„Gemeinsam nach vorne schauen“
Vor neun Jahren gründete Murat Vural in Castrop-Rauxel eine Nachhilfeinitiative von Migranten für Migranten und zog damit weite Kreise. Sein Verein Chancenwerk ist heute in 17 Städten aktiv und erreicht Schüler jedweder Herkunft und jedweden Alters. Warum Chancenwerk mehr ist als nur ein Bildungsprojekt, wie er selbst mit Schulproblemen umging und warum es Schüler heute oft schwerer haben als früher, erklärt er im Interview.
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Mythos Überfremdung - Doug Saunders
Muslime sind Fundamentalisten, der Islam ist keine Religion, sondern eine Ideologie und die westliche Kultur droht, unter der muslimischen „Flut“ unterzugehen. Diese und ähnliche Einstellungen sind bis weit in die politische Mitte der westlichen Länder verbreitet und finden dort bei breiten Bevölkerungsteilen Zuspruch, so der kanadische Autor und Journalist Doug Saunders. Doch seien die Befürchtungen durch keinerlei Zahlen und Fakten zu belegen. Im Gegenteil, in seinem Buch „Mythos Überfremdung“ zeigt Saunders nicht nur, wie haltlos die verallgemeinerte Angst vor Muslimen ist, sondern auch, wie sehr sich die Furcht vor einer islamischen „Flut“ mit Reaktionen auf frühere Einwanderungsbewegungen deckt.
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In eigener Sache
Projekt zu „Afrikas Demografischen Herausforderungen“ erfolgreich abgeschlossen
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„Gemeinsam nach vorne schauen“
Vor neun Jahren gründete Murat Vural in Castrop-Rauxel eine Nachhilfeinitiative von Migranten für Migranten und zog damit weite Kreise. Sein Verein Chancenwerk ist heute in 17 Städten aktiv und erreicht Schüler jedweder Herkunft und jedweden Alters. Warum Chancenwerk mehr ist als nur ein Bildungsprojekt, wie er selbst mit Schulproblemen umging und warum es Schüler heute oft schwerer haben als früher, erklärt er im Interview.

Die Lernkaskade – so nennt Murat Vural das Modell von Chancenwerk, einem im Ruhrpott gegründeten Verein. Beim Chancenwerk erhalten Fünft-, Sechst- und Siebtklässler gegen einen Obolus von zehn Euro im Monat Nachhilfe. Allerdings nicht in einem Nachhilfeinstitut, sondern an der eigenen Schule gemeinsam mit etwa 48 Schülern. Ihre Nachhilfelehrer sind 24 ältere Schüler aus höheren Klassen. Die meisten von ihnen wiederum haben selbst in manchen Fächern schlechte Noten. Weil sie die Jüngeren unterrichten, stellt ihnen Chancenwerk Studenten als Nachhilfelehrer zur Seite – bezahlt aus dem Topf der jüngeren Schüler. Das Chancenwerk spannt damit alle Altersgruppen einer Schule ein. Mit ihrem Konzept tritt die Organisation an einzelne Schulen heran – von Realschulen über Gymnasien bis hin zu Berufsschulen. Heute zählt Chancenwerk 1.700 Teilnehmer. Tendenz: steigend. Die Idee für das Projekt ist nicht zuletzt persönlichen Erfahrungen von Murat Vural geschuldet. Denn auf seinem Bildungsweg bis zur Promotion musste der 1975 im nordrhein-westfälischen Herne geborene Sozialunternehmer einige Steine aus dem Weg räumen.

Murat Vural, Geschäftsführender Vorsitzender und Gründungsmitglied von Chancenwerk. Seit Januar 2013 ist er Mitglied im Stiftungsrat des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung.

Interview von Dr. Reiner Klingholz und Ruth Müller

Was waren die prägendsten Erfahrungen Ihrer Schulzeit?

Als ich 16 Jahre alt war, kam ich von einem türkischen Internat auf eine deutsche Schule. Obwohl ich in Deutschland gelebt hatte, bis ich elf war, konnte ich kein Deutsch mehr. Ich landete auf der Hauptschule und qualifizierte mich von dort aus für die Oberstufe. Ich wollte das Abitur schaffen. Das tat ich auch. Allerdings mit Schwierigkeiten, die nicht sein müssen. Ich habe auf dem Gymnasium zwei Jahre gebraucht, bis die Lehrer verstanden haben, dass ich mathematische und physikalische Kenntnisse habe, obwohl ich nicht gut Deutsch sprechen konnte. Als das angekommen war, wurde es einfacher, doch die Hürden sind unglaublich hoch in Deutschland. Heute ist es noch schwieriger, glaube ich. Viele Jugendliche erzählen mir in der achten, neunten Klasse, einige Lehrer würden behaupten, sie könnten es nicht bis zur Universität schaffen.

