Bevölkerung + Entwicklung = Klimakatastrophe?
In Rio de Janeiro beginnt der Erdgipfel, der die drängendsten Umweltprobleme der Erde lösen soll
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Nicht alles Gold, was glänzt
Sozial fortschrittliche Länder haben bereits ein Betreuungsgeld - doch die Erfahrungen sind eher schlecht
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Bevölkerung + Entwicklung = Klimakatastrophe?
In Rio de Janeiro beginnt der Erdgipfel, der die drängendsten Umweltprobleme der Erde lösen soll

Rechtzeitig zu Rio+20, dem Erdgipfel der Vereinten Nationen, der dieser Tage in der brasilianischen Küstenmetropole beginnt, gibt es neue alarmierende Meldungen aus der Klimabeobachtung. Der globale Ausstoß von Kohlendioxid (CO2), des wichtigsten vom Menschen emittierten Treibhausgases, hat im vergangenen Jahr ein neues Rekordniveau erreicht: Die Schlote, Motoren und Heizungen der Welt entließen, allen Klimaschutzbemühungen zum Trotz, 31,6 Milliarden Tonnen CO2 in die Atmosphäre und damit mehr als doppelt so viel, wie die natürlichen Kreisläufe vertragen könnten.

Gegenüber dem Vorjahr war der Ausstoß damit um eine Milliarde Tonnen oder 3,2 Prozent gestiegen, meldet die Internationale Energieagentur IAE. Das Verbrennen von Kohle, Öl und Erdgas hat damit ein Ausmaß erreicht, das schon jetzt das so genannte Zwei-Grad-Ziel weitestgehend aushebelt. Diese Zielmarke gilt als kritische Grenze, jenseits derer mit schweren und in zunehmendem Maße unberechenbaren Klimafolgen zu rechnen ist. Das offizielle Ziel der internationalen Staatengemeinschaft, diese Grenze nicht zu überschreiten, kann somit schon vor dem Umweltgipfel beerdigt werden. "Die Daten liefern neue Hinweise dafür, dass sich die Tür zum Zwei-Grad-Ziel bereits schließt", resümiert der IAE-Chefökonom Fatih Birol. Um das ambitionierte Klimaschutzziel zu erreichen, dürften die CO2-Emissionen bis 2017 das Limit von 32,6 Milliarden Tonnen nicht übersteigen und müssten danach deutlich und Jahr für Jahr sinken. Möglich wäre das nur durch eine massive globale Rezession. Diese aber dürfte kaum im Interesse jener Staatenlenker sein, die in Rio über die Zukunft der Erde befinden.

Allein in China stieg der CO2-Ausstoß 2011 um den Rekordwert von 720 Millionen Tonnen, vor allem, weil das Land immer mehr von der reichlich verfügbaren Kohle verheizt. Dieser fossile Rohstoff, der unter allen Energieträgern am meisten CO2 je Energieeinheit verursacht, wird vor allem in Kraftwerken, sowie in der Stahl- und Zementindustrie verbraucht. Die Tatsache, dass auch Chinas Volkswirtschaft immer energieeffizienter arbeitet, konnte die Emissionen nicht bremsen: Sie wächst so schnell, dass alle Einsparungen verpuffen. Immerhin - ohne die Effizienzsteigerungen seit 2005 hätten die Emissionen im vergangenen Jahr noch einmal um 1,5 Milliarden Tonnen höher gelegen.

Ebenfalls auf Wachstumskurs ist Indien, das bevölkerungsreichste Land der Welt, wo der CO2-Ausstoß 2011 immerhin um 140 Millionen Tonnen angestiegen ist. Für beide Nationen, wie auch für alle anderen Schwellen- und Entwicklungsländer, sind künftig weiter stark steigende Emissionen zu befürchten. Denn China und Indien liegen trotz ihres enormen volkswirtschaftlichen Aufholprozesses erst bei 63 respektive 15 Prozent des durchschnittlichen OECD-Wertes, also jener Emissionen, die für die reichen und entwickelten Länder typisch sind.

Vermutlich liegen die Emissionen von China sogar noch weit über den genannten Zahlen. Denn diese basieren auf den offiziellen Daten zum Energieverbrauch und werden von der IEA in Emissionen umgerechnet. Konkrete Daten zu dem CO2-Ausstoß veröffentlicht die chinesische Regierung nicht. Als jetzt Energieexperten der britischen Universität von Leeds die Verbrauchsdaten der 30 regionalen chinesischen Statistikbüros zusammengerechnet haben, um so zu einer nationalen Summe zu kommen, mussten sie feststellen, dass China vermutlich seit Jahren deutlich mehr Treibhausgase produziert als bis dato zugegeben. Allein im Jahr 2010 soll die Lücke 1,4 Milliarden Tonnen betragen haben. Damit würden die chinesischen CO2-Emissionen um 18 Prozent über den offiziell vermeldeten Daten liegen. Das Zwei-Grad-Ziel wäre schon heute Makulatur.

