Wächst Deutschland auf 100 Millionen Einwohner? Eher nicht!
Die neueste Ausgabe des „Magazins für politische Kultur“, Cicero, macht mit einer erstaunlichen Prognose von sich reden: „Hurra, wir wachsen!“, lautet die Titelgeschichte, „Das Demografie-Wunder: Deutschland auf dem Weg zum 100-Millionen-Volk.“ Doch nach sämtlichen heute verfügbaren Befunden ist diese Variante in etwa so wahrscheinlich, wie ein Champions-League-Titel für Hoffenheim im kommenden Jahr.
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Wie viele sind wir?
Gegenwärtig hat Deutschland offiziell 81.8 Millionen Einwohner. Dies dürfte sich am 31. Mai 2013 ändern. Dann gibt das Statistische Bundesamt die ersten Ergebnisse der jüngsten Volkszählung bekannt. Sie werden zeigen, wie groß die Bevölkerung in Deutschland wirklich ist. Vermutlich kleiner als angenommen.
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Wächst Deutschland auf 100 Millionen Einwohner? Eher nicht!
Die neueste Ausgabe des „Magazins für politische Kultur“, Cicero, macht mit einer erstaunlichen Prognose von sich reden: „Hurra, wir wachsen!“, lautet die Titelgeschichte, „Das Demografie-Wunder: Deutschland auf dem Weg zum 100-Millionen-Volk.“ Doch nach sämtlichen heute verfügbaren Befunden ist diese Variante in etwa so wahrscheinlich, wie ein Champions-League-Titel für Hoffenheim im kommenden Jahr.

Zumal der Beitrag seine Argumentation ausgerechnet auf dem Bevölkerungswachstum in der sachsen-anhaltinischen Stadt Halle aufbaut. In der Tat hat sich dort die Bevölkerungszahl zwischen 2009 und 2011 geringfügig erhöht. Aber das ist kein Beleg für Wachstum, sondern eher für das Gegenteil: Überall in den neuen Bundesländern gehen die Einwohnerzahlen massiv zurück, und dieser Effekt treibt die Menschen in die Städte. Denn in den ländlichen Gebieten dünnt sich allerorts die öffentliche Infrastruktur aus – von Schulen, über Arztpraxen bis zu Einkaufsmöglichkeiten. Die Städte wachsen also lediglich, weil ihr eigenes Umland immer unattraktiver wird. Halle ist neben Magdeburg die einzige kleine Wachstumsinsel in einem Ozean des Schrumpfens. In den zwei Jahren, in denen Halle 1.382 Einwohner hinzugewonnen hat, musste Sachsen-Anhalt einen Verlust von 42.939 Bewohnern vermelden. Wachstum sieht anders aus.

Menschen zieht es in die Städte – vor allem in die Metropolen

Die Menschen zieht es vor allem dorthin, wo sie Arbeit finden können. Neue Jobs in wissensintensiven Gesellschaften entstehen jedoch tendenziell in Zentren, die eine kritische Masse aus Unternehmen, Forschungseinrichtungen und talentierten Einwohnern vorweisen können. Ob kleinere Städte im Osten Deutschlands, wie Halle, Magdeburg, Jena, Rostock oder Schwerin von diesem Trend profitieren können, wenn sie erst einmal ihr eigenes Umland leergeräumt haben, ist jedoch ungewiss. Von den rund 650.000 Zuwanderern, die Deutschland unter dem Strich in den vergangenen zwei Jahren hinzugewonnen hat, ziehen bis dato die wenigsten in diese Städte, sondern in die großen Zentren, die ohnehin stabil sind oder wachsen.

Bevölkerungsentwicklung von unterschiedlichen Faktoren abhängig

Bevölkerungsprognosen für Deutschland bei variierenden Geburtenraten, Wanderungssaldi und unterschiedlicher Lebenserwartung

Der Wanderungssaldo ist nur einer von drei Einflussfaktoren auf die Bevölkerungszahl. Die weiteren sind die Geburtenhäufigkeit je Frau und die Lebenserwartung. Nur wenn Deutschland in den kommenden Jahren in allen drei Bereichen ungewöhnlich gute Ergebnisse erzielt, fällt der Bevölkerungsrückgang mit prognostizierten sechs Millionen zwischen 2008 und 2060 einigermaßen gering aus. Durchschnittliche Entwicklung bei nur einem Faktor bedeutet hingegen deutliche Verluste. Wenn Frauen weiterhin so wenige Kinder bekommen wie seit rund 40 Jahren und sich Zuwanderung und der Anstieg der Lebenserwartung auf durchschnittlichem Niveau bewegen, schrumpft Deutschland zwischen 2008 und 2060 um rund 17 Millionen Einwohner. [Eigene Darstellung. Datengrundlage: Statistisches Bundesamt (2011): Bevölkerung Deutschlands bis 2060. Ergebnisse der 12. Koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung.)]

