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Ausgabe 26, 12. Oktober 2006

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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Demografischer Wandel trifft die Kirchen besonders hart
Eine Studie zeigt, dass weiterer Mitgliederschwund und sinkende Kirchensteuereinnahmen unausweichlich sind

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Illegale in Deutschland
Wer sie sind, woher sie kommen und warum sie bleiben

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Demografischer Wandel trifft die Kirchen besonders hart
Eine Studie zeigt, dass weiterer Mitgliederschwund und sinkende Kirchensteuereinnahmen unausweichlich sind

Der Mitglieder-Schwund der evangelischen und katholischen Kirchen lässt sich in deutschen Großstädten kaum aufhalten. Grund ist der demografische Wandel, wie eine Studie des Statistischen Amtes in Stuttgart am Beispiel der baden-württembergischen Landeshauptstadt zeigt. Die Zahl der Kirchenmitglieder, besonders der evangelischen Kirche, wird danach in Stuttgart weiter stark sinken. "Die Talsohle des Mitglieder-Rückgangs ist noch nicht erreicht", betont Thomas Schwarz, Leiter des Statistischen Amtes.

Denn die Zahl der Seelen nimmt nicht nur ab, weil die Stuttgarter aus der Kirche austreten. Es werden auch weniger Kinder getauft als Menschen beerdigt werden. Zusätzlich ist der Anteil derjenigen, die keiner Religion oder einer anderen Religions-Gemeinschaft wie dem Islam angehören, in den vergangen 30 Jahren deutlich gestiegen. Heute ist dort nur noch gut die Hälfte der Bevölkerung Mitglied in einer der beiden großen christlichen Volkskirchen: 31 Prozent der Stuttgarter sind evangelisch, 26 Prozent katholisch. 1975 stellen die Christen noch 81 Prozent der Bevölkerung.

Der Anteil der Stuttgarter, die keiner Religion oder einer nicht christlichen wie dem Islam angehören, ist in den vergangenen 30 Jahren deutlich gestiegen. Im Gegensatz zu einer großen Mehrheit von 81 Prozent im Jahr 1975 sind heute nur noch 57 Prozent der Stuttgarter Einwohner Mitglied einer der beiden christlichen Volkskirchen. 31 Prozent sind evangelisch, 26 Prozent katholisch.


Der Stuttgarter Trend ist auch in anderen deutschen Großstädten erkennbar: In München liegt der Anteil der Kirchenmitglieder bei 56 Prozent, in Frankfurt sogar nur bei 48 Prozent. Dieser Mitglieder-Schwund wirkt sich finanziell aus. So haben sich die Steuereinnahmen der evangelischen Kirche in Stuttgart zwischen 1993 und 2004 von 30,4 auf 21 Millionen Euro reduziert. Das wird auch die Kommunen vor neue Herausforderungen stellen: Beispielsweise erhalten die kirchlichen Kindergärten und Kindertagesstätten, damit rund ein Drittel aller Kitas in Deutschland, direkte Zuschüsse aus Kirchensteuermitteln. Die Stadt Hamburg muss bereits den zehnprozentigen Eigenanteil in Höhe von fünf Millionen Euro übernehmen, den die Kirchen zuletzt für ihre Kindergärten bezahlt hatten.

Situation verschärft sich

Angesichts der heutigen Probleme stellt sich die Frage, wie sich die Zahl der Kirchensteuer-Zahler, also der Kirchenmitglieder mit eigenem Einkommen, in den kommenden Jahren entwickeln wird? Die Studie des Statistischen Amtes Stuttgart ist die erste, die das detailliert für eine deutsche Stadt untersucht hat. Das Ergebnis ist ernüchternd: Das im Juli in einem "Perspektivpapier" der evangelischen Kirche formulierte Ziel, den Anteil der evangelischen Bevölkerung in Deutschland konstant zu halten, "erscheint aufgrund der nachhaltig kaum beeinflussbaren demografischen Prozesse sehr unrealistisch", stellt Amtsleiter Thomas Schwarz fest.

Diese Prognose wird verständlich bei einem Blick auf die Gründe für den Mitgliederschwund der evangelischen Kirche in Stuttgart in der Zeit zwischen 1993 und 2005: 41 Prozent des Rückgangs erklären sich dadurch, dass mehr Menschen starben als getauft wurden; 39 Prozent durch Austritte und 20 Prozent durch Abwanderung. Dabei zogen im Saldo deutlich mehr Christen aus Stuttgart fort (9.000 evangelische und 8.500 katholische Einwohner) als Einwohner ohne oder mit anderer Religionszugehörigkeit. Bei dieser Bevölkerungsgruppe glichen sich Zu- und Wegzüge aus.

