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Ausgabe 89, 9. Februar 2010

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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Über eine halbe Milliarde EU-Bürger
Die Bevölkerung der Europäischen Union wächst durch Zuwanderung und Geburtenüberschuss - Deutschland dagegen schrumpft

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Junge Erwachsene wohnen immer länger im "Hotel Mama"
In den meisten Ländern der EU ist das durchschnittliche Auszugsalter gestiegen

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Wie unterschiedlich Eltern sein können
Die Lebensformen von Familien verändern sich - aber alte Vorstellungen wirken fort

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Über eine halbe Milliarde EU-Bürger
Die Bevölkerung der Europäischen Union wächst durch Zuwanderung und Geburtenüberschuss - Deutschland dagegen schrumpft

Zu Beginn des Jahres 2010 leben in den 27 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union geschätzte 501.259.840 Menschen. Den Angaben des Statistischen Amts der EU Eurostat zufolge wurde damit zum ersten Mal seit der Gründung des Staatenbundes die 500-Millionen-Grenze überschritten. Zum Vergleich: Die Vereinigten Staaten und Kanada kommen zusammengerechnet auf rund 352 Millionen Menschen, China zählt etwa 1,4 Milliarden Einwohner.

Gegenüber dem Vorjahr hat sich die EU-Bevölkerung um rund 1,5 Millionen Menschen vermehrt. Worauf ist der Bevölkerungszuwachs zurückzuführen - auf eine gestiegene Zuwanderung oder weniger Abwanderung, auf mehr Geburten oder weniger Sterbefälle? Diese Faktoren bestimmen das Gesamtwachstum einer Bevölkerung.

Zwei Drittel an Neubürgern hat die EU-27 durch Zuwanderung aus Nicht-EU-Ländern gewonnen. Der übrige Zuwachs kommt dadurch zustande, dass mehr Kinder geboren wurden als Menschen verstarben. Im Gegensatz zu der Entwicklung in der Vergangenheit hat sich das unterschiedliche Gewicht dieser beiden Faktoren mittlerweile wieder angenähert: Während sich die Geburtenüberschüsse in den letzten Jahren langsam aber kontinuierlich erhöhten, brachen die Wanderungsgewinne im Jahr 2009 regelrecht ein: Lag die jährliche Nettozuwanderung seit 2002 zwischen 1,5 und 2,0 Millionen, fiel sie im vergangenen Jahr auf rund 900.000 Menschen. Die Bevölkerung der EU-27 wächst also weiterhin, aber langsamer als zuvor.

Wanderungsgewinne tragen entscheidend zum Bevölkerungswachstum der EU bei
Bevölkerungsgewinn/-verlust je 1.000 Einwohner in den EU-Mitgliedsstaaten 2009

In der EU hatten 2009 zwanzig von 27 Ländern ein Bevölkerungswachstum vorzuweisen. Nur sieben Staaten, darunter Deutschland, verlieren an Bevölkerung. Das kleine und wirtschaftlich starke Luxemburg ist Spitzenreiter beim Wachstum: Im Jahr 2009 kamen auf 1.000 Luxemburger 18 neue Einwohner. Dagegen hat Litauen rund sechs Bewohner je 1.000 verloren. An einem Bevölkerungsverlust nur knapp vorbeigeschrammt ist Irland: Die hohen Wanderungsverluste wurden durch die ebenfalls hohen Geburtenüberschüsse ausgeglichen. In den Jahren zuvor hatte Irland aufgrund des Wirtschaftsbooms noch sehr viele Zuwanderer angezogen. Mit der Krise kehrte sich Trend um (Datengrundlage: Eurostat Datenbank).

Nicht alle EU-Länder konnten von dem Bevölkerungswachstum in der Europäischen Union profitieren. Sieben Länder, darunter die neuen Mitgliedsstaaten Rumänien und Bulgarien, die baltischen Staaten sowie Ungarn und Deutschland, haben 2009 Bevölkerung verloren. Während in Estland der Verlust minimal ist und sich bei weniger als einer Person je 1.000 Einwohner bewegt, verliert Litauen im gleichen Zeitraum rund sechs Einwohner. In Ländern, deren Bevölkerung schrumpft, liegt die Ursache dafür vorrangig im Sterbeüberschuss und nicht in Wanderungsverlusten. Nur in Litauen, in dem Land mit der höchsten Schrumpfungsrate, sind die Wanderungsverluste dreimal so hoch wie die Sterbeüberschüsse.