Die Bemerkung der Cicero-Autoren, die Kinderzahl je Frau in Deutschland läge in Wirklichkeit gar nicht bei den immer zitierten 1,4, sondern zeige eine Erholung auf 1,55, führt ebenfalls nicht zu einer wachsenden Bevölkerung. Denn erstens wären dafür im Mittel mehr als 2,1 Kinder je Frau nötig, ein Wert den keine Industrienation der Welt (mit Ausnahme von Israel) erreicht und der für Deutschland außerhalb jeder Vorstellung liegt. Und zweitens handelt es sich bei den zitierten 1,55 Kindern um die Ziffer der so genannten „endgültigen Fertilitätsrate“. Diese beschreibt, wie viele Kinder die Frauen tatsächlich im Laufe ihres Lebens bekommen werden. Die endgültige Fertilitätsrate kann höher ausfallen, als die jährlich vermeldete „totale Fertilitätsrate“, nämlich dann, wenn Frauen die Geburt ihrer Kinder in ein höheres Alter aufschieben.

Tatsächliche, nicht potenziell Geborene sind relevant

Doch in Wirklichkeit weiß niemand, ob sich die Frauen, die sich vorerst zurückhalten, im höheren Alter tatsächlich noch für Kinder entscheiden werden. Die endgültige Fertilitätsrate der heutigen Frauen basiert also auf Vermutungen. Vor allem aber fehlen die aufgeschobenen Kinder de facto in der Bevölkerungsstatistik. Nur Kinder, die in einem bestimmten Jahr tatsächlich geboren wurden, können später auch zur Schule gehen und sich irgendwann einmal für die Gesellschaft nützlich machen. Spätere Geburten haben deshalb auf die demografische Entwicklung den gleichen Effekt wie weniger Geburten. Für die Frage, wie viele Kinder heute in Deutschland leben, taugt deshalb eher die totale Fertilitätsrate TFR. Sie liegt seit nahezu vier Jahrzehnten bei etwa 1,4 und zeigt keine Anzeichen der Veränderung.

Zuwanderung kann Rückgang abschwächen

Bleibt die Frage der Zuwanderung als große Unbekannte bei der künftigen Bevölkerungsentwicklung. Die Cicero-Autoren schreiben dabei munter die ungewöhnlich hohen Saldo-Zuwanderungszahlen der letzten beiden Jahre in die Zukunft fort. Diese beruhen bekanntermaßen auf der Krise in den südeuropäischen Ländern und auf den neuen Regelungen der Reisefreizügigkeit für osteuropäische EU-Staaten wie Bulgarien und Rumänien. Doch selbst diese hohen Zahlen heben den Mittelwert der Zuwanderung über die letzten zehn Jahre nicht einmal auf eine Ziffer von 200.000. So viele Zuwanderer aber wären nach der Bevölkerungsvorausschätzung des Statistischen Bundesamtes nötig, plus eine steigende Lebenserwartung, plus eine ab dem Jahr 2025 steigende Fertilitätsrate auf 1,6 Kinder je Frau, um den erwarteten Bevölkerungsverlust bis 2060 auf sechs Millionen zu begrenzen. Das heißt, selbst unter diesen optimistischsten Annahmen, die das Bundesamt zu bieten hat, wäre mit allem zu rechnen, aber nicht mit einem Anstieg der Einwohnerzahlen.

Selbstverständlich gibt es politische Stellschrauben, mit denen sich die Bevölkerungsentwicklung Deutschlands beeinflussen lässt. Die einzig wirkungsvolle wäre allerdings die Zuwanderungspolitik. Das Land bräuchte langfristig erheblich höhere Einwandererzahlen, als selbst in der beschriebenen Variante des Statistischen Bundesamtes aufgezeigt. Mindestens 400.000 Zuwanderer pro Jahr müssten es im Saldo langfristig schon sein. Das wären etwa doppelt so viele wie im langjährigen Mittel, wobei hier die großen und ungewöhnlichen Zuwanderwellen von Spätaussiedlern und Jugoslawienflüchtlingen zu Ende der 1980er Jahre mit berücksichtigt sind. Möglich wären solche Zuwanderungszahlen, denn das Angebot, etwa aus dem nordafrikanischen Raum, ist mehr als groß genug. Ob diese Zahlen politisch tragbar und sozioökonomisch zu verkraften sind, steht auf einem anderen Blatt.

