Städte werden attraktiv für Familien
Lange Zeit gab es auf dem Land mehr Kinder als in den Städten – das ändert sich allmählich
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Nur schauen, nicht anfassen
Nach dem Auftakt im Berliner Naturkundemuseum eröffnet die zentrale Ausstellung des Wissenschaftsjahrs 2013 „Zukunft leben – Die demografische Chance“ nun in Mainz – Station zwei auf ihrer einjährigen Deutschlandtour. Mit dem Ausstellungskonzept versucht die Leibniz-Gemeinschaft, trockenen, demografischen Daten ein Gesicht zu geben – was nicht in allen Ausstellungsbereichen gelingt.
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Städte werden attraktiv für Familien
Lange Zeit gab es auf dem Land mehr Kinder als in den Städten – das ändert sich allmählich

Zwischen 2002 und 2010 hat Deutschland etwa 800.000 Einwohner verloren, gleichzeitig nimmt der Bevölkerungsanteil jüngerer Menschen kontinuierlich ab. Regional hat sich dieser demografische Wandel jedoch sehr unterschiedlich ausgewirkt. Die Bevölkerungsstatistik zeigt deutlich, dass wir uns in einer Phase der Reurbanisierung befinden, in der Städte gegenüber ländlichen Gemeinden als Wohnorte an Bedeutung gewinnen. Während viele Groß- und Mittelstädte demografisch wachsen oder zumindest stabil sind, verlieren vor allem entlegene ländliche Räume Einwohner.

Die Statistik des Bundesamts für Bau-, Stadt- und Raumforschung gliedert Deutschland in 80 Großstädte, 609 Mittelstädte, 2550 Kleinstädte (die häufig in ländlichen Regionen liegen) und 1310 ländliche Gemeinden oder Gemeindeverbände. Betrachtet man eine Bevölkerungsveränderung von plus/minus einem Prozent im Fünfjahreszeitraum von 2005 bis 2010 als Stabilität, so haben während dieser Zeitspanne etwa zwei Drittel der ländlichen Gemeinden und Kleinstädte, etwa die Hälfte aller Mittelstädte aber nur 32 Prozent aller Großstädte Bevölkerung verloren. Eine Bevölkerungszunahme von mehr als einem Prozent ließ sich in knapp der Hälfte aller Großstädte registrieren (in 35 von 80 Städten). Etwa 20 Prozent der deutschen Mittelstädte sind gewachsen. Von den Kleinstädten und ländlichen Gemeinden hingegen konnten lediglich 14 Prozent Einwohner hinzugewinnen. Die Bevölkerung verlagert sich also tendenziell in städtische Zentren.

Je stärker der Bevölkerungsverlust in einer Region insgesamt ausfällt, umso mehr profitieren urbane Regionen. In den neuen Bundesländern mit ihrem starken Bevölkerungsrückgang stabilisieren sich ausschließlich Großstädte: Unter den elf ostdeutschen Großstädten verzeichnen im genannten Fünfjahreszeitraum immerhin acht Bevölkerungswachstum.

Großstädte bei jungen Menschen immer beliebter
Wanderungssaldo der 18- bis unter 25-Jährigen (Bildungswanderer) nach Gemeindetypen (2000 und 2010) in West- und Ostdeutschland

Wanderungssaldo der unter 18-Jährigen sowie der 30- bis unter 50-Jährigen (Familienwanderer) nach Gemeindetypen (2000 und 2010) in West- und Ostdeutschland

2010 kamen, bezogen auf die Einwohnerzahl, mehr als dreimal so viele sogenannte Bildungswanderer in die ostdeutschen Großstädte wie noch im Jahr 2000. Die Gruppe der Familienwanderer verlässt die ostdeutschen Großstädte hingegen nur noch selten. In Westdeutschland ist die dramatische Zunahme der Bildungsabwanderer aus dem ländlichen Raum auffällig: Sie hat sich zwischen 2000 und 2010 aus den verdichteten ländlichen Kreisen verdreifacht, aus den dünn besiedelten ländlichen Kreisen sogar verfünffacht (Datengrundlage: Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (2012): INKAR 2012. Bonn).


