Wachstumschance für den Fußballkönig
Warum Nigeria nicht nur im Sport erfolgreich sein kann, erklärt das Berlin-Institut in seinem neuen Themenspecial
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Mehr als nur Fertilität
Studie zu Äthiopien empfiehlt: Erfolgreiche Bevölkerungspolitik kann und muss regionale Gegebenheiten berücksichtigen
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In eigener Sache
Länderdatenbank sowie Themenspecial zur demografischen Dividende online
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Wachstumschance für den Fußballkönig
Warum Nigeria nicht nur im Sport erfolgreich sein kann, erklärt das Berlin-Institut in seinem neuen Themenspecial

In den Straßen der nigerianischen Zehn-Millionen-Metropole Lagos wurde in der vergangenen Woche ausgiebig gefeiert. Denn nach dem 1:0-Sieg im Endspiel der Fußball-Afrikameisterschaft bereiteten die Fans ihrem Nationalteam bei ihrer Heimkehr aus Südafrika einen überschwänglichen Empfang mit Freudentänzen und Feuerwerk. Für die Super Eagles, wie die Nigerianer ihre Elf nennen, war es der erste Sieg bei einem internationalen Turnier seit 14 Jahren. Vor Burkina Faso und Mali erkämpfte sich das bevölkerungsreichste Land Afrikas für die kommenden zwei Jahre den Titel als beste Mannschaft des Kontinents. Und das mit einem Team, in dem 14 der 23 Spieler jünger als 24 Jahre alt sind. Wenn die Super Eagles ihr Spielniveau weiter ausbauen, kann Trainer Stephen Keshi darauf hoffen, auch bei größeren Turnieren vorne dabei zu sein. Und um Nachwuchs muss er sich, zumindest demografisch, wohl keine Sorgen machen. Denn laut Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen ist jeder fünfte Nigerianer heute zwischen 15 und 24 Jahre alt. Und daran wird sich in den kommenden Jahrzehnten wenig ändern. Erst ab 2040 wird ihr Anteil, laut mittlerem Szenario der Vereinten Nationen, wieder sinken.

Nigeria wird weiter wachsen – doch bis zu welchem Punkt, lässt sich beeinflussen
Bevölkerungsprojektionen für Nigeria (Einheit: 1.000 Einwohner)

Um zu zeigen, wie sich die Bevölkerungsgröße einzelner Staaten entwickelt, stellen die Vereinten Nationen drei unterschiedliche Szenarien bereit. Die mittlere Variante orientiert sich am weltweiten Trend der Fertilitätsentwicklung. Die niedrige Variante geht davon aus, dass die Fertilitätsrate schneller sinkt als im weltweiten Durchschnitt, während die hohe Variante ein langsameres Absinken annimmt. Bei diesen drei Varianten handelt es sich um Projektionen, die nicht zwingend eintreten müssen. (Datengrundlage: United Nations Population Division)

Nigeria hat heute fast 160 Millionen Einwohner und damit beinahe doppelt so viele wie Deutschland — auf einem Territorium, das etwa zweieinhalb Mal so groß ist. Die Bevölkerungsdichte wird in Zukunft jedoch stark zunehmen, denn Nigeria wächst mit einer Rate von zurzeit mehr als 2,5 Prozent jährlich und wird, laut Annahmen der Vereinten Nationen, bis 2050 mindestens 350 Millionen Einwohner zählen. Auch dann, wenn die Fertilitätsraten, einer der wichtigsten Einflussfaktoren auf die demografische Entwicklung, schneller sinken als im von den Vereinten Nationen angenommenen weltweiten Durchschnitt. Das ist aber eher unwahrscheinlich. Laut Umfragen des Demographic and Health Surveys (DHS) von 2008 bekommen nigerianische Frauen durchschnittlich 5,7 Kinder – und damit mehr als der Durchschnitt in Subsahara-Afrika von 5,1. Zudem stagnieren die Fertilitätsraten seit Jahren auf demselben Niveau. Waren sie zwischen 1990 und 1999 von 6 auf 4,7 gefallen, schossen sie zu Beginn des neuen Jahrhunderts wieder auf beinahe sechs hoch und verharren seitdem auf einem gleichbleibend hohen Wert. Wenn sich daran nichts ändert, wird Nigerias Bevölkerung also weiterhin rasant wachsen.

Armut trotz Rohstoffdollars

Die Bevölkerungsentwicklung stellt das Land, in dem heute schon der Großteil der Bevölkerung von Armut betroffen ist, vor große Herausforderungen. Laut Weltbank leben zwei Drittel von weniger als 1,25 US-Dollar am Tag. Und das, obwohl Nigeria mit seinen reichen Erdöl- und Gasvorkommen über eine gewinnbringende Einkommensquelle verfügt. Doch der westafrikanische Staat hat es bisher verpasst, die ins Land strömenden Rohstoffdollars sinnvoll zu investieren. Vom Ölreichtum profitieren wenige. Im Korruptionsperzeptions-Index von Transparency International verzeichnet Nigeria einen traurigen Platz 139 von 174 Staaten. Es gibt kaum Jobs außerhalb der Landwirtschaft. Und der Agrarsektor wiederum ist so unterentwickelt, dass er es nicht schafft, die Bevölkerung mit genügend Lebensmitteln zu versorgen. Nigeria ist deshalb auf Nahrungsmittelimporte angewiesen.