Warum ist es schwieriger geworden?

Früher gab es weniger Migranten in Deutschland. Die Lehrer hatten mehr Zeit für Einzelfälle. So war das auch bei mir in der deutschen Grundschule. Mein Klassenlehrer Herr Lippe hat damals sehr für mich gekämpft und gesagt, dass ich etwas drauf habe, auch wenn ich nichts sage. Heute gibt es Schulen mit einem Migrantenanteil von 70 Prozent. Ich beobachte, dass die Lehrer dafür nicht gut ausgebildet sind. Manche Lehrer haben ein Problem, manche Eltern wahrscheinlich auch. Sie sind frustriert und fühlen sich ohnmächtig. Wenn Lehrer und Eltern aber frustriert sind, werden die Kinder einfach alleine gelassen. In einer Situation, in der Frustration da ist, darf man von einem frustrierten Menschen nichts erwarten – auch nicht von den Eltern. Man sagt immer, die Eltern müssten etwas tun – sie sollten Deutsch lernen oder aufhören, türkische Fernsehsender anzuschauen. Das stimmt. Wenn wir das hinkriegen könnten, würden wir das Problem vielleicht besser im Griff haben. Aber wir haben Menschen, die nicht in der Lage sind, das umzusetzen, was wir uns theoretisch auf ein Blatt Papier schreiben. Ganz einfach: Wenn alle Deutsch könnten und alle ihre Kinder in den Kindergarten schicken würden, hätten wir das Problem nicht. Aber das ist nicht so.

Waren Eltern früher stärker engagiert als heute?

Auf jeden Fall. Die Beweggründe, aus denen Migranten hier sind, haben sich geändert. Bei meinen Eltern war das so: Die sind aus Anatolien gekommen und wollten Geld verdienen. Und sie wussten ganz genau, dass sie Geld kriegen, wenn sie fleißig sind. Die haben geschuftet bis zum Gehtnichtmehr. Ich habe meinen Vater kaum gesehen. Nur abends mal vielleicht zehn Minuten. Dann war er müde. Er hat 1.500 Meter unter Tage gearbeitet. Eins hat er mir immer gesagt: „Murat, egal, was du machst, du musst dich bilden. Du darfst nicht so enden wie ich hier. Du musst mehr machen. Du musst die Universität besuchen.“ Er war bereit, alles zu machen, um mich zu unterstützen, und das hat er auch getan. Und meine Mutter hat uns die nötige Liebe geschenkt. Sie selbst waren nur in der Grundschule. Ich finde, die Einstellung war damals anders als heute.

Warum ist dieser Aufstiegsgedanke heute weniger präsent?

Die zweite Generation, die etwa so alt ist wie ich, fühlt sich vernachlässigt und benachteiligt. Manche Eltern dieser Generation halten nicht viel vom System und sagen ihren Kindern: „Das bringt alles nichts. Ich habe mich bemüht und es nicht geschafft.“ Es kann sein, dass diese Eltern deshalb die Perspektive und die Motivation nicht transportieren können. Wenn ich mich selbst angucke, ist mir klar, was man in Deutschland erreichen kann, und ich versuche, das an meinen Sohn weiterzugeben. Ich kenne die Stationen. Integration bedeutet aber auch, dass man sich integrieren darf. Man muss in diese Gesellschaft reinkommen dürfen, damit man lernen kann, was gut oder schlecht ist. Man kann keine Wohnviertel haben, in denen nur Türken, Araber und Russen leben und dann sagen: „Die kennen die hiesigen Werte nicht.“ Die kennen die Werte tatsächlich nicht, weil die nicht reinkommen dürfen und ihnen die Begegnung fehlt. Wir müssen Begegnungen schaffen. Wir von Chancenwerk finden, dass diese Begegnung mehr ist als nur gemeinsames Kaffeetrinken. Wir müssen gemeinsam an etwas arbeiten. Wir gehen an eine Schule und sagen: „Wer mitmachen will, kann mitmachen.“ Die Schule ist meiner Meinung nach eine kleinstmögliche gesellschaftliche Gruppe, in der alle sind. Es ist Wirklichkeit, aber in Klein. Wenn die Kinder das da nicht lernen, kann es nicht besser werden.

