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Ausgabe 109, 08. Dezember 2010

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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Bevölkerungswachstum als Triebfeder des Klimawandels
Alterung, Verstädterung und der Zugang zu Familienplanung wirken sich auf die Höhe der künftigen CO2-Emissionen aus

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"In strukturschwachen Regionen gibt es zu wenig Ärzte und Psychologen"
Interview mit Prof. Dr. med. Detlef E. Dietrich, Ärztlicher Direktor des AMEOS Klinikums Hildesheim

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Bevölkerungswachstum als Triebfeder des Klimawandels
Alterung, Verstädterung und der Zugang zu Familienplanung wirken sich auf die Höhe der künftigen CO2-Emissionen aus

In der mexikanischen Küstenstadt Cancún findet vom 29. November bis zum 10. Dezember dieses Jahres der Uno-Klimagipfel statt. Die Politik sucht nach Wegen, um dem Klimawandel zu begegnen. Dabei konzentriert sie sich vor allem auf Maßnahmen, die dazu beitragen, den Energieverbrauch zu senken. Entsprechend fördert sie neue Technologien und fordert Bürger und Unternehmen zu energieeffizientem Handeln auf.

Demografische Gesichtspunkte stehen bei den Überlegungen zum Klimaschutz dagegen häufig im Hintergrund. Die Menge an künftigen CO2-Emissionen wird jedoch unter anderem davon abhängen, wie viele Menschen auf der Erde leben und wie sich die Weltbevölkerung zusammensetzt. Eine kürzlich veröffentlichte Studie von Klimaforscher Brian O'Neill und seinem Team vom National Center for Atmospheric Research zeigt, dass sowohl Wachstum und Altersstruktur einer Bevölkerung als auch die Verstädterungsrate einzelner Weltregionen die Höhe des globalen CO2-Aufkommens entscheidend beeinflussen. Gerade bei diesen demografischen Entwicklungen sind in den nächsten Jahrzehnten starke Veränderungsprozesse zu erwarten.

Gesellschaftliche Alterung mindert den Ausstoß von Treibhausgasen, Verstädterung mehrt ihn

Die Forscher gehen davon aus, dass sich Konsum und Wirtschaftsleistung verringern, wenn eine Gesellschaft altert. In der Folge sinken dann auch die CO2-Emissionen. Da in den meisten Industrieländern durch die niedrigen Geburtenraten die Zahl der älteren Menschen wächst und die der jüngeren schrumpft, steigt das Durchschnittsalter. Deshalb werden den Berechnungen von O'Neill und seinem Team zufolge dort in Zukunft bis zu 20 Prozent weniger Treibhausgase freigesetzt.

Mit wachsenden Emissionen ist dagegen in Schwellenländern wie China und Indien und in den Entwicklungsländern zu rechnen. Auch hier wird die Bevölkerung in den nächsten Jahrzehnten zwar teilweise stark altern, doch gleichzeitig ziehen immer mehr Menschen in städtische Verdichtungsräume. Da Städte mit einer stärkeren Wirtschaftsleistung und Konsumorientierung aufwarten als ländliche Gegenden, erweist sich die Urbanisierung als treibende Kraft der CO2-Emissionen. Das Forscherteam ist zu dem Ergebnis gekommen, dass die Verstädterung zu Emissionssteigerungen von 25 Prozent und mehr führen kann.

Auch die Haushaltsgröße hat Auswirkungen auf die CO2-Emissionen. Eine gängige Annahme in der Klimaforschung lautet, dass Emissionen umso höher ausfallen, je weniger Personen im Durchschnitt in einem Haushalt leben, da Häuser und Wohnungen weitgehend unabhängig von der Anzahl ihrer Bewohner geheizt oder gekühlt werden. O'Neill und seine Kollegen belegen, dass der Faktor Haushaltsgröße im Vergleich zum Faktor Alter jedoch nur einen geringen zusätzlichen Einfluss besitzt.