Diese Entwicklungen zeigen, dass die Welt vor einem Trilemma des Wachstums steht, wie das Berlin-Institut in einem jüngst veröffentlichten Diskussionspapier von Institutsdirektor Reiner Klingholz und dem ehemaligen Bundesumweltminister Klaus Töpfer schreibt, der heute das International Institute for Advanced Sustainability Studies in Potsdam leitet. Denn auf drei Ebenen hat der Planet ein Wachstumsproblem: Erstens wächst nach wie vor die Weltbevölkerung stark - allein den letzten Milliardenschritt nahm sie in gerade mal zwölf Jahren. Gleichzeitig wachsen die Konsumansprüche in immer mehr Ländern immer weiter und nähern sich den nicht nachhaltigen Werten der Industrienationen an. Dadurch steigen der Energieverbrauch und schließlich auch die CO2-Emissionen, und zwar in den vergangenen Jahrzehnten noch schneller als die Zahl der Menschen gewachsen ist.

Besonders stark ist das Bevölkerungswachstum in den armen Ländern. Vielerorts ist es so hoch, dass die öffentliche Infrastruktur, also Schulen, Gesundheitsdienste aber auch Arbeitsplätze nicht mit dem Wachstum Schritt halten können und die Armut weiter wächst. Um dieser Falle aus Armut und immer mehr Menschen zu entkommen, benötigen diese Länder die Möglichkeit, sich zu entwickeln und dafür brauchen sie unter anderem eine sichere Energieversorgung. Gehen die Länder dabei den klassischen, und vermeintlich billigen Weg und bauen konventionelle Kohlekraftwerke, vergrößern sie bei dem Versuch, das eine große Menschheitsproblem zu lösen ein neues. Denn um auf diesem Weg eine Grundversorgung von durchschnittlich 4.000 Kilowattstunden pro Kopf und Tag zu gewährleisten, müssten die CO2-Emissionen noch einmal um vier Milliarden Tonnen pro Jahr ansteigen. 4.000 Kilowattstunden gelten als wirtschaftliche Schwelle, um der Armut entkommen zu können.

Die letzte große Weltkonferenz zum Thema Umwelt und Nachhaltigkeit, die vor zehn Jahren im südafrikanischen Johannesburg stattfand, hatte das Bevölkerungsthema noch komplett ausgeklammert. Diese Entscheidung ging auf die massive Intervention der damals konservativen US-Regierung zurück, die sich gegen jede Form von Familienplanung in der Entwicklungszusammenarbeit stark gemacht hatte. Die anstehende Nachfolgekonferenz von Rio muss den Zusammenhang zwischen Bevölkerung und Energieverbrauch erkennen. Sie muss Wege aufzeigen, wie eine Entwicklung der aufstrebenden Nationen möglich ist, ohne dabei den alten und gefährlichen Weg zu gehen, den die Industrienationen vorgelebt haben.

Die Schwellenländer werden nie das Emissionsniveau der Industrienationen erreichen - dennoch liegt es zu hoch
Kinderzahl je Frau (Fertilitätsrate) und CO2-Emissionen pro Kopf und Jahr, in Tonnen CO2, in ausgewählten Ländern

Als Folge sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung hat sich einerseits die Kinderzahl je Frau seit den 1960er Jahren weltweit halbiert, andererseits aber der CO2-Ausstoß in etwa verdreifacht. Unter anderem, weil sich die Weltbevölkerung von drei auf sieben Milliarden mehr als verdoppelt hat. Interessanterweise erreichen die Schwellenländer auf ihrem Entwicklungsweg zwar niedrige Kinderzahlen, aber längst nicht so hohe CO2-Emissionen wie zuvor die Industrienationen. Denn die Spätentwickler können heute von klimafreundlicheren Technologien profitieren.
In Mexiko ist die Fertilitätsrate fast schon auf das Niveau der USA gesunken. Die Pro-Kopf-CO2-Emissionen liegen aber nur bei einem Viertel des US-Wertes. Global gesehen sind die Emissionen dennoch viel zu hoch: Sie liegen bei 4,6 Tonnen pro Jahr und Kopf der Weltbevölkerung. Klimaverträglich wären gerade einmal zwei Tonnen. (Datengrundlage: Weltbank, UN)



Links/Literatur

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2012). Das Trilemma des Wachstums. Bevölkerungswachstum, Energieverbrauch und Klimawandel - drei Probleme, keine Lösung? Diskussionspaper Nr. 8. Berlin.

