Anmelden Glossar Über uns Kontakt  
 
 
Ausgabe 88, 27. Januar 2010

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

Der Abdruck von Artikeln und Grafiken ist honorarfrei. Um die Übersendung eines Belegexemplars wird gebeten.

Wenn Sie den Newsletter DEMOS nicht mehr erhalten wollen, können Sie sich hier abmelden.

 
   
 
   

Afghanistans Bevölkerung wächst sehr schnell
Hohe Kinderzahlen verschlechtern die miserable medizinische Versorgungssituation noch

weiterlesen

"Die Lebensbedingungen sind nicht gleichwertig"
Interview mit Prof. Dr. Klaus Brake, TU Berlin

weiterlesen

In eigener Sache
In französischer Sprache: Discussion Paper des Berlin-Instituts zur demografischen Entwicklung in Deutschland und Frankreich

weiterlesen

In eigener Sache
Neu im Online-Handbuch Demografie

weiterlesen

 
     
 

Afghanistans Bevölkerung wächst sehr schnell
Hohe Kinderzahlen verschlechtern die miserable medizinische Versorgungssituation noch

Lange Zeit ist Afghanistan ein Land mit einer hohen und stabilen Geburtenrate gewesen: Frauen bekamen im Laufe ihres Lebens durchschnittlich mehr als acht Kinder. Auch die Kindersterblichkeit war hoch: Ein Viertel der Kinder verstarb vor dem fünften Geburtstag. In den letzten Jahren hat sich das jedoch geändert.

Der erste und einzige Zensus, den Afghanistan jemals durchgeführt hat, stammt aus dem Jahr 1979. Nur wenig später wurde das Land von der Sowjetunion angegriffen. Wegen dieser zeitgeschichtlichen Umstände gibt es beträchtliche Zweifel an der damals ermittelten Bevölkerungszahl. Die UN-Bevölkerungsbehörde schätzt, dass Afghanistan im Jahr 1979 rund 14 Millionen Einwohner hatte. Das U.S. Census Bureau beziffert die Zahl sogar auf über 16 Millionen. Der Zensus Afghanistans dagegen zählte nur knapp über 13 Millionen Menschen. Eine weitere Bevölkerungszählung war für das Jahr 2008 geplant, ist aber in Absprache mit den Vereinten Nationen auf September 2010 verschoben worden.
Laut der US-amerikanischen Behörde liegt die Fertilitätsrate in Afghanistan mittlerweile bei durchschnittlich 5,7 Kindern je Frau. Der Rückgang hat erst kürzlich eingesetzt. Das U.S. Census Bureau geht davon aus, dass die Bevölkerung von Afghanistan von 28,4 Millionen (Mitte 2009) bis 2050 auf 53,4 Millionen wächst, sich also beinahe verdoppelt. Die Vereinten Nationen sprechen sogar von 73,9 Millionen im Jahr 2050.

Afghanistans Bevölkerung wächst schnell

Das kontinuierliche Wachstum der afghanischen Bevölkerung wird sich auch in Zukunft fortsetzen: Bis 2050 könnte sich die Zahl der Einwohner verdoppelt haben. Die durchschnittliche Kinderzahl sinkt zwar seit einigen Jahren, liegt aber immer noch sehr hoch: Heute bekommt eine Frau im Durchschnitt 5,7 Kinder (Datengrundlage: U.S. Census Bureau).

Fehlende Angebote an Gesundheitsfürsorge

Im Jahr 2003 brachte die afghanische Regierung das ambitionierte Programm "Basic Package of Health Services" (BPHS) auf den Weg. Damit wollte sie den Gesundheitssektor des Landes erneuern und insbesondere im unterversorgten ländlichen Raum Gesundheitsdienste einführen - also dort, wo ein Großteil der afghanischen Bevölkerung lebt. Dass Angebote zur Verbesserung der sexuellen und reproduktiven Gesundheit bereitgestellt werden, ist für Paare, die keine weiteren Kinder bekommen wollen, von immenser Bedeutung. Und der Erfolg ist groß, wenn man die Quote zur Anwendung von Verhütungsmittel betrachtet.