Rund drei Viertel der 27 EU-Länder konnten dagegen an Bevölkerung gewinnen, wenn auch nicht in der gleichen Größenordnung wie in den Jahren zuvor. Das lässt sich auch auf die gegenwärtige Wirtschaftskrise zurückführen, die den Arbeitsmarkt und damit auch das Migrationsgeschehen beeinflusst. Insbesondere in Irland zeigen sich die Auswirkungen: Es konnte nicht mehr an seinen bisherigen Wachstumsraten festhalten und wandelte sich von einem ehemaligen Spitzenreiter - 2005 kamen auf 1.000 Iren noch 24 neue Einwohner und in absoluten Zahlen fast 100.000 neue Bürger - zu dem Land mit dem geringsten Zuwachs von absolut 864 Personen. Ein relativ junges Einwanderungsland ist damit im Jahr 2009 in Folge der Wirtschaftskrise zu einem Auswanderungsland geworden, welchem nur dank hoher Geburtenraten und einem Geburtenüberschuss ein Rückgang der Bevölkerung erspart bleibt.

Eine ähnliche Entwicklung von einem hohen zu einem geringeren Bevölkerungswachstum ist, wenn auch nicht in dem gleichen Umfang, in den ebenfalls recht jungen Einwanderungsländern Italien und Spanien festzustellen. Beide Länder konnten 2009 jedoch immer noch einen Zuwachs knapp sechs Einwohnern je 1.000 verbuchen. In Italien führen die Wanderungsgewinne sogar zum Ausgleich der Sterbeüberschüsse. Weil in Italien und Spanien wie in fast allen EU-Ländern die Arbeitslosenquoten steigen, hat Spanien bereits begonnen, die Zuwanderung einzuschränken und die Migranten mit Rückkehrprogrammen zur Ausreise zu bewegen.

In Luxemburg dagegen blieben die jährlichen Bevölkerungsgewinne konstant hoch. Fast jedes Jahr kommen auf 1.000 Luxemburger zwischen 14 und 19 Neubürger. In Luxemburg ist wie etwa auch in Schweden, Slowenien, Belgien und Dänemark vorrangig die Nettozuwanderung für das Gesamtwachstum der Bevölkerung verantwortlich: Mehr als 70 Prozent des Wachstums gehen auf die Wanderung zurück.

Weitaus unabhängiger von Zuwanderung sind Länder wie Frankreich, die Niederlande, das Vereinigte Königreich oder Zypern: Über die Hälfte des Bevölkerungswachstums im Jahr 2009 resultierte dort aus einem Geburtenüberschuss. Insbesondere Polen schafft es seit zwei Jahren in Folge, seine Wanderungsverluste durch Geburtenüberschüsse auszugleichen. Dass in Polen mehr Kinder geboren werden als Menschen sterben, ist auf den ersten Blick erstaunlich, denn die Kinderzahl je Frau lag im Jahr 2008 nur bei 1,39, also weit unter jenem Niveau, das für eine stabile Bevölkerung nötig wäre. Doch weil bis zum Ende des kommunistischen Regimes in Polen relativ viele Kinder geboren wurden, ist die Bevölkerung heute ausgesprochen jung, so dass selbst die niedrige Fertilität derzeit noch ausreicht, die Todesfälle mehr als auszugleichen.

Gemeinsam ist den meisten Wachstumsländern, dass sie auch ohne Wanderung wachsen würden, also nur aufgrund der Geburtenüberschüsse. Leider bestätigt sich für die meisten Länder, die an Bevölkerung verlieren, derselbe Zusammenhang - nur mit umgekehrtem Vorzeichen: Wo mehr Menschen abwandern als zuwandern, werden auch weniger Kinder geboren als Menschen sterben. Das ist etwa in Deutschland der Fall, dessen Einwohnerzahl durch beide Faktoren sinkt.

