Ein Flickenteppich – wie Europas Regionen für die Zukunft gerüstet sind
Das Berlin-Institut hat untersucht, was sich seit der Studie „Die demografische Lage der Nation“ (2008) verändert hat. Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise sind erkennbar. Doch viele Regionen haben sich auch günstig entwickelt.
weiterlesen

Orientierungshilfe für die Familienpolitik
Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen haben von allen Seiten beleuchtet, warum die Geburtenzahlen zurückgehen. Sie leiten daraus sehr bedenkenswerte Empfehlungen für Politik und Gesellschaft ab, die sie in dem Buch "Zukunft mit Kindern" veröffentlicht haben.
weiterlesen

In eigener Sache
Neue Rubrik auf BI-Website
weiterlesen

Ein Flickenteppich – wie Europas Regionen für die Zukunft gerüstet sind
Das Berlin-Institut hat untersucht, was sich seit der Studie „Die demografische Lage der Nation“ (2008) verändert hat. Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise sind erkennbar. Doch viele Regionen haben sich auch günstig entwickelt.

Für die alternden Länder der Europäischen Union (EU) ist vor allem eins von entscheidender Bedeutung: ihre Produktivität zu erhöhen, sodass sie als Standort gegenüber den aufstrebenden Weltregionen wettbewerbsfähig bleiben. Dieses Ziel verfolgt auch die Europäische Kommission mit ihrer Wachstumsstrategie „Europa 2020“. Doch knappe Budgets, Rekordarbeitslosigkeit unter jungen Menschen, sinkende Kaufkraft und andere Folgen der Krise drohen, die Zukunftsvisionen der EU mitunter in den Hintergrund zu drängen und erschweren in vielen Ländern Investitionen in Bildung, Innovation und Nachhaltigkeit.

2008 hat das Berlin-Institut seine erste Studie zur demografischen Zukunft von Europa veröffentlicht. Für die Studie wurde ein Index aus 24 Einzelindikatoren zur Zukunftsfähigkeit der Regionen entwickelt. Darunter befinden sich Maße für die ökonomische Leistungsfähigkeit, für die Altersstruktur der Bevölkerung, für die Lage auf dem Arbeitsmarkt, für Bildung und Innovationspotenzial sowie für ökologische Nachhaltigkeit. 285 Regionen der EU und der Nicht-EU-Staaten Schweiz, Island und Norwegen wurden nach diesen Kriterien bewertet. So hat die Studie ein Bild der Gesamtverfassung Europas gezeichnet.

Bei der ersten Berechnung beruhte der Index auf Daten aus den Jahren 2004 bis 2006 und bildete damit den Zustand der Regionen vor der Wirtschafts- und Finanzkrise ab, die 2007 begonnen hat. Erste Anzeichen der Krise waren bei Veröffentlichung der Studie bereits erkennbar, zeigten sich aber noch nicht in den Statistiken. Die Unterschiede in Sachen Wirtschaftskraft, demografischer Lage oder Bildungsstand sind nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb der untersuchten Staaten enorm, so das zentrale Ergebnis der Studie. Zwar hatten die Kernstaaten der EU einen Vorsprung vor den später beigetretenen Ländern. Einige der Nachzügler wie Spanien, Irland oder die baltischen Staaten wuchsen aber schnell, und auf ihren Arbeitsmärkten entwickelten sich viele Beschäftigungsmöglichkeiten.

Das Berlin-Institut hat den Index nun mit Daten aus den Jahren 2009 bis 2011 neu berechnet. Der Vergleich der Ergebnisse von 2008 und 2012 zeigt, welche Regionen unter der Krise leiden und welche sich günstig entwickelt haben. Aufschlussreich ist dabei nicht nur, wie sich die Gesamtbewertung verändert hat, sondern auch die Zwischenbewertungen, etwa der Arbeitsmarkt- oder Wirtschaftsindikatoren.

Das Gesamtbild der Regionen hat sich in den fünf Jahren, die zwischen den alten und den neuen Daten liegen, kaum verschlechtert. Eine Reihe von Regionen, etwa in Deutschland, Spanien und Polen sowie in mittel- und osteuropäischen Ländern, steht heute in der Gesamtbewertung sogar besser da als vor vier Jahren. In manchen Bereichen zeigen sich allerdings auch die Auswirkungen der Krise, und zwar vor allem in einigen spanischen Regionen sowie in Irland. Bei der Zwischenbewertung im Bereich Arbeitsmarkt und bei Einzelindikatoren wie Arbeitslosenquote, verfügbarem Einkommen oder Jugendarbeitslosigkeit treten die Folgen der Krise besonders deutlich zutage.

