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Ausgabe 105, 30. September 2010

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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Auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung keine "Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse"
Bevölkerung in Zahlen: West und Ost haben sich angenähert, aber neue Trennlinien zeichnen sich ab

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Deutschland braucht dringend mehr Zuwanderer
Ein Beitrag von Reiner Klingholz zur Debatte um Integration und Thilo Sarrazin

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Neu im Online-Handbuch Demografie

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Auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung keine "Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse"
Bevölkerung in Zahlen: West und Ost haben sich angenähert, aber neue Trennlinien zeichnen sich ab

Die Wiedervereinigung liegt nun zwanzig Jahre zurück. Bildet Deutschland inzwischen auch demografisch eine Einheit? Die Statistiken geben Aufschluss darüber, welche Lebensverhältnisse damals in West- und Ostdeutschland geherrscht haben und heute herrschen. Die amtlichen Zahlen zeigen etwa, wo viele Kinder geboren werden und wo viele ältere Menschen leben, wo es Jobs, Kitas und Pflegeeinrichtungen gibt. Eine funktionierende Wirtschaft und eine gute Infrastruktur tragen ebenso wie kulturelle Angebote oder eine intakte Natur dazu bei, dass eine Region eine hohe Lebensqualität bietet und attraktiv ist für Zuwanderer. Umgekehrt verlassen die Menschen Gegenden, wenn sie dort keine Perspektive für sich sehen und Arbeit knapp ist. Von einer "Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse" kann nur eingeschränkt die Rede sein - das zeigen nicht nur die unterschiedlichen Wirtschafts- und Arbeitsmarktdaten, sondern darauf weist auch die unterschiedliche demografische Entwicklung der einzelnen Bundesländer seit der Wende hin.

Ob eine Bevölkerung wächst oder schrumpft, hängt im Wesentlichen von der Zahl der Geburten und Sterbefälle sowie den Wanderungsbewegungen ab. Aus dem Wendejahr 1990 liegen nicht alle Zahlen zu den Veränderungen der gesamtdeutschen Bevölkerung vor, und auch für 2009 sowie das laufende Jahr 2010 gibt es noch keine endgültigen amtlichen Aussagen. Deswegen muss sich der Rückblick größtenteils auf den Zeitraum zwischen 1991 und 2008 beschränken.

Nach der Wende: Go West!

Ende 2008 lebten in Deutschland rund 81,9 Millionen Menschen - davon 65,5 Millionen im früheren Bundesgebiet, 13,0 Millionen in den neuen Ländern und 3,4 Millionen in Berlin. Gegenüber 1990 haben die alten Bundesländer - ohne West-Berlin - damit vier Millionen Menschen hinzugewonnen, die neuen Bundesländer - ohne Ost-Berlin - 1,7 Millionen Menschen verloren. Die Einwohnerzahl Berlins blieb nahezu unverändert.

Die Veränderungen der Einwohnerzahlen sind vor allem auf die Wanderungsbewegungen zurückzuführen, die nach dem Fall der Mauer im Jahr 1989 einsetzten: Alle ostdeutschen Bundesländer verzeichneten zwischen 1990 und 2008 Wanderungsverluste, alle westdeutschen Wanderungsgewinne. Das wiedervereinigte Berlin lockte Zuzügler an. Nach Hamburg und Schleswig-Holstein strömten jährlich mit 97 Zuzüglern je 1.000 Einwohnern die meisten, sehr viele zogen mit 90 pro 1.000 Einwohner auch nach Rheinland-Pfalz und mit jeweils 88 pro 1.000 Einwohnern nach Bayern und Niedersachsen. Die Nähe zur Hansestadt Hamburg oder zu Nachbarstaaten, in denen sich Arbeitsmöglichkeiten bieten, machten die grenznahen Regionen für Pendler interessant. Nach Niedersachsen kamen zudem in den 1990er Jahren viele Spätaussiedler.