Die Bevölkerung der EU dürfte nach 2035 schrumpfen
Szenario der Bevölkerungsentwicklung von 2008 bis 2060 in Prozent (2008=100)

Ähnlich wie die EU insgesamt dürfte Italien bis in die 2030er Jahre noch an Bevölkerung gewinnen, danach aber kontinuierlich an Bürgern verlieren und die Einwohnerzahl von 2008 später wieder erreichen. Bereits jetzt von einem Bevölkerungsrückgang betroffen sind beispielsweise Deutschland und Bulgarien. Bis zum Jahr 2060 werden in diesen Länder zwischen 14 und 28 Prozent weniger Menschen leben als heute. An Bevölkerung gewinnen werden dagegen etwa Frankreich, Schweden oder das Vereinigte Königreich. Im Vergleich zu 2008 werden 2060 in Frankreich rund 16 Prozent mehr Einwohner leben - im Vereinigten Königreich ist sogar ein Zuwachs um 25 Prozent zu erwarten. Beide Länder dürften dann an Einwohnern reicher sein als Deutschland (Datengrundlage: Eurostat Datenbank, EUROPOP 2008).

Wie sieht die zukünftige Bevölkerungsentwicklung der EU aus?

Die Bevölkerungsvorausschätzungen von Eurostat sagen für die nächsten zwei Jahrzehnte noch ein kontinuierliches Wachstum der Bevölkerung voraus. Es wird voraussichtlich 2035 seinen Höhepunkt erreichen: Über 521 Millionen Menschen dürften dann in den heutigen 27 Mitgliedsstaaten der EU leben. Danach wird die Bevölkerung der EU vermutlich kontinuierlich zurückgehen und bis zum Jahr 2060 auf 506 Millionen schrumpfen - das sind in etwa so viele wie heute. Der Rückgang der EU-Bevölkerung in ferner Zukunft wird stark durch den demografischen Wandel beeinflusst. Dieser steht nicht nur für eine alternde Bevölkerung, sondern ist auch verbunden mit geringen Nachwuchszahlen und schwindenden Zuwanderungspotenzialen aus Ländern, die derzeit noch einen nicht zu vernachlässigenden Teil der Zuwanderer stellen wie die Ukraine, Russland oder China.

Literatur / Links

Europäische Kommission: Eurostat, Data in focus, First demographic estimates for 2009.

Europäische Kommission: Eurostat Datenbank, Bevölkerung und soziale Bedingungen.

Vereinte Nationen: World Population Prospects: The 2008 Revision Population Database.

 

   
     
 

Junge Erwachsene wohnen immer länger im "Hotel Mama"
In den meisten Ländern der EU ist das durchschnittliche Auszugsalter gestiegen

In Deutschland werden sie als "Nesthocker" bezeichnet, in Großbritannien als "Kippers", als "Kids in Parent`s Pockets Eroding Retirement Savings" - was so viel bedeutet wie Kinder, die die Ersparnisse ihrer Eltern aufzehren. Gemeint sind junge Menschen, die auch nach Erreichen der Volljährigkeit noch zu Hause wohnen. In fast allen Mitgliedsstaaten der EU lässt sich die Entwicklung beobachten, dass die Sprösslinge immer länger unter dem elterlichen Dach logieren.

Dauergast "Muttersöhnchen"

Das durchschnittliche Auszugsalter ist zwischen 1995 und 2005 in fast allen Ländern der Europäischen Union gestiegen. Grundsätzlich verlassen Töchter früher als Söhne das Elternhaus. Besonders lange bleiben die jungen Menschen in den südeuropäischen Ländern Spanien, Griechenland, Portugal oder Italien unter dem elterlichen Dach (Daten von 2005, Datengrundlage: European Commission (2008): The life of women and men in Europe; keine Daten für Finnland und Dänemark von 1995, keine Daten für Irland von 2005).

Warum wohnen Erwachsene bei ihren Eltern?