Der "Multiple Indicator Cluster Survey" (MICS) des UN-Kinderhilfswerks Unicef aus dem Jahr 2000, eine Untersuchung, die anhand verschiedener Kenngrößen den medizinischen Versorgungsstand analysiert, kam zu dem Ergebnis, dass 5,3 Prozent aller verheirateten Frauen eine Methode der Schwangerschaftsverhütung anwandten. 3,6 Prozent nutzten eine moderne Methode. Im Jahr 2003 erhöhte sich der Prozentsatz dem erneut durchgeführten Survey zufolge auf 8,7 Prozent. 2006 ist die Anwendung von Verhütungsmitteln auf 15,5 Prozent gewachsen - ein beachtlicher Sprung innerhalb von drei Jahren. Die drei am meisten verbreiteten Verhütungsmethoden waren die Pille (8,1 Prozent), Hormonspritzen (5,4 Prozent) sowie Kondome (2,2 Prozent).

Voraussetzung für die Anwendung aller Verhütungsmittel ist, dass diese verfügbar sind - und das ist längst nicht immer gegeben. Der Datenreport 2009 der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW) spricht von 200 Millionen Frauen weltweit, die keinen Zugang zu Kontrazeptiva haben, obwohl sie verhüten wollen. Und die Müttersterblichkeitsrate ist seit 1994 kaum gesunken: Jedes Jahr sterben mehr als eine halbe Million Frauen an Komplikationen während der Schwangerschaft oder Geburt. Das Ziel, bis 2015 jedem Zugang zu Aufklärung, Verhütungsmitteln und Gesundheitsfürsorge rund um Schwangerschaft und Geburt zu gewährleisten, das die internationale Staatengemeinschaft 1994 bei der UN-Weltbevölkerungskonferenz in Kairo formuliert hat, liegt damit noch in weiter Ferne. Trotz des gewachsenen Wissens über Verhütungsmittel gibt nur jede dritte Frau an, moderne Verhütungsmethoden zu kennen.

Anwendung von modernen Verhütungsmethoden in ausgewählten Ländern 2006

Während in Industriestaaten wie Großbritannien über 80 Prozent der verheirateten Frauen moderne Verhütungsmethoden anwenden, liegt ihr Anteil in Entwicklungsländern wie Mali oder Somalia unter fünf Prozent. Die Zugangsmöglichkeiten unterscheiden sich erheblich (Datengrundlage: Vereinte Nationen).

Die Nähe zu einer medizinischen Einrichtung ist überlebenswichtig

Wenig überraschend ist, dass laut Afghanistan Health Survey (AHS) der Zeitaufwand, der erforderlich ist, um zu einer Gesundheitseinrichtung zu reisen und an ein Verhütungsmittel zu gelangen, eine wichtige Rolle für die Anwendungshäufigkeit spielt: Rund 19,4 Prozent der Frauen, die weniger als zwei Stunden bis zu einer solchen medizinischen Anlaufstelle unterwegs sind (das betrifft über 60 Prozent der befragten Frauen), nutzen die Methoden und Mittel. Müssen sie jedoch zwei Stunden oder mehr bis zu einer solchen Anlaufstelle aufbringen, reduziert sich die Quote derer, die Verhütungsmittel nutzen, auf 9,1 Prozent. Hinzu kommt, dass knapp drei Viertel aller Frauen den Weg zu einem solchen Gesundheitszentrum zu Fuß bewältigen müssen, was mit der großen Bevölkerungsanzahl im ländlichen Raum und dem Mangel an Verkehrsmitteln zusammenhängt.