Westen vor Osten, Norden vor Süden – 2012 wie 2008
Gesamtbewertung auf Grundlage von 24 Indikatoren aus fünf Bereichen von Demografie über Wirtschaft bis Gesundheit. Die Bewertung erfolgt nach Schulnoten von 1 bis 6.

Die Karten zeigen die Gesamtbewertung auf Grundlage von Daten aus den Jahren 2004 bis 2006 und 2009 bis 2011 und geben damit einen Überblick über die Zukunftsfähigkeit der EU-Staaten sowie der Nicht-EU-Länder Schweiz, Island und Norwegen. Abgebildet werden für acht EU-Länder die Werte der einzelnen Regionen und für die übrigen Länder jeweils der Landesdurchschnitt. Der Vergleich zeigt, dass sich die Lage in der Mehrzahl der Regionen und Länder verbessert hat: Die Arbeitslosigkeit ist nicht nur in Deutschland gesunken, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) und die verfügbaren Einkommen sind insgesamt gestiegen, Bildungsniveau und Lebenserwartung der Bevölkerungen haben sich erhöht. Zwar sind auch alle Gesellschaften in diesen vier Jahren gealtert, die ungünstige demografische Entwicklung wirkt sich in diesem kurzen Zeitraum aber noch kaum negativ auf die Gesamtbewertung aus. Einige Länder wie Spanien, Irland, die baltischen Staaten, Griechenland und einige britische Regionen aber haben unter der Wirtschafts- und Finanzkrise stark gelitten und sich in der Gesamtbewertung verschlechtert. Gute Gesamtbewertungen in Sachen Zukunftsfähigkeit bekommen, 2008 wie heute, die skandinavischen Länder, die Schweiz sowie Regionen im Süden Deutschlands, in Österreich, Großbritannien, Frankreich und in den Niederlanden. Am unteren Ende der Skala finden sich entlegene, ländliche Provinzen im Süden Italiens sowie ehemals sozialistische Länder und ihre Regionen im östlichen Teil der EU, die noch unter den Nachwirkungen des radikalen Strukturwandels leiden. Am Gesamtbild – Nord- liegt vor Südeuropa und West- vor Osteuropa – hat sich wenig geändert.(Datengrundlage: Eurostat. Eine Liste der Indikatoren mit Erläuterungen findet sich in der Veröffentlichung "Die demografische Zukunft von Europa 2012").

Einige Indikatoren werden von der Wirtschafts- und Finanzkrise der vergangenen Jahre gar nicht oder nur in geringem Ausmaß beeinflusst – etwa diejenigen zu Klima und Umweltschutz oder zur Altersstruktur der Bevölkerung. Im Wirtschafts- und Arbeitsmarktbereich zeigen die Daten aus den Jahren 2009 bis 2011 einerseits bereits die teils verheerenden Auswirkungen der Krise, andererseits aber auch positive Entwicklungen in einer Reihe von Regionen und Ländern.

Genauere Analysen zu den Entwicklungen der einzelnen Indikatoren und ein Vergleich der Wirtschafts- und Arbeitsmarktlage mit Abbildungen finden sich in der Publikation „Die demografische Zukunft von Europa 2012“. Dabei handelt es sich um einen Auszug aus der Studie „Lebenswelten in Europa“, die das Berlin-Institut 2012 im Auftrag des GfK Vereins erstellt hat.

Links/Literatur

Vera Kreuter, Ruth Müller, Florian Sievers & Reiner Klingholz (2012): Lebenswelten in Europa. Wie sich die Struktur der Konsumentenschaft zwischen Madrid und Moskau verändert. Berlin: Berlin-Institut.

Vera Kreuter & Reiner Klingholz (2013): Die demografische Zukunft von Europa 2012. Wie sich die Finanzkrise auf Wirtschaft und Bevölkerungsentwicklung auswirkt. Berlin: Berlin-Institut.

Steffen Kröhnert, Iris Hoßmann & Reiner Klingholz (2008): Die demografische Zukunft von Europa. Wie sich die Regionen verändern. Berlin: Berlin-Institut.

 

Orientierungshilfe für die Familienpolitik
Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen haben von allen Seiten beleuchtet, warum die Geburtenzahlen zurückgehen. Sie leiten daraus sehr bedenkenswerte Empfehlungen für Politik und Gesellschaft ab, die sie in dem Buch "Zukunft mit Kindern" veröffentlicht haben.

Eine Zukunft mit Kindern gibt es nur, wenn für das Wohlergehen von Eltern und Kindern gesorgt ist. So lautet die zentrale Botschaft einer Studie, die der Frage nachgegangen ist, warum in Deutschland, Österreich und der Schweiz immer weniger Kinder zur Welt kommen, und was Politik und Gesellschaft tun können, um dies zu ändern.