Der ländliche Raum verliert einstigen Kinderreichtum

Der Wunsch nach dem Eigenheim im Grünen hat über Jahrzehnte das Siedlungsverhalten der Familiengründer geprägt. Auch die Fertilität, die durchschnittliche Kinderzahl je Frau, war im ländlichen Raum lange Zeit deutlich höher als in städtischen Regionen. Das zeigt sich am Anteil der schulpflichtigen Kindern und Jugendlichen im Alter von sechs bis unter 18 Jahren: Im Jahr 2000 lag er in städtischen Kreisen (ohne Großstädte) bei 13,6 Prozent der Bevölkerung, in dicht besiedelten ländlichen Kreisen hingegen bei 14 Prozent und in den dünn besiedelten sogar bei 14,2 Prozent. Zwischen 2000 und 2010 hat sich das deutlich verändert: Während der Anteil von Kindern und Jugendlichen an der Bevölkerung Deutschlands insgesamt zurückgegangen ist, konzentrieren sich diese nun stärker in städtischen Regionen. 2010 machten Kinder im Alter von sechs bis 18 Jahren in städtischen Kreisen 12,3 Prozent der Bevölkerung aus, in verdichteten ländlichen Kreisen jedoch nur noch 11,7 Prozent und im dünn besiedelten ländlichen Raum lediglich noch 11,1 Prozent. Somit sind die ländlichen Kreise binnen zehn Jahren von den kinderreichsten zu relativ kinderarmen Regionen geworden.

Unter dem Wert der dünn besiedelten Gebiete liegen allerdings heute noch die Großstädte. Dort sind gerade einmal 9,9 Prozent der Bevölkerung im schulpflichtigen Alter. Bei der jüngsten Generation zeichnet sich jedoch eine Veränderung ab: Waren die Großstädte im Jahr 2000 mit einem Anteil von 5,3 Prozent Kindern unter sechs Jahren auch beim Nachwuchs im Vorschulalter die kinderärmsten Gebiete, leben heute nirgendwo mehr kleine Kinder als in den Großstädten. Zwar betrug dort der Einwohneranteil unter Sechsjähriger auch im Jahr 2010 unverändert 5,3 Prozent – in allen anderen Regionen ist er jedoch deutlich unter diesen Wert gesunken (städtische Kreise 5,0 Prozent, verdichtete ländliche Kreise 4,9 Prozent, dünn besiedelte ländliche Kreise 4,7 Prozent). Großstädte werden für Familien also zunehmend attraktiv.


Ländlicher Raum verliert Vorsprung bei den Kinderzahlen

Gesamtfertilitätsrate (Durchschnittliche Kinderzahl je Frau) nach Gemeindetypen (2000 und 2010) in West- und Ostdeutschland

Im Jahr 2000 war die durchschnittliche Kinderzahl je Frau in dünn besiedelten ländlichen Kreisen des Westens noch die höchste aller Regionen, während die Großstädte des Ostens die niedrigsten Fertilitätsraten aufwiesen. Ein Jahrzent später sind es die städtischen Kreise in Ostdeutschland, in denen die meisten Kinder zur Welt kommen. Im Osten ist die Fertilität zwar in allen Regionen angestiegen, im ländlichen Raum jedoch weniger stark. In Westdeutschland ist sie in den einst kinderreichen ländlichen Kreisen am stärksten gesunken, während sie zumindest in den Großstädten angestiegen ist (Datengrundlage: Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (2012): INKAR 2012. Bonn).


