupt eingegangen wird.

Integration zahlt sich aus
Anteil der Migrantinnen und Migranten in Führungspositionen

Einwanderer, die eine zwischen-ethnische Beziehung führen, sind auf dem deutschen Arbeitsmarkt besonders gut positioniert. Der Anteil der Migrantinnen, die mit deutschen Männern in Führungspositionen zusammenleben, ist mehr als doppelt so hoch wie der Migrantinnen in ethnisch einheitlichen Partnerschaften. Für die Migranten gilt - in nur geringfügig kleinerem Ausmaß - dasselbe (Datengrundlage: SOEP 2005).

Den Zusammenhang zwischen zwischen-ethnischer Partnerschaft und Arbeitsmarkterfolg bestätigt die DIW-Studie allerdings nur für Migrantinnen und Migranten, nicht für Einheimische. Deutsche in zwischen-ethnischen Beziehungen sind im Schnitt beruflich weniger erfolgreich als Deutsche in ethnisch einheitlichen Beziehungen. Außerdem schätzen sie sich auch selbst nicht als überdurchschnittlich offen, kommunikativ, politisch interessiert oder risikofreundlich ein.

Betrachtet man den Bildungsstand, so fallen Unterschiede zwischen den deutschen Männern und den deutschen Frauen auf, die einen Partner mit Migrationshintergrund haben: Wie bei den Migranten ist der Anteil der deutschen Frauen in zwischen-ethnischen Beziehungen, die über einen Universitäts- oder Fachhochschulabschluss verfügen, mit 25, 7 Prozent deutlich höher als in Partnerschaften mit Einheimischen - der liegt bei nur 16,7 Prozent.

Noch viel zu tun

Es braucht natürlich mehr als einige zufriedene Paare, um landesweit von gelungener Integration reden zu können. Dennoch bilden zwischen-ethnische Partnerschaften einen zwar weichen, aber dennoch aussagekräftigen Indikator dafür, in welcher Weise Migranten und Mehrheitsgesellschaft sich füreinander öffnen und sich gegenseitig anerkennen.

Literatur / Links

Kalter, Frank / Schoedter, Julia H. (2010): Transnationale Ehen von ehemaligen Arbeitsmigranten in Deutschland. In: Zeitschrift für Familienforschung, 22. Jg., 1/2010. S. 11-33.

Nottmeyer, Olga (2010): Inter-ethnische Partnerschaften: Was sie auszeichnet - und was sie über erfolgreiche Integration aussagen. In: Wochenbericht des DIW Berlin Nr. 11, März 2010, S. 12-20.

Statistisches Bundesamt (2005): Bevölkerung nach detailliertem Migrationsstatus. Wiesbaden. www.destatis.de

Woellert, Franziska / Kröhnert, Steffen / Sippel, Lilli / Klingholz, Reiner (2009): Ungenutzte Potenziale. Zur Lage der Integration in Deutschland. Hgg. vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Berlin.

 

   
     
 

Neue Energien für Ostdeutschland!
Die Selbstversorgung mit erneuerbaren Energien könnte wirtschaftliche und demografische Probleme ländlicher Regionen nachhaltig lösen

Einige Gegenden der neuen Bundesländer werden sich zu einem so gut wie menschenleeren Raum entwickeln - dieser Trend scheint fast unumkehrbar. Die Abwanderung von über 2,7 Millionen Menschen hat seit der Wende die ländlichen Gebiete Ostdeutschlands derart ausgedünnt, dass die Bezeichnung "Niemandsland" mancherorts keine Schwarzmalerei ist. Besonders schwer wiegt dabei, dass vor allem die Jüngeren weggezogen sind: 70 Prozent der Abwanderer waren noch keine 30 Jahre alt.