Das alles sind schlechte Vorzeichen. Besonders für ein Land, das laut Central Intelligence Agency mehr als 250 Ethnien beherbergt. Die sind in ihrem Streben nach Zugang zu Ressourcen in den vergangenen Jahren regelmäßig aneinander geraten. Konflikte äußern sich häufig gewalttätig. Darüber hinaus ist das Land gespalten in einen mehrheitlich muslimischen Norden und einen christlichen Süden. Seit der Unabhängigkeit 1960 konkurrieren beide Gruppen miteinander. Rücken immer mehr Junge ohne eine Perspektive auf Bildung und einen Arbeitsplatz ins erwerbsfähige Alter, werden die Spannungen im Land weiter steigen.

Aussicht auf Wachstum

Aber Nigeria steht auch vor einer großen Chance. Gelingt es den Nigerianern, die Geburtenraten schnell zu senken, können sie einen demografischen Übergang zu einer günstigen Altersstruktur einleiten. Dann nämlich entsteht ein sogenannter demografischer Bonus, in dem der Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung gegenüber dem der Kinder und Alten sehr groß ist. Es müssen dann wenige Menschen versorgt werden, während gleichzeitig viele im mittleren Alter einer Arbeit nachgehen und produktiv sein können. Das wiederum kurbelt die Wirtschaft an und bietet die Aussicht auf lange anhaltendes Wachstum – die sogenannte demografische Dividende.

Doch auf dem Weg dorthin sind viele Schritte notwendig: Familienplanungsprogramme, Bildungs- und Gesundheitsinvestitionen müssen her, um die Geburtenraten zu senken. Gleichzeitig muss eine Wirtschaftsstruktur mit einem Arbeitsmarkt entstehen, der Millionen beschäftigungswilliger Nigerianer aufnehmen kann. In einem Themenspecial hat das Berlin-Institut zusammengetragen, welche Stellschrauben es gibt und wie sie justiert werden müssen, um diesen Entwicklungsschub zu erreichen.

Die Dividende kommt nicht ohne Vorleistungen. Doch einmal erlangt, kann sie einen langfristigen Entwicklungsschub in Gang setzen. Wenn Nigeria also jetzt die richtigen Schritte geht, kann das Land nicht nur im Fußball die Früchte seiner Bevölkerungsstruktur tragen.

 

Mehr als nur Fertilität
Studie zu Äthiopien empfiehlt: Erfolgreiche Bevölkerungspolitik kann und muss regionale Gegebenheiten berücksichtigen

Demografische Fragestellungen rücken in vielen afrikanischen Ländern zunehmend in den Fokus des Interesses. Nicht ohne Grund, denn der Großteil des weltweiten Bevölkerungswachstums findet in den Ländern südlich der Sahara statt und stellt die dortigen Regierungen vor immense Herausforderungen. Dank sinkender Geburtenraten und steigender Lebenserwartung stehen einige dieser Länder aber mittlerweile am Anfang des demografischen Übergangs, der die Aussicht auf eine demografische Dividende mit damit einhergehendem wirtschaftlichem Wachstumspotential mit sich bringt.

Am Bespiel Äthiopiens zeigen die beiden Autoren Charles Teller und Assefa Hailemariam in ihrem Buch „The Demographic Transition and Development in Africa. The unique case of Ethiopia“ wie mannigfaltig die demografischen Rahmenbedingungen innerhalb eines Landes sein können. Äthiopien ist nicht nur nach Nigeria das bevölkerungsreichste Land des Kontinents, es konnte in den vergangenen Jahren auch Mütter-, Säuglings und Kindersterblichkeitsraten erfolgreich senken und damit die allgemeine Lebenserwartung erhöhen. Zudem sind die Geburtenraten von einem Durchschnittswert von sieben Kindern pro Frau in den 1970er Jahren auf derzeit 4,8 Kinder pro Frau abgefallen. Diese Indikatoren weisen darauf hin, dass Äthiopien auf einem guten Weg ist, die Millennium-Entwicklungsziele für 2015 zumindest teilweise zu erreichen. Ganz anderes sieht es dagegen in Bezug auf die Alphabetisierungsrate und im Bereich Ernährungssicherheit aus. Hier rangiert das Land ganz hinten im Vergleich mit anderen afrikanischen Ländern. Dazu kommt eine der geringsten Verstädterungsraten der Welt und sehr große Land-Stadt-Unterschiede, wie zum Beispiel bei der Fertilität. So liegt die durchschnittliche Kinderzahl in ländlichen Regionen mit 5,5 Kindern pro Frau noch deutlich höher als in städtischen Regionen (2,6 Kinder pro Frau). In der Hauptstadt Addis Abeba ist sie mit 1,5 Kindern sogar unter das Reproduktionsniveau gerutscht – ein einmaliger Fall in der Region.