Durch weniger Kirchenaustritte beziehungsweise mehr -eintritte lässt sich das Schrumpfen der evangelischen wie der katholischen Bevölkerung in Stuttgart somit nicht aufhalten. Denn aufgrund der niedrigen Geburtenraten und der Alterung der Gesellschaft wird es auch künftig einen deutlichen Überschuss der Beerdigungen über die Taufen geben. Der Anteil der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren liegt in der evangelischen Kirche heute 63 Prozent niedriger als 1975, bei der katholischen Kirche 56 Prozent. Das erklärt sich zum Teil mit der nachlassenden Bindung der Bevölkerung an die beiden Volkskirchen. Kinder werden zudem oft später getauft, nämlich im 10. Lebensjahr (Kommunion) beziehungsweise im 14. Lebensjahr (Konfirmation).

Auch durch Zuwanderung werden sich die Mitgliederzahlen kaum aufbessern lassen, denn das Gros der Personen, die aus dem In- oder Ausland nach Stuttgart ziehen, ist nicht christlichen Glaubens. 1975 waren noch knapp die Hälfte der Ausländer in Stuttgart Mitglieder der katholischen Kirche, vor allem italienische, spanische und kroatische "Gastarbeiter" mit ihren Familien. Von diesen sind mittlerweile viele in ihre Heimatländer zurückgekehrt. Mittlerweile ist der Anteil der muslimischen Ausländer (meist aus der Türkei) gestiegen. Insgesamt hat sich in den vergangenen 30 Jahren der Anteil der Einwohner ohne Bindung an eine der beiden Volkskirchen fast verdoppelt.

Gruppe der Kirchenmitglieder altert schneller als der Rest der Bevölkerung

Durch den Wandel stieg in den vergangenen 30 Jahren auch der Altersdurchschnitt der Kirchenmitglieder: Bei der evangelischen Kirche von 40,6 auf 46,6 Jahre, bei der katholischen Kirche von 36,3 auf 43,2 Jahre. Damit sind die Mitglieder der beiden großen Volkskirchen doppelt so stark gealtert wie die Einwohner Stuttgarts insgesamt. Die Gruppe der Menschen ohne oder mit sonstiger Religionszugehörigkeit hat sich dagegen sogar etwas verjüngt - vor allem, weil Migranten in jungen Jahren nach Deutschland kommen und weil sie mehr Kinder haben als die alteingesessene Bevölkerung.

Quelle: Landeshauptstadt Stuttgart, Statistisches Amt

Schon vor 30 Jahren war an der Altersstruktur der Stuttgarter Einwohnerschaft zu erkennen, dass es wenig Nachwuchs gibt. 2005 sind große Anteile aller Altersstufen nicht Kirchenmitglieder - bei den Kindern unter zehn Jahren die Mehrzahl. Das liegt daran, dass Kinder heutzutage später getauft werden als früher und daran, dass ein großer Teil der neugeborenen Stuttgarter aus Migrantenfamilien stammt.


Immer ältere und dabei immer weniger Kirchen-Mitglieder - diese Kombination wird vielfältige Auswirkungen auf die Kirche haben. Wer übernimmt die Ehrenämter, wer kümmert sich um die wachsende Gruppe der betagten Gemeindemitglieder? Wer spendet noch? Wie können bei sinkenden Einnahmen aus der Kirchensteuer die sozialen Einrichtungen von Drogenberatungsstellen bis Kindergärten weiter funktionieren?

Quelle: Landeshauptstadt Stuttgart, Statistisches Amt

Die Mitgliederschaft der Kirchen wird immer älter. In der evangelischen Kirche ist das Durchschnittsalter der Mitgliederschaft in den letzten drei Jahrzehnten um rund sechs Jahre, in der katholischen um rund sieben Jahre angestiegen.


Fundierte Datengrundlage für künftige Planung fehlt

Um sich an dem Wandel so gut wie möglich anzupassen, brauchen die Kirchen neue Strategien und dazu müssen sie zunächst Strukturen und Entwicklung der Mitglieder kennen. Allerdings sind die Basisdaten kaum aufbereitet - der Einfluss des demografischen Wandels auf die Kirchenmitglieder ist bisher nur für Stuttgart untersucht.
Die Planung der Kommunen wird auch durch die dünne Datenlage beeinträchtigt. Die Melderegister erfassen nur öffentlich-rechtliche Religionsgesellschaften, also evangelische und katholische Kirchen. Da für Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften wie des Islam keine Kirchensteuer erhoben wird, existiert keine Rechtsgrundlage, die Religionszugehörigkeit im Melderegister zu speichern und statistisch auszuwerten. Die Zahl der Muslime in Deutschland etwa kann demnach nur sehr grob geschätzt werden.

