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Ausgabe 106, 26. Oktober 2010

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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Verlässliche Daten zu Lebenslagen europäischer Roma sind rar
Die westlichen EU-Staaten bieten eher einen Ausweg aus Armut und Arbeitslosigkeit als osteuropäische Länder - aber überall sind die Hürden zur Integration für Roma hoch

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Arm und Reich
Im wiedervereinigten Deutschland geht die Wohlstandsschere auseinander - zunehmend weniger zwischen Ost und West als zwischen Land und Stadt sowie zwischen Gering- und Spitzenverdienern

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Verlässliche Daten zu Lebenslagen europäischer Roma sind rar
Die westlichen EU-Staaten bieten eher einen Ausweg aus Armut und Arbeitslosigkeit als osteuropäische Länder - aber überall sind die Hürden zur Integration für Roma hoch

In ganz Europa wird die Zahl der Roma auf mindestens neun Millionen geschätzt, viele Forscher - darunter etwa Wolfgang Wippermann von der Freien Universität Berlin - sprechen gar von zwölf Millionen. Die Bezeichnung Roma steht hierbei für eine über den gesamten Kontinent verteilt lebende Volksgruppe mit verschiedenen Untergruppen, allesamt Nachfahren mittelasiatischer Volksgruppen, die vor über 600 Jahren eingewandert sind. Die große Mehrzahl der Roma führt in ihren Heimatländern ein ganz normales Leben als Teil der Gesellschaft. Auch in Westeuropa leben Roma vorwiegend als langjährig in den Ländern verwurzelte Staatsbürger. Hinzu kommt hier eine steigende Zahl an Roma-Flüchtlingen, unter ihnen besonders viele Rumänen und Bulgaren.

Nach wie vor ist Europas größte ethnische Minderheit Diskriminierungen ausgesetzt. Zudem stehen einzelstaatliche Maßnahmen wie die Beschlüsse Frankreichs, illegale Wohnkolonien der Roma aufzulösen und eine große Zahl an Roma aus Frankreich auszuweisen, im Widerspruch zu den menschenrechtlichen Zielsetzungen der Europäischen Union (EU) und zur Freizügigkeitsrichtlinie. Das haben auch das Europäische Parlament, die Kommission und der Expertenausschuß der Vereinten Nationen "zur Beseitigung der Rassendiskriminierung" (CERD) kritisiert. Frankreich steht jedoch nicht allein: Italien hat tausende Roma in spezielle Verwahrungslager umgesiedelt und wie Belgien, Großbritannien, Dänemark oder auch Schweden abgeschoben.

In der Bundesrepublik Deutschland leben dem Zentralrat Deutscher Sinti und Roma zufolge etwa 70.000 bis 80.000 Roma und Sinti. Sinti sind ebenso wie Aschkali und Ägypter eine Untergruppe der europäischen Roma. Deutschland und die Republik Kosovo haben im April dieses Jahres eine Vereinbarung unterzeichnet, um die Ausweisung von jährlich bis zu 2.500 der insgesamt rund 10.000 in Deutschland geduldeten Roma-Flüchtlinge in den Kosovo zu regeln. Bislang wurden 143 Personen abgeschoben, obwohl der Europarat sich wegen der dortigen humanitären Situation dagegen ausgesprochen hat. Das Auswärtige Amt, dessen Lagebericht zum Kosovo allerdings als vertraulich eingestuft und deshalb nicht einsehbar ist, sieht die Sicherheit von Roma im Kosovo nicht generell bedroht - im Gegensatz zur Einschätzung von Amnesty International und anderen Menschenrechtsorganisationen. Diese weisen zudem immer wieder darauf hin, dass laut Genfer Flüchtlingskommission und EU-Qualifikationsrichtlinie massive Diskriminierung eine Form von politischer Verfolgung darstelle. Zudem sei die Hälfte der Roma-Flüchtlinge Kinder, die im Fall der Abschiebung vermutlich keine Chance auf eine sichere gesundheitliche Versorgung oder einen Schulabschluss hätten.

Den Mitgliedsstaaten der EU fehlt ein überzeugendes Konzept, wie die gesellschaftliche Ausgrenzung von Roma beendet werden könnte. Unstrittig ist, dass nahezu überall in Europa viele Roma sich mit einem niedrigeren Lebensstandard zufriedengeben müssen als der Durchschnitt der Bevölkerung: mit einem geringeren Einkommen, einem schlechteren Gesundheitszustand, schlechteren Wohnbedingungen, höherer Arbeitslosigkeit. Um diese Roma gesellschaftlich besser zu integrieren, wurden verschiedene Initiativen gestartet - darunter eine 2005 von Bulgarien, Kroatien, der Tschechischen Republik, Mazedonien, Rumänien, Serbien und der Slowakei unterzeichnete Erklärung, mit der die Roma-Dekade ("Decade of the Roma Inclusion, 2005-2015") ausgerufen wurde. Die beteiligten Länder haben vereinbart, jeweils einen nationalen Handlungsplan aufzustellen, um die Lebensbedingungen von Roma zu verbessern, etwa den Zugang zu Bildung, Beschäftigung und Gesundheitsversorgung zu erleichtern. Ein halbes Jahrzehnt ist inzwischen vergangen - und noch immer liegt der Erfolg in weiter Ferne.

Die Lebensbedingungen in Osteuropa sind ungleich härter

Vor allem in Osteuropa leiden viele Roma unter Armut und Arbeitslosigkeit. Hier finden sie sich spätestens seit dem politischen Umsturz Anfang der 1990er Jahre am untersten Ende der sozialen Rangordnung. Sie leben oft in prekären Verhältnissen und in abgelegenen Siedlungen ohne Verkehrsanbindung, sind teilweise offener Diskriminierung und mancherorts sogar gewaltsamen Übergriffen ausgesetzt. Gesellschaftlicher Aufstieg scheint für Mitglieder ihrer Volksgruppe nahezu unmöglich. Nach Westeuropa zu ziehen, ist deshalb attraktiv.

Millionen Roma leben in Osteuropa in Armut

Allein in den osteuropäischen Staaten Rumänien und Bulgarien leben mehr als zwei Millionen Roma. Mehrheitlich verfügen sie noch nicht einmal über eine grundlegende Schulbildung. Entsprechend hoch ist die Arbeitslosigkeit. Ein erschreckend hoher Prozentsatz lebt in absoluter Armut - Sachgüter und Nahrungsmittel reichen hier nicht einmal zur Befriedigung der Grundbedürfnisse. Um hierfür Lösungen zu finden, müssten zudem die Ursachen analysiert und weitere Daten erhoben werden - in einigen Ländern mangelt es selbst an Schätzungen zur Lebenssituation von Roma (Datengrundlage: Open Society Insitute, Unicef, Worldbank).

Einige Roma aus Osteuropa haben sich nun in Frankreich, Großbritannien und Spanien niedergelassen und wohnen dort vorwiegend in provisorischen Behausungen. Gemessen an den Lebensbedingungen in ihren Herkunftsregionen ist ihnen damit bereits ein sozialer Aufstieg gelungen. Doch auch hier haben sie so gut wie keine Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Vor allem Sprach- und Qualifizierungsdefizite behindern sie dabei, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Anfeindungen der Bevölkerung sind sie nach wie vor ausgesetzt - manche Roma geraten in einen Teufelskreis aus Diskriminierung und Straffälligkeit, weil sie sich mangels Alternative in die Grauzonen der Erwerbstätigkeit zurückziehen und mit Musizieren, Betteln und Kleinkriminalität Geld verdienen.

Zielländer erscheinen gänzlich konzeptlos

Dies ist jedoch nur die eine Seite - den Zielländern muss attestiert werden, dass sie über so gut wie keinen Integrationswillen gegenüber diesen Heimatlosen verfügen. Die Westeuropäer fürchten sich vor Zuwanderern, die ihre Sozialsysteme belasten könnten und davor, dass zahllose weitere Roma nachfolgen würden, wenn man ihnen nur ein angenehmeres Leben ermöglichte. Durch ihre Abwehrhaltung verstärken sie die Barrieren für ein produktives Miteinander. So bleibt es bei der seit Jahrzehnten angewendeten Praxis: Abschotten, Ignorieren und nach Möglichkeit Ausweisen.

Ein gesamteuropäische Lösung für diese Problematik ist nicht abzusehen, denn im Endeffekt sind die verschiedenen Szenarien sowohl in den Herkunfts- als auch den Zielländern sehr unterschiedlich. Derzeit diskutieren Roma-Experten über die Möglichkeit, einen europaweiten Roma-Fonds einzurichten, in welchen alle EU-Länder Gelder einzahlen und der seine Einlagen auf die Länder gemessen an ihrer jeweiligen Roma-Population zurückzahlen könnte. Dieses Geld könnte für angepasste Integrationsmaßnahmen verwendet werden. Allerdings wäre der bürokratische Aufwand hoch - zudem ist die Datenlage zu den ansässigen Roma regional sehr unterschiedlich.

Datenerfassung à la Großbritannien ermöglicht zielgerichtetere Integrationsmaßnahmen

In vielen Ländern werden Roma von offizieller Seite deutlich untererfasst. Dies trifft besonders auf die östlichen Herkunftsländer zu, aber auch auf die Zielländer, wo rigide Bestimmungen zur Datenerhebung keine klaren Aussagen zur Bevölkerungsstärke und gesellschaftlichem Erfolg erlauben. So ist es in den EU-Ländern mehrheitlich nicht vorgesehen, Bevölkerungsdaten mit dem Unterscheidungsmerkmal "ethnischer Hintergrund" von Amts wegen zu erfassen. Das britische System der Datenerfassung ist in diesem Punkt anders und wurde auch vom Open Society Institute - einem führenden Institut der Roma-Forschung - als vorbildlich für die gesamte EU eingestuft. Dort finden ethnisch differenzierende Erhebungen statt, beispielsweise in Bildungseinrichtungen, in Arbeitsstätten und auch durch den Bevölkerungszensus. Mit diesen Erkenntnissen können Ressourcen und Initiativen auf ethnische Bevölkerungsgruppen konzentriert werden, die quantifizierbare Probleme in der gesellschaftlichen Teilhabe aufweisen. Fast noch wichtiger ist jedoch der Aspekt, dass durch diese Daten Erfolge im Zeitverlauf messbar werden. Dadurch können nachweislich erfolgreiche Programme weiter ausgebaut und gescheiterte Projekte gekippt werden.

Nachhaltige Problemlösung durch Armutsbekämpfung im Osten der EU

An der Suche nach pragmatischen Lösungen wie diesen gehen die populistischen Debatten, wie sie beispielsweise momentan in Frankreich geführt werden, meilenweit vorbei. Maßnahmen wie Räumungen und Abschiebungen passen weder in den europäischen Rechtsrahmen, noch zeugen sie von einer langfristigen Strategie. Sie scheinen eher tagespolitisch motiviert zu sein und ändern nichts am Ursprung des Problems: den schlechten Lebensbedingungen der Roma in Osteuropa.

Es ist kaum anzunehmen, dass die jüngst aus Frankreich Ausgewiesenen sich mit ihrem Schicksal in der alten Heimat arrangieren. Sehr wahrscheinlich werden sie über kurz oder lang erneut nach Mittel- und Westeuropa einreisen. Nur eine wirkliche Verbesserung ihrer Lebensumstände in den Herkunftsländern könnte den Wanderungsdruck mindern. Besonders Rumänien und Bulgarien, wo die größten Roma-Bevölkerungen leben, müssen gemeinsam mit den Eltern und Kindern Wege suchen, um die Zahl der Schul- und Ausbildungsabschlüsse und damit die Arbeitsmarktchancen der Roma zu erhöhen. So ließe sich der Teufelskreis der Armut durchbrechen.

Spätestens im Jahr 2014 werden die Übergangsregelungen fallen, mit denen Länder wie Frankreich, Österreich, Italien und auch Deutschland ihren Arbeitsmarkt gegenüber Rumänen und Bulgaren noch teilweise abschotten dürfen. Spätestens dann wird es auch ungleich schwerer werden, Roma ohne genaue Prüfung des Einzelfalls des Landes zu verweisen.

Am 20. Oktober haben Vertreter der 47 Mitgliedsstaaten des Europarates, der Europäischen Union und der Roma-Gemeinschaft in Straßburg eine Erklärung veröffentlicht, die einen Neuanfang verheißt: Die "Straßburger Erklärung" enthält Leitlinien zur Nichtdiskriminierung, zur Bürgerschaft, zu Frauen- und Kinderrechten, zur soziale Eingliederung, zur Selbstbestimmung und zu einem besseren Zugang zur Justiz. Die Erklärung sieht außerdem die Einrichtung eines neuen europäischen Trainingsprogramms für über 1.000 Roma-Mediatoren vor, welche die Gemeinschaften in rechtlichen und administrativen Fragen beraten sollen. An der Frage, wie mit den Roma in Zukunft umgegangen wird, wird sich zeigen, wie ernst es Europa mit der Angleichung der Lebensbedingungen seiner Bürger und den Menschenrechten ist.

Literatur / Links

Amnesty International (2010): Left Out. Violations of the Rights of Roma in Europe. London. www.amnesty.org.

Council of Europe (2010): The Strasbourg Declaration on Roma. Strasbourg. www.coe.int.

Decade of Roma Inclusion 2005-2015, www.romadecade.org.

European Parliament (2010): Resolution of 8 July 2010 on the European integration process of Kosovo. Strasbourg. www.europarl.europa.eu.

European Union Agency for Fundamental Rights (2009): Die Situation von Roma-EU-Bürgern, die sich in anderen EU-Mitgliedstaaten niederlassen. Vergleichender Bericht. Luxemburg.

Grienig, Gregor (2010): Roma in Europa. In: Online-Handbuch Demografie. Hgg. vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Berlin.

Knaus, Verena et al. (2010): Integration unter Vorbehalt. Zur Situation von Kindern kosovarischer Roma, Ashkali und Ägypter in Deutschland und nach ihrer Rückführung in den Kosovo. Deutsches Komitee für Unicef. Köln.
www.unicef.org.

Netzwerk Migration in Europa e.V. (2010): Deutschland/Kosovo Rücknahmeabkommen. In: Migration und Bevölkerung 5/2010.

Netzwerk Migration in Europa e.V. (2010): Europa: Diskussion um Umgang mit Roma. In: Migration und Bevölkerung 8/2010.

Netzwerk Migration in Europa e.V. (2010): Frankreich: Roma-Abschiebungen forciert. In: Migration und Bevölkerung 7/2010.

Open Society Institute (2010): No Data - No Progress. Data Collection in Countries Participating in the Decade of Roma Inclusion 2005–2015. New York. www.soros.org.

Unicef (2007): Breaking the Cycle of Exlusion. Roma Children in South East Europe. Belgrad. www.unicef.org.

 

   
     
 

Arm und Reich
Im wiedervereinigten Deutschland geht die Wohlstandsschere auseinander - zunehmend weniger zwischen Ost und West als zwischen Land und Stadt sowie zwischen Gering- und Spitzenverdienern

Gegensätze tun sich 20 Jahre nach der Wiedervereinigung nicht mehr nur zwischen Ost und West auf. Ein Autorenteam um den Münchner Politikwissenschaftler und Direktor des Centrums für Angewandte Politikforschung Werner Weidenfeld hat "Deutsche Kontraste 1990 - 2010" unter die Lupe genommen. Umweltschutz und Wirtschaftswachstum, Sozialstaat und Marktwirtschaft, Deutsche und Zuwanderer, Arm und Reich sind solche tatsächlichen oder vermeintlichen Gegensatzpaare, die in der deutschen Gesellschaft für Diskussionen sorgen und die der Band beleuchtet. Steffen Kröhnert vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat für die jüngst veröffentlichte Studie einen Blick auf die Gegenpole Arm und Reich in den vergangenen zwei Jahrzehnten geworfen.

Die problematische ökonomische Entwicklung der DDR sowie das enorme Wohlstandsgefälle zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem anderen Teil Deutschlands zählen zu den wesentlichen Ursache dafür, dass Ostdeutsche in den Westen flüchteten. Die Wiedervereinigung beider Staaten im Jahr 1990 gab den Menschen die Hoffnung, dass die Ost-West-Unterschiede hinsichtlich des materiellen Wohlstandes rasch verschwinden würden. 20 Jahre später ist das Klischee vom armen Osten und dem reichen Westen nicht völlig verschwunden - doch der Gegensatz zwischen Arm und Reich zeigt sich heute in Deutschland zunehmend stärker entlang anderer gesellschaftlicher Grenzen.

Im Vergleich zum früheren West-Deutschland, das in den 1970er und 1980er Jahren eines der reichsten Länder der Welt war, ist im wiedervereinigten Deutschland Normalität eingezogen. Während die alte Bundesrepublik gemessen am Bruttoinlandsprodukt je Einwohner noch im Jahr 1980 die viertreichste Nation in Europa war, schaffte es das wiedervereinigte Deutschland 2008 gerade noch auf Rang 14. Beim Medianeinkommen nahm Deutschland 2007 den neunten Platz in Europa ein - auch wegen der Kosten der Einheit.

Starnberg und die Uckermark - die regionale Dimension der Wohlstandsverteilung

In den vergangenen 20 Jahren gab es beim Wohlstandsniveau eine deutliche Annäherung von Ost an West. Allerdings spiegelt das verfügbare Einkommen der Ostdeutschen, das etwa 80 Prozent des West-Niveaus beträgt, nicht die Wirtschaftskraft des Ostens wieder. Denn zu einem erheblichen Teil stammt der Wohlstand bis heute aus Transferzahlungen des Bundes, der westdeutschen Länder und der Sozialversicherungen. Die empfangenen Sozialleistungen liegen in den neuen Bundesländern pro Einwohner ein Fünftel über dem Wert in Westdeutschland, während die gezahlte Einkommenssteuer pro Kopf nur gut die Hälfte des westdeutschen Wertes ausmacht.

Beim durchschnittlich verfügbaren Einkommen liegen gegenwärtig die wohlhabendsten Kreise der neuen Bundesländer noch immer unterhalb des gesamtdeutschen Mittelwertes. Manches deutet darauf hin, dass eine weitere Angleichung nach oben vor allem jenen Regionen nicht möglich sein wird, die Bevölkerung verlieren. Vielmehr dürften sich im Osten Deutschlands einige wenige Wachstumszonen herausbilden, während der ländlich-periphere Raum im Wohlstandsniveau zurückbleiben wird. In den fünf Jahren zwischen 2002 und 2007 ist das Nettovermögen in den alten Ländern um mehr als elf Prozent gestiegen, in den neuen Bundesländern nahm es hingegen um knapp zehn Prozent ab. Hauptgrund dieser negativen Entwicklung ist der Wertverlust von Immobilien im Osten Deutschlands aufgrund der demografischen Entwicklung: Deutlich schrumpfende Einwohnerzahlen durch Abwanderung und eine stark negative natürliche Bevölkerungsentwicklung (mehr Sterbefälle als Geburten) entwerten vor allem außerhalb von Metropolregionen Immobilien nachhaltig. Die Unterschiede zwischen Metropolregionen einerseits und ländlichem Raum andererseits finden sich allerdings nicht nur in den neuen Bundesländern, sondern zunehmend auch in den alten Bundesländern.

Trotz Annäherung bleiben große Unterschiede im Wohlstandsniveau
Entwicklung des verfügbaren Einkommens zwischen 1995 und 2007 nach Kreisen (Deutschland=100)

Im Ostdeutschland haben vor allem Umlandregionen von Großstädten den Anschluss an das Wohlstandsniveau West geschafft. Strukturschwache Regionen des Ostens, vor allem im dünn besiedelten Norden, aber auch in Nordthüringen und im Norden und Süden von Sachsen-Anhalt gelegen, bleiben von wirtschaftlicher Dynamik abgekoppelt und dürften angesichts stark alternder und schrumpfender Bevölkerungen kaum noch deutlich aufholen. Das Wohlstandsgefälle zwischen der ärmsten und der reichsten Region der Republik ist kaum geringer als im Jahr 1995. Im reichsten Landkreis Deutschlands, dem oberbayerischen Starnberg, liegt das durchschnittliche verfügbare Einkommen weit mehr als doppelt so hoch wie im ärmsten Landkreis, dem vorpommerschen Uecker-Randow (Datengrundlage: Statistische Ämter der Länder (2009), eigene Berechnungen, eigene Darstellung).