Ein wichtiger Grund ist, dass sich die Ausbildungszeit vieler junger Erwachsener verlängert hat. Und wer noch nicht hauptberuflich Geld verdient, kann es sich kaum leisten, ein Zimmer oder gar eine Wohnung zu mieten. Hinzu kommt, dass die Schulabgänger oft nicht übergangslos, sondern erst mit Verzögerung in die Berufswelt eintreten.

Darüber hinaus erhalten viele Berufseinsteiger nur befristete Arbeitsverträge und können somit nicht langfristig mit einem geregelten Einkommen planen. Sie scheuen das Risiko, auszuziehen, eine eigene Wohnung zu mieten und womöglich bald wieder umziehen zu müssen. Zudem steigt die Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen - auch hier entscheidet der Geldbeutel über die Wohnform.

Meist sind es also ökonomische Gründe, die aber von einem Wandel der Beziehungen zwischen den Generationen befördert werden. Während Generationskonflikte in der Vergangenheit als Hauptursache für den Auszug aus dem Elternhaus galten, muss die jüngere Generation heute im Allgemeinen weniger für ihre persönliche und räumliche Unabhängigkeit kämpfen. Zudem gibt und gab es immer auch Eltern mit "Empty Nest"-Syndrom: Manche Eltern möchten gar nicht, dass ihr Kind auszieht, sondern hängen an ihrem "Nesthäkchen". Dennoch müssen beide Seiten beim Zusammenleben ihre Freiräume immer wieder neu aushandeln. Auch wenn junge Erwachsene die Bequemlichkeit und das kostengünstige Wohnen schätzen, so haben sie doch ihre eigenen Vorstellungen.

Der typische Nesthocker ist männlich, ledig und gehört der höheren Bildungs- und Einkommensschicht an. Zudem sind die Nesthocker oftmals in kleineren Gemeinden im ländlichen Raum zu lokalisieren. In der Großstadt treten sie seltener auf.

Im Allgemeinen ziehen Frauen früher aus dem Elternhaus aus als Männer, meistens schon mit 21 oder 22 Jahren. In Westdeutschland wohnen die männlichen Jugendlichen durchschnittlich bis zum 26. Lebensjahr bei ihren Eltern. In Ostdeutschland ziehen sie dagegen mehr als zwei Jahre früher aus. Vor einem Vierteljahrhundert verließen die jungen Männer noch mit 22 Jahren das Elternhaus.

Ein europaweites Phänomen - wenn auch unterschiedlich ausgeprägt

Aber auch in den meisten anderen Ländern der Europäischen Union steigt das durchschnittliche Auszugsalter. Dabei lässt sich ein Nord-Süd-Gefälle feststellen: Generell stehen die jungen Leute in Nordeuropa früher auf eigenen Beinen als in Südeuropa. Besonders früh verlassen die Kinder in Dänemark und Finnland ihr Elternhaus - die Frauen im Durchschnitt mit 20, die Männer mit 21 Jahren.

In Mitteleuropa liegt das durchschnittliche Auszugsalter der jungen Frauen zwischen 22 und 23, bei den Männern bei 24 Jahren. Die jungen Griechen und Italiener tun sich europaweit am schwersten damit, ihre eigenen vier Wände zu beziehen. Diesen Schritt wagen sie im Durchschnitt erst nach dem 30. Lebensjahr - in Spanien und Portugal nur geringfügig früher.

In fast allen Ländern der Europäischen Union lebt über die Hälfte aller jungen Menschen zwischen 18 und 24 Jahren noch bei ihren Eltern - Ausnahmen stellen lediglich Dänemark und Irland. Besonders deutlich zeigt sich das Nord-Süd-Gefälle bei den 25- bis 29-Jährigen: Während in Finnland (Frauen: fünf Prozent, Männer: 16 Prozent) und in Dänemark (zwei Prozent, fünf Prozent) nur noch ein geringer Anteil der 25- bis 29-Jährigen im Elternhaus wohnt, ist der prozentuale Anteil derer, die in diesem Alter noch zu Hause wohnen, in Griechenland (47 Prozent, 68 Prozent), Italien (53 Prozent, 71 Prozent), Spanien (49 Prozent, 62 Prozent) und Portugal (44 Prozent, 60 Prozent) sehr hoch.

