Japan: immer älter – immer weniger
Die Kinderzahlen sind niedrig und die Kosten für die Sozialkassen steigen. Zuwanderer zur Verjüngung der Gesellschaft und gegen den Fachkräftemangel sind unerwünscht. Längst bekommt Japans Wirtschaft die Folgen des demografischen Wandels zu spüren. Ohne tiefgreifende Reformen droht das Land an der Herausforderung zu scheitern.
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Japan: immer älter – immer weniger
Die Kinderzahlen sind niedrig und die Kosten für die Sozialkassen steigen. Zuwanderer zur Verjüngung der Gesellschaft und gegen den Fachkräftemangel sind unerwünscht. Längst bekommt Japans Wirtschaft die Folgen des demografischen Wandels zu spüren. Ohne tiefgreifende Reformen droht das Land an der Herausforderung zu scheitern.

Vieles erinnert bei diesen Fakten an die deutsche Diskussion zu Alterung, Zuwanderung und Familienpolitik. Doch während hierzulande das politische Bewusstsein für die anstehenden Veränderungen in den letzten Jahren stark gestiegen ist, wirkt Japan wie erstarrt. Dies sind die Ergebnisse eines neuen Diskussionspapiers des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung zur demografischen Lage in Japan, das unter Mitwirkung der Japanologin Gabriele Vogt von der Universität Hamburg entstanden ist.

Japan gilt wie Deutschland als Pionier einer demografischen Entwicklung, die früher oder später alle Industrienationen und bald auch die ersten Schwellenländer treffen wird. In beiden Ländern bekommen die Frauen seit vielen Jahren im Schnitt weniger als 1,4 Kinder – eine Zahl, die deutlich niedriger ist, als für eine stabile Bevölkerungszahl nötig wäre. Dort wie hier hat sich die Zahl der Neugeborenen seit den 1970er respektive den 1960er Jahren halbiert.

Pioniere der Alterung

Japans Babyboomer, die sogenannte Massengeneration, sind früher als die deutschen Babyboomer geboren. Deshalb stehen sie auch schon heute am Eintritt ins Rentenalter. Bis 2060 wird Japans Bevölkerung bei anhaltend niedrigen Nachwuchszahlen extrem altern. Im Vergleich dazu nimmt sich Deutschlands Bevölkerung, immerhin die älteste Europas, geradezu jung aus. Aber auch hierzulande dürfte die Altersklasse 65plus bis 2060 etwa 34 Prozent der Bevölkerung ausmachen – in Japan sogar fast 40 Prozent.

In Japan und in Deutschland wachsen derzeit die geburtenstarken Jahrgänge ins Rentenalter, während immer kleinere Kohorten ins Erwerbsalter aufsteigen. Deshalb sinkt in beiden Ländern der Anteil jener, die volkswirtschaftlich aktiv sein können – und es steigt der Anteil der Älteren, die von der Erwerbsbevölkerung versorgt werden müssen. Weil es in Japan jedoch so gut wie keine Zuwanderer gibt und auch keinerlei politische Konzepte für eine Zuwanderung vorliegen, rechnet das Nationale Institut für Bevölkerung und soziale Sicherheitsforschung bis 2060 mit einem Einwohnerverlust von 40 Millionen. Bis Ende des Jahrhunderts wäre nach diesem Szenario ein Bevölkerungsrückgang um zwei Drittel des heutigen Wertes von 127 Millionen zu erwarten. Für kein Land der Welt gibt es derartige Schrumpf-Vorhersagen.

Gleichzeitig würde sich die Alterung über die kommenden Jahrzehnte massiv beschleunigen. Schon in vier Jahrzehnten hätte Japan rund 700.000 über 100-Jährige zu versorgen.

Jenseits des Gipfels

Japan und Deutschland gehören zu den ersten Industrienationen, in denen die Bevölkerung ihren Zenit überschritten hat. In beiden Ländern liegt die durchschnittliche Kinderzahl je Frau seit vielen Jahren unter 1,4. Weil sich aber Japan bisher weitestgehend der Zuwanderung verweigert, sind dort künftig weitaus stärkere Bevölkerungsverluste zu erwarten als in Deutschland. Bis 2060 könnte ein Drittel der japanischen Einwohnerschaft verloren gehen. In Frankreich hingegen, wo die Kinderzahl je Frau etwas über zwei liegt und zusätzlich Zuwanderer ins Land kommen, wächst die Bevölkerung. Ebenso wie in Ägypten, das heute so viele Einwohner wie Deutschland hat, und das hier zum Vergleich als typisches Entwicklungsland aufgeführt ist.