Afghanistan hat weltweit gesehen eine der höchsten Säuglings-, Kinder und Müttersterblichkeitsquoten. Dafür sind vor allem das Fehlen der vorgeburtlichen Vorsorge für schwangere Mütter sowie die seltenen Impfungen von Kindern verantwortlich. Trotz der schwierigen Versorgungslage ist laut Afghanistan Health Survey (AHS) die Anzahl der afghanischen Frauen, die eine vorgeburtliche Vorsorge von einer medizinischen Fachkraft (Arzt, Krankenschwester oder Geburtshelferin) in Anspruch genommen haben, von fünf Prozent in 2003 auf 32 Prozent in 2006 gestiegen. Das neue Paket zur medizinischen Grundversorgung verzeichnet also Erfolge.

Die Entfernung zur nächsten medizinischen Versorgungseinrichtung hat auch hier einen entscheidenden Einfluss darauf, ob der eingerichtete medizinische Dienst genutzt wird. Denn Frauen, die binnen zwei Stunden eine solche Einrichtung erreichen, waren zweimal so oft vor Ort, um die vorgeburtliche Vorsorge in Anspruch zu nehmen, wie die befragten Frauen, die weiter weg leben. Der Anteil der Frauen, die ihr Kind in einer medizinischen Versorgungseinrichtung entbunden haben, erreichte bis 2007 allerdings nur 13 Prozent.

Afghanistan ist - abgesehen von der sicherheitspolitischen Situation - gegenwärtig von Armut, Analphabetismus und unzureichender Gesundheitsversorgung geprägt. Außerdem steht es vor einem riesigen Bevölkerungswachstum, das diese Probleme noch verschärfen wird.

Der amerikanische Bevölkerungswissenschaftler Richard Cincotta warnte Ende des letzten Jahres in der Zeitschrift "Foreign Policy" davor, angesichts anderer Debatten um Afghanistan die Bevölkerungsentwicklung aus den Augen zu verlieren. Die Ursache dafür, dass die internationale Gemeinschaft und die Medien das Thema vernachlässigen, sei, dass dann über den Status der Frauen in Afghanistan gesprochen werden müsse. Nirgendwo jedoch sei deutlicher zu erkennen als in Afghanistan, so Cincotta, wie sehr die Unterdrückung der Frauen und die staatliche Instabilität zusammenhängen.

Literatur / Links

Afghan Ministry of Health (2006): Afghanistan Health Survey (AHS). Kabul.

Cincotta, Richard (2009): Could Demography Save Afghanistan? In: Foreign Policy, 16.11.2009.

Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (2009): Datenreport 2009. Soziale und demographische Daten zur Weltbevölkerung. Hannover.

Haub, Carl (2009): Winds of Demographic Change in Afghanistan? Population Reference Bureau. Washington DC.

Population Reference Bureau (2009): Population Data Sheet 2009. Washington DC.

UNICEF (2000): Multiple Indicator Cluster Survey (MICS). New York.

UNICEF (2003): Multiple Indicator Cluster Survey (MICS). New York.

Vereinte Nationen (2009): Millennium Development Goals Database.

U.S. Census Bureau (2010): International Data Base 2010.

Human Rights Watch (2009): We have the Promises of the World - Women's Rights in Afghanistan. New York.

 

   
     
 

"Die Lebensbedingungen sind nicht gleichwertig"
Interview mit Prof. Dr. Klaus Brake, TU Berlin

Prof. Dr. Klaus Brake (geb. 1940) hat Architektur und Städtebau an der Technischen Universität Berlin studiert und an der Universität Bremen promoviert. Von 1975 bis 2000 hatte er an der Universität Oldenburg eine Professur für Stadt- und Regionalentwicklung inne. Seit 2000 arbeitet Klaus Brake selbstständig als Berater in Berlin. Gegenwärtig ist Klaus Brake zudem Gastprofessor am Center for Metropolitan Studies der Technischen Universität Berlin. Sein mittelfristiger Forschungsschwerpunkt sind Ursachen und Herausforderungen von Reurbanisierung im Kontext der Wissens- und Kreativökonomie.

Deutschland dürfte bis 2050 etwa zwölf Millionen Einwohner verlieren. Was bedeutet das für die Entwicklung der Regionen?

Unterschiedliches. Metropolregionen werden weniger Bevölkerung verlieren als dünn besiedelte Regionen. In letzteren werden Infrastruktur und Versorgung möglicherweise eingeschränkt werden.