Demgegenüber gingen pro 1.000 Einwohner jährlich 88 aus Sachsen-Anhalt weg, das damit die größten Verluste verzeichnete. Mecklenburg-Vorpommern verließen 73 pro 1.000 Einwohner, Thüringen 54 pro 1.000. Entsprechend ist die Bevölkerung in diesen Bundesländern besonders stark geschrumpft: 2008 lebten in Sachsen-Anhalt nahezu 16 Prozent weniger Menschen als 1991. In Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen ist die Bevölkerung um rund zwölf Prozent zurückgegangen. Insgesamt haben mehr als 2,7 Millionen Menschen Ostdeutschland seit der Wende verlassen und sind nach Westdeutschland gezogen (jeweils ohne Berlin), die meisten von ihnen schon in den 1990er Jahren. Dass 1,6 Millionen zugezogen oder zurückgekommen sind, bedeutet im Saldo immer noch einen Verlust von 1,1 Millionen Menschen.

Nicht nur die vielen Fortzüge, sondern auch die gegenüber den Sterbefällen niedrigen Geburtenzahlen sind die Ursache des Bevölkerungsrückgangs. Westdeutsche Bundesländer haben deshalb seit der Wende ebenfalls Einwohner verloren: Im Saarland leben heute mindestens 4,3 Prozent und im Stadtstaat Bremen 3,2 Prozent weniger Menschen als 1991. Beide Regionen sind industriell geprägt und haben den Strukturwandel verschlafen. Das Saarland verlor in der Kohle- und Stahlindustrie Arbeitsplätze, Bremen, zu dem auch Bremerhaven zählt, ebenfalls in der Stahlbranche und im Schiffbau. Die Lage verschlechterte sich nochmals, als die US-amerikanische Armee ihre Stützpunkte auflöste. Aus Bremen zogen außerdem viele Stadtbewohner ins niedersächsische Umland.

Am stärksten gewachsen sind demgegenüber die Einwohnerzahlen im Süden Deutschlands: Bayern hat acht Prozent, Baden-Württemberg 7,5 Prozent hinzugewonnen. Der Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Kraft dieser Regionen, deren Arbeitsplatzangebot wie ein Magnet wirkt, liegt auf der Hand. Deutschlandweit lag im Jahr 2009 die Arbeitslosenquote, also die Zahl der Arbeitslosen bezogen auf alle zivilen Erwerbspersonen - das sind sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, Selbstständige und mithelfende Familienangehörige, Beamte und Arbeitslose - bei 8,2 Prozent. Am niedrigsten war die Arbeitslosenquote in Bayern mit 4,8 Prozent und in Baden-Württemberg mit 5,1 Prozent, am höchsten in Berlin (14,1 Prozent), gefolgt von Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt (jeweils 13,6 Prozent).

Der Westen zieht immer noch mehr Menschen an als der Osten
Wanderungen zwischen dem früheren Bundesgebiet und den neuen Ländern

Seit 1994 sind die extrem hohen Abwanderungszahlen aus den neuen Bundesländern Vergangenheit. Inzwischen hat sich die Zahl der Ost-West-Wanderer bei knapp 140.000 eingependelt, die der West-Ost-Wanderer bei rund 90.000. Der jährliche Wanderungssaldo liegt also inzwischen bei etwa 50.000. Nach der Bezirksreform im Jahr 2001 wurde Berlin bei der Betrachtung ausgenommen (Datengrundlage: Statistisches Bundesamt).