Im Norden Europas ziehen junge Menschen früher aus als im Süden

Im Alter von 18 bis 24 Jahren lebt in fast allen EU-Staaten noch mehr als die Hälfte aller jungen Menschen im Elternhaus. In der Altersgruppe der 25- bis und 29-Jährigen dagegen zeigen sich große Unterschiede: Gerade in den südeuropäischen Ländern wohnen noch mehr als 80 Prozent der Altersklasse zu Hause. In Dänemark, Deutschland und Frankreich sind demgegenüber viele junge Menschen in diesem Alter bereits zu Hause ausgezogen. Einen Sonderfall bildet Irland: Hier ziehen viele junge Menschen im Alter von 25 bis 29 Jahren wieder ins Elternhaus, nachdem sie bereits ausgezogen waren (Daten von 2005, Datengrundlage: European Commission (2008): The life of women and men in Europe).

Wo junge Männer spät das Elternhaus verlassen, gibt es oft weniger Nachwuchs

Das lange Ausharren in den vier Wänden der Eltern hat vermutlich weit reichende Folgen: Gerade junge Männer, die generell länger zuhause wohnen bleiben, erfahren so wenig Motivation selbstständig zu werden und eigenverantwortlich zu handeln. Sie scheuen sich womöglich auch davor, die ultimative Verantwortung im Leben zu übernehmen, nämlich eine eigene Familie zu begründen. Tatsächlich lässt sich die niedrige Geburtenrate in manchen europäischen Ländern in Zusammenhang damit bringen, dass viele Männer erst spät einen eigenen Haushalt gründen. So ist in Ländern mit einem hohen das Auszugsalter, wie in Italien, Spanien oder Portugal die Fertilitätsrate generell niedrig. Umgekehrt ist es in Ländern, wo die Söhne recht früh ausziehen: Dort ist die Geburtenrate europaweit überwiegend hoch. In Italien werden die Nesthocker als "Mammoni" (große Muttersöhnchen) bezeichnet. Diese sind für Frauen, die nach einer Beziehung streben, in der beide Partner Verantwortung übernehmen, möglicherweise wenig attraktiv - schon gar nicht, wenn es auch darum geht, gemeinsam Kinder groß zu ziehen (vgl. Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2008): Die demografische Zukunft von Europa).

Deutschland sticht aus diesem Trend heraus: Zwar ziehen die jungen Männer vergleichsweise früh aus, aber das schlägt sich nicht in der Geburtenrate nieder. Die langen Ausbildungszeiten, der späte Berufseinstieg und vor allem die mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie führen hierzulande offensichtlich dazu, dass junge Menschen den Kinderwunsch aufschieben.

Senken Nesthocker die Geburtenrate?

Je länger junge Männer zuhause wohnen, desto niedriger ist tendenziell die Fertilitätsrate in den entsprechenden Ländern. Deutschland und Österreich stechen als Ausnahme heraus: Hier ziehen die jungen Männer im europaweiten Vergleich recht früh aus dem Elternhaus aus, aber die Fertilitätsrate liegt trotzdem niedrig (Daten von 2005, keine Daten für Schweden und Irland; Datengrundlage: European Commission (2008): The life of women and men in Europe).

Literatur / Links

Bendit, René / Hein, Kerstin (2003): Internationale Studie "Families and Transitions in Europe" (FATE).

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2008): Die demografische Zukunft von Europa. Wie sich die Regionen verändern. Berlin.

European Commission (2006): The social situation in the European Union 2005-2006. Luxembourg.

European Commission (2008): The life of women and men in Europe - a statistical portrait. Luxembourg.

Office for National Statistics (2009): Population Trends 138 - Winter 2009.

Papastefanou, Christiane (2003): "Nesthocker-Familien" - zwischen Solidarität und Symbiose.

