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Ausgabe 87, 14. Januar 2010

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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Von Finnland Lernen lernen?
Die finnischen Schulerfolge beruhen auch darauf, dass das Bildungssystem die gleichen Voraussetzungen für alle Kinder schafft

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Mathematik der Kriege
Der Sozialwissenschaftler Paul Collier erklärt die strukturellen Ursachen von politischer Gewalt anhand statistischer Daten

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Von Finnland Lernen lernen?
Die finnischen Schulerfolge beruhen auch darauf, dass das Bildungssystem die gleichen Voraussetzungen für alle Kinder schafft

Ende des vergangenen Jahres berichtete die finnische Zeitung "Kirkko ja kaupunki", wie zwölfjährige Schüler der Grundschule Lauttasaari das Klimaverhalten von lokalen Unternehmen und Institutionen bewerten und weitere Empfehlungen geben. "Diese Arbeit der Schüler bringt der Gemeinschaft konkreten Nutzen. Dabei haben die Kinder das Gefühl, dass sie eine wichtige Aufgabe leisten", erklärt die Lehrerin Tiina Kilpeläinen.

In der internationalen Bildungsdebatte wird das finnische Schulsystem oft als Vorbild für andere europäische Länder angeführt. Insbesondere nach den herausragenden Ergebnissen der Finnen in den Pisa-Studien der OECD hat sich deswegen sogar ein pädagogisch motivierter Finnlandtourismus entwickelt. Die Reisenden wollen sich bei diesen Besuchen etwas von dem Musterknaben Finnland für das Schulsystem ihres Heimatlandes abgucken. Der von Aila-Leena Matthies und Ehrenhard Skiera herausgegebene Sammelband "Das Bildungswesen in Finnland" stellt in Frage, ob dieses Vorgehen Erfolg verspricht.

Matthies und Skiera betonen in ihrer Einleitung, dass das Schulwesen nur ein Element der gesamten finnischen Gesellschaft bildet, das eng mit anderen zentralen Institutionen des Landes verknüpft ist. Dieser Zusammenhang begründe den Erfolg. Deshalb müsse, wer die Stärken und Schwächen des finnischen Schulsystems verstehen will, die gesamte Gesellschaft, ihre Geschichte und Struktur sowie etwa die Kulturpolitik, die Konzepte für die Bildung spezieller Minderheiten, die Lehrerbildung und die Bildungsforschung betrachten. Um dies leisten zu können, haben die beiden Herausgeber Beiträge von 23 Autorinnen und Autoren versammelt. Das Fazit: Finnlands Bildungspolitik kann nicht einfach von Deutschland übernommen werden, zu unterschiedlich sind die Länder.

In Finnland besuchen alle Schülerinnen und Schüler neun Jahre lang die Grundschule und erhalten Unterricht nach einem einheitlichen Lehrplan. Nach der Grundschule ist die Schulpflicht erfüllt. Mit 15 oder 16 Jahren stehen die meisten finnischen Schülerinnen und Schüler dann vor der Wahl: Sie können sich dafür entscheiden, rund drei Jahre lang ein Gymnasium zu besuchen oder eine Berufschule.

Trotz des lokalen und individuellen Spielraumes der Schulen und Lehrenden sind die Lehrpläne auf allen Ebenen national gesteuert. Dadurch sind die finnischen Jugendlichen, ob sie in Helsinki oder in Lappland aufwachsen, nach ihren ersten neun Schuljahren weitgehend mit denselben Grundkenntnissen ausgerüstet. Privatschulen, die besondere didaktische Methoden anwenden, sind in Finnland selten - das Schulsystem ist standardisiert und folgt einem gesellschaftlichen Konsens.

Finnland als Hochburg des Konsenses

"Konsens" ist eines der Wörter, die mit der finnischen Gesellschaft häufig verbunden werden. Der finnische Wohlfahrtstaat wurde in den 1950er Jahren begründet und seitdem durch starke staatliche Investitionen und nationale Steuerung aufgebaut. Im finnischen Mehrparteiensystem regieren breite Koalitionen, die aus größeren und kleineren Parteien zusammengesetzt sind. Das hat zur Folge, dass die zentralen politischen Richtlinien häufig Kompromisse sind.