Wirtschaftliche Folgen des demografischen Wandels

Sollte sich die Prognose bewahrheiten, ist es kaum vorstellbar, dass Japan seine Position als drittstärkste Wirtschaftsmacht der Welt aufrecht erhalten kann. Denn parallel mit dem beginnenden Schwund der Erwerbsbevölkerung hat sich seit Beginn der 1990er Jahre das Wirtschaftswachstum deutlich verlangsamt. Seither steckt Japans Ökonomie in der Dauerkrise, während sich die Rahmenbedingungen stetig verschlechtern: Die Kosten der Sozialsysteme steigen wegen der Alterung. Die japanische Staatsverschuldung hat das Rekordniveau von 230 Prozent des Bruttoinlandsproduktes erreicht, unter anderem, weil Japans Regierung immer wieder vergeblich versucht hat, die Krise mit schuldenfinanzierten Konjunkturprogrammen zu beenden. Die Wettbewerbsfähigkeit der einstigen Technologieführer Sony und Co. ist gesunken – unter anderem weil den Forschungsabteilungen die jungen Mitarbeiter und die kreativen Ideen für neue Produkte ausgehen.

Ausklingendes Wachstum

Lange Zeit galt Japan als Innovationsmotor und Wachstumslokomotive der Welt. Bis die Wirtschaft um 1990 in eine Krise kam, von der sie sich bis heute nicht erholt hat. Auch wenn strittig ist, welchen Anteil daran die demografische Entwicklung hat: Mittlerweile ist kaum vorstellbar, dass angesichts der massiven Alterung und des rapiden künftigen Bevölkerungsrückgangs, viel mehr als Nullwachstum zu erreichen ist.


Job oder Kinder statt Job und Kinder

Bisher hat Japan es kaum geschafft, die Folgen des unvermeidlichen Wandels abzufedern. Die Familienpolitik zeigt keine wirklichen Erfolge darin, die Japanerinnen wieder zu mehr Kindern zu ermutigen. Das liegt vor allem daran, dass Japans Gesellschaft von Frauen immer noch erwartet, dass sie ihre Beschäftigung aufgeben, wenn Kinder kommen. Und dass es für Frauen noch weitaus schwieriger ist als etwa in Deutschland, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Selbst wenn die Geburtenraten künftig wieder anstiegen, wofür es bis dato keinerlei Anzeichen gibt, ließe sich mit dem Mehr an Kindern der akute Fachkräftemangel nicht beheben. Denn bis die heute Geborenen ausgebildet sind, vergehen an die 30 Jahre.

Zuwanderung, um die Belegschaften aufzufrischen, gilt in Japan nicht als politische Option. Nur 1,7 Prozent Ausländer leben in Japan, Einbürgerungen sind sehr selten. Zum Vergleich: In Deutschland haben – als Ausländer oder bereits mit deutschem Pass ausgestattet – 19 Prozent aller Einwohner einen Migrationshintergrund. Nicht einmal die dringend nötigen Pflegekräfte für Japans alternde Bevölkerung kommen in ausreichenden Zahlen ins Land. Die Kontingente von jährlich gerade einmal 1.000 Alten- und Krankenpflegern aus den Philippinen oder Indonesien werden nicht einmal ausgeschöpft.

Lediglich wenn es darum geht, ältere Bürger auf dem Arbeitsmarkt oder in der Zivilgesellschaft einzusetzen, ist Japan erfolgreich. Die Menschen arbeiten deutlich länger, als es das offizielle Renteneintrittsalter vorsieht. Rund ein Drittel der japanischen Männer hält 70 Jahre für ein vernünftiges Verrentungsalter, elf Prozent glauben sogar, man sollte bis 75 im Erwerbsleben bleiben. 52 Prozent aller Freiwilligen in der Nachbarschaftshilfe sind über 60 Jahre alt. Viele Senioren verdienen sich als „silberne Humanressourcen“ ein kleines Taschengeld hinzu, helfen in Gemeindebüros aus, kümmern sich um Kinder oder Ältere.


Die Wahl zwischen zwei Krisen

Insgesamt zeigt sich, dass Japan kaum als Vorbild für andere Nationen taugt, wie mit den Folgen des demografischen Wandels umzugehen ist. Nach Meinung der Autoren bleibt dem Land derzeit nur die Wahl zwischen zwei Krisen: Entweder es stürzt aufgrund des Schwundes an jungen Arbeitskräften in eine demografische Abwärtsschleife und in eine dauerhafte Wirtschaftskrise. Oder es öffnet sich für Zuwanderung und gerät dann in eine Identitätskrise, weil es seine noch immer gefühlte ethnische Homogenität aufgibt.


Die Erstellung dieses Discussion Papers wurde aus Mitteln des Förderkreises des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung ermöglicht.

Hier finden Sie das vollständige Discussion Paper als PDF.

Für Interviewanfragen stehen Ihnen zur Verfügung:

Dr. Reiner Klingholz, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, Telefon: 030 - 3101 7560 und E-Mail: klingholz@berlin-institut.org

Prof. Dr. Gabriele Vogt, Universität Hamburg, E-Mail: gabriele.vogt@uni-hamburg.de

 

In eigener Sache

Die Video-Präsentation des Discussion Papers finden Sie hier. Dort können Sie Fragen stellen und haben am Montag, den 01.07.2013, von 11:00 bis 12:00 Uhr auch die Möglichkeit, direkt mit den Autoren zu diskutieren.



Ausgabe 154, 24.06.2013

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