Inflation des Männergedenkens
Am 3. November war Weltmännertag – am 19. November folgt der „Internationale Männertag“. Obwohl beide Jahrestage kaum bekannt sind, ist ihr Anliegen doch achtbar.
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Geschlechterunterschiede bei Bildungsabschlüssen 1995 bis 2010
Im Westen verbessern sich die Mädchen, im Osten holen Jungen auf
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Umgekehrte Vorzeichen
Mädchen bekamen schon immer bessere Schulnoten als Jungen - heute setzen sie ihre Leistung auch in höhere Schulabschlüsse um
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In eigener Sache
Berlin-Institut startet Forschungsprojekt zu Bildungsungleichheit zwischen Mädchen und Jungen
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Inflation des Männergedenkens
Am 3. November war Weltmännertag – am 19. November folgt der „Internationale Männertag“. Obwohl beide Jahrestage kaum bekannt sind, ist ihr Anliegen doch achtbar.

Seit dem Jahr 2000 existiert er bereits, der „Internationale Männertag“, dennoch ist er bis heute kaum bekannt. Kein Wunder, ins Leben gerufen wurde er in Trinidad und Tobago und große Feierlichkeiten, Galas oder Fernsehdiskussionen aus seinem Anlass sind nicht bekannt. Dabei sind die Anliegen dieses „Welt-Tages“, der sich nicht als Konkurrenzveranstaltung zum Internationalen Frauentag versteht, durchaus respektabel: Er will positive und moderne männliche Rollenbilder würdigen, sich für die Gesundheit von Männern und deren physisches und emotionales Wohlbefinden einsetzen sowie zu einer Welt der Gleichberechtigung beitragen, in der Männer ihr volles Potenzial entfalten können.

Auch der „Weltmännertag“, im Jahr 2001 von der Gorbatschow-Stiftung ins Leben gerufen, fristet ein mediales Schattendasein. Der Tag sollte dazu beitragen, für einen gesünderen Lebensstil und ein besseres Gesundheitsverhalten von Männern zu werben. Vor allem aus russischer Sicht war das ein berechtigtes Anliegen: Zur Jahrtausendwende lag die durchschnittliche Lebenserwartung von Männern in Russland fast 15 Jahre unter der von Frauen.

In einer Gesellschaft, die von ihren KritikerInnen lange Zeit ausschließlich als patriarchalisch interpretiert wurde und in der Frauen ihre Teilhabechancen und ihren Anteil an der Macht den Männern abtrotzen mussten, mag ein spezieller Männertag auf den ersten Blick abstrus erscheinen. Doch nach Jahrzehnten der Frauen-Emanzipation, die dem weiblichen Teil der Gesellschaft deutlich mehr Selbstständigkeit und Freiheit gebracht hat, sollte auch klar sein, dass traditionelle Geschlechterrollen die Männer in ihrer Selbstentfaltung nicht weniger eingeengt haben und noch heute einengen. Denn bei der Befreiung von alten Geschlechterstereotypen haben mittlerweile die Männer Nachholbedarf. Es ist deshalb ein sinnvolles gesellschaftliches Anliegen, aktiv für ein modernes männliches Rollenbild einzutreten und die Beseitigung von strukturellen Benachteiligungen einzufordern – etwa bei der Bildung und der Lebenserwartung.

Das Berlin-Institut veröffentlicht aus diesem Anlass einen Newsletter zu Bildungsunterschieden zwischen Mädchen und Jungen in Deutschland. Ein Thema, bei dem offensichtlich ist, dass männliche Jugendliche von der gesellschaftlichen Modernisierung der letzten Jahrzehnte nicht im gleichen Ausmaß profitieren konnten wie weibliche.

 

Geschlechterunterschiede bei Bildungsabschlüssen 1995 bis 2010
Im Westen verbessern sich die Mädchen, im Osten holen Jungen auf

Im Osten unterschieden sich die Bildungsabschlüsse zwischen Männern und Frauen in den 1990er Jahren extrem, 50 Prozent mehr Mädchen als Jungen erreichten dort eine Hochschulreife. Im Westen herrschten damals noch fast ausgewogene Verhältnisse. Seitdem haben sich Ost und West bei den Bildungsabschlüssen nach Geschlecht angenähert – allerdings auf einem Niveau, das deutlich vom Gleichstand abweicht. Gegenwärtig entfallen in Deutschland auf 100 männliche Schulabgänger mit Hochschulreife 124 weibliche. Auf 100 Männer ohne Hauptschulabschluss kommen hingegen nur 64 Frauen.