Die Bürgerinnen und Bürgern haben die Legitimität der staatlichen Institutionen in Finnland bislang kaum in Frage gestellt. Obwohl die öffentlichen Dienstleistungen wie beispielsweise das Schulsystem den Leuten wenige Wahlmöglichkeiten bieten, scheinen die Finnen bis jetzt recht zufrieden damit zu sein. Auch leisten die meisten finnischen Männer nach wie vor Wehrdienst in der finnischen Armee. Der Bereich Gesundheitsfürsorge ist von staatlichen Leistungen und Entscheidungen dominiert. Die Finnen besuchen kommunale Gesundheitszentren, nicht wie in Deutschland Arztpraxen, die sie sich selbst ausgesucht haben. Und die Bevölkerung hat sich weitgehend kritiklos gegen die Schweinegrippe impfen lassen.

Nach Matthies und Skiera fußt das finnische Schulsystem auf der Idee "Gleichheit der Bildungschancen für alle Bürger". Das finnische Modell orientiert sich jedoch eher an dem Ideal der "Gleichheit der Bildung" beziehungsweise der "Gleichheit der Dienstleistungen". Die Vorteile einer einheitlichen Grundschule, der die Schülerinnen und Schüler grundsätzlich nach ihrem Wohnort zugeteilt werden, sind klar. Da die Jugendlichen sich meist erst im Alter von 15 oder 16 Jahren zwischen aufbauenden Schulkarrieren entscheiden müssen, zählen bei der Wahl vor allem die Interessen der Jugendlichen selbst und nicht die ihrer Eltern beziehungsweise deren Bildungsstand oder Einkommen. Allein die Tatsache, dass die finnischen Kinder während der längsten Periode ihrer Schulzeit auf der Grundschule das Klassenzimmer mit Kindern verschiedener sozialer Hintergründe sowie unterschiedlichen Interessen, Stärken und Schwächen teilen, wird als Gewinn an sozialer Kompetenz und somit als Wert und gesellschaftliche Stärke gesehen.

Aila-Leena Matthies schreibt, dass das von der OECD gemessene Niveau der Bildungsleistungen in Finnland hoch ist und zwischen den Kindern nur geringfügige Unterschieden bestehen. Das einheitliche Schulsystem, auf das die positiven Ergebnisse größtenteils zurückgeführt werden, wird von den Finnen fast einmütig akzeptiert. Bei einem Volk, das es gewohnt ist, dass wichtige Entscheidungen zentral vom Staat getroffen werden, überrascht diese Einstellung kaum.

Wie umsetzbar ist Finnlands Modell aber in Gesellschaften, die anders gestaltet sind? Wie gut würde eine Idee von einer zentralstaatlich gesteuerten Einheitsschule in das föderale Deutschland passen? Wie würden die Deutschen, die sich seit langem an eine viel größere Wahlfreiheit gewöhnt haben, so eine "Standardschule" annehmen? Die Debatten um die Gesamtschule zeigen das Konfliktpotenzial.

Pluralismus als Herausforderung

Sogar das lange homogen gebliebene Finnland steht heute vor Entwicklungen, die die Gesellschaft dauerhaft verändern werden. Die zunehmende Mobilität der Finnen, der wachsende Anteil von Migranten und die Tatsache, dass die Finnen gebildeter sind als je zuvor, führen zusammen zu einem Pluralismus der Ansichten und Bedürfnisse. Wie kann ein Schulsystem, das auf den Idealen Gleichheit und Konsens basiert, an diese Anforderungen angepasst werden?

Gegenwärtig leben in Finnland dem Statistikamt Tilastokeskus zufolge rund 140.000 Ausländer. Sogar nach konservativen Schätzungen wird diese Zahl sich in den nächsten 20 Jahren verdoppeln. Gleichzeitig werden die Finnen selbst internationaler: Im Ausland gesammelte Arbeitserfahrungen, Teilnahme an Schüler- und Studentenaustauschprogrammen sowie der Konsum von ausländischen Medien erweitern den Blickwinkel der Finnen.