Wie kam es zu der Idee von Chancenwerk?

2004 arbeitete ich gerade an meiner Promotion in theoretischer Elektrotechnik. Meine Schwester studierte Sozialpädagogik. Sie besuchte mich und sagte: „Es kann nicht sein, dass es in der Nachbarschaft nur bei uns funktioniert hat! Irgendetwas müssen wir tun!“ Damit ist sie die Ideengeberin des Projekts. Sie hat mich für das Thema sensibilisiert. Wir haben damals einen interkulturellen Förderverein gegründet. Aber nach kurzer Zeit haben wir festgestellt, dass wir es nicht allein mit einem Migrantenproblem zu tun hatten, sondern dass auch immer mehr deutsche Eltern zu uns kamen. Deshalb haben wir uns geöffnet und gesagt: „Wir machen das hier nicht nur für Migranten, sondern für alle.“ Das war 2005. Seitdem sprechen wir alle an – egal, welche Nationalität. Natürlich sind in den Projekten mehrheitlich Migranten. Das liegt aber daran, dass unsere Projektschulen meistens in Problemvierteln liegen. In denen sind manchmal bis zu 70 Prozent der Schüler Migranten.

Heute arbeiten Sie an sehr vielen unterschiedlichen Schultypen in verschiedenen Regionen. Wie haben Sie das geschafft?

2005 haben wir eine große Auszeichnung erhalten – wir wurden Bundessieger bei Start Social unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Darüber entstand der Kontakt zu Ashoka – einem Netzwerk, das soziale Unternehmer fördert. Für das Chancenwerk war Ashoka sehr wichtig. Sie unterstützten mich drei Jahre lang, damit ich mich allein auf das Chancenwerk konzentrieren konnte. Außerdem gaben sie mir Unternehmensberater an die Hand. Ich war damals der Meinung, dass wir mit Chancenwerk 100.000 Menschen erreichen müssen. Die Berater aber haben mir gezeigt, dass man mit einer gesunden Organisationsentwicklung nicht in dieser Geschwindigkeit vorgehen kann. Das war sehr gut. Wir haben uns also zunächst auf das Ruhrgebiet und Köln und Umgebung konzentriert. Ich habe Geschäftspläne gemacht und 2010 haben wir die ersten bezahlten Mitarbeiter eingestellt. Wir konnten Unternehmer und Stiftungen für das Chancenwerk in Städten wie Köln, Duisburg und München gewinnen. In unserer Arbeit konzentrieren wir uns auf Deutschland.

Was ist Ihr Ziel und wann, würden Sie sagen, haben Sie es erreicht?

Wir haben angefangen mit dem Anspruch, Jugendliche zu aktivieren. Wir wollten, dass ihnen klar wird, dass sie für ihre Zukunft etwas tun müssen. Deswegen heißen wir Chancenwerk – sie müssen in den Werken etwas für ihre Chancen tun. Ein Jugendlicher muss verstehen, dass es sich lohnt, an seinen Chancen zu arbeiten. Schüler, die schlecht sind, hören in der Pubertät oft auf, mit dem Gedanken zu spielen, später einen guten Beruf zu ergreifen oder zu studieren. Wir wollen sie dazu bewegen, am Ball zu bleiben, indem wir sie kontinuierlich überzeugen. Sie kommen zweimal pro Woche zu uns - über ein ganzes Jahr hinweg. Und die Wahrscheinlichkeit, dass wir sie in ihrer schwierigen Situation überzeugen, steigt dadurch, dass ältere Schüler oder Studenten mithelfen. Darüber hinaus möchte ich es Schülern ermöglichen, auch ohne Geld mitzumachen. Die Bertelsmann Stiftung sagt, dass 1,5 Milliarden Euro für Nachhilfe ausgegeben werden. Diejenigen, die kein Geld haben, werden das nicht ausgeben können. Aber alleine, dass so viel Geld fließt, bedeutet, dass es ein Defizit gibt. Ich will es mit diesem Projekt schaffen, dass ein Schüler, der kein Geld hat, die Nachhilfe und Prüfungsvorbereitung bekommt, die er braucht. Er muss nicht bezahlen – sondern nur etwas tun.

Gehen Sie da nach Gehaltsnachweis?