Im Jahr 1995 erlangten in Mecklenburg-Vorpommern je 100 männliche Schulabgänger mit Hochschulreife 162 Frauen das gleiche Bildungszertifikat. Auf 100 Männer, die das Schulsystem ohne Hauptschulabschluss verließen, entfielen hingegen lediglich 39 Frauen. Das nordostdeutsche Bundesland verzeichnete seinerzeit die größte Geschlechterungleichheit bei den Schulabschlüssen in Deutschland. Da zugleich der Anteil männlicher Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss in Mecklenburg-Vorpommern mit fast 15 Prozent bundesweit einer der höchsten war (Frauen: 5,9 Prozent), verwundert es kaum, dass in der Folgezeit weit mehr junge Frauen als Männer aus Mecklenburg-Vorpommern wegzogen. Denn Menschen sind umso mobiler, je besser sie ausgebildet sind.

Mit dem Erwerb eines Bildungszertifikats wachsen nicht nur die individuellen Kompetenzen, sondern auch die Erwartungen an berufliche Entwicklungsmöglichkeiten und an das Einkommen. Bildung hat auch einen Einfluss auf die Partnerwahl: So kommt es in Regionen, in denen Frauen doppelt so häufig Abitur machen wie Männer, diese aber zu zwei Drittel häufiger die Schule abbrechen, selten zu romantischen Beziehungen unter den Geschlechtern. Denn Frauen wählen in der Regel Partner mit gleichem oder höherem Bildungsstand, kaum jedoch einen mit geringerer Schulbildung. Familiengründungen werden durch das enorme Bildungsgefälle weit weniger wahrscheinlich als anderswo. Das Berlin-Institut hat in seiner im Jahr 2007 erstellten Studie „Not am Mann“ erstmals auf diesen Zusammenhang zwischen Bildungsgefälle und überproportionalen Wegzügen von Frauen hingewiesen.

Die übrigen ostdeutschen Bundesländer unterschieden sich in Bezug auf die Situation an den Schulen nur wenig von Mecklenburg-Vorpommern: Auf 100 männliche Abiturienten kamen 1995 in Brandenburg 143, in Sachsen-Anhalt 148, in Sachsen 154 und in Thüringen 159 Frauen mit Hochschulreife. Lediglich in Berlin war das Verhältnis mit 100 zu 121 etwas ausgewogener. In der Folge hatte der östliche Teil Deutschlands jahrelang mit einer überproportionalen Abwanderung von Frauen zu kämpfen. Bis heute verzeichnen ländliche Gebiete einen deutlichen Frauenmangel in den Altersgruppen zwischen 20 und 40 Jahren. Den Regionen gingen dadurch nicht nur potenzielle Familiengründerinnen verloren, sondern auch soziales Kapital.

Angleichung zwischen Ost und West, aber weiterhin deutliches Bildungsgefälle zwischen Frauen und Männern

Im Westen Deutschlands waren die Bildungsergebnisse von Frauen und Männern Mitte der 1990er Jahre bei den oberen Bildungsabschlüssen noch relativ ausgewogen: Auf 100 männliche Schulabgänger mit Hochschulreife entfielen 1995 zwischen 96 (Bremen) und 117 (Rheinland-Pfalz) weibliche. Schon damals verließen allerdings auch im Westen etwa ein Drittel mehr männliche als weibliche Schulabgänger die Schule ohne Hauptschulabschluss.

In den vergangenen 15 Jahren haben sich die Geschlechterverhältnisse beim Bildungserwerb zwischen den Bundesländern deutlich angenähert – allerdings auf einem Niveau, das alles andere als Gleichstand der Geschlechter bedeutet. Am wenigsten verändert hat sich beim Anteil von Schulabgängern ohne Hauptschulabschluss in den westdeutschen Bundesländern. Kamen dort 1995 auf 100 männliche Jugendliche ohne Abschluss 59 weibliche, so lag dieser Wert im Jahr 2010 bei 64. In Ostdeutschland (einschließlich Berlin) hingegen stieg der Wert von 100 zu 46 auf exakt den West-Wert an, nämlich auf 64 Frauen je 100 Männer ohne Abschluss. In Ost und West verlassen also im Mittel derzeit ein Drittel weniger Frauen als Männer die allgemeinbildenden Schulen ohne Abschluss. Die Extremwerte des Ostens haben sich also dem Westniveau angenähert.