Immer mehr sind immer besser gebildet

Anteil von 25- bis 34-jährigen Finnen, die einen Abschluss nach der Grundschule absolviert haben (in Prozent)

Seit 1975 ist der Anteil der 25- bis 34-jährigen Finnen, die einen Abschluss der Mittel- oder Oberstufe haben, kontinuierlich gestiegen. Der Anteil derer, die nur einen Grundschulabschluss besitzen, ist dagegen von 50 auf etwa 15 Prozent gesunken (Datengrundlage: Tilastokeskus).

Zu den fundamentalen gesellschaftlichen Änderungen von heute gehört der gestiegene Bildungsstand der Finnen. Seit den 1990er Jahren erreichen mehr als 80 Prozent der Finnen einen höheren Abschluss, als ihn die Grundschule bietet. Bei besser gebildeten Menschen ist das Bedürfnis, ihre Arbeit und ihr Leben selbst steuern zu können, grundsätzlich stärker ausgeprägt.

Diese Entwicklung spiegelt sich auch in den Erwartungen, die die Finnen der Schule gegenüber haben: Die Eltern von heute betrachten die Schulen ihrer Kinder kritischer, als es die früheren Generationen getan haben, und suchen Möglichkeiten, selbst an der Entwicklung des Unterrichts und des Schullebens teilzuhaben. Die Schulen lassen das zu und nutzen dieses Bedürfnis. Darüber hinaus, sind es nicht nur die Eltern, die eine neue Perspektive eingenommen haben: Auch die Schüler selbst verlangen nach mehr Einflussmöglichkeiten.

Individuelle Förderung

Das paßt zu dem finnischen Schulsystem, das offenbar einen Unterricht fördert, der besser als in Deutschland auf die individuellen Stärken und Schwächen der Schülerinnen und Schüler eingeht. In Finnland sind die Lehrkräfte nicht verbeamtet, sondern werden nach Bedarf eingestellt. Vor allem aber sind die Schulen kleiner: Nur drei Prozent aller finnischen Schulen haben mehr als 500 Schüler, 40 Prozent haben weniger als 50 Schüler - und das intime Lernumfeld wirkt motivierend.

Auch die Klassen sind kleiner - und neben dem Lehrpersonal unterstützen weitere Angestellte die Ausbildung der Kinder und Jugendlichen: Schulschwestern kümmern sich um die Gesundheit, Kuratoren sind Ansprechpartner bei sozialen Problemen wie Schule Schwänzen oder Streit zwischen Cliquen. Psychologen hören sich Kummer jeder Art an, Speziallehrer kümmern sich gezielt und nach besonderer Ausbildung um die Schwächeren, eine unbestimmte Anzahl von Assistenten ohne Ausbildung, etwa Abiturienten oder Hausfrauen, unterstützt die Lehrkräfte. Die Lehrenden können sich also ganz auf den Unterricht konzentrieren und müssen nicht wie an deutschen Schulen zwischen allen diesen Rollen wechseln.

Dieses Bildungssystem ist auf den ersten Blick aufwändiger als etwa das deutsche. Allerdings sind Bildungserfolge langfristige Investitionen, deren wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Nutzen sich erst auf längere Sicht zeigt. Angesichts des demografischen Wandels, der den Deutschen künftig immer kleinere Jahrgänge an jungen Menschen bescheren wird, bleibt allerdings kaum eine andere Wahl, als die Ausbildung von Lehrern und Erziehern zu spezialisieren - mit dem Ziel, Schülerinnen und Schüler in kleineren Klassen und Schulen individueller zu fördern und Leistungschwächere zu unterstützen.