Die Kommunen, betont Amtsleiter Thomas Schwarz, hätten aber dringenden einen Datenbedarf zur demografischen Entwicklung der Kirchen. Der müsse in der derzeit debattierten Volkszählung 2011 berücksichtigt werden. Absurderweise aber soll bei diesem europaweiten Zensus nach dem derzeitigen Stand der Planung die Religionszugehörigkeit in Deutschland nicht erfragt werden.


Quelle: Joachim Eicken; Kirchen im demographischen Wandel am Beispiel der Landeshauptstadt Stuttgart, Statistik und Informationsmanagement Monatshefte, 7/2006 (PDF-Version)

 

   
     
 

Illegale in Deutschland
Wer sie sind, woher sie kommen und warum sie bleiben

Dank der Globalisierung können Güter, Kapital, Informationen und Ideen fast unbegrenzt über nationale Grenzen hinweg ausgetauscht werden. Menschen hingegen, die der Dynamik von Angebot und Nachfrage auf dem weltweiten Arbeitsmarkt folgen, müssen oft höhere Hürden überwinden. Als "Asymmetrie in der Globalisierung", beschreibt der United Nations Population Fund (UNFPA) diese Diskrepanz ("State of World Population 2006"). Eine Folge davon ist illegale Migration: Nach Schätzungen des UNFPA leben weltweit 30 bis 40 Millionen Menschen ohne gültigen Aufenthaltsstatus außerhalb ihres Heimatlands.

Wie viele Menschen sich illegal - also ohne gültiges Visum oder eine Aufenthaltsgenehmigung - in Deutschland aufhalten, kann nur geschätzt werden. Vorsichtige Hochrechnungen kommen auf 100.000, andere auf eine bis 1,5 Millionen. Einen Anhaltspunkt bieten die Zahlen der von Bundespolizei und Zoll aufgegriffenen Menschen ohne gültige Papiere: 2004 waren das 81.000, wobei durch wiederholte Aufgriffe darunter auch Mehrfachzählungen sein können. Die absolute Zahl ist nicht nur schwer zu ermitteln, weil Illegale nirgendwo gemeldet sind, sondern auch, weil sich die Zahl durch Zu- und Abwanderung von Saisonarbeitern ständig ändert und sich die Gruppen der Illegalen stark unterscheiden. "Den illegalen Migranten gibt es nicht", schreibt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) in einem zusammenfassenden Bericht zur Illegalität von Migranten in Deutschland.

Viele Wege führen in die Illegalität

Die wenigen Daten, die über die Unregistrierten gesammelt wurden, beleuchten nur kleine Ausschnitte der Population und sind mit Vorsicht zu interpretieren. Dennoch kann man einen Eindruck gewinnen, wie sie in die Illegalität geraten sind, warum sie kommen und warum sie bleiben. Ein Großteil der illegalen Migranten scheint mit einem legalen Visum eingereist und nach Ablauf der Aufenthaltsgenehmigung geblieben zu sein. Andere sind ohne oder mit gefälschten Papieren illegal eingewandert und haben einen Asylantrag gestellt. Während der Antrag läuft, sind sie zunächst legal, bei Ablehnung aber wieder ausreisepflichtig oder müssen als "Geduldete" ständig mit der Abschiebung rechnen. Davon waren 2004 knapp 203.000 Menschen in Deutschland betroffen. Von einer Abschiebung bedroht tauchen viele davon unter. In einer Befragung der Diakonie von Beratungsstellen im Rheinland und in Westfalen (2002) hatten 40 Prozent von 441 illegalen Klienten schon einen Asylantrag gestellt und wurden abgelehnt. Insgesamt wurden 2005 fast zwei Drittel der Anträge nicht stattgegeben. Von 48.100 Entscheidungen im Jahr 2005 (Erst- und Folgeanträge) fielen 57 Prozent negativ aus, auch in den Jahren zuvor schwankte die Ablehnungsquote um 60 Prozent. Die wichtigsten Herkunftsländer der Asylsuchenden sind vermutlich auch die der Illegalen: die Russische Föderation, Serbien und Montenegro, die Türkei, der Irak und China. Doch es gibt auch Illegale, die gar nicht erst Asyl beantragen. So tauchen in der Aufgegriffenen-Statistik zusätzlich zu Personen aus den genannten Ländern viele Rumänen und Ukrainer auf. Auch Migranten aus Lateinamerika suchen erfahrungsgemäß fast nie Asyl. Dadurch vermeiden sie es, aufzufallen.

