Ende der Modernisierung in Iran
Ein umfassendes Familienplanungsprogramm hat Iran in den letzten zwanzig Jahren zu besserer Bildung, Gesundheit und Wohlstand verholfen – doch in Zukunft will das Land wieder auf traditionelle Großfamilien bauen
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Ende der Modernisierung in Iran
Ein umfassendes Familienplanungsprogramm hat Iran in den letzten zwanzig Jahren zu besserer Bildung, Gesundheit und Wohlstand verholfen – doch in Zukunft will das Land wieder auf traditionelle Großfamilien bauen

Der geistliche Führer Irans, Ajatollah Chamenei, bemängelte kürzlich die niedrigen Kinderzahlen in der Islamischen Republik und verlangte einen Zuwachs der Bevölkerung von aktuell 75 Millionen Menschen auf zukünftig 200 Millionen. Dieser neue bevölkerungspolitische Kurs bricht mit einem im Nahen Osten bislang einzigartigen Familienplanungsprogramm, das die durchschnittliche Kinderzahl je Frau auf lediglich 1,7 gesenkt hat – also auf ein Niveau, das sich sonst nur in wirtschaftlich deutlich weiter entwickelten Ländern findet lässt.

Als erste Maßnahme ihrer familienpolitischen Kehrtwende strich die iranische Regierung sämtliche Gelder für Aufklärung und Verhütungsmittel. Ausgerechnet die einzige Frau im Kabinett, Marzieh Vahid Dastjerdi, musste ihren Posten an der Spitze des Ministeriums für Gesundheit räumen. Chamenei erklärte in diesem Zusammenhang, die bevölkerungspolitische Strategie der Geburtenkontrolle sei ein „schwerer Fehler“ gewesen. Um deren Effekte zu korrigieren, sollten Frauen künftig wieder stärker die Rolle der Hausfrau und Mutter ausfüllen. Aus diesem Grund erließ die iranische Führung im Sommer 2012 den sogenannten „Frauenbann“, welcher weiblichen Studierenden den Zugang zu bestimmten Studiengängen verwehrt. Die Beschränkung gilt unter anderem für die Fächer Englisch, Chemie sowie Erziehungs- und Ingenieurswissenschaften und wird hochschulinternen Schätzungen zufolge einen massiven Rückgang weiblicher Studenten bewirken. Ob sie auch dazu führen wird, dass Frauen wieder deutlich mehr Kinder bekommen, bleibt abzuwarten. In den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten hat die iranische Führung jedenfalls genau das Gegenteil zu erreichen versucht – und dabei großen Erfolg gehabt, sodass kleinere Familien mittlerweile gesellschaftlich etabliert sind.

Die iranische Bevölkerungspolitik reicht mittlerweile an die fünfzig Jahre zurück. Schon Mitte der 1960er Jahre verfolgte die Regierung des Schahs das Ziel, die außerordentlich hohe Fertilitätsrate von 7,0 Kindern pro Frau zu reduzieren. Sie erkannte, dass in der sehr kinderreichen Gesellschaft sinkende Geburtenraten einen demografischen Bonus hervorbringen könnten. Denn wenn weniger Ressourcen für wirtschaftlich Abhängige, in diesem Fall Kinder, aufgewendet werden müssen, und gleichzeitig eine junge und arbeitsfähige Bevölkerung zur Verfügung steht, begünstigt dies einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts. Die spärlichen praktischen Maßnahmen in Iran, die vor allem die medizinische Aufklärung betrafen, trugen jedoch kaum Früchte.