Es sind verschiedene Entwicklungen, die sich gegenseitig verstärken: Wo kaum junge Menschen leben, werden in Zukunft auch weniger Kinder geboren. Schulen und Ausbildungsstätten müssen schließen. Für junge Familien gibt es keine Anreize, wohnen zu bleiben oder gar zuzuziehen. Standortanalysen werden Betrieben wohl kaum raten, sich anzusiedeln. Für die immer weniger werdenden Verbliebenen sinken Zukunftschancen und Lebensqualität kontinuierlich. Denn in solch einer Gegend fahren Busse nur noch einmal die Stunde, der Weg zum nächsten Arzt ist weit und ein Theater schwer zu finden.

Da stellt sich die Frage: Ist diese Entwicklung ein unaufhaltsamer Prozess, der strukturschwache Regionen immer schwächer werden lässt, bis sie dann endgültig der Natur überlassen bleiben? Oder kann der Mensch gegensteuern?

Modell Güssing - Europas Zentrum für erneuerbare Energien

Trostlos sah es Anfang der 1990er Jahre auch im österreichischen Güssing aus. Die 4.000-Einwohner-Stadt liegt im Südburgenland und zählte, ehemals Teil der Randregion des Eisernen Vorhangs, zu den am schwächsten entwickelten Regionen Westeuropas. Die Arbeitslosigkeit war hoch, die Infrastruktur schlecht ausgebaut und marode. Immer mehr Menschen zogen aus dem Ort weg.

Heute ist Güssing "Europäisches Zentrum für erneuerbare Energien" (EEE), erhält EU-Fördermittel und besitzt als "Modell Güssing" internationales Ansehen. Das Zentrum hat für die Stadt ein Energiekonzept zur unabhängigen und nachhaltigen Entwicklung entwickelt, das sich bewährt hat. Es stützt sich auf dezentrale und lokale Energiegewinnung, die die vorhandenen erneuerbaren Energiequellen der Region nutzt.

Wie kam es zu diesem Erfolg? Alles begann im Jahr 1990 mit dem Beschluss des Gemeinderates, die Unabhängigkeit von der fossilen Energieversorgung anzustreben. Damals musste gespart werden - und die größten Ausgaben waren beim Ankauf von Strom, Öl und Kraftstoffen zu verbuchen. Da 45 Prozent der Gemeindefläche Güssings aus Wald bestehen, hatten der engagierte Bürgermeister und ein Güssinger Ingenieur eine Idee: Sie wollten die riesigen Mengen des Rohstoffes Holz, die bislang brach lagen, endlich nutzen - und ein holzbetriebenes Fernwärmekraftwerk bauen. Nachdem die nötige Überzeugungsarbeit im Gemeinderat geleistet war, kamen bald darauf eine Biogasanlage und ein Biomassekraftwerk hinzu.

Mittlerweile gibt es in und um Güssing 30 Anlagen mit verschiedenen hochmodernen Technologien, die das Holz der Region in Wärme und Strom umwandeln. Zudem forscht das Energiezentrum intensiv an der Herstellung eines dieselähnlichen Kraftstoffes aus Biomasse. Und in Güssing steht inzwischen auch die erste Solarzellenfabrik Österreichs. Seit 2001 ist die Stadt energieautark. Sie produziert mittlerweile doppelt so viel Energie, wie sie selbst verbraucht.

Güssings Entwicklung zur energieautonomen Stadt wirkt sich in dreierlei Hinsicht positiv aus: auf die Umwelt, die lokale Wirtschaft und infolgedessen auch auf die Zukunft der Region. Es sind längst nicht mehr nur die Kraftwerke allein, die die Region vorantreiben. Die Abkopplung vom Energiemarkt ließ in Güssing den Strompreis sinken. Über 50 Betriebe, darunter zwei große Parketthersteller, siedelten sich wegen der günstigen Produktionsbedingungen an.