Was heißt das konkret für das Leben vor Ort?

Denen, die in den vom Bevölkerungsrückgang betroffenen Regionen zurückbleiben, fehlen dann wichtige Voraussetzungen, um sich qualitativ so zu entwickeln, wie das üblicherweise in Deutschland möglich ist: etwa durch Weiterbildung und Höherqualifizierung interessante und auch pekuniär attraktive Berufe zu ergreifen.

Das geht dann alles nicht mehr?

Es wird schwieriger. Irgendwann wird Quantität zu Qualität, eine Schule für 30 Prozent weniger Kinder kann ein breites Angebot kaum aufrechterhalten. Die Folge kann sein, dass noch mehr Leute gehen - gerade, wenn sie Kinder haben oder haben wollen.

Ist das eine gesellschaftliche Erosion?

Ja. Übrig bleiben meist die Älteren, die auch körperlich weniger Beweglichen. Es sind die Aktiveren, die gehen, die auch im Kopf mobiler sind. Das entzieht solchen Regionen weitere produktive Ressourcen.

Kann die Politik hier gegensteuern?

Ja - aber noch nicht. Als Erstes müsste sie die Diskussion für dieses Thema öffnen. Noch fehlt ein Gespräch darüber, eine Vision, was wir in 20 Jahren für ein Land sein wollen. Die Regierung stellt aber keine Ziele vor. Dazu müsste sie eine klare Ansage machen: Da wollen wir hin, deswegen machen wir dieses und nicht jenes. Zu den Zielen gehört auch die Auseinandersetzung mit schrumpfenden Regionen - wie soll denn die Bevölkerungsstruktur in Zukunft aussehen? Als Zweites müsste man die Rahmenbedingungen diskutieren und dann als Drittes, und nicht vorher, konkrete Maßnahmen ergreifen.

Wäre es empfehlenswert, gar nicht erst die Lücken entstehen zu lassen? Könnte es ein Ziel sein, den Bevölkerungsrückgang zu verhindern und die Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen zu erhalten? Und wenn ja, wie könnte man das erreichen?

Das wäre ein wichtiger Diskussionspunkt. Wir brauchen sowohl mehr Kinder als auch mehr Zuwanderer. Wir brauchen eine Atmosphäre, die potenzielle Immigranten ermutigt und auch Eltern das Zutrauen gibt, dass Kinder keine Überlastung wären, sondern zu bewältigen wären, auch ökonomisch.

In den zwölf Millionen Bevölkerungsverlust sind ja schon - recht optimistisch - 150.000 bis 200.000 Zuwanderer pro Jahr eingerechnet, mehr als wir in den vergangenen Jahren hatten. Wir bräuchten noch bedeutend mehr Zuwanderer, um die Bevölkerungszahl konstant zu halten - denken Sie, das ist realistisch?

Leider nicht. Das Thema Zuwanderung ist ja erst seit etwa sieben Jahren überhaupt diskussionsfähig. Das müsste "Chefsache" sein, es braucht eine Ermunterung von oben, damit das Land diese Diskussion offen führt und sie nicht den Stammtischen überlässt.

Die Familienpolitik braucht also noch Jahrzehnte, bis sie etwas bewirken kann, und mit einer Zuwanderungsförderung ist vorerst nicht zu rechnen. Was bedeutet das für den Anspruch auf die Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen, der im Grundgesetz verankert ist?

Sie sind nicht gleichwertig. Es ist nicht nur die Bevölkerungsentwicklung, die hier eine Rolle spielt, sondern auch die Veränderung der Ökonomie durch den Strukturwandel hin zu einer Wissensgesellschaft. Dadurch gewannen große Städte lange Zeit an Attraktion, und das nimmt offenbar noch zu.

Was sind die Gründe dafür?

Wissensintensive, kreative Tätigkeiten zielen auf immer wider ganz neue Ideen. Dafür sind sie scheinbar besonders stark angewiesen auf die Erfahrungen, Kenntnisse, Haltungen anderer, die man nur im persönlichen Austausch erhält, und auf ungeplante Kontakte.