Wanderungssaldo stark schwankend

Saldo aus Zu- und Abwanderungen in Deutschland

Wie viele Menschen nach Deutschland einwandern, hängt von vielen, vor allem ökonomischen Faktoren ab. In den vergangenen beiden Jahren war der Wanderungssaldo nach Deutschland ungewöhnlich hoch und lag weit über dem Durchschnitt von rund 108.000 zwischen 2003 und 2012. Zu Beginn und Mitte der 1990er Jahre sorgten nach der Wende Einwanderungswellen aus Ost- und Südosteuropa für besonders hohe Zugewinne. Der Durchschnitt der Nachwende-Zuwanderung liegt deshalb mit etwa 223.000 wesentlich höher. Das zeigt: Zuwanderung ist stark abhängig von Einzelereignissen. In den vergangenen Dekaden waren Wanderungsüberschüsse von 200.000 und mehr eher selten. [Eigene Darstellung. Datengrundlage: Statistisches Bundesamt (2013): Bevölkerung und Erwerbstätigkeit. Wanderungen. Angabe zum Wanderungssaldo 2013: Vorläufiges Ergebnis des Statistischen Bundesamts (2013).]

Die Autoren haben Recht, wenn sie schreiben, man solle die Zukunft nicht nur aus der Perspektive des demografischen Niedergangs betrachten. Aber mit Wachstumsperspektiven vor Augen, für die es derzeit nicht den geringsten Anzeichen gibt, laufen Politik und Gesellschaft Gefahr, die sehr viel wahrscheinlicheren Folgen der Alterung und des Schrumpfens aus den Augen zu verlieren. Und das wäre fatal.

Ohnehin dürfte das Statistische Bundesamt am 31. Mai einen Strich durch die Rechnung der beiden Cicero-Autoren machen. Dann nämlich werden die neusten Bevölkerungszahlen auf Basis der Volkszählung 2011 veröffentlicht: Nach allem, was bisher bekannt ist, müssen die Einwohnerzahlen Deutschlands dadurch nach unten korrigiert werden. Denn viele Menschen in unserer Statistik existieren nur als Karteileichen. Vermutlich sinkt dann die Bevölkerungszahl auf einen Schlag um etwa eine Million. Damit wären die anvisierten 100 Millionen in noch weitere Entfernung gerückt als ohnehin schon.

In seiner Studie "Nach Punkten vorn. Was Deutschland von der Zuwanderungs- und Integrationspolitik Kanadas lernen kann" hat das Berlin-Institut untersucht, wie Einwanderungspolitik gestaltet werden muss, damit Deutschland für viele, möglichst hochqualifizierte Zuwanderer ein attraktives Migrationsziel wird.

Quellen:

Eigene Darstellung. Datengrundlage: Statistisches Bundesamt (2011): Bevölkerung Deutschlands bis 2060. Ergebnisse der 12. Koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung.

Statistisches Bundesamt (2013): Bevölkerung und Erwerbstätigkeit. Wanderungen.

 

Wie viele sind wir?
Gegenwärtig hat Deutschland offiziell 81.8 Millionen Einwohner. Dies dürfte sich am 31. Mai 2013 ändern. Dann gibt das Statistische Bundesamt die ersten Ergebnisse der jüngsten Volkszählung bekannt. Sie werden zeigen, wie groß die Bevölkerung in Deutschland wirklich ist. Vermutlich kleiner als angenommen.