 

   
     
 

Wie unterschiedlich Eltern sein können
Die Lebensformen von Familien verändern sich - aber alte Vorstellungen wirken fort

Keine Mutter ist wie die andere, kein Vater wie der andere. Alle Eltern leben verschiedene Leben. Als Eltern kommen ihnen bestimmte gemeinsame Funktionen zu, die sie aber unterschiedlich erfüllen. Wie, wird immerzu neu ausgehandelt - von Müttern und Vätern, Kindern und Großeltern, in Schule und Beruf. Die Rahmenbedingungen dafür ändern sich ständig. Die Medien spiegeln diese Entwicklung: Sie zeigen heute mehr Vielfalt in den möglichen Formen von Elternschaft. Wie Menschen ihr Leben mit Kindern führen, was sie über die gesellschaftlichen Zusammenhänge denken und wie wiederum die Medien die Vielfalt gelebter Formen von Mutter- und Vaterschaft darstellen, das untersucht der vorliegende Sammelband.

Die einzelnen Beiträge sind ursprünglich für eine internationale Konferenz in Hannover erarbeitet und dort vorgetragen worden. Die Herausgeberinnen Paula Villa und Barbara Thiessen haben die Artikel in vier Kapiteln gebündelt und jedem - wie auch dem Buch insgesamt - jeweils eine kurze Einleitung vorangestellt. Das erlaubt es den Leserinnen und Lesern, sich schnell einen Überblick über die zentralen Inhalte zu verschaffen. Hier soll nur exemplarisch auf einige Artikel und ihre zentralen Ergebnisse hingewiesen werden, aber wer den Band zur Hand nimmt, sollte sich keine der Analysen entgehen lassen.

Das Private ist politisch

Das erste Kapitel enthält für den Band grundlegende gesellschaftspolitische Überlegungen. Raewyn Connell zeigt in ihrem Beitrag "The neoliberal parent", wie der Neoliberalismus die Vorstellungen von Geschlechterrollen und -beziehungen verändert hat. So hat die gesellschaftliche Umgestaltung im Zeichen des freien Marktes die männliche Vorherrschaft in der Familie vielerorts in Frage gestellt, weil sich Frauen häufiger und in verschiedeneren Berufen verwirklichen als früher. Die gesellschaftliche Hierarchie zwischen den Geschlechtern ist dabei jedoch nicht verschwunden, was sich daran zeigt, dass Frauen in den Führungsetagen kaum vertreten sind.

Die Macht des Ökonomischen beeinflusst auch die sozialen Muster von Mutter- und Vaterschaft. Diese unterscheiden sich je nachdem, zu welcher sozialen Klasse die Eltern gehören und wo auf der Welt sie leben, wie Connell anhand einer genaueren Untersuchung in Chile verdeutlicht. Sehr aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang auch der Beitrag von Ulrike Popp, die analysiert, welche Widersprüche zwischen dem immer noch existierenden familiären Leitbild eines väterlichen Ernährers und einer fürsorgenden Mutter als Hausfrau in Österreich und einer modernen Gesellschaft bestehen, in der auch die Frau erwerbstätig sein kann und Kinder ganztags betreut werden. Popp liefert den Nachweis dafür, wie sehr einstige Geschlechternormen immer noch unbewusst wirken.

Wer beeinflusst wie, worüber gesprochen wird?

Gleich mehrere Autorinnen untersuchen die Debatte um die ehemalige Fernsehmoderatorin Eva Herman. Die Auseinandersetzung zählt längst zum Kanon der von der Geschlechterforschung untersuchten Medienereignisse: Heike Kahlert arbeitet die Widersprüchlichkeiten in Hermans Buch "Das Eva-Prinzip" (2006) und anderen Sachpublikationen von Angehörigen der kulturellen Elite heraus. Sie alle stellen den Geburtenrückgang in den meisten Ländern Europas mit den sich wandelnden Geschlechterrollen in einen Zusammenhang und inszenieren ihn als Bedrohung, ohne die tatsächliche Komplexität des demografischen Wandels auf der Basis wissenschaftlicher Erklärungsmodelle offen zu legen. Kahlert entlarvt, wie die Autorinnen und Autoren jeweils biologistische Argumentationen und damit unvereinbare konstruktivistische Erkenntnisse vermischen, um daraus ihre politischen Forderungen abzuleiten.