Das neue Energiezentrum zog als erstes seiner Art Politiker, Forscher und Journalisten aus der ganzen Welt an, die sich von der Südburgenländischen Vorbildregion inspirieren lassen wollten. Die Interessierten können an täglichen Führungen zu den verschiedenen Kraftwerken teilnehmen. Außerdem veranstaltet die Modellstadt Weiterbildungen und Seminare. So profitiert Güssing davon, dass es Regionen mit ähnlichen Vorhaben beratend zur Seite steht und die gesammelten Erfahrungen weitergibt. Die Zahl der Besucher ist gestiegen, und es hat sich ein regelrechter "Ökoenergietourismus" herausgebildet. Inzwischen kann die Region Güssing sich als "Ökoenergieland" vermarkten.

Insgesamt sind rund 1.000 neue Arbeitsplätze entstanden. Auf diese Weise bleibt die regionale Wertschöpfung von 13 Millionen Euro bei den Einwohnern Güssings. Das hat die Lebensqualität gesteigert und die Abwanderung reduziert. Innerhalb von weniger als 15 Jahren hat sich die Region praktisch selbst geheilt. Sie ist zu einem Beispiel für die positive Entwicklung einer ehemals abgeschriebenen ländlichen Region geworden.

Samsø: eine dänische Selbstversorger-Insel

Vergleichbar erfolgreich verlief die jüngere Geschichte der dänischen Insel Samsø. Hier leben auf einer Fläche von 112 km², die hauptsächlich landwirtschaftlich genutzt wird, ebenfalls um die 4.000 Einwohner. Früher importierten die Bewohner Öl per Schiff und Strom per Kabel vom Festland - heute nutzen sie einen Mix aus Wind- und Sonnenenergie. Denn damit ist die Insel von Natur aus reich ausgestattet. Der Strom, der aus Samsøs Steckdosen kommt, besteht gegenwärtig zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien.

Auch hier folgte der Beginn des Erfolges auf eine Krise: Einige wenige Großbauern kauften nach 1990 die kleineren Bauernhöfe auf, legten sie zu großen industrielandwirtschaftlichen Einheiten zusammen und entließen Mitarbeiter. Schon Mitte der 1990er war die Arbeitslosigkeit auf der Insel hoch und viele Menschen zogen weg.

1997 schrieb das dänische Energieministerium einen Wettbewerb aus. Es suchte Vorschläge dafür, wie eine dänische Region es schaffen könnte, von fossilen Brennstoffen unabhängig zu werden und die Kohlenstoffdioxid-Emissionen auf Null zu senken. Und zwar ohne finanzielle Unterstützung durch den Staat.

Ein Ingenieur aus Århus gewann den Wettbewerb mit einem Vorschlag für die Insel Samsø. Sein Konzept beinhaltete drei Punkte: Vier Wärmekraftwerke, Solartechnik, Isolierung der alten Bauernhäuser, Biomasseöfen und Kuhmilch-Wärmetauscher sollten erstens die Wärmeversorgung sicherstellen. Zweitens sollten Windkraftanlagen die Elektrizität produzieren. Und drittens sollten der öffentliche und der private Verkehr auf Batteriebetrieb umgestellt werden.

Damit war Samsø auserkoren, zur "Ökoenergieinsel" aufzusteigen. Doch bis zum war es noch ein weiter Weg. Es erforderte viel Engagement seitens der Bewohner und die Gründung der Nichtregierungsorganisation "Energiakademi", bis die Pläne sich verwirklichen ließen. Da die gesamte Umstellung auf erneuerbare Energien ohne staatliche Subventionen passieren musste, war es Sache der Kommunen und Privatleute, Geld in die Energieanlagen zu investieren.