Literatur / Links

von Freymann, Thelma (2002): Zur Binnenstruktur des finnischen Schulwesens. In: Freiheit der Wissenschaft 2/2002. http://www.finland.de/dfgnrw/dfg043a-pisa07.htm

Korpela, Salla: Koululaiset narauttivat seurakunnan ympäristöasioissa. In: Kirkko ja kaupunki, 02.11.2009. http://www.kirkkojakaupunki.fi/arkisto/uutiset-ja-ilmiot/12762/

Matthies, Aila-Leena & Skiera, Ehrenhard (Hg.): Das Bildungswesen in Finnland. Geschichte, Struktur, Institutionen und pädagogisch-didaktische Konzeptionen, bildungs- und sozialpolitische Perspektiven Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2009. 292 Seiten, kartoniert, ISBN 978-3-7815-1678-6, 19,90 Euro. http://www.klinkhardt.de/verlagsprogramm/1678.html

Tilastokeskus - Statistics Finland. http://www.tilastokeskus.fi

 

   
     
 

Mathematik der Kriege
Der Sozialwissenschaftler Paul Collier erklärt die strukturellen Ursachen von politischer Gewalt anhand statistischer Daten

Als vor zwei Jahrzehnten der Eiserne Vorhang fiel, schien für manche Beobachter das Ende der Geschichte angebrochen. Der Umbruch erschien ihnen als endgültiger Siegeszug von Liberalismus und Demokratie - und damit als das Ende von Gewalt und Bürgerkrieg. Doch die politische Gewalt verschwand nicht. In einigen Regionen der Welt wurde sie gar schlimmer als je zuvor.

Trotz nahezu unüberschaubaren Mengen von Literatur zu Hintergründen, Anlässen und Folgen einzelner Konflikte bleibt fast immer im Unklaren, was die strukturellen Ursachen von politischer Gewalt sind. Vor allem im deutschen Sprachraum dominieren historisch-philosophische Sichtweisen auf Krieg und Konflikt die Diskussion - wie etwa der Bestseller über die "Neuen Kriege" des Berliner Politikwissenschaftlers Herfried Münkler. Und selbst explizite Konfliktforschungseinrichtungen begnügen sich hierzulande in der Regel mit umfangreichen Beschreibungen spezifischer politischer Auseinandersetzungen, wobei die Klassenkampftheorie von Karl Marx noch immer für Erklärungsversuche taugt.

Paul Collier, Ökonomieprofessor an der Universität Oxford, hat einen gänzlich anderen, einen empirisch-quantitativen Zugang zur Konfliktforschung. Collier und seine Kollegen arbeiten sich nicht an Einzelphänomenen ab, sondern sie untersuchen Konflikt-Datensätze auf statistische Zusammenhänge. Vorstellen kann man sich dies als eine Art Excel-Tabelle, in denen alle Länder der Welt sowie Beginn und Ende sämtlicher aufgetretenen Ereignisse politischer Gewalt verzeichnet sind - Attentate, Putsche, Aufstände und Bürgerkriege. Dies ermöglicht es, zahlreiche weiterer Indikatoren hinzuzufügen, etwa den Grad politischer Repression, das Pro-Kopf-Einkommen, die Altersstruktur der Bevölkerung oder die Höhe der erhaltenen Entwicklungshilfe in einem bestimmten Jahr.

Dank solcher Datensätze muss sich Collier nicht aufs Philosophieren beschränken - er kann genau bestimmen, in welchem statistischen Zusammenhang bestimmte gesellschaftliche oder ökonomische Variablen mit dem Auftreten von politischer Gewalt stehen. Dabei liegen Paul Collier besonders die Länder der "untersten Milliarde" (vgl. die Rezension zu Paul Colliers Buch mit diesem Titel) am Herzen, jene vorwiegend afrikanischen Staaten, in denen die ärmste Milliarde der Weltbevölkerung lebt und wo bisher die meisten Versuche, politische Stabilität und wirtschaftliches Wachstum herbeizuführen, gescheitert sind. Die Erkenntnisse, die Collier und seine Kollegen auf diese Weise gewinnen, sind frappierend - und manchmal sehr ernüchternd.

