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Ausgabe 25, 13. September 2006

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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Die Weltbevölkerung wächst und altert
Unter den ökonomischen Folgen der Alterung leiden am meisten die wenig entwickelten Länder

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Junge Gehirne lernen leichter
Investition in frühe Bildung macht sich in vielen Bereichen der Gesellschaft bezahlt

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Die Weltbevölkerung wächst und altert
Unter den ökonomischen Folgen der Alterung leiden am meisten die wenig entwickelten Länder

Nie in der Geschichte ist die Weltbevölkerung so schnell gewachsen wie im vergangenen Jahrhundert. Von 1900 bis heute hat sie sich von rund 1,6 Milliarden auf 6,5 Milliarden Menschen vervierfacht. Derzeit wächst sie jedes Jahr um etwa 76 Millionen Menschen. Nach der mittleren Prognose der Vereinten Nationen werden wir im Jahr 2050 etwa 9,1 Milliarden Menschen auf der Erde zählen.

Dieser Zuwachs beruht nicht nur auf der Kinderzahl je Frau, die im weltweiten Mittel mit einem Wert von 2,6 über der Ziffer von 2,1 liegt, die langfristig Stabilität versprechen würde. Sondern auch darauf, dass die Menschen immer älter werden. Dieser Trend gilt insbesondere für die gut entwickelten Industrienationen. Nach Angaben von Sarah Harper, Direktorin des Oxford Institute of Aging, steigt die Lebenserwartung für Neugeborene in Europa pro Jahr um drei Monate beziehungsweise alle vier Jahre um ein Lebensjahr.

Laut Angaben des statistischen Bundesamtes lag die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland für Männer im Jahr 1900 bei 46,4 und für Frauen bei 52,5 Jahren. Nach den aktuellen Daten hat das Bundesamt eine durchschnittliche Lebenserwartung für einen heute geborenen Jungen von 81,7 und für ein Mädchen von 87,8 Jahren berechnet. Somit hat sich die Lebenserwartung in diesem Zeitraum in etwa verdoppelt.

Die Deutschen werden immer älter. Im Schnitt gewinnen sie alle drei bis vier Jahre ein Jahr an Lebenserwartung hinzu. Und es sieht so aus, als ginge diese Entwicklung vorerst weiter. Frauen haben dabei deutlich mehr vom Leben. Nach einer Modellrechnung des Statistischen Bundesamtes kann ein im Jahr 2004 geborener Junge damit rechnen 82 Jahre alt zu werden, während ein im selben Jahr geborenes Mädchen auf durchschnittlich sechs Jahre mehr zählen kann.


Dabei hat sich vor allem der Unterschied in der Lebenserwartung zwischen Männern und Frauen deutlich vergrößert hat. Während Anfang des 20. Jahrhundert Frauen etwa drei Jahre länger lebten als Männer, sind es heute sechs. Im europäischen Vergleich liegt die Lebenserwartung für einen neugeborenen Jungen in Deutschland um 0,2 Jahre sowie für ein Mädchen um 0,3 Jahre höher als im europäischen Durchschnitt. Spitzenreiter im internationalen Vergleich ist derzeit Japan mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 78,4 Jahren für einen neugeborenen Jungen beziehungsweise von 85,3 Jahren für ein Mädchen.

Die Gründe für das immer längere Leben liegen im medizinischen Fortschritt, der unter anderem die einst hohe Säuglings- und Müttersterblichkeit deutlich reduziert hat, in verbesserter Hygiene und besserer Ernährung sowie einem Rückgang körperlich belastender Berufe. Weniger Kinder und ein längeres Leben bedeuten generell eine Alterung der Gesellschaft. Vor allem die Industrienationen stehen jetzt vor einer starken Alterung der Bevölkerung. Dabei gilt Japan, mit einem Anteil der über 65-Jährigen von rund 20 Prozent, heute als „ältestes“ Land der Welt. Bis 2025 werden etwa 30 Prozent aller Japaner so alt sein.

Überraschend ist, dass dieser Trend zunehmend auch in den Entwicklungsländern einsetzt. Zwar werden in den 50 ärmsten Entwicklungsländern der Welt derzeit noch durchschnittlich fünf Kinder je Frau geboren werden. Aber den Prognosen des United Nations Population Fund (UNFPA) zufolge werden es bis 2050 nur noch etwa 2,6 Kinder je Frau sein. Da sich mit dem Rückgang der Fertilität in Entwicklungsländern im Allgemeinen ein Anstieg des Wohlstandes zu beobachten, ist damit zu rechnen, dass sich die durchschnittliche Lebenserwartung in den Entwicklungsländern von heute etwa 51 Jahren bis 2050 auf 66,5 Jahre erhöht.

Und weil dieser Prozess in den Schwellen- und Entwicklungsländern heute schneller abläuft als einst in den Industrienationen, werden erstere die Folgen der Alterung stärken zu spüren bekommen. Während es etwa in Frankreich 115 Jahren gedauert hat, bis der Anteil der über 60-Jährigen von sieben auf 14 Prozent angestiegen ist, wird Thailand für die gleiche Entwicklung (die vermutlich 2031 abgeschlossen sein wird) nur 20 Jahre brauchen.

In Ländern, in denen sich Industrialisierung und der Rückgang der Kinderzahl früh eingestellt haben, hat der Prozess der Alterung entsprechend früh begonnen. Schwellen- und Entwicklungsländer erleben ihn später, dafür aber zeitlich komprimiert.

Im Jahr 2005 waren weltweit 672 Millionen Menschen über 60 Jahre alt, zwei Drittel davon in Entwicklungsländern. Bis 2050 wird es etwa zwei Milliarden älterer Menschen geben, wovon dann rund 80 Prozent in den heutigen Entwicklungsländern leben werden. Aber gerade dort treffen sie auf relativ schlecht ausgebaute Gesundheits- und Sozialsysteme. Viele der Älteren haben nie Lesen und Schreiben gelernt und haben kaum eine Chance einen lukrativen Job zu bekommen, über den eine private Altervorsorge zu finanzieren wäre. Die meisten Entwicklungsländer beginnen erst jetzt ein Sozial- und Rentensystem aufzubauen. Während in den OECD-Ländern 84 Prozent der über 60-Jährigen eine Rente beziehen, sind es in Lateinamerika unter 20, in Südostasien weniger als zehn und im subsaharischen Afrika keine fünf Prozent. Diese wenigen haben meist in ihrem Berufsleben gut verdient und leben überwiegend in Städten. Älteren Menschen in ländlichen Regionen, die in der Landwirtschaft meist nur unregelmäßige Einkommen erzielen, droht das Altwerden ohne ausreichende Versorgung.

Hinzu kommt, dass traditionelle, familiäre Netzwerke, in denen Ältere früher Fürsorge erwarten konnten, zunehmend auseinander brechen. Zum einen weil weniger Kinder geboren werden. Und zum anderen weil Kinder und Enkelkinder auf dem Lande immer seltener Arbeit finden und deshalb in die großen Städte ziehen. Besonderes betroffen sind Witwen, die aufgrund der höheren Lebenserwartung von Frauen am Ende ihres Daseins häufig alleine dastehen.

 

   
     
 

Junge Gehirne lernen leichter
Investition in frühe Bildung macht sich in vielen Bereichen der Gesellschaft bezahlt

Internationale Vergleichsstudien zeigen fünf Jahre nach Pisa, dass sich an der erschreckenden Bilanz wenig geändert hat: Fast jeder vierte 15-Jährige kann einen einfachen Text kaum verstehen und nur auf Grundschulniveau rechnen. Ein ebenso großer Teil eines Jahrgangs gilt als nicht ausbildungsfähig. Mit 2,5 Prozent der Bevölkerung hat Deutschland den niedrigsten Studierendenanteil unter den OECD-Ländern und den höchsten Anteil an Studienabbrechern. Auch berufliche Weiterbildung wird in Deutschland von weit weniger Menschen genutzt als in Vergleichsstaaten.

Unter den Studenten bilden Frauen mittlerweile die Mehrheit und sie erreichen auch durchweg bessere Schul- und Hochschulabschlüsse. Doch da Familie und Beruf in Deutschland schwer zu vereinbaren sind, stehen viele Akademikerinnen entweder nicht dem Arbeitsmarkt zur Verfügung - oder sie entscheiden sich zugunsten einer Karriere gegen Kinder.

Angesichts der demografischen Entwicklung ist das eine fatale Verschwendung vorhandener Potenziale. Denn wenn die geburtenstarken, in den 1960ern geborenen Akademiker-Jahrgänge von 2015 an in Rente gehen, wird es zu einem bedrohlichen Mangel an Fachkräften kommen. Der Innovationsstandort Deutschland wäre in Gefahr, zumal nachwuchsstarke Schwellenländer wie Indien, China oder Indonesien im internationalen Wettbewerb rapide aufholen.

Trotzdem wird in der Bundesrepublik mit knapp fünf Prozent des Bruttoinlandsproduktes weniger in die Bildung investiert als in anderen Industrienationen wie den USA oder Großbritannien. Besonders wenig Geld fließt in den Primarbereich - also in Kindergarten, Grund- und Sonderschule. Dabei sind mangelnde frühe Bildung und Betreuung die Dreh- und Angelpunkte, an denen viele gesellschaftliche Probleme entstehen, wie das Berlin-Institut in der vom Bundeskanzleramt und vom Ministerium für Bildung und Forschung in Auftrag gegebenen Studie "Unterm Strich - Erbschaften und Erblasten für das Deutschland von morgen" analysiert.

So sind bei einem unzureichenden Betreuungsangebot Familie und Beruf schwer zu vereinbaren und längst nicht alle Mütter setzen ihre berufliche Qualifikation zum Wohle der Gesellschaft ein. Und weil sich so wenige junge Menschen für eine Familie entscheiden, überaltert die Gesellschaft noch stärker als ohnehin schon, was die bestehenden demografischen Probleme weiter verschärft.

Außerdem führt eine unzureichende Vorschulbildung zu einer frühen Selektion der Kinder nach kulturellem und sozialem Hintergrund. Schon die Pisa-Studie hat gezeigt: In keinem anderen OECD-Staat hat die Schichtzugehörigkeit einen so entscheidenden Einfluss auf die Bildungschancen wie in Deutschland. Bildungsferne Schichten, ob mit oder ohne Migrationshintergrund, haben immer weniger Chancen, den Anschluss an die Wissensgesellschaft zu halten. Dabei wächst diese Bevölkerungsgruppe mehr als alle anderen und könnte - heutige Bedingungen hochgerechnet - im Jahr 2050 mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmachen.

Das heutige Bildungssystem investiert wenig in die jüngsten Bürger. Dadurch werden die Weichen für den späteren Lebensweg häufig falsch gestellt. Sozial Schwache haben in Deutschland geringe Chancen, ihr geistiges Potenzial zu verwirklichen.

Eine Veränderung an der zentralen Stellschraube Vor- und Grundschulbildung könnte diese Entwicklung umkehren: Eine bessere frühkindliche Bildung würde nicht nur mehr Chancengleichheit bedeuten, sondern auch für mehr Produktivität in der Gesellschaft sorgen. Während heute viele jungen Menschen bei der Ausbildung und im Beruf unter ihren Fähigkeiten bleiben, könnten sie sich - richtig gefördert - besser entfalten. Bei einem guten Betreuungsangebot könnten mehr gut ausgebildete Mütter arbeiten, sie würden mehr Dienstleistungen beanspruchen und so die Arbeitslosigkeit verringern. Vermutlich würden sich unter diesen Bedingungen mehr Menschen auf das Abenteuer Familie einlassen und die demografischen Probleme ließen sich dämpfen.

Eine hochwertige Betreuung von Vor- und Grundschülern würde nicht nur für mehr Chancengleichheit sorgen. Sie könnte sich auch positiv auf die Familienfreundlichkeit und die Integration von Migranten auswirken - würde also letztlich die Wirtschaftskraft des Landes erhöhen.

Das Berlin-Institut folgert aus den Analysen, dass eine für alle verfügbare, frühkindliche Bildung und Schulausbildung im Ganztagsangebot eine zentrale Weichenstellung für eine zukunftsfähige Gesellschaft darstellt.

Wie aber könnte eine bessere Bildung im Vor- und Grundschulalter aussehen? Nicht nur das System, auch unser Verständnis von Bildung und Wissen muss sich ändern, schreibt das Berlin-Institut. Weniger das in der Schule gemeinhin vermittelte Faktenwissen hilft im Leben weiter, sondern Neugierde und die Fähigkeit zum Wissenserwerb, also das Wissen darüber, wie man zu Wissen kommt. Auch Lebens- und Umgangsformen sollten in der Schule vermittelt werden: Denn in der Berufswelt von morgen zählen mehr denn je "weiche Faktoren" wie Kommunikationsfähigkeit, Zuverlässigkeit, Begeisterungsfähigkeit und Selbständigkeit - Fähigkeiten, die jedes Kind in sich trägt, die aber individuell gefördert werden müssen.

Wie ein nachhaltiges und umfassendes Bildungsprogramm für die Vor- und Grundschulzeit aussehen kann, zeigt der Bildungs- und Erziehungsplan "Bildung von Anfang an" des Hessischen Kultus- und Sozialministeriums, der seit Herbst 2005 an 128 Standorten in Hessen erprobt wird. Der Pädagoge und Psychologe Wassilios Fthenakis, Leiter des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München, und seine Mitarbeiter haben einen Orientierungsrahmen ausgearbeitet, der darauf abzielt, jedem Kind von Geburt an möglichst optimale Bildungschancen zu bieten. Dabei wird berücksichtigt, dass Kinder im Alter von vier bis acht Jahren am meisten und am schnellsten Informationen aus ihrer Umwelt aufgreifen. In dieser Zeit erwerben sie Basiskompetenzen, die den Grundstein für lebenslanges Lernen bilden. Das betrifft Mehrsprachigkeit genauso wie mathematisches Denken, Raumorientierung, Musikalität oder Sinn für Ästhetik. Auch soziale und lernmethodische Kompetenzen erwerben Kinder in dieser Kernzeit. Werden sie in ihrer natürlichen Neugierde, Kreativität und Emotionalität bestärkt und gefördert, wirkt sich das nicht nur auf ihre Intelligenz, sondern auch auf die Widerstandsfähigkeit gegenüber belastenden Situationen aus.

Das wichtigste soziale Auffangnetz des Kindes bildet aber immer noch die Familie. Deshalb sieht der hessische Plan eine enge Zusammenarbeit der Eltern, Lehrer und Erzieher sowie verstärkte Hilfsangebote wie ein "Eltern-Coaching" vor. Eltern stehen heute Herausforderungen gegenüber, die früher weitgehend unbekannt waren: Es gilt, Familie und Beruf zu vereinbaren, partnerschaftlich zusammenzuarbeiten, flexibel und mobil zu sein. Arbeitslosigkeit, Migrationshintergrund oder ein geringes Einkommen können die Situation erschweren. Gerade in schwierigen Situationen aber sollten Eltern unterstützt werden, damit sie ihren Kindern trotz allem ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit geben können. Vorbild für diese Art der Familienbetreuung sind die "Early Excellence Centres" in England, in denen auch Eltern-Kurse angeboten werden.

Die unterschiedlichen Voraussetzungen, die Kinder mit in den Kindergarten und in die Schule bringen, sollten, so Fthenakis, nicht als Problem, sondern als Chance zum sozialen Lernen aufgefasst werden. So sollen die Kinderlerngruppen möglichst gemischt sein, was Alter, sozioökonomische und kulturelle Herkunft betrifft. Wie schon in einzelnen Einrichtungen erprobt, schlägt Fthenakis zum Beispiel vor, dass Hort-Kinder vom Säuglingsalter bis zu zwölf Jahren zusammen betreut werden. Bei entsprechend individueller, sensibler und stabiler Betreuung in einer offenen Lernsituation haben alle Kinder etwas davon: Die jüngeren lernen von älteren oft schneller als von Erwachsenen, und die größeren lernen, verantwortungsvoll mit Schwächeren umzugehen. Ob älter oder jünger, hochbegabt oder lernbehindert, jedes Kind soll sich in seinem eigenen Tempo entwickeln können und immer wieder vielfältige Anreize dazu erhalten. Die Aufgabe der Erwachsenen ist es, diesen Lernprozess zu moderieren.

In kulturell gemischten Gruppen können Kinder die Zugehörigkeit zur eigenen Kultur entdecken und reflektieren. Sie lernen, mit dem Gefühl der Fremdheit umzugehen, das in ähnlicher Form in der Auseinandersetzung mit dem anderen Geschlecht auftaucht und haben Anreize zur Mehrsprachigkeit. Auch die Mischung von Kindern unterschiedlicher sozioökonomischer Herkunft bietet Möglichkeiten, voneinander zu lernen, Zusammenhänge zwischen Geld und Konsum zu begreifen und eine wertschätzende Haltung zu üben.

Quellen:

"Unterm Strich - Erbschaften und Erblasten für das Deutschland von morgen"

Hessisches Sozialministerium, Hessisches Kultusministerium (2005): "Bildung von Anfang an Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder von 0 bis 10 Jahren in Hessen"

 

   
 

 

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