Bis heute wurden aus privater und öffentlicher Hand insgesamt 57 Millionen Euro in Samsøs Energierevolution gesteckt. Vor Samsø entstanden zehn Offshore-Windkraftanlagen, weitere elf auf der Insel selbst. Außerdem tragen verschiedene kleinere Energieanlagen zur Stromerzeugung bei, darunter drei Heizkraftwerke, in denen Stroh und Holz von der Insel verbrannt werden. Die Neuerungen haben sich gelohnt: Die Insel produziert heute - acht Jahre nach Beginn der Umstellung und damit früher als erwartet - 40 Prozent mehr Energie, als sie benötigt, um den Eigenbedarf zu decken. Die Investitionen konnten im Laufe der Zeit durch das mit der Energieeinspeisung ins öffentliche Netz verdiente Geld wieder hereingeholt werden. Die lokalen Bauern verdienen inzwischen mehr Geld mit dem Verkauf von Strom als von Milch.

Dass sich keine großen Firmen an den Windmühlen beteiligten, war Sören Hermannsen, dem Direktor der Nichtregierungsorganisation, wichtig. Die Bewohner von Samsø sollten selbst Investoren und Gewinner sein, sonst hätten sie vermutlich Widerstand gegen die Windanlagen in der Nachbarschaft geleistet. Aber so war es ihr eigenes Projekt. Da die Bürger sich ernst genommen fühlen und die Verantwortung für die Zukunft ihrer Heimatregion tragen, setzen sie sich mit voller Kraft für das Erreichen der gesetzten Ziele ein - denn es sind zugleich ihre eigenen.

Sören Hermannsen reist heute um die ganze Welt und hält Vorträge über seine Heimat, die weltweit erste energieautonome Insel. Ebenso wie nach Güssing pilgern am Klimaschutz Interessierte, Politiker und Experten aus zahlreichen Ländern nach Samsø.

Treuenbriezen - ein Lösungsmodell für die Probleme Ostdeutschlands?

Vielleicht liegt das Heilmittel gegen die Abwanderung aus ländlichen Regionen in der Energieautonomie? Hier besitzt der ländliche Raum schließlich einen enormen Vorteil gegenüber den Städten, die weder über genügend Platz noch über ausreichend Ressourcen verfügen.

Die brandenburgische Kleinstadt Treuenbriezen, die von Wald- und Ackerland umgeben ist, möchte sich ebenfalls zu einem Zentrum für erneuerbare Energien entwickeln. Ansätze dafür gibt es bereits: 2008 wurde ein Energiekompetenzzentrum aufgebaut, bestehend aus einem Windpark mit 43 Windkraftanlagen, einem Solarpark, einer Solarfabrik und einer Biogasanlage, in der Gülle, Mais und Getreideschrot aus der lokalen Landwirtschaft zu Methan vergoren werden. Treuenbrietzen will mittel- bis langfristig energieautonom werden. Der Ortsteil Feldheim hat dieses Ziel mittels der regionalen regenerativen Energieversorgung schon 2009 erreicht.

Ein zentraler Gedanke bei diesen Plänen ist, dass die Region für junge Menschen attraktiver wird, wenn sie Jobs zu bieten hat. Und diese sollen die innovativen Zukunftstechnologien bringen. Bislang bildete das verarbeitende Gewerbe, traditionellerweise die Metallverarbeitung, den Wirtschaftsschwerpunkt Treuenbrietzens. Durch die neuen Zukunftsperspektiven könnte die Abwanderung der jüngeren Generationen verhindert oder zumindest eingedämmt werden.

Beide Vorbildregionen, Güssing und Samsø, befanden sich in wirtschaftlicher und demografischer Not, als sie ihre energetischen Potenziale entdeckten und zu nutzten begannen. Innerhalb weniger Jahre konnten sie Arbeitslosigkeit und Abwanderung verringern und eine ökologisch und sozial nachhaltige Wirtschaftssituation schaffen. Diese zieht bis heute ein internationales Publikum an. Durch die finanzielle Unabhängigkeit, die neu geschaffenen Arbeitsplätze und die gesteigerte Lebensqualität bleibt die regionale Wertschöpfung in den Regionen erhalten.