Vor gut zwei Jahren, zum Stichtag am 9. Mai 2011, haben die kommunalen Meldeämter, die Bundesagentur für Arbeit und andere Behörden ihre Register an die Statistischen Ämter übermittelt. Diese waren seither damit beschäftigt, die Daten abzugleichen, zu korrigieren und mit den Ergebnissen einer Haushaltsstichprobe sowie einer Gebäude- und Wohnungszählung zu kombinieren. Auf diesem Weg haben sie die Einwohnerzahlen Deutschlands und andere damit zusammenhängende statistische Größen neu berechnet. Am Freitag ist es nun soweit: Teil 1 der Ergebnisse der ersten gesamtdeutschen Zählung seit der Wiedervereinigung wird veröffentlicht. Damit bekommt Deutschland endlich eine aktuelle Datenbasis – 32 Jahre nach der letzten Zählung in der DDR und 26 Jahre nach der letzten Zählung in der Bundesrepublik. Seit dieser Zeit wurden die Daten nur fortgeschrieben, also um gemeldete Geburten, Todesfälle und Umzüge korrigiert (wobei im Osten allerdings nicht die Ergebnisse der Volkszählung, sondern ein Auszug aus dem zentralen Einwohner¬register der DDR vom 3. Oktober 1990 als Grundlage diente). Weil es dabei unmöglich immer korrekt zugehen kann, haben sich über die Jahre immer mehr Fehler in die öffentliche Statistik eingeschlichen. Die im Laufe der Zeit angehäuften Karteileichen sollten im Zuge des Zensus 2011 getilgt werden. Und es ist anzunehmen, dass die neueste Zählung die Einwohnerzahl daher nach unten korrigiert.

Der Zensus liefert allerdings nicht nur eine neue Einwohnerzahl der Republik und aller föderaler und kommunaler Untereinheiten. Nur für diese Daten wäre der Aufwand der Zählung viel zu groß gewesen. Er kann darüber hinaus Auskunft zur Struktur der Bevölkerung geben, also zur Frage des Geschlechts, des Alters, des Familienstands, der Staatangehörigkeit oder der Religion. Für Gemeinden über 10.000 Einwohner können weitere personenbezogene Daten wie Schulabschluss oder Erwerbstätigkeit aus den persönlichen Befragungen hochgerechnet werden. Auch Daten über die Zahl und Struktur von Haushalten und deren Wohnsituation wurden erhoben. Ziel war es darüber hinaus, Gebäude- und Wohnungsdaten deutschlandweit verfügbar zu haben. Nicht alle Daten werden allerdings gleich am 31. Mai veröffentlicht. Insbesondere einige familien- und haushaltsbezogenen Daten lassen noch bis Frühjahr 2014 auf sich warten.

Auf die Größe kommt’s an

Die amtlichen Zahlen sind für das politische Gewicht einzelner Regionen und Bundesländer von großer Bedeutung. Besonders deutlich wird dies am Beispiel von Hessen, das darum bangen muss, ob seine Einwohnerzahl unter die Sechs-Millionen-Marke korrigiert wird. Sollte dies der Fall sein, würde das Land eine Stimme im Bundesrat einbüßen. Auch für den Bundestag könnte sich etwas ändern. Dort nämlich zeigt sich das Gewicht der einzelnen Länder indirekt durch die Anzahl der Wahlkreise pro Land. Deren Zuschnitt hängt von der Bevölkerungszahl ab: Sie sollte in allen Wahlkreisen möglichst gleich groß sei, und nirgendwo um mehr als 15 Prozent vom Durchschnitt abweichen. Bei einer Abweichung von mehr als 25 Prozent ist der Gesetzgeber verpflichtet, die Wahlkreisgrenzen neu zu ziehen.

Wichtig ist die Einwohnerzahl auch für verschiedene Verteilungsschlüssel. Bundesländer, die besonders stark vom Länderfinanzausgleich profitieren beziehungsweise von ihm belastet werden, dürften die neuen Zahlen mit Spannung erwarten. Denn an der Einwohnerzahl – genauer: an der Finanzkraft pro Einwohner – entscheidet sich, in welcher Höhe die Gelder fließen. Mit anderen Worten: Sollte die offizielle Einwohnerzahl für Berlin stark genug sinken, werden dies auch die Einnahmen aus dem Länderfinanzausgleich tun. Es würde nicht überraschen, wenn es so käme, denn Berlin ist reich an Studenten und Ausländern, und beide Gruppen gelten erfahrungsgemäß als besonders große Fehlerquellen, wenn es um die Einwohnerzahl geht. In Voruntersuchungen zum Zensus jedenfalls hatte Berlin nach dem Saarland die zweithöchste Karteileichenrate bundesweit. Beide Bundesländer hatten vermutlich auch wenig Interesse, ihre Register aus eigenem Antrieb zu bereinigen, denn sie zählen zu den größten Empfängern im Länderfinanzausgleich. Neben dem Länderfinanzausgleich spielt die Einwohnerzahl auch für den kommunalen Finanzausgleich und für die Verteilung des Länderanteils an der Umsatzsteuer eine wichtige Rolle.

