Bildung lohnt sich
Ein neues Diskussionspapier des Berlin-Instituts untersucht die Notwendigkeit von Lernen und Bildung angesichts des demografischen Wandels
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In Rio nichts Neues
Zum Weltbevölkerungstag 2012 bleiben die Frauenrechte weiter eingeschränkt
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Bildung lohnt sich
Ein neues Diskussionspapier des Berlin-Instituts untersucht die Notwendigkeit von Lernen und Bildung angesichts des demografischen Wandels

In einer vernetzten und globalisierten Welt, in der Information nahezu unbegrenzt verfügbar ist, kommt es mehr denn je darauf an, Wissen einzuordnen und wertschöpfend anzuwenden. Bildung ist dafür die Grundlage. Der demografische Wandel verschärft die Notwendigkeit von Bildung. Denn in Deutschland wird sich die Zahl der potenziellen Bildungsteilnehmer, also der jungen Menschen im Alter zwischen fünf und 29 Jahren, bis 2030 um 4,1 Millionen verringern. Gleichzeitig werden die Unternehmen bis 2030 mit gut sechs Millionen weniger Personen im heutigen Erwerbsalter auskommen müssen. Die älter und kleiner werdende Gruppe der Beschäftigten muss daher so produktiv werden, dass sich ein Zuwachs von fünf Millionen bei den über 65-Jährigen finanzieren lässt und Staat, Unternehmen und Familien weiterhin genug Geld für die nötigen Zukunftsinvestitionen bleibt, heißt es in dem Diskussionspapier "Bildung wirkt", welches das Berlin-Institut für die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft erstellt hat.

Zwar bedeutet bessere Bildung auch höhere Investitionen in Erzieher, Lehrer, Schulen und Universitäten, doch ein höherer Aufwand würde sich sowohl für den Staat wie auch für jeden Einzelnen lohnen: Für Bildungsinvestitionen errechnen sich für den Staat Renditen von deutlich über zehn Prozent.

Wo aber liegen die größten Defizite im deutschen Bildungssystem? Und wie sollte der Staat im Bildungsbereich investieren?

Internationale Vergleichsstudien weisen immer wieder darauf hin, dass in Deutschland viele junge Menschen ihre Begabungen vor allem am Anfang ihrer Bildungskarriere nicht entfalten können - zu einem Zeitpunkt, an dem die Unterstützung beim Lernen die größten Effekte hätte. Kinder, deren Eltern sich in Risikolagen befinden, sind davon überproportional betroffen: Vor allem, wenn kein Elternteil erwerbstätig ist, wenn Eltern über höchstens einen Hauptschulabschluss verfügen und wenn Familien unterhalb der Armutsgrenze leben, steigt die Gefahr, dass Kinder eine Bildung mitbekommen, die weit unter ihren Möglichkeiten liegt. 29 Prozent aller Kinder in Deutschland sind von mindestens einer dieser "Risikolagen" betroffen - fast die Hälfte aller Kinder von Alleinerziehenden und 42 Prozent der Kinder mit Migrationshintergrund. In der Folge besuchen nur 14 Prozent der Kinder von Eltern, die selbst höchstens einen Hauptschulabschluss haben, ein Gymnasium. Von der Begabung her wären jedoch mindestens doppelt so viele gymnasialtauglich. Allein durch diesen Umstand gehen aus einem aktuellen Schulanfängerjahrgang fast 40.000 zusätzliche Abiturienten verloren.

Die Weichen für diese Fehlentwicklung werden lange vor der Schulzeit gestellt. Denn in Deutschland besuchten 2010 nur 23 Prozent aller unter Dreijährigen Einrichtungen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung. Gerade dort aber könnten ungenutzte Begabungsreserven aktiviert werden. Zudem gibt es in deutschen Kindertagesstätten, etwa im Vergleich zu Frankreich, zu wenig akademisch gebildetes Personal, das pädagogische Konzepte, insbesondere zur Sprachförderung, umsetzen könnte.

Wenige Chancen für Schul- und Ausbildungsabbrecher
Verpasste Chancen in jungen Jahren setzen sich häufig ein Leben lang fort. Im Jahr 2010 schafften insgesamt 6,5 Prozent aller Jugendlichen, davon fast zwei Drittel Jungen, keinen Hauptschulabschluss. Die Quote liegt in den Ost-Bundesländern deutlich höher als im Westen. Zudem verlassen Jugendliche mit Migrationshintergrund häufiger die Schule ohne Abschluss als ihre einheimischen Altersgenossen. Von den Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss wiederum landen drei Viertel im Übergangssystem, von jenen mit Hauptschulabschluss fast die Hälfte. Das Übergangssystem soll die Ausbildungsreife fördern und die Einstiegsqualifikation verbessern, denn vielen Bewerbern fehlen Grundkompetenzen wie Kopfrechnen oder Rechtschreibung. Trotz jährlicher Kosten von 4,3 Milliarden Euro (2010) bleiben 31 Prozent der Jugendlichen auch nach 30 Monaten im "Beruflichen Übergangssystem" hängen, ohne einen Ausbildungsplatz zu erlangen. Unternehmen und Handwerkskammern sollten deshalb mehr in die Nachqualifikation der Jugendlichen und die Vorbereitung auf eine betriebliche Praxis eingebunden werden.

