Alt aber glücklich?
Ein neues Diskussionspapier des Berlin-Instituts zeigt, dass der demografische Wandel auch positive Auswirkungen auf unser Wohlergehen haben kann
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Alt aber glücklich?
Ein neues Diskussionspapier des Berlin-Instituts zeigt, dass der demografische Wandel auch positive Auswirkungen auf unser Wohlergehen haben kann

Die Alterung und die Schrumpfung der Gesellschaft führen in Deutschland dazu, dass der Wirtschaft in Zukunft weniger potenzielle Arbeitskräfte zur Verfügung stehen als bisher. Bis 2050 dürfte die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter von 53,5 auf 38,6 Millionen Menschen sinken. Der Anteil der wirtschaftlich Abhängigen, also der Kinder und insbesondere der Ruheständler, an der Gesamtbevölkerung wird im gleichen Zeitraum deutlich steigen. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass der materielle Wohlstand unserer Gesellschaft von einem immer kleiner werdenden Teil der Bevölkerung erwirtschaftet werden muss und folglich bei gleichbleibender Leistung jedes Einzelnen abnehmen würde.
Doch ist dies wirklich so? In den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten ist die eingesetzte Arbeit in Deutschland bereits relativ konstant geblieben, und das Wirtschaftswachstum fußte einzig und allein auf Produktivitätszuwächsen. Letztere können auch weiterhin für eine wachsende Wirtschaft sorgen, sind jedoch ebenfalls nicht immun gegen demografische Veränderungen. So dürfte die Alterung der Gesellschaft mittelfristig die Kapitalaustattung der Erwerbstätigen senken und könnte ohne politische Reformen auch die totale Faktorproduktivität negativ beeinflussen, die ausdrückt, wie effizient die vorhandenen Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital genutzt werden. Letzteres wäre dann der Fall, wenn ältere Arbeitnehmer weniger produktiv und innovativ wären als jüngere, worauf verschiedene Studien hindeuten. Ob dies in Zukunft so bleibt, wird sich zeigen. Unzweifelhaft ist jedoch, dass der demografische Wandel das Wirtschaftswachstum unter sonst gleichen Bedingungen dämpft. Dies bedeutet freilich nicht, dass die Wirtschaft in einer schrumpfenden Gesellschaft zwangsläufig schrumpfen muss.


Der demografische Wandel bremst das Wirtschaftswachstum

Die Schrumpfung und die Alterung der Bevölkerung werden das Wirtschaftswachstum verlangsamen. Zum einen, weil die Zahl der Erwerbstätigen sinkt, aber auch weil Produktivitätssteigerungen und Kapitalausstattung in einer alternden Bevölkerung zurückgehen könnten. Nicht in der Darstellung gezeigt sind Politikmaßnahmen, die den negativen Effekt der Demografie auf die Wirtschaftsleistung dämpfen können. So lässt sich der Rückgang der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter wenigstens teilweise durch eine höhere Erwerbsbeteiligung sowie zusätzliche Einwanderung kompensieren, während die Produktivität unter anderem durch verbesserte Aus- und Weiterbildung positiv beeinflusst werden kann.

Inwiefern ist Wirtschaftskraft aber überhaupt mit Wohlstand gleichzusetzen? Die Kritik am Bruttoinlandsprodukt als Wohlstandsindikator ist altbekannt. Inzwischen stehen zahlreiche alternative Indizes zur Verfügung, die darauf abzielen, die tatsächliche Wirtschaftsleistung realistischer zu erfassen und auch nicht-materielle Aspekte des Wohlergehens in die Berechnung einzubeziehen. Eine allgemeingültige Definition von Wohlstand ist daraus allerdings bislang noch nicht hervorgegangen, und verschiedene Autoren erachten verschiedene Aspekte als entscheidend für das Wohlergehen.
Wohlstand scheint also eine stark subjektive Komponente zu haben. Mit dem Aufkommen der Glücksforschung trug dem auch die Wissenschaft in den letzten Jahren Rechnung. Zwar eignen sich gemittelte Glückswerte aus verschiedenen Gründen nicht unbedingt als direkte Politikziele. Die Erkenntnisse der Glücksforscher können uns aber dennoch dabei helfen, die menschliche Psyche besser zu verstehen und so zu einer breiter angelegten Definition von Wohlergehen zu gelangen. So führt ein höheres Einkommen durchaus zu einer höheren Lebenszufriedenheit, allerdings beobachten die meisten Forscher hier einen abnehmenden Grenznutzen. Das heißt, jeder zusätzlich verdiente Euro steigert das persönliche (und gesamt-gesellschaftliche) Glücksempfinden weniger als der vorherige. Außerdem wird das subjektive Wohlbefinden maßgeblich durch nicht-monetäre Faktoren beeinflusst, etwa Bildung, Gesundheit oder soziale Bindungen und vor allem durch den Erwerbsstatus. So bewirkt der Verlust des Arbeitsplatzes größere langfristige Glückseinbußen als jedes andere Ereignis, einschließlich Trennung oder Scheidung. Denn neben dem Gehalt erlangt der Erwerbstätige gesellschaftliche Wertschätzung. Aus diesem Grund führt Arbeitslosigkeit oft zu einem Verlust an Selbstwertgefühl, Angst und Depression.