Das machen wir nicht. Wir bieten die Teilnahme allen an, egal, ob sie sich Nachhilfe leisten könnten, oder nicht. Ich will nicht in die Schulen gehen und eine Selektion machen. Wir müssen für Kinder einen Raum in der Schule schaffen, in dem sie Spaß an der ganzen Sache haben und auch daran, gemeinsam nach vorne zu schauen.

Wie messen Sie denn Ihre Erfolge?

Zurzeit planen wir eine Evaluierung des Projekts in Kooperation mit der Universität Duisburg-Essen. Für die Bewertung wollen wir Parameter einbeziehen, die über Noten hinausgehen. Denn wir wollen vor allem vermitteln, dass es wichtig ist, dass Schüler sich anstrengen. Wenn es dann trotzdem nur eine Vier in Mathe wird, ist es auch okay. Wir wollen untersuchen, ob wir darin erfolgreich sind.

Ist es möglich, das Projekt an jeder Schule umzusetzen?

Wir sind nach Freising geholt worden – in eine Schule, die nicht in einem Problemviertel liegt. Ich war sehr überrascht und stolz darauf. Einige sind sozial benachteiligt – nicht des Geldes wegen. Das Ziel war dort, zwischenmenschliche Aspekte zu fördern. Die Schüler sehen in dem Projekt, dass sie in der Gruppe etwas für die Gemeinschaft tun können. Daran erkennt man: Chancenwerk ist ein Bildungsprojekt und ein gesellschaftliches Projekt, in dem man Kindern und Jugendlichen etwas vorleben kann. Wir sagen: „Es geht mehr. Selbstwirksamkeit, Gemeinschaftsgefühl, Teamgefühl – wir machen jetzt etwas für die Schüler.“ Das sind die ersten Säulen fürs Leben. Wenn sie später im Beruf sind, schauen sie vielleicht nicht mehr nur geradeaus, sondern versuchen, sich zu engagieren. Die Schulen lernen durch das Chancenwerk, ihre Ressourcen anders zu betrachten. Der typische Schulleiter sagt: „Der Elftklässler kann kein Mathe. Der Fünftklässler kann auch kein Mathe. Wir haben kein Geld. Wir können nichts machen.“ Ich sage: „Der Elftklässler kann genug Mathe, um dem Fünftklässler zu helfen.“ Es ist ein Perspektivwechsel. Es ist zwar nicht immer einfach, mit den Elftklässlern zu arbeiten. Aber wir wollen die aktivieren, die wir sonst auf der Strecke lassen. Sonst konzentrieren wir uns nur auf die Elite, die schon aktiv ist. Und wir verlieren viele, viele, die aktiv sein können.

Wie finanziert sich das Chancenwerk?

Wir sind zu 80 Prozent von Spenden abhängig und zu 20 Prozent generieren wir eigene Mittel. Wir werden es vermutlich niemals schaffen, mehr als die Hälfte unserer Gelder selbst zu erwirtschaften. Chancenwerk wird mehr oder weniger ein spendenabhängiges Projekt bleiben. Ich möchte das Geld auch gar nicht komplett selbst einholen. Wir arbeiten sehr stark mit Unternehmen zusammen. Mein Ziel ist es, deren Netzwerke zu nutzen, sie zum Einsteigen zu bewegen und die Gesellschaft für das Projekt zu sensibilisieren. Weil das auch deren gesellschaftliche Aufgabe ist. Zum Beispiel haben wir Spendendosen an den Kassen von deutschlandweit tätigen Ketten. Außerdem arbeiten wir an Hilfsmitteln, die es den Schulen erleichtern sollen, Fundraising zu betreiben.

Wie soll es mit Chancenwerk weiter gehen?

Anfang 2010 war der Kölner Regionalleiter der Einzige bei Chancenwerk, der zu 100 Prozent mit dem Projekt beschäftigt war. Jetzt haben wir Teams - beispielsweise in Bremen, Gummersbach, Bochum, Duisburg, Hamburg, Köln und München. Wir sind jetzt reif genug, um zu expandieren und an weiteren Schulen zu beginnen. Jede Schule und jede Region ist anders. In Universitätsstädten ist es zum Beispiel unproblematisch, Studenten zu finden. Woanders ist das schwieriger. Wir verändern unser Konzept dort deshalb bewusst. Wo keine Studenten sind, setzen wir zum Beispiel sehr gute Schüler ein. Die wiederum bekommen von uns kostenlos Fortbildungen an der Chancenwerk-Akademie. Dadurch betrachten wir selbst die Schulen anders: Wir sehen nicht nur die ganz schlechten Schüler, sondern auch die sehr guten. Die helfen den nicht so guten. Aber dafür müssen sie auch etwas bekommen. Bei uns sind das verschiedene Fortbildungen, zum Beispiel zu Rollenverständnis, Team- und Vermittlungskompetenz. Konzepte wie dieses testen wir. Wir haben kein Franchise-, sondern ein Filialenmodell. Ich will erst sicher gehen, dass es an den Schulen funktioniert und dass es gut ist.