Um Geld geht es auch bei der Besoldung von Bürgermeistern, deren Gehalt sich nach der Einwohnerzahl richtet. Interessant werden die neuen Zensuszahlen vor allem für die Gemeinden sein, deren Einwohnerzahl bislang knapp über oder unter einer Besoldungsgrenze liegt. Für die Gemeinden und ihre Bewohner geht es aber nicht allein ums Geld. An der Einwohnerzahl entscheidet sich auch die Bedarfsplanung der Ärzte. Es ist gut möglich, dass einzelne Kommunen, deren Lage sich durch die neuen Daten verschlechtert, gegen die Ergebnisse klagen werden, denn diese sind nicht nur mit einer statistischen Unsicherheit behaftet, sondern auch nach einem völlig neuen, teilweise schwer zu verifizierenden Verfahren zustande gekommen.

Während es für Länder und Kommunen darauf ankommt, wie sich die Bevölkerung Deutschlands regional verteilt, ist die gesamtdeutsche Einwohnerzahl die maßgebliche Größe, wenn es um Deutschlands politisches Gewicht innerhalb der EU geht. Je mehr Einwohner Deutschland im Vergleich zu seinen europäischen Nachbarn hat, desto ausschlaggebender kann seine Stimme sein, denn die Bevölkerungsgröße der einzelnen Mitgliedstaaten wird sowohl bei der Sitzverteilung im Europäischen Parlament als auch bei Beschlüssen des Ministerrats berücksichtigt. Auch bei Fördergeldern aus den EU-Strukturfonds kommt die Bevölkerungsgröße ins Spiel. Sie richten sich nämlich nach dem Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner.

Vermutlich keine allzu großen Überraschungen

Interesse an den neuen Zahlen dürfte also allerorts bestehen. Bis Freitag 11 Uhr werden die Zahlen noch streng geheim gehalten. Nach dem Wenigen, was vorab in Erfahrung zu bringen war, sind keine ganz dramatischen Korrekturen nach unten zu erwarten. Weder für einzelne Gemeinden, noch für das Land im Ganzen. Deutschland dürfte ab übermorgen zwar keine 81,8 Millionen Köpfe mehr zählen, aber ein Volk von weniger als 80 Millionen Einwohnern sollten wir aller Voraussicht auch durch den Zensus nicht werden.

Überraschungen wird der neue Zensus trotzdem bereithalten. Insbesondere der Ausländeranteil dürfte wesentlich niedriger liegen als bislang gedacht. Denn viele Ausländer sind fortgezogen, ohne sich abzumelden. Saisonarbeiter könnten erfasst sein, obwohl sie längst wieder in ihrer Heimat leben. Andere werden wegen der für deutsche Beamte schwierigen Namen doppelt unter verschiedenen Schreibweisen geführt. Das gilt auch für manche Aussiedler, die bei ihrer Ankunft im Grenzdurchgangslager Friedland als Russen ankamen und das Lager als Deutsche verließen und so zweifach in der Statistik erscheinen. Der Zensus dient gerade dazu, derartige Fehler und Doppelungen zu bereinigen – insofern ist es nicht verwunderlich, wenn er neue Daten liefert.

Kombiniert statt durchzählt

Dem Zensus 2011 liegt ein eigens entwickeltes Verfahren zugrunde, das sich auf Registerdaten stützt und diese mit Ergebnissen weiterer Erhebungen kombiniert. Ganz grob lassen sich die drei Bestandteile des Zählverfahrens wie folgt beschreiben: Erstens wurden verschiedene offizielle Register, etwa der Einwohnermeldeämter oder der Bundesagentur für Arbeit, zusammengeführt und miteinander abgeglichen – um Doppelungen zu finden und um möglichst viele statistische Merkmale, etwa zum Erwerbsleben, zu erhalten. Zweitens wurde eine Gebäude- und Wohnungszählung durchgeführt. Das heißt, Immobilienbesitzer mussten Angaben zur Anzahl der Bewohner in selbst genutzten oder vermieteten Wohnräumen per Post an die statistischen Ämter liefern. Drittens wurde ein Teil der Menschen zu Hause aufgesucht und befragt. Und zwar einerseits all jene, die an Sonderanschriften wie Gefängnissen oder Altersheimen wohnen, und andererseits eine Stichprobe an Menschen, die in Gemeinden mit mehr als 10.000 Einwohnern per Zufallsverfahren ausgewählt wurde. In Gemeinden mit weniger als 10.000 Einwohnern gab es hingegen keine Stichprobe. Hier wurden Unstimmigkeiten, die sich beim Abgleich zwischen den Registern und der Gebäude- und Wohnungszählung auftaten, direkt geklärt. Die Daten, die über diese drei Verfahren gewonnen wurden, wurden miteinander verrechnet, um so unter anderem zu einer korrigierten Version der Registerdaten zu gelangen.