Mehr Menschen, mehr Emissionen

Regional und demografisch ausdifferenzierte Prognosen wie bei O'Neill und Kollegen finden sich in der Klimaforschung bislang selten, obwohl solche Berechnungen nötig sind, um den künftigen Energiebedarf einzelner Regionen und daraus folgend die zu erwartenden Emissionen abschätzen zu können. Wie sehr die Bevölkerung altert und ob sie zunehmend in Städten lebt, wird sich zwar auf die Höhe der künftigen Emissionen auswirken, aber die schiere Größe der Weltbevölkerung ist der wichtigste demografische Faktor im Hinblick auf den Klimawandel. Entscheidend ist also, wie hoch beziehungsweise niedrig das Bevölkerungswachstum ausfallen wird. Die Vereinten Nationen erstellen hierzu drei Prognosen: eine hohe, eine mittlere und eine niedrige.

Wie sich die Weltbevölkerung bis 2050 entwickeln könnte
Wachstumsprognosen der Vereinten Nationen

Je nach Wachstumsprognose entwickeln sich die Bevölkerungszahlen unterschiedlich rasant. Bei der niedrigen Variante wächst die Weltbevölkerung von heute 6,9 Milliarden Menschen bis 2050 auf knapp acht Milliarden an. Bei der mittleren Prognose ist im Jahr 2050 fast 9,2 Milliarden Menschen zu rechnen. Die hohe Variante tritt ein, wenn die weltweite Fertilitätsrate bis 2050 auf dem heutigen Stand von 2,5 Kindern bleibt. Sie lässt eine Weltbevölkerung von knapp 10,5 Milliarden erwarten - das wären gut anderthalb mal so viele Menschen, wie heute auf der Erde leben (Datengrundlage: Vereinte Nationen).

Im Hinblick auf das Klima wäre es ideal, wenn die niedrige Wachstumsprognose einträfe. Die Forschergruppe um O'Neill sagt voraus, dass sich durch eine derart langsame Bevölkerungsentwicklung 16 bis 29 Prozent der Emissionsreduzierungen erzielen ließen, die bis 2050 nötig sind, um den Klimawandel einzuschränken. Konkret geht es um die schwer vorstellbare Menge von 1,4 bis 2,5 Gigatonnen Kohlenstoff pro Jahr.

Dass die niedrige Wachstumsprognose eintrifft, ist aus Sicht vieler Demografen jedoch unwahrscheinlich, da sie voraussetzt, dass die Fertilitätsrate von heute 2,5 Kindern pro Frau im weltweiten Durchschnitt bis 2050 auf 1,5 Kinder pro Frau sinkt. Selbst das Eintreffen der milderen, mittleren Wachstumsprognose der Vereinten Nationen ist keineswegs garantiert, auch wenn sie häufig als eine Art Standardfall angenommen wird. Doch auch bei dieser Prognose müsste die Fertilitätsrate um immerhin 0,5 Kinder pro Frau fallen.

Familienplanung als Umweltschutzmaßnahme

Ein solcher Rückgang von heute 2,5 auf glatt zwei Kinder im Jahr 2050 dürfte mit den aktuellen politischen Bemühungen bei der Familienplanung nur schwerlich zu erreichen sein, da dieser Bereich in den letzten Jahren zunehmend unterfinanziert war. Dass der Bedarf an Verhütung und Familienplanung keineswegs gedeckt ist, zeigt sich schon allein daran, dass von 210 Millionen weltweiten Schwangerschaften pro Jahr rund 80 Millionen - etwa 38 Prozent - ungeplant sind. Etwa 22 Prozent aller Schwangerschaften enden dann auch in einer Abtreibung.

Insbesondere in den Entwicklungsländern ist der Zugang zu Familienplanung und Verhütung schwierig, schätzungsweise ein Drittel der Geburten geht auf eine unbeabsichtigte Schwangerschaft zurück. Wäre der Bedarf an Mitteln zur Familienplanung gedeckt, dürfte die Fertilitätsrate in diesen Ländern um 0,6 bis 0,7 Geburten pro Frau sinken, was sich in der weltweiten Emissionsbilanz merklich niederschlagen würde. Zwar sind die Pro-Kopf-Emissionen in den Entwicklungsländern sehr viel niedriger als in den Industrieländern, allerdings dürfte aufgrund der hohen Bevölkerungszahlen der Großteil des CO2-Emissionen-Wachstums in den kommenden Jahren auf die Entwicklungsländer entfallen.