Die K-Frage: nicht ob, sondern wie

In der DDR lag die durchschnittliche Kinderzahl je Frau im Jahr 1990 noch bei 1,52. In der Unsicherheit der Nachwendezeit brach sie ein und sank in den neuen Ländern 1994 auf ein historisches Tief von im Schnitt 0,77. Inzwischen hat diese sogenannte zusammengefasste Geburtenziffer das westdeutsche Niveau erreicht, 2008 lag sie im früheren Bundesgebiet bei 1,37, in den neuen Ländern bei 1,40 und in Gesamtdeutschland bei 1,38 Kindern - und damit noch weit unter dem sogenannten bestandserhaltenden Niveau von 2,1. Die meisten Kinder bekommen im Schnitt die Frauen in Sachsen (1,45), in Mecklenburg-Vorpommern (1,43), in Niedersachsen und Schleswig-Holstein (je 1,42). Am niedrigsten war die durchschnittliche Kinderzahl 2008 in Hamburg und im Saarland mit jeweils 1,25 Kindern je Frau.

Deutliche Spuren des gesellschaftlichen Wandels in Ostdeutschland

Die gesellschaftliche Unsicherheit hatte nach der Wende zu niedrigen Kinderzahlen je Frau geführt. Inzwischen hat sich die Lage gefestigt, Ostdeutschland hat sich dem Westniveau angenähert (Datengrundlage: Statistisches Bundesamt).

Deutliche Unterschiede zwischen Ost und West bestehen nach wie vor bei der Kinderbetreuung. In der DDR waren Frauenerwerbstätigkeit und Kinderkrippe die Regel, während in der Bundesrepublik die sogenannte Hausfrauenehe überwog und die Kleinen zunächst bei der Mutter zu Hause blieben. Im Bundesdurchschnitt nahm 2009 jedes fünfte Kind unter drei Jahren die Betreuung in einer Kindertageseinrichtung oder in der öffentlich geförderten Kindertagespflege in Anspruch. Weit über diesem Durchschnittswert lagen Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Thüringen, Berlin und Sachsen mit Werten zwischen 40 und 55 Prozent. Für die Drei- bis Fünfjährigen lag die Betreuungsquote 2009 bundesweit bei 92 Prozent. Hier führte Rheinland-Pfalz mit 96,2 Prozent die Rangordnung an, dicht gefolgt von Thüringen mit 95,9 Prozent. Allerdings erhalten in Rheinland-Pfalz nur 28,4 Prozent der Kleinen eine ganztägige Betreuung, während es in Thüringen 86,1 Prozent sind. Schlusslichter bei der Kinderbetreuung waren Hamburg, Schleswig-Holstein, Bremen und Niedersachsen. In den beiden Flächenländern hängt dies eng mit dem noch weit verbreiteten traditionellen Familienmodell und der damit einhergehenden niedrigen Frauenerwerbstätigkeit zusammen.

Weniger Jüngere, mehr Ältere

Die deutsche Gesellschaft altert: Im Schnitt erreichen die Menschen von Jahr zu Jahr ein höheres Lebensalter, es kommen weniger Kinder zur Welt, die Zahl der potenziellen Eltern nimmt ab. Die Altersgruppen der unter 20-Jährigen und der 20- bis 39-Jährigen sind von 1991 bis 2008 in allen Bundesländern geschrumpft, während die der 40- bis 64-Jährigen sowie der 65-Jährigen und Älteren gewachsen sind. In der Folge steigt der Pflegebedarf - auch wenn viele Menschen das höhere Alter bei besserer Gesundheit erreichen dürften. Zugleich sinkt die Zahl der potenziellen Pfleger und Pflegerinnen.

Besonders stark abgenommen hat die Zahl der unter 20-Jährigen in den neuen Bundesländern. 1991 waren dort noch die höchsten Anteile zu verzeichnen, allen voran Mecklenburg-Vorpommern mit 27,3 Prozent. Im Jahr 2008 hat sich das Bild gewandelt, nun mangelt es in Ostdeutschland an jungen Leuten: In Sachsen-Anhalt lag der Anteil der unter 20-Jährigen nur noch bei 14,8 Prozent. Das ist auch auf die Abwanderung zurückzuführen: 70 Prozent derer, die von 1991 bis 2008 von Ost- nach Westdeutschland gegangen sind, waren unter 30 Jahre alt. Die meisten von ihnen haben ihre Kinder woanders bekommen - das hat die potenzielle Elterngeneration verkleinert, die zurückgeblieben ist.

