Deutschland braucht Zuwanderung – Kanada kann als Vorbild dienen
Eine neue Studie des Berlin-Instituts untersucht, was Deutschland von der langjährigen Erfahrung Kanadas mit Zuwanderung und Integration lernen kann
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Kanada integriert besser
Zuwanderer sind in Kanada häufiger erwerbstätig als in Deutschland – auch ihre Kinder schneiden besser ab als die zweite Generation in Deutschland
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Deutschland braucht Zuwanderung – Kanada kann als Vorbild dienen
Eine neue Studie des Berlin-Instituts untersucht, was Deutschland von der langjährigen Erfahrung Kanadas mit Zuwanderung und Integration lernen kann

Die deutsche Bevölkerung schrumpft und altert – schuld daran sind die bereits seit Jahrzehnten niedrigen Geburtenraten. Sie führen dazu, dass in den kommenden drei Jahrzehnten eine beispiellose Verrentungswelle auf Deutschland zukommt. Der prognostizierte Rückgang der Bevölkerung um zwölf Millionen Menschen bis 2050 wird sich infolge dessen vor allem bei den Personen im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 64 Jahren bemerkbar machen. Die geringere Zahl an Arbeitskräften wiederum verkleinert das Produktionspotenzial Deutschlands und schwächt die Wettbewerbsfähigkeit.

Deutschlands Unternehmen müssten ihre Produktivität steigern, mehr Ältere und mehr Frauen müssten eine Arbeit aufnehmen und die gering Qualifizierten müssten ihren Ausbildungsstand verbessern, um die beschriebene Entwicklung abzufedern – aber gänzlich stoppen lässt sie sich nicht. Um den volkswirtschaftlichen Schaden des demografischen Wandels gering zu halten, sollte Deutschland daher Arbeitskräfte aus dem Ausland anzuwerben – vor allem Hochqualifizierte werden in Zukunft benötigt.

Um die Erwerbsbevölkerung über Zuwanderung aufzufrischen, kann sich Deutschland langfristig nicht einzig auf Arbeitskräfte aus anderen EU-Staaten verlassen. Deren Zuzugszahlen lagen zwar in den letzten beiden Jahren vergleichsweise hoch, doch wird die Zahl an jungen abwanderungswilligen Arbeitskräften auch in vielen anderen EU-Ländern aus demografischen Gründen sinken.

Aktivierung bisher ungenutzter Potenziale wird nicht reichen

Wie viele Menschen in den nächsten Jahrzehnten dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, hängt maßgeblich von der Entwicklung der Erwerbsquoten und von der Zuwanderung ab. Sollte die Erwerbsquote auf dem gegenwärtigen Niveau verharren und Deutschland keine Wanderungsgewinne verzeichnen, läge das Arbeitskräfteangebot im Jahr 2050 bei unter 27 Millionen Menschen. Steigende Erwerbsquoten (55- bis 64-Jährige 75 Prozent, Frauen ziehen in allen Altersgruppen mit Männern gleich) und eine durchschnittliche Netto-Zuwanderung von 200.000 Menschen pro Jahr könnten den Rückgang jedoch auf 34,6 Millionen Erwerbspersonen abschwächen.

Erfolgreiche Zuwanderungssteuerung in Kanada

Bislang fällt die gesteuerte Zuwanderung von Arbeitskräften in Deutschland gering aus. Die Regelungen sind restriktiv und äußerst kompliziert. Generell gilt, dass nur derjenige einreisen darf, der über ein Jobangebot eines deutschen Arbeitgebers verfügt. Andere Länder verfolgen deutlich liberalere Strategien – unter anderem Kanada, das allein durch Zuwanderung jedes Jahr knapp ein Prozent seiner Bevölkerung hinzugewinnt. Mit einer am Humankapital der Zuwanderer orientierten Politik versucht das Land, den volkswirtschaftlichen Nutzen der Migration zu maximieren. Dies gelingt deutlich besser als in Deutschland. Während hierzulande 83,2 Prozent der einheimischen Bevölkerung zwischen 25 und 54 Jahren im Jahr 2009 erwerbstägig war, aber nur 68,7 Prozent der Zuwanderer, lagen die Zahlen in Kanada mit 82,2 beziehungsweise 74,9 Prozent weniger weit auseinander. Gerade Zuwanderung aus Nicht-EU-Staaten ist in Deutschland bislang nicht auf den Arbeitsmarkt abgestimmt. So waren 2009 nur 51,9 Prozent der in den letzten fünf Jahren zugewanderten Personen aus sogenannten Drittstaaten erwerbstätig.