Entscheidend für das Gelingen war in beiden Fällen allerdings das hohe Eigenengagement der Bürger vor Ort. Sie haben sich von Beginn an dafür eingesetzt, die Ideen umzusetzen. Heute können sie sich freuen, in einer Region zu wohnen, die Zukunft hat. Zu dem Schluss, dass bürgerschaftliches Engagement unentbehrlich für die Zukunftsfähigkeit einer Region ist, kommt auch die Studie "Demografischer Wandel" des Berlin-Instituts. Ein Ergebnis der Untersuchung: Durch eine verstärkte Planungsautonomie auf der Gemeindeebene und Innovationen von unten nach oben kann das kreative Potenzial der Regionen effektiver genutzt werden.

Vielleicht könnten auch in Ostdeutschland ländlichen Räumen mithilfe solcher Ideen überleben. Die schrumpfenden Regionen in den neuen Bundesländern wären gut beraten, in erneuerbare Energien zu investieren. Denn auch wenn es dort zunehmend weniger Menschen gibt - ungenutzte Energie-Ressourcen gibt es noch genug.

Literatur / Links

Andreas Weber/ Reiner Klingholz (2009): Demografischer Wandel. Hgg. v. Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Berlin 2009.

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Gutachten zum demografischen Wandel im Land Brandenburg. Berlin 2007.

Biobay: Samsø: Neues Mekka für Klimaschützer (abgerufen am 09.09.2010).

Energiewandel, Förderclub für erneuerbare Energien: Insel Samsø.

Europäisches Zentrum für erneuerbare Energien (abgerufen am 09.09.2010)

Höges, Clemens (2010): Größer als Schwarzenegger. In: SPIEGEL online, 19.10.2010.

Jungnikl, Saskia (2008): Bericht über das Modell Güssing. In: Die ZEIT, 21.08.2008.

Knape, Michael (2010): Energieautarker Ort Feldheim der Stadt Treuenbrietzen im Landkreis Potsdam-Mittelmark. In: Wege zum Bioenergiedorf. Technik, Geld, Strategie. Waren/Müritz 19. und 20. März 2010 (abgerufen am 10.09.2010).

Laberenz, Lennart (2008): Viel Wind um Samsø. In: Der Tagesspiegel, 9.11.2008.

Ökoenergieland, (abgerufen am 10.09.2010).

Samsø Energy Akademy (abgerufen am 09.09.2010).

Stadt Treuenbrietzen (abgerufen am 09.09.2010).

Statistisches Bundesamt (2009): Wanderungssaldo von Ost- nach Westdeutschland ändert sich wenig. Pressemitteilung Nr. 375 vom 01. Oktober 2009. Wiesbaden.

Willenbrock, Harald (2010): Neue Energie. In: Brand eins 7 (2010).

 

   
     
 

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"Strukturfonds: Ein wichtiges Instrument der EU zur Regionalförderung"
von Gregor Grienig

Die Europäische Union (EU) verfügt über ein mächtiges Instrument - die Strukturfonds -, um die strukturellen Unterschiede zwischen den Regionen Europas auszugleichen. Denn es bestehen nicht nur zwischen den Mitgliedsländern der EU große Ungleichheiten in kultureller, demografischer und wirtschaftlicher Hinsicht, wie sich besonders im Zuge der Aufnahme zahlreicher ehemaliger Ostblockstaaten in die Gemeinschaft gezeigt hat. Sondern auch innerhalb der etablierten EU-Mitgliedsländer lassen sich große regionale Unterschiede feststellen. Dies zeigt sich unter anderem an einer sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen Bedeutung der Regionen.

Zum vollständigen Artikel

Der Beitrag "Bevölkerungsentwicklung in der Türkei" von Steffen Kröhnert wurde mit aktuellen Daten aktualisiert. Außerdem ist er unter dem Titel "Demographic Development in Turkey" nun auch auf Englisch erhältlich.

 

   
 

 

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