Nachdruck unter Quellenangabe (Klingholz, Müller / Berlin-Institut) erlaubt.

 

Mythos Überfremdung - Doug Saunders
Muslime sind Fundamentalisten, der Islam ist keine Religion, sondern eine Ideologie und die westliche Kultur droht, unter der muslimischen „Flut“ unterzugehen. Diese und ähnliche Einstellungen sind bis weit in die politische Mitte der westlichen Länder verbreitet und finden dort bei breiten Bevölkerungsteilen Zuspruch, so der kanadische Autor und Journalist Doug Saunders. Doch seien die Befürchtungen durch keinerlei Zahlen und Fakten zu belegen. Im Gegenteil, in seinem Buch „Mythos Überfremdung“ zeigt Saunders nicht nur, wie haltlos die verallgemeinerte Angst vor Muslimen ist, sondern auch, wie sehr sich die Furcht vor einer islamischen „Flut“ mit Reaktionen auf frühere Einwanderungsbewegungen deckt.

Der Autor beginnt mit einer Bestandsaufnahme und beschreibt zunächst, wie sich die Angst vor einer muslimischen Überfremdung in den vergangenen Jahrzehnten in der westlichen Welt verbreitet hat. Saunders zeichnet dabei nach, wie sich die Furcht vor einem ‚Eurabien‘ – ein Begriff, der die vermeintlichen arabisch-islamischen Ambitionen in Europa beschreibt – in die Mitte der westlichen Gesellschaft schleicht. Extremes Gedankengut, auf das sich Menschen wie der norwegische Attentäter Breivik berufen, finde sich ganz ähnlich bei angesehenen Personen des öffentlichen Lebens wieder - von Vertretern der US-amerikanischen Tea-Party-Bewegung über den Financial Times-Kolumnisten Christopher Caldwell bis hin zum niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders oder dem deutschen Volkswirt und Sozialdemokraten Thilo Sarrazin.

Eben diese Verschiebung extremen Gedankenguts in die Mitte der Gesellschaft hat Saunders angeregt, die verbreiteten Ängste sachlich und unvoreingenommen auf ihre Substanz zu prüfen. Er greift systematisch verschiedene Behauptungen auf und überprüft ihren Wahrheitsgehalt mit Hilfe verschiedenster aktueller Studien und Befragungen. Dabei handelt er die drei Themenbereiche Bevölkerung, Integration und Extremismus ab. Der erste Bereich spürt der Angst davor nach, dass sich die muslimische Bevölkerung aufgrund von hohen Geburtenraten und starker Einwanderung in absehbarer Zeit zur stärksten Bevölkerungsgruppe im Westen entwickeln könnte. Der zweite Bereich geht der Frage nach, ob muslimische Einwanderer per se unwillig oder unfähig zur Integration seien, und der dritte, ob dem Islam ein Hang zum Terror und Gewalt inne liege. Saunders Buch zeichnet sich nicht nur durch die gelungene Zusammenführung aktueller Studienergebnisse zur muslimischen Bevölkerung in westlichen Ländern aus, sondern auch durch den Vergleich mit anderen Bevölkerungs- und Religionsgruppen. Er zeigt etwa, dass gläubige Muslime den Werten der Verfassung ihrer Aufnahmeländer mehrheitlich loyaler gegenüberstehen als ihrer Religion – und dass diese Loyalität oft deutlicher ausgeprägt ist als bei anderen Glaubensgemeinschaften. Ähnlich verhält es sich mit dem Wunsch nach Einführung religiöser Gesetze in die staatliche Rechtsprechung oder mit der Akzeptanz von Gewalt. So kommen Muslime, die zu Terrorakten bereit sind, selten aus gläubigen Elternhäusern. Meistens haben sie sich erst kurz vor der Radikalisierung dem Islam zugewandt und verwenden Religion als Rechtfertigung für politisches Handeln.