IEA Statistics (2011). CO2 Emissions From Fuel Combustion.

Guan, D., Liu, Z., Geng, Y., Lindner, S. & Hubacek, K. (2012). The gigatonne gap in China's carbon dioxide inventories. Nature Climate Change.

 

Nicht alles Gold, was glänzt
Sozial fortschrittliche Länder haben bereits ein Betreuungsgeld - doch die Erfahrungen sind eher schlecht

Die Bundesrepublik folgt dem Beispiel Finnlands, Norwegens und Schwedens, wenn sie hierzulande ab 2013 das Betreuungsgeld einführt - eine monatliche Zuwendung für Eltern, die ihr Kleinkind zuhause betreuen. Wer für den Nachwuchs im zweiten Lebensjahr keinen Platz in einer Kindertagesstätte (Kita) beansprucht, erhält ab 2013 monatlich 100 Euro als so genannte Herdprämie, ab 2014 gilt die Regelung für Kinder bis zu drei Jahren und die Leistung erhöht sich auf 150 Euro. In Finnland gibt es das Betreuungsgeld schon seit 1985, Norwegen führte es 1998 ein, und Schweden zog vor vier Jahren nach.

Die skandinavischen Länder gelten hinsichtlich ihrer sozial-, bildungs-, arbeitsmarkt-, umwelt- und familienpolitischen Maßnahmen als Spitzenreiter und werden als die sozial gerechtesten Staaten innerhalb der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) eingestuft. Damit bieten sie jedem Einzelnen die zurzeit bestmöglichen Optionen, gleichberechtigt an Bildung, Arbeitsmarkt und Wohlstand teilzuhaben. Doch auch wenn sie in der Gesamtbewertung glänzen, ist noch lange nicht jede politische Initiative im nordischen Raum nachahmenswert.

Denn die Bewertung des Betreuungsgelds in Finnland, Norwegen und Schweden fällt insgesamt negativ aus. Obwohl zwischen den Ländern große Unterschiede hinsichtlich der Inanspruchnahme bestehen, gilt für alle, dass die Mehrheit der Empfänger Frauen sind. Das verstärkt nicht nur traditionelle Rollenmodelle, sondern führt dazu, dass Frauen ökonomisch von ihren Partnern abhängig werden. Vor allem, weil die Bezieherinnen von Betreuungsgeld größtenteils über ein geringes Einkommen und einen niedrigen Bildungsstand verfügen. Häufig haben sie zudem einen Migrationshintergrund. Deshalb steht die OECD dem Betreuungsgeld skeptisch gegenüber: Für zugewanderte Frauen biete das Betreuungsgeld Anreize, zu Hause zu bleiben und reduziere ihre Teilnahme am Arbeitsmarkt um bis zu 15 Prozent. Seit Einführung des Betreuungsgelds nehmen in Norwegen Kinder aus Einwandererfamilien zudem seltener an frühkindlicher Bildung teil. Doch gerade der frühe Besuch von Bildungseinrichtungen, so die OECD, erhöhe die Bildungsleistungen speziell von Migrantenkindern. In Deutschland etwa entwickeln sich Kinder mit Migrationshintergrund und niedrigem sozio-ökonomischem Status hinsichtlich ihrer Sprachfähigkeit häufig nicht altersgemäß. Ein Grund dafür ist, dass sie seltener frühkindliche Bildungsangebote wahrnehmen. Kinder von Eltern mit niedrigem Bildungsniveau und geringem Einkommen besuchen die Kita im Schnitt später. Dadurch sind sie oft sehr kurz - nicht einmal zwei Jahre - in öffentlichen Einrichtungen. Das geplante Betreuungsgeld droht nun, diese sozialen Ungleichheiten noch zu verstärken.