Die Quellen des Glücks

Einflussfaktoren auf das subjektive Wohlbefinden der Menschen lassen sich grob in fünf Kategorien einteilen. Während die Gene der Menschen gegeben sind und manchen eine vorteilhaftere Ausgangsposition als anderen verschaffen, lassen sich Faktoren wie die wirtschaftliche Lage, sozio-demografische Eigenschaften und politische Rahmenbedingungen aktiv gestalten. Der Effekt von vielen dieser Faktoren kann allerdings je nach Land und Zeitpunkt variieren. Zudem lassen sich Ursache und Wirkung nicht immer klar voneinander trennen. So wirkt sich die Gesundheit positiv auf das Glücksempfinden aus; glückliche Menschen haben aber auch ein besseres Immunsystem und sind deswegen gesünder.

Auf viele Einflussfaktoren des subjektiven Wohlergehens wirkt sich der demografische Wandel mittel- oder unmittelbar aus. So wird in einer Zeit knapper werdender Arbeitskräfte der Qualifikation der vorhandenen Erwerbstätigen eine wichtigere Rolle zukommen als bisher. Um Arbeitslosigkeit zu vermeiden, müssen zusätzliche Anstrengungen im Bildungssystem unternommen werden. Denn niedrig und neuerdings auch durchschnittlich Qualifizierte werden auf dem Arbeitsmarkt immer weniger nachgefragt. Entscheidend hierbei: Bildung ist nicht nur ein Mittel zum ökonomischen Zweck, sondern vor allem auch glücksstiftend.
Neben der Bildung wird auch der Gesundheit der Erwerbstätigen eine immer wichtigere Rolle zukommen, um diese bis ins hohe Alter produktiv zu halten. Schon heute fördern viele Unternehmen aktiv die Gesundheit ihrer Angestellten. Auch hier gehen ökonomische Notwendigkeit und persönliche Zufriedenheit Hand in Hand - denn wer sich selber gesund fühlt, ist zufriedener mit seinem Leben als andere. Und solange ältere Menschen gesund sind, liegt ihr subjektives Wohlbefinden sogar höher als bei Menschen mittleren Lebensalters.
Bei alldem gilt es zu beachten, dass die Menschen nach heutigem Kenntnisstand nicht glücklicher wären, wenn die Wirtschaft in Deutschland stagniert beziehungsweise schrumpft. Vielmehr würden bestehende Verteilungskämpfe zusätzlich angeheizt. Doch eine Wirtschaftsdynamik, die weiterhin ein hohes Beschäftigungsniveau sichert, mit einem hohen subjektiven Wohlergehen zu verbinden, ist auch in Zeiten gravierender demografischer Veränderungen möglich. Um den wachstumsdämpfenden Effekt der Demografie abzufedern, sollte uns daran gelegen sein, die Menschen so lange wie möglich produktiv zu halten. Eine weitere Anhebung des Renteneintrittsalters scheint gerade ob der deutlich gestiegenen Lebenserwartung ein logischer Schritt. Der Strukturwandel hin zu einer Wissensökonomie ermöglicht es uns zudem, die Arbeit an sich so zu gestalten, dass sie im Einklang mit anderen Lebenszielen steht - vor allem über flexible Arbeitszeit- und Arbeitsortmodelle.



Die Erstellung des Diskussionspapiers wurde von FuturZwei - Stiftung Zukunftsfähigkeit gefördert.



Für Fragen und Interviews stehen Ihnen Stephan Sievert unter 0 30 – 31 10 26 98 und Dr. Reiner Klingholz unter 0 30 - 31 01 75 60 zur Verfügung.


Ausgabe 134, 05.03.2012

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