Die Strategien der medialen Inszenierung von Eva Hermans Thesen und die Folgen für das Sprechen über und die Bedeutung von Elternschaft zeichnen Elisabeth Klaus und Martina Thiele nach. Ihr Fazit: Indem konservative Publizistinnen und Publizisten ihre Auffassungen in verschiedenen Medien verbreiten und so tun, "als sprächen sie nur das aus, was 'die schweigende Mehrheit' denkt", "erweitern sie [...] das Spektrum des öffentlich Sagbaren zu fundamentalistischen Positionen". Positionen, die auf komplexen geschlechtertheoretischen Annahmen und/oder gesellschaftskritischen feministischen Analysen beruhen, erreichen die Öffentlichkeit sehr viel weniger, kritisieren die Autorinnen. Leider lassen sie offen, woran das liegen könnte und wie das zu ändern wäre - leicht ist diese Aufgabe bestimmt nicht.

Elternschaft verändert sich weiterhin

Im zweiten Kapitel beschreibt Karin Flaakes Beitrag, wie die "neuen Väter" Geschlechterbilder beeinflussen und von ihnen beeinflusst sind. Und sie zeigt, wie sehr sich die entsprechenden Eltern mit dieser neuen Rollenverteilung auseinandersetzen müssen, um Konflikte mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld auszustehen. Dasselbe gilt für gleichgeschlechtliche Paarbeziehungen und ihre Kinder, wie Doreen Kruppa deutlich macht: Gleichberechtigte Arbeitsteilung muss ausgehandelt werden, und die Tendenz dazu, dass eine der Partnerinnen oder einer der Partner das Geld verdient und die beziehungsweise der andere zu Hause bleibt und sich um die Kinder kümmert, ist groß. Die Vorgaben belasten die sogenannten "Regenbogenfamilien" und werten sie gegenüber heterosexuellen Eltern und deren Kindern ab. In heterosexuellen Beziehungen dagegen geht die Erweiterung der Rollen vor allem mit dem Verlust von Sicherheit einher, die durch die scheinbare Naturgegebenheit der traditionellen Rollen von Mutterschaft und Vaterschaft gewährleistet war. Dies muss von einem Elternpaar bewältigt werden, etwa wenn der Mann sich für die Inanspruchnahme der Elternzeit am Arbeitsplatz rechtfertigen muss und dies auch für ihn eine Bedrohung der Karrieremöglichkeiten bedeutet - eine Erfahrung, die für die Frau weniger überraschend sein dürfte.

Die Beiträge in den beiden letzten Kapiteln belegen, dass ein zunehmendes Aufbrechen der bestehenden Rollenbilder zu beobachten ist. Mehr Möglichkeiten zu erobern, bleibt aber weitgehend ein individuelles Projekt. Es ist nicht nur gebunden an Geschlechterrollen, sondern auch an die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Milieu oder einer Ethnie. Einzelne Vorreiterinnen haben die Gleichstellung bereits vorangebracht, das macht Hoffnung - und auch einzelne Vorreiter haben ihren Beitrag geleistet und finden Nachahmer.

Das Buch ist für einen wissenschaftlichen Sammelband erfreulich eingängig geschrieben und unbedingt lesenswert. Es ist den darin versammelten Erkenntnissen zu wünschen, dass sie den akademischen Elfenbeinturm verlassen und über andere Medien die Mitte der Gesellschaft erreichen, um dort ihre politische Wirkung zu entfalten. Nur so lässt sich eine freie Wahl zwischen vielen Lebensmodellen ermöglichen. Voraussetzung dafür ist die Anerkennung dieses Ziels.

Paula Villa, Barbara Thiessen (Hg.): Mütter - Väter: Diskurse, Medien, Praxen. Forum Frauen- und Geschlechterforschung. Schriftenreihe der Sektion Frauen- und Geschlechterforschung in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Band 24. Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot 2009. 341 Seiten, ISBN 978-3-89691-224-4, 34,90 Euro

 

   
 

 

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