Doch selbst ein Abitur ist keine Garantie für eine erfolgreiche Akademikerkarriere. Nur rund die Hälfte aller Abiturienten nimmt ein Studium auf, und 21 Prozent (2008) davon bringen ihr Erststudium nicht zu einem Abschluss. Die Studierenden scheitern vor allem in den viel gefragten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik). Würden sich die Abbruchquoten in den MINT-Fächern halbieren, fiele die Fachkräftelücke in diesem Bereich bis 2020 um zwei Drittel kleiner aus. Insgesamt haben in Deutschland 28 Prozent der 30- bis 35-Jährigen einen Fachhochschul- oder Hochschulabschluss, drei Prozentpunkte weniger als im EU-Mittel.

Vernachlässigung der beruflichen Weiterbildung
Damit das künftig höhere Renteneintrittsalter auch in eine längere Beschäftigung umgesetzt werden kann, muss die Qualifikation der Erwerbstätigen mit den wachsenden Ansprüchen der Wissensgesellschaft mithalten. Einer Umfrage zufolge geben über 20 Prozent der Beschäftigten an, Tätigkeiten zu verrichten, für die ihre Ausbildung nicht ausreicht. Das liegt unter anderem daran, dass heutiges Wissen immer schneller altert, und immer neue Berufszweige entstehen, während andere an Bedeutung verlieren.

Generell ist Fortbildung während der Arbeit sinnvoller als eine Umschulung nach Jobverlust. Dafür jedoch sind neue Modelle zur Vereinbarkeit von Fortbildung und Beruf notwendig, die von Unternehmen und Mitarbeitern gemeinsam erarbeitet werden müssen. Universitäten, die bisher primär für die Qualifikation des Nachwuchses zuständig sind, sollten beim lebenslangen Lernen eine entscheidende Rolle übernehmen. Unternehmen müssen angesichts des Fachkräftemangels dafür sorgen, dass Mitarbeiter aller Qualifikationsstufen ein besseres Ausbildungsniveau erlangen. Durch diesen "Fahrstuhleffekt" entstehen freie Stellen im gering qualifizierten Bereich, die sich am einfachsten neu besetzen lassen.

Ohne eine bessere Bildung der heute zu gering Qualifizierten und ohne eine Weiterbildung, die eine längere Erwerbsphase überhaupt erst ermöglicht, hat Deutschland im Wettbewerb mit den jungen, bildungshungrigen und aufstrebenden Nationen der Welt wenige Chancen. Gerade deshalb sollte der gesamten Gesellschaft, von den Kindern über deren Eltern, bis hin zu den Berufstätigen mehr als bisher klar gemacht werden, welchen Einfluss unzureichende Bildung auf die gesamte Erwerbskarriere hat.

Das Diskussionspapier erreichen Sie ab Mittwoch, 11. Juli 2012, 11.00 Uhr online über www.berlin-institut.org

Interviewanfragen:

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung:

Dr. Reiner Klingholz: (030) 31 017-560, klingholz@berlin-institut.org

Ruth Müller: (030) 31017-450, ruth.mueller@berlin-institut.org

Kontakt bei der INSM:

Florian von Hennet: (030) 27 877-174, hennet@insm.de

 

In Rio nichts Neues
Zum Weltbevölkerungstag 2012 bleiben die Frauenrechte weiter eingeschränkt

Den offiziellen Statistiken der Vereinten Nationen zufolge überschritt die Weltbevölkerung am 11. Juli 1987 erstmals die Fünf-Milliarden-Marke. Kurze Zeit später rief das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) den 11. Juli als Weltbevölkerungstag aus, um damit auf die Folgen und Probleme der globalen Bevölkerungsentwicklung aufmerksam zu machen.

Heute, 25 Jahre später, leben über sieben Milliarden Menschen auf der Erde. Und die Weltbevölkerung wächst weiter stark - um 78 Millionen Köpfe im Jahr. Dies verschärft Probleme wie mangelnde Ernährungssicherheit, Ressourcenarmut sowie unzureichende Bildungs- und Gesundheitsversorgung.

Der diesjährige Weltbevölkerungstag steht im Zeichen des weltweiten Zugangs zu reproduktiver Gesundheitsversorgung, also zu bezahlbaren und sicheren Verhütungsmethoden, zu einer modernen gynäkologischen Versorgung und einem ausreichenden Angebot an Sexual- und Gesundheitsberatung.

Gerade die am wenigsten entwickelten Länder verzeichnen weiterhin die höchsten Geburtenraten. Dabei ist eine hohe Kinderzahl pro Frau keinesfalls immer dem Wunsch nach einer großen Familie geschuldet. Schätzungsweise 222 Millionen Frauen in den weniger entwickelten Ländern würden Schwangerschaften vermeiden oder anders planen, wenn sie Zugang zu modernen Verhütungsmitteln hätten. Wäre dieser sogenannte ungedeckte Bedarf gedeckt, gäbe es 53 Millionen unbeabsichtigte Schwangerschaften weniger und über 100.000 weniger Todesfälle von Müttern bei der Geburt.