Das wäre ja eine sehr soziale Entwicklung - im Unterschied zu der erwarteten Entwicklung hin zur stärkeren Vereinzelung der Menschen durch die neuen Kommunikationstechnologien.

Ja, lange hieß es: "Vergesst die Städte." Eine Weile hat man geglaubt, die Städte würden "verschwinden", indem diese Technologien die direkten, persönlichen Begegnungen überflüssig machen und die Menschen ein privates Heim in der Nähe zur Natur mit besserer Luft und weniger Lärm vorziehen. Eine Entwicklung, die die Eigenheimzulage und die Pendlerpauschale übrigens noch gefördert haben. Aber jetzt heißt es nicht mehr nur "raus aus der Stadt", sondern auch "rein in die Stadt", wie man beispielsweise an Berlin sieht: die Stadt ist attraktiv.

Warum entwickelt sich die Hauptstadt dann so schlecht?

Sie entwickelt sich langsam. Bei dem Strukturzusammenbruch, den Berlin auf allen Gebieten erlebt hat - ökonomisch, politisch, sozial - ist es kein Wunder, dass das lange dauert. Aber vom Potenzial her ist Berlin ein Wissenschaftsstandort, das ist inzwischen erkannt worden. Die Politik hat die Stärken gesucht und identifiziert - das ist erst einmal gelungen. Damit sind alte Hypotheken weg. In Berlin muss alles darum gehen, wie man aus Wissen Arbeit macht. Ich meine nicht nur die Kreativen, sondern auch die Ingenieure und den Bereich Forschung und Entwicklung. Die Kreativwirtschaft ist die Hefe für eine neue Ökonomie. Auch wenn viele prekär beschäftigt sind.

Was heißt das für die Konkurrenz der Metropolen in Deutschland - Hamburg, Stuttgart, München, Frankfurt?

Diese Metropolregionen haben stark davon profitiert, dass Berlin während der Teilung kaputtgemacht worden ist und viele Firmen weggezogen sind, beispielsweise Siemens oder die Banken. Aber diese Städte haben ein Manko: Sie sind sehr arriviert, teuer und nicht sehr kreativ in Hinblick auf Zukunftsthemen. Was machen die, wenn ihre Branchen die Hochblüte überschritten haben? Da sehe ich nichts. Berlin ist dagegen aus der Not heraus unglaublich innovativ.

Wie verhält sich das in einer dicht besiedelten Problemregion wie dem Ruhrgebiet?

Der Umbau läuft ja auch schon seit 40 Jahren, aber sie haben es dort nicht leicht. Dem Ruhrgebiet mangelt es an Urbanität, trotz der Städte. Berlins Grundattraktivität ist viel größer: Berlin ist Hauptstadt und gilt als Ort, in dem die deutsche Geschichte erlebbar wird. Es ist eine offene Stadt mit vielen Brachen und Zwischennutzungen. Hier stellt sich die Frage, wie man die Offenheit verstetigt - in neuen Formen, also weder die jetzigen Brachen nur erhält, noch alles glatt und schön macht und zubaut.

In ländlichen Regionen sind es oft einzelne Bürgermeister und Landräte, die die Motoren für den Erfolg sind. Von diesen Personen hängt die Entwicklung ab - gilt das auch für Städte?

Es scheint so, auch wenn mir der Gedanke widerstrebt, dass die Entwicklung an einer Person und deren Führung hängt.

Braucht Berlin also Politiker mit einer Vision?

Ja. Natürlich nicht im Sinne von Weltfremdheit, sondern von handlungsorientierten Zielen. Das ist ein Manko von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit, aber er hat inzwischen einiges gelernt: Er weiß, dass er Themen, die für Berlin wichtig sind, selbst vertreten muss - beispielsweise die Wissenschafts- und die Integrationspolitik.

Gibt es politische Konzepte, in ländlichen Regionen solche Vordenker und Leute, die die Entwicklung vorantreiben, zu unterstützen?