Verhältnismäßig mehr Ältere und weniger junge Erwachsene im Osten
Altersgruppen in Prozent der Gesamtbevölkerung des jeweiligen Bundesgebietes 2008

Deutlich erkennbar ist der Geburtenknick nach der Wende in den neuen Ländern an den geringen Anteilen der in den 1990er Jahren Geborenen. Der andauernde Wegzug von junger Bevölkerung lässt die ältere Bevölkerung in Ostdeutschland überproportional ansteigen (Datengrundlage: Statistisches Bundesamt).

Die demografische Struktur Deutschlands hat sich in den letzten zwanzig Jahren gewandelt. Der Geburteneinbruch nach der Wende und die Abwanderung vor allem junger Menschen haben diese Entwicklung in Ostdeutschland noch beschleunigt. Die Lebensbedingungen unterscheiden sich regional betrachtet nicht nur in Ost- und Westdeutschland voneinander, sondern auch in Nord- und Süddeutschland sowie insbesondere in der Stadt und auf dem Land. Mit den demografischen Veränderungen der Vergangenheit sind die Weichen für zukünftige Entwicklungen gestellt - wenn die Politik Einfluss nehmen will, muss sie rasch handeln. Denn damit Menschen mehr Kinder bekommen oder Qualifizierte zuwandern, muss das Lebensumfeld stimmen.

Literatur / Links

Statistische Ämter der Länder (2010): Von Bevölkerung bis Wahlen - 20 Jahre deutsche Einheit in der Statistik. Bad Ems. www.statistikportal.de

Statistische Ämter des Bundes und der Länder (2010): Zensus 2011. www.zensus2011.de

Statistisches Bundesamt (2010): 20 Jahre deutsche Einheit. Wunsch oder Wirklichkeit. Wiesbaden. www.destatis.de

Statistisches Bundesamt (2010): Genesis Online-Datenbank. www.destatis.de

Statistisches Bundesamt (2010): Natürliche Bevölkerungsbewegung 2008. Fachserie 1. Reihe 1.1. Wiesbaden.

Statistisches Bundesamt (2010): Wanderungen 2004 und 2008 Fachserie 1. Reihe 1.2. Wiesbaden.

Thüringer Landesamt für Statistik (2010): 20 Jahre deutsche Einheit in der Statistik. Zahlen, Daten und Fakten aus den 16 Bundesländern. Pressemitteilung Nr. 296, 27. September 2010. Erfurt. www.tls.thueringen.de

 

   
     
 

Deutschland braucht dringend mehr Zuwanderer
Ein Beitrag von Reiner Klingholz zur Debatte um Integration und Thilo Sarrazin

Wir wissen nicht, ob es der Plan von Thilo Sarrazin war, die Diskussion um die Zuwanderung nach Deutschland abzuwürgen. Sicher ist, dass seine Streitschrift genau das bewirkt.

Denn die Diskutanten hat er in zwei Lager gespalten: in eine parteiübergreifende Entrüstungsfraktion, der sich Personen im öffentlichen Raum nur schwer entziehen können; und in den halböffentlichen Foren-und-Blogger-Stammtisch, der Sarrazin mehrheitlich Beifall zollt. Der Sache dienen beide Fraktionen nicht.

Die politische Korrektheit der einen verhindert ein nüchternes Nachdenken über die Probleme, die Sarrazin zu Recht benennt, auch wenn er längst nicht der Erste ist, der das tut. Und der Stammtisch der anderen verrührt Halbwahrheiten mit Vorurteilen und zementiert so ein negatives Zerrbild des Zuwanderers, das jede vernünftige Migrationspolitik verhindert. Beide Fraktionen unterbinden eine Debatte um das, was Deutschland dringend braucht: deutlich mehr Zuwanderung.