In Folge der Revolution im Jahr 1979 geriet die Bevölkerungspolitik in die Kritik, westlich und unislamisch zu sein. Die frühen Jahre der Islamischen Republik Irans waren daher von einem Streben nach Bevölkerungswachstum geprägt. Der Krieg mit dem Irak jedoch veränderte die Lage. Das plötzliche Bevölkerungswachstum nach Kriegsende 1988 verdeutlichte der Regierung, dass die verfassungsrechtlich garantierten Sozialleistungen in Kombination mit dem Wiederaufbau nicht eingehalten werden könnten. Im Dezember 1988 erklärte der Oberste Gerichtshof daher, es gebe keine „islamischen Hindernisse für Familienplanung“ und macht den Weg frei für ein modernes Programm der Familienplanung. Dessen wesentliche Ziele waren erstens die Vermeidung von Schwangerschaften sehr junger Frauen sowie von ungewollten Schwangerschaften, zweitens Abstände von mindestens drei Jahren zwischen zwei aufeinanderfolgenden Schwangerschaften und drittens eine Familiengröße von durchschnittlich drei Kindern. Um dies zu erreichen, trieb die Regierung die Verbreitung moderner Verhütungsmittel voran und stellte flächendeckend Beratungs- und Aufklärungsmaßnahmen zur Verfügung. Letztere beinhalteten zum Beispiel kostenlose und verpflichtende Kurse in Familienplanung für Studenten und heiratswillige Paare. Zudem sollten Kliniken verheirateten Paaren fortan kostenfrei moderne Verhütungsmittel zur Verfügung stellen. Zugleich bewarb der Staat Sterilisationen bei Männern und Frauen. Der Anteil von Frauen zwischen 15 und 45 Jahren, die verhüteten, stieg dadurch von 49 Prozent im Jahr 1989 auf 79 Prozent im Jahr 2005. Über die Hälfte der Frauen, die Verhütungsmittel nutzen, tun dies inzwischen mit einer modernen Methode, etwa der Pille oder der Hormonspirale.

Immer mehr Frauen nutzen Verhütungsmittel
Prozentualer Anteil der verheirateten Frauen zwischen 15 und 45 in Iran, die (moderne oder traditionelle) Verhütungsmethoden nutzen, 1977-2005

Seit den 1970er Jahren hat sich der Anteil der Frauen in Iran, die verhüten, etwa verdoppelt. Die größten Fortschritte konnten in den 1980er und 1990er Jahren erzielt werden. (Datengrundlage: Weltbank)

Parallel zu diesen Maßnahmen erließ die Regierung 1993 ein Gesetz zur Familienplanung, welches die bis dahin bestehenden steuerlichen Anreize für große Familien tilgte. Außerdem enthielt es ein breit angelegtes Maßnahmenpaket zur weiteren Reduzierung der Kindersterblichkeit, zum Ausbau der Bildung und Berufstätigkeit von Frauen sowie der sozialen Leistungen im Rentenalter. Die Bedeutung von Kindern als Altersvorsorge sollte so geschmälert werden. Familienplanung wurde in Iran also sehr umfassend gedacht.

Seit Beginn der 1990er Jahre ist die Fertilitätsrate in Folge all dieser Maßnahmen kontinuierlich gefallen – von 5,0 Kindern pro Frau im Jahr 1990 auf 1,7 im Jahr 2011. Besonders drastisch war der Effekt in ländlichen Regionen. Hier fiel die Rate von 8,1 Kindern pro Frau im Jahr 1976 auf 2,4 im Jahr 2000. Insbesondere die Informations- und Bildungskampagnen, die die Gesetzesänderungen begleiteten, haben dazu beigetragen, dass dieser weltweit einmalig schnelle Fertilitätsrückgang stattfinden konnte. Die Bevölkerung konnte davon überzeugt werden, dass moderne Verhütungsmittel nicht im Widerspruch zu einem islamischen Lebensstil stehen.

Schneller Fertilitätsrückgang in Iran
Gesamtfruchtbarkeitsrate in Iran und anderen Ländern, 1960 bis 2010

In keinem anderen Land der Welt vollzog sich der Fertilitätsrückgang so schnell wie in Iran. Innerhalb eines Vierteljahrhunderts sank die durchschnittliche Kinderzahl je Frau von 6,9 Kindern auf 1,7. Heute liegt Iran damit auf dem Niveau von wirtschaftlich deutlich weiter entwickelten Ländern. (Datengrundlage: Weltbank)

Mit den sinkenden Kinderzahlen haben sich auch die Bildungs- und Berufschancen von Frauen zunehmend verbessert. Weibliche Studierende stellten in den vergangen Jahren zwei Drittel aller Universitätsabsolventen. Zudem hat sich der Lebensstandard der Bevölkerung verbessert. So stieg das Pro-Kopf-Einkommen zwischen 1990 und 2011 von umgerechnet 4.500 US-Dollar auf mehr als 11.500 Dollar. Zweifellos lassen sich diese Entwicklungen nicht allein den politischen Steuerungsmaßnahmen zuschreiben. Es ist jedoch sicher, dass Letztere den Modernisierungsprozess der iranischen Gesellschaft entscheidend geformt und beschleunigt haben.