Die Quote der ungeplanten Geburten liegt in den USA mit rund einem Drittel etwa gleich hoch wie in den Entwicklungsländern, weil Aufklärung und der Zugang zu Verhütungsmitteln hier ebenfalls zu wünschen übrig lassen. Wie groß der Mangel ist, zeigt sich darin, dass dort zu den rund 1,4 Millionen ungeplanten Geburten noch einmal 1,3 Millionen Abtreibungen hinzukommen. Wäre der Bedarf an Familienplanungsmöglichkeiten gedeckt, würde die Fertilitätsrate in den USA um circa 0,2 Kinder pro Frau sinken. Da die Vereinigten Staaten die höchsten Pro-Kopf-Emissionen zu verbuchen haben, hätte dieser Rückgang ebenfalls eine deutliche Auswirkung auf das weltweite CO2-Aufkommen. Allein die Vermeidung aller ungewollten Schwangerschaften in den Entwicklungsländern und den USA würde zu einem weltweiten Fertilitätsrückgang von 0,5 Kindern pro Frau führen - jener Differenz, die zwischen den einzelnen Wachstumsprognosen der Vereinten Nationen entscheidet.

Natürlich ist die wachsende Anzahl an Menschen nur ein Faktor unter mehreren, der für die hohen CO2-Emissionen verantwortlich ist. Die entscheidende Größe ist der Energieverbrauch pro Kopf. Folglich hat es seine Berechtigung, dass die Politik bei der Energie-Effizienz ansetzt. Darüber hinaus können aber auch Investitionen in die Familienplanung einen wichtigen Beitrag leisten, um den Ausstoß der Treibhausgase zu verringern.

Literatur / Links

Alan Guttmacher Institute (1999): Sharing responsibility: women, society and abortion worldwide. New York. www.guttmacher.org.

O'Neill, Brian / Dalton, Michael / Fuchs, Regina / Jiang, Leiwen / Pachauri, Shonali / Zigova, Katarina (2010): Global demographic trends and future carbon emissions. In: PNAS 107/41. S.17521-17526. www.pnas.org.

Speidel, Joseph J. / Weiss, Deborah C. / Ethelston, Sally A. / Gilbert, Sarah M. (2009): Population policies, programmes and the environment. In: Philosophical Transactions of the Royal Society B 364, S. 3049-3065. http://rstb.royalsocietypublishing.org.

UNFPA (2009): Weltbevölkerungsbericht 2009. Eine Welt im Wandel: Frauen, Bevölkerung und Klima. Kurzfassung. Herausgegeben von der DSW. Hannover. www.weltbevoelkerung.de.

United Nations, Population Division, Department of Economic and Social Affairs (2009): World Population Prospects: The 2008 Revision. New York. http://esa.un.org.

 

   
     
 

"In strukturschwachen Regionen gibt es zu wenig Ärzte und Psychologen"
Interview mit Prof. Dr. med. Detlef E. Dietrich, Ärztlicher Direktor des AMEOS Klinikums Hildesheim

Prof. Dr. med. Detlef E. Dietrich (geboren 1962) ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und leitet seit 2009 als Ärztlicher Direktor das AMEOS Klinikum Hildesheim. Vorher arbeitete er einige Jahre lang als Oberarzt beziehungsweise Leitender Oberarzt in der psychiatrischen Klinik der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Seit 2004 ist er zudem Repräsentant der European Depression Association für Deutschland.


Depression gilt als die am häufigsten auftretende psychische Erkrankung. Wie viele Menschen sind davon in Deutschland betroffen?

Man geht davon aus, dass in Deutschland derzeit etwa vier Millionen Menschen - etwa fünf Prozent der Bevölkerung - an einer behandlungsbedürftigen Depression erkrankt sind. Die Lebenszeitprävalenz, also die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens eine Form der behandlungsbedürftigen Depression zu erleiden, beträgt etwa 15 bis 20 Prozent.

Erkranken genauso viele Frauen wie Männer?