Ja, durchaus. Die Bundesregierung tritt auf der Ebene des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung einiges los, indem sie Wettbewerbe auslobt, um die Menschen vor Ort aufzufordern, sich mit Veränderungsvorschlägen zu beteiligen und sich zu engagieren.

Ist das wirklich schon ein politisches Konzept, Ideen anderer zuzulassen? Oder ist dieses Programm "integrierter Regionalentwicklung" aus der Not heraus entstanden? Aus der Erkenntnis, dass es mehr Potenziale gibt, als man bislang geglaubt hat, und dass der Staat viele bürokratische Hürden aufgebaut hat, die eine Entwicklung "von unten nach oben" geradezu verhindern?

Ich würde positiv unterstellen, dass das ein Konzept ist - die Bereitschaft, Verantwortung zu stärken. Und dass dahinter die Erkenntnis steht, dass sich unsere Lebenswelt verändert hat. Wir haben es systematisch mit mehr Flexibilisierung zu tun. Es gibt nicht mehr nur die eine Ausbildung, den einen Beruf, einen Arbeitgeber, einen Partner, einen Wohnort. Diese Ordnung ist vorbei - und das prägt das gesellschaftliche Sein und Handeln. Wir müssen viel mehr selbst regeln und in die Hand nehmen, kreativer sein, und dem muss sich die Politik mit mehr Partizipation anpassen.

Zu dieser Flexibilität und Kreativität sind aber nicht alle Menschen gleichermaßen in der Lage. Wie kann die Gesellschaft damit umgehen?

Wir müssen noch eine Antwort auf diese Frage finden. Gleichwertige Lebensbedingungen müssten darin bestehen, jeden überall zu sozialer Kompetenz zu qualifizieren. Denn die Wissensgesellschaft wird die Bevölkerung in Zukunft noch stärker spalten, in jene, die ihr folgen können und jene, die nicht dazu in der Lage sind.

Das Interview führten Margret Karsch und Reiner Klingholz.

Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch und Reiner Klingholz / Berlin-Institut) erlaubt.

 

   
     
 

In eigener Sache
In französischer Sprache: Discussion Paper des Berlin-Instituts zur demografischen Entwicklung in Deutschland und Frankreich

Das Berlin-Institut hat in Kooperation mit dem "Institut français des relations internationales" (IFRI) das Discussion Paper Nr. 2 "Ungleiche Nachbarn" auch für französischsprachige Leser zugänglich gemacht. Das IFRI ist eine unabhängige Forschungsinstitution und ein Think Tank, der Beiträge zu Diskussionen über internationale Angelegenheiten liefert. Unter dem Titel "Le décrochage démographique France - Allemagne" steht das Papier auf den Seiten des IFRI als PDF zum Download bereit.

 

   
     
 

In eigener Sache
Neu im Online-Handbuch Demografie

"Abholzung und Klima" von Jana Lippelt

 

   
 

 

Hinweis in eigener Sache:

Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung ist eine Stiftung mit dem Zweck, Forschung zu demografischen Veränderungen zu betreiben und das öffentliche Wissen über gesellschaftliche Prozesse zu verbessern. Das unabhängige Berlin-Institut erhält für seine Arbeit keinerlei öffentliche Förderung. Spenden und Zustiftungen ermöglichen die erfolgreiche Arbeit des Instituts.

Bankverbindung:
Bankhaus Hallbaum
BLZ 250 601 80
Konto 20 28 64 07

Online spenden per Lastschriftverfahren

Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an:
Dr. Reiner Klingholz
E-Mail: reiner.klingholz@berlin-institut.org
Telefon: 0 30-22 32 48 45

 

 

 

Ältere Ausgaben finden Sie im Archiv:
http://www.berlin-institut.org/newsletter/newsletter_archiv.html

Möchten Sie den Newsletter abbestellen? Bitte hier klicken.

Dieser Newsletter wird herausgegeben von dem Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung,
Schillerstr. 59, 10627 Berlin

Dieser Newsletter wird unterstützt von: