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Ausgabe 108, 25. November 2010

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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"In Deutschland läuft es bei der Integration gar nicht so schlecht"
Interview mit Prof. Dr. Thomas Straubhaar, Hamburgisches WeltWirtschaftsInstitut (HWWI)

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Der Anteil der Alleinerziehenden steigt
In fast jeder fünften Familie mit minderjährigen Kindern übernimmt nur ein Elternteil die alltäglichen Aufgaben - Zeit und Geld sind knapp

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Die Weltbevölkerungszahl könnte bald sprunghaft wachsen
In China ist die Volkszählung in vollem Gange, in Indien laufen die Vorbereitungen dafür - die Ergebnisse werden im Frühjahr 2011 veröffentlicht

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"In Deutschland läuft es bei der Integration gar nicht so schlecht"
Interview mit Prof. Dr. Thomas Straubhaar, Hamburgisches WeltWirtschaftsInstitut (HWWI)

Der Schweizer Thomas Straubhaar (geboren 1957) ist seit 1999 als Professor für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Hamburg tätig. Außerdem leitet er seit 2005 das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI). Thomas Straubhaar hat an der Universität Bern Volkswirtschaftslehre studiert und in dem Fach auch promoviert und sich habilitiert. 1992 erhielt einen Ruf an die Universität der Bundeswehr Hamburg.

Seit 2008 ziehen mehr Menschen aus Deutschland weg als einwandern. Dennoch fordern nach Thilo Sarrazin, ehemals Finanzsenator von Berlin, nun auch Politiker wie Horst Seehofer von der CSU, die Zuwanderung zu begrenzen. Was steht dahinter?

Meines Erachtens geht es zumindest in dieser zweiten Welle der Diskussion darum, sich damit auseinanderzusetzen, dass der Staat - und damit vor allem der Sozialstaat - vor sehr schwierigen Jahren steht, wenn es um finanzielle Spielräume geht. Da an vielen Stellen gespart werden muss, werden die Verteilungskämpfe in unserer Gesellschaft härter. Hinzu kommen Veränderungen im Umfeld: die Globalisierung und die Frage, wie man mit neuen Konkurrenten wie China, Indien und Lateinamerika umgeht, ein beschleunigter Strukturwandel, die Finanzmarktkrise, die viele neue Spielregeln erforderlich macht. Da existieren viele Unsicherheiten, Ängste und Sorgen. In der Wirtschaftsgeschichte gibt es einen oft schon vorgemachten Reflex, dass man in solchen Phasen beginnt, konservative Strömungen zu bedienen - konservativ im Sinne von bewahren, was man erreicht hat.

Dann ist die Forderung also bloßer Populismus?

Konservative Politiker und Politikerinnen wollen ihre Lager wieder sammeln und sehen bei der Frage der Integration eine Chance, ihre Wähler und Wählerinnen wieder besser bedienen zu können.

Aber es strömen ja gar keine Massen von Zuwanderern nach Deutschland - ist es nicht irrational, hier nach weiteren Beschränkungen zu rufen?

Diese Zuwanderungsdebatte ist eine Phantomdiskussion. Es ist eine Diskussion, die rückwärtsgewandt ist und die man - von den Fakten her - vor zwanzig Jahren hätte führen müssen, als tatsächlich noch Asylbewerber und Aussiedler nach Deutschland kamen. Damals gab es in der Tat starke Ein- und Wanderungsbewegungen. Heute kommen kaum noch Aussiedler, und auch die Zahlen der Asylbewerber liegen auf einem tiefen Niveau. Zuwanderung nach Deutschland findet nur noch in Form von Familienzusammenführung statt. Die heutige Diskussion ist somit zwar losgelöst von den Fakten, aber nicht irrational.

Inwiefern ist sie rational?

Gewisse politische Gruppierungen haben tief greifende Strömungen in der deutschen Bevölkerung erfasst, und da wird der politische Erfolg nicht ausbleiben: Die Polarisierung, die sich aus der Debatte ergibt, wird helfen, politische Gruppen nach vorne zu bringen, die vielleicht in den letzten Jahren an Profil verloren haben.

Wieso konzentriert sich die Debatte dann ausgerechnet auf Menschen mit Migrationshintergrund, die doch schon immer - etwa als sogenannte Gastarbeiter - Teil der deutschen Gesellschaft waren?

Auch wenn die meisten Menschen mit Migrationshintergrund sehr gut integriert sind und der gemeinsame Alltag mit ihnen in der Regel reibungslos verläuft, kann man sehr schön an einzelnen Beispielen das Gegenteil zeigen und Meldungen generieren, die Sensationscharakter haben.

Ist das ein speziell deutsches Problem?

Nein, wir machen in Deutschland viele Dinge besser als in Nachbarländern, insbesondere in den Niederlanden, die lange als Vorbild galten. Dort ist mittlerweile sogar eine Partei an der Regierung beteiligt, die mit diesen Themen hausiert. Hier ist die geführte Debatte entspannter, der Umgang damit ist gar nicht so schlecht. Bei uns brennen die Vorstädte nicht wie in Frankreich, es gibt kein Minarettverbot wie in der Schweiz und - noch? - keinen politischen Zulauf für einen Heinz-Christian Strache wie in Österreich.

Migranten dienen in der Debatte also als Sündenbock. Der schwarze Peter ließe sich natürlich auch anderen zuschieben, die gesellschaftlich nicht voll integriert sind. Etwa Hartz IV-Empfängern, deren gesellschaftliche Teilhabe dadurch eingeschränkt ist, dass sie sich beispielsweise keinen Kinobesuch leisten können.

Ja, die Gesellschaft wird heterogener. Damit franst sie aus, so dass die Gegensätze in der gesamten Bevölkerung größer werden. Als Folge gibt es eine ganze Reihe von Gruppen, die zum einen politische Aufmerksamkeit erhalten und sich zum anderen aber auch politisch mobilisieren lassen. Nehmen Sie beispielsweise auf der einen Seite die Partei "Die Linke": Die sammelt gerade viele Unzufriedene ein und greift soziale Ängste auf. Wenn ich mir auf der anderen Seite Sarrazins unlängst erschienenes Buch "Deutschland schafft sich ab" angucke, dann geht es über mehrere Kapitel weit über die deutsche Integrationsdebatte hinaus.

Wie können wir denn die Integration, die Teilhabe aller verbessern - ob sie nun einen Migrationhintergrund haben oder nicht?

Wir müssen alle Instrumente fördern, unterstützen, stärken, die allen die gleichen Startchancen geben. Das müssen nicht immer nur staatliche Instrumente sein. Sie können auch aus der Bürgergesellschaft kommen. Wir müssen das ganze Bildungssystem stärker an frühkindliche Entwicklungen anpassen und sicherstellen, dass alle Kinder so früh wie möglich lernen sich auszudrücken - damit sie auch gehört werden können. Wir brauchen also einen Sprach- und Entwicklungstest für alle Kinder, der einen bestimmten Stand abprüft. Wer das Ziel nicht erreicht, muss Kurse zur Sprachförderung besuchen. Und zwar unabhängig davon, ob er oder sie einen Migrationshintergrund hat oder nicht.

Damit alle Betroffenen sich das leisten können, müssten diese Kurse staatlich finanziert sein. Wie stehen Sie zu dem Vorwurf, dass eine solche Verpflichtung zur Teilnahme an Sprachtests oder auch die von Arbeits- und Sozialministerin Ursula von der Leyen vorgeschlagene Bildungschipkarte Menschen bevormundet?

Natürlich ist es nicht liberal, Sach- statt Geldleistungen zu bieten. Aber es lässt sich nicht leugnen, dass es Momente gibt, in denen mündige Menschen nicht in der Lage sind, die Interessen Unmündiger zu vertreten. Um dieser Gefahr zu begegnen, ist leider manchmal eine Bevormundung nötig. Deshalb ist die Bildungschipkarte eine sinnvolle Lösung.

Reicht das, um die soziale Vererbung von Hartz IV-Karrieren zu verhindern, die sich in Deutschland beobachten lässt?

Zwei große Klippen, an denen Jugendliche mit Migrationshintergrund in Deutschland oft scheitern, müssen abgebaut werden: die am Übergang von der Schule zur Lehre und die am Übergang von der Lehre in den Beruf. Hier könnten etwa Fördervereine helfen.

Was fehlt noch, damit sich alle gesellschaftlich einbringen können?

Man muss durch Durchlässigkeit sicherstellen, dass jeder, der einmal - aus welchen Gründen auch immer - ausscheidet, wieder in den Beruf zurückkehren kann. Das Hauptproblem ist es ja nicht, arbeitslos zu sein, sondern arbeitslos zu bleiben. Und je länger man draußen ist, desto schwieriger ist es, wieder einzusteigen. Es gilt der Satz: Nur eins wird teurer sein als die Kosten erfolgreicher Integration, und zwar die Kosten misslungener Integration.

Immerhin gibt es ein Gleichstellungsgesetz, aber das gewährleistet noch keine Durchlässigkeit - was braucht es noch?

Das Allgemeine Gleichstellungsgesetz ist eher schädlich, weil es den Menschen, denen man helfen will, nichts nützt. Es garantiert keine gleiche Behandlung. Es gibt Statistiken, die belegen, dass überall dort, wo es Gleichstellungsgesetze gibt, diejenigen, die durch das Gesetz geschützt werden sollen, dies mit geringeren Erwerbsquoten bezahlen. Frauen, Ältere oder Jüngere, Behinderte, Menschen mit Migrationshintergrund werden dann seltener eingestellt oder besetzen nur niedrigere Positionen am Arbeitsmarkt.

Davon gibt es nirgendwo eine Ausnahme? Von welchen Ländern könnten wir möglicherweise lernen?

Ich bleibe dabei: In Deutschland läuft es bei der Integration gar nicht so schlecht. Man könnte sicherlich das eine oder andere von angelsächsischen Ländern lernen, aber eine Blaupause gibt es nicht. Einfacher läuft es bei einer vollständigen Trennung von Kirche und Staat etwa in den USA. Dort erhalten Sie in den ersten fünf Jahren nach der Einwanderung zudem keinerlei Leistungen. Bei der Zuwanderung könnte man sicher von Kanada, Australien oder Neuseeland die Steuerungsmechanismen abgucken und käme dann zu Punktesystemen.

Das Interview führte Margret Karsch.
Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut) erlaubt.

 

   
     
 

Der Anteil der Alleinerziehenden steigt
In fast jeder fünften Familie mit minderjährigen Kindern übernimmt nur ein Elternteil die alltäglichen Aufgaben - Zeit und Geld sind knapp

8,2 Millionen Familien mit minderjährigen Kindern lebten dem Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes zufolge im Jahr 2009 in Deutschland. Den größten Anteil stellten mit 72 Prozent Familien mit verheirateten Eltern, den kleinsten Lebensgemeinschaften ohne Trauschein aber mit Kindern mit neun Prozent. In den übrigen 19 Prozent der Fälle trug nur ein Erwachsener die Verantwortung für den Haushalt und die Erziehung. Damit wuchsen insgesamt 2,4 Millionen Kinder entweder bei alleinerziehenden Müttern oder Vätern auf. 1996 lag die Gesamtzahl der Familien mit minderjährigen Kindern, in denen zwei Elternteile zugegen waren, noch bei 9,4 Millionen. Während diese Zahl seitdem um 13 Prozent gesunken ist, ist die Zahl der Alleinerziehenden-Familien um rund 20 Prozent gestiegen.

Alleinerziehende sind überdurchschnittlich häufig arm

Familien, zu denen ein Elternpaar gehört, verfügen im Schnitt über deutlich mehr Geld als Familien, in denen nur ein Elternteil für das Kind oder die Kinder sorgt. Im Jahr 2009 bezogen rund 31 Prozent der alleinerziehenden Mütter und 19 Prozent der alleinerziehenden Väter Hartz IV oder Sozialhilfe. Bei Familien mit einem Elternpaar waren es dagegen nur sechs Prozent der Mütter und ein verschwindend geringer Anteil der Väter. Insgesamt mussten im vergangenen Jahr in Deutschland knapp 30 Prozent der Familienhaushalte mit Alleinerziehenden mit weniger als 1.100 Euro pro Monat netto auskommen. 62 Prozent der Alleinerziehenden hatten zwischen 1.100 Euro und 2.600 Euro monatlich zur Verfügung und gerade einmal acht Prozent mehr als 2.600 Euro.

Unterstützung von unterschiedlichen Seiten

Alleinerziehende Mütter und Mütter in Paarfamilien nach überwiegendem Lebensunterhalt 2009 in Prozent

Über die Hälfte sowohl der Mütter in Paarfamilien als auch der alleinerziehenden Mütter sind erwerbstätig. Fast ein Drittel der Mütter in Paarfamilien finanziert den Lebensunterhalt mithilfe des Einkommens von Familienangehörigen. Bei Alleiner-ziehenden ist dieser Anteil verschwindend gering, bei ihnen übernimmt der Staat die Rolle des Versorgers: Fast ein Drittel der alleinerziehenden Mütter ist auf Transferzahlungen angewiesen (Datengrundlage: Statistisches Bundesamt).

Mütter tragen größere Lasten als Väter

Es gibt deutlich mehr alleinerziehende Mütter als Väter: Neun von zehn Alleinerziehenden waren im Jahr 2009 Frauen. Alleinerziehende Mütter sorgen in der Regel für jüngere Kinder als alleinerziehende Väter. Je jünger das jüngste Kind ist, desto seltener gelingt es Alleinerziehenden, gleichzeitig Kinder zu versorgen und berufstätig zu sein. Alleinerziehende Väter sind daher viel häufiger erwerbstätig als alleinerziehende Mütter. Rund 72 Prozent der alleinerziehenden Männer gehen einer Arbeit nach, bei den Frauen sind es weniger als 60 Prozent. Darüber hinaus arbeiten knapp neun von zehn dieser Väter in Vollzeit - und nur gut jede vierte Frau.

Während fast ein Drittel der alleinerziehenden Mütter mit weniger als 1.100 Euro pro Monat auskommen muss, hat nur ein Sechstel der alleinerziehenden Väter so wenig Geld zur Verfügung. Andersherum verdient gut jeder Fünfte der alleinerziehenden Väter, aber weniger als jede Vierzehnte der alleinerziehenden Mütter mehr als 2.600 Euro monatlich.

Die Jüngeren bei der Mutter, die Älteren beim Vater

Alleinerziehende nach Alter des jüngsten Kindes 2009 in Prozent

Alleinerziehende Mütter betreuen meist jüngere Kinder als alleinerziehende Väter: Fast ein Drittel der Kinder, die von alleinerziehenden Müttern betreut werden, aber nur elf Prozent der Kinder, die von alleinerziehenden Vätern betreut werden, sind unter sechs Jahre alt. Mehr als zwei Drittel der Kinder zwischen zehn und 17 Jahren in einer Alleinerziehenden-Familie werden von den Vätern betreut (Datengrundlage: Statistisches Bundesamt).

Regionale Unterschiede: Mehr Alleinerziehende in Ostdeutschland und in Großstädten

Auffällig ist, dass der Anteil der Alleinerziehenden in den neuen Bundesländern deutlich gestiegen ist, obwohl die absoluten Zahlen auf Grund des Geburtenrückgangs gesunken sind. Während 18 Prozent der ostdeutschen Familien mit minderjährigen Kindern 1996 aus nur einem Elternteil bestanden, sind es heute 27 Prozent. Kleiner ist der Anteil der Alleinerziehenden im früheren Bundesgebiet. Dort beträgt er gegenwärtig 17 Prozent. Offenbar bekommen mehr Menschen in prekären Lebenslagen Kinder, so dass die Gefahr groß ist, dass sich nicht beide Partner gleichermaßen längerfristig um das Kind sorgen.

Stärkerer Anstieg im Osten

Anteil der Alleinerziehenden an allen Familien in Prozent

Im Osten leben deutlich mehr Alleinerziehende als im Westen: Schon 1996 gab es im früheren Bundesgebiet weniger Alleinerziehende als in der ehemaligen DDR. Bis 2009 vergrößerte sich der Anteil zwar in ganz Deutschland, aber in Ostdeutsch-land besonders stark: Innerhalb von 13 Jahren ist er dort von 18 auf 27 Prozent angestiegen (Datengrundlage: Statistisches Bundesamt).

Daneben weisen auch Großstädte einen höheren Anteil alleinerziehender Familien auf. Im Jahr 2009 waren in Großstädten mit über 500.000 Einwohnern 26 Prozent der Familien mit minderjährigen Kindern alleinerziehend - der Anteil ist tendenziell umso höher, je größer eine Stadt ist. Der Bundesdurchschnitt betrug dagegen nur 19 Prozent. In der Hauptstadt Berlin gibt es mit 32 Prozent deutschlandweit den größten Anteil von Alleinerziehenden. Im regionalen Vergleich wird hier der Unterschied zwischen west- und ostdeutschen Großstädten deutlich: Beinahe jede dritte Familie ist in den Großstädten der neuen Bundesländern eine alleinerziehende Familie. Im Westen gibt es im Gegensatz dazu Großstädte, in denen nur 15 Prozent aller Familien alleinerziehend sind.

Unterschiedliche Rollenbilder in West und Ost

Im Westen haben die meisten alleinerziehenden Mütter und Väter eine Scheidung hinter sich, während im Osten das Gros der Alleinerziehenden nie verheiratet war. Gegenwärtig stammen 58 Prozent der ostdeutschen Kinder von unverheirateten Eltern. Das klassische Rollenmodell ist in den alten Bundesländern noch weiter verbreitet. In Ostdeutschland dagegen, wo die Frauen durch die hohe Erwerbsbeteiligung in der DDR unabhängiger waren und die Ehe nicht notwendig war, um sich finanziell abzusichern, ist die gesellschaftliche Akzeptanz für uneheliche Kinder und alternative Familienformen größer.

In Gesamtdeutschland sind alleinerziehende Mütter mit fast 60 Prozent und Mütter in Paarfamilien mit über 58 Prozent annähernd gleich häufig berufstätig. In Ostdeutschland sind Mütter jedoch heutzutage seltener erwerbstätig als vor 13 Jahren, während sich im Westen die ihre Erwerbsbeteiligung erhöht hat. Mütter, die in Ostdeutschland leben, arbeiten häufiger in Vollzeit als westdeutsche Mütter. Dennoch wünschen sich 50 Prozent der alleinerziehenden Mütter in den neuen Bundesländern, die Teilzeit arbeiten, eigentlich eine Vollzeitstelle, finden aber keine. Das trägt dazu bei, dass ostdeutsche alleinerziehende Mütter am heftigsten von Armut betroffen sind: 2009 waren fast 38 Prozent von Transferzahlungen abhängig.

Die Vielfalt von Lebensformen ist gewachsen - die Politik hinkt hinterher

"Emanzipation oder Kindergeld?", eine Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, hat gezeigt, dass Familienpolitik einen Unterschied macht. Deutschland und andere kinderarme Länder Europas begünstigen Verheiratete steuerlich, Frauen haben in der Arbeitswelt nicht die gleichen Chancen wie Männer, und Kinderbetreuung ist häufiger Frauensache. Das führt dazu, dass der erziehende Partner, in den meisten Fällen die Frau, vom berufstätigen Partner finanziell abhängig wird. Wenn nun eine Ehe zerbricht, bleiben alle beruflichen und familiären Pflichten am erziehenden Partner hängen. In Schweden und Island dagegen, wo es keine steuerlichen Vorteile für Verheiratete gibt und die Mehrzahl der Kinder aus unehelichen Beziehungen stammen, sind Frauen häufiger erwerbstätig und damit finanziell unabhängiger. Die Folgen einer Trennung sind für alleinerziehende Mütter aus finanzieller Perspektive weniger dramatisch - und es gibt unter diesen Bedingungen auch höhere Kinderzahlen. Wichtig ist es also, Beruf und Familie für beide Partner - für Männer und Frauen - mithilfe von flächendeckenden Betreuungsmöglichkeiten besser vereinbar zu machen.

Literatur / Links

Kröhnert, Steffen / Klingholz, Reiner (2008): Emanzipation oder Kindergeld? Hgg. v. Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Berlin. www.berlin-institut.org.

Polduwe, Christiane (2010): Gute Arbeit für Alleinerziehende - Inhalte und Ziele des Bundesprogramms. Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Potsdam-Hermannswerder, 29. März 2010. www.lasa-brandenburg.de.

Statistisches Bundesamt (2010): Alleinerziehende in Deutschland. Ergebnisse des Mikrozensus 2009. Wiesbaden 2010. www.destatis.de.

 

   
     
 

Die Weltbevölkerungszahl könnte bald sprunghaft wachsen
In China ist die Volkszählung in vollem Gange, in Indien laufen die Vorbereitungen dafür - die Ergebnisse werden im Frühjahr 2011 veröffentlicht

Mehr als sechs Millionen Menschen schwärmten Anfang November aus, um die gesamte chinesische Bevölkerung zu zählen: Vom 1. bis 10. November hat China - wie alle zehn Jahre, ganz wie es die Vereinten Nationen empfehlen - einen Zensus durchgeführt. Die Genauigkeit der Zählung wird nun anhand einer Stichprobenuntersuchung überprüft.

Angesichts der Bevölkerungsgröße stellt der Zensus eine große Herausforderung dar. China hat zudem erstmals auch Ausländer erfasst, die seit mehr als sechs Monaten im Land leben - Schätzungen zufolge sind das allein in Shanghai mehr als 100.000. Außerdem könnten den Volkszählern zwei chinesische Besonderheiten Schwierigkeiten bereiten: Zum einen lebt im Land eine nicht sesshafte Bevölkerung von mehreren Millionen Menschen, die als Wanderarbeiter ihren Lebensunterhalt bestreiten. Zum anderen haben vermutlich viele Eltern wegen der strengen Ein-Kind-Politik ungenehmigte Geburten nicht gemeldet, so dass diese jetzt auch nicht von der Zählung erfasst werden können.

Der Zensus soll darüber hinaus neue Erkenntnisse zur Geschlechterverteilung in China bringen, die extrem ungleich ist. Nach offiziellen Angaben werden pro hundert Mädchen 120 Jungen geboren - diese Zahl liegt normalerweise bei 105. 2008 kamen in der Gruppe der Null- bis Vierjährigen sogar 123 Jungen auf 100 Mädchen.

Auch in Indien laufen mit der Erstellung eines Gebäuderegisters und vorläufigen Zählungen derzeit die Vorbereitungen für die Volkszählung, die im Februar 2011 stattfinden soll. In China und Indien zusammen leben 37 Prozent der Weltbevölkerung: China hat 1,3 Milliarden, Indien 1,2 Milliarden Einwohner. Interessant wird es, wenn beide Länder ihre Ergebnisse fast zeitgleich veröffentlichen: Indien Ende März, China Ende April nächsten Jahres. Dann könnte die Weltbevölkerungszahl sprunghaft wachsen.

In den USA zeigte der Zensus im Jahr 2000, dass die Bevölkerungszahl um etwa sieben Millionen höher lag als erwartet; das entsprach einer Abweichung von 2,5 Prozent. Die Weltbevölkerung wächst jährlich um etwa 83 Millionen - wenn die Abweichung in China und Indien ähnlich hoch ist wie in den Vereinigten Staaten, wird die Sieben-Milliarden-Marke bereits Anfang nächsten Jahres erreicht - und nicht erst im Herbst, wie bisher angenommen. Wenn die Ergebnisse hingegen niedriger ausfallen als erwartet, könnten die sieben Milliarden auch erst 2012 überschritten werden. Der Termin für den "Tag der sieben Milliarden" steht noch lange nicht fest.

Auch in Deutschland und den anderen Mitgliedsstaaten der EU werden 2011 Volkszählungen durchgeführt. Anders als in China und Indien werden in Deutschland jedoch nicht alle Einwohnerinnen und Einwohner persönlich befragt, sondern die Bevölkerungszahl wird anhand von Daten aus verschiedenen Verwaltungsregistern geschätzt. Da hierzulande die Zahlen gegenwärtig noch auf Fortschreibungen der letzten Volkszählungen beruhen, die im ehemaligen Bundesgebiet 1987 und in der DDR 1981 stattgefunden hatten, sind hier ebenfalls Korrekturen zu erwarten. Wahrscheinlich leben in Deutschland etwa 1,3 Millionen Menschen weniger, als den Fortschreibungen zufolge angenommen wird.


Literatur / Links

Haub, Carl (2010): 37 Percent of World Population Now Being Counted. In: Behind the Numbers: The PRB blog on population, health, and the environment. Posted November 1st, 2010. www.prb.org.

Statistisches Bundesamt (2010): www.zensus2011.de

 

   
     
 

In eigener Sache
Neu im Online Handbuch-Demografie

Demographic Development in Japan
by Gabriele Vogt

Migration policy in Japan has so far belonged to the least important political issues. Nevertheless, under the weight of demographic change, a set of noteworthy political reforms have been pushed through in the country in the last few years. Thus far, the guiding principle behind Japan's migration policy provides that only highly qualified are allowed to enter the country migrants - and only for a certain amount of time -. With an excessively ageing society and a declining labour force, this political strategy appears outdated.


Deutschlands Regionen
von Margret Karsch und Iris Hoßmann

Die Einwohnerzahl der Bundesrepublik Deutschland sinkt, das Durchschnittsalter der Deutschen steigt, und immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund prägen das Straßenbild. Die Erkenntnis, dass sich die Struktur der Bevölkerung stark verändert, hat längst die Studierzimmer der wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen verlassen. Der Dreiklang "weniger, älter, bunter" hat über die Medien eine breite Öffentlichkeit erreicht.


Der Beitrag liegt auch in englischer Übersetzung unter dem Titel German Regions vor.

As the population of the Federal Republic of Germany declines, the average age of the Germans increases and more and more people with a migration background shape the street-scape. The perception that the structure of the population is significantly changing has long ago left the study rooms of the scientific research centres. The triad "less, older, colourful" has reached a broad public through the media. The evolution has its good and bad sides and both deserve attention. Even more: The demographic evolutions not only require - as do all social changes - ideas and concepts as to how best to deal with them, but also fast and at the same time farsighted actions, since the observations point out grievances and deficiencies which need to be resolved, as well as positives and potentials that should be exploited.

 

   
 

 

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