Die gegenwärtig angestrebte Abkehr von dem erfolgreichen Kurs bedroht diese Fortschritte. Allerdings dürfte sie sich in der aufgeklärten Bevölkerung nur schwer durchsetzen lassen. Besonders die gut gebildeten Frauen, die nach persönlicher Freiheit und Wohlstand streben, werden kaum dazu zu bringen sein, wieder signifikant mehr Kinder zu bekommen. Es wird für die iranische Führung zudem schwierig sein, nach zwei Jahrzehnten gegenteiliger Propaganda glaubwürdig zu vermitteln, dass Islam und moderne Familienplanung nicht miteinander vereinbar sind.


Links/ Literatur

Abadi, N., Mirzai, K. & Vakilian K. (2001). Reproductive Health in Iran: International Conference on Population and Development Goals. Oman Medical Journal, 26, 143-147.

Roudi-Fahimi , F. (2004). Islam and Family Planning. Population Reference Bureau. Washington DC.

Roudi-Fahimi , F. (2002). Iran’s Family Planning Program: Responding to a Nation’s Needs. Population Reference Bureau. Washington DC.

Tarmann, A. (2002). Iran Achieves Replacement-Level Fertility. Population Reference Bureau. Washington DC.

Weltbank (2012). World Development Indicators Database. New York.

 

Schnöder Mammon oder Schlüssel zum Glück?
Ein neues Sachbuch führt Gründe an, warum Geld uns doch glücklich macht

Dass Geld allein nicht glücklich macht, wird hierzulande kaum ein Mensch bestreiten. Doch trägt es überhaupt etwas zu unserem Lebensglück bei? Diese Frage hat sich in der Vergangenheit als kontrovers erwiesen. Seit den 1970er Jahren setzt sich auch die Ökonomie mit ihr auseinander, was sie ihrer noch immer jungen Teildisziplin, der Glücksforschung, zu verdanken hat. Deren Fundament liegt gewissermaßen in der von dem amerikanischen Ökonomen Richard Easterlin gemachten Beobachtung, dass innerhalb eines Landes zwar reiche Menschen glücklicher sind als arme, die Gesellschaft als Ganzes durch ein höheres Nationaleinkommen aber nicht glücklicher wird. In anderen Worten: Das Streben nach materiellem Wohlstand führt nicht dazu, dass es der Gesellschaft besser geht.

In ihrem Buch „Geld macht doch glücklich“ versuchen die Autoren Joachim Weimann, Andreas Knabe und Ronnie Schöb – allesamt Professoren der Volkswirtschaftslehre – das sogenannte Easterlin-Paradox zu entkräften. Um dabei auch Leser ohne Vorkenntnisse anzusprechen, fassen die Autoren zunächst die zentralen Ergebnisse der Glücksforschung zusammen. Sie liefern dabei ein extrem differenziertes Bild, das, in anschaulicher Sprache geschrieben, selbst Glücksforschern einige Neuigkeiten bieten dürfte – etwa zum Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und der Lebenszufriedenheit.