Bildungshungrige junge Menschen verlassen den ländlichen Raum

Die Ursache dieser Entwicklung liegt auf der einen Seite in den veränderten Wanderungsbewegungen junger Menschen. Die Hochschulen der Städte sind Magneten für junge Bildungswanderer, was dafür sorgt, dass potenzielle Familiengründer in die urbanen Räume strömen. Und anders als in der Vergangenheit bleiben sie dort auch häufiger wohnen, wenn sie Familien gründen. Die Wanderungsbilanz der Großstädte und städtischen Kreise sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland hat sich zwischen 2000 und 2010 erheblich verbessert. Besonders deutlich ist die gestiegene Attraktivität ostdeutscher Großstädte: 2010 kamen, bezogen auf die Einwohnerzahl, mehr als dreimal so viele sogenannte Bildungswanderer (Personen im Alter von 18- bis unter 25 Jahren) in die Großstädte wie noch im Jahr 2000. Die sogenannte Gruppe der Familienwanderer, zu der die unter 18-Jährigen sowie die 30- bis unter 50-Jährigen zusammengefasst werden, verlässt die ostdeutschen Großstädte hingegen nur noch selten. Selbst ältere Menschen ziehen heute eher in die Großstädte hinein, als aus diesen fort. In Westdeutschland ist die dramatische Zunahme der Bildungsabwanderer aus dem ländlichen Raum im Vergleich der Jahre 2000 und 2010 auffällig: Der Anteil 18- bis unter 25-jähriger Fortzügler aus den verdichteten ländlichen Kreisen hat sich in diesem Zeitraum verdreifacht, der aus den dünn besiedelten ländlichen Kreisen sogar verfünffacht.

Darüber hinaus ist auch eine Veränderung des Geburtenverhaltens für die regional unterschiedliche Entwicklung verantwortlich. Frauen in ländlichen Regionen bekamen, vor allem im Westen Deutschlands, bis vor einigen Jahren deutlich mehr Kinder als Frauen in den Städten. So lag die durchschnittliche Kinderzahl je Frau in dünn besiedelten ländlichen Kreisen des Westens im Jahr 2000 noch bei 1,55 und war damit die höchste aller Regionen, während die Großstädte des Ostens mit nur 1,2 Kindern je Frau die niedrigsten Fertilitätsraten aufwiesen. Im Jahr 2010 hat sich dieses Bild deutlich gewandelt: Heute sind es die städtischen Kreise in Ostdeutschland, in denen mit durchschnittlich 1,52 Kindern je Frau die meisten Kinder zur Welt kommen. Die Fertilität ist zwar im Osten in allen Regionen angestiegen, im ländlichen Raum jedoch weniger stark als in den städtischen Kreisen. In Westdeutschland ist die Fertilität in den einst kinderreichen ländlichen Kreisen am stärksten gesunken, während sie zumindest in den Großstädten angestiegen ist.

Die wachsende Attraktivität eines urbanen wirtschaftlichen und kulturellen Umfeldes für die weniger werdenden potenziellen Eltern und die Zunahme an Doppelverdiener-Paaren und erwerbstätigen Müttern in Deutschland dürfte dafür sorgen, dass sich Familien mit Kindern in Zukunft immer häufiger innerhalb oder im Umland der Großstädte finden lassen, während sie vor allem in entlegenen ländlichen Gebieten knapp werden.

 

Nur schauen, nicht anfassen
Nach dem Auftakt im Berliner Naturkundemuseum eröffnet die zentrale Ausstellung des Wissenschaftsjahrs 2013 „Zukunft leben – Die demografische Chance“ nun in Mainz – Station zwei auf ihrer einjährigen Deutschlandtour. Mit dem Ausstellungskonzept versucht die Leibniz-Gemeinschaft, trockenen, demografischen Daten ein Gesicht zu geben – was nicht in allen Ausstellungsbereichen gelingt.