Ähnlich verlief die Entwicklung bei den Schulabsolventen mit Hochschulreife. Hier lag das Verhältnis im Westen 1995 bei 109 Frauen je 100 Männer, im Osten (einschließlich Berlin) bei 148 zu 100. Im Jahr 2010 erreichten beide Teile der Republik den Wert von 124 zu 100. Die Geschlechterungleichheit beim Erlangen der Hochschulreife hat also in Westdeutschland zu-, in Ostdeutschland abgenommen. In ganz Deutschland schafft heute etwa ein Viertel mehr Frauen als Männer das Abitur oder eine Fachhochschulreife.

Jungen im Osten holen auf – die Mädchen bleiben dennoch besser
Verhältnis von männlichen und weiblichen Schulabsolventen mit Hochschulreife oder Fachhochschulreife nach Bundesländern 1995 bis 2010 (Anzahl männliche bezogen auf einen weiblichen Schulabgänger)

Verhältnis von männlichen zu weiblichen Schulabsolventen ohne Hauptschulabschluss, 1995 bis 2010 (Anzahl männliche bezogen auf einen weiblichen Schulabgänger)

Mitte der 1990er Jahre waren die Bildungsabschlüsse zwischen jungen Frauen und Männern in den ostdeutschen Bundesländern extrem unausgewogen. Im Osten verließen weniger als halb so viele Mädchen wie Jungen die Schulen ohne Abschluss, hingegen erreichten fast 50 Prozent mehr Mädchen als Jungen eine Hochschulreife. Im Verlauf der letzten 15 Jahre haben sich diese Extremwerte reduziert. Im Westen hat die Bildungsungleichzeit zwischen Frauen und Männern hingegen zugenommen. Gegenwärtig erreichen in Deutschland je 100 männliche Schulabgänger mit Hochschulreife 124 Frauen diesen höchsten Schulabschluss. Auf 100 männliche Schulentlassene ohne Abschluss entfallen dagegen nur 64 weibliche. (Datengrundlage: Statistische Ämter des Bundes und der Länder)

Die Ursachen dieser Konvergenz sind in Ost und West unterschiedlich. Im Westen wurde Mitte der 1990er Jahre der Zugang von Frauen zur Hochschulreife vermutlich durch noch vorherrschende traditionelle Rollenbilder gebremst. Trotz schon immer besserer Schulnoten von Mädchen herrschte dort „nur“ Gleichstand zwischen den Bildungsabschlüssen der Geschlechter. Im Osten hingegen motivierte die bereits häufig akademisch ausgebildete DDR-Frauengeneration ihre Töchter, angesichts eines schwierigen Arbeitsmarktes massiv in persönliche Bildung zu investieren. Unter der Vätergeneration Ost hingegen, die zu einem erheblichen Teil in wegbrechenden Männerbranchen wie Bergbau, Landwirtschaft, Bau oder Industrie gearbeitet hatte, könnte der sich ausbreitende Frust über die Entwertung klassischer Männerrollen dazu beigetragen haben, dass sie ihren Söhnen kaum eine neue Orientierung bei Bildungs- und Berufsentscheidungen bieten konnten. Die Bildungs- und Geschlechtersozialisation in der DDR führte so gemeinsam mit dem wirtschaftlichen Systemumbruch in den 1990er Jahren zu extremen Diskrepanzen bei der Bildungsbeteiligung von weiblichen und männlichen Jugendlichen.

Bis zum Jahr 2010 haben sich die Verhältnisse nun „normalisiert“. Die ostdeutschen Jungen haben nicht mehr ganz so viel Rückstand zu ihren Mitschülerinnen wie eineinhalb Jahrzehnte zuvor: Immer mehr Jungen dürfte mittlerweile klar geworden sein, dass die berufliche Zukunft nicht allein auf dem Bau oder in der Werkhalle zu finden ist. Im Westen hingegen stieg die Erwerbsbeteiligung von Frauen seit der Wiedervereinigung deutlich an, ein Zuverdienerdasein wie bei ihren Müttern erscheint der jüngeren Frauengeneration heute kaum mehr akzeptabel. Und so setzen sie wie im Osten ihre besseren Noten in höhere Bildungsabschlüsse um.