Wo Familiengröße planbar ist

Während in den Industrieländern gut zwei Drittel der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren mit modernen Methoden verhüten, ist es in Indien nur knapp die Hälfte. In Afrika ist Verhütung am wenigsten verbreitet. Hier liegt der Anteil bei unter einem Drittel. Allerdings gibt es große Unterschiede zwischen Nordafrika und dem Afrika südlich der Sahara. Denn im Norden des Kontinents führte der weiter verbreitete Gebrauch von modernen Verhütungsmitteln zu relativ niedrigen Geburtenzahlen. Südlich der Sahara liegt die durchschnittliche Zahl der Kinder pro Frau noch sehr hoch bei 4,8.

Um den Kreislauf aus Bevölkerungswachstum und Armut zu durchbrechen, brauchen die Entwicklungsländer eine Chance auf wirtschaftlichen Fortschritt. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass sozioökonomische Entwicklung stets mit sinkenden Geburtenraten einhergeht. Weil sich Frauen in Entwicklungsländern im Durchschnitt weniger Kinder wünschen als Männer, führt der Weg zu sinkenden Kinderzahlen vor allem über die gesellschaftliche Stärkung von Frauen. Reproduktive Gesundheit und Rechte sind fester Bestandteil von nachhaltiger Entwicklung und unerlässlich für die Armutsbekämpfung, erklärt der UN-Generalsekretär Ban Ki Moon in seiner Botschaft zum Weltbevölkerungstag.

Der kürzlich zu Ende gegangene Nachhaltigkeitsgipfel "Rio+20" bot die Gelegenheit, Frauen mit dem entsprechenden Recht auf eine aktive Rolle in der Familienplanung auszustatten. In Rio sollte der internationale Dialog zu Armutsbekämpfung, Umweltschutz und nachhaltigem Wirtschaften erneuert werden. Im Vorfeld der Konferenz schien unter den Teilnehmern der Konsens zu bestehen, dass die großen globalen Ziele nicht ohne eine Stärkung der Frau erreicht werden können. Doch gerade die Verbindung von Frauenrechten und nachhaltiger Entwicklung wurde bei der Abschlusserklärung zur Kontroverse.

Im Text der Erklärung wurde eine bereits formulierte Forderung nach weltweiter Gewährung reproduktiver Rechte wieder gestrichen. Mit dieser Initiative sollte die soziale Stellung von Frauen verbessert werden, damit sie frei entscheiden können, mit wem, wie viele und in welchen Abständen sie Kinder bekommen. Es ging außerdem um das Recht für Schwangere, bei der Gefahr von
Gesundheitsschäden und Komplikationen legal abtreiben zu dürfen.

Gestrichen wurde diese Passage in der Rio-Abschlusserklärung auf Drängen des Vatikans. Die katholische Kirche ist als einzige Religionsgemeinschaft bei den Vereinten Nationen vertreten und führte eine Allianz aus Regierungen einzelner Entwicklungsländer an, die sich mit dem Vorhaben durchsetzte, bedeutende Abschnitte zur Gleichberechtigung aus dem Text zu entfernen.

Damit hat in der Bevölkerungspolitik wieder einmal eine Allianz die Oberhand gewonnen, die bereits seit der 2. Weltbevölkerungskonferenz 1984 in Mexiko-Stadt bekannt ist. Die Studie des Berlin-Instituts aus dem Jahr 2004 "Das Ende der Aufklärung" ist damit nach wie vor hochaktuell. Sie gibt einen Überblick über Befürworter und Gegner von Familienplanung und Sexualaufklärung und beschreibt die internationalen Winkelzüge, Frauenrechte und die sexuelle Selbstbestimmung einzuschränken.

Einen tiefergehenden Einblick in das Themenfeld Bevölkerung, Entwicklung und Klima bieten auch weitere Studien des Berlin-Instituts: "Afrikas demografische Herausforderung" und "Das Trilemma des Wachstums".


Links/Literatur

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2012): Das Trilemma des Wachstums. Bevölkerungswachstum, Energieverbrauch und Klimawandel - drei Probleme keine Lösung? Diskussionspapier Nr.8. Berlin.

Population Reference Bureau (PRB) (2012): Contraceptive Use Among Married Women Ages 15-49.

United Nations Department of Public Information (2012): Secretary-General in message for World Population Day.

United Nations Fund for Population Activities (UNFPA) (2012): World Population Day 2012. Striking Facts.

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2011): Afrikas demografische Herausforderung. Wie eine junge Bevölkerung Entwicklung ermöglichen kann. Berlin.

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2004): Das Ende der Aufklärung. Der internationale Widerstand gegen das Recht auf Familienplanung. Berlin.


Ausgabe 139, 11.07.2012

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