Die deutsche Politik - und vermutlich auch das deutsche Volk - ist mehrheitlich der Meinung, das Land habe schon genug davon erlebt. Minderheiten wie der Wirtschaftsminister, die Arbeitgeberverbände, der DIHK oder der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau rufen zwar nach neuen Migranten, aber gehört werden sie allem Anschein nach nicht.

Natürlich ist es richtig und wichtig festzustellen, dass die Integration von Zuwanderern hierzulande massive Defizite aufweist. Die Migration der Vergangenheit ist heute, wie Studien bestätigen, zu einem Kostenfaktor für die Volkswirtschaft geworden. Die OECD beklagt, dass Migranten in kaum einem Land ein so schlechtes Bildungsniveau haben wie in Deutschland. Und keine vergleichende Studie kann verheimlichen, dass sich Menschen mit Wurzeln in der Türkei am schwersten tun mit der Integration.

Solche Daten aber verstellen den Blick auf all jene Zugewanderten, die ein ganz normales Durchschnittsleben führen oder sogar besser qualifiziert sind, mehr verdienen und mehr Steuern zahlen als der Durchschnitt der Alteingesessenen. Die schlechten Erfahrungen und die Angst im Hinterkopf, Wählerstimmen zu verlieren, reichen aus, um einen politischen und gesellschaftlichen Reflex zu aktivieren: "Mehr davon - nein danke."

Der Arbeitsmarkt löst einen zweiten Reflex aus, der sich auf die Kurzformel reduzieren lässt: Solange auch nur ein Arbeitsloser im Land herumläuft, brauchen wir keine Unterstützung aus anderen Ländern. Frank-Jürgen Weise, der Chef der Bundesarbeitsagentur, erklärt uns immer wieder, wir müssten die stillen Reserven mobilisieren, unsere eigenen Leute besser qualifizieren. Nun ist es gewiss eine gute Idee, erst einmal die Hausaufgaben zu machen, bevor man Hilfe von außen ruft. Doch offenbar verpufft der Effekt der milliardenschweren Qualifizierungsmaßnahmen und Arbeitsförderung, in denen nach Schätzungen bis zu eine Million nicht vermittelbare Personen geparkt sind. Die Stellen für Fachkräfte jedenfalls bleiben trotzdem offen.

Das Schlimme ist, dass die auf diesen Reflexen fußende Migrationspolitik "funktioniert": Die Grenzen sind so gut wie dicht. Die Verschärfung des Asylrechts hat dazu geführt, dass auf diesem Weg praktisch niemand mehr nach Deutschland kommt. 2008 wurden noch ganze 233 Personen als Asylberechtigte anerkannt.

Hinzu kommt der Familiennachzug, der seit dem Anwerbestopp von 1973 der gängige Weg war, nach Deutschland einzuwandern. Weil mit dem Nachzug, meist von Frauen und Kindern, allerdings das ohnehin niedrige Bildungsniveau der Migranten weiter absank, wurde auch er massiv erschwert. Gerade Türken kommen seither in immer geringeren Zahlen ins Land. Ihre Nettozuwanderung sank von 10.130 im Jahr 2000 auf 1.746 in 2005. Seither hat sich die Wanderungsrichtung sogar umgekehrt. 2008, das jüngste Jahr, über das konkrete Zahlen vorliegen, verbucht eine Nettoabwanderung von 10.147 Personen in die Türkei.

Thilo Sarrazins Argument, wir würden von Türken unterwandert, kann also kaum mehr gelten - zumal von einer hemmungslosen Vermehrung in der Türkei längst nicht mehr die Rede sein kann. Auch dieses Land kann sich der Moderne nicht entziehen. Derzeit bekommen die Türkinnen im Mittel noch 2,1 Kinder - das reicht gerade mal, um die Bevölkerung stabil zu halten. Und die Fertilität wird mit großer Sicherheit weiter sinken.