Angeschoben hat das Forschungsprojekt die interdisziplinäre Arbeitsgruppe "Zukunft mit Kindern – Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung". Getragen haben es mit finanzieller Unterstützung der Jacobs Foundation die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina und ihr Berlin-Brandenburgisches Pendant. 34 Autorinnen und Autoren wirkten an dem Bericht mit. Zusätzlich wurden 43 Experten einbezogen. Und fünf Koordinatoren sorgten dafür, dass die Unterarbeitsgruppen ihre Ergebnisse schließlich in gemeinsamen Kernaussagen zusammenführten. Ohne sie hätte, wie die Herausgeber schreiben, "dieser Prozess mit Sicherheit viel länger gedauert".

Das Ergebnis dieser geballten Anstrengung beeindruckt mit seiner Informationsfülle und der Schärfe seiner Analysen. Zum Einstieg räumt das Buch mit einigen Mythen und Legenden auf, etwa dass die niedrigen Geburtenraten eine Folge der Erwerbstätigkeit von Frauen seien. Tatsächlich arbeiten heute gerade in jenen Industrieländern, in denen viele Kinder geboren werden – wie etwa Schweden oder Frankreich –, auch besonders viele Frauen.

Es folgen eine umfassende Darstellung des Geburtenverhaltens und der Bevölkerungsdiskussion von vorindustrieller Zeit bis heute, detaillierte Ausführungen zu den unterschiedlichen Sichtweisen auf die Fertilität sowie zu Demografie, Datenerhebung und -interpretation. Ob und wie Familienpolitik die Entscheidung für Nachwuchs beeinflusst, wird aus sämtlichen soziologischen, psychologischen und ökonomischen Blickwinkeln beleuchtet. Und schließlich kommen auch die medizinischen und biologischen Aspekte erschöpfend zur Sprache. Perfekt. Doch welcher politische Entscheidungsträger liest solch ein 475-seitiges Werk?

Damit das Buch nicht nur die akademische Debatte befruchtet, sondern auch von praktischem Nutzen ist, haben die Autoren eine Kurzversion von 76 Seiten beigefügt und auf dem eigens eingerichteten Internetportal diverse Infoblätter von etwa vier Seiten sowie kurze Filmchen mit den Autoren zur Verfügung gestellt. Dies ist gut, denn die Empfehlungen sind äußerst bedenkenswert. Kurz und knapp: Familienpolitik sollte erstens mehr Optionen bei der Gestaltung von Arbeitszeiten, Erwerbsphasen und Karriere ermöglichen. Zweitens sollte sie staatliche Geldleistungen transparent und zuverlässig gestalten und in Richtung einer Kindergrundsicherung weiterentwickeln. Und drittens sollte sie Familien "über den gesamten Lebenslauf in verlässlicher Weise unterschiedliche Dienstleistungsangebote zur Betreuung und Förderung ihrer Kinder bieten". Besonders interessant ist dabei der Vorschlag, ein der Geschlechtergleichstellungspolitik vergleichbares "Familien-Mainstreaming" einzuführen. Das heißt, dass alles, was die Politik plant, daraufhin überprüft werden soll, ob es dem Wohlergehen von Kindern und ihren Eltern dient.

Des Weiteren fordern die Wissenschaftler dazu auf, die Menschen besser über die Entwicklung der Fruchtbarkeit im Verlauf ihres Lebens und deren Gefährdung aufzuklären. Sie zeigen, wo verstärkte Forschung nötig ist und wie die Datenerhebung verbessert werden kann.

Ob all dies den lange erwarteten Trendwechsel bei den Geburtenzahlen herbeiführen wird, bleibt abzuwarten. Eine zeitgemäße und nützliche Hilfestellung für familienpolitische Maßnahmen ist es allemal.

Günter Stock, Hans Bertram, Alexia Fürnkranz-Prskawetz, Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli, Ursula M. Staudinger (Hg.): Zukunft mit Kindern. Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York 2012. 473 Seiten. 29,90 Euro / Ebook: 24,99 Euro.

 

In eigener Sache
Neue Rubrik auf BI-Website

In der Mediathek finden sich ab sofort Videos, Audiofiles und Vorträge rund um das Thema Demografie. Mit dabei: die BI-Demografie-Lecture von Prof. Dr. Andreas Schleicher zum Thema "Lebenslanges Lernen".



Ausgabe 148, 07.02.2013

Der Newsletter DEMOS Informiert, über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

Der Abdruck von Grafiken und Artikeln ist honorarfrei. Um die Übersendung eines Belegexemplares wird gebeten.

Wenn Sie den Newsletter DEMOS nicht mehr erhalten wollen, können Sie sich hier abmelden.

  
 
 
 

Dieser Newsletter wird herausgegeben vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung
Schillerstr. 59
10267 Berlin

Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an:
Dr. Reiner Klingholz
reiner.klingholz@berlin-institut.org
Telefon: 030-22324845