Die Mittelschicht schrumpft

Nicht nur die regionale Verteilung von Wohlstand, auch jene zwischen Einkommensschichten hat sich in den vergangenen Jahren in Deutschland erheblich verändert. Die Einkommensmittelschicht ist allein in den Jahren 1996 bis 2006 von 61 auf 54 Prozent der Bevölkerung geschrumpft, sowohl der Anteil Einkommensstarker als auch der Einkommensschwacher ist gewachsen. Ursachen dieser Entwicklung liegen unter anderem in einer starken Zunahme von Beschäftigung im Niedriglohnbereich in diesem Zeitraum und in dem Stagnieren mittlerer Einkommen auf der einen Seite. Menschen mit Migrationshintergrund sind mit einem Anteil von 40 Prozent in der Einkommensunterschicht gegenwärtig mehr als doppelt so häufig vertreten, wie es ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung entspricht. Hierfür ist zu einem erheblichen Teil das geringe Bildungs- und Qualifikationsniveau nicht nur der selbst Zugewanderten, sondern auch ihrer in Deutschland geborenen Kinder verantwortlich.

Auf der anderen Seite haben die Einkommen der Spitzenverdiener deutlich zugenommen. Eine Studie zu Managergehältern kommt zu dem Ergebnis, dass bereits zwischen 1994 und 2005 die durchschnittlichen Bezüge der Vorstandsmitglieder in den 30 Unternehmen des Deutschen Aktienindex (DAX) um mehr als 300 Prozent gestiegen sind. Während vor zehn Jahren Vorstandsmitglieder der DAX-30-Unternehmen im Durchschnitt das 20-fache eines normalen Mitarbeiters erhielten, lagen ihre Bezüge im Jahr 2007 beim 52-fachen des Mitarbeitergehalts. Mittlerweile gilt es als erwiesen, dass die Vervielfachung von Managerbezügen im vergangenen Jahrzehnt nicht an tatsächliche Unternehmenserfolge gekoppelt war - erfolglose Manager profitierten davon in gleicher Weise.

Was heißt eigentlich soziale Gerechtigkeit?

Die Entwicklung der vergangenen Jahre - stagnierende oder gar sinkende Realeinkommen der Einkommensmittel- und -unterschicht bei deutlich steigenden Spitzeneinkommen - birgt politische Brisanz: Je nach Fragestellung halten Umfragen zufolge zwischen 75 und 85 Prozent der deutschen Bevölkerung die Wohlstandsverteilung für ungerecht. Diese Werte sind im Osten höher als im Westen, eine Differenz, die jedoch zum Teil mit dem deutlich geringeren Einkommensniveau in den neuen Bundesländern zu erklären ist.

Dennoch bekennen sich nahezu ohne Ost-West-Unterschied etwa 90 Prozent der Befragten zu einer Einkommensverteilung nach Leistung. Verloren gegangen ist vielen Deutschen indes der Glaube daran, dass das Leistungsprinzip hierzulande gilt: Im Osten Deutschlands sind lediglich 25 Prozent der Bevölkerung der Meinung, dass in Deutschland Leistung belohnt wird. In Westdeutschland hat sich der Glaube an die Belohnung von Leistung seit 1991 nahezu halbiert und liegt nur noch bei etwa 30 Prozent.

Im Gegensatz zu der aus diesen Umfragen ablesbaren Unzufriedenheit mit der Leistungsgerechtigkeit konzentriert sich die Gerechtigkeitsdebatte hierzulande oft hauptsächlich auf die Ergebnisse von Verteilungen. Die Gleichheit der Chancen hingegen gerät häufig aus dem Blickfeld. Dabei glauben etwa drei Viertel der Deutschen nicht, dass hierzulande alle Menschen dieselben Chancen haben, aufzusteigen. Der Zugang zu Bildung ist hierbei eine Schlüsselstelle - in kaum einem anderen Land hängt jedoch die Bildungsbiografie so stark von der sozialen Herkunft ab wie in Deutschland. Und nur wenige OECD-Staaten geben einen geringeren Anteil ihres Bruttoinlandsproduktes für Bildung aus. Dennoch halten drei Viertel aller Deutschen das Bildungssystem für gerecht.