Trotzdem sieht es so aus, als habe die Berliner Politik sich Sarrazins Problemgruppendefinition längst zu eigen gemacht und ihre Einwanderungspolitik danach ausgerichtet. Die Zahlen jedenfalls stützen die Annahme, dass Deutschland sich abschottet. Weder unqualifizierte noch qualifizierte Migranten sind offenbar erwünscht. Einzig aus armen EU-Ländern, aus denen sich die Zuwanderung nicht unterbinden lässt, sind 2008 noch Menschen in nennenswerter Zahl gekommen: 8.103 aus Bulgarien und 10.447 aus Rumänien. Die Statistik sagt auch, dass in den letzten beiden Jahren deutlich mehr Menschen aus mehrheitlich muslimischen Ländern ab- als zugewandert sind.

Auch von Hochqualifizierten werden wir nicht gerade überrannt: 2008 kamen 157 Personen aus Nicht-EU-Ländern, denen in Deutschland eine dauerhafte Niederlassungserlaubnis erteilt wurde - 71 von ihnen aus den USA. Das ist eine beeindruckend niedrige Zahl angesichts der 40.000 bis 80.000 unbesetzten Fachkräftestellen, an denen insgesamt bis zu einer viertel Million Arbeitsplätze hängen dürften. Dass die Wirtschaftlichkeitsbilanz von Migranten hierzulande negativ ist, liegt auch daran, dass wir die Qualifizierten gar nicht erst ins Land lassen.

Es ist absurd: Jahrelang hat sich Deutschland wider jede Realität dagegen gewehrt, ein Zuwanderungsland zu sein - und ist nun de facto zum Auswanderungsland geworden. Im langjährigen Mittel kamen rund 250.000 Personen im Jahr zu uns über die Grenzen. Seit 2008 aber verlassen der öffentlichen Statistik zufolge mehr Menschen das Land der Dichter, Denker und Maschinenbauer als hineinkommen. Damit steht Deutschland, neben Japan, allein da unter den hochentwickelten, reichen Industrienationen.

Wir brauchten eine regelrechte Besiedlungspolitik für den Osten Deutschlands

Gerade das Beispiel Japan zeigt allerdings, wie man es nicht machen sollte: Dort kommen noch weniger Kinder je Frau zur Welt als in Deutschland, und der Ausländeranteil liegt gerade einmal bei 1,7 Prozent. Das Land widersetzt sich der Zuwanderung in einer Weise, die an Xenophobie grenzt, und exekutiert derzeit Rückführungsprogramme für die wenigen Migranten, die es überhaupt gibt. Damit stürmt Japan auf das demografische Harakiri zu. Die dortige Bevölkerung wird Prognosen zufolge bis 2050 von heute 127 Millionen auf dann 95 Millionen schrumpfen und dabei gleichzeitig extrem überaltern.

Ganz so schlimm mag es in Deutschland nicht kommen. Dennoch könnten Thilo Sarrazins Visionen, leicht abgewandelt, wahr werden. Selbst bei einem angenommenen Zuwanderungssaldo von jährlich 100.000 bis 200.000 Personen sieht das Statistische Bundesamt bis 2050 einen Bevölkerungsschwund um rund zwölf Millionen voraus. Dieser Aderlass, der numerisch der kompletten Entleerung der zwölf größten Städte von Berlin bis Leipzig entspricht, ist allerdings optimistisch kalkuliert, weil die unterstellte Zuwanderung derzeit gar nicht mehr stattfindet.

Ohne demografische Hilfe von außen schrumpfen wir auf mittlere Sicht auf ein Häuflein von Alten, kaum aufgemischt von einer türkischstämmigen Minderheit, die sich nach ein, zwei Generationen dem niedrigen Geburtenniveau ihrer Umwelt nähert. Zwar bekommen Türkischstämmige in Deutschland mehr Kinder als die Alteingesessenen, aber für eine Bevölkerungsexplosion, wie Thilo Sarrazin vermutet, taugt das nicht - es reicht nicht einmal zum Bestandserhalt.