Den modernen westlichen Umgang mit gescheiterten Staaten, die von Armut und Gewalt gezeichnet sind, prägt die Überzeugung, dass sie durch das Abhalten demokratischer Wahlen gerettet werden könnten. Von da an, so die Annahme, wird alles besser. Doch Colliers Analysen zeigen: Unfreiheit und Repression sind zwar ungerecht, aber sie machen eine sehr arme Gesellschaft nicht gefährlich. Während in autokratisch regierten Staaten der "untersten Milliarde" das Risiko für das Aufflammen eines gewaltsam ausgetragenen Konfliktes 40 Prozent betrug, lag es in weniger repressiven Staaten bei 70 Prozent. In Ländern mit einem Pro-Kopf-Einkommen von weniger als 2.700 US-Dollar pro Jahr, so rechnet Collier vor, erhöht die Einführung von Demokratie sogar das Risiko politischer Gewalt. Der Statistik zufolge machen Wahlen sehr arme Gesellschaften gefährlicher - und nicht selten ärmer.

Anders als in weiter entwickelten Gesellschaften, so Collier, in denen Wahlen Politiker zu guter Politik anspornen, um wiedergewählt zu werden, führen Wahlen in den am wenigsten entwickelten Ländern dazu, dass die Machthaber das Land ökonomisch ruinieren. Denn in Staaten, in denen die Loyalität zum eigenen Clan aus reinem Selbsterhaltungstrieb weit größer ist als die zur "Nation", reicht gute Politik nicht, um den Job zu behalten. Die Herrscher müssen Wähler kaufen oder diese einschüchtern, Opponenten ausschalten, eine ethnische Minderheit als Sündenbock für Missstände aufbauen oder die Wahl fälschen. All das schürt nicht nur Gewalt, es kostet auch eine Menge Geld und Gefälligkeiten. Die "gewählten" Herrscher der ärmsten Länder sind weitaus stärker darin engagiert, Wahlen zu gewinnen, als ihr Land ökonomisch voranzubringen. Während in den OECD-Staaten die Chance, dass eine amtierende Regierung wiedergewählt wird, bei etwa 45 Prozent liegt, beträgt die Chance der Wiederwahl in einer Gesellschaft der "untersten Milliarde" 75 Prozent.

Doch was sind die strukturellen Bedingungen des Aufflammens von Gewalt? Kein Zusammenhang besteht laut Paul Collier mit der so oft bemühten kolonialen Vorgeschichte. Weder macht die einstige Zugehörigkeit zu einem bestimmten Kolonialreich die heutigen Staaten konfliktanfälliger, noch blieben Länder, die nie Kolonien waren, von Bürgerkriegen verschont. Einen starken Zusammenhang gibt es aber mit der demografischen Struktur eines Landes. Ein hoher Anteil junger Männer macht eine Gesellschaft besonders gewaltbereit (wie auch die Studie "Jugend und Kriegsgefahr" des Berlin-Instituts nachgewiesen hat). Gerade die ärmsten Länder der Welt haben Millionen unterbeschäftigte, ehrgeizige junge Männer, die bereit sind, sich für jede Konfliktpartei zu engagieren, die ihnen Einkommen und Status verspricht. Verdoppelt sich der Anteil der 15- bis 29-jährigen jungen Männer an einer Bevölkerung, so vervierfacht sich das statistische Risiko gewaltsamer Konflikte. Ethnische Heterogenität sorgt in armen Ländern zusätzlich für Konfliktstoff, denn andere Volksgruppen bieten sich als Projektionsfläche für Hass und Unzufriedenheit geradezu an. Und auch Reichtum an natürlichen Ressourcen, ob Holz in Liberia, Diamanten in Sierra Leone oder Gold im Kongo, spornen dazu an, sich mit Gewalt einen möglichst großen Anteil daran zu sichern.