Nach aktuellen Prognosen des Statistischen Bundesamtes wird die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter, also der 20- bis 64-Jährigen, durch den Renteneintritt der Babyboomer-Generation bereits in den kommenden 20 Jahren um etwa 15 Prozent abnehmen. Die Zahl derer, die aus dem Erwerbsleben ausscheiden, wird dagegen steigen. Auch aus diesem Grund ist für den Durchschnittsdeutschen in den kommenden Jahrzehnten kaum ein großer Wohlstandszuwachs zu erwarten, und die Diskussion um den Kontrast zwischen Arm und Reich dürfte sich noch verstärken.

Literatur / Links

Deutsches PISA-Konsortium (2005): Pisa 2003. Münster.

Frick, Joachim R./Grabka, Markus M. (2009): Gestiegene Vermögensungleichheit in Deutschland. In: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (Hg.): DIW-Wochenbericht 4/2009. Berlin.

Kliemt, Hartmut/Schwalbach, Joachim (2008): Managergehälter - ein Problem? In: WiSt, Heft 12/2008. S. 649-653.

Miegel, Meinhard/Wahl, Stephanie/Schulte, Martin (2008): Von Verlierern und Gewinnern - Die Einkommensentwicklung ausgewählter Bevölkerungsgruppen in Deutschland. In: Institut für Wirtschaft und Gesellschaft (Hg.): Arbeitspapier Juni 2008. Bonn.

Schrenker, Markus/Wegener, Bernd (2007): Was ist gerecht? Ausgewählte Ergebnisse aus dem International Social Justice Project 1991-2007. In: ISJP Arbeitsbericht Nr. 150. Berlin.

The Conference Board Total Economy Database (2009), www.conference-board.org.

Der Text ist eine Zusammenfassung von Kröhnert, Steffen (2010): Arm versus Reich. In: Glaab, Manuela/Weidenfeld, Werner/Weigl, Michael (Hg.): Deutsche Kontraste 1990 - 2010. Politik - Wirtschaft - Gesellschaft - Kultur. Frankfurt/New York. S. 387-420.

 

   
     
 

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"Australia's Population Policy"

by Peter McDonald

At 1 January 2010, Australia's population was estimated to be 22.16 million. This was more than double the population fifty years beforehand in 1960. In both 2008 and 2009, Australia's population grew by more than two per cent per annum, the fastest growth of any country in the developed world at the time. All three demographic parameters contributed to this high growth rate. The fertility rate of 1.97 births per woman in 2008 was the highest level the country had experienced since 1977. At over 300,000, the level of net overseas migration in 2008 was by far the highest on record. The death rate in 2008 in turn was at its lowest level in history and, at 81.5 years, Australia's expectation of life for both sexes in 2005 was third only to Japan and Switzerland. In 2009, its human development index was the second highest of all countries.

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Wir haben den Beitrag "Übergewicht" von Ylva Köhncke aktualisiert.

Wir essen zu fett, zu süß und vor allem zu viel. In den USA leben schon heute ungefähr zwei Drittel der Bevölkerung mit Übergewicht. In Deutschland waren 2009 laut dem Statistischen Bundesamt sechzig Prozent der Frauen und vierzig Prozent der Männer übergewichtig. Eine krankhafte, starke Form von Übergewicht bezeichnet man als Adipositas beziehungsweise Fettleibigkeit oder Fettsucht. Im vergangenen Jahr litten hierzulande 16 Prozent der Männer und 14 Prozent der Frauen an dieser Erkrankung.Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht von einer weltweiten Fettsuchtepidemie: Angaben der WHO zufolge waren 2005 mehr als eine Milliarde aller Erwachsenen übergewichtig und über 300 Millionen Menschen fettsüchtig. Und der Trend zum Übergewicht steigt weiter an. Im Jahr 2015 werden nach Prognosen 2,3 Milliarden Menschen übergewichtig und rund 700 Millionen Menschen fettsüchtig sein.

Zum vollständigen Artikel

Außerdem liegt die aktualisierte Fassung jetzt auch in englischer Übersetzung unter dem Titel "Overweight" vor.

We eat excessive amounts of fatty and sweet food. Today about two thirds of the population in the United States of America (USA) is overweight or obese. In Germany more than half of the population suffers from overweight: according to the German Federal Statistical Office, in 2009 sixty per cent of men and forty per cent of women were overweight, with obesity affect-ing sixteen per cent of the adult male population and fourteen per cent of the adult female population. The resulting health implications are enormous.

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