Bei den meisten Formen der Depression sind Frauen häufiger betroffen, etwa in einem Verhältnis von zwei zu eins. Heute vermutet man allerdings, dass der Unterschied hinsichtlich der Häufigkeit nicht so gravierend ist, die Depression des Mannes bleibt möglicherweise häufiger unerkannt oder wird später erkannt als die der Frauen. Wahrscheinlich verbirgt sich hinter vielen Suchterkrankungen bei Männern eine Depression.

Besteht ein Zusammenhang mit dem Alter?

Es gibt bestimmte Formen der Depression, die im Alter häufiger auftreten. Das liegt vor allem an der zunehmenden Häufigkeit körperlicher Erkrankungen, aber auch an den veränderten Lebenssituationen älterer Menschen. Organische Ursachen sind nicht selten Hirnerkrankungen, nicht-organische Ursachen oft Verlusterlebnisse, das heißt Verluste von Lebenspartnern, Freunden und so weiter. Aber auch die nachlassende körperliche Autonomie kann als große Belastung erlebt werden. Meist treffen bei der Entstehung der Depression jedoch mehrere Ursachen zusammen.

In Deutschland steigen die Lebenserwartung und der Anteil der Älteren. Im Jahr 2020 werden hierzulande voraussichtlich 14,6 Millionen Menschen leben, die 65 Jahre und älter sind. Das lässt erwarten, dass die Zahl der Demenzerkrankungen zunehmen wird - gilt das auch für Depression?

Es liegen unterschiedliche Einschätzungen vor. Die WHO, also die Weltgesundheitsorganisation, hat geschätzt, welche Erkrankungen im Jahr 2020 am häufigsten als Folge sozio-ökonomischer Belastungen auftreten werden. Depressionen werden dann an zweiter Stelle stehen - nach den Herz- und Kreislauf-Erkrankungen, die auch heute an erster Stelle stehen.

Besteht unter Experten Einigkeit, ob Depressionen zunehmen?

Nein, Professor Ulrich Hegerl beispielsweise, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Depressionshilfe, warnt stets vor der Aussage, dass Depressionen zunehmen - und dafür gibt es tatsächlich momentan keinen Beweis. Die Zunahme der Diagnosestellung lässt sich seiner Meinung nach vielmehr auf die gute Öffentlichkeitsarbeit zurückführen.

Die Diskussion über Depression nach dem Freitod von Robert Enke vor rund einem Jahr hat gezeigt, dass die Akzeptanz in der Bevölkerung gegenüber früher gewachsen ist. Aber sie hat auch noch einmal den starken Leistungsdruck nicht nur im Profifußball, sondern in vielen gesellschaftlichen Bereichen verdeutlicht. Fördert dieser Druck Depression?

Bestimmte Formen von Depression haben in den industrialisierten Ländern vermutlich zugenommen: die, die etwa mit Arbeitslosigkeit, Arbeitsverdichtung, Arbeitsunsicherheit und Stress zusammenhängen. Und darauf bezieht sich unter anderem auch die WHO-Studie. Das betrifft beispielsweise erwerbstätige Mütter, Pastoren, die heute mehrere Gemeinden betreuen, nicht mehr nur eine, und Landfrauen, die den kompletten Hof und die Familie alleine managen, weil der Mann einer weiteren Beschäftigung nachgeht, um das Einkommen zu sichern.

Woran erkennt man, ob jemand "nur" schlecht drauf ist oder ob er medizinische Unterstützung benötigt?

Von einer behandlungsbedürftigen Depression spricht man, wenn von vier sogenannten Hauptsymptomen mindestens zwei und von weiteren Symptomen mindestens drei bis vier über mindestens zwei Wochen nachweisbar sind. Zu den Hauptsymptomen zählen niedergedrückte Stimmung, Freudlosigkeit, Interesselosigkeit, Gefühl der Gefühllosigkeit und zu den weiteren Symptomen gehören vielfältige Beschwerden wie beispielsweise eine Antriebsstörung, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Schlafstörungen, Ängste, sozialer Rückzug, negatives, pessimistisches Denken bis hin zu Suizidgedanken oder Appetitstörungen.

Das macht eine Beteiligung am sozialen Leben nur schwer möglich. Beeinflussen Depressionen auch die Lebenserwartung?

Die Lebenserwartung wird insbesondere durch die hohe Suizidgefahr beeinträchtigt, etwa 15 Prozent der depressiv Erkrankten versterben letztlich an einer Selbsttötung. Aber auch andere Begleiterkrankungen wie Herz-Kreislauf-Störungen, erhöhte Infektanfälligkeit und andere organische Erkrankungen, die nach depressiven Syndromen auftreten, die im Zusammenhang mit depressiven Störungen häufiger vorkommen, können die Lebenserwartung reduzieren.

Wie lassen sich Depressionen behandeln?

Am besten hilft bei den meisten Depressionen eine Kombination aus medikamentöser und psychotherapeutischer Behandlung. Zusätzlich eingesetzt können Körpertherapien, in einigen Fällen Lichttherapie und Wachtherapie sowie Ergotherapie hilfreich sein. Auch die Beratung und Einbeziehung von Angehörigen und gegebenenfalls des Arbeitsplatzes kann für die Wiedereingliederung hilfreich sein.

Werden die vorhandenen therapeutischen Möglichkeiten gut genutzt?

Leider noch nicht in ausreichendem Maße. Dies liegt an dem eingeschränkten Wissen, wie man die Erkrankung rechtzeitig erkennt, und auch an einer gewissen Scheu, sich zu offenbaren.

In strukturschwachen, von Abwanderung und Überalterung geprägten Regionen mangelt es oft an medizinischer Versorgung - gilt das auch für Depressionen?

Es gibt immer noch zu wenige Therapieplätze, zu wenig Ärzte und auch zu wenig Psychologen, die sich der unterschiedlichen Störungen annehmen könnten. Diese Situation findet sich auf dem Land in zugespitzter Form. Hinzu kommt der internationale Markt: Da die Arbeitsbedingungen im Ausland besser sind, verlassen viele Studierende nach dem Abschluss Deutschland. So ist etwa das Gehalt höher, vor allem bei den jüngeren Ärzten spielt das eine Rolle. Junge Ärzte verdienen anderenorts das Zwei- oder Dreifache. Auch die Pharmaindustrie zahlt besser und wirbt Mediziner ab.

Die Abwanderung verschärft den Konkurrenzkampf unter Kliniken um Fachpersonal - wie lassen sich die vor Ort nötigen Mediziner anlocken oder halten?

Die Kliniken können nicht einfach mehr zahlen, weil ihr Budget von der Politik begrenzt ist - die Krankenkassen übernehmen ja nur einen relativ festgelegten Betrag. Aber die Kliniken machen zusätzliche finanzielle Angebote, etwa Einstiegsgelder, oder bezahlen Zusatzleistungen. Dennoch wird die Arbeit hierzulande dadurch nicht plötzlich attraktiv. Auch nicht für die niedergelassenen Ärzte. Wichtiger sind vielmehr das Angebot einer guten und verlässlichen Weiterbildung, eine freundliche und kollegiale Atmosphäre, Flexibilität bei der Arbeitszeit- und Dienstgestaltung, Verständnis für soziale und familiäre Belange der Beschäftigten.

Welche Lösungsansätze gibt es denn, um die Versorgung bei Depression auch im ländlichen Raum sicherzustellen - möglichst wohnortnah?

Wir sind für einen Bereich von 550.000 Einwohnern zuständig und versuchen beispielsweise, Tageskliniken und Institutsambulanzen in ländlicheren Gebieten aufzubauen. Die Lage ist zum Teil dramatisch, im Raum Holzminden gibt es etwa im Umkreis von 50 Kilometern keinen Psychiater mehr, seit der letzte seine Praxis geschlossen hat. Eine andere Möglichkeit für den ländlichen Raum bilden medizinische Versorgungszentren, in denen Ärzte aus unterschiedlichen Fachrichtungen oder therapeutische Gruppen untergebracht sind. Die Initiative geht hierbei aber oft nicht von der Politik aus, sondern von einer Klinik oder anderen medizinischen Anbietern.

Gibt es beim Auftreten von Depression auffällige Unterschiede im internationalen Vergleich?