Auch die Verfügbarkeit von Waffen spielt eine Rolle. Collier ließ monatelang einen Studenten den Preis einer Kalaschnikow, der beliebtesten Waffe aller Rebellen, in sämtlichen Ländern der Welt recherchieren. Ergebnis: In den Ländern der "untersten Milliarde" bekommt man das russische Maschinengewehr für die Hälfte des Preises, der im Rest der Welt üblich ist. Hintergrund: Schlecht bezahlte Soldaten verkaufen ihre eigenen Waffen auf dem Schwarzmarkt - der Staat wird sie schon neu ausstatten. Und das tut er: Je höher die Militärausgaben eines Staates, um so größer das Risiko eines erneuten Konfliktes. Besonders makaber ist, dass viele der ärmsten Staaten durch Entwicklungshilfe von anderen Ausgaben entlastet sind und so stärker in ihre Armee investieren können. Elf Prozent aller Entwicklungshilfe, so die Analyse von Collier, diffundiert in die Militärausgaben. Geschätzte 40 Prozent der Militärausgaben der ärmsten Staaten der Welt werden mit Geldern der Entwicklungshilfe finanziert.

Die wohl ungewöhnlichste konfliktbegünstigende Variable, die Collier in seinem Datensatz findet, sind Berge. Er entwickelt einen speziellen Indikator, um die "Bergigkeit" von Ländern zu bestimmen und testet den statistischen Zusammenhang mit dem Auftreten politischer Gewalt. Das Ergebnis ist eindeutig: Berge stehen für Gefahr. Hier können sich Rebellen verstecken, aus dem Verborgenen zuschlagen und dann wieder verschwinden. Kampfgruppen wie die des "Leuchtenden Pfades" in Peru schaffen es seit 40 Jahren, sich für Regierungstruppen unerreichbar in den Gebirgen ihres Heimatlandes zu verbergen.

Nun kann man Gebirge nicht abtragen. Dennoch hilft empirisch-quantitative Konfliktforschung auch bei der Frage "Was tun?". Ausgaben für Friedensmissionen - etwa für die Stationierung von Blauhelm-Soldaten - reduzieren sehr deutlich das Risiko, dass sich alte Konflikte erneut zu einem Bürgerkrieg entwickeln. Doch auch die bloße Androhung von Intervention hilft. Als Frankreich sich aus seinen einstigen Kolonien zurückzog, gab es den Staaten des frankophonen Westafrika eine Sicherheitsgarantie: Sollte es zu Unruhen kommen, würde französisches Militär binnen kürzester Zeit eingreifen. Statistisch hat diese Garantie das Risiko gewaltsamer Konflikte in den betroffenen Ländern um drei Viertel reduziert.

Sicherheit ist die Grundlage für Wirtschaftswachstum und steigende Einkommen, die das Risiko von politischer Gewalt weiter deutlich reduzieren. Dafür aber braucht man Kapital und Fachkräfte - beides ist in den ärmsten Staaten dieser Welt in der Regel knapp. Nicht Heerscharen von Beratern und Lebensmittelverteilern, sondern "Maurer ohne Grenzen" wie Collier sich ausdrückt, bräuchten solche Länder.

George Walker Bush hätte sich von Paul Collier beraten lassen sollen, bevor er die Diktaturen in Afghanistan und Irak beseitigen ließ. Vielleicht hätte dieser ihn gewarnt, dass der Wegfall der autokratischen Machtverhältnisse und die rasche Einführung eines Wahlsystems dort nicht zu weniger, sondern zu mehr Gewalt führen würden. Denn beide Staaten sind sehr arm, es gibt viele unbeschäftigte junge Männer und viele Berge. Dennoch handelt Barack Obama richtig, wenn er die Truppen jetzt nicht abzieht. Garantierte Sicherheit und Wirtschaftswachstum ist die einzige Chance dieser Länder, nicht erneut in Chaos und Gewalt zu versinken. Leider, und auch das lehren uns Colliers brillante Analysen zu Krieg und Frieden, ist die statistische Wahrscheinlichkeit, dass sie es dennoch tun, nicht gleich null.

Paul Collier (2009): Wars, Guns and Votes: Democracy in Dangerous Places, 272 Seiten, 19,95 Euro (Hardcover)

Der Band ist 2009 unter dem Titel "Gefährliche Wahl. Wie Demokratisierung in der ärmsten Ländern der Welt gelingen kann" in deutscher Sprache erschienen.

 

   
     
 

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Krankenschwestern weltweit auf Wanderschaft von Mireille Kingma

Nurses on the Move: Worldwide Migration von Mireille Kingma

 

   
 

 

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