Das Durchschnittsalter in Deutschland würde bis 2050 Richtung 60 Jahre steigen, über 15 Prozent der Bürger wären über 80 und von diesen ein Drittel dement. Eine solche Gesellschaft wäre nicht mehr in der Lage, in der globalen Wirtschaft eine Rolle zu spielen. Und sie könnte Begriffe wie Grenzsicherung getrost aus dem Duden streichen. Denn die Zahl unserer Nachbarn in Afrika wird sich im gleichen Zeitraum auf zwei Milliarden verdoppeln.

Kaum ein Mensch im politischen Berlin stellt sich Fragen zu dieser langfristigen Entwicklung. Und keiner würde sagen, dass sie oder er unser Land in solch eine Lage manövrieren will. Aber genau dorthin geht der Kurs.

Es fragt sich offenbar auch niemand, was aus den wunderbar aufgehübschten Altstädten, den sanierten Schlössern und Burgen, dem restaurierten Unesco-Weltkulturerbe in den neuen Bundesländern werden soll. Hunderte Milliarden Euro sind in den Aufbau Ost hineingeflossen - wofür eigentlich? Damit ein Teil schon heute leersteht und morgen noch mehr? Auch das wird geschehen, denn von dem Schwund werden vor allem jene Gebiete im Osten Deutschlands betroffen sein, die über die mit Abstand beste, weil nagelneue Infrastruktur der Republik verfügen. Schon sind Luchs und Wolf zum Demografiefolger der Deutschen geworden.

Die Einwanderungspolitik befindet sich in einer schizophrenen Lage: Sie will keine Zuwanderung; sie will aber auch nicht, dass ganze Landstriche versteppen. Die Politik weiß nur, was sie nicht will. Sie hat keinen Plan für die Zukunft.

Die Planlosigkeit herrscht schon so lange vor, dass inzwischen selbst ein paar Zehntausend der dringend benötigten ausländischen Fachkräfte keine wirkliche Entlastung brächten. Wenn wir unsere wertvolle Infrastruktur effizient nutzen und nicht zu einem guten Teil abschreiben wollen, wenn wir jung genug bleiben wollen, um global konkurrieren zu können, brauchten wir mittlerweile keine Zuwanderungs-, sondern eine regelrechte Besiedlungspolitik.

Länder wie Kanada, Australien und die USA haben stets so argumentiert: Wir sind ein leeres Land, und wenn wir mehr fähige Leute von außen gewinnen können, dann geht es allen besser. Der Große Kurfürst hat es so gemacht, als er die Hugenotten geholt hat. Und auch die Zarin Katharina II. hat im 18. Jahrhundert gezielt arme Schlucker (aber fähige Bauersleute) aus Bayern, Baden und Hessen an der Wolga angesiedelt, um die Steppen zu kultivieren und ihr Reich gen Osten abzusichern. Damals waren die Deutschen auf der anderen Seite der Wanderung - und auch dieses Experiment hat funktioniert.

Moderne Zuwanderungsländer wie Kanada profitieren ganz ungemein von ihren Neubürgern. Und das liegt nicht nur an einer offensiven Anwerbepraxis, sondern auch daran, dass der Familiennachzug garantiert ist. Kanada will keine menschlichen Arbeitsmaschinen, sondern intakte soziale Verbände, die sich aufgenommen fühlen und sich deshalb aktiv integrieren. Der Erfolg: Die in Kanada geborenen Kinder sämtlicher asiatischer Zuwanderergruppen erreichen bereits deutlich häufiger einen Universitätsabschluss als der kanadische Durchschnitt. Meinungsumfragen zeigen Jahr für Jahr, dass die kanadische Öffentlichkeit die hohe Zahl der Zuwanderer für angemessen hält.