Der afrikanische Kontinent braucht eine den regionalen Gegebenheiten angepasste Bevölkerungswissenschaft und -politik. Das ist die zentrale These der Autoren. Bevölkerungsstruktur und -dynamik des Landes betrachten sie deshalb nicht als isolierte Handlungsfelder, sondern stellen sie in Zusammenhang mit den allgemeinen großen Herausforderungen des afrikanischen Kontinents. Dazu bedienen sie sich eines holistischen und interdisziplinären Forschungsansatzes, bei dem nicht allein die Schlüsselfaktoren der demografischen Entwicklung wie etwa Fertilität, Mortalität und Migration betrachtet werden. Stattdessen verknüpfen sie diese mit Aspekten wie Armut, Ernährungssicherheit, Klimawandel und politischer Instabilität. Mit diesem Mittel untersuchen sie, wie verschiedene Mikro- und Makrofaktoren auf den demografischen Übergang wirken.

In den vier inhaltlichen Hauptkapiteln des Buchs führen Aufsätze verschiedener Co-Autoren durch die Themenbereiche 1) demografischer Übergang und menschliche Entwicklung, 2) Gesundheit und Ernährung, 3) Bevölkerungsverteilung, Migration, Verstädterung und Arbeitskräfte sowie 4) Fallstudien zu Bevölkerungsdruck auf Ressourcen und Ernährungssicherheit. Alle Aufsätze zeichnen sich durch fundierte wissenschaftliche Analysen aus, die zusammen zu einem tiefgreifenden Verständnis des besonderen Kontexts in Äthiopien führen. Sie dokumentieren nicht nur verschiedene demografische Entwicklungen, sondern liefern auch Ansätze zur Risikominimierung von Bevölkerungswachstum wie etwa Migration und Arbeitsmobilität, späteres Heiratsalter und veränderte Lebensziele unter Jugendlichen.

In einem weiteren Teil werten sie die bisherigen bevölkerungspolitischen Ansätze und Programme der äthiopischen Regierung aus. Dabei bescheinigen die Autoren den Programmen insgesamt eine sinnvolle Ausrichtung, weisen aber auf die mangelhafte Umsetzung hin. Eines ihrer Hauptanliegen ist daher eine Wiederbelebung des politischen Engagements für Bevölkerungsfragen in Äthiopien. Dazu müssten wesentliche Institutionen, wie zum Beispiel der National Population Council, neu aufgesetzt werden.

Grundsätzlich kritisieren die Autoren die unzugängliche Datenlage in Äthiopien und anderen Entwicklungsländern. Sie selbst lösen das Problem, indem sie in ihren Analysen auf eine Vielzahl nationaler und internationaler Erhebungen zurückgreifen, aber auch Daten aus ihren eigenen Forschungsumfeldern mit einfließen lassen. Zudem sprechen sie sich stark für Verbesserungen bei der Datenerhebung aus, um so besser angepasste Ansätze in Bevölkerungsforschung und -politik etablieren zu können. Denn um die Grundlage für die erfolgreiche Umsetzung verschiedener Politikempfehlungen zu gewährleisten, so die Autoren, gäbe es einen elementaren Bedarf an konsistenten wissenschaftlichen Daten und fundierten Forschungserfahrungen.

Insgesamt bietet das Buch einen umfassenden Überblick über die demografische Entwicklung Äthiopiens mit all seinen Sonderfällen und Widersprüchen. Zugleich verknüpft es wissenschaftliche Analysen mit Politikempfehlungen, die sich nicht nur auf Äthiopien anwenden lassen. Erst im letzten Kapitel platziert, drohen diese allerdings unterzugehen und damit politische Entscheidungsträger gar nicht erst zu erreichen. Das ist schade, denn die enge Verknüpfung der beiden Hauptautoren wie auch aller Co-Autoren mit der äthiopischen Wissenschaftslandschaft trägt dazu bei, dass die Ergebnisse und Empfehlungen authentisch und den äthiopischen Bedürfnissen angepasst vermittelt werden.

Charles Teller und Assefa Hailemariam: The Demographic Transition and Development in Africa. The unique case of Ethiopia.Springer, 2011. 359 Seiten. 149,75 Euro

 

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In übersichtlichen Grafiken und kurzen Einführungstexten erklären wir Ihnen Schritt für Schritt, was hinter dem Konzept der demografischen Dividende steht. Darüber hinaus haben wir weiterführendes Informationsmaterial zu einzelnen Themen und Ländern zusammengestellt. Das Themenspecial ist ab sofort für Sie verfügbar. In Kombination mit unserer neuen Länderdatenbank, in der wirtschaftliche und demografische Indikatoren einzelner Länder bequem über interaktive Karten abrufbar sind, wird es möglich, auf einfachem Wege zu analysieren, wo welche Staaten dieser Erde heute stehen.



Ausgabe 149, 20.02.2013

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