Zuwanderer in Kanada sind besser qualifiziert

Zuwanderer in Deutschland und Kanada verfügen häufiger über einen Hochschulabschluss als die einheimische Bevölkerung – vor allem jene, die erst in den letzten Jahren ins Land gekommen sind. In Kanada besaßen 2010 etwa 45 Prozent der Menschen, die seit 2006 eingereist waren, einen Universitätsabschluss. Weiter 20 Prozent konnte eine abgeschlossene postsekundäre, nicht-universitäre Ausbildung vorweisen. In Deutschland liegt der Anteil der Hochqualifizierten etwas niedriger, und viele Zuwanderer sind anders als in Kanada gering oder gar nicht qualifiziert. Zuwanderer aus Nicht-EU-Staaten schneiden schlechter ab als der Durchschnitt.

Zentrales Element der kanadischen Zuwanderungspolitik ist das Federal Skilled Worker Program, welches seit 1967 Zuwanderer auf Grundlage ihrer Fähigkeiten und Kenntnisse nach einem Punktesystem auswählt. Nach vielen Reformen sind heute Sprachfähigkeiten und der Bildungsstand die wichtigsten Auswahlfaktoren. Mit ihnen können potenzielle Zuwanderer etwa zwei Drittel der benötigten Punkte einfahren. Des Weiteren verteilt die kanadische Regierung Punkte für die Berufserfahrung, das Alter, ein bestehendes Jobangebot sowie andere Faktoren wie die Bildung des Partners oder vorige Aufenthalte in Kanada.

Für Deutschland hätte ein Punktesystem neben seiner Effektivität darin, Hochqualifizierte ins Land zu bringen, einen zusätzlichen Vermarktungsvorteil. Potenzielle Zuwanderer würden Deutschland stärker als bislang als mögliches Wanderungsziel wahrnehmen. Zudem dürfte es wegen seines transparenten Auswahlmechanismus und wegen seiner volkswirtschaftlichen Vorteile auch in der einheimischen Bevölkerung eine vergleichsweise hohe Akzeptanz genießen.

Die Erfahrung Kanadas zeigt auch, dass ein Punktesystem nur ein Teil einer umfassenden Zuwanderungsstrategie sein kann. Durchschnittlich und gering qualifizierte Personen, die etwa im Pflegebereich tätig sind, hätten mit ihm keine Chance auf eine Aufenthaltsgenehmigung. Um auch diesen dringend benötigten Arbeitskräften die Einreise nach Deutschland zu ermöglichen, bietet sich eine zusätzliche über die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes gesteuerte Zuwanderungsvariante an, welche Interessierten mit bestehendem Jobangebot und bestandenem Arbeitsmarkttest zunächst eine vorläufige Aufenthaltsgenehmigung ausstellt.

 

Kanada integriert besser
Zuwanderer sind in Kanada häufiger erwerbstätig als in Deutschland – auch ihre Kinder schneiden besser ab als die zweite Generation in Deutschland

Deutschland und Kanada gehören zu den Ländern mit den höchsten Anteilen an Zuwanderern weltweit. Doch während hierzulande ein großer Teil von ihnen nur über geringe Qualifikationen verfügt, sind Zuwanderer in Kanada deutlich höher qualifiziert als die einheimische Bevölkerung. Zwar tun sie sich auch in Kanada bei der Jobsuche schwerer als Einheimische, doch schneiden sie besser ab als Zuwanderer in Deutschland. Zudem erzielen ihre Kinder dort deutlich bessere Bildungsergebnisse als die zweite Generation hierzulande. Die neue Studie des Berlin-Instituts „Nach Punkten vorn. Was Deutschland von der Zuwanderungs- und Integrationspolitik Kanadas lernen kann“, macht deutlich, wie es zu diesen Unterschieden kommt.

Für die kanadische Erfolgsgeschichte gibt es vor allem zwei Gründe: Erstens rekrutiert die Zuwanderungspolitik über ein Punktesystem gut Ausgebildete oder aber Personen mit geringerer und mittlerer Qualifikation, wie Pflegekräfte oder Arbeiter in der Ölindustrie, die aktuell am Arbeitsmarkt nachgefragt sind. Und zweitens bietet das Land den Zugewanderten ein wohlüberlegtes Angebot an Integrationshilfen, von denen gerade auch die zweite Generation der Migranten profitiert.