Im Jahr 2005 kamen die meisten Asylbewerber aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus der Türkei, dem Irak und Russland. Da einige Flüchtlinge, die kein Asyl gewährt bekommen, dennoch in Deutschland bleiben, stammen auch Illegale größtenteils aus diesen Ländern. Allerdings tauchen die Nationalitäten derer, die gar nicht erst Asyl beantragen, in der Grafik nicht auf. Beispielsweise gehören Rumänien und die Ukraine zu den häufigsten Herkunftsländern der von Bundespolizei und Zoll aufgegriffenen Illegalen. Auch Lateinamerikaner beantragen selten Asyl.


Die heimlichen Einwanderer kommen aus den unterschiedlichsten Gründen nach Deutschland. Sie ziehen zu ihren bereits hier angesiedelten Familien, suchen als Flüchtlinge Schutz oder wollen einfach arbeiten. Viele können mit dem Lohn, den sie in ihr Heimatland schicken, eine Großfamilie ernähren. Seit Jahren bilden Einwanderer aus Osteuropa die größte Gruppe Illegaler. Mit der EU-Osterweiterung ist der Aufenthalt für die neuen EU-Bürger nun aufenthaltsrechtlich legal geworden, es fehlt meist nur die Arbeitserlaubnis.

Wenig Geld ist viel wert

Experten sind sich weitgehend einig, dass die unerlaubten Migranten, wie viele es auch sein mögen, keine negativen Auswirkungen auf die übrige Gesellschaft haben. Bis auf ihren unerlaubten Aufenthalt begehen diese Menschen kaum Straftaten, beziehen keinerlei Sozialleistungen und belegen auf dem Arbeitsmarkt eine Nische, die nur einen Bruchteil der Schwarzarbeit ausmacht: 87 Prozent der in der Schattenwirtschaft erbrachten Arbeitsstunden leisten Deutsche und legale Ausländer. Für den, der Schwarzarbeiter beschäftigt, haben Illegale den "Vorzug", dass sie für einen minimalen Lohn eine maximale Stundenzahl zu arbeiten bereit sind. Oft profitieren Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichermaßen davon, wie in Interviews einer qualitativen Studie von Philip Anderson im Auftrag der Stadt München (2003) deutlich wurde. Problematisch ist allerdings die ständige Gefahr, erpresst und ausgenutzt zu werden. Vor allem Frauen geraten leicht in Abhängigkeitsverhältnisse. Denn unerlaubter Aufenthalt ist ein Straftatbestand (Studie über Illegale in München, Philip Anderson (2003)).

Je länger sie sich schon in Deutschland aufhalten, desto härtere Strafen haben Illegale zu befürchten, wenn sie entdeckt oder verraten werden. Auch jemand, der ihnen Unterkunft gewährt, macht sich strafbar. Deshalb ist es besonders für Flüchtlinge mit ungesichertem Status gefährlich, weitere Landsleute aufzunehmen.

Zurück ins Heimatland zu gehen, ist für Viele unvorstellbar. Wenn sie kein Asyl bekommen, bleibt als Weg aus der Illegalität die Heirat mit einem einheimischen Staatsbürger oder Aufenthaltsberechtigten. Allerdings sind Zweckehen nicht nur strafbar, sondern münden nicht selten in unwürdige Abhängigkeit.

Dass viele der illegalen Immigranten kommen, um zu arbeiten, zeigt sich auch an der demografischen Zusammensetzung dieser Gruppe. Auch wenn kaum gesicherte Daten vorliegen, ist anzunehmen, dass die meisten zwischen 20 und 40 Jahre alt sind - in der Mehrzahl Männer. Von der Reinigungskraft über den Krankenpfleger bis zum Softwareentwickler sind sie in den verschiedensten Jobs beschäftigt, wie sich bei den Befragungen in München zeigte. Frauen sind oft als private Haushaltshilfen beschäftigt, die fast nur in den alten Bundesländern benötigt werden. Auch die Nationalitäten verteilen sich ungleich: So finden sich in Norddeutschland mehr Afrikaner, im Süden mehr Südeuropäer. Im Rhein-Main-Gebiet gibt es beispielsweise mehr Philippinas als in anderen Regionen, weil sie in den Haushalten der dort stationierten US-amerikanischen Streitkräfte arbeiten. Da Großstädte mehr Anschlussmöglichkeiten bieten, sind hier mehr Illegale zu vermuten als auf dem Land. Wenn wohl auch die meisten arbeitsfähig, jung und gesund sind, gibt es dennoch illegale Kinder und ältere Menschen, die den jungen nachgezogen sind. Nach äußerst vagen Schätzungen von Beratungsstellen kommt auf zehn bis fünfzehn Erwachsene ein Kind.