Das Niveau der Bildungsabschlüsse unterscheidet sich aber nicht nur zwischen den Geschlechtern. Auch auf der regionalen Ebene von Landkreisen und Städten gibt es weiterhin enorme Differenzen. Während in den ostdeutschen Städten Neubrandenburg, Potsdam, Jena und Frankfurt/Oder mehr als 60 Prozent aller weiblichen Schulabgänger die Hochschulreife erhalten (Männer zwischen 49 und 55 Prozent), machen in vielen Städten und Landkreisen Bayerns bis heute weniger als 20 Prozent der jungen Menschen Abitur. Dafür sind dort die Unterschiede zwischen Männern und Frauen weiterhin gering. Bis heute haben sowohl unterschiedliche Bildungstraditionen als auch Rollenbilder von Frauen und Männern einen Einfluss auf das Niveau regionaler Bildungsabschlüsse.

Das diesem Newsletter-Artikel zugrundeliegende Vorhaben wird mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gefördert (siehe "In eigener Sache"). Die Verantwortung für den Inhalt des Newsletter-Artikels liegt beim Berlin-Institut.

 

Umgekehrte Vorzeichen
Mädchen bekamen schon immer bessere Schulnoten als Jungen - heute setzen sie ihre Leistung auch in höhere Schulabschlüsse um

Seit Jahren versucht die Bildungs- und Sozialpolitik, Benachteiligungen bestimmter sozialer Gruppen in der Gesellschaft abzumildern. Das gelingt nicht immer, wie sich beispielsweise daran zeigt, dass Kinder aus „bildungsfernen“ Elternhäusern seit Jahrzehnten weitgehend unverändert wesentlich geringere Chancen auf einen hohen Schulabschluss haben als Kinder von Akademikern. Doch in einem anderen Bereich hat sich viel getan. Mehr noch: Beim Bildungserfolg von Jungen und Mädchen haben sich mittlerweile die Verhältnisse auf den Kopf gestellt. Heute sind nicht mehr die Mädchen die Benachteiligten im Bildungssystem, wie es praktisch im gesamten 20. Jahrhundert der Fall war, sondern die Jungen.

Als Ende der 1960er Jahre in Westdeutschland das ungenutzte Potenzial von Mädchen erstmals öffentlich diskutiert wurde, waren die Mädchen in der DDR – was ihren Anteil an den Schulabgängern mit Hochschulreife anging – bereits mit den Jungen gleichgezogen. Im Westen aber hatten zu diesem Zeitpunkt Mädchen zweifellos schlechtere Chancen auf einen hohen Schulabschluss: Ihr Anteil an den Abiturienten lag 1967 bei gerade einmal 37 Prozent. Ausgeglichen war das Geschlechterverhältnis in Westdeutschland erst ab den 1980er Jahren; seit Mitte der 1990er Jahre liegt der Frauenanteil bei Schulabgängern mit Abitur sogar deutlich über der Hälfte. In den letzten Jahren hat er sich in Ost und West bei gut 55 Prozent eingependelt. Von jenen, die die Schule ohne Abschluss verließen, waren im Jahr 2010 hingegen 61 Prozent männlich, von den Absolventen mit Hauptschulabschluss knapp 60 Prozent.

Mädchen wurden von Benachteiligten zu Gewinnern des Bildungssystems
Anteil der jungen Frauen an allen Abiturienten eines Jahrgangs in Ost- und Westdeutschland, 1964 bis 2010 (ab 1995 ohne Berlin)

Seit den 1960er Jahren war der Frauenanteil an den Schulabsolventen mit Hochschulreife in der DDR beziehungsweise in den ostdeutschen Bundesländern höher als in Westdeutschland beziehungsweise den westdeutschen Bundesländern. Erst in jüngster Vergangenheit haben sich Ost- und Westdeutschland in dieser Hinsicht angeglichen. (Datengrundlage: Geißler 2008 (bis 1990); Statistische Ämter des Bundes und der Länder (ab 1995))

Mädchen gelangen bei gleicher Leistung häufiger aufs Gymnasium als Jungen

Der größere Bildungserfolg der Mädchen beginnt nicht erst mit dem Schulabschluss, der am Ende der Schullaufbahn steht, sondern bereits mit der Einschulung. Mädchen gehen im Durchschnitt früher in die erste Klasse als Jungen. Von allen männlichen Schulanfängern im Jahr 2010 wurden neun Prozent verspätet eingeschult, von den weiblichen nur sechs Prozent. Ebenfalls knapp sechs Prozent der Mädchen kamen bereits vor dem regulären Schulalter in die Schule, aber nur 3,5 Prozent der Jungen. Das geschlechtsspezifische Muster ist seit den 1990er Jahren unverändert.

4,5 Prozent der männlichen, aber nur 2,3 Prozent der weiblichen Schulanfänger wurden 2010 direkt in eine Förderschule eingeschult, weil bei ihnen sonderpädagogischer Förderbedarf festgestellt wurde.

Auch bei der Übergangsempfehlung am Ende der Grundschule sind Mädchen gegenüber den Jungen im Vorteil. Bei gleicher Intelligenz und gleicher Lesekompetenz sind Lehrkräfte bei Mädchen häufiger als bei Jungen der Meinung, dass sie auf ein Gymnasium übergehen sollten – umgekehrt bedeutet dies, dass Jungen bessere Leseleistungen zeigen müssen, um eine Gymnasialempfehlung zu erhalten.

Folglich wechseln Mädchen nach der Grundschule häufiger auf das Gymnasium, während Jungen an der Hauptschule überrepräsentiert sind. Im Laufe der Sekundarschulzeit erhöht sich der Mädchenanteil am Gymnasium noch, denn Mädchen steigen häufiger als Jungen von niedrigeren Schulformen auf das Gymnasium auf, Jungen sind dagegen stärker unter den Absteigern auf Real- oder Hauptschulen vertreten.

Je niedriger die Schulform, desto höher der Jungenanteil
Anzahl der Schüler und Schülerinnen an allgemeinbildenden Schulen in Deutschland, 2010

In Grundschulen, Real- und Gesamtschulen sowie Schulen mit mehreren Bildungsgängen (wie beispielsweise die Mittelschulen in Sachsen) ist das Geschlechterverhältnis annähernd ausgeglichen. Dass mehr Jungen als Mädchen die Grundschule besuchen, liegt daran, dass Jungen etwas häufiger eine Klasse wiederholen müssen als Mädchen. An den Gymnasien sind Mädchen deutlich überrepräsentiert, an den Hauptschulen dagegen Jungen. Die Schulen mit dem höchsten Jungenanteil sind jedoch die Förderschulen, die von Kindern und Jugendlichen mit körperlichen, geistigen oder Lernbehinderungen oder mit Problemen in der emotionalen und sozialen Entwicklung besucht werden. Von ihren insgesamt 378.000 Schülern waren 2010 knapp zwei Drittel männlich. Rund 75 Prozent der Abgänger von Förderschulen verlassen die Schule ohne Abschluss. (Datengrundlage: Statistisches Bundesamt)

Jungen erhalten aufgrund ihres Verhaltens schlechtere Noten

Bildungserfolg kann neben dem Schulabschluss auch anhand der Kompetenzen gemessen werden, die Mädchen und Jungen in der Schule (oder auch außerhalb) erwerben. In den ersten Schuljahren unterscheiden sich Jungen und Mädchen dabei in Deutsch oder Mathematik kaum oder gar nicht. Ab dem Ende der Grundschulzeit zeigen sich Kompetenzunterschiede: In der vierten Klasse schneiden die Mädchen in Deutsch leicht besser ab als die Jungen; größer ist der Vorsprung der Jungen bei den Mathematikfähigkeiten. Dies zeigen die internationalen Schulleistungsuntersuchungen Iglu und Timss, an denen Deutschland seit Anfang der 2000er Jahre teilnimmt. In der Sekundarschule vergrößert sich der Leistungsunterschied beim Lesen zugunsten der Mädchen. In Pisa 2006 und 2009 lagen die Jungen im Alter von 15 Jahren um rund ein Schuljahr hinter den Mädchen zurück. Folglich finden sich auch mehr Jungen als Mädchen auf den untersten Kompetenzstufen– dies gilt als besonders besorgniserregend, weil die Fähigkeit, komplexe Texte zu verstehen, eine wichtige Voraussetzung für weitere Lernerfolge ist. Ihren Leistungsvorteil in Mathematik behalten die Jungen auch auf den weiterführenden Schulen bei, er ist aber geringer als der Vorsprung der Mädchen im Lesen.

Jungen erhalten auch bei gleichen Kompetenzen in allen Altersgruppen und Fächern im Schnitt schlechtere Schulnoten als Mädchen. Die Zensuren spiegeln also nicht nur die tatsächlichen Fähigkeiten wider, wie sie in standardisierten Leistungstests wie etwa den Schulleistungsstudien erhoben werden. Sie hängen auch von anderen Faktoren wie der Mitarbeit des Schülers oder der Schülerin im Unterricht ab. Beispielsweise zeigte Iglu 2006, dass Jungen und Mädchen mit der gleichen Testpunktzahl nicht unbedingt die gleiche Deutschnote erhielten: Um eine 3 oder 4 zu bekommen, mussten Jungen im Schnitt bessere Leistungen zeigen als Mädchen – bei den Noten 1 und 2 glichen sich hingegen die Leistungen. Möglicherweise können Mädchen mittelmäßige bis schlechte Kompetenzen besser ausgleichen als Jungen.

Lassen sich die besseren Schulabschlüsse der Mädchen also dadurch erklären, dass diese heute besser lesen können und bessere Noten erhalten als Jungen? Es liegt nahe, dass die Lesekompetenzen zum Schulerfolg der Mädchen beitragen; den Wandel von einem Rückstand zu einem Vorsprung der Mädchen beim Abitur können sie aber nicht erklären. Denn Leistungsstudien in den 1960er Jahren, als der Mädchenanteil an den Abiturienten noch deutlich unter 40 Prozent lag, ergaben (für Westdeutschland) ähnliche Befunde wie Jahrzehnte später Iglu, Timss und Pisa. In einer international vergleichenden Kompetenzuntersuchung im Jahr 1959 schnitten die 13-jährigen Mädchen im Leseverständnis besser ab als die Jungen, in Mathematik gab es keinen statistisch bedeutsamen Unterschied. In der Studie FIMS (First International Mathematics Study) im Jahr 1964 waren die Mathematikkompetenzen der 13-jährigen Jungen signifikant besser als jene der Mädchen. Schon vor 50 Jahren konnten Mädchen also besser lesen, Jungen hatten (tendenziell) bessere mathematische Fähigkeiten. Auch die besseren Noten der Mädchen sind kein neues Phänomen und können nicht erklären, warum sich ihr einstiger Bildungsnachteil in einen Vorsprung gewandelt hat: Schon in den 1960er Jahren bekamen sie bessere Noten als Jungen.

Gewandelt haben sich also nicht die Leistungen und Noten der Mädchen und Jungen, sondern vor allem die Bildungsentscheidungen, die Mädchen (und deren Eltern) treffen. Junge Frauen haben heute wesentlich höhere Bildungsaspirationen als vor einem halben Jahrhundert. Die Ursache dafür ist in gesellschaftlichen Veränderungen zu suchen: Mit der Abschwächung traditioneller Rollenklischees und der zunehmenden Gleichstellung der Frauen beispielsweise auf dem Arbeitsmarkt sind soziale Hürden verschwunden, die Mädchen früher daran hinderten, ihre Leistungen und Schulnoten in entsprechende Abschlüsse umzusetzen. Hohe Schulabschlüsse sind für junge Frauen heute „wertvoller“ als früher, weil sie sich auch auf dem Arbeitsmarkt gewinnbringend verwerten lassen.

Auch wenn es auf den ersten Blick nur gerecht scheinen mag, dass junge Frauen ihre guten Leistungen heute in entsprechende Bildungserfolge umsetzen können. Es kann nicht zufrieden stellen, dass ein anderer Teil der Gesellschaft – in diesem Fall der männliche – nun deutlich in den Bildungsergebnissen zurückbleibt. Es stellt sich die Frage, ob die Leistungsanforderungen und die Lernbedingungen in der Schule systematisch die Mädchen bevorzugen, weil sie – auch unabhängig von Kompetenzen – Verhaltensweisen belohnen, die Mädchen leichter fallen als Jungen. Die unterschiedlichen Verhaltens- und Lernstile von Jungen und Mädchen hängen zumindest zu einem Teil mit gesellschaftlichen Rollenbildern zusammen. Beispielsweise gelten Jungen als weniger leistungsbereit und fleißig. Dies könnte damit zusammenhängen, dass diese Eigenschaften nicht zum vorherrschenden Bild von Männlichkeit passen und Jungen daher leicht als „unmännlich“ gelten, wenn sie sich in der Schule anstrengen und sich angepasst verhalten. Wie eine „jungengerechte“ oder „geschlechtergerechte“ Schule aussehen sollte, wird in der Pädagogik seit langem diskutiert – der Abstand zwischen Mädchen und Jungen ist dennoch gewachsen. Im Interesse der Gleichstellung der Geschlechter muss hier in Zukunft mehr getan werden.

Literatur/Links

Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2012):
Bildung in Deutschland 2012. Bielefeld.

Blossfeld, H.-P., Bos, W., Hannover, B., Lenzen, D., Müller-Böling, D., Prenzel, M. & Wößmann, L. (2009): Geschlechterdifferenzen im Bildungssystem. Jahresgutachten 2009. Wiesbaden.

Budde, J. (2008): Bildungs(miss)erfolge von Jungen und Berufswahlverhalten bei Jungen/männlichen Jugendlichen (Bildungsforschung Band 23). Bonn/Berlin: BMBF.

Cortina, K.S., Baumert, J., Leschinsky, A., Mayer, K. U. & Trommer, L. (Hrsg.) (2003): Das Bildungswesen in der Bundesrepublik Deutschland. Strukturen und Entwicklungen im Überblick. Reinbek.

Geißler (2008): Die Metamorphose der Arbeitertochter zum Migrantensohn. Zum Wandel der Chancenstruktur im Bildungssystem nach Schicht, Geschlecht, Ethnie und deren Verknüpfungen. In: Berger, P. A. / Kahlert, H. (Hrsg.): Institutionalisierte Ungleichheiten. Wie das Bildungswesen Chancen blockiert. Weinheim/ München: Juventa. S. 71-100.

Helbig, M. (2012): Warum bekommen Jungen schlechtere Schulnoten als Mädchen? Ein sozialpsychologischer Erklärungsansatz. In: Zeitschrift für Bildungsforschung 2(1), S. 41-54.

Helbig, M. (2012): Sind Mädchen besser? Der Wandel geschlechtsspezifischen Bildungserfolgs in Deutschland. Frankfurt/M.

Klieme, E., Artelt, C., Hartig, J., Jude, N., Köller, O., Prenzel, M., Schneider, W. & Stanat, P. (Hrsg.) (2010): PISA 2009. Bilanz nach einem Jahrzehnt. Münster/ New York/ München/ Berlin.

Stürzer, M. (2005): Gender-Datenreport, Kap. 1.4: Schulische Bildung.

Das diesem Newsletter-Artikel zugrundeliegende Vorhaben wird mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gefördert (siehe "In eigener Sache"). Die Verantwortung für den Inhalt des Newsletter-Artikels liegt beim Berlin-Institut.

 

In eigener Sache
Berlin-Institut startet Forschungsprojekt zu Bildungsungleichheit zwischen Mädchen und Jungen

Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung bearbeitet derzeit in Kooperation mit dem Institut für Soziologie der Universität Tübingen das Forschungsprojekt „Geschlechterunterschiede in Bildungsverhalten und Bildungserfolg – Zur Relevanz von familiären und regionalen Bedingungen im innerdeutschen Vergleich“. Im Rahmen des auf eine Laufzeit von drei Jahren angelegten Projekts sollen nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse zu den Ursachen der Bildungsunterschiede zwischen Mädchen und Jungen erzielt werden, sondern es soll auch eine Broschüre für Praktiker und die Öffentlichkeit entstehen, welche die insgesamt vorliegenden Forschungsergebnisse bündelt und Handlungsempfehlungen ableitet.

Das Forschungsprojekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Programms „Empirische Bildungsforschung – Chancengerechtigkeit und Teilhabe – Sozialer Wandel und Strategien der Förderung“ finanziell gefördert. Dr. Steffen Kröhnert fungiert als Projektkoordinator und Projektleiter am Berlin-Institut. Prof. Dr. Steffen Hillmert ist Projektleiter am Institut für Soziologie der Universität Tübingen.

Ausgabe 144, 15.11.2012

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