Saunders vergleicht die Einwanderung von Muslimen mit der Einwanderung anderer Glaubensgemeinschaften auch aus einer historischen Perspektive. Er zeigt, dass sich die heutige Angst vor einer muslimischen „Überflutung“ der westlichen Kultur kaum unterscheidet von den Befürchtungen vor einer katholischen oder auch jüdischen „Flut“ im 19. und 20. Jahrhundert. Ausgelöst wurden diese damals durch massive Wanderungen vor allem von katholischen Iren und osteuropäischen Juden. Beide Gruppen stießen in ihren Aufnahmeländern auf große Befremdung und Distanz. Wie heute den Muslimen wurde ihnen vorgeworfen, integrationsunfähig zu sein und eine Gefahr für die westliche Kultur darzustellen – Befürchtungen, die sich nicht bewahrheitet haben. Der Blick auf diese früheren Einwanderergruppen lohnt, um zu verstehen, von welchen Hindernissen, aber auch positiven Weichenstellung ihre Integration bestimmt wurde.

Obwohl es manchmal etwas plakativ erscheinen mag, bleibt Saunders Buch immer sachlich. Auch verharmlost er nicht, dass durch misslungene Integration von (muslimischen) Migranten tatsächlich große gesellschaftliche Spannungen entstehen können – und das oft über Generationen hinweg. Diesem Aspekt wird Saunders im abschließenden Teil des Buchs gerecht. Er beschreibt, wie Migranten der zweiten und dritten Generation durch Vorurteile und soziale Barrieren der Weg zu einer gesellschaftlichen Teilhabe erschwert wird. Dies führe zu einer empfundenen Herabstufung der eigenen Identität. Eine solche Abwertung könne, laut Saunders, viel schwerer wiegen als die reale Ausgrenzung, die die erste Einwanderergeneration erlebt hat. Aus ihr entstehe Frustration und die berge sozialen Sprengstoff. Denn viele Migranten könnten sich auf der Suche nach Anerkennung und Erfolg von der Gesellschaft der Aufnahmeländer abkehren. Doch auch bei diesem Problem handelt es sich, laut Saunders, um eine typische Etappe in der Abfolge von Integrationsphasen, die zur sich ständig wandelnden kulturellen Lebenswirklichkeit von modernen Gesellschaften gehören.
„Mythos Überfremdung“ lässt sich als Abrechnung – so auch der Untertitel – mit allen beschreiben, die engstirniges Denken und populäre Meinungen verbreiten, ohne sie zu hinterfragen. Gleichzeitig ist das Buch ein beachtenswertes Plädoyer für eine offene Gesellschaft und mehr Gelassenheit im Umgang mit Migranten und anderen Kulturen.

Doug Saunders: Mythos Überfremdung. Eine Abrechnung. Karl Blessing Verlag, München. 2012. 256 Seiten. 18,99 Euro.

 

In eigener Sache
Projekt zu „Afrikas Demografischen Herausforderungen“ erfolgreich abgeschlossen

Dank einer Förderung durch die Europäische Kommission hat das Berlin-Institut von 2010 bis 2012 gemeinsam mit drei weiteren Organisationen eine Öffentlichkeitskampagne zu Afrikas demografischen Herausforderungen durchgeführt. Im Zuge der Kampagne hat das Berlin-Institut die gleichnamige Studie erarbeitet. Sie stellt neben den Herausforderungen auch die demografischen Chancen unseres Nachbarkontinents heraus und gibt Handlungsempfehlungen. Denn die Aussicht auf eine demografische Dividende besteht für Afrika nur, wenn die Weichen richtig gestellt werden.

Externe Gutachter haben die Kampagne nun im Auftrag der Europäischen Kommission ausgewertet. Sie haben dafür auch Entscheidungsträger in europäischen und afrikanischen Ländern befragt. Dabei wurde die Studie besonders gelobt: 70 Prozent der Befragten bezeichneten sie als „sehr nützlich“, einige sogar als „unentbehrlich“. Durch ihre hohe Qualität habe sie die Glaubwürdigkeit der insgesamt sehr erfolgreichen Kampagne untermauert.

Das Berlin-Institut befasst sich auch nach Ende der Kampagne weiterhin mit der Demografischen Dividende, derzeit in Zusammenarbeit mit der GIZ und der Weltbank. Einen kompakten Überblick zur demografischen Dividende mit Materialsammlung finden Sie in unserem Themenspecial.



Ausgabe 150, 20.03.2013

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