Krankenhäuser und Schulen bleiben verschlossen

Schwangerschaft und Krankheit treffen Illegale besonders hart - denn sobald sie Hilfe in Anspruch nehmen, werden sie dem Ausländeramt gemeldet. Unprofessionelle Behandlung als Folge kann die Gesundheit aller gefährden, da so auch ansteckende Krankheiten verschleppt werden. Einige Arztpraxen bieten anonyme Hilfe an, doch ein Krankenhausaufenthalt, zum Bespiel zur Entbindung, ist aufgrund der Meldepflicht und Abrechnungsschwierigkeiten nur in den seltensten Fällen möglich. Auch Schulen sind prinzipiell dazu verpflichtet, Menschen ohne Aufenthaltsstatus zu melden. Doch nicht alle halten sich daran. So entschied die Stadt Freiburg, dass der Aufenthaltsstatus bei der Aufnahme nicht erfragt wird.

In Deutschland begeben sich alle, die Illegalen helfen, in eine rechtliche Grauzone. Dies handhaben nicht alle Staaten so. In Spanien und Großbritannien zum Beispiel können sich Illegale bei den kommunalen Behörden melden und bekommen Zugang zum öffentlich finanzierten Gesundheitssystem mit einer minimalen Grundversorgung. Auch in Frankreich, Italien und den Niederlanden bestehen entsprechende Regelungen. Das Bamf schlägt vor, ein solches Modell als Vorbild zu nehmen. Es empfiehlt, legale Zuwanderungsmöglichkeiten zu erweitern, Illegalität vom Straftatbestand zu einer Ordnungswidrigkeit herabzustufen und die humanitäre Hilfe zu entkriminalisieren. Weiter sollten Illegale Zugang zu Bildungseinrichtungen, Rechtsberatung und Krankenversicherung haben.

Massenlegalisierungen, wie sie von Menschenrechtlern gefordert werden, sind allerdings umstritten und stehen in der deutschen Politik nicht zur Debatte. Auch in Spanien, das im vergangenen Jahr noch fast 750.000 afrikanischen Flüchtlingen Aufenthaltsgenehmigungen erteilte, wird bei dem anhaltenden Run auf die Grenzen Kritik laut. "Es wird keine Massenlegalisierungen mehr geben", sagte Spaniens Vizeministerpräsidentin Maria Teresa de la Vega kürzlich in den Medien. 23.000 Flüchtlinge haben seit Jahresbeginn den vermeintlich sicheren Boden der Kanarischen Inseln erreicht. Befürchtungen zufolge hat die Legalisierung eine "Sogwirkung" auf neue Immigranten. In einem Bericht für den Sachverständigenrat für Zuwanderung und Integration heißt es, dass solche Maßnahmen zwar die aktuelle Situation der Betroffenen verbessern können, bei gleicher Nachfrage würden aber neue Illegale nachwandern (Bericht für den Sachverständigenrat für Zuwanderung und Integration (2004)). Die Erfahrungen zeigen, dass Chancen auf dem Arbeitsmarkt, Verbindungen zu Landsleuten oder die Möglichkeit, im Zielland Asyl zu bekommen eine illegale Einwanderung weit mehr fördern als Barrieren sie verhindern können. Höhere Zäune und mehr Kontrollen vermögen den Zustrom also kaum zu stoppen, sondern beleben allenfalls die Geschäfte von Schleusern und Schmugglern. Um Lösungen zu diskutieren, wäre eine ausreichende Datenlage wünschenswert. Auf der Basis der wenigen vorhandenen Daten können nur wenige ungenaue Schlüsse gezogen werden. Eine Möglichkeit der anonymen Erfassung Illegaler würde eine medizinische Grundversorgung bieten.

Quellen:

Migrationsbericht des Bamf (2005)

UNFPA-Bevölkerungsbericht (2006)

Working Paper des Bamf (2/2005)

Studie über Illegale in München, Philip Anderson (2003)

Studie der Diakonie im Rheinland und in Westfalen (2002)

Bericht für den Sachverständigenrat für Zuwanderung und Integration (2004)

Zusammenfassung der Forschungsergebnisse durch die Arbeitsstelle Interkulturelle Konflikte und gesellschaftliche Integration (Aki) (2004)

Expertise "Menschenschmuggel" des Europäischen Forums für Migrationsstudien (efms) für den Sachverständigenrat (2004)

 

   
 

 

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