Ja, hinsichtlich Häufigkeit und Ausprägung. Einer Studie der WHO zufolge traten beispielsweise in der Schweiz bei 68 Prozent der Erkrankungsfälle Schuldgefühle auf, im Iran nur bei 32 Prozent. Auch hinsichtlich der Behandlung gibt es soziokulturelle Unterschiede, wobei sich die Behandlungsoptionen in industrialisierten Ländern durch den schnelleren globalen Wissenstransfer zunehmend angleichen. Insgesamt scheinen etwa innerhalb Europas Menschen in nördlichen Ländern häufiger eine Depression zu haben als in südlich gelegenen Ländern.

Wie lässt sich das erklären?

Dies ist sehr wahrscheinlich zu einem gewissen Teil auf die geringere Lichtintensität in nördlichen Ländern zurückzuführen. Es gibt aber auch bei diesem Vergleich Unterschiede, die gesellschaftlich und kulturell begründet sind. Die Forschungslage dazu ist schwierig. Die Spitzenwerte liegen in nördlichen Regionen bei einer Lebenszeitprävalenz von 20 bis 25 Prozent. In Schottland sind es beispielsweise 22 Prozent - in Saudi-Arabien oder den Vereinigten Arabischen Emiraten dagegen nur 3,4 Prozent.

Wie kann das sein?

Die Vermutung liegt nahe, dass es keine genetischen Gründe sind, auch nicht ausschließlich das Licht, weil auch südliche europäische Länder deutlich höhere Werte aufweisen. Es müssen also die Definitionen sein, das Verständnis, was als "Depression" erfasst wird. Für diese Frage ist meine Kollegin Dr. Meryam Schouler-Ocak Expertin, die an der Berliner Charité arbeitet. Sie ist zu dem Ergebnis gekommen, dass die südländische Definition von Depression viel mehr auf körperliche Symptome ausgerichtet ist, weil Depressionen kulturell unterschiedlich ausgeformt sind. Es tauchen zwar auch die klassischen Symptome wie Schlafstörungen, Vergesslichkeit, Interesseverlust auf, zusätzlich aber verstärkt etwa Bauchschmerzen, Kopfdrücken, innere Unruhe oder Gereiztheit.

Gilt das auch für Menschen, die aus südlichen Ländern stammen und jetzt in Deutschland leben?

Ja.

Was bleibt zu tun - auch für die Politik?

Die vielfältigen Behandlungsmöglichkeiten werden noch viel zu selten genutzt. Die Tabuisierung der Erkrankung und teilweise auch Diskriminierung der Erkrankten bilden ein Problem, das behoben werden muss. Nur zwei Drittel der Erkrankten befinden sich in ärztlicher Behandlung, und aufgrund der Komplexität der Symptomatik mit häufig im Vordergrund stehenden körperlichen Beschwerden sind auch wiederum nur etwa 50 Prozent dieser in ärztlicher Behandlung befindlichen als depressiv diagnostiziert. Experten schätzen darüber hinaus, dass hiervon wiederum nur etwa ein Drittel ausreichend behandelt wird, das heißt so lange, bis eine Symptomfreiheit erreicht ist. Letztlich werden nur zehn Prozent der depressiv Erkrankten adäquat behandelt. Deshalb ist eine nachhaltige Öffentlichkeitsarbeit von ganz besonderer Bedeutung. Außerdem braucht es eine ausreichende finanzielle Unterstützung bei der Ausbildung des therapeutischen Nachwuchses und zur Etablierung zusätzlicher Behandlungsmöglichkeiten.

Das Interview führte Margret Karsch.
Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut) erlaubt.

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Demographic Developments in Canada

by Frank T. Denton and Byron G. Spencer

National populations increase when the inflows of births and immigrants exceed the outflows of deaths and emigrants, and they decrease when the reverse is true. Substantial changes in any one of those components can have profound effects over the longer term on both the size of a population and its age structure. In the case of Canada the large increase in the number of births associated with the post-World War II baby boom, and the subsequent decrease associated with the baby bust, stand out; so too does the level of immigration, which has been very high by international standards.

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