Im zweiten Teil des Buches setzen sich die Autoren kritisch mit der Glücksforschung auseinander und führen gleich mehrere Gründe an, die das Easterlin-Paradox überzeugend erklären. Der Faktenberg ist beeindruckend, und allein deswegen ist der Leser am Ende des Buches durchaus überzeugt von der These der Autoren. Ein zentrales Argument ist das sogenannte Weber-Fechner-Gesetz, nach dem Menschen eine immer größere Menge eines bestimmten Reizes benötigen, um diesen wahrzunehmen. Eine Lautstärkeänderung von 30 auf 40 Dezibel wird danach stärker wahrgenommen als eine von 90 auf 100 Dezibel. Um den gleichen gefühlten Reiz zu erzeugen, müsste die Lautstärke im zweiten Fall ebenfalls um ein Drittel erhöht werden – also auf 120 Dezibel. Nicht anders verhält es sich mit Geld: Je mehr wir haben, desto mehr brauchen wir für den gleichen Zuwachs an Zufriedenheit. Hinzu kommt, dass die Skala, die zur Messung der der Lebenszufriedenheit genutzt wird, nach oben hin begrenzt ist – der Wert 10 bildet per Definition die Obergrenze. Dadurch werden Werte am oberen Ende der Skala „gequetscht“, so dass sich ab einem bestimmten Punkt nur noch sehr geringe Zuwächse an Zufriedenheit einstellen.

Der Reichtum an verschiedenen Blickwinkeln ist einerseits eine große Stärke des Buches, andererseits aber auch eine Schwäche. Denn einige Argumente wirken etwas konstruiert. So identifizieren die Autoren die gestiegene Lebenserwartung als hinreichenden Grund, um sagen zu können, dass eine größere Wirtschaftskraft (der Auslöser für die höhere Lebenserwartung) die Menschen glücklicher macht. Die Logik ist einfach: Wer länger lebt, wird in seinem Leben insgesamt mehr Glück erfahren. Mathematisch ist diese Schlussfolgerung über jeden Zweifel erhaben, und dennoch mutet es etwas merkwürdig an, dass eine Person, die alt wird, aber zeitlebens unter Depressionen leidet, unter Umständen glücklicher sein soll, als eine lebensfrohere Person, die vergleichsweise früh stirbt.

Auf die sich aufdrängenden philosophischen Fragen verzichten die Autoren. Und so ist es auch wenig verwunderlich, dass sie sich klar dazu bekennen, das Glück wie gehabt zu messen, also indem man Menschen befragt, wie zufrieden sie auf einer Skala von 0 bis 10 mit ihrem Leben im Allgemeinen sind. Sie stellen sich damit gegen neuere, stärker experimentell orientierte Methoden der Glücksmessung wie etwa die sogenannte Day Reconstruction Method. Hierbei führen die Befragten eine Art Tagebuch, in dem sie notieren, was sie am vergangenen Tag wie oft getan haben und wie sie sich dabei jeweils gefühlt haben. Anders als die Angabe der allgemeinen Lebenszufriedenheit, die sich immer an einem vermeintlichen Ideal orientiert und daher nicht unabhängig von Erwartungen und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sein kann, hätte sie das Potenzial, das „pure“ oder „ursprüngliche“ Glück zu messen (interessanterweise steigt die Lebenszufriedenheit hierbei ab einem bestimmten Einkommen nach aktuellem Wissensstand tatsächlich nicht weiter an).

Ein klarer Kritikpunkt an dem Buch ist, dass sich die Autoren an einigen Stellen nicht sicher zu sein scheinen, ob sie nur das erwähnte Paradox widerlegen, oder die Glücksforschung in ihrer Gänze diskreditieren wollen. So kritisieren sie die Subjektivität der erhobenen Daten als unzuverlässig und nicht geeignet für Vergleiche zwischen verschiedenen Menschen und zu verschiedenen Zeitpunkten, ziehen aber gleichzeitig immer wieder Ergebnisse eben jener Glücksforschung heran, um ihre Aussagen zu untermauern – etwa wenn sie argumentieren, dass ein besserer Datensatz als das von Easterlin benutzte World Values Survey andere Ergebnisse liefert.

Am Ende des Buches ist der Leser somit zwar voll neuer Erkenntnisse und Inspirationen (auch der Anhang ist extrem lesenswert!), bleibt aber gleichzeitig etwas ratlos darüber zurück, ob nun der Forscher irrt (Easterlin) oder die gesamte Forschung, wie es der Titel impliziert.

Literatur
Joachim Weimann, Andreas Knabe, Ronnie Schöb: Geld macht doch glücklich. Wo die ökonomische Glücksforschung irrt. Stuttgart: Schäffer-Poeschel Verlag. 214 Seiten. 29,95 Euro www.schaeffer-poeschel.de



Ausgabe 147, 18.01.2013

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