Methodik der Datenerhebung beim Zensus 2011

Spätestens im Frühjahr 2014 sind alle Auswertungen des Zensus abgeschlossen. Dann nämlich fordert die EU die Ergebnisse ein. Neben den Gebäude- und Wohnungsdaten werden dann auch sämtliche Haushalts- und Personendaten vorliegen. Die EU interessiert sich insbesondere für Fragen zur Berufstätigkeit. Diese machen daher einen Großteil des Fragebogens aus, den all jene ausfüllen mussten, die bei der Haushaltsstichprobe befragt wurden. (Quelle: Unterlagen zum Pressebriefing des Amts für Statistik Berlin-Brandenburg am 14. Mai 2013.)

Komplexes Verfahren, das eventuell noch auf den Prüfstand muss

Bei dem angewandten Verfahren ist für den Laien – möglicherweise auch für viele Experten – nur schwer nachvollziehbar, wie der Korrekturprozess im Detail verläuft oder wie sich die vorhandenen Daten zu einzelnen Personen und Gebäuden schließlich zu Haushaltsdaten zusammenfügen. Von verschiedenen Methoden wie „Small Area Estimation“ oder „Inputation“ ist die Rede. Bei letzterem etwa werden leere Flächen im Datenbestand per Computersimulation mit umgebungstypischen Gebäuden bestückt, denen dann Einwohner zugewiesen werden können.

Im Gegensatz zu diesem „registergestützten Zensus“ erscheint eine Vollerhebung, bei der Befrager von Haus zu Haus gehen und alle Einwohner erfassen, vom Vorgehen her weitaus durchsichtiger. Deutschland hat 2011 auf eine solche Vollerhebung verzichtet, unter anderem weil die Bundesregierung Widerstand aus der Bevölkerung befürchtet und mit höheren Kosten gerechnet hatte. Gänzlich fehlerlos ist keines der beiden Verfahren. Denn für eine hochwertige Vollerhebung hätte man kaum die notwendigen qualifizierten Zähler gefunden. Und die Qualität der Vollerhebung steht und fällt mit der Sorgfalt, die die Befrager an den Tag legen. Für das nun angewandte registergestützte Verfahren hingegen gab es keinerlei praktische Erfahrung. Das Ergebnis der Volkszählung ist letztlich nach hochkomplexen mathematischen Modellen errechnet, aus Daten, die nicht zwingend ineinander greifen. Die Statistiker können also nur hoffen, dass ihre Ergebnisse möglichst nahe an die Wirklichkeit heranreichen.

Nach dem Zensus ist vor dem Zensus

Die Frage, ob das registergestützte Verfahren, so wie es dieses Mal angewandt wurde, geeignet und praktikabel ist, wird sicherlich noch gestellt werden, denn die EU verlangt von ihren Mitgliedstaaten künftig alle zehn Jahre eine Zensusrunde. Die Vorbereitungen für die nächste Zählung stehen also bald ins Haus. Vor diesem Hintergrund wird auch die Problematik einer datenschutzrechtlichen Vorgabe offensichtlich: Die bei der Durchführung des Zensus 2011 gewonnenen Erkenntnisse zu einzelnen Personen unterliegen dem Statistikgeheimnis und stehen folglich nicht für eine Korrektur der Melderegister in den Kommunen oder für andere verwendete Register zur Verfügung. Gerade diese Register werden es aber sein, die beim nächsten registergestützten Zensus wieder als Grundlage dienen – sofern an diesem Verfahren festgehalten wird.


Quellen:
www.zensus2011.de

Unterlagen zum Pressebriefing des Amts für Statistik Berlin-Brandenburg am 14. Mai 2013.

Statistische Ämter des Bundes und der Länder (2004) Ergebnisse des Zensustests. In: Wirtschaft und Statistik 8/2004.



Ausgabe 153, 29.05.2013

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