Weil die qualifizierten Zuwanderer, die über das Punktesystem ins Land kommen, dort erst noch auf Jobsuche gehen müssen, hilft ihnen die kanadische Politik, sich schnell auf dem Arbeitsmarkt zurecht zu finden. Diese Unterstützung beginnt bereits im Heimatland der Zuwanderer, wo diese mit Informations- und Orientierungsprogrammen auf das Leben in Kanada vorbereitet werden. Das größte unter ihnen, das Canadian Immigrant Integration Program, bietet sowohl Gruppenkurse an – etwa zu Strategien bei der Jobsuche – als auch individuelle Beratungen, bei denen persönliche Integrationsfahrpläne entwickelt werden.

In Kanada angekommen, steht den Zuwanderern eine Vielzahl an Programmen zur Verfügung – etwa um berufsspezifisches Vokabular zu erlernen oder um über eine Nachqualifikation auf den notwendigen kanadischen Standard zu kommen. Derartige Bridging Programs beinhalten häufig Praktika, die auf den Berufsalltag vorbereiten und bestehende Kenntnislücken möglichst schnell schließen.

In Zahlen lesen sich die Erfolge der kanadischen Zuwanderungs- und Integrationspolitik so: Etwa 45 Prozent der in den letzten fünf Jahren zugewanderten Personen haben in Kanada einen Universitätsabschluss, in Deutschland sind es lediglich 32 Prozent. Und während in Kanada 74,9 Prozent aller Zuwanderer erwerbstätig sind, haben in Deutschland lediglich 68,7 Prozent einen Job – obwohl die Erwerbstätigkeit unter Einheimischen hierzulande sogar höher liegt als in Kanada.

Der Erfolg der zweiten Generation, die in Kanada deutlich häufiger den Bildungsaufstieg schafft als hierzulande, fußt auf verschiedenen Faktoren: So zeigen sich in vielen Zuwandererfamilien besonders hohe Erwartungen an die Ausbildung der Kinder. Zudem lässt das durchlässige kanadische Schulsystem, das alle Schüler bis zur 9. Klasse gemeinsam durchlaufen, den Kindern vergleichsweise viel Zeit, einen etwaigen Sprachrückstand aufzuholen. Zusätzlich unterstützt werden Zuwandererkinder von speziellen Förderprogrammen. Vor allem die Schulbehörde Torontos, das Toronto District School Board, kümmert sich intensiv um benachteiligte Schüler(-gruppen). Wichtig hierbei: Sie konzentriert sich nicht allein auf Zuwandererkinder, sondern versucht, jegliche Benachteiligungen durch individuelle Betreuung auszugleichen. Dabei werden auch die Eltern mit einbezogen. Damit dies auch bei Zuwanderern funktioniert, die kein oder wenig Englisch sprechen, können Briefe übersetzt und bei Gesprächen ein Dolmetscher hinzugezogen werden. Um die Kommunikation zwischen Schulen und Familien zu erleichtern, arbeiten zudem speziell ausgebildete Settlement Workers an Schulen mit besonders hohem Zuwandereranteil.

Dank ihres volkswirtschaftlichen Beitrags ist Zuwanderung in der kanadischen Gesellschaft fest verankert und genießt eine hohe Akzeptanz. Generelles Ziel der Politik ist es, Zuwanderern möglichst schnell eine gleichwertige Teilhabe in der Gesellschaft zu ermöglichen – dazu gehört auch die Möglichkeit des schnellen Erwerbs der Staatsangehörigkeit.

Weil Deutschland aus demografischen Gründen künftig verstärkt auf Zuwanderung angewiesen ist, empfiehlt das Berlin-Institut in seiner neuen Studie, das kanadische System genau zu studieren und erfolgreiche Elemente in die deutsche Zuwanderungspolitik aufzunehmen.

Zuwanderer aus Nicht-EU-Staaten sind selten erwerbstätig

Sowohl in Deutschland als auch in Kanada weisen Zuwanderer niedrigere Erwerbstätigenquoten auf als Einheimische. Vor allem jene, die erst vor kurzem ins Land gekommen sind, haben oft Schwierigkeiten, einen Job zu finden. Das Missverhältnis zwischen Neuankömmlingen und Einheimischen ist in Deutschland jedoch stärker ausgeprägt als in Kanada und wäre noch frappierender, wenn die Zuwanderer aus anderen EU-Staaten den Schnitt aller Migranten nicht nach oben ziehen würden.

Zuwandererkinder in Kanada sind höher qualifiziert

Kinder von Zuwanderern schneiden in Kanada im Bildungsvergleich besser ab als einheimische Kinder. Sie haben eineinhalbmal so oft einen hohen Bildungsabschluss, während Einheimische häufiger niedrige Bildungsabschlüsse aufweisen. In Deutschland zeigt sich ein völlig anderes Bild: Hier bleiben Zuwandererkinder deutlich hinter einheimischen Kindern zurück.




 

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Ausgabe 145, 16.11.2012

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