Deutschland braucht jetzt, nicht erst in ein paar Jahrzehnten, eine massive Zuwanderung mit ähnlich guten Integrationsbedingungen wie in Kanada. Denn demografisch bedingt wird die hiesige Erwerbsbevölkerung um rund 30 Prozent schrumpfen, weil die kopfstarke Gruppe der Babyboomer in den kommenden Jahren ins Rentenalter wächst. In dieser kritischen Phase gibt es zu wenig junge, produktive Menschen, die den Wohlstand erwirtschaften können, der für die Versorgung der alternden Bevölkerung nötig ist. Die Rente mit 67 kann das Problem abfedern, lösen kann sie es nicht.

In dieser Phase haben junge, bildungshungrige und boomende Nationen wie Indien, China oder Brasilien eindeutige Vorteile. Sie werden weiter aufholen und uns teilweise überholen.

Aber in etwa 15 bis 20 Jahren ändert sich etwas Grundlegendes an diesem Wettbewerb: Dann nämlich wird die Alterung auch diese heute noch jungen Gesellschaften Zug um Zug erreichen - und zwar umso drastischer. Während unter uns Deutschen die Zahl der Kinder je Frau von 2,5 in den sechziger Jahren auf 1,4 gesunken ist, hat China - zeitlich versetzt - einen Rückgang von etwa 6 Kindern je Frau auf 1,5 zu verkraften. Entsprechend groß werden die Herausforderungen sein, wenn auf China die Verrentung der Millionen zukommt, die heute noch für das gigantische Wachstum sorgen.

Länder wie China werden dann junge Arbeitskräfte aus anderen Ländern brauchen. Und wenn China erst beginnt zu rekrutieren, bleibt für das gute alte Europa nichts mehr übrig.

All dies müssen wir wissen, wenn wir über Zuwanderung diskutieren. Es ist absurd zu glauben, wir könnten unsere Entwicklung planen, als lebten wir auf einer demografischen Insel, auf der alles bleibt, wie es ist, nur mit ein paar Millionen Menschen weniger. Wir werden unsere Zukunft nicht aus eigener demografischer Kraft stemmen können.

Es ist völlig klar, dass sich dabei unsere Kultur verändern wird, was auch für die Kultur der Zugewanderten gilt. Wie "abendländisch" diese neue Kultur dann letztlich ist, weiß niemand. Allein dieser Gedanke macht vielen Menschen Angst. Es hilft dabei aber die Erkenntnis, dass es zum Wesen der Kultur gehört, dass sie sich ständig wandelt. Ansonsten wäre es keine Kultur, sondern Geschichte.

Dieser Beitrag ist erstmals erschienen in "Der Spiegel" 35/2010.

 

   
     
 

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Wir haben den Beitrag "Bevölkerungsentwicklung in Ostdeutschland" von Steffen Kröhnert aktualisiert.

In Ostdeutschland vollzog sich nach dem Zusammenbruch des DDR-Systems eine radikale Veränderung der natürlichen und räumlichen Bevölkerungsbewegung. Die Stichworte dazu lauten Geburtenrückgang, Abwanderung und Alterung der Bevölkerung. Die Ursachen dafür müssen, neben Anpassungsprozessen an generative Strukturen des westdeutschen Gesellschaftsmodells, auch einem misslungenen wirtschaftlichen "Aufschwung Ost" zugeschrieben werden.

Zum vollständigen Artikel

Außerdem liegt die aktualisierte Fassung jetzt auch in englischer Übersetzung unter dem Titel "Demographic Development in Eastern Germany" vor.

After the collapse of the German Democratic Republic (GDR), a radical transformation of the natural and territorial population movement took place. Keywords for this development include a falling birth-rate, emigration and the ageing of population, all resulting from the process of adaptation to the generative structures of the Western model of society as well as from a failed economic upswing.

Full Version

 

   
 

 

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