Von Pascale Müller

Wer die Ausstellung im Naturkunde Museum betritt, dem fällt zunächst die dreidimensionale, begehbare Bevölkerungspyramide ins Auge. Wie ein Portal empfängt sie den Besucher im Reich der Demografie. Wer verstehen will, was es bedeutet, dass wir immer weniger, immer älter und immer vielfältiger werden, ist hier richtig. Den Ausstellungsmachern gelingt die schwierige Aufgabe, einen breiten Überblick über alle Themen zu geben, die das komplexe Phänomen „Demografischer Wandel“ berührt. Denn dass sich hinter dem Schlagwort mehr verbirgt als nur niedrige Kinderzahlen und Alterung, ist wohl nur wenigen bewusst. Die Ausstellung zeigt nachvollziehbar und eindrucksvoll, dass sich mit der deutschen Bevölkerungsstruktur auch Arbeitswelt, Wirtschaft und das gesellschaftliche Zusammenleben ändern werden und müssen. Sie stellt veränderte Lebensverläufe und Erwerbsbiografien vor und thematisiert Problemfelder wie Zuwanderung, Bildung sowie technische Innovation. Jedem Gebiet ist ein weiß erleuchteter, begehbarer Kubus gewidmet, in dem Videos, Expertenmeinungen und Schaubilder durch das Themenfeld führen.

Es ist dabei erklärtes Ziel der Leibniz-Gemeinschaft zu zeigen, dass der demografische Wandel kein Schreckgespenst ist. Im Vorwort des begleitenden Ausstellungskatalogs klingt das so: „Wurde der demografische Wandel im Sinne des Alterns und der Schrumpfung der Bevölkerung zunächst vor allem als Bedrohung und unabwendbares Schicksal verstanden, so verstärken sich gegenwärtig die Stimmen, diese Entwicklungen als gesellschaftliche und politische Gestaltungsaufgabe und sogar als Chance zu begreifen.“ Doch gerade dieser Punkt kommt in der Ausstellung nicht ausreichend zum Tragen. Denn wo genau die Chancen liegen und welche, notwendigerweise auch politischen, Gestaltungsmöglichkeiten sich durch die Wandlungsprozesse ergeben, bleibt unklar. Die zentralen Begriffe des Ausstellungstitels - „Zukunft“ und „Chance“ – bleiben recht unkonkret und dazu noch etwas farblos.

Das liegt auch daran, dass sich die Ausstellung in weiten Teilen sehr komplex präsentiert. Zugegeben: Der demografische Wandel ist ein sperriges Thema. Aber insbesondere die Grafiken sind teilweise zu klein und detailreich, als dass sie auf Anhieb klar verständlich wären. Keine gute Ausgangslage, um das Interesse des Besuchers zu wecken und ihn am Ball zu halten. Mehr Interaktivität hätte dem Thema gut getan. Der Besucher wird nur an wenigen Stellen wirklich miteinbezogen, etwa indem er sich einen „idealen Lebenslauf“ zusammenstellen kann. Ein lebensweltlicherer Zugang wäre an vielen Stellen eingängiger und möglich gewesen - auch wenn dabei ein Teil der wissenschaftlichen Schärfe verloren gegangen wäre. Insgesamt überwiegt der informierende Charakter der Exponate, der auf den Besucher wirkt, als säße er im Schulunterricht. Das ist schade, denn die Ausstellung hätte einer breiten Öffentlichkeit die Möglichkeit geboten, praktisch zu erfahren, wie stark der demografische Wandel das Leben eines jeden Einzelnen beeinflusst.

Für den gemeinen Zuschauer ist das, was zwischen dem 19. April und dem 2. Juni im Mainzer Römisch-Germanischen Zentralmuseum zu bestaunen ist, wohl recht enttäuschend. Wie man an dem sehr gelungenen Ausstellungskatalog sehen kann, funktioniert das Konzept in Buchform eindeutig besser. Wer sich jedoch nicht vor Daten und Grafiken scheut, sollte dennoch die Gelegenheit nutzen und die Ausstellung auf einer ihrer Stationen besuchen. Außer in Berlin wird sie in den kommenden Monaten noch in sechs weiteren Städten, darunter Bochum, Dresden und München, Halt machen.



Ausgabe 151, 16.04.2013

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