Viel formale Kinderbetreuung trotz Betreuungsgeld in Skandinavien
Prozentualer Anteil unter 3-Jähriger in formaler Kinderbetreuung in verschiedenen Ländern 2008:

In Dänemark besucht weit über die Hälfte der unter 3-Jährigen formale Bildungseinrichtungen. Das sind jedwede Formen privater und öffentlich organisierter Betreuung - von der Kinderkrippe über den Kinderladen bis hin zur Kindertagesstätte. Dänemark ist damit Spitzenreiter in der Europäischen Union. In Tschechien hingegen besucht mit einem Prozent nur ein verschwindend kleiner Anteil der unter 3-Jährigen eine Betreuungseinrichtung - so wenige wie nirgends sonst in der Europäischen Union. Mit einem Anteil von 20 Prozent liegt Deutschland fünf Prozentpunkte unter dem EU-Durchschnitt von 25. (Datengrundlage: Quelle: Eurostat, EU-SILC 2008)

Nicht nur Kinder im Betreuungsgeldalter selbst sind von schlechterem Bildungszugang betroffen, sondern auch ihre älteren Geschwister. Das ergab jüngst eine Untersuchung in Thüringen, wo es bereits seit 2006 eine Form des Betreuungsgeldes gibt, die dem gesamtdeutschen Konzept sehr ähnlich ist: Der Leistungsbetrag liegt bei 150 Euro, wird jedoch nur für zweijährige Kinder ausgezahlt. Wenn Drei- bis Fünfjährige einen Bruder oder eine Schwester im Betreuungsgeldalter haben, geht ihre Teilnahme an öffentlichen Bildungsangeboten um 30 Prozent zurück. Mütter, die ohnehin zuhause bleiben, um sich um ihr Kleinkind zu kümmern, entscheiden sich also oft, ihre älteren Kinder gleich mit zu betreuen. Die großen Brüder und Schwestern können dann ebenfalls nicht von den Betreuungs- und Bildungsangeboten in der Kita profitieren, obwohl sie bereits heute einen Rechtsanspruch auf einen Platz haben.

Dieser Anspruch weitet sich in Deutschland ab 2013 auf alle Ein- bis Dreijährigen aus. Bei einem derzeit deutschlandweiten Mangel von 160.000 Krippenplätzen, 14.000 Erziehern und 16.000 Tagesmüttern dürfte es jedoch schwierig werden, den Rechtsanspruch auch tatsächlich zu gewährleisten. Die zur Verfügung stehenden Betreuungsplätze werden somit auch weiterhin darüber mitbestimmen, ob Eltern ihre Kinder zuhause erziehen. Auch in Norwegen gab es Mitte der 1990er Jahre, als das Betreuungsgeld eingeführt wurde, zu wenige öffentliche Betreuungseinrichtungen. 75 Prozent aller Eltern bezogen damals Betreuungsgeld. Heute gibt es dort genügend Plätze und die Gebühren für die Kitas sind gesunken. Die Folge: Nur noch ein Viertel der Eltern bezieht Betreuungsgeld. Auch in Schweden, wo es schon zu Beginn der Reform genügend Betreuungsplätze gab, entscheiden sich nur knapp fünf Prozent der Eltern, denen das Geld zur Verfügung stünde, für die Betreuung zuhause. In Finnland hingegen wird das Betreuungsgeld vor allem eingesetzt, um den Bedarf an staatlichen Einrichtungen zu verringern. Zudem sind die Voraussetzungen für Frauen, in Teilzeit zu arbeiten, dort sehr schlecht. Deshalb nehmen mehr als die Hälfte der Eltern von Kindern unter drei Jahren das Betreuungsgeld in Anspruch.

Solange in Deutschland Betreuungsplätze fehlen, dürfte auch die Zahl derjenigen, die eine "Herdprämie" beziehen wollen, hoch liegen. Nach den Erfahrungen der nordischen Länder werden dies häufig Familien sein, die von frühkindlichen Bildungsangeboten besonders profitieren würden. Norwegen und Schweden konnten diesen Missstand zumindest teilweise auflösen, indem sie ausreichend Plätze zur Verfügung stellten. Zumindest in dieser Hinsicht können die nordischen Staaten doch als Vorbilder gelten - unabhängig davon, ob die "Herdprämie" nun kommt oder nicht.

Links/Literatur

Bertelsmann Stiftung (2011). Soziale Gerechtigkeit in der OECD - Wo steht Deutschland?

Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (2012). Taxing Childcare. Effects on Family Labor Supply and Children.


Friedrich-Ebert-Stiftung (2012). Betreuungsgeld. Erfahrungen aus Finnland, Norwegen und Schweden.

Deutschlandradio (11.06.2012). Studie: OECD kritisiert Betreuungsgeld als Integrationshemmnis.

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2012). Dem Nachwuchs eine Sprache geben. Diskussionspapier Nr. 6. Berlin.

Ausgabe 138, 20.06.2012

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